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Full text of "Die Art der Ansidelung der Siebenbürger Sachsen: Volksstatistik der Siebenbürger Sachsen"

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SCHUNGEN 

UR DEUTSCHEN 

UND VOLKSKUNDE 



ION Fun WISSENSCHAFTLICHE 
DE VON DEUTSCIILANI) 




o 



FORSCHUNGEN 



ZUB DEUTSCHEN 



LANDES- UND VOLKSKUNDE 



IM AUFTRAGE DER 



CENTRALKOMMISSTON FÜR WISSENSCHAFTLICHE 
LANDESKUNDE VON DEUTSCHLAND 



HERAUSGEGEBEN VON 



D« A. KIRCHHQFF. 

PROFESSOR DKR ERDKUNDE AN DER UNIVERSITÄT ZU HALLE. 



NEUNTER BAND. 

MIT 4 KARTEN, 3 TAFELN UND 5 TEXTlLLÜSTRATIüNKN. 



•• ••^fe^j^^««»- 



STUTTGART. 
VERLAG VON J. ENGELHORN. 

1896. 



Druck der Union Deutsche Verlagsgesellsohaft in Stuttgart. 



Die Art der Ansiedelung der Siebenbürger 

Sachsen. 



Von 



Dr. Fr. Teutsch. 



Vorwort. 



Die folgende Skizze will Grundstriche zu einer Siedelungskunde 
der Siebenbürger Sachsen geben. Sie sucht die zahlreichen kleinen 
Ergebnisse der Forschung zu einem Gesamtbild zu vereinigen, ohne 
die Einzelheiten in den Noten alle anzuführen; sie möchte ein sicheres 
allgemeines Bild geben, um die Grundlage zu weiterer Detailforschung 
zu bieten. Denn diese muss in ausgiebiger Weise noch pflügen und 
graben, um die Kenntnis dieser wichtigen Frage zu einer völlig 
befriedigenden zu machen. Sie wird es leichter können , wenn diese 
Grundlinien einen Rahmen für die weitere Forschung abgeben. Zur 
Feststellung der Einzelgruppen der Ansiedelungen, des Zusammen- 
hangs einzelner Dörfer miteinander ist die Dialektforschung wesent- 
liche Dienste zu leisten berufen. Im Verein mit der urkundlichen 
Forschung wird es gelingen, sichere Ergebnisse zu gewinnen, die 
heute nur für einen Teil der Ansiedelungen noch vorhanden sind. 

Der Leser wird erkennen, dass ich absichtlich jeden Nebenpfad 
vermieden habe und dass ich, wieder absichtlich, dem Vergleich mit 
anderen Ansiedelungsverhältnissen ebenso aus dem Weg gegangen 
bin als Vergleichen der sächsischen Zustände mit fränkischen Ein- 
richtungen. Beides wird am Platz sein, wenn wir hier erst mehr ins 
Detail gegangen sind und über einige weitere Ergebnisse verfügen 
werden. 

An die Spitze der anspruchslosen Skizze aber muss ich den 
Ausdruck der Trauer um den verlorenen Freund stellen, Joh. WolfF, 
gest. 30. Dez. 1893, den wir bei der Neuaufnahme gerade dieser Ar- 
beiten schmerzlich vermissen. Ist er doch für die Dialektforschung, 
für Feststellung von Sitte und Sage, besonders auch für die Agrar- 
verfassungskunde derjenige gewesen, der bisher am tiefsten gegraben, 
immer wieder mit neuer Anregung unsere Wissenschaft hob und förderte 
und die meisten Schätze gefunden. Auch das Folgende legt Zeugnis 
dafür ab. So sei es mit ein Stein zu seinem Andenken! 



Litteratur. 

(t. D. Teutsch und Fr. Firnhaber: Urkundenbuch zur Geschichte Sieben- 
bürgens. Wien 1857. 

(t. D. Ten t ach: Geschichte der Siebenbürger Sachsen. 2. Aufl. Leipzig 1874. 

Zimmermann und Werner: Urkundenbuch zur Geschichte der Deutschen 
. in Siebenbürgen, I, 1192—1342. Hermannstadt 1892. 

Joh. Wolff: Die deutschen Dorfsnamen in Siebenbürgen. Eine sprachliche 
und geschichtliche Untersuchung. (Mühlbächer Gymnasialprogramm, auch 
selbständig.) 1881. 

Joh. Wolff: Deutsche Dorf- und Stadtnamen in Siebenbürgen. Ebenda 1891. 

Joh. Wolff: Beiträge zur siebenb. -deutschen Agrargeschichte. Ebenda 1885. 

Joh. Wolff: Unser Haus und Hof. Kulturgeschichtliche Studien aus Sieben- 
bürgen. Kronstadt 1882. 

Fr. Teutsch: Beiträge zur alten Geschichte des Schenker Stuhls und der 
Markgenossenschaft im Sachsenlande. In: Archiv des Vereins für siebenb. 
Landeskunde (Vereinsarchiv citiert) 17, 526. 

Fr. Teutsch: Joh. Latinus. Ein Beitrag zur Kenntnis der vorandreanischen 
Zustände. Im Programm des evangel. Landeskirchenseminars. Hermann- 
stadt 1893. 

Archiv des Vereins für siebenbürgische Landeskunde. Neue Folge. 24 Bände, 
1 850 — 1 894. (Vereins archi v.) 

Korrespondenzblatt des Vereins für siebenb. Landeskunde. 1878 — 1894. 
17 Jahrgänge. 

J. C. Schuller: Umrisse und kritische Studien zur Geschichte von Sieben- 
bürgen. 3 Hefte, 1840—1872. 

Dr. 0. V. Meltzl: Statistik der süchs. Landbevölkerung im Vereinsarohiv 20. 



Die Art der Ansiedelung der SiebenbUrger Sachsen. 

I. 

Es ist für die Arbeit eines Volks, damit für die ganze Ent- 
wickelung desselben von lang nachwirkender Bedeutung, in welcher 
Weise es von seinen Wohnsitzen Besitz genommen. Es wird einen 
Unterschied machen, der sich bis zu Brauch und Sitte, Mundart und 
Recht verfolgen, kurz im Wesen und Charakter nachweisen lässt, 
ob die Stammväter eines Volks einst als Eroberer in ein Land ein- 
gezogen und über einer unterworfenen Urbevölkerung ihre Herrschaft 
aufrichteten oder als friedliche Bauern, die herrenloses Gut in Besitz 
nahmen, den Wald rodeten und sich die Heimat erpflügten oder als 
Händler mit den Warenballen vom fremden Volk erwünschtes Gut 
eintauschten, ob ganze Gemeinden, ob grössere Gemeinschaften zu- 
sammen sich niederliessen oder der einzelne in die Wildnis eindrang, 
dem Wald den Besitz streitig zu machen und sich die Bedingungen 
des Daseins zu sichern. 

Hier soll der Versuch gemacht werden, die Frage nach der Art 
und Weise der Ansiedelungen der Siebenbürger Sachsen kurz zu be- 
antworten. 

Zunächst wird es den Weg bahnen, kurz sich zu vergegen- 
wärtigen, wie das Land aussah, in das sie kamen. 

Im Osten von Siebenbürgen, dem Seklerland, wohnten zur Zeit 
der Sachseneinwanderung (Mitte des 12. Jahrhunderts) schon die Sekler, 
ein magyarischer Volksstamm, der auch heute noch dort wohnt. Im 
Westen und Norden sass an den Ufern des Mieresch (Marosch) und 
des Szamosch eine von Ungarn eingewanderte dünne magyarische Be- 
völkerung, die seit Stephan dem Heiligen (f 1038), mehr noch seit 
Ladislaus dem Heiligen (f 1095), besonders im Anschluss an das 
Weissenburger Bistum, allmählich nach Siebenbürgen wanderte und 
ausserdem dürften einige Bergwerksorte kleine Gemeinden gehabt 
haben; die Rumänen waren damals noch nicht im Lande ^). Insbesonders 

*) Trotz einiger Einschränkungen ist doch das Ergebnis der Rösl ersehen 
Untersuchungen im grossen und ganzen unwiderlegbar geblieben: R. R Osler, 
Rumänische Studien. Leipzig 1875. 



8 Friedrich Teutsch, [8 

ist die ganze Mitte des Landes unbewohnt gewesen, jedenfalls nicht 
von einer sesshaften Bevölkerung besetzt gewesen, ausgenommen einige 
magyarische Siedlungen. Dagegen zwingen slawische Berg- und Fluss- 
nanien, die heute noch vorhanden sind, eine streifende slawische Be- 
völkerung anzunehmen, die jene Namen den neuen Einwanderern ver- 
mittelte. 

Im übrigen war das Land hauptsächlich mit Wald bedeckt. Die 
Propstei Demesch erhielt von ihren Besitzungen in Siebenbürgen noch 
1138 jährlich 12 Marderfelle, 100 Lederriemen, 1 Bärenfell und 
1 Auerochsenhorn ^). Den schlagendsten Beweis für jene Ansicht, dass 
das Sachsenland zur Zeit der ersten Besiedelung ein grosses mächtiges 
Waldgebiet gewesen sein müsse, giebt die Thatsache, dass „unter den 
sächsischen Feldnamen die Waldnamen die zahlreichsten sind**. Wenn 
heute auf Aeckern und Wiesen uns Namen, zusammengesetzt mit Holz, 
Hart, Loch, Strut, Hurst, Wite, Hagen u. s. f.^), entgegentreten, so 
klingt drin die Waldwildnis nach, in die die Einwanderer einzogen 
und der harte Kampf, in dem sie aus dem Waldland Kulturland ge- 
schaffen haben. 

Die Frage, woher die Sachsen nach Siebenbürgen eingewandert 
sind, kann heute als gelöst angesehen werden: es sind Rheinfranken 
(Mittelfranken) aus dem Gebiet, das etwa in den Grenzen Düsseldorf 
bis an die Lahn und Oberwesel- Aachen, einschliesslich Luxemburgs 
und dem Norden von Deutsch-Lothringen eingeschlossen ist*). Auch 
die Einwanderungszeit ist im grossen bestimmt, unter der Regierung 
des Königs Geisa IL 1141—61. 

Wir haben drei grössere Gruppen zu unterscheiden : die Bistritzer 
(Nösner), Hermannstädter und Kronstädter (Burzenländer) Gruppe. Die 
letztere ist eine Ansiedelung des Deutschen Ritterordens 1211 — 25 und 
fällt unter einen besonderen Gesichtspunkt; die Bistritzer Gruppe ist 
vielleicht vorgeisanisch , obwohl ein voller Beweis nicht vorliegt, die 
Hermannstädter fällt jedenfalls unter Geisas Regierung. 
Wie ist nun diese Einwanderung erfolgt? 

Vocati a piissimo rege Geisa heisst es von den Einwanderern im 
Andreanischen Freibrief*). Man hat hin und wieder an dieser Be- 
rufung Anstoss genommen, wie ich glaube mit Unrecht. Es liegen ander- 
wärts Parallelen vor, die ein Licht auf diese Art der Hereinberufung 
werfen. Schon G. D. Teutsch macht in der Sachsengeschichte*) dar- 
auf aufmerksam, dass die Stelle aus Helmolds Wendenchronik wie ein 
Bild aus Siebenbürgen gebe: »weil aber das Land Wagrien öde war. 



^) G. D. Teutsch und Firnhaber: ürkundenbucb zur Geschichte Sieben- 
bürgens. Wien 1857, I, S. XIV. 

^ J. Wolff im Korrespondenzblatt 1884, S. 85, und im Mühlbächer 
Gymnasialprogramm 1885, S. 25. 

') Dr. G. Keintzel: lieber die Herkunft der Siebenbürger Sachsen. 
Bistritzer Gymnasialprogramm 1887. Dort auch die reiche Litteratur über die 
vielhehandelte Frage. 

*) Fideles nostri Theutonici ültrasilvani . . . quod penitus a sua libeiiate 
qua Yocati fuerant a piissimo rege Geisa avo nostro, excidissent. 1224. Zimmer- 
mann-Werner, Urkundenbuch S. 34. 

^) I. Bd., S. 20. 



9] Die Art der Ansiedelung der Siebenbürger Sachsen. 9 

sandte Graf Adolf von Holstein Boten in alle Gegenden, nach Flandern 
lind Holland, nach Utrecht, nach Westphalen, nach Friesland, damit, 
wer immer dort Mangel an Weide oder Ackerland habe, komme mit 
seinem Hausgesinde, um das beste Land zu empfangen, geräumiges 
Land, reich an Früchten, mit Ueberfluss an Fisch und Fleisch und 
geeignet zur Zucht der Herden. Auf diese Rede erhob sich eine 
zahllose Menge von verschiedenen Stämmen und sie nahmen ihr Haus- 
gesinde mit ihrem Vermögen mit sich und kamen in das Land Wagrien 
zum Grafen Adolf und nahmen das Land in Besitz, das er ihnen ver- 
sprochen hatte." »Und nahmen das Land in Besitz/ Wir möchten 
gern uns vergegenwärtigen, wie es geschehen ist. 

Dass ein Gebiet von ca. 120 Quadratmeilen nicht auf einmal 
besetzt worden ist, das liess sich von vorne herein annehmen. Aber 
wir können es auch nachweisen, dass wir eine gruppenweise Ansiedelung 
anzunehmen haben, und zwar nicht nur die oben angedeuteten grossen 
Gruppen, sondern auch innerhalb der Hermannstädter Provinz. Aus 
den Urkunden treten uns solcher Gruppen mehrere entgegen: 

Die Dörfer Karako, Chrapundorph und Bams werden 1206 als 
primi hospites regni bezeichnet ^) ; Winz und Borberek (Burgberg) 
erscheinen gleichfalls als eine Einheit^); 1192 — 1190 wurden die 
„früheren Flandrer" von späteren unterschieden und nur das Land 
soll zur Hermannstädter Propstei gehören, welches König Geisa „den 
früheren Flandrern" zugewiesen *) — es sind die Gruppen Hermann- 
stadt, Leschkirch, Schenk. 

Damit ergiebt sich dann von selbst als weitere Gruppe -einer- 
seits der nUnterwald', westlich von Hermannstadt gelegen, dann 
Schässburg-Reps und die II Stühle (Mediasch-Schelk), von denen Schelk 
1322 eine nova plantatio*^ ^) genannt wird und die selbst wieder aus 
einer grösseren Anzahl kleinerer^) Gruppen erwachsen sind. Dazu 
kommen die nicht auf „Sachsenboden'' liegenden, ehemals unterthänigen 
Gemeinden des Komitatsbodens, die wieder unter sich in viele Einzel- 
gruppen zerfallen. 

Es soll hier nicht weiter ins Einzelne gegangen werden ; für den 
weiterstehenden Leser und Forscher mag das Gesagte genügen, um 
die Behauptung zu beweisen, dass wir eine gruppenweise Ansiedelungs- 
art vor uns haben. Es wird Aufgabe der Spezialforschung sein, im Ein- 
zelnen den Nachweis zu führen, welche Gemeinden innerhalb der grösseren 
Gruppen wieder eine kleinere Gruppe bilden; sie sind von verschiedener 
Grösse, zuweilen 2 — 3 Gemeinden umfassend, zuweilen mehr. Vor 
allem sind die Erstansiedelungen zu unterscheiden von den sekundären, 
die eine Innerkolonisation von den wachsenden Gemeinden durch Aus- 
bau in die nichtbesetzten Teile der Mark geschaffen wurden. Es 



^) Zimmermann- Werner S. 10. 

») Ebenda S. 77. 

') Ebenda S. 2: Qui tempore, quo ipsam praeposituram constituimus, in illo 
tantum faabitabant et erant habitaturi deserto, quod Geysarex Flandrensibus prioribus 
concessit. (Der Satz wiederholt sich mehrmals in der Urkunde.) 

*) Ebenda S. 369. Doch ist das nicht wörtlich zu nehmen. 

») KarlWerner: Vereinsarchiv 12, S. 285, und Dr. R.Theil ebenda 21,8.28:3. 



10 Friedrich Teutsch, [10 

gehören auch dazu nicht nur Einzelgemeinden, sondern ganze Gruppen. 
Doch haben wir hier zunächst jene Erstansiedelungen, die ursprüngliche 
Besitznahme des Landes im Auge. 

Eine solche Gruppe kam nun ins Land herein und erhielt durch 
königliche Vergabung — das Sachsenland war « Königsboden * d. h. es 
hatte sonst niemand Rechte daran und darüber — ein Stück Land zu- 
gewiesen. Die Grenzen sind gewiss höchst unbestimmt gewesen. Es 
war Land in Menge da, eine neue Gruppe fand an der früheren An- 
schluss und Hindernis, im Süden an den Gebirgen, am Alt u. s. f. 
Auch hier aber muss zweierlei unterschieden werden. Der König gab 
innerhalb des späteren Sachsenlandes an solche hereinkommende Gruppen 
Landstrecken zur Besitznahme oder an einzelne. Jene priores Flandrenses 
sind solche Gruppen gewesen, aber wir haben auch Beispiele für Einzel- 
verleihungen ^). 

Fassen wir zuerst die Gruppe ins Auge. Auch für sie galt, was 
Tacitus von den Einzelansiedelungen der Germanen sagt, sie liessen 
sich nieder: ut fons, ut campus, ut nemus placuit; die natürlichen^ 
Lebensbedingungen, zu denen vor allem das Wasser gehört, waren 
massgebend für die Niederlassung. Waren die Gruppen grösser, so 
teilten sie sich sofort in mehrere Gemeinden (Dörfer), gewiss blieben 
die Verwandten zusammen in einem Haufen. 

Das zweite wichtige Moment also ist: Die Ansiedelung erfolgte 
dorfweise. Nicht der einzelne ist in die Wijdnis vorgedrungen und 
hat sich seine Farm erobert, sondern eine Anzahl Familien hat von 
Anfang an das Dorf gegründet. 

Die Ursachen für diese Art der Ansiedelung sind unschwer zu 
erkennen. Der Kampf mit der Natur, mit Tieren und Menschen bot 
allein dann Aussicht auf Erfolg, wenn er nicht vereinzelt, sondern von 
der Gesamtheit aufgenommen wurde. Und noch eins kam hinzu. Wir 
dürfen nach allem, was wir über die Ansiedelung der Sachsen wissen, 
nicht daran zweifeln, dass die ganze Kolonisation zugleich den Zweck 
hatte, die Grenzen des Landes zu schützen ^). Das ging nicht , wenn 
jeder vereinzelt seinen Wohnsitz aufschlug. 

Mit der dorfweisen Ansiedelung aber war sofort die Notwendig-* 
keit gegeben, Ordnungen für die Gemeinschaft des Lebens zu schaffen; 
sie haben bis zum Augenblick nachgewirkt. Der Grundgedanke war: 
nicht der einzelne hatte Eigentum und Rechte erhalten, sondern die 
Gemeinschaft, die Gesamtheit. Die gleiche Behandlung aller, die 
Gleichheit und Gleichberechtigung jedes Genossen ist charakteristisch 
und jene Gleichheit ist geradezu grossartig durchgeführt worden. 

Es mag noch einmal darauf hingewiesen werden, dass es sich 



') 1206 verleiht K. Andreas II. dem Job. Latinus terram quandam nomine 
Cwezfey pristaldo infideli nostro Andrea filio Theutonici Martin de Villa Vratotua 
hereditario jure pertinentem. Die ursprüngliche Verleihung war also an den deut- 
schen Martin von Vratotus geschehen. Nachdem sie seinem Sohn wegen Infidelität 
genommen, verleiht der König das Land neuerdings an Joh. Latinus. Zimmer- 
mann-Werner S. 8; Teutsch: Joh. Latinus. 

*) G. D. Teutsch: Sachsengeschichte I, S. 15, 17. Gust. Seiwert im 
Sächsischen Hausfreund 1874. Vgl. auch Vereinsarchiv 13, S. 398. 



11] Die Art der Ansiedelung der Siebenbürger Sachsen. H 

um unbewohntes Land (desertum) handelt, wo keine ortsansässige 
Bevölkerung zu Hörigen zu machen war. 

Zunächst erhielt jeder die Hofstelle im Dorf angewiesen. Sie ist 
für jeden gleich gross gewesen. Noch heute ist's im sächsichen Dorf 
erkennbar, dass sie einst gleich waren, nicht in jeder Gemeinde wie 
in der anderen, hier breiter dort schmaler, aber gleich gross in der- 
selben Gemeinde und so berechnet, dass Wohn- und Wirtschafts- 
gebäude Platz fänden und ein Garten daran sich anschloss. 

Der »Hof* ist die Hauptsache gewesen, an ihm hing die Be- 
rechtigung auf dem Weichbild, wie in der Sprache der »Hof* das 
Haus an Bedeutung tiberragt. Der Bauer heiratet auf einen »Hof** 
nicht in ein Haus, kennt nur den „Pfarrhof** nicht das Pfarrhaus, 
wie den Edelhof u. s. f. Der »Hof* gehört dem Besitzer zu erb- 
eigenem Besitz, er mag ihn verkaufen (natürlich nur an einen Volks- 
genossen, d. h. an Deutsche — auch auswärtige), — wenn er will, 
aber in diesem Fall verliert er auch sein Recht in der Gemeinde, das 
auf den neuen Besitzer übergeht. Es ist aber bezeichnend, die Ge- 
meinde, die Gemeinschaft ist oberster Eigentümer auch des Hofes. 
Lässt der Besitzer ihn verfallen, „wüst* wie der Ausdruck lautet, 
so fällt er an die Gemeinde zurück. Noch 1715 beschliesst der Lesch- 
kircher Stuhl, „es sei in Ansehung derer wüst gelassenen Hofstellen . . . 
in fundo regio in denen sächsischen Orten bis dato gebräuchlich ge- 
wesen, dass die wüsten Höfe nicht erblich bleiben, sondern sobald 
solche wüst werden, abermal dem Dorf als freie Erde folgsam sein 
müssen*. Nur das Gebäu soll „dem durchgegangenen Possessor oder 
seinen Erben anheimfallen* ^). Ebenso fällt der Hof erbenlos Ver- 
storbener an die Gemeinde ^). Und so ist es überall im Sachsenland 
gewesen. 

Der bebaute und bewohnte Hof im Dorf aber gab nun dem 
Besitzer die Gleichberechtigung, die Berechtigung überhaupt, damit 
auch das Recht auf Benutzung des Grundes und Bodens, der der 
Gemeinde gehörte**). Der Grundsatz ist: der gesamte Grund und 
Boden ist gemeinsames Eigentum. Der grössere Teil des gesamten 
Weichbildes blieb ungeteilte Feldmark. Es ist wichtig, festzustellen, 
was in ungeteiltem Besitz und in ungeteilter Nutzung blieb. 

Zunächst Wald und Wasser. Im Andreanum von 1224 heisst 
es: silvam vero cum omnibus appendiciis suis et aquarum usus cum 
suis meatibus, quae ad solius regis spectant donationem, omnibus tam 
pauperibus quam divitibus libere concedimus exercendos *), und genau 
dieselbe Bestimmung „die Wälder aber und Gewässer, sowie die 



Job. Wolff: Haus und Hof, S. 10. 

*) Im Statutarrecht von 1583, H, 2, § 13 : Intestatoruin res, qui ßine legitimo 
haerede vel a qualibet sanguinis linea conjunctis discesserint, reipublicae rationibus 
vindicentur. Für Hermannstadt bestätigte dieses König Matthias 1470 als alte 
«.Tewohnbeit. 

') In Mühlbach wurde 1782 beschlossen: Wer 2 Häuser besitze, habe Recht 
auf ^2 Gras-Hausteilungen". Korreapondenzblatt 1885, S. 10. 1698 wurde in 
Hennannstadt die Bestimmung erneuert, womach das Haus Gewähr und Bedingung 
des Bürgerrechts. Ebenda 1892, S. 90. 

*) Zimmermann-Werner S. 35. 



12 Friedrich Teutech, [12 

Fischteiche sollen sie gemeinschaftlich benutzen", enthält das Privileg 
der Burzenländer von 1353 und 1428 ^). Es ist nicht nur hiernach 
sondern nach allem, was wir wissen, kein Zweifel, dass es an Wald 
und Wasser im Sachsenland ein Privateigentum nicht gab. In Bezug 
auf den Wald ist das jetzt noch der Fall. Der grosse Waldbesitz 
auf Sachsenboden ist ausschliesslich Gemeindebesitz und einen Privat- 
wald giebt es dort nicht ^). Unter die Appendiciis des Waldes gehört 
u. a. die Jagd (Fischfang), die Weide im Wald, die verschiedenen 
anderen Nutzungen, die er gewährt. Es liegt ein gut Stück Kultur- 
geschichte in der Geschichte der Nutzung des Waldes. Es soll hier 
nicht ausgeführt werden, wie ursprünglich das Niederbrennen und 
Abhauen des Waldes ein Verdienst, später erlaubt, dann eingeschränkt 
und zuletzt verboten wurde; unsere Ortskonstitutionen sind voll von 
Beschlüssen in dieser Richtung^). 

Zur ungeteilten Feldmark gehört weiter die Weide. Auch hier 
braucht nur darauf hingewiesen zu werden, dass die Weide bis zur 
Gegenwart im Besitz der Gemeinde geblieben ist. Fast ein Viertel des 
gesamten produktiven Bodens im Sachsenland ist noch ungeteilte Hut- 
weide. Das Weiderecht erstreckt sich auf die ganze unverteilte Mark; 
es soll davon später noch die Rede sein. Die Benutzung der Weide 
stand jedem nach Belieben frei; es finden sich bis in die neueste Zeit 
keine Einschränkungen dafür, wie viel Vieh z. B. ein Wirt auf die 
Weide treiben durfte, jeder so viel als er hatte; im Andreanischen Frei- 
brief fand gerade diese Auffassung ihre Stütze. 

Zur ungeteilten Feldmark gehörten ursprünglich zweifellos auch 
die Wiesen. Es lässt sich schwer sagen, wann der Uebergang in 
das Privateigentum stattgefunden ; im 14. Jahrhundert finden sich auf 
Hermannstädter Gemarkung Privatwiesen. Dem gegenüber steht aber 
die Thatsache fest, dass in vielen sächsischen Gemeinden bis vor 
kurzem die Zahl und Ausdehnung der Privatwiesen gering, die der 
Loswiesen (auch Zehntschafts- und Hausgesellschaftswiesen genannt), 
gross war. Als 1773 Kaiser Joseph H. auf seiner ersten Reise durch 
. Siebenbürgen sich nach den Gemeingründen in den sächsischen Ge- 
meinden erkundigte, wurde ihm zur Antwort: „Sie werden unter den 
Sachsen und Wallachen aufgeteilt und von denselben angebaut und 
genutzet, ausser den Wiesen, von welchen ein Teil auf gemeine 
Necessitäten der Ortschaften gemäht werden.** Und auf die weitere 
Frage des Kaisers, ob sie alle Jahre aufgeteilt werden, antwortet der 
Gefragte: „Verschiedentlich. In einigen Ortschaften alle Jahre, in 
einigen alle drei Jahre, in einigen auch länger.* Mit Nutzniessung 
auf den Gemeinwiesen wurden u. a. auch die Dienste der Beamten 
bezahlt, wir haben aus alter und neuer Zeit die Hannen wiesen und 
ähnliche Benennungen und Gewanne. 

Aber auch das Erwähnte, dass in nicht wenig Gemeinden die 
Privatwiesen gering waren, bestätigt die Annahme, dass die Wiesen 

') Wolff: Affrargesch. Beiträge S. 28. 

^ Meltzl: Statistik der sächs. Landbevölkerung im Arch. des Vereins 
f. fiiebenb. Landeskunde 20, S. 330 ff. 

*) Korrespondenzblatt 1894, S. 97 u. ö. 



13] Die Art der Ansiedelung der Siebenbürger Sachsen. 13 

ursprünglich nicht im Privateigentum gewesen sind. Die Aufteilung 
geschah in der Weise, dass die Wiese in so viele Teile geteilt wurde 
als berechtigte Wirte waren, dann wurden die Stücke unter ihnen 
verlost ^). 

Wie es mit dem Ackerland beschaffen war, das lässt sich so 
kurzweg bei dem gegenwärtigen Stand unserer Forschung nicht 
sagen. Schon aus dem bisherigen dürfte aber der Schluss erlaubt sein, 
dass keinesfalls die Aecker von vorneherein in Privateigentum ge- 
geben worden sind. Eins ist nicht schwer nachzuweisen, dass es 
überall im Sachsenlaud Aecker gegeben hat, die Qesamteigentum 
waren und von der Gemeinde für ihre Zwecke verwertet wurden, oder 
auch an einzelne zur Privatnutzung hinausgegeben wurden. In Mühl- 
bach z. B. war noch nach 1750 der grösste Teil des Hatterts Qe- 
samteigentum und wurde „nach der Art, wie von altersher die Ord- 
nung in den Zinstabellen observiert worden** unter die Einwohner 
verteilt. Ein anderes noch interessanteres Beispiel von 1694 aus dem 
Repser Stuhl lehrt, dass in einer Gemeinde Aecker waren, die man 
agros sortiarios nannte. Diese seien, spricht ein Urteilsspruch jenes 
Jahres, „commune bonum (Gemein-Landt) et non possessionarium 
et non haereditarium, nicht eigenes vätterliges erbschaft**, und es wird 
entschieden: sie seien neu aufzuteilen unter alle, und zwar alle sechs 
Jahre: ut et hanc territorii partem de hinc et modo deinceps inter 
omnes et singulos pauperes et divites, senes et juvenes et in summa 
inter se, qui oneribus gravantur, aequaliter distribuant atque ita de 
eodem unum quemque participem reddant. Et . . . mandat ampl. 
senatus . . . , ut haec dispartitio inter omnes et singulos singnlis sex 
annis fieri debeat ...*). 

Ob es anfangs überhaupt Privateigentum am Ackerland ge- 
geben, ist fraglich. Noch 1651 klagt eine sächsische Gemeinde im 
Schenker Stuhl, Mergeln, dass dort ein Edelmann Vorrechte für sich 
in Anspruch nehme, „er wolle keinen Zins geben, zwemohl soviel aufm 
Uattert in Brauch haben in Wiesen, Ackerland, Wald, Weinbergen, 
wie ein ander Paur** u. s. f. Das deutet nicht auf viel Privateigentum 
hin und die Universität — die oberste Vertretung, zugleich Gerichts- 
instanz im Sachsenland — entschied : wenn der Beklagte nicht- wolle 
„wie andre Sassen Zins geben, gemeinen Beschwernüssen unterworfen 
sein, sollen die ludices Senkenses denselben keines Freitums auffm 
Hattert gemessen lassen** ^). 

Und doch lässt sich nicht nachweisen, dass anfangs kein Privat- 
eigentum ausser dem Hof bestanden habe. Ich möchte annehmen, 
dass die hie und da noch vorhandenen „Hofteile**, wie sie genannt 
wurden, von vorneherein oder jedenfalls früh ins Privateigentum über- 
gegangen sind. Es gab bis vor kurzem in vielen sächsischen Ge- 



*) Wolff: Agrargesch. Beiträge 50. Korrespondenzblatt 1884, S. 110; 
1885, S. 119. Die interessanten Mitteilungen aus Br aller ebenda 1884, S. 93: 
Vor 30 Jahren war die ganze Wiesenerde der Gemeinde nicht im Privateigentum, 
sondern das Gra« wurde verlost. 

') Vereinsarchiv 17, 560. Korrespondenzblatt 1883, S. 89. 

') Vereinsarchiv 17, 563. 



14 Friedrich Teutsch. [14 

meinden — und nachweisbar früher in allen — Grundstöcke, Aecker 
(zuweilen auch Wiesen), die mit dem Hof untrennbar verbunden waren 
und nur zusammen mit dem Hof verkauft werden durften. In einer 
Gemeinde bei Hermannstadt (Thalheim) machten diese Hofteile 
3 — 5 Joch Acker und 4 — 6^/2 Joch Wiesen aus, das ist so viel als 
ein kleiner Wirt für die Erhaltung des Hauses brauchte, vorausgesetzt 
den Anteil an der gemeinen Mark, die ihm Wald, Wasser, Weide 
noch daneben zur Benutzung freigab. Demnach wäre die ursprüng- 
liche Einrichtung die gewesen : mit dem Hof, der jedem einzelnen zu- 
geteilt wurde, erhielt jeder einige Joch Acker (und Wiese?) zugewiesen, 
die nur mit dem Hof in andere Hand kommen konnten, und zugleich 
das Recht auf Anteil an der gemeinen Mark, in der einiges (Wald, 
Weide) ungeteilt jedem zur Nutzniessung stand, anderes (Loserde, Los- 
teile) in gewissen Zwischenräumen jedem zu gleichen Teilen zugewiesen 
wurde. Zu diesen letzteren gehörten auch Aecker und Wiesen; die 
„Erautgärten* sind bis in jüngste Zeit in vielen Gemeinden jährlich 
(oder in Zwischenräumen) aufgeteilt worden. Auf solche, zum Hof 
gehörige Grundstücke möchte ich die Stelle deuten im Erbvertrag 
von 1345: excepto fundo curiae et domibus quondam ipsius Nicolai . . . 
et exceptis terris arabilibus pratis seu foenilibus ad eundem unum 
fundum curiae spectantibus ^). 

Dass Weg und Steg, Sand- und Lehmgruben, Steinbruch und 
Sumpf zur Gemeinen Mark gehört, ist bekannt. 

Aus dem bisher Gesagten dürfte zur Genüge hervorgehen, dass 
die Ansiedelungen hier gruppenweise — dorfweise — erfolgten, und 
dass die Gesamtheit das Land besetzte, nicht der einzelne. Wir haben 
nicht bloss die Markgenossenschaft in der Gemeinde, sondern neben 
dieser auch die Feldgemeinschaft^). 

Daraus folgte, dass diese Gesamtheit Eigentümer des gesamten 
Grundes und Bodens blieb, selbst der bebauten Hofstelle. Das zeigte 
sich dann, wenn der Hof »wüst** wurde, wenn der Acker nicht an- 
gebaut wurde. Der wüste Hof fiel, wie oben schon erwähnt, an die 
Gemeinde zurück, und zwar auch zu einer Zeit, in der es Privat- 
eigentum gab, ebenso der Acker, der nicht bebaut, das Feld, das 
.wüst** liegen blieb ^). 

Die notwendige Folge ergab, dass bei solcher Auffassung der 
einzelne in allem und jedem an den Willen der Gesamtheit gebunden 
war. Soll die Gleichheit des Besitzes, die hier zunächst durchgeführt 
war, aufrecht erhalten werden, so muss die Einzelkraft der Gesamtheit 
sich unterordnen. Die Gesamtheit bestimmte, was in dieses und jenes 



*) Vereinsarchiv 17, 558. Fingerzeige für die Umwandlung der Losteile 
in Privateigentum giebt Georg Schuller im Korrespondenzblatt 1881, S. 73 if. 

2) Vgl. 0. v. M e 1 1 z 1 : Statistik im Vereinsarchiv 20, S. 332. 

^) Statut des Markts Agnetheln 1717: Die Baum Erber, welche bei denen 
wüsten Weingärten stehn, sollen ihren Eigentümern zu gemessen gebühren, doch 
mit dieser expressen Anschaffung, dass sie auch die Weingärten in 3 Jahren wieder 
aufbauen mögen, wenn sie es aber unterlassen würden, so soll alsdann der Grund 
mit den Bäumen dem Markt verfallen sein, doch dass das Obst dem ganzen Markt 
zu ffut möchte angewendet werden. Schuler-Libloy: Materialien zur Siebenb. 
Reditsgeschichte. Hermannstadt 18G2, S. 167. 



15] Die Art der Ansiedelung der Siebenbürger Sachsen. l-') 

Feld zu säen sei, wann man säe, ernte, einführe. Es war eine Ge- 
schlossenheit des Lebens, eine Gemeinschaft aller Lebensordnungen, 
die man heute als unerträglich empfinden würde und allmählich ge- 
sprengt hat, aber sie allein hat das sächsische Volk, das deutsche 
Leben hier erhalten. 

Der Grundgedanke, der gesamte Boden ist Eigentum der Kolo- 
nisten, tritt in allen jenen Lebensordnungen zu Tage. Die Dreifelder- 
wirtschaft ist zum Teil auch ein Ausdruck dafUr. Jedes Jahr liegt 
ein Drittel der baufähigen Fläche brach. Da weidet die Herde auf 
jedem Land, keiner darf es der gemeinschaftlichen Benutzung ent- 
ziehen. Das geht so weit, dass wer am bestimmten Tag seine Ernte 
nicht eingeführt hat, derselben verlustig geht, denn wo einmal das 
Vieh hinkommt, da kann er sie nicht mehr schützen. 

Ich bin nicht in der Lage den unwiderleglichen Beweis zu 
liefern, dass die Nachbarschaften und Zehntschaften in unseren Dörfern 
mit dieser Mark- und Feldgemeinschaft zusammenhängen, aber ich 
habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass der Beweis zu erbringen 
ist, wornach wir in diesen Einrichtungen in ihrer ursprünglichen Form 
wirtschaftliche Organisationen haben, die mit der Markgemeinschaft 
in Zusammenhang stehen. 

Wir verstehen, wie der Sachse für Dorf — er kennt übrigens 
auch dieses Wort — stets den Ausdruck Gemeinde (gemin) gebraucht; 
ist doch eben die Gemeinschaft der Grundtypus desselben. 

So ist denn das Land rings um die Gemeinde, in der der Ein- 
zelne den Hof zugewiesen erhalten hat, bestimmt, ein Teil wird dem 
einzelnen Wirten in Besitz gegeben, in jeder Gewanne ein gleich 
grosser Anteil, das meiste ist gemeinsame Mark. Gerade den That- 
kräftigen aber musste diese locken. Dort lag die Möglichkeit grösseren 
Landbesitz zu erwerben, wenn er den Wald rodete, den Sumpf aus- 
trocknete. Das ist nicht selten geschehen. Aber, es ist festzuhalten, 
Privateigentum erwarb der Betreffende dadurch nicht, nur Privatbesitz, 
solange er dort blieb. Zog er weg, so fiel es an die Gemeinde. So 
entschied die sächsische Universität noch 1557, so 1650 nach dem 
Grundsatz, was auf gemeiner Erde gebauet worden, fällt der Gemeinde 
anheim, wenn der Besitzer fortzieht ^). 

Der Kampf der reicher, mächtiger gewordenen Geschlechter mit 
den anderen konnte natürlich nicht ausbleiben. Er findet sich &üh 
schon in den Erbgräfen. Doch soll dieser Kampf hier nicht verfolgt 
werden. Nur das Eine sei erwähnt, dass die Gemeinde überall, wenn 
auch nicht gleich, den Sieg davon getragen hat und damit die Gleich- 
berechtigung der Genossen in der Gemeinde gerettet wurde. 

n. 

Aber die Ansiedelungen erfolgten nicht nur dorfweise, sondern 
gruppenweise. Und diese Gruppen bildeten unter- und miteinander 

Die Entscheidung Yereinsarchiy 17, S. 559. Eine Ausnahme scheint die 
zu Baumgarten gerodete Erde zu machen, die 1567 zu erhreigen erklärt wird. 
Korrespondenzblatt 1884, 8. 6. 



1(3 Fnedrich TeuUch, [16 

wieder Markgenossenschaften. Was wir hier finden, ist zum Teil ein 
Abbild dessen, was die Einrichtung der Gemeinde dargeboten. Jene 
Markgenossenschaft zeigt sich im gemeinsamen Besitz ganzer Land- 
strecken, in dem Besitz einer Gemeinde auf dem Weichbild einer 
anderen, in den Rechten, die die Gemeinden auf dem gesamten mark- 
genossenschaftlichen Gebiet in Anspruch nehmen konnten. 

An jenes Land, das die Einzelgemeinde aufgeteilt und unter 
den Pflug genommen, schloss sich weiter Wald, Wiese, Ackerboden 
an. Es war zunächst von niemandem besetzt, aber die Ansiedelung, 
die daran angrenzte, die Gruppe, die sich daran anschloss, nahm es 
für sich in Anspruch. Nahezu (vielleicht ist's möglich, bei weiterer 
Forschung zu sagen:) bei allen Ansiedelungsgruppen können wir an 
der Grenze derselben Prädien, Freitömer — wie sie genannt wurden — 
nachweisen, die im gemeinsamen Besitz der angrenzenden Siedelungen 
waren: an den Grenzen des Hermannstädter, Leschkircher, Schenker, 
Schässburger , Repser Stuhles finden wir sie, und zwar ausdrücklich 
als gemeinsamen Besitz mehrerer Dörfer oder des ganzen Stuhles 
(der später entstandenen politischen Organisation) ^). Hier interessiert 
vor allem die Ausnutzung, zuletzt die Aufteilung dieser gemeinsamen 
Marken. Die Ausnutzung bestand in der gemeinsamen Benutzung. Dann 
aber war in diesen Landstrecken das Objekt weiterer Kolonisation 
gegeben. Und das ist sehr wichtig. Schon im ersten Menschenalter 
nach der Einwanderung rücken die Kolonisten in diese „ Prädien ** 
(Preitümer) ein und es entstehen dort neue Dörfer, zuweilen auf Grund 
besonderer königlichen Verleihung, bis der Andreanische Freibrief 1224 
dieser Möglichkeit, dass der König Vergabungen innerhalb des „Sachsen- 
iandes" vornehme, ein Ende macht ^). Es ist statt theoretischer 
Erörterungen vielleicht besser einen Fall hier mit einigen Sätzen zu 
behandeln. In der Schenker Gruppe besassen Schenk, Mergeln und 
Schönberg (dann auch Neustadt) ein solches Freitum, das „Smylen- 
feld''. Da sie es nicht ganz brauchten, gaben sie ein Stück zur Nutz- 
niessung an Hundertbücheln , das dafür an jene eine bestimmte Ab- 
gabe zahlen musste (1507). Als der Schenker Stuhl sich gebildet 
hatte, galt dieses Feld als dem ganzen Stuhl gehörig, und als später 
die Seligstädter sich in den Besitz eines Teils dieser Landstrecke 
gesetzt, wird entschieden, „nachdem dieselbe erd stuelsfreitum ge- 
wesen'', sollen sie an den Stuhl jährlich 2 fi. zahlen. Die Zahlung 
geschieht heut noch^). 

Es folgt hieraus: diese Gemeinländer sind vorhanden gewesen, 
sind allmählich von den sich erweiternden Gemeinden besetzt worden, 
aber das Bewusstsein des Eigentumsrechts der Gesamtheit ist damit 
nicht erloschen. Für die Gemeinde selbst waren diese Freitümer 
gewaltige Reserven, die bei wachsender Bevölkerung neuen Acker 



*) Teutsch: Latinus S. 11. Vereinsarchiv 17, 549. J. K. Schuller: 
Umrisse 2, S. 112. 

*) Zimmermann- Werner S. 35. Volumus et praecipimus ut nuUus 
de colagionibus nostris villam vel praedium aliquod a regia maiestate audeat 
postulare, si vero aliquis postulaverit , indulta eis libertate a nobis contradicant. 

') Vereinsarchiv 17, 545. 



17] I^ie Art der Ansiedelung der Siebenbürger Sachsen. 17 

boten, vor allem auch den Ausbau neuer Qemeinden leicht gestattete. 
Sie haben die Innerkolonisation ermöglicht, nachdem die erste grosse 
Ansiedelung; die von Deutschland kam, das Sachsenland im all- 
gemeinen besetzt hatte. 

Für das Eigentumsrecht der Gesamtheit spricht am meisten die 
Thatsache, dass wenn eine Gemeinde unterging — es ist leider in 
den harten Jahren drängender Türkennot oft genug geschehen — , 
das Gebiet nicht an den König fiel, nicht von diesem frisch vergabt 
werden konnte, sondern die Nachbargemeinden teilten die Feldmark ^). 

Für den gemeinsamen Besitz grösserer oder kleinerer Land- 
strecken finden sich die Beispiele in Menge: der Branisch gehörte 
den Hermannstädtern, Stolzenburgern und Hahnbachern, Seligstadt 
und Schorsch besassen in einem Wald gemeinsame Ackererde, Schön- 
berg und Jakobsdorf am Harbach ein Stück Land, Eleinschelk, Frauen- 
dorf und Arbegen Ackerland u. a., Almen und Meschen ebenso. Der 
ganze Schelker Stuhl hatte einen gemeinsamen Wald vulgo Freytumb 
dicta u. s. f. ^). 

Der Besitz einer Gemeinde auf dem Gebiet einer anderen kommt 
noch im 16. Jahrhundert sehr häufig vor. Es ist nicht nötig, Bei- 
spiele dafür anzuführen ^). 

Die Rechte der Einzelgemeinden infolge jener Markgenossen- 
schaft bestanden zunächst im Anspruch, den sie hatten, dass der Nach- 
bar dafür sorge, dass aus seiner Ausnutzung des Grundes und Bodens 
dem anderen kein Schaden entstehe, was übrigens auch auf allgemeine 
Rechtsgrundsätze zurückgeführt werden kann. Aber es ist ein ganzes 
System von Bestimmungen, das als „Landrecht* den Grundsatz auf- 
gestellt, ,dass ein jeder seine Erde oder Hattert also besitzen und 
gebrauchen soll, damit es seinem Nachbar ohne Schaden geschehe'*. 
Eine Zusammenstellung derselben fehlt noch, würde aber auf die alte 
Agrargeschichte manches Licht zu werfen geeignet sein^). 

Wichtiger ist, dass die Einzelgemeinden das bedeutende Recht 
der Viehweide auf dem Weichbild der anderen Gemeinden besassen, 
sofern sie eben eine solche gemeinsame Gruppe bildeten. Die That- 
sache ist aus den zwei Stühlen (Mediasch und Schelk) aus dem 
Jahr 1395 bekannt^). 

Diese Gruppen, die nun nacheinander ins Land kamen und deren 
ursprüngliche Schichtung die kirchliche Einteilung der Kapitel erkennen 
lässt ®), innerhalb deren aber wieder eine ganze Reihe kleinerer Einzel- 
gruppen nachweisbar sind, sind nun nicht von vorne herein mit den 



') So das Gebiet von Unterten zwischen Leschkirch und Alzen, das von 
Furkesdorf zwischen Mediasch und Meschen u. s. f. 

') Vereinsarchiv 17, 549, 551. Für das Burzenland im Privileg Sigismunds 
von 1428 die Bestimmung: dass sämtliche Inwohner der Stadt Kronstadt und der 
freien Gemeinden der Burzenländer Provinz die Freiheit haben sollen, sämtliche 
wo immer im ganzen Burzenland befindlichen Wälder und Gewässer und Fisch- 
teiche gemeinschaftlich zu gebrauchen. Schuler-Libloy a. a. 0. S. 58. 

^) Ebenda S. 549, 565. 

*) Einige sind Vereinsarchiv 17, 554 f. angeführt. 

') Vereinsarchiv 17, 550, 

*) Vgl. die Karte, in welche diese Kapitelseinteilung eingetragen ist. 
Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde. IX. 1. 2 



18 Friedrich Teutech, [18 

gleichen Rechten ausgestattet gewesen, — Zeuge dessen die verschie- 
dene Rechtslage von Earako, Ghrapundorf und Rams, die Schenkung an 
Joh. Latinus, die verschiedene Stellung der Hermannstädter Propstei 
in kirchlicher Beziehung — aber sie fussten im allgemeinen auf 
demselben Grundsatz: freies und ausschliessliches Eigentum an Grund 
und Boden und damit im Zusammenhang Ordnung der Innerverhält- 
nisse nach eigenem Ermessen, Exemption vom Komitat. 

Die Verschmelzung der einzelnen Ansiedlergruppen zu einem 
Ganzen, das die Grundlage der staatsrechtlichen „sächsischen Nation ** 
gab, hat der Andreanische Freibrief 1224 vorbereitet, mit seiner Be- 
stimmung, dass innerhalb der in demselben angegebenen Grenzen 
„universus populus . . . unus sit populus et sub uno iudice censeantur* 0- 
Für die Ordnung der Innerangelegenheiten bildete die Feldgemeinschaft 
und Markgenossenschaft die Grundlage. Die Einrichtungen der Her- 
mannstädter Provinz in dieser Richtung erschienen so bedeutsam, dass 
die Sachsen von Winz und Burgberg — auch eine jener kleineren 
Gruppen — das Wald-, Weide- und Wasserrecht des Hermannstädter 
Gaues sich durch besondere Zusicherungen überweisen liessen ^). Für 
ein Bauernvolk, wie die deutschen Ansiedler es damals in Siebenbürgen 
ausschliesslich waren, war es eine tägliche Erfahrung, was der Woi- 
wode bei jener Verleihung (1248) in Bezug auf Wald, Wasser und 
Weide aussprach: sine quorum adminiculo temporaliter vita humana 
non ducitur. 

Und nun ist es interessant und charakteristisch, dass im selben 
Augenblick, in dem diese ^Einheit*', dieser Hermannstädter Gau ge- 
bildet wurde, dieser wieder nicht nur als politische und rechtliche Ein- 
heit erscheint, sondern als Markgenossenschaft. Nur so konnte die 
Vertretung — die universitas — die letzte Entscheidung in Hattert- 
prozessen — (Hattert = Weichbild) — geben, Bestimmungen über Feld- 
gemeinschaften und andere Fragen treffen. 

Den Zusammenhang zwischen den Beamten und der alten Mark- 
genossenschaft nachzuweisen wird die Aufgabe noch zum grossen Teil 
ausstehender Untersuchungen sein. 

Diese neue Gesamtheit des Andreanischen Freibriefs — der Her- 
mannstädter Gau — erhält eben in diesem Freibrief eine Schenkung, 
die das Gesagte bestätigt: praeter vero supra dicta silvam Blacorum 
et Bissenorum cum aquis usus communes exercendo cum praedictis 
scilicet Blacis et Bissenis eisdem contulimus^). 

Die Schenkung ist auch für die Kolonisationsfrage von Wichtig- 
keit. Die Einwanderungen der Sachsen hatten die Grenze des ungari- 
schen Reiches bis an den Alt vorgerückt; ein vorgeschobener Posten, 
bestimmt in die südlich des Alt gelegenen Teile vorzudringen, war die 
Abtei Kerz, die um 1200 gegründet worden ist. Und nun schenkte 
1224 der König diesen Teil des Landes oder ein Stück davon, denn 
dort ist die silva Blacorum et Bissenorum zu suchen, dem Hermann- 

') Zimmermann-Werner: Urkundenbuch S. 34. 

*) Ebenda S. 77: Urk. aus dem Jahre 1248: Omnem per omnia libertatem 
yidelicet in silvis, pascuis et aquis . . . quam habentprovinciales comitatus Scybiniensis. 
*) Zimmermann-Werner: Urk. S. 35. 



19] Die Art der Ansiedelung der Siebenbürger Sachsen. 19 

Städter Gau. Es war ein Kolonisierungsobjekt wie kaum ein zweites. 
Dass es von den Sachsen nicht besetzt worden ist, daran ist der 
Mongoleneinfall schuld, der 1241 — 42 das Land furchtbar verwüstete, 
insbesondere auch die Kraft der jungen deutschen Kolonie hier auf 
lange lähmte. 

Doch soll mit all dem Gesagten nicht die Bedeutung der Einzel- 
kraft auch für die Kolonisation hier geleugnet werden. Die Ge- 
samtheit setzt sich nicht nur aus den Einzelnen zusammen, sondern 
wir sind in der Lage, die Bedeutung der Einzelnen auch nachzuweisen. 
Zunächst ist nicht zufallig, dass eine ungewöhnlich grosse Anzahl 
unserer Dorfnamen aus Mannsnamen entstanden ist, indem an den 
Mannsnamen -dorf angehängt wurde, wie das Wolff in seiner tief- 
gehenden Arbeit über unsere Dorfnamen nachgewiesen hat. Es lebt 
in den meisten sicher die Erinnerung an die Führer, die die Leitung 
der Ansiedelung hatten, die Aeltesten, die die Gründung des Ortes 
bestimmten. 

Diese Einzelleistung fällt besonders ins Gewicht, wenn die An- 
siedelungen ausserhalb des alten „Sachsenlandes' ins Auge gefasst 
werden. Es liegt ungefähr ein Drittel sämtlicher sächsischen Gemeinden 
nicht im Sachsenland, d. h. ausserhalb der Grenze, die die politische 
Einheit des „Sachsenlandes'' umschloss, auf dem Komitatsboden. 

Die auf dem Sachsenboden herrschende Gleichheit hinderte den 
Einzelnen, besonders die Thatkräftigen, dort Privateigentum und Vor- 
rechte in Anspruch zu nehmen. Um so verlockender musste es ihnen 
erscheinen, auf dem Komitatsboden Besitz zu erwerben, mit dem solche 
Vorrechte verbunden waren. Dass die Erbgräfen des 13. und 14. Jahr- 
hunderts (das sind die sächsischen Richter nicht weniger Dörfer, die 
dort das Richtertum erblich für sich in Anspruch nahmen), reichen 
Besitz auf Komitatsboden erworben haben, das erzählt das Urkunden- 
buch Siebenbürgens auf Schritt und Tritt ^). Ihnen lag daran, dort 
Gemeinden zu gründen, die ihr Einkommen mehrten, den Boden bauten, 
Zins gaben und im Notfall für sie die Waffen ergriffen. Die Gemeinden 
des Zekescher Gebiets, des Bulkescher und Bogeschdorfer Kapitels sind 
zum Teil auf diese Weise entstanden zu denken. 

Aber auch in diesen Gemeinden ist die Art der Besetzung die- 
selbe gewesen wie im Sachsenland. Auch dort hat die Gemeinde eine 
ähnliche Organisation gehabt, auch dort ist der Boden, der Wald, die 
Weide, das Wasser, soweit nicht der Grundherr sie als Eigentum be- 
trachtete, im Besitz der Gesamtheit^ nicht des Einzelnen gewesen. 
Eine vollständige Hörigkeit ist erst im vorigen Jahrhundert, nicht ohne 
Kampf und unrecht durchgesetzt worden. „Das Hoffeld hat das Dorf- 
feld niemals ganz zu beherrschen, hat es nicht zu vergewaltigen ver- 
mocht, es hat die alte Feldgemeinschnft vielfach beschränkt, aber 
nirgends völlig vernichtet*).* 

Für die weitere Entwickelung soll nur auf eines hingewiesen 



G. D. Teutscli: ürkundenbuch S. 23, 49, 56, 65, 70, 80 u. ö. Wolff: 
Dorfnamen, Nr. 49, 51, 11 (3), 66 u. ö. 

») Wolff: Unaer Haus und Hof S. 23. 



20 Friedrich Teutsch, [20 

werden. Es hatte für die Markgemeinscbaft, für den genossenschaft- 
lichen Besitz eine ausserordentlich weittragende Bedeutung, als man 
das römische Recht auf diese Sache anzuwenden anfing und, was bisher 
Gemeinbesitz gewesen war, als Gemeindebesitz ansah, als Besitz der 
juristischen Person, der Gemeinde. Auf Umwegen musste nun erst 
das Anrecht der Einzelglieder der Gemeinde auf Wald, Weide u. s. f. 
abgeleitet werden und — was am schwersten wiegt — nun erhielten 
neben den, nach altem Recht allein berechtigten deutschen Ansiedlern, 
den gleichberechtigten Wirten mit Haus und Hof, auch die inzwischen 
hinzugekommenen Siedler, die noch dazu anderen Volkstums waren, 
gleiche Rechte, d. h. wenn deren Kopfzahl die anderen überstieg, waren 
sie in der Lage, die ehemals Alleinberechtigten rechtlos zu machen. 
Die Rechtsfrage war zugleich eine soziale Frage geworden. Was ur- 
sprünglich nur auch ein Zweck des Gemeinbesitzes gewesen, die Er- 
haltung der Gemeinde, wurde jetzt ausschliesslicher Zweck. 



III. 

Es bleibt noch eine Frage zur Beantwortung übrig, die mit 
jeder Kolonisation zusammenhängt, die nach den Verpflichtungen der 
Kolonisten. Wenn irgend wohin Ansiedler gerufen werden, so ge- 
schieht solches ja nie oder höchst selten wegen diesen, sondern im 
Hinblick auf die Vorteile, die der andere durch sie zu finden hofiPb. 
Die Zuteilung von Eigentum u. s. f. ist dadurch mitbedingt, was für 
Abgaben und Leistungen von den neuen Ansiedlern gefordert werden. 

Für die Kolonisation im Sachsenland vereinfacht sich die Be- 
antwortung der Frage durch die Thatsache, dass hier kein Grundherr, 
kein Kloster, keine Burg etwas zu vergeben hatte oder etwas zu 
fordern berechtigt war, dass hier bloss der König etwas zu sagen hatte, 
dass es zunächst bloss Pflichten ihm gegenüber gab. 

Diese Pflichten lassen sich auf zwei zurückführen: Steuer- und 
Kriegsdienste. Auch wenn wir sie nicht wüssten, könnte man auf 
diese Verpflichtungen schliessen. Der Andreanische Freibrief von 1224 
fordert das eine und andere von den Sachsen der Hermannstädter 
Provinz ^) : Ad lucrum vero nostrae camerae quingentas marcas argenti 
dare teneantur annuatim, nullum praedialem vel quemlibet alium vo- 
lumus infra terminos eorundem positum ab hac excludi redditione, nisi 
qui super hoc gaudeat privilegio speciali — und die andere Stelle 
lautet: Milites vero quingenti infra regnum ad regis expeditionem 
servire deputentur, extra vero regnum centum, si rex in propria per- 
sona iverit, si vero extra regnum iobagionem miserit, sive in adiutorium 
amici sui sive in propriis negotiis quinquaginta tantummodo milites 
mittere teneantur, nee regi ultra praefatum numerum postulare liceat nee 
ipsi etiam mittere teneantur. 

Es wird nicht bestritten werden können, dass diese 1224 so klar 
ausgesprochene Verpflichtung schon früher bestand, dass sie zu jenen 



') Zimmermann- Wem er S. 34. 



21] Die Art der Ansiedelung der Siebenbürger Sachsen. 21 

gehörte, die die Sachsen bei der Einwanderung auf sich genommen. 
Daraus folgt, dass für jede Gruppe diese Verpflichtung in besonderer 
Art geregelt war. Sie bestand für das Burzenland, das Nösnerland, 
die zwei Stühle (Mediasch und Schelk), aber sie bestand jedenfalls auch 
vor dem Andreanum für die einzelnen Gruppen, die eben durch dieses 
Privileg zu einem Ganzen vereinigt worden sind. Wir kennen die 
Einzelsummen, die den Einzelgruppen auferlegt waren, nicht — das 
urkundliche Material aus der vorandreanischen Zeit beschränkt sich auf 
wenige Stücke — , aber die Thatsache steht fest^), ebenso die Ver- 
pflichtung zum Heeresdienst^). Aus dem Andreanum, zusammengehalten 
mit der Thatsache, dass die dort geforderte Verpflichtung der Be- 
wirtung des Woiwoden 1206 von den Bewohnern von Karako, Chrapun- 
dorf und Kams genommen wird, möchte ich schliessen, dass die Ver- 
pflichtung zur Bewirtung des Königs und des Woiwoden auch eine 
allgemeine war, die im Andreanum dann nur genauer geregelt wird. 

Damit sind aber auch alle Verpflichtungen der Ansiedler auf dem 
Boden der Hermannstädter Provinz erschöpft, soweit es sich um solche 
gegen andere handelt; von Verpflichtungen in ihre eigene Mitte soll 
noch die Rede sein. 

Komplizierter wurde die Sache jedenfalls, wenn der König ein 
Stück Land an einzelne vergabte, die dort nun die Kolonisation vor- 
nahmen. Da ist^s geschehen, dass dieser Einzelne für sich Steuerfreiheit 
gewann % aber die Kolonisten zahlten Steuer und vom Kriegsdienst ist 
auch der Einzelne nicht frei geworden. Lag das erhaltene Land ausser- 
halb des Sachsenlandes auf Komitatsboden, dann traten auch grund- 
herrliche Rechte und Forderungen in Kraft, die eine ausserordentliche 
Mannigfaltigkeit bieten. Es lässt sich aber nachweisen, dass auch diese 
Ansiedler in der älteren Zeit nicht Hörige waren, wie später, sondern 
gegen gewisse Abgaben wesentliche Rechte besassen. Doch soll das 
hier nicht weiter verfolgt werden. 

Die Ansiedler auf Sachsenboden hatten neben den obigen Ver- 
pflichtungen vor allem noch zwei, nämlich die Zehntabgabe für den 
Pfarrer und Abgaben für die Kirche (und Schule). 

Der Zehnten war eine Grundlast, er wurde vom Boden gegeben, 
und zwar erhielt der Pfarrer ihn, nicht der Bischof. Die Geschichte 
desselben soll hier nicht verfolgt werden *), es genügt die Feststellung 
der Thatsache, die das Andreanum für die Hermannstädter Provinz 
aufs neue bestätigt ^). 

Ueber die Bestiftung der Kirche in den neuen Kolonistengemeinden 
sind wir nur auf Schlüsse angewiesen. Keine einzige Nachricht geht 

*) So nach der ürk. von 1206, die K. Andreas den Deutschen in Karako, 
Chrapundorf und Rams ausstellt: A collectarum etiam , quibus alii Saxones ohli- 
gantur, sint immunes pensione. 

*) In derselben ürk. werden die Gemeinden Karako u. s. f. von der Grenz- 
bewachung befreit. 

*) So Latinus. Vgl. T e u t s c h : Latinus. 

*) Vgl. G. D. Teutsch: Das Zehntrecht der evangel. Landeskirche A. B. 
in S. 1858. 

*) Zimmermann-Werner S. 34: Sacerdotes vero suos libere eligant, 
et electos repraesentent et ipsis decimas persolvant. 



22 Friedrich Teutech, Die Art der Ansiedelung der Siebenbürger Sachsen. [22 

in die älteste Zeit hinauf. Der Pfarrer hatte neben dem Zehnten auf 
dem Hattert in der Regel doppelte, hin und wieder vier Lose zu bean- 
spruchen^), aber daneben musste für die Erhaltung der Kirche selbst 
durch die Gemeinde gesorgt werden. Dazu diente der sogen. „Meddem*. 
Es wurden in jeder Gemeinde der Kirche gewisse Grundstücke zu- 
gewiesen, die an die Bewohner verteilt, von diesen allmählich als 
Eigentum angesehen wurden, von dem sie eine (kleine) Abgabe in 
Frucht an die Kirche gaben. 

Später (jedoch verhältnismässig früh) ^) trat eine Abgabe für die 
Schule hinzu, der sogen. Schullohn, der von jedem Wirten, ohne Rück- 
sicht darauf, ob er Kinder hatte oder nicht, gegeben wurde, und zwar 
von jedem in der gleichen Höhe, auch ein Zeichen jener alten Gleich- 
heit eine Abgabe (ursprünglich ein kleiner Kübel Korn), die heute 
noch zum Teil besteht. 

Wie sich auf diesem festen Boden nun das Leben gestaltete, die 
Verfassung, die damit eng zusammenhing (Freiheit der Beamten wähl, 
eigene Gerichtsbarkeit u. s. f.), wie Sitte und Brauch, die Gliederung 
und Organisation (Zehntschaft, Nachbarschaft, Bruderschaft, Schwester- 
schaft) sich entwickelte, das soll hier nicht weiter ausgeführt werden. 

Ich fasse das Resultat in kurzem zusammen: 

Die Ansiedelungen hier erfolgten gruppenweise und dorfweise; 
Feld- und Markgemeinschaft sind die Grundlagen des wirtschaftlichen 
Lebens gewesen, der Hof gab ausschliesslich das Recht in der Gemein- 
schaft, die Gesamtheit war Eigentümer des gesamten Bodens; die 
freien, durchaus gleichberechtigten Ansiedler waren dem König zur 
Heeresfolge und Steuerzahlung verpflichtet, gaben ihren selbstgewählten 
Geistlichen den Zehnten und zur Erhaltung von Kirche und Schule 
eine Abgabe, wählten sich die Beamten mit Ausnahme des Hermann- 
städter Königsrichters und ordneten sich ihre Angelegenheiten selber. 



*) Korrespondenzblatt 1882, S. 52; 1883, S. 41. 

^) Die Volksschule geht nachweisbar ins 14. Jahrhundert zurück. Fr. Teutsch: 
Die siebenb.-sächs. Schulordnungen (Mon. Germ. paed. VI) I, S. II, 571. 



Volksstatistik der Siebenbürger Sachsen, 



Von 

Professor Fr. Schuller 



SR. HOCHWÜRDEN 



Herrn Dr. FRIEDRICH MÜLLER. 

BISCHOF DER EV. LANDESKIRCHE A. B. IN DEN SIEBBNBÜRGISCHEN 

LANDESTEILEX UNGARNS etc., etc. 



EHRFURCHTSVOLL ZUGEEIGNET 



VOM VERFASSER. 



Yolksstatistik der Siebenbttrger Sachsen. 

Im aUgemeinen lassen sich in Siebenbürgen drei grosse deutsche, 
voneinander getrennte Siedelungsgruppen unterscheiden, zwischen denen 
eine Anzahl grösserer oder kleinerer fremdsprachiger Inseln einge- 
schoben erscheinen. 

Die mächtigste sächsische Siedelung, gewissermassen der Kern 
mit den Hauptorten Hermannstadt, Leschkirch, Grossschenk, Reps, 
Schässburg und Mediasch wird im Norden vom Marosch und der kleinen 
Eokel, im Süden vom Alt begrenzt. 

Innerhalb dieser Längenausdehnung zeigt sie gegen ihre östliche 
Grenze — das Land der Szekler — ihre dichteste Masse und grösste 
Breite, während sie gegen Westen zu, an Masse und Dichtigkeit immer 
mehr abnehmend, in romanisches Sprachgebiet übergeht. Ihre ausser- 
sten Vorposten bilden die Reussmärkter , Mühlbächer und Brooser 
Siedelungen. 

Die zweite grosse siebenbürgisch-deutsche Sprachinsel umfasst 
den südöstlichsten Teil Siebenbürgens, das sogen. „Burzenland*. Ihrer 
Entstellung nach gehört diese Siedelung dem Anfang des 13. Jahr- 
hunderts ^ also einer um ein halbes Jahrhundert späteren Zeit als die 
erste Oruppe, an. Hauptort des Burzenlandes ist Kronstadt. Um- 
schlossen wird es im Norden und Osten vom magyarischen, im Süden 
und Westen vom romanischen Sprachgebiet. Die Verbindung zwischen 
dieser deutschen Insel und dem Hauptgebiete bilden die sächsischen 
Gemeinden in Fogarasch und Schirkanyen. 

Die dritte grössere deutsche Sprachinsel befindet sich im Norden 
Siebenbürgens. Die Stadt Bistritz bildet den Mittelpunkt derselben. 
Die Sachsen wohnen hier grösstenteils ungemischt von Mettersdorf und 
Klein-Bistritz an südwärts big nach St. Georgen. In den zwischen- 
Uegenden Teilen des Dobokaer Komitates kommen ebenfalls Sachsen 
vor, greifen bis Tekendorf und Botsch hinüber, und setzen sich durch 
die kleineren Inseln von Eidisch und Sächsisch-Regen im Thordaer 
Komitate längs der Marosch bis nach Birk fort. 

Ausser in diesen drei Gebieten finden wir Sachsen mit Ma- 
gyaren und Romanen gemischt in Alt-Rodna, Klausenburg, Karlsburg, 
Deva u. s. w. 



26 Fr. Schuller, [26 

Wie stark ursprünglich die sächsische Bevölkerung in Sieben- 
bürgen gewesen, lässt sich heute nicht angeben. Es ist sicher, dass 
die Zahl der sächsischen Siedelungen (aber nicht die der Sachsen) 
in früheren Zeiten grösser als heute gewesen. Zahlreiche Gemeinden, 
die ursprünglich eine deutsche Bevölkerung aufweisen konnten, sind 
dem Deutschtum ganz verloren gegangen. Oft deutet nur ein dem 
Ortsnamen vorgesetztes «Szäsz^ (sächsisch) oder „nemet" (deutsch) 
darauf hin, dass in dieser Gemeinde einmal sächsisches Leben gewohnt ^). 

Die Ursachen für diese Erscheinung liegen in erster und haupt- 
sächlichster Linie in den zahllosen, mit furchtbarer Grausamkeit ge- 
führten Kriegen, die Siebenbürgen und die sächsischen Eolonieen über 
sich ergehen lassen mussten. Der erste furchtbare Schlag dieser Art 
war es, als die Mongolen 1241 in Europa einbrachen und auch Sieben- 
bürgen heimsuchten. Die erste deutsche Ansiedelung, die ihnen zum 
Opfer fiel, war Rodna, eine in einem tiefen Thale gelegene, nach einer 
gleichzeitigen Aufzeichnung „grosse deutsche Stadt*'. Am Ostersonn- 
tage, den 31. März 1241, erschien der Khan Kadan, der durch die 
waldigen Thäler der Moldova und goldenen Bistriza vorgedrungen war, 
plötzlich vor Rodna. In den wald umschlossenen Gebirgspässen stellten 
sich die Rodnaer dem Feinde entgegen. Kadan aber, der ihre Streit- 
macht sah, kehrte um und begann einen verstellten Rückzug. Da 
zogen die städtischen Scharen heim, stolz auf ihren Erfolg, legten 
die Waffen nieder und überliessen sich bei Festgelagen der Freude 
über den eingebildeten Sieg. Das hatten die Mongolen erwartet. Eilig 
kehrten sie um und drangen in die Stadt, die weder Mauern noch 
Graben, noch eine andere Befestigung hatte. Es entstand ein schreck- 
licher Kampf, bis schliesslich die Deutschen die Aussichtslosigkeit ihres 
Widerstandes einsahen und sich Kadan auf Gnade und Ungnade ergaben. 

Ueber das Wüten der Mongolen im Sachsenlande meldet eine 
gleichzeitige chronistische Aufzeichnung : „Das Land der sieben Stühle 
wurde gänzlich verwüstet*. Am schrecklichsten hatten die Orte im 
Norden, dann Kronstadt, Mühlbach und Hermannstadt gelitten^). 

In und vor der Schlacht auf dem Brotfelde im Jahre 1479 erlag 
fast die gesamte sächsische Bevölkerung der Brooser Siedelung dem 



*) Der grössere Teil dieser Gemeinden gehörte nicht zum „Sachsenland", 
sondern lag auf Komitatsboden. Ein anderer Teil hat entschieden einmal zum 
Sachsenboden gehört und ist von diesem gewaltsam losgetrennt worden. Viele 
dieser Gemeinden verdanken mächtigen sächsischen Grossen ihre Entstehung. 
Ihrem Namen nach unverkennbar einst deutsche Gemeinden Siebenbürgens sind u. a. 
folgende: 1. im Szolnok Dobokaer Komitat: N^methi-Szamosujvär, Szä,sza, Szäsz- 
Brete, Szä.sz-Czegö, Szäsz-Encs, Szäsz-Fellak , Szasz-Mät^ (Matesdorf), Szasz-Nyires, 
Szäsz-Uj-Ös, Szasz-Zsombor ; 2. im Hunyader Komitat: Märos-N^methi ; 8. im Klausen- 
burger Komitat : Szä^z-Akna, Szäsz Banyitze, Szasz-Fönes, Szasz-Pönt^k ; 4. im unter- 
weissenburger Komitat: Szasz-Patak, Szasz-Ujfalu; 5. im Hermannstädter Komitat: 
Sachsenhausen, Szaszscor: 6. im Fogarascher Komitat: Szäsz-Lupsa; 7. im Torda- 
Aranyoscher Komitat : Szasz-Vincze ; 8. im Haromszöker Komitat: Szasz-falu: 9. im 
Bistritz-Nassoder Komitat: Szdsz Bongard; 10. im Klein-Kokler-Komitat: Szasz- 
Csavä«, Szasz-Danyän, Szasz-Kis-Almas, Szäsz-Völgy. 

') Strakosch-Grassraann: Der Einfall der Mongolen in Mitteleuropa in 
den Jahren 1241, 1242. Innsbruck 1893. Verlag der Wagnerischen Universitäts- 
buchhandlung. 



271 Volksstatistik der Siebenbürger Sachsen. 27 

Törkenschwerte. In die leer gewordenen Wohnsitze der Deutschen 
rückten aas dem Gebirge Walachen (Romanen) herab. Aus dem deut- 
schen Kastendorf entstand das walachische Kaszto, aus Bärendorf Berin, 
aus Elsterdorf Szereka. Das Brotfeld selbst, auf dem am Anfange des 
16. Jahrhunderts noch spärliche Reste einer deutschen Bevölkerung zu 
finden waren, hat diese heute ganz verloren. 

Aehnlich wie die Brooser ist auch die Siedelung um Mühlbach 
durch fortwährende Kriege heimgesucht worden, üeber drei Jahrhunderte 
dauern die unglückseligen Wirren, die das Deutschtum auch hier fast 
vernichteten. Dass in früheren Zeiten die deutschen Siedelungen am 
Mühlbach höher hinauf gereicht haben, beweist der Name des einst 
sächsischen Dorfes Szäsz-Csor, das die Bewohner der benachbarten 
sächsischen Gemeinde Petersdorf heute noch „Schlüvesdorf** nennen. 
Oestlich von Petersdorf befand sich früher der sächsische Ort Reichau. 
Im Jahre 1601 vernichteten die Horden des Woiwoden der Wallachei, 
Michael, die Gemeinde. Nur fünf Einwohner konnten ihr Leben retten. 
Aehnliche Schicksale erlitt die sächsische Siedelung Langendorf (heute 
Lamk^rek, Lankrem) nördlich von Mühlbach. 

In vielen Gemeinden ist das Deutschtum nicht ganz vernichtet 
worden, wohl aber in früheren schweren Tagen stark zurückgegangen. 

Dass aber thatsächlich in den unglücklichen friedlosen Zeiten der 
Grund sowohl für den Untergang sächsischer Gemeinden als auch für 
den Rückgang des deutschen Elementes zu suchen sei, und nicht in 
der geringen Propagationsfähigkeit der Sachsen oder im allmählichen 
Verdrängen im friedlichen Konkurrenzkampfe durch kräftigere, lebens- 
fähigere Elemente, beweist der Umstand, dass die sächsische Bevölke- 
rung in Siebenbürgen seit der Zeit, wo die Herrschaft der Türken in 
Ungarn aufgehört hat und friedlichere Zeiten auch über das Sachsenvolk 
kamen, ein zwar nur allmähliches, aber regelmässiges Anwachsen zeigt. 

Auch für die Sachsen gelten eben die Worte des deutschen 
Forschers: „Die Vergangenheit giebt uns das traurige Bild, dass Hunger, 
Seuche, Kriege, Verfolgung, Laster und Elend aller Art sich nicht 
darauf beschränken, zuweilen ein Uebermass des Volkszuwachses weg- 
zuraffen, sondern über diese Funktion weit hinausgreifend einen immer 
neuen Anlauf zu geordneter Vermehrung durch immer neue Dezimierung 
zwar nicht ganz, aber zum grossen Teil wieder zerstörten und ein 
ruhiges Fortschreiten der Wohlfahrt und Gesittung, das von einem 
stetigen und naturgemässen Anwachsen der Volkszahl unzertrennlich 
erscheint, niemals durch eine Reihe von Generationen gestattet haben/ 

So gewiss es nun ist, es habe ursprünglich mehr sächsische 
Siedelungen in Siebenbürgen gegeben als heute, ebenso gewiss ist es, 
dass in fast allen heute noch sächsischen Gemeinden die sächsische 
Bevölkerung ums doppelte und dreifache höher steht als im Mittel- 
alter. Hierdurch wird die auch in unserer Zeit noch hie und da ge- 
hörte Ansicht, die Sachsen wären einmal an Zahl unverhältnissmässig 
stärker gewesen, unhaltbar^). 



*) Den Beweis hierfür bringen wir später. Für die erstere Theorie vgl. Karl 
Schuller: Umrisse und kritische Studien zur Geschichte von Siebenbürgen mit 



28 Fr. Schuller, [28 

Selbstverständlich haben auch die Sachsen in Siebenbürgen über 
die Zeiten des Mittelalters, wie alle Länder Europas, keine Volks- 
zählungsergebnisse, wie sie der heutigen Statistik zur Verfügung stehen. 
Nur auf dem Wege der Berechnung lassen sich Folgerungen erzielen, 
mit deren Hilfe man zu annähernd richtigen Vorstellungen über die 
frühere Dichte des sächsischen Volkes gelangen kann. 

Die älteste Nachricht, jedoch nur über einen Teil des Sachsen- 
landes, nämlich die Umgebung Hermannstadts, die sich für die Volks- 
statistik verwenden lässt, rührt aus dem Jahre 1468 her. In diesem 
Jahre beschloss der in Thorda zusammengetretene Landtag eine ausser- 
ordentliche Steuer, zu welcher jedes Haus der sächsischen Gemeinden 
der Umgebung von Hermannstadt einen Denar zahlte. Das Verzeichnis 
über die eingegangene Steuer ist auf uns gekommen, und da die 
Zahl der Denare zugleich die der Häuser ist, lässt sich eine annähernde 
Berechnung der Landbevölkerung der Hermannstädter Gemeinden 
machen ^). 

In der letzten Zeit sind zum erstenmale Zählungen des ganzen 
sächsischen Volkes bezw. der Hauswirte desselben aus der Zeit des 
ausgehenden 15. und beginnenden 16. Jahrhunderts bekanntgeworden^), 
die höchstwahrscheinlich in demselben Jahre vorgenommen wurden oder 
mindestens nicht allzuweit der Zeit ihrer Entstehung nach auseinander- 
liegen. Der Wert dieser Zählung ist ein um so grösserer, als sie, bis 
jetzt wenigstens, die erste bekannt gewordene ist, die sich (wie früher 
erwähnt) auf alle freien sächsischen Gemeinden Siebenbürgens erstreckt. 
Die Ursache, die sie hervorgerufen hat, lässt sich genau nicht er- 
kennen. Der Umstand, dass — geringe Abweichungen ausgenommen — 
die Anordnung der einzelnen Zählungsobjekte (hospites, pauperes u. s. w.) 
überall gleichmässig vorkommen, lässt jedoch auf einen, von einer 
höheren Behörde,, also wahrscheinlich von der sächsischen Nations- 
universität ausgegangenen Zählungsbefehl schliessen. Während uns in 
dieser Zählung genaue Angaben über die einzelnen Ortschaften der 
Hermannstädter Siedelung und des Burzenlandes vorliegen, haben wir 
über das Nösnerland und die Mediascher Gemeinden nur summarische 
Ziffern, welche von einem Bistritzer Ratsschreiber aus dem Anfang des 

16. Jahrhunderts herrühren. Diesem lag wahrscheinlich neben der 
Zählung der Hermannstädter Siedelung und des Burzenlandes auch eine 
solche der Mediascher Gemeinden und des Nösnergaues vor, aus welchen 
allen er eine summarische Zusammenfassung machte. Allerdings ist 
die Summierung — wie das bei mittelalterlichen Rechnungen häufig vor- 
kommt — nicht überall richtig, dagegen stimmen aber manche Posten 

besonderer Berücksichtigung der deutschen Kolonisten im Lande. Uermannstadt 
1840. 1. Heft, S. 80. G. D. Teutsch: Geschichte der Siebenbürger Sachsen. 
2. Aufl. Bd. I, S. 22. Fr. Maurer: Die Besitzergreifung Siebenbürgens durch die 
das Land jetzt bewohnenden Nationen. Landau 1875, S. 80. 

') Fr. Schuller: Zur älteren Volksstatistik der Sachsen im Sieb, deutsch. 
Tageblatt, 20. Jahrg., 1893, Nr. 5880 ff. Korrespondenzblatt 1880, Nr. 7. 

') Volkszählung in den 7 u. 2 Stühlen, im Bistritzer und Kronstädter Distrikt 
7om Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts roitgetheilt von Dr. Albert 
Berger im Korrespondenzblatt des Vereins für siebenbürgische Landeskunde, 

17. Jahrg., 1894, Nr. 5 u. 6. 



29] Volksstatistik der Siebenbürger Sachsen. 29 

so auffallend überein, dass die oben gemachte Annahme einer nicht auf 

uns gekommenen Vorlage vollkommen gerechtfertigt erscheint. Dieser 

Zählung zufolge liegen auf freiem Sachsenboden zunächst: 

Fünf Städte und zwar 1. Hermannstadt, 2. Schässburg, 3. Mfihl- 

bach, 4. Kronstadt, 5. Bistritz, und zwei Märkte: Mediasch und Broos. 

Es entfallen auf diese: 

Wirte Siedler Arme 

auf Hermannstadt 951 178 — 

, Schässburg 600 20 9 

, Mühlbach 288 6 7 

, Kronstadt ') 870 160 — 

, Bistritz 560 138 5 

, Mediasch 300 38 4 

, Broos 158 — 26 

Bei der typischen Gleichartigkeit der mittelalterlichen Bevölkerung 
erscheint die Uebertragung gewisser Verhältnis- und Durchschnitts- 
ergebnisse von einer Stadt auf die andere, beziehentlich eine gleiche 
Behandlung mehrerer unter gleichen Entwickelungsbedingungen stehen- 
der Städte, wie dieses bei den sächsischen Städten Siebenbürgens der 
Fall ist, nicht so bedenklich als heute, wo Oewerbe und Industrie die 
unterschiede grösser gemacht haben, und so mag es gestattet sein, 
bei der Verwertung der gegebenen Zahlen dieselben in gleicher Weise 
für alle sächsischen Städte zu verwenden. Mediasch und Broos sind 
nun allerdings in dieser Zeit nur Märkte, gehörten also eigentlich nicht 
hierher. Da aber die Verhältnisse daselbst auch um diese Zeit doch 
mehr den städtischen als ländlichen gleichen, werden auch diese beiden 
Märkte den Städten gleich behandelt. 

Wie schon aus den oben mitgeteilten Zahlen ersichtlich ist, be- 
findet sich auch der siebenbürgisch-sächsische Statistiker, wenn es Be- 



^) Bei Kronstadt lautet die Vorlage: 

Item Cronne sthatt hat wird 650, 

sedler ynn der statt 160, 

Item dy vorsted alle drey ban 890. ' 

Die Angabe über die Anzahl der Wirte der Vorsi&dbe von Kronstadt können wir 
nicht ohne weitere Bemerkung verwerten, da in den Vorstädten Kronstadts schon 
am Anfang des 16. Jahrhunderts — wie heute — nicht nur Sachsen sondern auch 
Angehörige andrer Nationalitäten wohnten. Auf die Sachsen entfällt gewiss nicht 
mehr als ein Viertel der offenbar die , Haushaltungen* aller Nationalitäten um- 
fassenden Angabe, also rund 220 Wirte. Ich halte diese Zahl um so mehr für «an- 
nähernd* richtig, als eine noch vorhandene Zählung aus dem Jahre 1532 — Quellen 
zur Geschichte der Stadt Kronstadt in Siebenbürgen. 2. Bd. Kronstadt 1889. 
S. 284 — also nur 22 Jahre später in Kronstadt 986 Wirte anführt. Zieht man 
in Betracht, dass seit 1526 der Bürgerkrieg in Siebenbürgen tobt, so ergibt es sich 
als sehr wahrscheinlich, dass in dieser Zeit Kronstadts Häuserzahl von 1030 im 
Jahre 1510 auf 986 im Jahre 1582 gesunken ist. Aehnlich wie Kronstadt zeigen 
auch die andern Städte Siebenbürgens einen Rückgang; so zählt 1532: 

Mühlbach nur 213 Wirte, 
Mediasch nur 286 Wirte, 
Schässburg nur 483 Wirte, 
Broos nur 161 Wirte. 

Für Hermannstadt und Bistritz fehlt jede Angabe ; vgl. Quellen z. Gesch. der Stadt 
Kronstadt 1. c. 282—284. 



30 Fr. Schuller, [30 

YölkeruDgsverhältnisse der mittelalterlichen Sachsenstädte klar dar- 
zulegen gilt, in einer keineswegs günstigeren Lage als der deutsche 
Statistiker in seinem Falle. Eine absolute Genauigkeit lässt sich aus 
dem zu Gebote stehenden Material nicht erzielen. Mit Recht aber 
sagt Jastrow: »Die Frage, auf deren Lösung es der Geschichts- 
schreibung ankommen muss, ist nicht die genaue oder auch nur die 
möglichst genaue Ermittelung der Kopfzahl einer einzelnen Stadt; weit 
wichtiger als die ungefähre Feststellung der Kopfzahl ist zunächst die 
Frage, ob die grossen Handelsplätze den Umfang heutiger Gross-, 
Mittel- oder Kleinstädte haben, ob sie mit kleinen Landstädten ihrer 
Zeit wirklich auf etwa derselben Stufe standen, oder ob sich nicht die 
Unterschiede der Bedeutung auch damals in den Grössenklassen der 
Städte aussprachen" ^). 

Auch wir können nur ungefähre Berechnungen geben, aber auch 
diese schon zeigen oder bestätigen, was von einzelnen Städten schon 
bekannt war, dass die Volkszahl in denselben keineswegs so gross als 
heute gewesen, und dass nicht in demselben Verhältnisse als das all- 
gemeine Wachstum einer Stadt stattgefunden hat, auch die Zunahme 
des deutschen Elements geschehen ist. 

Der Grundbegriff, mit dem wir zur Eruierung der mittelalterlichen 
sächsischen Städtevolkszahl zu operieren haben, ist der „hospes*^. Er 
ist gleichbedeutend mit dem „Hausvater", mit dem Vorsteher einer 
Haushaltung. Die Anzahl der „hospites" bedeutet für uns mithin die 
Anzahl der Hausväter oder Haushaltungen. Zu diesem treten hinzu 
die „inquilini* (Siedler) und die „pauperes" (Armen). Auch diese 
können wir nicht anders als Vorsteher einer Haushaltung ansehen. 
Für unsere Berechnung werden sie genau wie die „Hausväter" in Be- 
tracht gezogen. 

Wie in Deutschland, so hat man auch für die sächsischen Städte 
Siebenbürgens des Mittelalters und der zwei darauffolgenden Jahr- 
hunderte eine Haushaltung zu fünf Köpfen angenommen, „eine An- 
nahme," sagt K. Albrich in seiner Arbeit: „Die Bewohner Hermann- 
stadts im Jahre 1657"*), „welche mit Rücksicht darauf, dass die Be- 
völkerung fast ausnahmslos eine gewerbliche war, was doch eine grosse 
Zahl von Hilfsarbeitern voraussetzt, nicht als zu hoch betrachtet werden 
kann*. 

Damit sind wir an demselben Reduktionskoeffizienten angelangt, 
wie er in Deutschland für die mittelalterlichen Städte meist in An- 
wendung gekommen ist ^). Den .Haushalt zu fünf Personen gerechnet 
ergiebt eine Bevölkerung: 



*) J. Jastrow: Die Volkszahl deutscher Städte zu Ende des Mittelalters und 
zu Beginn der Neuzeit. Historische Untersuchungen, Heft 1. Berlin 1886, S. 5. 

') Archiv des Vereins für siebenb. Landeskunde. Neue Folge. 18. Bd., S. 260. 

') Vgl. hierzu Jastrow a. a. 0. S. 45. Rümelin: Zahl und Arten der 
Haushaltungen in Württemberg nach dem Stande der Zählung vom 3. Dez. 1864, 
in den württ. Jahrb. für Statistik und Landeskunde. Jahrg. 1865, S. 192. 



31] 



Yolksstaiistik der Siebenbürger Sachsen. 



31 



1. für Hermannstadt ^) von 

2. „ Schässburg von 

3. fl Mühlbach von 

4. „ Kronstadt^) von 

5. , Bistritz von . 

6. j, Mediasch von 

7. , Broos von . . 

Sämtliche Städte und die zwe 



5620 Seelen 
3140 , 
1 255 
4 930 
3615 

1710 „ 
920 , 



Märkte Mediasch und Broos haben 



mithin eine Bevölkerung von 21080 Seelen. 

Der städtischen Bevölkerung steht die Landbevölkerung der freien 
sächsischen Gemeinden gegenüber, die sich im Anfang des 16. Jahr- 
hunderts auf ungefähr 180—190 Dörfer verteilt. 

Schon in der ältesten Zeit nach der Einwanderung der Sachsen 
in Siebenbürgen schlössen sich zu grösserem Schutze nach aussen und 
zur besseren Rechtspflege mehrere territorial näher gelegene Gemeinden 
zu einem Ganzen aneinander, die je einen Gerichts- und Malstätten- 
sprengel bildeten. König Andreas II. hob diese einzelnen Gerichts- 
sprengel auf und vereinigte alle deutschen Ansiedler der Hermann- 
städter Hauptgruppe zu einem Volke, deren Gebiet von nun an der 
, Hermannstädter Gau* oder die Hermannstädter Provinz genannt wird. 
Mit der Zunahme des deutschen Volkselementes in dem Gau treten 
auch die alten Malstättensprengel, die vielleicht überhaupt nie ganz 
zu existieren aufgehört hatten, wieder auf, und zwar führen sie nun 
den Namen „sedes, Stühle**. Solcher Stühle zählt der Hermannstädter 
Gau seit dem Anfang des 14. Jahrhunderts sieben, wobei der Hermann- 
städter Stuhl nicht mitgezählt wurde. Um dieselbe Zeit bilden auch 
Mediasch und Schelk unter dem Namen der zwei Stühle ein Gemein- 
wesen. Die nördliche (Nösnergau) und südöstliche deutsche Pflanzung 
(das Burzenland) in Siebenbürgen bildeten jede Gruppe für sich ein 
grösseres Gemeinwesen, ohne jede Unterabteil ang, zeigen mithin auch 
keine Stuhlsbildung. Zu diesen Gebieten gehörten in dem Zeiträume, 
den wir hier behandeln, auch die freien sächsischen Gemeinden Winz 
und Burgberg am Marosch mit einigen Dörfern, und im Norden Sieben- 
bürgens Rodna. 

Das gesamte freie Sachsentum Siebenbürgens verteilte sich somit 
auf folgende Gebiete: 

Gemeinden Einwohnern') 

1. Hermanns tädter Stuhl (ohne Hermannstadt) mit . . 19 5076 

2. Schässburger Stuhl (ohne Schässburg) mit. ... 19 5432 

3. MQhlbacher Stuhl (ohne Mühlbach) mit ... . 5 1008 

4. Schenker Stuhl mit 21 3852 



') Bis zur Zeit Josephs IL hatten nach dem Eolonialrecht des Mittelalters die 
Sachsen in Siebenbürgen das ausschliessliche Eigentumsrecht an den ihnen von den 
ungarischen Königen yerliehenen Boden. Kein anderer als ein Deutscher konnte mithin 
auf dem sogenannten «Königsboden* Grund oder Hauseigentum erwerben. Erst 
unter Joseph H. wurde die .Concivilitäf eingeftihrt, womit auch den übrigen Nationen 
das Recht auf Grund oder Hauseigentum in den sächsischen Städten und Dörfern 
zugestanden wurde. 

^ Auf eine Haushaltung in den Vorstädten Kronstadts rechne ich nur 
4 Personen, da das Leben daselbst auch heute noch in vielen Beziehungen mehr 
dem l&idlichen als städtischen ähnlich ist. Vgl. hier S. 29 [29] Note 1. 

') Zum Vergleiche führe ich hier einige Berechnungen der Volkszahl deutscher 



32 Fr. Schuller, [32 

Gemeinden Einwohnern 

5. Repser Stuhl mit 17 3372 

G. Reuasmärkler Stuhl mit 10 1 816 

7. Leschkircher Stuhl mit 12 • 1 496 

8. Brooaer Stuhl (ohne Broos) mit 10 2008 

9. Die zwei Stühle (ohne Mediasch) mit 25 1 710 

10. Das Burzenland (ohne Kronstadt) mit ..... 13 6664 

11. Der Nösnergau (ohne Bistritz) mit 26 5800 

12. Rodna und Umgebung mit — 808 

13. Winz und die dazu gehörigen Ort« mit .... 6 1 712 

Das Sachsenland zählte somit eine ungefähre ländliche Be- 
völkerung von 47 180 Seelen. Rechnen wir hiezu noch die städtische 
Bevölkerung mit 21080 Seelen, so ergiebt sich für das Ende des 
16. Jahrhunderts eine Gesamtbevölkerung des freien Sachsenbodens von 
68160 Seelen. 

Zu diesen freien sächsischen 180—190 Landgemeinden wären 
hier noch etwa 40 — 50 Dörfer mit vorwiegend sächsischer Bevölkerung 
hinzuzuzählen, die bis zum Jahre 1848 unterthänig waren. Da wir 
aber für diese gar keine statistischen Daten haben, konnten sie hier 
nicht berücksichtigt werden. 



Städte um diese Zeit an: 0. Richter hat für Alt-Dreeden, vor dem grossen Brande 
von 1491, 4889 Seelen berechnet. (Zur Bevölkerungs- und Vermögensstatistik 
Dresdens im 15. Jahrhundert im .Neuen Archiv für sächsische Geschichte und Alter- 
tumskunde* 2. Bd. [1881], S. 273 ff.)- Fär Basel hat 0. Schönberg die Bevölkerung 
für die Mitte des 15. Jahrhunderts berechnet und folgende Resultate erhalten: 

Weltliche Bevölkerung Basels. 

Haushaltungen Personen 

a. 1446. 3000 9000—12,000 

a. 1464. 2100 6300— 8400 

a. 1471—1475. 2250 6750— 9000 

Zu diesen Zahlen ist noch die Geistlichkeit, die nach Schönberg höchstens 
200 Köpfe zählt, hinzuzurechnen. Jastrow a. a. 0. S. 53. 

^) Auch für die ländliche Bevölkerung sind wir auf Berechnungen an- 
gewiesen^ da wir auch hier nur die Zahl der , Wirte*' kennen. Selbstverständlich 
muss man für eine ländliche Haushaltung eine andre Beduktionsziffer suchen, 
als es die ist, die wir für eine , städtische Haushaltung* angenommen haben. Bis 
jetzt hat man für einen sächsischen ländlichen Haushalt 4 Seelen angenommen. 
Im grossen und ganzen scheint „4'* der richtige Reduktionskoeffizient für eine 
bäuerliche Haushaltung zu sein. Gehen wir nämlich von modernen Verhältnissen 
aus, was sich wenigstens in so weit rechtfertigen lässt, als die ländlichen Zustände 
von heute denen des Mittelalters gewiss viel näher stehen, als dieses bei den 
städtischen der Fall ist, so gelangen wir fast zur selben Zahl. Als Durchschnitts- 
zahl ergibt sich nämlich für eine moderne ländliche Haushaltung 4,2 Seelen. Der 
We^, auf dem ich zu dieser Zahl gelangt bin, ist kurz folgender: ich habe bei 
4 (sine ira et studio) herausgegriffenen sächsischen Gemeinden (Gierelsau, Michels- 
berg, Grossscheuern, Heitau) die sächsische Bevölkerung mit der Anzahl der von 
ihnen gebildeten Haushaltungen in Beziehung gesetzt. Da ergibt sich für Gierelsau 
(438 sächsische Einwohner und 98 Haushaltungen) für eine Haushaltung 4,4 Seelen, 
für Michelsberg (1000 sächsische Einwohner in 210 Haushaltungen) für eine Haas- 
haltung 4,76 Seelen, für Grossscheuem (1185 sächsische Einwohner in 295 Hans- 
haltungen) für eine Haushaltung 4,01 Seelen^ für Heitau (2275 sächsische Einwohner 
in 642 Haushaltungen) für eine Haushaltung 3,5 Seelen. Zieht man aus diesen 
4 Durchschnittszahlen das Mittel, so erhält man 4,2, also 0,2 mehr, als ich oben als 
Reduktionsziffer annehme. Erwägt man die grössere Eindersterblichkeit im Mittel- 
alter, so dürfte die angenommene Redaktionsziffer annähernd richtig sein. 



33] Volksstatiatik der Siebenbürger Sachsen. 33 

Bevor wir uns der neueren und neuesten Statistik des sieben- 
bürgisch-sächsischen Volkes zuwenden, erscheint es notwendig, einige 
Worte über das Material, das ihr zu Orunde gelegt wurde, voraus- 
zuschicken. 

Die erste genauere Volkszählung, die im wesentlichen auch mit 
der Steuerbeschreibung ihrer Zeit übereinstimmt, und somit auf ihre 
Richtigkeit geprüft werden kann, ist im Jahre 1765 entstanden ^) und 
bezieht sich allein auf die Deutschen, welche dem evangel. Augsb. 
Bekenntnis angehörten. Sie war aus dem gemeinschaftlichen Wunsche 
der geistlichen und weltlichen Universität hervorgegangen und von den 
Pfarrern der einzelnen sächsischen Gemeinden vorgenommen. Wohl 
hat es dann in der Folge der Zeit nicht an Konskriptionen gefehlt, die 
von höchster Stelle angeordnet wurden, doch lassen sich dieselben, da 
sie immer nur besonderen Absichten dienten, für unsere Zwecke nicht 
verwenden*). Erst im Jahre 1850 kam es in Siebenbürgen zu einer 
auf breiterer Grundlage angelegten Zählung ^). Ihr folgte sieben Jahre 
später eine abermalige Zählung und förderte ein reiches Material 
zu Tage, das in den Arbeiten der k. k. Zentralkommission der ad- 
ministrativen Statistik in Wien seine Verwendung fand*). Seit 1857 
haben noch drei Volkszählungen (1870, 1880, 1890) in Ungarn statt- 
gefunden, welche sämtlich die ungarische Regierung anordnete und 
durchführte. Prüfen wir alle diese Volkszählungen für unseren Zweck, 
so müssen wir gestehen, dass sie unseren Wünschen nicht entsprechen. 
Die erste Zählung von 1765 zeigt noch in manchen Beziehungen den 
mittelalt^lichen Standpunkt, führt Hausväter und Hausmütter nicht 
getrennt voneinander an, und zeigt nicht überall die gleichen Rubriken. 
Immerhin können wir aus ihr wenigstens die Grösse der absoluten 
sächsischen Bevölkerung erkennen. 

Die staatlichen Volkszählungen aber liefern, mit Ausnahme der 
von 1850, über die Nationalität der Bevölkerung keinen Aufschluss. 
Als ein besonders günstiges Geschick muss man es da betrachten, dass 
anlässlich der 1857er Zählung die damalige Statthalterei in Hermann- 



*) Statistisches Jahrbuch der evang. Landeskirche A. B. im Grossfürstentum 
Siebenbürgen. 3. Jahrg. Hermannstadt 1870. Ueber ihte Entstehung sagt das 
Kirchenbuch von Halvelagen a. a. 0.: ,Cum anno 1765 casu nescio, quo acciderit, 
ut inclytae nationi in Transsilvania Saxonicali hostes illius famam detraxerint et 
quidem apud caes. regiam majestatem , de eorumque numero nimis exiliter abjec- 
teque sensierint, quod videlicet nimis paucitas ejus sit, tota cum politica tum 
ecclesiastica universitas consultum esse existimavit, ut quilibet pastorum animas 
ad ecclesiam spectantes aceurate conscribendas putaret.** 

') Solche Eonskriptionen erfolgten auf Befehl des Kaisers Joseph II. 1786 
und 1787: ^Im Jahre 1794 veranstaltete die Provinzial-Landesbuchhaltung von 
Siebenbürgen auf Grund der Steuertabellen eine Zusammenstellung. Eine neuere 
Erhebung der Yolkszahl geschah in den Jahren 1829 und 1831, sie umfasste jedoch 
mehrere Bezirke gar nicht.* Vgl. Alb. Bielz, Handbuch der Landeskunde Sieben- 
bürgens. Hermannstadt 1857, S. 147. 

») Bielz a. a. 0. S. 147—148. 

^) Prof. H. J. Schwicker: Statistik des Königreichs Ungarn. Stuttgart 1877. 
S. 75 , und Oskar v. Meltzl: Statistik der sächsischen Landbevölkerung in 
Siebenbürgen. Archiv des Vereins für siebenbürgische Landeskunde. Neue Folge. 
20. Bd, S. 221. 

Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde. IX. l. 3 



34 Fr. Schuller, [34 

Stadt zu ihrem Amtsgebrauch auch die Nationalität der Bewohner 
Siebenbürgens erheben liess. 

Auch die letzte staatliche Volkszählung des Jahres 1890, die die 
Bevölkerung Ungarns auch den Nationalitäten nach anführt, lässt sich 
hier nicht verwenden, da sie kein richtiges Bild über die nichtmagya- 
rischen Nationalisten giebt. 

So hat denn auch mir, wie dem Verfasser der Statistik der 
sächsischen Landbevölkerung in Siebenbürgen, 0. v. Meltzl, das eigent- 
liche Material für die vorliegende Arbeit, die zu Anfang jedes 
Jahres von den Seelsorgern jeder einzelnen Pfarrgemeinde an das 
Landeskonsistorium der evangel. Landeskirche in Siebenbürgen ein- 
gesendeten amtlichen Ausweise über den Stand der evangel. Bevölke- 
rung im vorausgegangenen Jahre geliefert.* Zu diesem Vorgehen hielt 
ich mich umsomehr berechtigt, als es meine Aufgabe ist, über die 
Volksbewegung der Sachsen zu schreiben. Evangelisch aber und säch- 
sisch ist in Siebenbürgen fast gleichbedeutend^). Solche Gemeinden, 
die zur evangel. Landeskirche gehören, deren Angehörige aber den 
Magyaren oder einer anderen Nationalität zugerechnet werden müssen, 
haben selbstverständlich hier keine Aufnahme gefunden. In den Städten 
deckt sich allerdings nicht immer die evangel. Konfession mit dem 
Sachsentum. Jedenfalls ist aber der Fehler, der durch mein Verfahren 
begangen wird, nicht grösser, als wenn ich für die Städte die 1890er 
Volkszählung zu Grunde gelegt hätte. Ueberdies hätte ich für das 
Jahr 1880, da die staatliche Zählung dieses Jahres die Nationalitäten 
nicht berücksichtigt, erst recht die Ausweise der evangel. Pfarrämter 
zu Rate ziehen müssen. 

Fassen wir nun zunächst die sogen, faktische Zunahme des 
sächsischen Volkselementes in dem längsten Zeiträume, über welchen 
uns Daten zur Verfügung stehen, ins Auge, nämlich in der Periode von 
1765—1890. 

Heute verteilt sich die ganze sächsische Bevölkerung auf 241 Orte, 
wovon 227 Landgemeinden sind, die übrigen 14 aber den Städten oder 
Ortschaften mit vorwiegend städtischem Charakter zuzurechnen sind. 
Die Zahl der heute von den Sachsen bewohnten Ortschaften mit der- 
jenigen verglichen, die wir für das beginnende 16. Jahrhundert fest- 
gestellt haben, zeigt somit ein Anwachsen von 44 Gemeinden. Dieses 
ist nun nicht so zu verstehen, als ob die Zahl der sächsischen Ge- 
meinden seit jener Zeit thatsächlich um 44 zugenommen hätte. Es 
bestanden vielmehr, wie früher erwähnt, alle Orte schon damals, nur 
lagen sie nicht auf freiem sächsischen, sondern auf Eomitatsboden. 
Oben aber haben wir stets nur von den ersteren gesprochen, und 
zwar geschah dieses aus dem oben bemerkten Grunde, weil wir für 
die auf Komitatsboden gelegenen sächsischen Orte gar keine Nach- 
richten haben, die zu verwenden waren. 

Im Jahre 1765 wiesen die 241 sächsischen Orte eine Bevölkerung 
von 120860 Seelen auf. Davon entfielen auf die Städte (mit Ein- 
schluss von Klausenburg, Karlsburg, Fogarasch, Enyed und Thorda) 



1) V. Meltzl a. a. 0. S. 224 S. 



35] Volksstatistik der Siebenbürger Sachsen. 35 

25 660 Seelen, auf die Landbevölkerung 95 000 Einwohner. Im Jahre 1 890 
betrug die sächsische Qesamtbevölkerung 195359 Seelen, davon ge- 
hörten zur Stadtbevölkerung 44 287, zur Landbevölkerung 151 072 Seelen. 
Das Wachstum der gesamten Bevölkerung in dem Zeitraum von 125 Jahren 
beträgt mithin 74499 Seelen, d. i. 61,64 ®/o, was einer jährlichen Zunahme 

von 0,49 ^/o oder nach der Formel Z = 100 \/— 1 einer solchen 

V P 
von 0,38 ®/o gleichkommt^). 

Das Verhältnis, in welchem die Land- und Stadtbevölkerung 
zugenommen hat, ist nicht unwesentlich verschieden. Während die 
Städte ihre sächsische Einwohnerzahl um 18627 vermehrt haben, in 
Prozenten 72,59 > , also um 0,58 > , oder n. j. F. 0,44 > jährlich 
gestiegen sind, beträgt das Wachstum der bäuerlichen Bevölkerung 
nur 56272 Seelen — in Prozenten ausgedrückt 58,69 ^/o, — was eine 
jährliche Zunahme von 0,47 ^/o, n. j. F. 0,37 ^/o ergiebt. Bezüglich der 
Landbevölkerung ist nun allerdings zu erwägen, dass der Ackerbau 
immer nur ein langsames Wachstum zulässt. 

Die Erträge des Ackerbaues sind, wie Fr. Ratzel treffend be- 
merkt, nur bis zu einem gewissen Orad zu steigern, der Boden kann 
über ein bestimmtes Maass nicht geteilt werden. In der Abneigung 
gegen Bodenteilung liegt der Rückgang deutscher Bauernschaften 
wesentlich begründet. Die reinsten Ackerbaugebiete sind in Deutsch- 
land diejenigen, wo die Bevölkerung, wiewohl dünn gesät, am lang- 
samsten zunimmt. In dieser ohnehin trägen Bewegung lassen vorüber- 
gehende Störungen des Betriebes tiefe Spuren. Fast alle von den 
53 Arrondissements Frankreichs, welche Rückgang der Bevölkerung 
seit 1801 zeigen, liegen in den Ackerbaugebieten*). 

Die hier von Fr. Ratzel für den Rückgang deutscher und fran- 
zösischer ländlicher Bevölkerung geltend gemachten Momente finden 
auf das sächsische Volk in Siebenbürgen sowohl im einzelnen wie im 
ganzen ihre Anwendung. Auch der siebenbürgisch-sächsische Bauer 
zeigt sich wenig geneigt, seinen Boden durch allzu grosse Teilungen 
zu zersplittern und Störungen aussergewöhnlicher Natur, wie Pest 



*) In dieser Formel bedeutet 
Z = Zunahme, 
n = Anzahl der Jahre. 

Jb! = absolute Bevölkerung am Schlüsse und Anfang der betreffenden 

Periode. 

Obige Formel, die in den Neumannschen „Beiträgen zur Geschichte der Be- 
völkerung in Deutschland seit dem Anfange dieses Jahrhunderts", und zwar im 
8. Bande derselben meines Wissens zum erstenmal zur Anwendung gelangt ist, 
entspricht dem Wesen der statistischen Berechnung mehr als die bisher übliche 
Art der Berechnung bei Betrachtung grösserer Perioden und wird hoffentlich sich 
immer mehr Eingang verschaffen. Aus diesem Grunde sind hier alle Berechnungen, 
wenn sie sich auf längere Zeiträume erstrecken, neben der alten Methode auch 
nach dieser Formel geschehen. Als Abkürzung dieser Formel wird hier die Be- 
zeichnung: n. j. F. angewendet. 

^) Friedrich Ratzel: Anthropogeographie. 2. Teil. Die geographische 
Verbreitung des Menschen. S. 307. 



x 



36 Fr. Schuller, [36 

und Typhusepidemieen , Not-, Hungerjahre und Krieg haben auch im 
letzten Jahrhundert Siebenbürgen nicht verschont, sondern hemmend 
in eine regelmässige Zunahme des sächsischen Volkselementes ein- 
gegriffen. 

Vergleichen wir indessen das Wachstum des sächsischen Volkes — 
soweit dies möglich ist — mit der Gesamtbevölkerung Ungarns, so 
erweist sich ersteres noch immer günstiger als letzteres. In Ungarn 
hat nämlich die Bevölkerung in dem Zeitraum von 1820 — 1885 nur 
um 28,28 ^/o oder jährlich um 0,43 ^/o zugenommen, denn es lebten 
dort nach Brachelli ^) : 

1820 12880000 

1885 16600000 

Der jährlichen Zunahme Ungarns mit 0,43 ^/o steht die des 
sächsischen Volkes mit 0,49, der sächsischen Landbevölkerung mit 
0,47 > gegenüber. 

Ebenso finden sich auch im Deutschen Reiche Gebiete, die sich 
weniger günstig entwickelt haben, als die sächsische Bevölkerung. 
Allerdings ist der Zeitraum, der uns zur Vergleichung zu Gebote 
steht, nicht so gross als der, welchen wir hier für das Sachsenland 
verwendet haben. 

Die Grösse der Bevölkerung war nämlich in: 

1825 1885 

Mecklenburg-Strelitz «) 79 967 Seelen 98371 Seelen 

Waldeck, Lippe und Schaumburg-Lippe 172071 , 216 991 
Elsass-Lothringen 1875481 , 1564355 



n 



Es betrug somit der Zuwachs in 60 Jahren in: 

7o jährl. o/o >n.j.F. 

Mecklenburg-Strelitz 23,02 0,38 0.35 

Waldeck, Lippe u. s. w 26,10 0,43 0,39 

ElsasB-Lothringen 13,73 0,23 0,21 

Von Staaten, welche ausserhalb Deutschlands liegen, zeigt nur 
Frankreich eine schwächere Zunahme als die Sachsen in Siebenbürgen. 
Man zählte in 

Frankreich (I.) mit Elsass-Lothringen 1821 1881 

ohne Savoyen und Nizza 30462000 ca. 38470000 

Frankreich (IL) ohne Elsass-Lothringen 

mit Savoyen und Nizza 29 870 000 , 37 670 000 

80 dass die Steigerung betrug in: 

o/o jährl. 7o > n.J. F. 

Frankreich I. (60 Jahre) .... 26,30 0,43 0,39 

Frankreich IL (60 Jahre) . . . . 23,11 0,38 0,38 



*) Brachelli: Die Staaten Europas. Brunn 1887. 

*) Dr. A. Marko w: Das Wachstum der Bevölkerung und die Entwickelung 
der Aus- und Einwanderungen, Ab- und Zuzüge in Preussen und Preussens ein- 
zelnen Provinzen etc., in Jul. Fr. Neumann, , Beiträge zur Geschichte der Be- 
völkerung in Deutschland seit dem Anfang dieses Jahrhunderts". 3. Bd., S. 18 S. 



37] 



Volksstatistik der Siebenbürger Sachsen. 



37 



Die auch heute noch vorwiegend sächsischen Charakter tragenden 
Städte weisen folgende Zunahme auf: 



Städte mit vorwiegend sächsi- 
schem Charakter 



1765 



1890 



in 7o 



Jährliche Zunahme 



n.d.a. Be- 
rechnung 



n. j. F. 



Herrn annstadt 
Kronstadt . . 
Schässburg 
Bistritz . . . 
Mediasch . . 
Sächsich-Reen 
Mühlbach . . 
Broos . . . 



6577 
7107 
3662 
2604 
2089 
1528 
908 
504 



10382 
7 546 
4956 
4793 
3032 
2024 
2019 
1001 



57,85 


0,46 


6,17 


0,05 


35,33 


0.28 


84,06 


0,67 


45,14 


0,36 


32,46 


0,26 


122,35 


0,98 


98,61 


0,79 



0,35 
0.04 
0,24 
0,49 
0,29 
0,22 
0,64 
0,55 



Nach ihrer jährlichen Zunahme geordnet nimmt Mühlbach die 
erste Stelle ein; dann folgen: Broos, Bistritz, Hermannstadt, Mediaseh, 
Schässburg, Sächsisch-Reen und schliesslich Kronstadt. 

Die grösste Zunahme des Deutschtums in den sächsischen Städten 
zeigt in diesem Zeiträume Mühlbach und Broos. An beiden Orten 
rührt jedoch dieselbe nicht von einer sogen, natürlichen Vermehrung 
her, sondern ist die Folge von Einwanderungen aus dem deutschen 
Mutterlande. 

Seit dem Jahre 1770 sind nämlich aus einer Seihe von Ge- 
meinden des Rheines in und bei dem sogen. Hanauerland, in denen 
1770 grosse Ueberschwemmungen des Rheines stattgefunden haben, 
wo überdies schon früher her Misswachs und Teuerung herrschten, viele 
deutsche Familien nach Siebenbürgen eingewandert. Sie haben sich ins- 
besondere in solchen sächsischen Gemeinden niedergelassen, in denen 
das Deutschtum durch die vielen Kriege stark zurückgegangen war; so 
hauptsächlich in Mühlbach ]). Sowohl die Namen der Ankömmlinge 
daselbst wie auch die Grösse des Feldgrundes, der ihnen zugewiesen 
wurde, sind bis auf unsere Zeit gekommen. Es waren 49 Familien 
mit 89 Kindern, die damals gleichzeitig angesiedelt wurden. ,,Im 
ganzen erhielten sie in verschiedenen Feldern an urbarem Grunde zu 
115 Kübeln je zwei Viertel Aussaat und an urbar zu machendem 
Grunde zu 12 Kübel Aussaat, ferner jeder auch Flachs- und Hanf länder 
zu einem Viertel Aussaat, ein Joch Wiesengrund, eine Hofstelle, einen 
an diese stossenden Krautgarten, und endlich auch alle zusammen 
zunächst vorschussweise zum Lebensunterhalt 11 Kübel und drei Viertel 
Korn.« 

Von den neuen Bewohnern Mühlbachs waren 31 Feldbauern, 
1 Gärtner, 1 Zimmermann, 2 Tischler, 2 Schneider, 1 Bartscherer, 
3 Leineweber und 6 Witwen. Viele der Einwanderer haben indessen 



*) Mühlbächer Gymnasial-Programm vom Jahr 1883/4. Die Durlacher und 
Hanauer Transmigranten in Mühlbach; ferner KoiTCspondenzblatt des Vereins für 
siebenbürgiscbe Landeskunde, 9. Jahrg., Nr. 1, 2; 10. Jahrg, Nr. 11; 11. Jahrg., 
Nr. 4, 6, 10, 12; 12. Jahrg., Nr. 4, 5, 6. 



38 Fr. SchuUer, [38 

später Mühlbach verlassen und sich über das ganze Sachsenland zer- 
streut. 

Die Einwanderung nach Broos erfolgte im Jahre 1846, wo 
150 württembergische Ansiedler sich daselbst niederliessen. 

Die sogen, faktische Zunahme des sächsischen' Volks- 
elementes in den Zeiträumen von 1765 — 1851 und 1851 

bis 18^0. 

Da in einem so grossen Zeiträume, wie in dem, mit welchem 
wir oben operiert haben, störende Einflüsse auf eine regelmässige 
Zunahme mit Gewissheit vorauszusetzen sind, diese aber, wenn auch 
nicht in der Regel, doch sehr oft in der Länge der Zeit ausgeglichen 
werden können oder doch wenigstens so verschwinden, dass ein 
günstigeres Resultat sich für das Wachstum eines Volkes ergiebt, 
empfiehlt es sich, grosse Zeiträume in kleinere zu zerlegen, um zu 
erkennen, in welchen Zeitabschnitten der ganzen Periode Störungen 
oder Zunahmen erfolgt sind. Zur Erläuterung mag folgendes Beispiel 
dienen: In der Provinz Westpreussen vollzog sich die Zunahme in 
der Periode von 1825—1890 im Verhältnis von 100 : 194,4 (von 737861 
auf 1433480)^). Die Zunahme war indessen besonders stark in 
der älteren Zeit. Zerlegt man nämlich den obigen Zeitraum in drei 
Abschnitte von 1825—1849, 1849—1867 und 1867-1885 (bezw. 
1867 — 1890), so ergiebt sich die grösste Bevölkerungssteigerung im 
ersten Abschnitte, eine geringere im mittleren und die geringste im 
letzten. Die Bevölkerung Westpreussens wuchs nämlich von: 

1825—1849 von 737 361 auf 1010536, also um 37,05 7o überh. und l,327o 

jährl. n.J. F., 
1849—1867 von 1010536 auf 1268032, also um 25,487o überh. und l,27Vo 

jährl. n. j. F., und 
1867—1890 von 1268032 auf 1433480, somit jährl. n.j.F. um 0,48 7o. 

Die Gesamtbevölkerung des Sachsenlandes betrug: 

1765 120860 Seelen 

1851 178962 , 

1880 187577 , 

Es nahm somit das sächsische Element zu von 

jährliche Zunahme 
n. d. a. B. n.j.F. 

1765—1851 um 58102 Seelen, in Prozenten 48,07% 0,56 0,46 

von 1881-1880 um 8615 Seelen, in Prozenten 4,75 > 0,17 0,16 

Das Wachstum der Bevölkerung stellt sich im ersten grösseren 
Zeitraum von 86 Jahren nicht unwesentlich günstiger als im zweiten 
kürzeren von 29 Jahren, nämlich jährlich 0,56 ®/o [n.j.F. 0,46] gegen 
0,16 ^/o [n.J. F. 0,15]. Wir können zwar auch dieses Zunabmeprozent 
keineswegs als besonders günstig bezeichnen^ immerhin steht es nicht 

*) Valentin: Westpreussen seit den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts 
in Neu mann: Beiträge s. o. 4. Bd., S. 100. 



39] Volksstatistik der Siebenbürger Sachsen. 39 

vereinzelt da. So hat z. B. in Württemberg in dem Zeitraum von 
1816 — 1861 die Bevölkerung nur um 0,52 V [n. d. a. B.], in Frank- 
reich (1821 — 1861) um 0,51 ^/o [n. d. a. B.], im eigentlichen Russland 
(1820—1858) jährlich um 0,52 > [n.d. a.B.] zugenommen i). 

Oskar v. Meltzl hat in seiner mehrfach erwähnten Arbeit, „Statistik 
der sächsischen Landbevölkerung in Siebenbürgen*, zum Vergleiche 
auch die österreichischen Alpenländer, Steiermark, Tirol, Erain und 
Eärnthen herangezogen^), deren Bevölkerung wie die des Sachsen- 
landes eine vorwiegend ländliche ist. Auch mit dem Wachstum dieser 
Provinzen verglichen, stellt sich das der sächsischen Bevölkerung gün- 
stiger. Es betrug die Bevölkerung in den erwähnten Provinzen näm- 
lich in: 

1786 1880 

Steiermark . . . 822080 1213597 

Tirol u. Vorarlberg 681 631 912 549 

Krain 413316 481243 

Kämthen . . . 295118 348 730 

zusammen . . 2212145 2956119 

Es wuchs somit die Bevölkerung dieser vier Provinzen Oester- 
reichs in 94 Jahren um 743974 Seelen oder um 33,63 ^/o, was eine 
jährliche Zunahme von 0,36 ^/o, n. j. F. 0,31 ^/o ergiebt. 

An der geringen Zunahme dieser Periode haben vor allem Not- 
und Hungerjahre (1817), Pest- und Typhusepidemieen, zum Teil auch 
die Napoleonischen Kriege hervorragenden Anteil. 

Bedeutend ungünstiger stellen sich die Verhältnisse in den 
29 Jahren von 1851 — 1880. Beträgt doch die jährliche Zunahme in 
dieser Zeit nur 0,17 ^/o [n. j. F. 0,16]. Die Ursache hiervon liegt in 
den Landgemeinden, von denen 92 in der Seelenzahl zurückgegangen 
sind*). Die Gründe für diesen Rückgang sind in den Umwälzungen 
des sozialen und wirtschaftlichen Lebens zu suchen, die das sächsische 
Volk in diesem Zeiträume betroffen haben. „Es war dies die Zeit 
des Ueberganges von der Periode der vorwiegenden Naturalwirtschaft 
zur modernen Geldwirtschaft, der Befreiung von 72 sächsischen Land- 
gemeinden von der Gutsunterthänigkeit, der Aufhebung des Zehnten, 
der Einführung der Gewerbefreiheit, des massenhaften Einströraens 
fremder Industrieerzeugnisse auf die sächsischen Märkte, des Verfalles 
der einst blühenden sächsischen Gewerbe, wodurch gleichzeitig auch 
die Landwirtschaft tief betroffen wurde, die Periode der Einführung 
der Eisenbahnen, des modernen Steuerwesens, der Konskription und 
der allgemeinen Wehrpflicht, die Periode der stetig wachsenden Be- 
dürfnisse, und zwar nicht nur im Haushalt der Privaten, sondern 
auch in demjenigen der politischen und Kirchengemeinden, endlich 
die Periode des steigenden Luxus, welcher leider auch dem sächsischen 
Bauern, namentlich in der Nähe der Städte, nicht unbekannt geblieben 
ist. Nirgends sonst ist der Sprung mitten hinein in das moderne 
Leben so unvermittelt und rasch geschehen, wie bei dem sächsischen 



») Brach eil i: Die Staaten Europas. 1867. S. 146, 147 
*) V. Meltzl a. a. 0. S. 232. 
») V. Meltzl a. a. 0. S. 236. 



40 



Fr. Schuller, 



[40 



Volke, nirgends sonst haben sich diese tiefeinschneidenden Ver- 
änderungen mit solcher Gleichzeitigkeit vollzogen, wo sie sich in den 
kurzen Zeitraum von kaum 20 Jahren zusammendrängten, so dass 
diese vollständige Verrückung aller althergebrachten Verhältnisse, 
diese Störung alteingelebter Lebensweise eine und dieselbe Generation 
durchzumachen gehabt hat* ^). Zu diesen inneren Gründen kommen 
noch Störungen von aussen : der unmittelbar unserer Periode vorher- 
gehende Revolutionskrieg des Jahres 1848 — 1849, die Kriege von 1859 
in Italien, 1864 in Holstein, 1866 in Böhmen, üeberdies trat die 
Cholera (1854, 1866, 1873) und die Diphtheritis verheerend auf. 

Betrachten wir wie früher die Stadt- und Landbevölkerung ab- 
gesondert, so gelangen wir zu folgenden Ergebnissen: 

I. Zeitraum von 1765 — 1851: 











Jährl. Zunahme 
a. B. n. j. F. 


Stadtbevölkerung . . 
Landbevölkerung . . 


1765 
. . 25 660 
. . 95200 


1851 

34121 

144841 


in > 
32,97 
52,14 


in o/o in 7o 
0,38 0,33 
0,61 0,48 



Hier zeigt sich die auffallende Erscheinung, dass das Zunahme- 
prozent der Landbevölkerung ein wesentlich besseres ist, als das der 
Städte. 

Im einzelnen nahm die Stadtbevölkerung zu: 



Städte 



1765 



1851 



in 7o 



Jährl. Zunahme 



a. B. 



n.J. F. 



Hermannstadt 
Kronstadt . . 
Schässburg . 
Bistritz . . 
Mediasch . . 
Sächsisch-Reen 
Mühlbach . . 
Broos . . . 



6577 
7107 
3662 
2604 
2089 
1528 
908 
504 



8248 
8233 
4411 
3254 

2799 

2824 

1528 

862 



25,41 


0,30 


15,84 


0,18 


20,45 


0,24 


24,96 


0,29 


33,99 


0,40 


84,82 


0,99 


68,28 


0,79 


71,03 


0,83 



0,26 
0,17 
0,21 
0,25 
0,34 
0,71 
0,60 
0,63 



Am günstigsten hat sich in dieser Periode das Wachstum der 
Stadtbevölkerung entwickelt in 

Sächsisch-Reen nämlich jährlich um 0,99% [0,71 n.j.F.] 
Broos , , , 0,83 % [0,63 n. j. F.] 

Mühlbach „ „ „ 0,77 ^'/o [0,60 n.j.F.] 

Es folgen dann: Mediasch, Hermannstadt, Bistritz, Schässburg 
und Kronstadt. 



^) V. Meltzl a. a. 0. S. 237. 



41] 



Volksstatistik der Siebenbürger Sachsen. 



41 



In Broos rührt die Zunahme , wie oben hervorgehoben wurde, 
von Einwanderungen württembergischer Landleute im Jahre 1846 her. 

II. Zeitraum von 1851 — 1880: 

Jährl. Zunahme 
a. B. n. j. F. 

1851 18«0 in 7o in "/o in ^'o 

Stadtbevölkerung .... 34121 39605 16,07 0,55 0,51 
Landbevölkerung .... 144841 148960 3,53 0,12 0,10 

Die Zunahme in dieser Periode zeigt gegen den früheren Zeit- 
raum ein Anwachsen der Stadtbevölkerung und einen Rückgang der 
Landbevölkerung. Während in der ersten Periode das jährliche Wachs- 
tum der Landgemeinden 0,61 ^/o ausmachte, beträgt es in der zweiten 
Periode nur 0,12 >. 

In den Städten zeigte sich für die erste Periode eine jährliche 
Bevölkerungssteigerung von 0,38 ^/o , sie gestaltet sich in der zweiten 
Periode günstiger, indem sie 0,55 ®/o aufweist. 

Es ist somit der Schluss berechtigt, dass die früher geschilderten 
Umwälzungen in dieser Periode in erster Linie auf die Landgemeinden 
eingewirkt haben. Dieselbe Erscheinung einer stetigen Abnahme des 
Bevölkerungszuwachses zeigt sich im vorzugsweise landwirtschaftlichen 
Regierungsbezirke Trier (Rheinprovinz) seit 1849 ^). 

Das Anwachsen der sächsischen Städte zeigen folgende Zahlen: 



Städte 



1851 



1880 



in > 



Jährl. Zunahme 



a. B. 



n. j. F. 



Hermannstadt 
Kronstadt . . 
Schässburg . 
Bistritz . . . 
Mediasch . . 
Sächsisch-Reen 
Mühlbach . . 
Broos . . . 



8248 


10384 


25,90 


0,89 


8 233 


8 444 


2,56 


0,09 


4411 


4757 


7,84 


0,27 


3 254 


4241 


30,83 


1,05 


2799 


3306 


18,11 


0,63 


2824 


3149 


11,51 


0,40 


1 528 


2072 


35,60 


1.23 


8ö2 

1 


988 


14,G2 


0,50 



0.79 
0,08 
0,26 
0,92 
0,58 
0,37 
1,06 
0,47 



Naah ihrer jährlichen Prozentualzunahme nehmen die Städte 
folgenden Rang ein: Mühlbach 1,23, Bistritz 1,05, Hermannstadt 0,89, 
Mediasch 0,63, Broos 0,50, Sächsisch-Reen 0,40, Schässburg 0,27, 
Kronstadt 0,09 ^/o. Im Vergleiche mit der früheren Periode zeigen 
Mühlbach [1,23 gegen 0,79 >], Hermannstadt [0,89 gegen 0,30 <^/o], 
Bistritz [1,05 gegen 0,29^^/0], Mediasch [0,63 gegen 0,40 >], Schäss- 
burg [0,27 gegen 0,24 >] einen Fortschritt; Sächsich-Reen [0,40 
gegen 0,99 >], Broos [0,50 gegen 0,83 <^/o] und Kronstadt [0,09 gegen 
0,18 ^/o] einen Rückgang. Der Aufschwung des sächsischen Elementes 
in den Städten rührt übrigens aus dem ersten Teil dieser Periode 



^) Markow in Neumann a. a. 0. 3. Bd., 8. 24. 



42 Fr. Schuller, [42 

(1851 — 1865), also vor der Union Siebenbürgens mit Ungarn, her, 
wo der Zuzug vom Lande in die Städte hierbei offenbar mitgewirkt hat ^). 

Die sogen, faktische Zunahme des sächsischen Yolkselementes 

in dem Zeiträume von 1880 — 1890. 

Während in den früheren Perioden nur vereinzelt der Fall vor- 
gekommen ist, dass Sachsen in das Ausland zogen, um sich dort eine 
Existenz zu gründen, nimmt in dem Zeiträume von 1880 — 90 die Aus- 
wanderung der Sachsen eine im Verhältnis zu ihrer Gesamtzahl nicht 
unbedeutende Höhe ein. Dieselbe erstreckt sich nicht auf einzelne^ 
sondern auf alle Berufskreise. Juristen, Lehrer, Aerzte, Eaufleute, 
Techniker, Gewerbetreibende, Landbauer nehmen Teil an ihr. Sie 
geschieht in den meisten Fällen aus Erwerbs- und Nahrungsrücksichten, 
weniger aus politischen Gründen, wiewohl gerade in der Zeit von 
1880 — 1890 die politische Notlage, die vielfach gerade den Deutschen 
gegenüber zu Tage tretende Missachtung des Rechts auch ins Gewicht 
fällt. Die Auswanderung geht hauptsächlich nach zwei Richtungen: 
nach dem Nachbarlande Rumänien und nach Amerika. 

Ueber erstere, an denen die Städte, wie sich später zeigen wird, 
am meisten Teil haben, liegen gar keine sicheren Nachrichten vor, 
während wir über die Auswanderung nach Amerika wenigstens über 
die letzte Zeit unterrichtet sind. Den Berichten zufolge, welche von 
den einzelnen evangel. Pfarrämtern A. B. an die oberste Kirchenbehörde 
eingesendet wurden, betrug diese in der Zeit von 1882 — 90: 903 Seelen, 
d. i. 0,46 ^/o der gesamten sächsischen Bevölkerung, ein immerhin 
hoher Prozentsatz; betrug doch in der Zeit von 1885 — 90 das Aus- 
wanderungsprozent in Deutschland nur 0,14 *). . 

Von diesen 903 Auswanderern waren: 537 Familienväter ohne 
Kinder und Frauen, 89 Familienväter mit Kindern und Frauen, 238 Le- 
dige männlichen und 39 Ledige weiblichen Geschlechtes, und zwar 
verteilen sich dieselben auf 77 Gemeinden. Letztere sind im folgenden 
durch ein dem Namen vorgesetztes Sternchen kenntlich gemacht. 

Viele der Auswanderer haben jedoch nicht die Absicht für immer 
ihr Vaterland zu verlassen, sind somit nicht ganz für das Sachsentum 
verloren, sondern suchen durch Fleiss und Sparsamkeit jenseits des 
Meeres so viel zu erwerben, um ihr verschuldetes Hauswesen daheim 
wieder schuldenfrei zu machen, um dann in die Heimat zurückzukehren. 

Da die letzte Periode von 1880 — 1890 von besonderem Belange ist 
und somit ein detaillierteres Eingehen auch auf die einzelnen Gemeinden 
rechtfertigt, geben wir zu diesem Zwecke im nachfolgenden die Ein- 
teilung des Sachsenlandes nach den in der Einleitung erwähnten drei 
Hauptgruppen. Als Unterabteilung dient die heute noch im Gebrauche 
stehende Einteilung in zehn evangel. Kirchenbezirke A. B. Um ein 

^) Zum Vergleiche fQhre ich hierzu die sächsischen Bevölkerungszahlen der 
Städte für das Jahr 1865 an: Uermannstadt 9386, Kronstadt 5346, Schässburg 5001, 
Bistritz 4109, Mediasch 3122, Sächsisch - Reen 3061, Mühlbach 1789, Broos 
964 Seelen. 

*) Vierteljahrshefte zur Statistik des Deutschen Reiches, Jahrg. 1892, S. 1, 5. 



43] 



Volksstatistik der Siebenbürger Sachsen. 



43 



richtiges Bild von der Grösse der einzelnen Gemeinden zu erhalten, 
in denen neben dem sächsischen Elemente grösstenteils noch das ro- 
manische vorkommt, wird auch die Gesamtbevölkerung der Orte und 
daneben das sächsische Element in Prozenten der Gesamtbevölkerung 
besonders hervorgehoben. Ferner wird gleich hier bemerkt, dass 
Sachsen zerstreut in ganz Siebenbürgen vorkommen, deren Zahl etwa 
4000 betragen dürfte, die aber hier nicht berücksichtigt worden sind. 
Im eigentlichen Sachsenlande verteilte sich die sächsische Bevölke- 
rung auf: 





a 

0) 

na 

.3 
B 


Seelen am 


Zu- 

nähme 

1 


Ab- 
nahme 


Zu- 

nähme 
in7o 


Ab- 

nähme 

in 7o 


esamt- 
ing am 
1890. 


Eirchenbezirk 


31. Dez. 

1880 


31. Dez. 
1890 




I. Die nördliche 
Gruppe. 


















1. Bistritzer , . 

2. Sachs.- Reen 


34 
11 


22 934 
11258 


23716 
11768 


782 
510 




3,40 
4,53 


—" 


12,13 

6,02 


n. Die mittlere 
(mit Einschluss d. 
südl. und westl.) 
Gruppe. 


















3. Hermannstädt. 

4. Mediascher . . 

5. Mühlbacher 

6. Schässburger . 

7. Schelker. . . 

8. Schenker . . 

9. Repser . . . 


30 
30 
22 
32 
30 
23 
13 


30 213 
20112 
14769 
23048 
15 377 
13797 
8721 


31713 
20748 
16568 
24135 
16868 
13937 
9015 


1500 

636 

1799 

1087 

1491 

140 

294 


— 


4,96 
3,16 
12,18 
4,71 
9,69 
1,06 
3.38 


— 


16,22 
10,61 
8,53 
12,35 
8,63 
7,13 
4,61 


III. Die östliche 
Gruppe. 


















10. Kronstädter 


16 


27 348 


26 891 


— 


457 


— 


1,67 


13,76 




241 


187 577 


195359 


8239 


457 









Die absolute Bevölkerung des evangelischen bezw. sächsischen 
Yolkselementes betrug sonach: 

am 31. Dezember 1880 .... 187577 Seelen 
„ 31. , 1890 .... 195359 , 

Demnach ergiebt sich in dem angeführten Zeiträume eine that- 
sächliche Zunahme von 7782 Seelen, d. i. 4,14 Vi also durchschnittlich 
in einem Jahre 0,41 V- 

Die jährliche Zunahme von 0,41 ^/o ist keine erhebliche zu nennen; 
erwägen wir aber, dass wenigstens die Auswanderer nach Amerika 
für ihre Heimat nicht ganz als verloren, sondern nur als zeitweilig 
abwesend anzusehen sind, und nehmen wir an, dass etwa die Hälfte 
zurückkommt, so steigert sich der jährliche Zunahmekoeffizient doch 
auf 0,61V. 



44 



Fr. Schuller, 



[44 



Eine geringere Zunahme als das Sachsentum in Siebenbürgen 
haben folgende Provinzen Oesterreichs ^) : 



Oberösterreich . . .. 

Kärnten 

Krain 

Tirol und Vorarlberg . 



1880 

759 620 
348 730 
481 243 
912549 



1890 

783576 
360413 
498390 
928 920 



Zunahme 

23956 
11683 
17147 
16371 



> 
3,2 
3,4 
3,6 
1,8 



j.Z.in> 

0,32 
0,34 
0.36 
0,18 



In Frankreich zeigen eine Zunahme hauptsächlich die Departe- 
ments, die auch einen bedeutenden Handels- und Gewerbebetrieb 
haben, dagegen weisen 55 Departements meist mit Ackerbau treibender 
Bevölkerung eine teilweise nicht unbedeutende Abnahme auf. 

Der Kronstädter Bezirk allein zeigt eine Abnahme der Be- 
völkerung, und zwar beträgt dieselbe für die ganze zehnjährige Periode 
1,76 ^/o, also jährlich 0,17 ®/o. Alle übrigen Bezirke zeigen eine Zu- 
nahme, und zwar steigt dieselbe von 0,10 ®/o (Schenker Kirchenbezirk) 
jährlich bis 1,22 ^;o (Mühlbächer Kirchenbezirk). K. Albrich fand für 
die sechsjährige Periode von 1884 — 1890 eine Zunahme der sächsischen 
Landgemeinden von 2,18 ^/o, also eine jährliche Zunahme von 0,36 ^/o *). 

Vergleicht man die jährliche Zunahme der einzelnen Bezirke in 
der sechsjährigen Periode von 1884 — 1890 mit der jährlichen Zunahme 
in der zehnjährigen Periode von 1880 — 1890, so ergeben sich folgende 
Zahlen (+ Zunahme, — Abnahme) : 



Kirchenbezirk 



1884—1890 



/o 



1880-1890 



Vo 



1. Bistritzer . . 

2. Sächsisch-Reener 

3. Uermannstädter 

4. Mediascher . . 

5. Mühlbächer 

6. Schässburger . 

7. Schelker . . . 

8. Schenker . . 

9. Repser . . . 
10. Kronstädter . . 



0,18 
0.29 
0,33 
0,06 
0,80 
0,89 
0,82 

— 0,28 
+ 0.00 

— 0,25 



0,34 

0,45 

0,49 

0.31 

1,21 

0,47 

0,96 

+ 0,10 

+ 0,33 

— 0,16 






Die gesamte sächsische Bevölkerung wohnte in 241 Gemeinden. 



^) Oesterreichische Statistik, herausgegeben von der k. k. statistischen Zentral- 
kommission, 37. Bd., 1892, S. 34. 

^ Statistisches Jahrbuch der evangel. Landeskirche Augsburger Bekenntnisses 
in Siebenbürgen. Herausgeg. vom Landeskonsistorium, VII. Jahrg. Hermann- 
stadt 1891, S. IX. 



45j 



Volksstatistik der Siebenbürger Sachsen. 



45 



Sächsische Bevölkerung nach den pfarr- 
ämtlichen Ausweisen: 



1890 



31. 18. 1880 



Gegen das 
Jahr 1880 



mehr 



weni- 
ger 



Mehr als 10000 Seelen zählte 1 Gemeinde. 

1. Hermannstadt . . 10 382 gegen 10384 

Mehr als 5000 Seelen zählte 1 Gemeinde. 

2. Kronstadt . . . . 6158 gegen 7 069 

Mehr als 2000 Seelen wohnten in 11 Gemeinden 



*3. Schässburg») 

4. Bistritz . . 

5. Sächsisch-Reen 
"^6. Mediasch 

7. Zeiden . 
♦8. Heitau . 
*9. Agnetheln 

10. Grossau . 

11. Heldsdorf 

12. Tartlau . 

13. Mühlbach 



4956 gegen 4757 

4 793 , 4 241 

3032 , 3149 

3 024 , 3 306 

2803 , 2 716 

2 629 , 2 759 

2419 , 2371 

2 140 . 1 805 

2080 , 1889 

2062 . 2315 

2019 . 2072 



2000— 1000 Seelen zählt.40 Gemeinden, u.zwar : 

üeber 1800 Seelen: 

14. Deutsch -Zepling . . 1 882 gegen 1 675 

*15. Neppendorf ... 1 823 , 1 607 

*16. Rosenau 1 822 „ 1 728 

üeber 1600 Seelen: 

17. Neustadt (Kronstädter 

Bezirk) 1 604 gegen 1 447 

*18. Birthälm .... 1602 , 1600 



üeber 1400 Seelen: 

19. Mettersdorf. . . . 

20. Botsch 

21. Klausenburg . . . 

22. Lechnitz 

28. Grosspold .... 

üeber 1200 Seelen: 

24. Hamlesch .... 

25. Krönst. (Bartholomä) 
"^26. GrossBchenk . . . 
*27. Reps 



•28. Brenndorf . 

*29. Meschen . . 

80. Stolzen bürg 



1 527 gegen 1 551 
1 489 y, 1 494 
1 470 , 850 
1 434 . 1 416 
1 410 , 1 266 



1391 gegen 1208 

1 388 , 1 275 

1 382 , 1 505 

1 352 , 1 466 

1 345 r 1 467 

1 290 , 1 098 

1 252 . 1 039 





2 


1 

1 


911 


1 

' 199 




552 




— 


117 


1 


282 


i 87 


^^ 


1 


130 


' 48 




i 335 




191 




( 


253 


■ 


53 


. 207 




, 216 





: 94 




; 157 




2 


' ■ 


_ 


24 


— 


5 


620 


— 


18 




144 




1 

i 183 




; 113 


— 


! 


123 


■ ■■ 


114 




122 


192 




' 213 





Gesamt- 
bevölke- 
rung nach 
der staatl. 
Volkszäh- 
lung vom 
31. Dez. 
1890 



21 465 



30 739 



9618 
9109 
6057 
6 766 
4035 
3 225 
3210 
2 779 
2449 
3531 
6692 



1968 
2297 
4409 



2604 
2245 



1635 
1655 
32756 
1879 
2066 



1489 
8. oben 2 
2544 
2775 
2232 
1803 
2 745 



Sachs. Be- 
völkerung 
in Prozen- 
ten der Ge- 
samtb e- 
völkeining 



48.39 



24,55 



51.54 
52,62 
50,06 
44,73 
69,47 
81,46 
75.36 
79,52 
84,93 
58,40 
30,17 



95,63 
79,36 
41,32 



61,60 
71,36 



93,39 
89,97 
4,79 
76,32 
68,25 



93.42 

54.32 
48,72 
60,26 
71,35 
45.61 



*) Die Gemeinden, aus welchen Auswanderungen nach Amerika stattgefunden 
haben, sind hier durch ein Sternchen kenntlich gemacht. 



46 



Fr. Schuller, 



[46 



Sächsische Bevölkerung nach den pfarr- 
ämtlichen Ausweisen: 



1690 



31. 12. 1880 



Gegen das 
Jahr 1880 



mehr 



weni- 
ger 



Gesamt- 
bevölke- 
Irung nach 
Ider staatl. 
Volkszäh- 
lung vom 
31. Dez. 
1890 



Sachs. Be- 
völkerung 
in Prozen- 
ten der Ge- 
samtbe- 
völkenmg 



31. Keisd 

32. Petersberg . . . . 

33. Honigberg . . . . 

34. Petersdorf bei MQhlb. 

Ueber 1000 Seelen: 



*35. Kleilischelken . . . 
*36. Grossalisch . . . . 
*37. Zendresch . . . . 

38. Baassen 

39. Rode 

40. Marienburg b. Krönst. 

41. Teckendorf . . . . 

42. Birk 

*43. Hetzeldorf . . . . 

44. Seiden 

*45. Grossscheuem. . . 

46. Jaad 

47. Marpod . . . . . 

48. Petersdorf b. Bistritz 
*49. Scharoschb.Mediasch 
*50. Bulkesch . . . 

51. Michelsberg • • 

52. Wölkend, b. Krönst 
58. Broos 



1229 gegen 1213 
1 223 , 1 259 
1 221 , 1 270 
1 201 . 1 015 



1 166 gegen 1 040 

1 153 , 1 041 

1 103 , 1 114 

1 099 , 965 

1 094 , 1 055 

1 074 , 965 

1 070 , 1 031 

1 060 , 987 

1 058 , 948 

1 057 , 956 

1 054 , 1 004 

1 053 , 1 094 

1 030 , 946 

1019 , 915 

1 017 , 1 004 

1 014 , 764 

1011 „ 922 

1 005 , 980 

1 001 . 988 



Ueber 900 Seelen zählten 9 Gemeinden, 
und zwar: 



*54. Kirchberg . . 
55. St. Georgen 
*56. Grosslassein 

57. Weidenbach . 

58. Treppen . . . 
*59. Grosspropstdorf 

60. Deutsch-Tekes . 

61. Urwegen . . 
*62. Reussmarkt 



981 gegen 

975 , 

946 , 

936 , 

934 , 

930 , 

929 , 

928 , 

900 . 



Ueber 800 Seelen 12 Gemeinden: 



*63. Kleinscheuem . 

♦64. Schönau . . 

*65. Gergeschdorf . 

66. Nadesch . . . 



898 gegen 
874 , 
861 , 
853 , 



858 
911 
907 
880 
927 
842 
874 
816 
825 



899 
743 

802 
807 



16 



186 



126 
112 

134 
39 

109 
39 
73 

HO 

101 
50 

84 
104 
13 
250 
89 
75 
13 



123 
64 
39 
56 
7 
88 
55 

112 
75 



131 
59 
46 



36 
49 



11 



41 



1 



2042 
1871 
2147 
1999 



1804 
1366 
1195 
1435 
1296 
2212 
2274 
1726 
1507 
1308 
1744 
1426 
1206 
1157 
1448 
1414 
958 
1567 
5 650 



1418 
1115 
1305 
1448 
1068 
815 
1292 
1700 
1820 



1115 
1103 
1215 

1198 



66,19 
65,37 
56,87 
60,08 



64,63 
84,41 
92,47 
76,59 
84,41 
48,55 
47,05 
61,41 
70,21 
80,81 
60,44 
73,84 
85,41 
88,07 
70,93 
71,71 
100 
64,14 
17,72 



69,18 
87,44 
72,49 
64,64 
87,55 
46,01 
71.92 
54,59 
49,51 



80,54 
79,24 
70,86 
71,20 



') Die Verschiedenheit zwischen der Zählung nach dem pfarramtlichen Aus- 
weise und der staatlichen Volkszählung ergiebt sich daraus, dass ersterer die in 
die Gemeinde zuständige, der zweite die am 31. Dezember 1890 ortsanwesende 
Bevölkerung zählt. Die Gemeinde ist übrigens ganz sächsisch, daher wurden in 
die letzte Rubrik 100 7o eingesetzt. 



47] 



YolksBtatistik der Siebenbürger Sachsen. 



47 



Sächsische Bevölkerung nach den pfarr- 
ämtlichen Ausweisen: 



1890 81. 12. 1880 



Gegen das 
Jahr 1880 



mehr 



weni- 
ger 



*67. Schirkanyen .... 853 gegen 834 

68. Weilau 843 „ 771 

♦69. Malmkrog 842 , 870 

70. Nussbach 840 „ 872 

♦71. Reichesdorf 831 „ 944 

♦72. Seiburg 816 , 817 

73. Burgberg 805 „ 820 

♦74. Frauendorf 800 , 789 

üeber 700 Seelen 17 Gemeinden: 



75. Niedereidisch 

76. Blutroth . . 

77. Grossschogen 
♦78. Martinsberg 

79. Fogarasch . 
♦80. Denndorf 

81. Obemeudorf 
♦82. Mergeln . . 

83. Alzen . . . 
♦84. GroBskopisch 
♦85. Waldhatten 
♦86. Hamruden . 

87. Obereidisch . 

88. Streitfort . 
♦89. Irmesch . . 
♦90. Bogeschdorf 
♦91. Trappold 



786 gegen 728 



790 
784 
782 
778 
770 
766 
764 
762 
744 
742 
729 
722 
716 
712 
704 
703 



722 
733 

802 
845 
787 
764 
717 
730 
709 
646 
676 
628 
648 
850 
689 
668 



Ueber 600 Seelen 32 Gemeinden: 



92. 
93. 
94. 

♦95. 

♦96. 

♦97. 
98. 

♦99. 

100. 

101. 

102. 

103. 

104. 

105. 
♦106. 

107. 

108. 
♦109. 

110. 
•111. 



Donnersmarkt .... 

•Zuckmantel 

Eerz 

Halvelagen 

Wurmloch 

Pretai 

Hammersdorf .... 
Marienburg b. Schässb. 

Schaas 

Neudorf bei Schässburg 
Deutsch-Kreuz .... 

Ejreisch 

Dobring 

Scharosch b.Grossschenk 
Marktscheiken .... 

Talmesch 

Peschendorf .... 

Draas 

Weingartskirchen . . 
Eleinschenk .... 



699 gegen 684 



688 
684 
680 
679 
675 
674 
674 
670 
668 
667 
665 
660 
660 
655 
652 
651 
646 
645 
644 



657 
612 
642 
626 
613 
586 
577 
622 
657 
620 
590 
648 
635 
573 
549 
575 
648 
594 
634 



19 
72 



11 



58 
68 
51 



2 
47 
32 
35 
96 
53 
94 
68 

15 
35 



15 
31 
72 
38 
53 
62 
88 
97 
48 
11 
47 
75 
12 
25 
82 
103 
76 

51 
10 



28 

32 

113 

1 

15 



20 
67 
17 



138 



Gesamt- 
bevölke- 
rung nach 
der staatl. 
Volkszäh- 
lung vom 
31. Dez. 
1880 



1556 
930 
1315 
1392 
1159 
1316 
1823 
1355 



864 
1514 
1678 
1158 
5861 
1275 

886 
1163 
1870 
1137 

978 
1227 

774 
1117 

759 

983 
1187 



1063 

936 

996 

959 

1200 

1285 

1377 

1162 

1109 

948 

933 

1241 

1134 

1049 

1604 

773 

847 

959 

1945 

867 



Sachs. Be- 
völkerung 
in Prozen- 
ten der Ge- 
samtbe- 
völkerung 



55,53 
90,65 
64,03 
60,34 
71,70 
62,01 
44,15 
59,04 



90,97 
52,18 
46,72 
67,53 
13,27 
60,39 
86,46 
65,61 
40,78 
65,44 
75,87 
59,43 
93,28 
64,10 
93,83 
71,62 
64.28 



65,76 
73,50 
68,88 
70,91 
56,58 
52,53 
48,95 
58,00 
60,41 
70,46 
71,49 
53,59 
58,20 
62,92 
40,84 
84,35 
76,86 
67,36 
33,16 
74,28 



48 



Fr. Schuller, 



[48 









Gegen das 


Gesamt- 
bevölke- 


Sachs. Be- 








Jahr 1880 


runff nach 


völkenmg 


Sächsische Bevölkerung nach de 


n pfa 


irr- 






^7 

der staatl. 
Volkszäh- 


in Prozen- 


ämtlichen Ausweisen: 






ten der Ge- 








1 


weni- 


lung vom 


samtbe- 








mehr 


ger 


31. Dez. 


völkerung 


1830 


31.: 


L2. 1830 




o 


1880 




*112. Jakobsdorf b.Gr.-Schenk 640 | 


Biegen 


583 


1 

57 




1035 


61,84 


113. Kelling 637 


1» 


558 1 


79 




1387 


45.93 


114. Maldorf 631 


i> 


529 ' 


102 




686 


91,98 


115. Stein 628 


1» 


564 


64 




1304 


48,16 


*116. Bekokten 626 


n 


609 


17 




1052 


59,51 


117. Kleinlasseln 623 


1» 


593 


30 


— 


683 


91,21 


118. Arkeden 621 


n 


637 


— 


16 


1235 


50,28 


119. Wermesch 617 


V 


573 


44 


— 


739 


83,48 


120. Kleinalisch 617 


9 


560 


57 




618 


99,84 


121. Schölten 616 


n 


536 


80 


— 


1859 


33.13 


*122. Arbegen 613 


T. 


641 


— 


28 


1176 


53,13 


123. Katzendorf 603 


n 


601 


2 




1213 


49,71 


üeber 500 Seelen 26 Gemeinden: 












124. Heidendorf 592 


gegen 


646 




54 


659 


89.83 


*125. Mortesdorf . 






. 591 


» 


604 




13 


716 


82.54 


126. Csippendorf 






. 587 


V 


558 


29 




710 


82,68 


127. Schweischer 






. 582 


n 


542 


40 


— 


764 


76,17 


128. Kleinbistritz 






580 


V 


582 


— 


2 


853 


68,00 


129. Burghalle . 






578 


n 


544 


34 


— 


652 


88,65 


130. Pintak . . 






574 


n 


588 


____ 


14 


686 


83,67 


*131. Rosein . . . 






. 574 


» 


533 


41 


— 


988 


58,10 


*132. Martinsdorf. . 






. 572 


« 


570 


2 




650 


88.61 


♦133. Schönberg . . 






563 


1» 


543 


20 


— 


1142 


49,30 


134. Leschkirch . 






. 558 


1» 


592 




34 


1061 


52,59 


135. Langenthai . 






. 551 


v 


507 


44 




1377 


40,01 


136. Weisskirch bei 


Reps 




. 547 


n 


515 


32 


— 


737 


74,21 


137. Felldorf . . 






. 546 


n 


516 


30 




— 




*138. Braller . . 






. 540 


»1 


565 




25 


949 


56,90 


139. Eibesdorf . 






529 


V 


465 


64 


— 


1154 


45,85 


140. Wallendorf. 






. 526 


r 


536 




10 


756 


69,58 


141. Wölz . . . 






. 522 


1» 


462 


60 




1130 


46,19 


*142. Meschendorf 






519 


9 


485 


34 


— 


733 


70,80 


143. Kailesdorf . 






. 517 


11 


481 


36 




835 


58,97 


144. Waltersdorf 






. 514 


11 


565 




51 


824 


62,38 


*145. Nimesch . . 






507 


n 


443 


— 


64 


537 


94,41 


146. Haschag . . . 






507 


1» 


456 


51 




1049 


48,33 


147. Henndorf* . . 






505 


T» 


502 


3 




961 


52.55 


148. Schellenberg , 






503 


J» 


455 


48 




822 


61.19 


149. Reussen . . 






500 


J» 


441 


59 




1005 


49,75 


Ueber 400 Seelen 31 Gemeinden: 












150. Mehburg 497 j 


gegen 


482 


15 




841 


59.10 


151. Felmem 494 


n 


427 


67 




1116 


44,44 


*152. Abtsdorf bei Mediasch . 496 


fi 


447 


49 


— 


895 


55,42 


153. Leblang 494 


r 


479 


15 


— 


765 


64,58 


♦154. Maniersch 493 


n 


508 




15 


525 


93,9 


155. Neustadt beiGrossschenk 486 


II 


471 


15 


— 


642 


75.70 


156. Kyrieleis . . 


» • 


1 


. 479 


1» 


441 


38 




956 


50,10 



49] 



Volksstatistik der Siebenbürger Sachsen. 



49 



Sächsische Bevölkerung nach den pfarr- 
ämtlichen Ausweisen: 



1890 31. 12. 1880 



Gegen das 
Jahr 1880 



mehr 



weni- 
ger 



Gesamt- 
hevölke- 
rung nach 
der staatl. 
Volkszäh- 
lung vom 
31. Dez. 
1880 



Sachs Be- 
völkerung 
in Prozen- 
ten der Ge- 
samtbe- 
völkerung 



157. Reussdorf 478 gegen 414 

158. Rothbach 477 , 432 

159. Galt 477 , 464 

160. Holzmengen .... 468 , 448 

161. Prüden 463 , 421 

162. Dürrbach 462 , 452 

*163. Hundertbücheln ... 460 , 468 

164. Weisskirch bei Bistritz 457 ^ 475 

♦165. Schaal 456 „ 461 

166. Hahnbach 454 , 407 

167. Senndorf 446 , 427 

♦168. Durles 437 , 394 

169. Schönbirk 437 , 449 

*170. Kirtsch 435 , 360 

171. Girelsau 434 ^ 446 

172. Bodendorf 434 , 417 

*173. Rothberg 433 , 423 

174. Johannisdorf .... 423 « 397 

175. Radeln 422 , 400 

*176. Tartlen 421 , 444 

177. Passbusch 420 , 378 

178. Baierdorf 416 « 430 

179. Windau 415 , 426 

180. Giesshübel 400 , 349 

üeher 300 Seelen 27 Gemeinden: 

Rauthai 397 gegen 360 

Buzd.bei Mediasch . . 395 „ 373 

Tomen 393 , 357 

Magarei 392 , 418 

Neudorfb.Hermannstadt 380 , 339 

Abtsdorf 380 , 375 

Deutsch-Pian .... 379 , 359 

Almen 377 , 342 

Belleschdorf .... 376 , 371 

Probstdorf 375 , 355 

Seligstadt 373 „ 358 

Kleinprobstdorf ... 373 , 344 

Jakobsdorf bei Bistritz . 373 „ 374 

Neithausen 363 „ 337 

Tobsdorf 362 „ 344 

Mönchsdorf 358 „ 395 

Billak 355 „ 358 

Dunnesdorf 343 , 296 

Ratsch 335 , 284 

Zied 327 , 316 

Rohrbach 323 , 312 

Schlatt 323 . 313 



181. 
*182., 

183. 
*184. 

185. 

186. 

187. 
*188. 

189. 
♦190. 

191. 
♦192. 

193. 
♦194. 
♦195. 

196. 

197. 
♦198. 

199. 
♦200. 
♦201. 
♦202. 



64 




45 


— 


13 




20 


— 


42 


— 


10 




— 


8 




18 




5 


47 


— 


19 


— 


43 


— 




12 


75 




12 


— 


17 


— 


10 


— 


26 




22 






23 


42 


— 




14 


— 


11 


51 




37 




22 




36 






26 


41 




5 




20 




35 




5 




20 


— 


15 




29 






1 


26 




18 


.— 




37 




3 


47 


— 


51 




11 


— 


11 




10 





495 
866 

1177 

1009 
526 
690 
713 
526 
741 
816 
561 

1607 
511 

1085 
963 
938 
836 
622 
694 
920 
802 
457 
509 
838 



489 
782 

1175 
932 
989 
634 

1602 
569 
591 
815 
691 
466 
569 
520 
494 
804 
715 

1467 
672 
567 
572 
575 



96,54 
55,08 
40,53 
46,38 
88,02 

64,52 
86,88 
61,54 
55,64 
79,50 
27,19 
85,52 
40,09 
45,06 
45,20 
51,79 
68,01 
60,81 
45,76 
52,36 
91,03 
81,53 
47,73 



81,19 
50,51 
33,45 
42,06 
38,42 
59,94 
27,04 
66,26 
63,62 
46,01 
53,98 
80,46 
65,55 
69,81 
78,95 
44,53 
49,37 
23,11 
49,85 
57,67 
56,47 
56,17 



Forscbüngen zur deutschen Landes- und Volkskunde. IX. 1. 



50 



Fr. Schuller, 



[50 



Sächsische Bevölkerung nach den pfarr- 
ämtlichen Ausweisen: 



1890 31. 12. 1880 



Gegen das 
Jahr 1880 



mehr 



.weni- 
ger 



Gesamt- 
bevölke- 
rung nach 
der staatl. 
(Volkszäh- 
lung vom 
31. Dez. 
1880 



Sachs. Be- 
völkerung 
in Prozen- 
ten der Ge- 
samtbe- 
völkerung 



203. Buzd bei Mühlbach . . 322 gegen 288 

204. Schorsten 321 , 250 

205. Mardisch 318 , 296 

206. Michelsdorf bei Schelk 312 , 309 

207. Karlsburg 306 , 237 

Ueber 200 Seelen 18 Gemeinden: 

208. Minarken 290 gegen 299 

209. Bonnesdorf 289 „ 260 

210. Grosseidau 289 , 253 

211. Retersdorf 264 , 226 

♦212. Gürteln 260 , 254 

213. Petersdorf bei Schelk . 258 , 242 

214. Hohndorf 248 , 235 

215. Freck 245 , 254 

216. Deutsch-Budak ... 240 , 223 

217. Kaetenholz 235 „ 224 

218. Rumes 229 , 199 

219. Thalheim 225 « 197 

220. Kleinblasendorf ... 217 , 169 

221. Klosdorf 216 , 220 

222. Wolkendorf b. Schässb. 214 , 202 

223. Ungersdorf 202 „ 207 

224. Werd 201 , 204 

225. Enyed 200 , 229 



Ueber 100 Seelen 9 Gemeinden: 



226. 
227. 
228. 
229. 
*230. 
231. 
232. 
233. 
234. 



Rosch . 
Bell . . . 
Moritzdorf . 
Taterloch . 
Felsendorf . 
Ludwigsdorf 
Tatsch . . 
Micheladorf . 
Wassid . . 



198 gegen 185 



195 
185 
185 
183 
165 
155 
113 
104 



184 
153 
173 
161 
164 
119 
111 
88 



Unter 100 Seelen 7 Gemeinden: 



235. Schmiegen . 

236. Torda . . 

237. Engenthal . 

238. Puschendorf 

239. Niedemeudorf 
*240. Bürgesch 

241. Jakobsdorf bei Mediasch 



94 gegen 84 

91 , 103 

89 , 84 

87 . 90 

76 , 81 

75 „ 57 

41 . 33 



34 
71 
22 
3 
69 



29 
36 
38 
6 
16 
13 

17 
11 

30 
28 

48 

12 



13 
11 
32 
12 
22 

1 
36 

2 
16 



10 
5 



18 

8 



5 

3 

29 



12 

3 
5 



919 
1230 

571 
1003 
8167 



380 

1730 

1056 

1049 

372 

375 

797 

2759 

414 

556 

1673 

430 

1490 

359 

248 

1018 

660 

5 932 



526 
1032 
411 
956 
292 
840 
444 
665 
546 



743 
11079 
275 
516 
945 
1021 
347 



35,15 
26,10 
55,69 
31,11 
3,78 



76,31 
16,71 
27.37 
56,47 
69,35 
68,80 
31,12 

8,16 
57.97 
42.27 
19,66 
52.33 
14,56 
60,17 
86,69 
19,84 
30,45 

3,37 



37,64 

18.89 

45,01 

19,35 

62,67 

19,64 

34,90 

16,9 

17,21 



12,65 
0,83 

32,36 

16,86 
8,04 
7,35 

11,81 



51] 



Volksstatistik der Siebenbürger Sachsen. 



51 



Von sämtlichen 241 Gemeinden zeigen 58 (einschliesslich der 
Städte) einen Rückgang des Deutschtums. Dagegen lässt sich in 
183 Ortschaften ein Zuwachs verzeichnen. 

Die Abnahme betrug von 1880—1890 in den 58 Gemeinden 3 277 Seelen 
Der Zuwachs „ , , , , . 183 , 11902 . 

Eine Abnahme über 1 ^/o jährlich findet sich jedoch nur in 
7 Orten, und zwar in: 



Periode 1880—1890 



abgenommen 



jährl. 7o 



*1. Irmesch . . . . 
2. Kronstadt (Stadt) . 
*3. Enyed (Strassburg) 
*4. Nimesch ... 
*5. Reichesdorf . . . 

6. Torda 

7. Tartlau . . . , 



138 

911 
29 
64 

113 
12 

253 



1.62 
1,28 
1,26 
1,26 
1,16 
1,16 
1,09 



Bei ßeichesdorf, Nimesch und Kronstadt hat die Auswanderung 
die Abnahme hervorgerufen. 

Ueber 0,50 ®/o Verlust der deutschen Bevölkerung lässt sich an 
10 Orten nachweisen, von denen die Hälfte ebenfalls zu denen zählt, 
welche Auswanderer nach Amerika abgegeben haben. 

Betrachten wir die Städte und Landgemeinden für sich, so zeigt 
sich, dass die Städte an der ganzen Abnahme von 0,58 ^/o jährlich mit 
0,27 ^/o teil haben, mithin im Verhältnis zu ihrer deutschen Einwohner- 
zahl gegenüber der der Landgemeinden den grösseren Teil der Ab- 
nahme für sich in Anspruch nehmen. 

Im einzelnen gestaltet sich Ab- und Zunahme in den sächsischen 
Städten im letzten Zeiträume von 1880 — 1890 also: 



Städte 




Hermannstadt .... 
Kronstadt mit Bartholomä 

Schässburg 

Bistritz 

Mediasch 

SächBisch-Reen .... 

Möhlbach 

BrooB 



10384 
8444 
4757 
4241 
3306 
3149 
2 072 
988 



10382 
7 546 
4956 
4 793 
3024 
3032 
2 019 
1001 



Zunahme (+) 

Abnahme ( — ) 

in der Zeit von 

1880—1890 



in 7o 



— 0,02 

— 10,64 
-^ 4,18 
-f 13,02 

— 8,53 

— 3,72 

— 2,56 
+ 1,32 



jährlich Zu- 

und Abnahme 

in der Zeit von 

1880—1890 

in > 



— 0,002 

— 1,06 
+ 0.41 
+ 1.30 

— 0,85 

— 0,37 
-0,25 
+ 0,13 



52 Fr. SchuUer. [52 

Günstiger als in der früheren Periode von 1851 — 1880 stehen: 

1880—1890; 1851—1880: 

Schaaabury . . . 0,427ii (a. B.) 0,27 °/e jAbH. (a. B.) 

Bietritz .... 1.32 , , , 1,05 . . 

Ungfinstiger als früher, ohne jedoch eine Abnahme zu zeigen, 
stellt in der letzten Periode von 1880 — 1890 Broos. Die jährliche 
Zunahme daselbst betrat 0,13 V. während sie in der früheren, von 
1851—1880, 0.58 ''/o jährlich ausmachte. 

Eine kleine Abnahme stellt sich bei Hermannstadt ein, über 
1 ",u bei Kronstadt, unter 1% bei Mediasch, Sächsisch-Reen und 
Mülilbach. 

Vergleichen wir das Wachstum beziehentlich den Rückgang 
der Städte in der letzten Periode mit dem früheren, so stellt sich 
folgendes Ergebnis heraus: 

1765— 1S51 Zunahme 0,387« (a. B.) 
l^r.l- 1880 , 0.5.5 . , . 

1680—1890 , 0,24 . . , 

Einen Anlauf zum Aufblühen des sächsischen Elementes machen 
die sächsischen Städte in der zweiten Periode und zwar, wie früher 
bemerkt wurde, in ihrem ersten Teile ; seit dieser Zeit ist das Leben 
für den sächsischen Gewerbsmann in den Städten immer schwerer 
geworden. Er hat im Konkurrenzkämpfe , der von allen Seiten auf 
ihn anstürmt, nicht gesiegt. Dazu kommt noch, dass einzelne Ge- 
werbe und Industriezweige, welche immer in den Händen der Sachsen 
waren, seit der Mitte der achtziger Jafare, wo der Zollkrieg der öster- 
reichisch-ungarischen Monarchie mit Rumänien begann, fast ganz zu 
Grunde gegangen sind und der sächsische Gewerbsmann die Aus- 
wanderung nach dem benachbarten Staate Rumänien, wo er sein Hand- 
werk mit Aussicht auf Gewinn ausüben kann, wo er überdies be- 
deutende Unterstutzungen durch die rumänische Regierung, die ihr Land 
auf jede Weise in gewerblicher wie industrieller Beziehung auf eigene 
Füsse stellen und vom Auslande frei machen will'), dem Leben in 
der alten Heimat vorzieht, da er in dieser in absehbarer Zeit nicht 
mehr auf eine ihn erhaltende Arbeit rechnen zu können glaubt. 

Besser als in der früheren gestaltet sich das Wachstum der 

sächsischen Landgemeinden in der letzten Periode. Es beträgt nämlich 
8790 Seelen, d. i. 5,(1 "d oder jährlich 0,59 "/o- Mit den beiden früheren 
Zeiträumen verglichen, zeigt sich ein günstigeres Ergebnis in Bezug 
auf die zweite (jährliche Zunahme 0,12 "/o), ein ungünstigeres in Bezug 
auf die erste {jährliche Zunahme 0,61 V)- Einen Rückgang von mehr 
' i 1 V finden wir nur in 4 Landgemeinden. 

') Vgl. Gesetz zur Hebung der Nationalindustrie in Rumänien. Kund- 
^macbt im amtlichen Monitor vom 12.— 24. Mai 1887, ins Deutsche Übersetzt von 
chnav: Oa« rumänischeHandelsgesetzbuch vom Jahre 1887. Bukarest 1887. 
1 Thiele und Weiss. 




53] 



Yolksstatistik der Siebenbürger Sachsen. 



53 



Es sind dies Irmesch, Reichesdorf, Tartlau und Nimesch. Prof. 
Meltzl hat für den Zeitraum von 1873 — 1883 in seiner früher er- 
wähnten Arbeit bei 8 Landgemeinden einen Rückgang über 1 ^/o nach- 
gewiesen, und zwar in Ludwigsdorf, Werd, Fehnern, Dürrbach, Burghalle, 
Bumes, Niedereidisch und Moritzdorf ^). Alle diese Orte zeigen in 
unserer Periode entweder gar keine Abnahme oder nur eine geringere 
als l^/o. Die Ursache des Rückganges in diesen 8 Orten war somit 
Torübergehender Natur. 

Ueber 0,50 ®/o nahmen folgende 10 Gemeinden ab : 



Periode 188 0— 18 9 



Abgenommen 
um Seelen 



Jähr]. Ab- 
nahme 

in Vo 



Mönchsdorf 

WaJtersdorf . 

*Brenndorf . . 

^Grossschenk 
Heidendorf 

♦Repa . . . . 

Magarei . . . 
Niedemeudorf 

Lescbkirch . . 

♦Tarteln . . . 



37 

51 

122 

123 

54 

114 

26 

5 

34 
23 



0,94 
0,90 
0,83 
0,82 
0,82 
0,78 
0,62 
0.61 
0,57 
0,52 



Bedeutend grösser als die Zahl derjenigen Gemeinden, welche 
im letzten Zeitraum einen Rückschritt im Deutschtum gemacht hat, 
ist diejenige, die ein Wachstum verzeichnet. 

Es haben nämlich um mehr als l^/o jährlich 71 Gemeinden mit 
Einschluss der beiden nicht deutschen Charakter tragenden Städte 
Elausenburg und Earlsburg zugenommen. 

Diese Gemeinden sind: 



Periode 1880—1890 



Zunahme 



Jährl. Zu- 
nahme 

in 7o 



1. Klausenburg . 

*2. Bulkesch . . 

*3. Bürgeacb . . 

4. Tatach . . . 

5. Karlfiburg . . 

6. Eleinblasendorf 

7. Schorsten . . 



620 
250 
18 
36 
69 
48 
71 



7.2 
3,2 
3,1 
3,0 
2,9 
2,8 
2,8 



V. Meltzl a. a. 0. S. 240. 



54 



Fr. SchuUer, 



[54 



Periode 1880-1890 



1880—1890 



Zunahme 



Jährl. Zu- 
nahme 

in 7o 



8. 

*9. 

10. 

11. 

12. 

13. 

U. 

15. 
*16. 

17. 

18. 
*19. 

20. 

21. 

22. 

23. 

24. 

25. 

26. 

27. 

28. 

29. 
*30. 

31. 

32. 

33. 

34. 

35. 
*36. 
*37. 

38. 
*39. 

40. 

41. 

42. 

43. 

44. 

45. 

46. 

47. 

48. 

49. 

50. 

51. 

52. 

53. 

54. 

55. 

56. 

57. 

58. 



Jakohsdorf hei Mediasch . 

Kirtsch 

Moritzdorf 

Stolzenhurg 

Maldorf 

Talmesch 

Wassid 

Grossau 

Schönau 

Ratsch 

Marienhurg hei Schässhurg 

Meschen 

Felmem 

Retersdorf 

Reussdorf 

Rumes 

Hamlesch 

Hammersdorf 

Bussd hei Mühlhach . . 

Dunnesdorf 

Baassen 

Waldhütten 

Eirchherg 

Thalheim 

Grosseidau 

Giesshühel 

Schölten 

Eelling ....*.. 
Marktscheiken .... 

Neppendorf 

ürwegen 

Felsendorf ..'... 

Reussen 

Wölz 

Eihesdorf ...*.. 
Deutsch-Zepling .... 
Neudorf hei Hermannstadt 

Kreisch 

Eleinschelken 

Grosspold 

Petersdorf 

Kerz 

Hetißldorf ...... 

Marienhurg hei Kronstadt 

Haschag 

Stein 

Passhusch 

Hahnhach 

Jakohsdorf bei Grossschenk 

Schmieden 

Bonnesdorf 



8 

75 

32 

213 

102 

103 

16 

335 

131 

51 

97 

192 

69 

38 

64 

30 

183 

88 

34 

47 

134 

96 

123 

28 

36 

51 

80 

79 

82 

216 

112 

22 

59 

60 

64 

207 

41 

75 

126 

144 

104 

72 

110 

109 

51 

64 

42 

47 

57 

10 

29 



2,4 
2,0 
2,0 
2,0 
1,9 
1,9 
1,8 
1.8 
1,8 
1,7 
1,7 
1,7 
1,6 
1,6 
1,5 
1,5 
1,6 
1,5 
1,5 
1,5 
1,4 
1,4 
1,4 
1,4 
1,4 
1,4 
1,4 
1,4 
1,4 
1,3 
1,3 
1,3 
1,3 
1,3 
1,3 
1,2 
1,2 
1,2 
1,2 

1, 
1, 
1, 
1, 
1, 
1, 
1, 
1, 
1, 
1, 
1, 
1, 



55] 



Yolksstatistik der Siebenbürger Sachsen. 



55 



Periode 1880 — 1890 



1880—1890 



Zunahme 



jährl. Zu- 
nahme 

in 7o 



59. 

60. 

61. 

62. 

63. 

64. 

65. 
*66. 
♦67. 

68. 

69. 

70. 

71. 



Abtsdorf bei Mediasch 
GroBsalisch .... 
Schellenberg .... 

Seiden 

Grosspropstdorf . . . 

Streitfort 

Rothbach 

Pretai 

Almen 

Rauthai 

Eleinalisch .... 

Tomen 

Grossscheuem . . . 



49 
112 
48 
101 
88 
68 
45 
62 
35 
37 
57 
36 
50 



14 
1,1 
1,1 
1,0 
1,0 
1,0 
1,0 
1,0 
1,0 
1,0 
1.0 
1,0 
1,0 



Fassen wir das Resultat unserer Untersuchungen kurz zusammen, 
so ergiebt sich bezüglich der sächsischen Oesamtbevölkerung eine aus 
früher erörterten Gründen langsame, jedoch nicht vereinzelt dastehende 
Zunahme. Dasselbe gilt für die Landgemeinden. Bezüglich der Städte 
mit vorwiegend deutschem Charakter zeigt sich eine nicht ganz un- 
wesentliche, durch Auswanderung veranlasste Abnahme des deutschen 
Elementes, über deren zu- oder abnehmende Tendenz für die Zukunft 
kein Schluss gemacht werden kann, doch kann deshalb immerhin auch 
heute noch die Behauptung Meltzls ^) als vollkommen zu Recht be- 
stehend angesehen werden : dass hinsichtlich des Bestandes der Sachsen 
in Siebenbürgen, was ihre Propagationsfähigkeit anbelangt, keine Ur- 
sachen zu Besorgnissen vorliegen. 



») V. Meltzl a. a. 0. S. 244. 



^ 



> 



& 

VOLKSTÜMLICHES 



DER SIEBENBÜRGER SACHSEN. 



VON 

0. Wittstock, 

GymnasiaHehrer in Hermannstadt. 



DIE MUNDART 



DER SIEBEKBÜRGER SACHSEN. 



VON 

Di^- A. Scheiner, 

HädeheDBcbnldirektor in Hediasch. 



Mit zwei Lichtdruckbildern. 



«=& 



STUTTGART. 
VERLAG VON J. ENGELHORN. 

1895. 



! 



Drnck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart. 



Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. 



Von 



Gymnasiallehrer 0. Wittstock. 



Inhalt. 



Seite 

Einleitung 5 [61] 

I. Seelenglaube und Seelenkult 7 [63] 

II. Der Maren- und Dämonenglaube 12 [68] 

ni. Der Götterglaube 15 [71] 

IV. Volkstümlicher Glaube und Brauch bei Geburt und Taufe. . 19 [75] 

1. Schwangerschaft und Geburt 19 [75] 

2. Die Taufe 25 [81] 

V. Die Bruderschaft 29 [85] 

VI. Volkstümlicher Glaube und Brauch bei Verlobung und Hochzeit 32 [88] 

VII. Die Nachbarschaft 44 [100] 

VIII. Volkstümlicher Glaube und Brauch bei Tod und Begräbnis . 47 [103] 

IX. Festgebräuche 54 [110] 

1. Mittwinter • . . 54 [110] 

2. Fasnacht 55 [111] 

8. Ostern 56 [112] 

4. Pfingsten 56 [112] 

5. Johannistag 56 [112] 

X. Sächsische Bauerntracht 58 [114] 

1. Männertracht 58 [114] 

2. Frauentracht 58 [114] 

XL Das sächsische Bauernhaus 60 [116] 

XII. Sage 61 [117] 

XIII. Das Volkslied 68 [124] 

XIV. Littei-atur 71 [127] 



Einleitung. 



Ein Blick auf die ethnographische Karte Ungarns zeigt uns, 
dass die Sachsen nicht in kompakter Masse im Lande sitzen, sondern 
in drei Sprachinseln zeifallen. Die grösste derselben, das eigentliche 
Sachsenland, ist ein schmaler Landstrich, der fast parallel mit der 
Südgrenze Siebenbürgens läuft, im Norden liegt das Nösnerland mit 
dem Zentrum Bistritz und im Südosten das Burzenland, Kronstadt 
als Mittelpunkt. Mit Ausnahme Hermannstadts und der genannten 
zwei Provinzialstädte tragen einige grössere sächsische Orte das Ge- 
präge kleiner Landstädtchen, die Hauptmasse des Sachsenvolkes aber 
sitzt in 227 Landgemeinden, die vom Verkehr nicht viel berührt sind 
(s. Statistik der sächsischen Landbevölkerung in Siebenbürgen von 
Dr. Oskar v. Metzl, Archiv des Ver. f. siebenb. Landeskunde, 20. Bd., 
2. u. 3. Heft, S. 215 — 510). Alle von Sachsen bewohnten Gruppen sind 
stark durchsetzt von ansässigen romanischen Elementen, grenzen viel- 
fach an das magyarische Sprachgebiet an und zeigen in Tracht, 
Dialekt, Sitte und Brauch mancherlei Abweichungen. Rechtlich aber 
und territorial haben sie seit Jahrhunderten bis vor kurzem ein ein- 
heitliches, stramm gegliedertes Gemeinwesen gebildet, das sich durch 
seine Individualität schroff von der fremdnationalen Umgebung abhob 
und das durch sieben Jahrhunderte Zusammenlebens unter sich zu 
einem Ganzen verkittet wurde. 

Trotzdem die Ansiedelung auch zu militärischen Zwecken an- 
gelegt ward, zeigt sie durchaus den Charakter einer Bürger- und 
Bauernkolonie, den sie auch gegenwärtig noch nicht verloren hat, ent- 
sprangen die Einwanderer doch dem kräftig aufblühenden Bürger- 
und Bauernstande des westlichen Deutschlands, das gerade in der 
Mitte des 12. Jahrhunderts , also zur Zeit der Kolonisierung Sieben- 
bürgens, den Kampf gegen den adeligen Grundherrn begonnen hatte. 
Jenen feinen Differenzen, die sich im Volkstum der einzelnen An- 
siedelungspartieen zeigen, nachzuspüren und dadurch vielleicht deut- 
licheres Licht auf die Herkunft der Kolonisten im einzelnen und auf 
die Ansiedelungsgeschichte selbst zu werfen, mag Aufgabe der heimischen 



62 0. Wittstock, Volkstümliche« der Siebenbürger Sachsen. [6 

Spezialforschung sein, wir aber können mit Uebergehung dieser Ab- 
weichungen, die im Gesamtbilde keine Verschiebung hervorbringen, 
recht wohl die Siebenbürger Sachsen als gleichartige Einheit betrachten. 
Man darf annehmen, dass in den ersten Jahrzehnten nach der Ein- 
wanderung zwischen den Kolonisten ein gegenseitiger Ausgleichs- 
und Assimilierungsprozess begonnen hatte, der erste Schritt zur Ent- 
wickelung einer selbständigen Nation. Dieser Austausch, der auch 
jetzt noch nicht abgeschlossen ist, muss auf Dialekt, Volksglaube und 
Sitte im Laufe der Zeit bis zu einem gewissen Grade gleichmachend 
gewirkt haben, wobei er durch die ihn begleitende gleiche geschicht- 
liche Entwickelung des Gesamtvolkes unterstützt wurde. Demnach 
können wir den Besitz unseres Volkstumes als ein Ganzes betrachten 
und daraufhin prüfen, wie weit sein Ursprung vor der Einwanderung 
liegt, oder ob er ein Teil unserer hiesigen Entwickelung ist, die unter 
fortwährendem Einflüsse des Mutterlandes stattfand. Bei diesem innigen 
Zusammenhange mit Deutschland handelt es sich aber nicht nur 
um periodenweise einfache Debernahme deutschen Erwerbes, sondern 
auch um ein Verarbeiten und Aneignen desselben. Demnach setzt 
sich unser Volkstum zusammen aus den gewiss geringen Ueberresten 
des vor 700 Jahren mitgebrachten Erbes, aus den Niederschlägen einer 
hier zugebrachten Entwickelung und geschichtlichen Vergangenheit, 
die unter dem modifizierten Einflüsse deutschen Geisteslebens stand 
und die gleichzeitig die gewaltige Einwirkung der uns umgebenden 
fremden Elemente aufzuweisen hat. 

An die Spitze der folgenden kurzen Zusammenfassung des Volks- 
tümlichen in Glaube, Brauch und Volksdichtung der Sachsen, die sich 
vorwiegend auf das schon gedruckte Material einer Reihe eingehender 
Arbeiten aufbaut und die bloss eine vollständige Zusammenstellung 
des bisher auf diesem Gebiete Gearbeiteten sein will, stellen wir eine 
üebersicht über den Seelenglauben, den ältesten und doch auch gleich- 
zeitig jüngsten Teil unseres Volksglaubens, da er nicht nur ein 
Produkt der Vergangenheit, sondern unmittelbar dem Menschen und 
seiner Umgebung entnommen, auch einer steten Neuerzeugung unter- 
worfen ist. 



I. Seelenglaube und Seelenknlt 

Seelenkalt. Vortrag von Dr. A. Schullerus. Hermannstadt, Drotleff, 1892, 
15 S. 

Zur Volkskunde der Siebenbürger Sachsen. Kleinere Schriften von Josef 
Hai trieb. In neuer Bearbeitung herausgegeben von J. Wolff. Wien, 
Graeser, 1885, XVI u. 335 S. 

Volkstümlicher Glaube und Brauch bei Tod und Begräbnis im Siebenbürger 
Sachsenlande. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte von Georg Schuller. 
2 Teile. Programm des evangel. Gymnasiums in Schässburg. Kronstadt 1863, 
VIII u. 67 S., und Hermannstadt 1865, VII u. 78 S. 

Volkstümlicher Glaube und Brauch bei Geburt und Taufe im Siebenbürger 
Sachsenlande. Ein Beitrag zar Kulturgeschichte von Joh. Hillner. 
Programm des evangel. Gymnasiums zu Schässburg, 1877. Kommissions- 
verlag von Fr. Michaelis. Hermannstadt, 52 S. 

Siebenbürgische Sagen. Gesammelt und herausgegeben von Friedrich 
Müller. Kronstadt 1857. Gott, XXXII u. 424 S. Zweite veränderte 
Auflage. 1885. Wien, Graeser. Hermannstadt, Krafft, XXXVIII u. 404 S. 

Deutsche Volksmärchen aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen. Gesammelt 
von Josef Haltrich. Berlin 1856. Springer. XX u. 337 S. Zweite Auf- 
lage. 1876. Dritte Auflage. Wien 1882. Graeser. XVI u. 316 S. 

Beiträge zur Geschichte des Hexen glaubens und Hexenprozesses in Siebenbürgen 
von Friedrich Müller. Braunschweig, Schwetschke u. Sohn, 1854. 77 S. 

Mühlbächer Hexenprozesse. Von JuliusKootz. Programm des evangel. ünter- 
gymnasiums in Mühlbacfa. Hermannstadt, Krafft, 1883, S. 1—20. 

Eine Kirchenvisitution. Beitrag zur Kulturgeschichte der Sachsen im 17. Jahr- 
hundert. Von G. D. Teutsch. Archiv des Vereins für siebenb. Landeskunde. 
N. F., m., S. 1. 

Korrespondenzblatt des Vereins f. siebenb. Landeskunde. Hermannstadt 1878 ff. 

A hegyek kultusza Erd^ly nepein^l. Egy etDOgrafus-turista väzlataiböl. Dr. Herr- 
mann Antaltöl. Klausenburg 1893. (Höhenkult bei den Völkern Sieben- 
bürgens. Aus den Skizzen eines Ethnographen und Touristen. Von Dr. Anton 
Herrmann.) 

Neue Beiträge zur Volkskunde der Siebenbürger Sachsen. Von Dr. H. v. Wl i s 1 o c k i. 
Ethnologische Mitteilungen aus Ungarn. Herausgegeben von Dr. Anton Herr- 
mann, m, S. 38-46. 

Tod und Totenfetische im Volksglauben der Siebenbürger Sachsen. Von dem- 
selben. Am Urquell, IV., Heft 1—4. 

Sitte und Brauch der Siebenbürger Sachsen. Von demselben. Hamburg 1889, 
36 S. Sammlung gemeinverst. wissensch. Vorträge, herausgegeben von Virchow- 
Holtzendorff. N. F., 63. Heft. 

Durchaus analog dem germanischen überhaupt denkt sich auch 
unser sächsischer Volksglaube die Seele als ein vom Leibe loslösbares, 



64 0. Wittstock, [8 

unkörperliches Wesen, das durch den Tod seine Trennung vom Körper 
findet. Dabei ist Identifikation der Seele mit dem sichtbarsten Lebens- 
zeichen, dem Atem, Hauch, die erste volkstümliche Vorstellung, auf 
die wir stossen. Auf sie ist die Yolkssitte zurückzuführen, dass man 
das Fenster öffnet, wenn jemand gestorben ist, damit die Seele hinaus- 
fliegen könne (Schuller S. 40). 

Bei Geburt eines Kindes gebietet der Volksglaube Thüren und 
Fenster zu schliessen (Hillner S. 24), wohl aus der volkstümlichen 
Anschauung heraus, dass die Seele dadurch keine Gelegenheit erhalte, 
zu entweichen. Da dieselbe als bewegter Hauch gedacht wird, ent- 
steht der Glaube, dass eine plötzlich entweichende Wind erregt. 
Daher der bei uns allgemeine Aberglaube, dass Sturm entstehe, wenn 
sich jemand erhängt hat (Haltrich-Wolff S. 309). Kehren Seelen Ver- 
storbener wieder heim, so geschieht es in Gestalt eines heftigen Windes, 
der die Fenster des Hauses öffnet (Marienburg), und ihre Anwesenheit 
merkt man an dem unruhig flackernden Lichte. Um sie von der Rück- 
kehr abzuhalten, wird der Leichnam von Selbstmördern durch ein 
Loch in der Wand hinausgetragen oder unter der Thürschwelle durch- 
gezogen. Damit die Seele nicht an irgend etwas hängen bleibe, was 
mit dem Leichnam in Berührung gebracht wurde, schüttet man das 
Wasser, welches zur Reinigung des toten Körpers verwendet wurde, 
an einen abgelegenen Ort oder dem Nachbarn „in den Grenzfrieden* 
und wirft ebendahin die bei dem Waschen gebrauchten Tüchelchen 
und die Scherben der absichtlich zerbrochenen Waschschüssel (Schuller 
S. 43). 

Die zweite Vorstellungsform, welche die Seele in unserem Volks- 
glauben annimmt, ist die des Schattens. Wenn ungetaufte Kinder 
sterben, so kommen dieselben in den „Frau-Holda-Reigen*, wo sie 
im Frühling und Herbst zur Tag- und Nachtgleiche mit Gesang und 
Geräusch über ihren Geburtsort hinziehen. Wer im Mondschein von 
ihrem Schatten berührt wird, verfällt in die schwere Krankheit (Epi- 
lepsie) oder wird gelähmt (Hillner S. 28). Mauert man bei dem Bau 
eines Hauses den Schatten eines Vorübergehenden ein, so ist das Haus 
fest und sicher vor Feuersgefahr, jener aber muss sterben. 

Erlischt das Lebenslicht im Menschen, so bleibt der kalte, starre 
Leichnam zurück, deshalb wird die Seele häufig als Licht oder Feuer 
gedacht. Will man einen Ertrunkenen finden, so stellt man ein Licht 
in ein gehöhltes Brot, setzt dasselbe auf das Wasser und lässt es 
fliessen; wo das Licht erlischt oder das Brot stille steht, dort ist die 
Stelle, an der sich der Ertrunkene befindet (Haltrich-Wolff S. 309). 
Die Seele sucht den verlorenen Körper. 

Neben der Vorstellung von der Seele als Licht, Schatten, Hauch 
oder weisses, unkörperliches und unförmliches Wesen kennt unser 
Volk auch die Verwandlung derselben in Tiergestalt. Dass sie eine 
weisse, zum Himmel fliegende Taube sei, ist unter christlichem Ein- 
flüsse entstanden. Daneben finden wir sie aber auch als Biene, die 
binnen 24 Stunden zum Himmel wandert. Hiemit im Zusammenhang 
muss wohl stehen, dass der eingetretene Tod des Hausvaters von der 
Hausfrau den Bienen angezeigt wird, indem dieselbe an jeden Stock 



91 Volkstümliches der Siebenburger Sachsen. 65 

klopft und dabei die Worte: »Dein Herr ist gestorben*, spricht 
(Schuller S. 42). In einigen Einderliedern erscheint die Seele eben- 
falls als Insekt, zumal als Marienkäferchen; einmal in einer Sage 
(Müller, Sagen, Nr. 214) als Mücke. 

Weniger geläufig ist unserem Volksglauben die Personifikation 
der Seele als Maus, Wiesel, Kröte, schwarzes Hündchen, obwohl auch 
sie anzutreffen ist. Zweifellos am yerbreitetsten ist die Vorstellung, 
dass die Seele nach dem Tode eine Gestalt annimmt, die jenem Körper 
gleicht, den sie einst bewohnte. In Menschengestalt kommt der Tote 
dann wieder auf die Erde, „er kommt heim'', meist um andere mit 
in das Grab zu nehmen. Sieht ein Kranker seine verstorbenen Vorfahren 
an seinem Bette vorüberwandeln, so stirbt er bald (Schuller S. 29). 

Menschen, die zu ihren Lebzeiten Schätze vergraben haben, 
ohne jemandem etwas davon zu verraten, müssen so lange umgehen, 
bis der Schatz gehoben wird. Da die Wiederkehr der Seele ein 
Zeichen ist, dass sie den ewigen Frieden jenseits des Grabes nicht 
gefunden hat, so ist die verbreitetste Ansicht die, dass ihre Rückkehr 
die Strafe für ein schweres Verbrechen bilde. Namentlich Mord und 
Geiz zwingen die Seele zum „Umgehen", bis dass durch die That 
eines Beherzten ihre Erlösung erfolgt. Auch wer das schwere Ver- 
gehen der Grenzverletzung zu seinen Lebzeiten beging , muss als 
Feuermann oder Irrwisch nach dem Tode zurückkehren, bis er sein 
Unrecht wieder gut gemacht (s. J. Wolff : Der Grenzfrevel in deutscher 
Rechtsanschauung. Korrespondenzbl. des Ver. f. siebenb. Landesk., 1882, 
S. 133). 

Die Vorstellung von einem jenseitigen Wohnorte der Seele, 
einem Seelenheim, entlehnt unser Volksglaube dem Christentum. Aus 
jenem — der Hölle oder dem Himmel — kommen die Toten auf die 
Erde zurück, zumal in der Neujahrsnacht, wo sie in der Kirche Gottes- 
dienst halten (Schuller S. 23). 

Unsere reichhaltige Gespenstersage, die zweifellos im sächsischen 
Volke fortwährend neu belebt wird durch den Verkehr mit den aber- 
gläubischen Romanen, zeigt als vorwiegenden Zug unseres Seelen- 
glaubens das Grauen und die Furcht vor dem Toten und dem Tode 
selbst. Demnach hat natürlich vorwiegend die abwehrende Seite des 
Seelenkultes in erster Reihe Erhaltung und Ausbildung gefunden. Reich 
ist die Reihe der Mittel, welche unser Volksglaube anwendet, um die 
Rückkehr der Seele zu hindern. Dem toten Körper werden Augen und 
Mund zugedrückt, damit der Seele die Eingänge in denselben geschlossen 
bleiben. An der Ausstattung des Toten darf sich kein Knoten befinden, 
sonst knüpft man denselben an dieses Leben, so dass er keine Ruhe im 
Grabe findet (Schuller S. 63). Während der Gestorbene auf der Toten- 
bank liegt, gehen die Verwandten dreimal um ihn herum und berühren 
bei jedem Umgange die grosse Zehe eines seiner Füsse. Die kleineren 
Kinder werden dreimal über den Toten hinübergehoben, damit er nicht 
heimkomme (ebenda S. 64). Demjenigen, welcher dem Pfarrer die 
Todesanzeige erstatten soll, muss man vorher zwei Becher Wein zu 
trinken geben, sonst kommt der Gestorbene in der Nacht zurück, 
begiebt sich in den Keller und richtet den Wein so zu, dass er keinem 



66 0. Witistock, [10 

Käufer schmeckt (Schuller S. 64). Der Leichnam wird aus dem Hause 
mit den Füssen voran hinausgetragen, Selbstmörder zog man früher 
unter der Thorschwelle hinaus, beides, damit von der Seele der Rückweg 
in das Haus nicht gefunden werde. Angebliche Hexen wurden früher 
nochmals ausgegraben und ihnen ein Pfahl durch die Brust geschlagen, 
sowie der Mund mit Erde verstopft. Auf die Stelle, wo ein Mord 
geschehen ist, muss man im Vorbeigehen Reisig, Steine oder Erde 
werfen, damit der Gemordete Ruhe finde. 

Zu den Vorsichtsmassregeln, durch welche der Seele die Rück- 
kehr erschwert wird, gehört auch die, dass man alles entfernt, woran 
dieselbe haften bleiben kann. Die Gegenstände, welche bei der Reinigung 
des Leichnams verwendet wurden, müssen vernichtet werden; die 
Kleider, in welchen jemand gestorben ist, werden weggeworfen oder 
Zigeunern verschenkt, hie und da legt man sie auch dem Toten in 
den Sarg, „sonst stirbt auch der, welcher sie nachher trägt*'. 

Ueberhaupt erlangt der Tote über jene, welche sich etwas 
aneignen, was im Augenblicke des Todes zu seinem unmittelbaren 
Besitz gehörte, die Macht, sie nachzuziehen. Kinder dürfen nicht 
den Namen ihrer verstorbenen Geschwister erhalten, sonst folgen sie 
ihnen in das Grab. Umgekehrt darf aber auch der Tote kein Eigentum 
einer lebenden Person in den Sarg mitnehmen, zieht man ihm z. B. 
das Hemd einer solchen an, so siecht dieselbe dahin, bleiben Steck- 
nadeln an der Kleidung oder Ausstattung des Leichnams zurück, so 
stirbt ein weiteres Familienmitglied. 

Der Ort, an welchem die Seele am sichersten ihren Frieden 
findet, ist die Kirche selbst und ihre geweihte Umgebung. Darum 
begrub man bis zur Wende dieses Jahrhunderts im Sachsenlande in 
das Chor der Kirche und in den von Ringmauern umgebenen Kirchhof. 
Erst unsere jüngsten Forschungen auf volkstümlichem Gebiete (s. Schulle- 
rus: Zur Sagenkunde. Korrespondenzblatt d. Ver. f. siebenb. Landes- 
kunde, 1891, S. 25 — 29), haben zur Entdeckung eines weitverbreiteten 
Werwolfglaubens unter unserem Volke geführt. An die Stelle des 
Wolfes tritt in den siebenbürgischen Erzählungen ein grosser weisser 
Hund. So verlockend es ist, in diesem Teile unseres Volksglaubens 
von den Komänen entlehntes Gut zu sehen, da der Sachse für Wer- 
wolf nur die aus dem Romanischen übernommene Bezeichnung Priku- 
litsch kennt, spricht doch die auffallende Aehnlichkeit, welche unsere 
Werwolfsage mit der luxemburgischen aufweist, dafür, dass wir hier 
deutsches Eigentum haben. 

Auch Reste der Seelenpfiege und des Ahnenkultes weist unser 
Volksglaube auf. Die Seele verlässt die Erde erst dann, wenn man 
„in den Himmel'' läutet, d. h. in dem Augenblicke, wo der Sarg unter 
Glockengeläute aus dem Hause gehoben wird. Demnach ist die all- 
gemein übliche Totenwache eine Bewachung des Leichnams, um die 
Rückkehr der Seele zu hindern, der auch dadurch gewehrt wird, dass 
die ganze Nacht hindurch im Sterbezimmer das Licht brennt. Gleich 
der Bewachung des Toten ist das Leichenmahl, das Opferfest für die 
Seele des Verstorbenen, und die Totenklage durchaus gebräuchliche 
Sitte auf Sachsenboden. 



11] Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. 67 

Was sonst noch an Seelenkult bei den Sachsen sich findet, be- 
zieht sich auf jene Tiere, welche als Personifikation der abgeschiedenen 
und wiederkehrenden Seele gelten. Die Ringelnatter wird, als Haus- 
schlange, besorgt und gefüttert, damit sie das Haus vor Feuer und 
Unglück bewahre. Auf jedem Hofe befindet sich, dem Volksglauben 
nach, eine Natter, wenn man dieselbe umbringt, so stirbt der ganze 
Hof aus (Haltrich-WolflFS. 310). 

„In dem Hause eines sächsischen Dorfes geht eine Kröte aus 
und ein, die von den Bewohnern freundlich behandelt und für die 
unlängst verstorbene Hausfrau angesehen wird*' (SchuUerus, Seelen- 
kult, S. 10). 

Die Vorstellung, dass die von dem Körper getrennte Seele den 
Lebenden feindlich nachstellt, hat eine Reihe Oespenstersagen erzeugt, 
in denen vielfach die wiederkehrende Seele mit dem Alp oder der 
Mare zusammenfliesst , in denen sich also Seelen«^ und Marenglaube 
vermischt. 



n. Der Maren- und Dämonenglanbe. 

Deutsche Mythen aus siebenbürgisch-sächsischen Quellen. Von Friedrich 
WilheimSchuster. Archiv d. Ver. f. siebenb. Landeskunde. N. F., X., 1, 
S. 105. 

Volksglaube und Volksbrauch der Siebenbürger Sachsen. Von Dr. Heinrich 
von Wlislocki. Berlin, Felber, 1893, XIII u. 212 S. 

Das Todaustragen und der Muorlef. Ein Beitrag zur sächsischen Sitte und 
Sage in Siebenbürgen. Sjlvestergabe für Freunde und Gönner von Joh. 
Karl Schuller. Hermannstadt 1861, 18 S. 

Zur Kunde siebenbürgisch-sächsischer Spottnamen und Schelten. Von dem- 
selben. Hermannstadt 1862. 

Agrarische Sitten und Gebräuche unter den Sachsen Siebenbürgens. Von 
GustavAdolfHeinrich. Progr. d. evangel. Unterrealgymn. in Sächsisch- 
Reen. Hermannstadt 1880, 4., 33 S. 

Hillner. Müller, Sagen. Haltrich-Wolff. Korrespondenzblatt lU, S. 2. 



Der Ausdruck Mare ist dem Sprachschatz unseres Volkes verloren 
gegangen; dass er einst zu demselben gehörte, dafür haben wir ein 
Zeugnis in dem sehr gewöhnlichen, aber nicht mehr verstandenen 
Schimpfworte, dass dich der ^muarlaf" d. i. mar-alf (s. Korrespondenz- 
blatt d. Ver. f. siebenb. Landeskunde, 1880, S. 2). Dagegen ist die 
Benennung „olf* üblich. 

Was sich in unserem Volke vom Alpraythus erhalten hat, finden 
wir in einzelnen Redewendungen, in kleinen sagenhaften Erzählungen 
und schliesslich am reichhaltigsten in der stark gepflegten Sage von 
Alfskindern. 

Die Grundlage des ganzen Alpmythus, die Vorstellung vom Alp 
als Geist, der die Erscheinung des Alpdruckes bei dem Menschen hervor- 
ruft, tritt dabei deutlich zu Tage. Als solcher kommt er in der Nacht 
zu den Schlafenden, um sie zu erdrücken, entweicht jedoch, wenn man 
aufschreit oder aufseufzt (Schuster S. 109). 

Gänzlich fehlt unserem Volksglauben der Alp als Buhlgeist. 
Sein Aussehen wird uns verschieden geschildert. 

Als Kobold, der die Schäfer quält, erscheint er in Gestalt eines 
hässlichen kleinen Männchens. Ein anderes Aeussere erhält er in 
der Wechselbalgsage, wo er seine Erscheinung von der des Wechsel- 
balges selbst entlehnt. Lässt man ein Kind unbewacht in seiner Wiege 



13] ö- Wittstock, Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. 69 

liegen, ohne es durch einen Besen, Brot, ein Gesangbuch oder ein 
Messer mit aufwärts gekehrter Schneide zu schützen, so erscheint der 
Alp durch den Schornstein oder das Ofenloch, da er im Wirbelwinde 
einherfliegt (Hillner S. 24), und vertauscht das schöne Kind mit seinem 
eigenen. Um ihn abzuwehren, hängt man eine Sense in den Rauchfang. 

Das Alfskind hat einen sehr dicken Kopf, struppiges Haar, ein 
rimzliges Gesicht, blöde, glotzende Augen, weiten Mund und kurze, 
krumme Arme und Beine. Es lächelt stets wie irrsinnig und kann 
manchmal gleich nach seiner Geburt reden. Beim Trinken beisst es 
die Mutter immer in die Brust. Ebenso wie das Alfskind sieht der 
Alf selbst aus. Durch Misshandlung des Wechselbalges kann man 
den Alf zwingen, jenen zurückzunehmen. Als geeignetes Mittel dazu 
gilt, dem Wechselbalg mit einem grossen Löffel aus einem kleinen 
Geschirre zu essen zu geben. Da der Löffel weder in das Gefass 
noch in den Mund des Kindes hineingehen will, erleidet dasselbe die 
Doppelqual des Hungerns und des ihm zugefügten Schmerzes. Um 
es davon zu befreien, kommt der Alf heimlich in der Nacht, bringt 
das gestohlene Kind zurück und trägt das seine wieder mit sich 
(Müller, Sagen, S. 40). Dasselbe geschieht, wenn man das Alfskind 
mit einem Bleuel unbarmherzig schlägt oder es auf einen Dornenzaun 
setzt und so lange mit Dornen streicht, bis Blut fliesst. Vermag 
man das Alfskind zum Lachen zu reizen, so erfolgt augenblickliche 
Entzauberung. 

Die Anschauung, dass der Alp nicht nur in der Umgebung des 
Menschen, sondern auch in Feld und Wald sich findet, stellt die Ver- 
bindung zwischen dem Alp- und dem Naturdämonenglauben her. 

Als Naturdämon in Tiergestalt stösst uns in unserem Volks- 
glauben zuerst der Drache auf. Derselbe hat die Gestalt eines Heu- 
baumes (Haltrich-Wolff S. 310). Er fahrt im Wirbelwinde daher und 
verpestet durch seinen giftigen Hauch die Luft (ebenda S. 302). Er 
speit im Fluge Feuer, welches aber erlischt, sobald es den Erdboden 
berührt. Manchmal kehrt er durch den Schornstein in das Haus ein 
und lässt Geld oder Feuer zurück. Auch erscheint er in Gestalt eines 
langen Sackes, gestohlenes Korn mit sich tragend, welches er bevor- 
zugten Leuten zuführt. Deutlich erkennen wir in diesen Vorstellungen 
den Drachen als Blitz, welcher erlischt, wenn er die Erde trifft, und 
als verderbliche oder segenspendende Wetterwolke. 

Der vielköpfige, einen Schatz oder eine verzauberte Jungfrau 
bewachende feuerspeiende Drache bildet einen häu&g vorkommenden 
Zug unseres Märchens. Doch hat gerade diese Gestalt selten mythi- 
schen Hintergrund, sondern die Drachenkämpfe unserer Märchenwelt 
sind gewiss vielfach denen der christlichen Legende nachgebildet. 

Gleich dem Drachen stellt auch der Eber die vom Blitz beleuchtete 
Gewitterwolke dar. Dass sich in der Adventssau, dem Gotteseber, 
Christschwein oder Jahresferkel unseres Volksglaubens, die in den 
, Zwölften* umgehen, ein ursprünglicher Naturdämon verbirgt, davon 
ist freilich wenig mehr zu erkennen. Um so deutlicher tritt uns in 
einigen Märchen das Ross als Sturmtier entgegen, scharf geschieden 
von dem achtfüssigen Zauberrosse, welches auf den achtfüssigen Renner 



70 0. Wittstock, Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. [14 

Wodans zurückgeht. Merkwdrdigerweise haben die wilden Raubtiere 
unseres Landes, Bär und Wolf, trotz ihres häufigen Vorkommens, im 
Dämonenglauben des sächsischen Volkes wenig Bedeutung zu erlangen 
vermocht. 

Selbst hier also, wo die Veranlassung nahe lag, ist von einer 
eigenen Entwickelung oder Ausbildung unseres Volksglaubens keine 
Rede, der sich im grossen Ganzen in allem, was er erhalten hat, mit 
jenem des deutschen Volkes deckt. Dasselbe gilt von dem Elben- 
und Riesenglauben. Von dem ersteren, zu dem wir natürlich auch die 
Vorstellung von Zwergen zählen, sind eigentlich nur noch geringe 
Reste in Redewendungen, Flüchen u. s. w. erhalten. Ebenso begegnen 
wir im „armen Heimchen**, dem Buschengel und der Buschmutter, der 
Bach- oder Brunnenfrau, einer Anzahl solcher eibischer Wesen. Die 
Riesen haben im Volksglauben ihren dämonischen Charakter durchaus 
verloren, sie sind in demselben einfach zu historischen Personen ge- 
worden, die an dem Anfange der Geschichte unseres Volkes stehen, 
eines Volkes, das — nach seiner eigenen Vorstellung — körperlich immer 
mehr zurückgegangen ist. Suchen wir in denselben Personifikation 
kolossaler Naturgewalten, so finden wir sie als solche nicht mehr in 
unserem Volksglauben, sondern nur in unseren Märchen, aber auch 
hier nur in einzelnen dürftigen Zügen. 

Uebrigens ist es erklärlich, dass gerade der höhere Dämonenglaube 
dem Volksbewusstsein entschwand. Er ist verdrängt oder aufgenommen 
worden von dem im 15. Jahrhundert durch Kirche und Staat offiziell 
anerkannten Hexenglauben, von diesem hat er sein Gepräge erhalten, 
unter dem Bann desselben steht heute noch unser Volksglaube. Er 
hat eine ganze Reihe auch jetzt noch blühender Hexensagen erzeugt 
oder die vorhandenen dazu umgeändert, und nicht überall ist der 
ursprüngliche Hintergrund so klar erkennbar, wie in den Erzählungen 
von Hexenritten und -umzügen, in welche die Sage von der wilden 
Jagd bei uns vielfach verwandelt worden ist. 



ni Der Götterglaube. 



Zur siebenbürgisch-säcli siechen Mythologie. Yen J. K. Schall er. Blätter für 

Geist, Gemüt und Vaterlandskunde. Kronstadt 1851. 
Vorlesungen über Volksglauben, Volkssitten und Volkssprache der Siebenbürger 

Sachsen. Von demselben. Transailvania 1852, Nr. 1. 4. 
Deutsche Mythen aus sieben bürgisch-sächsischen Quellen. Von Friedrich 

Wilhelm Schuster. Archiv d. Ver. für siebenbürgische Landeskunde. 

N. F., 9. Bd., S. 230—331 u. 401—497. N. F., 10. Bd., S. 65-155. 
Woden, Ein Beitrag zur deutschen Mythologie. Von Fr. Wilh. Schuster. 

Programm d. evangel. Untergymn. in Mühlbach, 1856. 
Kritik des Märchens vom , Rosenmädchen **. Von Fr. Wilh. Schuster 

Archiv d. Ver. f. siebenb. Landeskunde. N. F., 5. Bd., S. 409. 
üeber den in einigen Ortschaften des Sachsenlandes bei Hochzeiten üblichen 

, Rösseltanz •*. Von Fr. Wilh. Schuster. Progr. d. evangel. Untergymn. 

in Mühlbach, 1836, 16 S. 
Zur Kritik des Märchens vom Königssohn und der Teufelstochter (Nr. 26 der 

Haltrichschen Sammlung). Von Fr. Wilh. Schuster. Programm d. 

evangel. Untergymn. in Mühlbach. Hermannstadt, Drotleif, 1869, HS. 
Siebenbürgisch- sächsische Volksdichtungen. — Siebenbürgisch-sächsische Volks- 

lieder, Sprichwörter, Rätsel, Zauberformeln und Kinderdichtungen. Heraus- 
gegeben von Fr. Wilh. Schuster. Hermannstadt, Steinhaussen, 1865, 

XXIV u. 556 S. 
Zur Kritik des Valhöllglaubens. Von A. Schullerus. Halle, Karras, 1886, 51 S. 
Zur Kritik des Rosenmädchens. Von Dr. A. Schullerus. Korrespondenzblatt 

d. Ver. f. siebenb. Landeskunde, 1888, S. 21—28. 
Beiträge zur siebenbürgisch- deutschen Agrargeschichte. Von Job. Wolff. 

Programm des evangel. Untergymn. zu Mühlbach, 1885, 53 S. 
Beiträge zum Fröh-Mythus aus Märe und Sitte der Deutschen in Siebenbürgen. 

Von Andreas Heitz. Programm d. evangel. Untergymn. zu Mühlbach, 

1870. 



Wie bis vor kurzem unsere gesamte Sprach-, Sagen- und Sitten- 
kunde, so stand auch die Forschung auf mythologischem Gebiete 
durchaus unter dem Einflüsse Jakob Grimms. Da sie infolge dessen 
in unserer ganzen Volkstiberlieferung, zumal in den Märchen, den 
Niederschlag des alten germanischen Mythus sah, suchte sie ihre 
Aufgabe vornehmlich darin, aus unserem Volksglauben und -brauch, 
aus Sage und Märchen zusammenhängende Mythengebilde heraus- 
zuschälen und nachzuweisen, wie treu unser Volk in seiner Ab- 
geschiedenheit urgermanischen Götterglauben bewahrt habe. Auf 
diesem Wege war man dahin gelangt, indem man nordisches und 



72 0. Wittstock, [16 

deutsches Eigentum durchaus zusammenwarf, aus unseren Märchen 
eine vollständige Edda zusammenzustellen, ohne das hiezu verwendete 
Material auf seinen Ursprung irgendwie geprüft zu haben. Mit der 
Erkenntnis, dass die Edda nicht volkstümlich sei, musste dieser ganze 
künstliche Bau zusammenfallen. Solange Volksglaube und -Über- 
lieferung, sowie Volkssitte nicht auf das genaueste untersucht worden 
sind, wieweit sie unter christlichem Einflüsse stehen, kann man nicht 
versuchen, germanische Mjthenreste darin aufzufinden. Dazu kommt 
noch, dass man bisher unser Märchen für den zählebigsten, unver- 
fälschtesten Bestandteil unserer Volksüberlieferung gehalten hat. 
Aber eingehendere Besichtigung zeigt, dass gerade solche Märchen, 
in welchen bisher die grösste Verwandtschaft mit der nordischen 
Skaldenpoesie erblickt wurde, auch bei den uns benachbarten Völkern 
vorkommen, somit Entlehnung keineswegs ausgeschlossen ist. 

Man wird nicht irren, wenn man behauptet, dass unsere Volks- 
überlieferung auf diesem Gebiete im ganzen nichts anderes und — 
ausgenommen einzelne Züge — nichts mehr erhalten hat, als die 
deutsche, und dass diese Beste weniger im Märchen als im Volks- 
glauben und -brauch sich finden. Aber weder im einen noch im 
anderen können wir die Himmelsbewohner der skaldischen Poesie 
suchen. 

Unverkennbar tritt uns nur die Gestalt VSTodans aus sächsischem 
Glauben entgegen. Sein Name ist uns allerdings nicht erhalten 
(s. Wolfl^, Beitr. z. Agrargesch. S. 47). Wie das deutsche Volk sieht 
auch das unsere ihn als langbärtigen, einäugigen Mann mit breitem 
Hut und langem, grauem Mantel. In seinem Eigentum befindet sich 
ein Schwert, mit dem man alles erbauen kann, oder eine Büchse, mit 
der man alles trifft, worauf man zielt, und die den Besitzer vor jedem 
Zauber schützt. Ihm gehört das achtfüssige weisse Ross. Durch 
Verleihung seiner Waffe und eines Bosses verhilft er Günstlingen zum 
Siege im Kampf gegen übernatürliche Gewalten (Drachen und Hexen). 
Eine Sage, die von einem schneeweissen Riesen mit einem Galgen 
im Wappen berichtet (Schuster S. 151), scheint die Erinnerung an 
Wodan als Gott der Gehängten zu bewahren (s. SchuUerus, Zur 
Kritik etc., S. 36, Anm.). 

In einer anderen Sage (Schuster, Mythen S. 270), in der der 
Geisterkönig als Wirbelwind auf seinem Wagen daherfährt, mag Wodan 
als Wind- und Wettergott noch erkennbar sein. 

Gewiss ist es eigentümlich, dass unter den verhältnismässig 
reichen Resten der Wodansmythe der ausserordentlich plastische Zug 
dei wilden Jagd nicht stärker hervortritt. Zur Entwicklung einer 
Sage vom wilden Jäger scheint es bei uns nicht gekommen zu sein, 
oder ist dieselbe verloren gegangen. Was davon nach dem bisher 
gesammelten Material in unserem Volke lebt — in welchem Umfange 
wissen wir auch nicht — , ist die Erzählung, dass im Hüllenberge bei 
Kaisd ein Kriegsheer seinen Sitz hat, das jedes Frühjahr donner- 
ähnliches Geklirr und heftiges Rauschen hören lässt. Deutlicher spricht 
eine zweite Sage (Müller, Sagen, S. 62), nach welcher eine Frau, die 
nach dem Vesperläuten noch auf dem Felde arbeitete, von dem 



17] Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. 73 

«schweren Wagen* überrascht wurde, den unsichtbare Leute mit 
lautem Rufen, Schreien und Peitschenknallen antrieben. 

Allerlei günstige Umstände haben eine umfangreiche Sammlung 
sächsischer Zauberformeln ermöglicht (s. Schuster, Volkslieder, S. 285). 
Ein grosser Teil derselben entstammt Aufzeichnungen aus der Mitte 
des 17. Jahrhunderts. Nur bei manchen von ihnen ist es nach- 
gewiesen, dass sie im Volksmunde auch gegenwärtig noch fortleben. 
Diejenigen, die ursprünglich auf heidnische Gottheiten zurückgingen, 
haben an deren Stelle überall die Mutter Gottes, Christus, einen 
Apostel oder St. Martin gesetzt. Einige zeigen auffallende Aehnlich- 
keit mit dem Merseburger Zauberspruch, so dass die Vermutung 
nahe liegt, dass der aus ihnen durch den christlichen Einfluss ge- 
schwundene Gott Wodan gewesen sei. Es sind die folgenden gegen 
das Verrenken angewendeten Formeln (s. Schuster, Siebenb.-sächs. 
Volksdichtungen, S. 316). 

Christus der Herr und der liebe St. Pitter, 
Die reiseten mit einander auf einen Weg. 
Christus der Herr sprach zum lieben St. Pitter: 
kommst du? 
Ich komme nicht, 

meine Adern sind mir krank und lahm. 
Christus der Herr sprach: 
Nimm Schmär und Salz klein, 
schmier alle dein Gebein, 
so werden dir alle Adern 
kommen auf den rechten Statten. 
Er brach es ein mit seiner rechter, gebenedeiter Hand, 
* er gab es denen, die da schmierten. 

Wer war der Arzt? 
Christus der Herr war es selbst; 
er heilt alle Wunden, alle Schmerzen 
nach seinem göttlichen Willen. Amen! 

« 

Gott der Herr und der liebe St. Märten, 

sie ritten über einen grünen Wa«en, 

über einen harten Dosem, 

über einen marmorinnen Stein. 

Da sprach Gott der Herr: 

Märten, komm mir nach! 

«Herr Meister, wie soll ich dir nachkommen? 

mein Röszken ist mir krank. 

Nimm Schmär und Salz klein, 

und schmier dem Röszken sein Gebein, 

so wird es bald heilen, etc. 

Gott der Herr und St. Pitter 
gingen über einen grünen Wasem 
über einen dürren Dosem; 
da zerbrach St. Pitter sein Gebein. 
Lieber Herr Meister, wie soll ich dir nachkommen? 
ich bin worden lahm. 
,Geh und nimm Schmalz 
und klein Salz 

und schmier dir dein Gebein ! 
so wird es dir wieder werden rein.* 
Im Namen etc. 
Fonchimgen zur deutschen Landes- und Volkskunde. IX. 2. 6 



74 0. Wittstock, Volkstfimliches der Siebenbürger Sachsen. [18 

In der Bistritzer Gegend findet auch heute noch folgende Zauber- 
formel gegen das Verrenken Anwendung, die noch viel nähere Verwandt- 
schaft mit dem Merseburger Spruch zeigt, als die soeben mitgeteilten. 
Dieselbe lautet (s. Eorrespondenzbl. d. Ver. f. siebenb. Landesk. 1886, 
S. 55) : 

De motr J§zu geng sen en9 grän9n völt', 

ZQ tröd ov ene murmdlna ste; 

z9 faringkt fij öodar ond baeo. 

EodQr tsa Sodar, bsB^ tsd bse^, 

Mz\x vä, ad aem motrlaev ampfangan vor. 

^m numan gotas, das fuatrs, das fonaz ont helign gestas. 

Man muss sehr vorsichtig sein, in unserem Volksglauben neben 
den deutlichen Spuren der Wodansmythe noch andere Beste germani- 
schen Götterglaubens nachweisen zu wollen. So viel man bei dem 
gegenwärtigen Stand der Untersuchungen sehen kann, wird man kaum 
mehr davon finden als Niederschläge in Sage und hauptsächlich Bede- 
wendungen, die auf Donar deuten, und in Hochzeitsbräuchen vielleicht 
Beste eines Frijakultes. Man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, 
dass Gestalt und Name der Frau Holda erst recht spät auf litterari- 
schem Wege eingewandert und in das Volk gedrungen sei. 



IV. Yolkstttmlicher Glanbe und Brauch bei Geburt und 

Taufe. 

Eine Eindstaufe in den dreizehn Dörfern. Ein Beitrag zur sächsischen Sitten- 
geschichte. Von Fr. Fr. Fronius. Abgedruckt in: Aus Siebenbürgens 
Vorzeit und Gegenwart, S. 24. 

Derselbe: Bilder aus dem sächsischen Bauernleben in Siebenbürgen. Wien. 
Graeser, 1883. XVI u. 252 S. 

Hillner, Haltrich-Wolf f. 



1. Schwangerschaft und Geburt. 

Es ist leider Thatsache, dass die Vermehrung der sächsischen 
Bevölkerung eine sehr geringe ist, die Ursache dieser betrübenden 
Erscheinung liegt aber nicht allein in der niederen Zahl der jährlichen 
Geburten, sondern zum Teile auch in der grossen Sterblichkeit der 
Kinder und in dem häufigen Vorkommen von Totgeburten^ die sich 
aus der ungenügenden Ernährung unserer Landbevölkerung, aus ihrer 
angestrengten Lebensweise und Ueberarbeitung der Frau erklären lassen. 
Furcht vor Vermögenszersplitterung und materiellem Rückgang sind 
die Beweggründe, dass der sächsische Bauer kein Freund des Kinder- 
reichtums ist; „erst auf den Tisch, dann um den Tisch", lautet sein 
vorsichtiges Sprichwort, und von jemandem, der Nachkommen in grc/sser 
Zahl besitzt, sagt er verächtlich: „e verblescht" , d. h. er wird auch 
so bedürfnislos und arm wie ein Wallache. Wirtschaftlicher Auf- 
schwung, der den Mangel an Arbeitskräften fühlbar macht, Vertiefung 
des Familienlebens, vor allem aber religiöse Thätigkeit der Landgeist- 
lichen haben in den letzten Jahrzehnten der Kinderarmut, soweit die- 
selbe künstlichen Mitteln entsprang, vielfach mit Erfolg gesteuert. 
Uebrigens ist der Sachse meist ein sehr zärtlicher und liebevoller 
Familienvater und wie er einerseits auf seine „zeitlichen Güter" grosses 
Gewicht legt, so ist doch auch eine „geistliche Gabe**, ein Erbe dieses 
Gutes nötig, um sein Glück voll zu machen. 

Volkswitz und Volkshumor, die selbstverständlich oft genug recht 
derb auftreten, haben, um den gesegneten Zustand der Frau zu be- 
zeichnen, eine grosse Reihe von Redewendungen geschaflfen, die be- 
sonders scharf werden, wenn das betreffende Weib eine „Sünderin*, 



76 0. Wittstock, [20 

eine Ledige ist, dagegen fehlt auch tiefes Gefühl und heilige Scheu 
nichfc, die in poesie vollen Ausdrücken zu Tage tritt: „Sie ist des Herrn 
Magd; sie ist nicht allein/ 

Die so schonungsbedürftige Zeit der Schwangerschaft umgiebt 
das Volk mit einem schützenden Mantel, den es aus Aberglauben webt, 
der gewiss mehr pädagogischen als mythischen Hintergrund besitzt und 
unverkennbar mit der Absicht auftritt, das Seelen- und Körperleben der 
zukünftigen Mutter in dem nötigen ruhigen Gleichgewichte zu erhalten. 

Vor allen Dingen braucht die Frau körperliche Schonung, die 
sich die Bäuerin nicht immer angedeihen lassen will. Da verbietet ihr 
der Volksglaube schwere Arbeiten zu verrichten; sie darf nicht weben, 
sonst zerdrückt sie dem Kinde den Kopf, nicht den Ofen putzen, sonst 
stirbt es an Engbrüstigkeit. Wie vor schwerer Anstrengung, so muss 
die Schwangere auch vor gemütlicher Aufregung bewahrt werden, da 
dieselbe einen Rückschlag auf die Leibesfrucht ausüben kann. Hieraus 
lässt es sich erklären, dass der Volksmund ihr nicht erlaubt, dem Zu- 
schlagen des Sarges beizuwohnen oder bei Leichenbegängnissen den 
üblichen Umzug um den frisch aufgeworfenen Grabhügel mitzumachen 
(s. S. 107 [51]), sonst stirbt ihr das Kind nach der Geburt. Scharfes 
Anblicken missgestalteter Menschen oder Tiere muss, zumal in der 
„ersten halben Zeit", von der Gesegneten vermieden werden, sonst ver- 
sieht sie sich. Gelüstet ihr nach irgend einer Speise, so muss ihr 
Verlangen befriedigt werden, sonst erfolgt Totgeburt. Ist eine Mutter 
unehrlich, so wird das Kind diebisch. Man wird kaum einen wesent- 
lichen Zug in unserem Volksglauben finden, soweit er die wichtigen 
Ereignisse im Leben des Menschen betrifft, der sich nicht auch in dem 
deutschen Volksaberglauben der Gegenwart finde. Es scheint that- 
sächlich, als ob wir es gerade auf diesem Gebiete mit einem, von Ge- 
neration zu Generation forterbenden Familienschatz zu thun haben, der 
wenig Veränderungen unterworfen ist, oder der, da die Bedingungen, 
unter denen er entstand, stets die gleichen bleiben, sich immer wieder 
erneuert. 

Oft mitten in der schwersten Arbeit wird die sächsische Bauers- 
frau von den Wehen überrascht. Je weniger Menschen von der Stunde 
der Geburt Kenntnis haben, desto leichter verläuft dieselbe; von den 
Ecken jener Häuser, deren Bewohner darum wissen, muss man etwas 
Mörtel abkratzen, denselben in Wasser auflösen und der Gebärenden 
davon zu trinken geben. Auch wird die Entbindung erleichtert, wenn 
alle Schlösser im Hause abgesperrt und alle Knoten an der Kleidung 
der Frau aufgeknüpft werden. Dasselbe wird auch erreicht, wenn man 
Essig in den Stiefel des Mannes schüttet und der Frau daraus zu trinken 
giebt, oder wenn die Frau vor dem Herde niederkniet. 

Für die Anstrengungen der schweren Stunde stärkt man die Ge- 
bärende mit Speise und Trank, dann muss sich der Vater des Kindes 
neben das Lager setzen und der Frau die Hand geben, sonst kann sie 
nicht erlöst werden. 

Sobald sich die Erkrankte zu Bett begeben hat, werden alle 
Fenster fest verhangen und um das Bett wird ein Vorhang aus Lein- 
tüchern, die von der Decke bis zum Fussboden reichen, gemacht (das 



21] Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. 77 

Kriumtuch, s. Müller, Sagen Nr. 80), „damit der böse Geist der Wöch- 
nerin nichts anbaben könne*'. Aus demselben Grunde legt man den 
Bratspiess in den Ofen und unter das Kopfkissen ein rostiges, schartiges 
Messer, unter das Bett aber Rittersporn und Hagedorn, welcher die 
Truden vertreibt, die mit dem Ausrufe: „Hier ist Rittersporn und 
Hagedom, hier ist all unser Thun verloren'* entfliehen. 

Ist die schwere Stunde glücklich vorüber, so kommen die Ver- 
wandten zu Besuch, am das Kind in Augenschein zu nehmen und den 
Eltern ihre Glückwünsche darzubringen, meist in stereotypen Wen- 
dungen: „Gott sei gedankt, dass er auch unsere . . . erlöst hat von 
ihrer schweren Leibesbürde und hat ihr einen freundlichen Anblick ge- 
geben." Oder: ,Gott lass' euch froh werden an eurem jungen Erben, 
den euch Gott geschenkt hat; Gott gebe , dass ihr ihn gross ziehn 
mögt, Gott dem Herrn zur Ehre und euch zur Freude. Gott schenke 
ihm die Gesundheit und den Eltern, dass sie ihn gross ziehen können'' 
(Marienburg). Diese Formeln sind selbstverständlich in den einzelnen 
Orten verschieden, überall aber sind es ständige, fast jedem geläufige 
Redewendungen. 

Für das zukünftige Leben des Neugeborenen ist Tag und Stunde 
der Geburt von grossem Einfluss. Der Sonntag als Geburtstag ist auch 
nach sächsischem Volksglauben heilbringend und verleiht die Eigen- 
schaft, vergrabene Schätze zu sehen. 

Die Wöchnerin und ihr Kind sind in der ersten Zeit mannig- 
fachen Gefahren und bösen Einwirkungen ausgesetzt. Darum darf 
erstere das schützende Kriumtuch acht Tage lang nicht verlassen. Ruft 
ihr jemand am Fenster oder an der Thüre, so darf sie nicht antworten, 
denn die Rufenden sind die bösen Truden, folgt sie dem Rufe, so drehen 
ihr die Truden das Gesicht auf den Nacken, oder ziehen ihr den Mund 
schief, oder bringen das Kind um. Auf das Bett der Wöchnerin darf 
sich niemand niedersetzen und das Zimmer dürfen keine Kinder be- 
treten, geschieht es dennoch, so wird dem Eintretenden, wenn es ein 
Knabe ist, die Kappe, wenn ein Mädchen, die Haube genommen. Wird 
die Wöchnerin von einer Frau besucht, welche selbst säugt, so muss 
diese aus ihren Brüsten ein paar Tropfen Milch auf das Bett der ße- 
suchten spritzen, sonst nimmt sie der jungen Mutter die Milch fort. 
Da aber die Möglichkeit vorhanden ist, dass jemand das Zimmer be- 
treten hat, der nicht „rein" ist, so muss man, zumal hinter den Frauen, 
wenn sie die Thüre zugemacht, glühende Kohlen werfen, dann haben 
sie, auch wenn sie Truden sind, keine Macht über Kind und Mutter. 
Sjracht etwas im Zimmer, so muss die Wöchnerin stets fragen: „Was 
willst du?** Prasselt das Feuer, so muss sie den Brand mit dem Feuer- 
eisen hineinstossen und rufen: „Aeh, zum Nachbar," sonst hat sie 
grosses Aergernis. 

Nach Verlauf von 14 Tagen darf die junge Mutter nunmehr auch 
das Zimmer verlassen, doch muss sie dabei stets einen Besen über das 
Kind in der Wiege legen, dann vermag ihm niemand etwas anzuhaben. 

Weint das neugeborene Kind sehr viel und stark oder bekommt 
es gar Krämpfe, so ist es „berufen". Berufen können Männer und 
Frauen sowohl absichtlich als auch unabsichtlich. Namentlich durch 



78 0. Wittstock, [22 

Menschen mit triefenden A.ugen oder zusammengewachsenen Augen- 
brauen, durch scharfes Ansehen oder übermässiges Loben and Bewun- 
dern kann das Kind beschrieen werden. Doch lässt sich dieses ver- 
hüten, wenn man dem Kinde eine alte Münze um den Hals hängt oder 
eine solche an das Häubchen, mitten über der Stirne, annäht. Ein 
gutes Schutzmittel gegen Berufen ist auch, wenn man mit der Zunge 
ein Kreuz über die Stirne des Säuglings leckt oder ihm ein dreieckiges, 
mit Weihrauch und Gewürz gefülltes Täschchen umhängt, auf welches 
ein Natternkopf gestickt ist. 

Um festzustellen, ob das Kind wirklich berufen ist, wird eine 
kundige alte Frau gerufen, welche mit aufgestreiften Aermeln in eine 
neue Schüssel Wasser hineingiesst, in welches eine Feuerschaufel voll 
glühender Kohlen geworfen wird; sinken dieselben unter, so ist das 
Kind berufen. Das beliebteste Heilmittel, welches in diesem Falle an- 
gewendet wird, ist das sogen. „Aescherchen*^. Dasselbe wird in Boden- 
dorf folgender massen zubereitet: 

Von allen Ecken des Zimmers, von den Ecken der Hausgeräte 
werden mit einem neuen Messer Stückchen abgeschabt, ebenso von 
Kleidern und Windeln Teilchen abgeschnitten und in ein neues Töpfchen 
mit siedendem Wasser geworfen, dazu wird ein Löffel voll Asche und 
einer voll Salz hinzugethan. Hat dieses Gemisch eine Zeitlang ge- 
kocht, so wird es in eine neue Schüssel geleert und das Töpfchen 
schnell darüber gestülpt. Zieht sich das Wasser wieder in das Töpf- 
chen zurück, dann hüft das Aescherchen. Mit diesem Wasser wird 
nun das kranke Kind gewaschen, drei Tropfen desselben nimmt die 
Mutter in ihren Mund und giebt sie dem Berufenen zu trinken imd 
spricht dabei: „Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des 
lieben heiligen Geistes. Amen.** Die alte Frau aber leckt den Daumen 
ihrer rechten Hand, macht damit dem Kind ein Kreuz auf die Stirne 
und spricht: „Die zwei bösen Augen, die dich durchsahen, die drei 
heiligen, die sie überkamen. Im Namen etc." Dieses Vorgehen wird 
dreimal wiederholt. (Eine andere Zubereitung des Aescherchens siehe 
Haltrich-Wolff S. 260 und Hillner S. 22.) 

Auch eine ganze Reihe anderer Heilmittel, welche bei berufenen 
Kindern angewendet werden, kennt unser Volksglaube. Man versorgt 
die abgefallene Nabelschnur des Kindes und giebt dem erkrankten 
gestossene und in warmem Wasser aufgelöste Teile derselben zu trinken. 
Dieselben guten Dienste thut ein Trunk Wasser, in welchem glühende 
Kohlen gelöscht sind. Die häufigste Anwendung gegen jenes üebel 
finden aber Zauberformeln, die sich seit Jahrhunderten ziemlich un- 
verändert im Volksmunde erhalten haben (s. Schuster, Siebenb.-sächs. 
Volksdichtungen etc. S. 292 u. 486). Wir teilen einige derselben mit, 
die wir dem oben angeführten Werke entnehmen: 

Dich zwei falsche Augen ansehen, 

Drei königliche dagegen sprechen, 

Das ein war Gott der Vater, 

Das ander Gott der Sohn, 

Das dritte Gott der heilig Geist, 

Der hehüte diesem Kind sein Augen und Fleisch. 

Im Namen des Vaters etc. 



23] Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. 79 

Zwei falsche Augen dich Micheln ansahen, 

Die deinen Gesund nahmen 

Drei gerechten dich wieder sahen, 

Das ein war Gott der Vater, 

Das ander der Sohn, 

Das dritte der h. Geist, 

Die deinen Gesund wieder gaben. 

So soll dir heut gebeszt sein, 

als der Kelch, als der Wein. - 

als das lieb Himmelbrot, 

Das Gott seinen Jüngern am grünen Donnerstag 

aufgab und gebot. 

Im Namen etc. 

* 

Das walte Gott der Vater, Gott der Sohn etc. 

Gott der Herr Christus, der in den Garten trat, 

sein heiliges, wertes, krones Kreutz ansähe. 

Die Gottheit, die er umbschlosz 

sein heiliges wertes Blut darüber gosz. — 

So ward Christus geboren, 

so wahr werde diesem Kinde 

Die grosze Wehtag aus seinem Haupt verloren! 

Im Namen des Vaters etc. 

Die erste Zeit seines Lebens verbringt das neugeborene Kind in 
einer Wiege, in welche, bevor man das Kind hineinlegte, drei Knob- 
lauchzwiebel, drei Pfeflferkörner und drei Teilchen V7eihrauch in ein 
Tüchlein geknüpft, gethan wurden. 

Aermere Familien gebrauchen statt der buntgemalten, hölzerneu 
Wiege ein Tuch, in welches der Säugling gelegt und das mit Seilen 
an der Zimmerdecke befestigt wird. 

Nach der Anschauung des sächsischen Volksglaubens stammen 
die Kinder aus dem Flusse, aus dem Brunnen, aus dem Bache, woher 
die Hebamme sie herausgefischt hat. Sie halten sich in dem dicken 
weissen Schaume auf, der sich an den Ufern bildet. Ebenso häufig 
findet sich der Glaube, dass die Kinder von den Baumstämmen ge- 
holt oder unter denselben herausgegraben werden. Aus dem Wasser 
bringt sie der Storch, von den Bäumen die Krähe. 

Länger als acht bis höchstens vierzehn Tage lässt man die Kinder 
nicht ungetauft, denn sterben sie vor der Taufe, so können sie nicht 
selig werden und in den Himmel kommen. Auch werden sie durch 
dieselbe dem Einflüsse böser Geister entzogen. Es ist allgemeine Sitte, 
dem ersten Knaben den Namen des Vaters, dem ersten Mädchen den 
der Mutter zu geben. Die biblischen Namen Johann, Georg, Michael, 
Peter, Stefan, Martin, Andreas, Daniel, für Mädchen Katharina, Sofia, 
Sara, Anna, Maria, Rosine sind die unter der Landbevölkerung fast 
allein gebräuchlichen. 

Da sich bei wichtigen Ereignissen der Verkehr unserer Bauern 
sowohl untereinander, als auch zwischen ihnen und dem Geistlichen 
in stereotypen, formelhaften Reden abspielt, so muss der junge Familien- 
vater, dem die Pflicht obliegt, zu Gevatter zu bitten und dem Pfarrer 
die Taufe anzuzeigen , sich diese stehenden Ansprachen von einem 
kundigen Bekannten aneignen. Dann begiebt er sich im Kirchenkleide 



80 0. Wittatock, [24 

zum Herrn Vater; an manchen Orten des Sachsenlandes trägt er bei 
diesem Gange, wenn der Täufling ein Knabe ist, ein ungeschältes, 
wenn ein Mädchen, ein geschältes Stockchen in der Hand; anderswo 
schmückt er im ersteren Falle seinen Stock mit einem Blumenstrauss, 
im zweiten mit einem roten Band. Darauf wendet er sich — natür- 
lich im Dialekte — in folgenden' Worten mit seinem Anliegen an den 
Geistlichen: „Einen glückseligen guten Tag wünsche ich dem Herrn 
Vater. Ich will wünschen, der Herr Vater wäre mit Gesund auf können 
stehn! Im übrigen wird es dem Herrn Vater gar wohl bewusst und 
bekannt sein, was Gott hat wollen machen, er hat uns wollen segnen, 
nicht nur mit zeitlichen Gütern, sondern auch mit Leibeserben, und 
hat uns auch liebe Kinder zu erkennen gegeben, so wohl auch diesen 
lieben Sohn (dieses liebe Töchterchen). So bin ich gekommen und 
halte bei dem Herrn Vater bittlich an, der Herr Vater wolle gebeten 
sein und wolle uns das Kindchen auch zur heiligen Taufe zu bringen 
helfen* (Bodendorf). 

Die Taufe eines unehelichen Kindes zeigt die Hebamme an. In 
Rosenau (s. Hillner S. 31) mit folgenden Worten. Nachdem sie die 
übliche Begrüssung gesprochen, fährt sie fort: „Ich komme und bitte 
um die heilige Taufe für das arme Würmchen (d. i. Mädchen, den 
Knaben heisst der Sachse: Leibeserbe) der N. N. , die sich nicht hat 
ihren Jungfernkranz in Ehren halten können, bis sie eine ehrliche Frau 
geworden wäre, sondern hat sich so weit eingelassen, bis sie nun auch 
sich beschmutzt und ein uneheliches Kind zur Welt gebracht hat* 

Früher standen auf einem solchen Vergehen schwere Strafen. 
Der schuldige Bursche ward aus der „Bruderschaft*, die Magd aus der 
„Schwesterschaft* ausgeschlossen, letzterer sogar der Besuch der 
Kirche verboten. In Elosenau wurde sie während der Schwangerschaft 
von der Hebamme am Sonntage vor die Kirchenthüre geführt. In 
zerfetzter Kleidung, auf dem Kopfe mit einem zerrissenen Tuche ge- 
schleiert und Zwiebeln statt Bockelnadeln im Schleier musste sie da- 
stehen und wurde von der Hebamme den Vorübergehenden mit den 
Worten: „Hier stelle ich der ehrsamen Gemeinde eine neue junge Frau 
vor* gezeigt. An anderen Orten musste sie mehrere Sonntage hin- 
durch während des Gottesdienstes in der Vorhalle der Kirche stehen^ 
mit einem schweren, runden durchlöcherten Stein um den Hals. 

um die Taufe eines Waisenkindes bittet ein älterer Verwandter 
desselben. 

Die gleichen Worte, mutatis mutandis, die der Anzeiger der Taufe 
auf dem Pfarrhofe sprach, richtet er nachher auch an den Prediger, 
da dieser Hilfsgeistliche die Taufhandlung, die in der Kirche vor sich 
geht, vornimmt. 

Je mehr städtischer Einfluss sich in einem Dorfe geltend gemacht 
hat, desto kürzer werden diese stehenden Ansprachen, da man in ihnen 
etwas Altmodisches, Bäuerisches zu sehen beginnt. So reduziert sich 
die an den Pfarrer gehaltene Rede in unseren Marktflecken auf die 
kurze Wendung, der Herr Vater möge aus dem kleinen Heiden durch 
die heilige Taufe einen Christen machen. Aber auch dort, wo die 
Ansprachen noch in voller Uebung stehen, sind sie allerlei Verände- 



25] Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. 81 

rungen unterworfen, namentlich ändern einzelne, besonders redegewandte 
Personen „je nach Umständen" an ihnen, so dass nach einer Reihe von 
Jahren neben dem alten aussterbenden sich ein neues Schema gebildet 
hat. Auch hier haben wir es also, wie bei aller Volksüberlieferung, 
mit etwas Flüssigem, der Verwandlung Unterworfenem zu thun. 

Hat der junge Vater sich den Beistand der Kirche erbeten, so 
begiebt er sich zu denen , die er zu seinen Taufzeugen ausersehen. 
Die Zahl derselben besteht entweder aus drei oder vier Personen. Im 
letzteren Falle werden zwei Paten und zwei Ooden gebeten, im ersteren 
zwei Paten bei Knaben, zwei Goden bei Mädchen. Nach der Begrüssung 
und der Bitte um Verzeihung, dass der Eintretende in so früher Morgen- 
stunde (später Abendstunde) noch störe, spricht er: „Im übrigen führen 
wir zu Qemüt und wissen uns zu erinnern, wie dass Gott uns auf dieser 
mühseligen Welt auch hat woUen wissen sowohl im ledigen, als auch 
im heiligen Ehestand. Im heiligen Ehestand flehten wir auch zu Gott, 
er solle uns nicht so ledig lassen , sondern soll uns segnen nicht nur 
mit Zeitlichem, sondern auch mit lieben Kindern. Nun sehen wir, dass 
uns Gott gesegnet hat mit einem lieben Söhnchen (Töchterchen). Nun 
wollen wir es auch nicht so im Heidentum lassen, sondern nahmen 
unsere Zuflucht zu unserem Geistlichen und zu Paten und Goden, dass 
es auch in das Christentum aufgenommen werde und einen christlichen 
Namen bekomme und in das Buch des Lebens aufgenommen werde. 
Nun halte ich bittlich an, Ihr solltet morgen beim . . . Glockenschlag 
kommen und das arme Würmchen aus der Mutter Schoss lösen. Ich 
hoflFe, unsere Zukunft soll Euch nicht beschwerlich fallen, sondern viel- 
mehr angenehm und gefällig sein, so wollen wir uns nicht nur höflich 
bedanken, sondern auch mit gleicher Freundschaft suchen zu verschul- 
den" (Deutsch-Tekes). 

Der neue Gevatter antwortet hierauf einfach: „Es ist uns gern 
angenehm und gefällig" und bewirtet den Patenbitter mit einem „Ehren- 
trunke". 

2. Die Taufe. 

Die Taufhandlung wird meist am Sonntage, nach der Ortssitte 
verschieden, während oder nach dem Gottesdienste vorgenommen. Die 
beiden Goden begeben sich, im höchsten Staate, in das Taufhaus und 
bringen gleichzeitig Geschenke, bestehend in Eiern, Butter und einer 
Flasche Wein, mit. Von den Eltern des Täuflings und deren nächster 
Verwandtschaft erwartet, danken sie vorerst für die erzeigte Ehre und 
versprechen, „eine Gevatterschaft zu halten, dass Gott und alle frommen 
Christen ein Wohlgefallen daran finden mögen." In Deutsch-Kreuz 
bittet die ältere Gode: „Ich will euch auch schön bitten, ihr wollet 
uns aufnehmen zu Gevatterinnen; wir verheissen euch auch die Ge- 
vatterinnen zu sein, die euch alle Ehre und Freundschaft erzeigen, so 
lange uns Gott der Herr bei einander lässt leben." 

Eine der anwesenden älteren Frauen dankt hierauf mit ähnlichen 
Worten, worauf ein kleiner Imbiss gereicht wird. Ist die Zeit des 
Kirchganges gekommen, so wird der jüngeren Gode das Kind aus der 



82 0. Wittstock, [26 

Wiege mit den Worten übergeben: „Unberufen geben wir es Euch, 
unberufen bringt es wieder zurück.* In Nadosch nimmt die Gode es 
selber auf, mit den Worten: 

Bedenkt, bedenkt, 

Was Gott uns schenkt! 

Es ist ein Englein fein, 

Dem sollen wir heute Goden sein! 

Einen Heiden nehmen wir mit; 

Einen Christen wollen wir bringen! 

In Gesundheit lassen wir euch. 

(s. Fronius, Eindstaufe S. 30). Der Täufling ist auf das schönste ge- 
schmückt. In Propstdorf wird er in die Brautschürze seiner Mutter 
gewickelt, mit den Seidenbändern, die sie als Jungfrau getragen, „ge- 
fatscht^ und mit dem Brauttuch zugedeckt (Hillner S. 34). Entweder 
die Hebamme oder die jüngere Gode trägt das Eind in die Eirche 
und auch wieder zurück. Beim Hinausgehen sagen die Goden: «Mit 
Gesund bleibt ihr;'' die Zurückbleibenden antworten: „Mit Gesund geht 
ihr/ Mit dem frommen Wunsche: „Gott segne euren Ausgang und 
Eingang'' entlässt man die Weggehenden. Die Paten gehen meist 
direkt in die Eirche und erwarten den Taufzug in der Sakristei. Früher 
durften die Taufzeugen mit dem Einde die Eirche erst betreten, wenn 
der Geistliche in der Vorhalle über dem Einde gebetet, das Ereuz ge- 
macht und den Teufel ausgetrieben hatte. Ein Zeichen dessen, wie 
unser durchaus protestantisches Volk selbst auch solche, der katholi- 
schen Zeit entstammende Bräuche festgehalten hat. In manchem säch- 
sischen Dorfe übergeben die Paten vor der Eirchenthüre der Hebamme 
für den Täufling ein kleines Geldgeschenk, das in rote Baumwolle ge- 
wickelt (Gergeschdorf) oder in ein rotseidenes Band eingeknüpft ist. 
Bei der Taufhandlung wurde früher das Eind mit dem Gesichte nach 
abwärts gekehrt, welcher Brauch sich auch jetzt noch an einigen Orten 
erhalten hat. Findet dieselbe während des Gottesdienstes statt, so 
nimmt die ganze anwesende Gemeinde, stehenden Fusses, durch Ab- 
singung eines Taufliedes daran Teil (Hillner S. 35). 

Nach der Rückkehr in das Elternhaus spricht die älteste Gode: 
„Einen Heiden trugen wir aus dem Haus, einen Christen bringen wir 
euch ins Haus. Gott lass' euch Ehr' und Freude an ihm erleben.* 
Darauf legt sie das Eind auf den Tisch, dann auf den Herd, schliess- 
lich auf das Bett und spricht dabei: 

Hier lege ich dich auf den Tisch, 

Du sollst wachsen wie ein Fisch! 

Hier lege ich dich auf den Herd, 

Du sollst wachsen deinem Vater und deiner Mutter wert! 

Hier lege ich dich aufs Bett, 

Du sollst schweigen, bis deine Mutter wäscht und bäckt. 

Darauf beide Goden: 

Patchen, lebe, wachse, blüh! 
Alles Unglück von dir flieh, 
Grottes Geist, Gnad, Heil und Segen 
Sei mit dir auf allen Wegen. 

(s. Fronius, Eindstaufe S. 31). 



27] Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. 83 

Da die Paten erst nach der Rückkehr aus der Kirche mit den 
Eltern des Kindes in Berührung kommen, findet nunmehr zwischen 
diesen feierliche Rede und Gegenrede statt. Der ältere der beiden 
Männer redet den Hausvater an: , Es ist uns ja bekannt, was der liebe 
Gott mit Euch hat machen wollen in Eurem Ehestand und hat Euch 
auch gesegnet mit einem lieben Söhnchen. Nun befandet Ihr Euch 
unmöghaft, dasselbe zur heiligen Taufe zu befördern, sondern nahmt 
Eure Zuflucht erstlich zu den Seelsorgern, als dieselben sollten ihm 
seinen ersten Ehrendienst helfen leisten, zweitens zu Paten und Goden. 
Nun kommen wir nach verrichteter Sache und bringen dies Kind nach 
Haus und nach Hofe und sind bittfällig, unsere Ankunft sollte Euch 
nicht beschwerlich sein.** Hierauf entgegnet der Angeredete: „Es ist 
dem also, dass uns Gott auch hat gesegnet in unserem Ehestand für 
diesmal mit einem lieben . . . Nun waren wir unmöghaft, dies Würm- 
chen selbst der Christenheit durch die Taufe einzuverleiben ; so nahmen 
wir denn unsere Zuflucht zu Seelsorgern, wie auch zu Paten und Goden, 
wodurch seine Aufnahme in die Christenheit geschah und durch sie 
bestätiget ward. Nun kommt ihr und bringt, was ihr als Heiden weg- 
trugt, als Christen wieder und bittet, eure Ankunft sollte uns nicht 
beschwerlich sein : dafür hüte Gott** (Sachs. Hausfreund, herausgegeben 
Ton G. Binder. Kronstadt 1850. S. 139). 

Entweder an dem Tauftage selbst, oder einige Tage nachher 
findet das Godenmahl oder die Kaimes statt. Bei dem Erscheinen zu 
demselben obliegt wieder dem ältesten Paten die Pflicht, die Eingruss- 
rede zu halten: „Ich wollte wünschen, der Gesund soU sich bei Euch 
und bei den Eurigen wohl befinden; befindet sich etwas wohl, das wolle 
der liebe Gott erhalten und vermehren, wäre aber einiger Mangel ein- 
gerissen, der uns unbewusst und unbekannt ist, so wollen wir den 
treuen Gott bitten, der den Mangel abwenden wolle und statt des 
Mangels Leben und Gesund, Frieden und den lieben Segen geben 
wolle** (Bodendorf). 

Streng geordnet nach Alter und Würde setzt man sich zu Tisch. 
Hanklich — d. i. ein mit Eiern bestrichener Fladen — , Klotsch (der 
magyarische kaläcs), Reissuppe, Kraut und Braten sind die ständigen 
Gerichte, die bei jeder festlichen Gelegenheit, also auch bei dem Tauf- 
achmause, aufgetragen werden. 

Bevor die Speisen berührt werden, wird noch hie und da, früher 
war es allgemein Sitte, das Gebet: „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast,** 
gesprochen, dann bringt der älteste oder redegewandteste der An- 
wesenden einen Trinkspruch auf das neugetaufte Kind und dessen 
Eltern aus und beschliesst damit gleichsam den offiziellen Teil des 
Festes, indem er jedem die Erlaubnis giebt, „sich zu belieben und be- 
lustigen nach Lieb und Lust; Gott gebe es jedem zu Gut und Blut." 

Anfangs geht es bei dem Mahle ausserordentlich gemessen und 
ruhig zu, bis der Wein, dem eifrig zugesprochen wird, auch das be- 
dächtige sächsische Temperament erwärmt und eine allgemeine leb- 
hafte Unterhaltung zum Durchbruche bringt. Dabei kreist der Becher 
im wahren Sinne des Wortes, da sich auf der Tafel nur ein Glas be- 
findet, das von Hand zu Hand weiter gegeben wird. Dasselbe ganz 



84 0. Wittstock, Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. [28 

auszutrinken, gilt als unanständig, man nippt nur die Hälfte davon ab, 
und derjenige, welcher getrunken bat, füllt es dann sofort wieder. 

Den Löwenanteil an der Unterhaltung hat die Hebamme zu tragen, 
welcher die EloUe der lustigen Person zufällt. Sie muss Oesellschafts* 
spiele und Aufführungen arrangieren und leiten und gegen ein kleines 
Geschenk jeden dabei vertreten, der sich nicht daran beteiligen will. 
Unter den bei dem Taufschmause gebräuchlichen Belustigungen ziehen 
zwei unsere Aufmerksamkeit auf sich: das Springen über den Trog 
und der Spiesstanz (s. Hillner S. 41 £P.). 

Es wird ein umgestülpter Backtrog in die Mitte des Zimmers 
gelegt, auf den ein brennendes Licht, an anderen Orten ein Ei in 
einem Häufchen Asche gesetzt wird. Die anwesenden jungen Frauen 
müssen nun darüber hinwegspringen, ohne das Licht auszulöschen oder 
das Ei herabzuschlagen. Diejenigen, die sich weigern, den Sprung zu 
thun, bekommen keine Buben, sondern nur Mädchen. 

Der Spiesstanz wird folgendermassen aufgeführt. Zwei Brat- 
spiesse, in Ermangelung derselben thun zwei Stöcke oder „Wasser- 
bäume*^ dieselben Dienste, werden kreuzweise über einander auf den 
Boden gelegt. Der Tanzende muss nun möglichst rasch und gewandt 
aus einem Spiesswinkel in den anderen springen, ohne das Kreuz zu 
verschieben. Tritt die Hebamme für jemanden aus der Gesellschaft 
ein, so begleitet sie ihre bald rascheren, bald langsameren Bewegungen 
mit dem Gesänge folgenden Liedes: 

Va^mro vi/, pel^a ^'es, ztkt mar of men ini)^ fes, 

caet yol k'5n i/ ^^ntstn. fset yol gid et, räet vol Hid et, 

^aet yol hopt 9t, ^set vol stopt at, 2 sei yol k'5n ix dOntstn. — 

In manchen Dörfern herrscht der Brauch, dass die Wöchnerin 
sich während des Taufschmauses ins Bett legen muss, an anderen da- 
gegen nimmt sie an demselben ebenfalls teil. 

Am Schlüsse des Festes erhebt sich der älteste Taufpate, um sich 
zu beurlauben und um zu danken: „Ihr meine lieben Freunde! Alles 
was einen Anfang hat, hat auch ein Ende! Diese Freunde haben sich 
und uns zur Ehre und ihrem Ehepflänzchen zu Liebe ein kleines Mahl 
gestiftet. Gott gebe einem jeden zu gut, was er hat können gemessen, 
und ersetze es Gott unseren Freunden, dass sie es nicht spüren mögen '^ 

(Bodendorf). 

Wenn wir diese stereotypen Ansprachen, die bei allen wichtigen 
Lebensereignissen des sächsischen Bauern eine so grosse Bolle spielen, 
betrachten, so muss uns deutlich werden, dass dieselben ganz gewaltig 
unter dem Einflüsse jener Gebete stehen, die der Bauer allsonntäglich 
am Anfange oder Schlüsse der Predigt zu hören bekommt und die 
sich eben gerade auf die wichtigen Abschnitte seines Lebens beziehen. 

Nach der Taufe darf die Wöchnerin noch 4 — 6 Wochen das Haus 
und den Hof nicht verlassen. Früher wurde sie, wenn sie vorher die 
Thürschwelle übertrat und auf die Gasse ging, von dem Nachbarvater 
gestraft. Erst nach einer kirchlichen „Vorsegnung*, bei welcher der 
Geistliche ein Gebet über die junge Mutter spricht und die eben erst 
nach dem oben genannten Zeiträume stattfindet, darf sie wieder als 
gesund betrachtet werden. 



V. Die Bruderscliaft. 

Matenalien zur siebenbürgischen Rechtsgeschichte. Von Friedrich Schuler 
von Libloy. Hermannstadt 1862, 187 S., S. 175—187. 

üeber festliche Gebräuche und hierbei übliche Ansprachen unter den Sieben- 
bürger Deutschen. Von Friedrich Schuler von Libloy. In Eugen 
von Trauschenfels : Magazin für Geschichte, Litteratur und alle Denk- 
und Merkwürdigkeiten Siebenbürgens, 1859, Bd. 1, S. 1—30. 

üeber vergleichende Sitten- und Rechtsgeschichte. Von Prof. H. ü s e n e r. Bei- 
lage zur Allgen). Zeitung, 1898, Nr. 148 u. 150. 

Fronius, Bilder etc., S. 54—72. 



Alle unverheirateten Jünglinfi^e eines sächsischen Dorfes, die 
, Knechte", bilden einen eigenen Verband, die Bruderschaft, welche 
unter selbstgewählten Beamten und eigenen Satzungen steht. Unver- 
kennbar zeigt sich die ordnende Hand der Kirche in der ganzen 
Organisation, deren Zweck es ist, den gesamten Wandel der mann- 
baren Dorfjugend, zumal ihr sittliches Leben und ihre Geselligkeit, 
einer strengen Aufsicht zii unterwerfen. Eine ähnliche Vereinigung 
bilden die erwachsenen Mädchen, die „Mägde''. Der Eintritt in die 
Bruder- oder Schwesterschaft erfolgt nach der Konfirmation. Die Auf- 
nahme der neuen Mitglieder in die Bruderschaft wird in feierlicher 
Versammlung, dem Zugange, durch den obersten Beamten, den Alt- 
knecht, vollzogen. Sind die älteren Mitglieder zum „ Zugang ** ver- 
sammelt, so erscheinen die Neueintretenden unter Führung des jungen 
Alt- oder Wortknechtes, der mit folgenden Worten um die Aufnahme 
der jungen Brüder bittet: 

„Ich kann es nicht unterlassen, erstlich dem treuen Gott zu 
danken für die Gnade und Barmherzigkeit, der uns so väterlich hat 
wollen erhalten, bis auf diesen lieben heutigen Tag. Es wird aber 
euch wohl bewusst und bekannt sein, dass Gott die Männer hat wollen 
segnen in unserer christlichen und königlichen Gemeinde und hat ihnen 
auch Kinder zu erkennen gegeben, sowohl auch diese lieben Söhne, 
die auch so weit und so fern auferwachsen sind in unserer christlichen 
Gemeinde; so halten sie bittlich an durch mich an die Bruderschaft, 
wir sollten sie auch in die Bruderschaft aufnehmen.** (Bodendorf.) 

Der Altknecht erwidert mit /ähnlicher Gegenrede und nimmt die 
Bittenden auf, wenn sie versprechen, „Bruderschaftsgerechtigkeit zu 



86 0. Wittfitock, [30 

halten und jeden guten Bruder zu ehren und zu achten.* An die 
feierliche Aufnahme schliesst sich eine, der Deposition des mittelalter- 
lichen Studentenlebens sehr ähnliche Szene (s. Fronius, Bilder etc. S. 56). 
Mit der Vorlesung der Bruderschaftsordnung schliesst der Zugang. 

Die meisten dieser Gesetze, die zweifellos sehr stark dem Einfluss 
der Zunfteinrichtung unterworfen gewesen sind, worauf schon einzelne 
Benennungen, wie Irtenknecht, hindeuten, stammen in ihrer gegen- 
wärtigen Fassung aus den letzten Jahrzehnten. Sie regeln das Betragen 
der Knechte in der Kirche, bei ihren öffentlichen Unterhaltungen (den 
Wirtschaften) und in ihren Versammlungen (dem Zugange). 

Die höchste Instanz der Bruderschaft ist der evangel. Ortspfarrer. 
Ihre unmittelbaren Aufsichter sind entweder die beiden Kirchenväter 
oder zwei selbstgewählte Kuechtväter. Im übrigen untersteht sie einer 
aus ihrer Mitte entnommenen Regierung, die der Altknecht leitet, 
welcher den Vorsitz führt, Recht spricht und Strafen austeilt. Ihm 
treten helfend zur Seite die anderen Beamten, deren Zahl an den 
einzelnen Orten verschieden ist. XJeberall aber finden wir einen Stell- 
vertreter des Vorstandes, den jungen Alt- oder Wortknecht und die 
Irtenträger, denen Vorbereitung und Besorgung der Festlichkeiten 
obliegt. 

Die Wahlen werden zur Weihnachtszeit abgehalten. Dabei hat, 
was die Person des Altknechtes anbelangt, die politische und Kirchen- 
behörde neben der Bruderschaft das Kandidationsrecht und auf die 
Wahl der übrigen Amtsknechte übt wieder der Altknecht einen ent- 
scheidenden Einfluss aus. Die monatlich einmal stattfindende Ver- 
sammlung der Bruderschaft heisst der Zugang. Bei demselben werden 
etwa entstandene Streitigkeiten geschlichtet und die vorgefallenen Ueber- 
tretungen der Vereinsgesetze bestraft. Wer sich selbst seines Ver- 
gehens beschuldigt, dem wird die Hälfte der Strafe erlassen. Fehlt 
eine solche Selbstanzeige, so treten die Beamten auf die Aufforderung 
des Altknechtes vor und beginnen die Anklagen. Beschuldigungen, 
die ein gewöhnlicher Bruder erhebt, müssen durch sieben Zeugen 
erwiesen werden. Hierauf entfernen sich die Angeklagten und in ihrer 
Abwesenheit verurteilt die Bruderschaft die Schuldigen an der Hand 
ihrer Artikel, oder in Fällen, die von denselben nicht vorhergesehen 
sind, nach eigenem Ermessen, zu Geldstrafen. Gegen das Urteil ist 
ein Rekurs an die Knechtväter und schliesslich an das Pfarramt gestattet. 

Die Bruderschaft versammelt sich nicht nur zu Gerichtstagen, 
sondern auch zur Vorbereitung zum heil. Abendmahl. An einem Abend^ 
gewöhnlich Freitags vor der Kommunion, wird Zugang gehalten. 
Am selben Tage ist der Altknecht bei dem Geistlichen gewesen und 
hat im Namen der Bruderschaft um Verzeihung gebeten und die 
Erlaubnis erhalten, am Abendmahl teilnehmen zu dürfen. Sind die 
gewöhnlichen Agenden der Bruderschaftsversammlung erledigt, so fragt 
der Altknecht: „Seid ihr geschickt zur Versöhnung?'* Antworten die 
Anwesenden bejahend, so gebietet er Ruhe und richtet in längerer 
Rede die Aufforderung an die versammelten Brüder, „so sich jemand 
gezankt hat, sich zu versöhnen. Es trete der Jüngere zum Aelteren 
und bitte ihn um Verzeihung.** 



31] Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. 87 

Ist dieses geschehen, so bitten auch die Amtsknecbte, zuerst der 
Altknecht, ^ihre lieben Brüder, sowohl älteste als auch jüngste, ihnen 
alles zu gute zu halten, was sie mit Worten oder Werken gefehlt**. 
Jeder erhält von der Bruderschaft die Antwort: „Du hast nichts 
gesündigt." 

Entzieht sich einer der Brüder ohne genügende Entschuldigung 
der Abendmahlfeier, so verfällt er einer schweren Strafe. 

Eine Hauptaufgabe der Bruderschaft liegt darin, das Betragen 
ihrer Mitglieder bei den üblichen Lustbarkeiten einer strengen Aufsicht 
und Zucht zu unterwerfen. Den wesentlichsten Bestandteil ihrer Unter- 
haltungen bildet der Tanz. Auf den meisten Dörfern wird im Sommer 
allsonntäglich auf dem weiten Platze vor der Kirche nach dem Nach- 
mittagsgottesdienste von der Bruder- und Schwesterschaft getanzt. 
Ausserdem finden gewöhnlich am zweiten Christtag, Ostertag und 
Pfingsttag und am Johannistage Tanzunterhaltungen statt, die bis zum 
nächsten Morgen dauern. Die Erlaubnis dazu muss der Altknecht vom 
Pfarrer erbitten. Die , Herberge" stellen abwechselnd die Mägde der 
Schwesterschaft. Damit nicht durch Eifersucht Zank und Streit ent- 
stehe, darf kein Bursche in den Reigen treten, ausser mit dem Mädchen^ 
das ihm von einem der beiden „Anführer" zugeführt wird. 

An jenen Sonntagnachmittagen, an welchen nicht getanzt wird, 
unterhalten sich Knechte und Mägde in „Gespielstuben", welche im 
Winter von Martini bis Lichtmess durch die Rockenstuben abgelöst 
werden. Die Spinnstube wird, mit Ausnahme des Samstags, jeden 
Abend abgehalten. Trotzdem in derselben ein Amtsknecht strenge 
Aufsicht führt, so ist sie doch noch immer das, was sie stets gewesen^ 
ein Ort, wo derbe Sinnlichkeit das Hauptwort führt. TJebrigens tragen 
ja mehr oder weniger alle Unterhaltungen unserer Bauern mit dem 
weiblichen Geschlechte diesen Charakter an sich. 

Der Austritt aus Bruder- und Schwesterschaft erfolgt durch den 
Tod oder die Ehe, in den seltensten Fällen dadurch, dass ein Mitglied 
derselben unverheiratet in ein höheres Alter gelangt und dann frei- 
willig aus dem Verbände scheidet. 



VI. Volkstiimliclier Brancli nnd Glaube bei Verlobimg und 

Hoclizeit 

Die siebenbürgisch-sächsische Bauernhochzeit. Ein Beitrag zur Sittengeschichte 
von JohannMaetz. Programm des evangel. Gymnasiums zu Schässburg. 
Kronstadt 1860, 101 S. 

Zwei Vorträge über die deutsche Frau. Von Job. Wolf f. Hermannstadt, Drot- 
leflf, 1894, 23 S. 

Die sieben bürgisch-sächsische Frau im Mittelalter von Dr. Fr. Teutsch. Im 
neuen Reich, 1881, IL, Nr. 33, S. 246—266. 

Das Rockenlied. (Ein Beitrag zur Sammlung der sächsischen Hochzeitsgebräuche.) 
Von G. Schuller. Aus Siebenbürgens Vorzeit und Gegenwart. Hermann- 
stadt, Steinhaussen, 1857, S. 58 — 61. 

Das Königslied. Aus Siebenbürgens Vorzeit und Gegenwart. S. 74 — 79. 

Schuster, Rösseltanz, Volksdichtungen. Fronius, Bilder. 



Die eheliche Verbindung wird in den sächsischen Landgemeinden 
meistens in sehr frühem Alter geschlossen. Ehe die allgemeine Wehr- 
pflicht eine Möglichkeit derselben bei den Jünglingen hinausschob, 
traten diese oft schon im Alter von 20 oder 22 Jahren in den Ehe- 
stand und 14- oder 15jährige Bräute gehören auch heutzutage nicht 
zu den Seltenheiten. Der sächsische Bauer sieht eine Ehre darin, wenn 
seine Tochter möglichst bald Bewerber findet, denn das ist ein Zeichen, 
dass sie „etwas hat^. Alte Jungfer zu werden gilt als grosse Schande, 
und um dieser Eventualität auszuweichen, finden oft genug unüberlegte 
und leichtsinnige Eheschliessungen statt, ein Fall, der sonst schwerer 
eintritt, da das Eingehen einer Verbindung meistens durchaus das 
Resultat einer wohlbedachten Spekulation ist, bei welcher die Interessen 
zweier Familien das wichtigste Wort zu sprechen haben, der gegen- 
seitige Besitz den Ausschlag giebt. Liebe und Zuneigung fallen dabei 
selten ins Gewicht. 

Sobald ein Mädchen konfirmiert worden ist, noch ehe sie „1000 
Wochen alt geworden", denkt man daran, sie zu versorgen, denn: 

,'S ist eine Waar', 
gib sie dar, 

je länger man sie hält, 
je weniger sie gefällt* 



33] 0. Wittstock, Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. 89 

Dabei beruhigt die Eltern und Tochter das zuversichtliche Sprich- 
wort, dass „jeder Sack sein Bändchen*, Jedes Töpfchen sein Deckelchen 
finden wird*. 

Die strenge soziale Scheidung, welche sich in jedem Dorfe auf 
Grund der Besitzverhältnisse ergiebt, sorgt dafür, dass die Ehen diese 
scharf gesonderten Schichten nicht überschreiten und schon bei der 
Wahl der oder des Geliebten wird ein „Knecht** oder eine „Magd** 
diese Grenze fast nie durchbrechen. Daher entwickelt es sich ganz 
naturgemäss, dass die mehr durch praktischen Blick und soziale Gleich- 
heit erzeugten Liebesverhältnisse den Wünschen der Eltern vielfach 
entgegenkommen. Ist dieses letztere der Fall, so darf der Bursche 
ungehindert zu seiner Magd „in die Gasse" gehen, d. h. die Abende 
mit ihr bis in die späte Nacht vor ihrer Gassenthüre zubringen, bei 
Tanzbelustigungen und in der Rockenstube widmet er nun fast aus- 
schliesslich ihr seine Aufmerksamkeit und beschenkt sie bei passenden 
Gelegenheiten, am Namenstage, Jahrmarkte u. s. f., mit kleinen Gaben. 
Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass „die beiden sich paaren wollen**. 
Man sieht ihre Eltern öfter zusammengehen, die künftige Braut erzählt 
ihren Gespielinnen, dass sie nun „alles bei einander habe, was man 
einer Tochter schaffen müsse, die man versorgen wolle**, und die Mutter 
derselben redet vom vielen Vorrat, der in den Truhen aufgespeichert 
liege und wie gut es sei, dass man alten Speck genug habe, der in 
einem Turme des alten Burgkastells aufbewahrt hängt. 

Freilich läuft die Sache nicht immer so glatt ab. Wo diese 
stillschweigende oder durch dritte Personen hergestellte Einwilligung 
der Eltern fehlt, da werden jene kleinen Aufmerksamkeiten, die der 
Bursche dem Mädchen erweist, nicht gerne gesehen. Wagt derselbe 
trotzdem eines Abends eine bescheidene Anfrage an den Vater des 
Mädchens zu richten, so wird ihm als Antwort zu teil, die Kornernte 
sei heuer zu schwach ausgefallen, als dass man Hochzeit halten könne, 
die Tochter sei noch im Hause nötig, denn sie habe sich noch nicht 
einmal das Salz in die „Palukes** (Polenta) verdient. 

Das Werben geschieht in der Regel abends, an manchen Orten 
durch den Burschen selbst, an anderen durch einen Brautwerber, den 
Vater des Freiers, den Brautknecht oder einen Freimann. 

Es wird dabei nicht immer gleich ein zustimmender Bescheid 
gegeben, sondern man bittet sich oft eine bestimmte Bedenkzeit aus. 

Den Akt des Werbens, wie er in Peschendorf bei Schässburg vor 
sich geht, schildert Maeiz (a. a. 0. S. 27) ausführlich folgendermassen: 
Nachdem dem Knechte das Mädchen zugesagt worden ist, geht der 
Vater des ersteren und hält feierlich für denselben an mit den Worten: 
„Es ist allbereits bewusst und bekannt, dass wir uns vor mehreren 
Jahren in den heiligen Ehestand begeben haben und in demselben hat 
uns Gott nicht leer und ledig wissen wollen, sondern uns gesegnet, 
nicht mit zeitlichem vergänglichem Gut, sondern mit edlen Leibes- 
früchten, wie auch mit einem lieben Sohn, der nun so weit heran- 
gewachsen, und zwar nicht im Rosengarten, sondern in vieler Müh' 
und Plage, bis dass er sich auch in den heiligen Ehestand zu setzen 
gedacht. Da hat er sich umgesehen in unserer christlichen Gemeinde, 

Forschungen zur deatschen Landes- und Volkskunde. IX. 2. 7 



90 0. Wittetock, [34 

in Gassen und Spielhäiisern (auch ^ Spinnstuben, Gespielstuben'', bei 
Spiel und Tanz), und hat Gott den Herrn dabei angefleht, er solle ihm 
ein Weg zeigen, auf welchem er eine Gehilfin finde, die um ihn sei. 
Nun sehen wir, dass Gott ihn hat geleitet bis hierher zu Euch und 
hat die Erfahrung gemacht, dass Eure liebe Tochter Neigung zu ihm 
bekommen, sich mit ihm wechselseitig zu lieben. Demnach hat er 
bittlich angehalten, sowohl mit heimlichen als mit offenbarlichen Worten, 
bis er endlich auch ein Jawort und einen Handschlag erhalten hat. 
Bei dem konnten wir es aber nicht bewenden lassen, sondern bin auch 
kommen zur Ueberzeugung, eine Frage an Euch zu thun: ob Ihr 
unserem Sohn denn Eure Tochter zur Frau geben wolltet oder unsere 
Bemühung vergeblich gewesen sei?" 

Der Vater des Mädchens erwidert im Falle der Zusage: 

„Ja, es ist unser Wille und der Wille unserer Tochter. Eure 
Bitte soll Euch gewährt werden; und wir sagen sonst nichts dazu, als 
Gott der Herr wolle seinen Segen dazu geben, dass wir uns ihres 
Lebenswandels freuen möchten.* 

Der Vater des Burschen: 

„Da wir nun hören, dass Ihr uns unsere Bitte nicht versagt, so 
sind wir dafür erstlich dankbar, erbitten uns aber zur Versicherung 
für die Zukunft noch einen Handschlag. '^ 

Vater und Tochter reichen dem Werber unter vielen Segens- 
wünschen die Hand und sofort werder> die beiderseitigen Verwandten 
herbeigeholt und um ihre Einwilligung befragt. 

Wie sich in dieser Zuziehung der Sippe uralter germanischer 
Brauch erhalten hat, so auch darin, dass in dem auf das Werben bald 
folgenden „Brautvertrinken* oder dem „Handschlag* das eigentlich 
Bindende, oft der Hauptakt des Eheschlusses gesehen wird. Gegenwärtig 
wird derselbe an einem Tage mit der kirchlichen Verlobung abgehalten. 

Haben sich die Eltern über alle Fragen geeinigt, so besuchen 
die beiden Väter der Brautleute eines Morgens im Feiertagskleide die 
Wochenfrühkirche und begeben sich nach derselben auf den Pfarrhof, 
wo der ältere der Männer den Pfarrer folgendermassen anspricht: 

„Einen glückseligen Morgen wünsche ich dem Herrn Vater! Ich 
wollte wünschen, dass der Herr Vater und die Frau Mutter mit den 
lieben Angehörigen wohl auf wären können stehen! Im übrigen wird 
es dem Herrn Vater auch gar wohl bewusst und bekannt sein, wie 
dass Gott uns unsere beiderseitigen Kinder hat erhalten und hat sie 
lassen aufwachsen zwischen anderen frommen Leuten in unserer christ- 
lich und königlichen Gemeinde und hat ihnen auch nicht mehr auf- 
erlegt, als was sie haben ertragen können, so haben sie gedacht, sie 
hätten die Kinderschuhe zerrissen und den Knecht- und Magdstand 
vertreten, so haben sie einen ehrlichen Handschlag gehalten und bitten 
den Herrn Vater, er wolle diesen Handschlag besiegeln und unsere 
Kinder freien (!) und ihnen die Ringe wechseln. Gott wolle uns Frieden 
und Gesundheit und seinen Segen dazu geben.* (Bodendorf.) Am 
folgenden Tage, gewöhnlich einem Sonnabend, nimmt nun der Geist- 
liche die Verlobung vor, woran sich ein von den Eltern der Braut 
^ebenes Mahl, das Brautvertrinken oder der Handschlag, anschliesst. 



35] Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. 91 

Mit ähnlichen formelhaften, feierlichen Beden, wie wir sie bei 
jedem wichtigen Ereignisse im Leben des Sachsen finden, wird auch 
die Verlobung vorgenommen und geschlossen. 

Ist die „Braut gemacht', so werden die Vorbereitungen zur 
Hochzeit getroffen, die man möglichst rasch zu schliessen wünscht, 
denn: «Aus einem langen Brautstand wird kein Ehstand', oder: „Langer 
Brautstand, kurzes Ehglück'. DaruiQ laden nun die Väter einige Säcke 
Korn auf den Wagen und lassen sie für die Hochzeit mahlen, kaufen 
die Hochzeitskuh, sorgen für das Getränke und dingen die Geiger. 
Dann wird der Termin für die Trauung festgesetzt. Die gewöhnliche 
Zeit, in welcher Hochzeiten gefeiert werden, ist im Herbste nach der 
Weinlese und der Beendigung der wichtigen Feldarbeiten, ebenso in 
der arbeitslosen Winterszeit vom Dreikönigstage bis Lichtmess, oder 
zur Pfingstzeit. Zwischen Ostern und Pfingsten darf keine Hochzeit 
stattfinden, da dieselbe nicht gut ausfällt. 

Bis zur Trauung holt der Bräutigam jeden Sonntag die Braut 
zur Kirche ab, die ihm dafür seinen Hut jedesmal mit einem gewaltigen 
Blumenstrausse schmückt. Ebenso geleitet er sie nach dem Gottes- 
dienste wieder heim. An jenen drei Sonntagen, an denen das Braut- 
paar in der Kirche ausgerufen wird, gehen die beiden Mütter und 
laden die Freundschaft zur Hochzeit ein. Dabei weiss der Geladene 
recht gut, ob er bloss „ehrenhalber** gerufen wird oder nicht und nur 
die nächsten Verwandten nehmen die Einladung an^ und zwar erheischt 
es die Sitte, dass sie sich lange sträuben müssen und erst vielem Zu- 
reden nächgeben dürfen. Die Hochzeit wird fast durchgängig am 
Mittwoch abgehalten. Die Vorbereitungen dazu beginnen aber schon 
in der vorhergehenden Woche oder spätestens am Montag. Das erste 
Geschäft, welches besorgt werden muss, ist, dass die eingeladenen 
Knechte in den Wald fahren und das Hochzeitsholz bringen. Im Hause 
selbst sind die „Köchinnen** beschäftigt, diis Mehl zu sieben und alles 
vorzurichten, damit am nächsten Morgen mit dem Backen von Brot, 
Hanklich und Stritzel oder Klotsch begonnen werden kann. Gleich- 
zeitig haben die Männer eine Kuh oder ein Schwein geschlachtet und 
das Getränke — Wein, in ärmeren Gemeinden Branntwein — besorgt. 
An manchen Orten gehen zwei Knechte mit Haselstöcken in den Händen 
durch die ganze Gemeinde, klopfen viermal an jedes Thor und fordern 
die Leute auf, etwas für die Küche des Hochzeitshauses beizutragen. 
In Bodendorf geht am Montag abend „der Lader** und ladet die ent- 
fernteren Verwandten zur Hochzeit ein. Derselbe trägt dabei in einigen 
Dörfern ein blassrotes oder weisses Stäbchen mit rotem Bande und 
geschmückt mit einem Strausse, in der Hand und klopft damit an das 
Thor des Hauses, das er betritt. 

In Bulkesch (s. Maetz, S. 43) bezweifelt man die Einladung, selbst 
wenn der Lader einen Pass vorzeigt, und bindet ihn mit einer Rute 
an den Herdfuss an. Ein mitgehender Knabe sucht ihn davor zu 
schützen. Die am Montag geladenen entfernten Verwandten besuchen 
die Hochzeit nicht, sondern erscheinen bloss an dem Vortage der 
Trauung im Hochzeitshause und bringen Rahm und Milch mit. Erst 
derjenige, bei welchem der Bittknecht nochmals erschienen ist, be- 



92 0. Wittstock, [36 

trachtet sich als wirklich geladen. Die Einladung richtet der Lader 
mit folgenden Worten aus: ^Ich bin ausgesandt aus eines ehrbaren 
Mannes Haus bis zu Euch, um Euch zu bitten, Ihr solltet auch so gut 
sein und Euch unserer Freundschaft nicht austhun und uns nicht ver- 
schmähen und zu unserem Ehren- und Freudenmahl kommen. Wenn 
uns Gott am Leben lässt, wollen wir uns nicht nur schön bedanken, 
sondern mit gleicher Freundschafj; suchen zu verschulden." Die Ge- 
ladenen antworten einfach: „Es soll also sein! Wenn uns Gott am 
Leben lässt, so wollen wir uns einstellen." (Bodendorf.) 

Der bewegteste Vorbereitungstag ist der, an welchem gebacken 
wird. Bald nach Mitternacht gehen die Frauen, die vom Vortage her 
noch im Hochzeitshause zusammengeblieben sind, mit Feuerschaufeln, 
Becken, Klappern und Schellen durch die Gassen und wecken die 
Frauen, welche ihnen bei der Arbeit behilflich sein sollen. In Boden- 
dorf wird die Frau, welche nicht rechtzeitig auf dem Platze erscheint, 
mit einer Karre oder einem Schlitten unter furchtbarem Geschrei und 
Schellengetön abgeholt. 

An vielen Orten ist es Sitte, dass am Montag das Brot, am 
Dienstag das feine Gebäck gebacken und das Geflügel geschlachtet wird. 
Wo dieses der Fall ist, da haben die Knechte die Nacht vom Montag 
zum Dienstag im Hochzeitshause zugebracht, um Feuer zu machen, 
Wasser zu holen und zu wärmen u. s. f. Ist ihre Arbeit vollendet, 
so wecken sie die Frauen mit Gesang. Das hierbei gesungene tage- 
liedartige Lied teilt Maetz (S. 45) mit. 

Darauf beginnen die Frauen ihr Tagewerk, während die ermüdeten 
Knechte sich niederlegen. Vielleicht haben wir einen Rest des ger- 
manischen Brautkaiifs in folgender Sitte erhalten, die in Kaisd üblich 
ist. Am Vortage der Hochzeit schickt der Bräutigam durch einige 
Freunde ein Schwein in das Haus der Braut und bietet dasselbe zu 
einem bestimmten Preise zum Kauf an. Von hier aus wird nun eben- 
falls den Verwandten des Bräutigams ein solches zugeschickt. i,T)sk8 
Ganze ist indes nur ein Scheinkauf, denn keine der beiden Parteien 
zahlt die festgesetzte Summe." (Maetz, S. 46.) 

Die erste warme „Hanklich", welche aus dem Backofen heraus- 
genommen wird, erhält der „wohlehrwürdige Herr Vater". Ist das 
Backen beendet, so tragen die zwei jüngsten Frauen im Sonntags- 
staate auf einem Brett die beste Hanklich und eine Flasche Wein, 
begleitet von Knechten und Mägden, von denen manche die Kleidung 
getauscht haben, zum Bräutigam, und eine der Trägerinnen spricht: 
„Unsere Freunde lassen Euch einen guten Tag sagen und schicken 
Euch einen warmen Bissen und einen Ehrentrunk und lassen Euch 
sagen, Ihr solltet nicht ekeln vor der Hanklich; sie hätten sich nach 
dem Teigkneten die Hände gewaschen und hätten so lange geknetet, 
bis ihnen der H . . . nach Knoblauch gestunken. Ihr sollt Euch aber 
auch nicht erferen (erschrecken) vor der roten Farbe im Glas, sie 
haben sich gar sehr in die Finger geschnitten und können sich das 
Blut nicht verstopfen, so ist es ihnen in dieses Glas geronnen. Gott 
gebe einem jeden zu gut, was er essen und trinken kann." Nun 
werden die Angekommenen zu Tische genötigt und mit den Ver- 



37] Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. 93 

kleideten wird allerlei Scherz getrieben. Man fragt sie, was sie wollen; 
sie seien gewiss gekommen, nachzusehen, ob der Backofen nicht das 
Brot gefressen und wo der Wind das Loch gelassen habe. Hungrig 
seien sie gewiss auch: »das Brot ist im ,Brotschaff^, das Messer im 
Lädchen, esst, ihr Freunde, esst! Wenn ihr euch aber die Mäuler 
daheim gelassen habt, so geht und holt sie/ (Bodendorf.) Dieselbe 
Scene wiederholt sich im Hause der Braut. 

In einigen sächsischen Orten finden ebenfalls an dem Vortage 
der Hochzeit allerlei Umzüge statt. Burschen und jüngere Männer 
durchziehen die Gassen, führen Bank, Ketten und Peitsche mit sich, 
halten die Vorübergehenden an und verurteilen sie in einer improvi- 
sierten Gerichtsscene zur Prügelstrafe, die sogleich vollzogen wird. In 
Neudorf treiben sich die W^eiber scharenweise in der Nacht auf der 
Strasse herum, und „wehe dem, den sie erwischen können.** (Maetz, 
S. 47.) Am letzten Abend, den die Braut als Mädchen erlebt, nimmt 
dieselbe von ihren versammelten Freundinnen Abschied, sie „beurlaubt 
sich**, während sie dieselben weinend umarmt, singen sie ihr ein Ab- 
schiedslied. 

Am Hochzeitsmorgen, ehe der Tag angebrochen ist, erscheint 
der Brautknecht, von dem Bräutigam gesendet, und überbringt der 
Braut die Morgengabe, die sie, von ihren Anverwandten umgeben, 
entgegennimmt. An den ältesten derselben wendet sich nun der Bote: 
„Einen glückseligen guten Morgen wünsche ich ,Erweist' (Eurer Weis- 
heit, der Titel, welcher .älteren, in einem Amte stehenden Männern 
auf dem Dorfe gebührt). Ich wollte wünschen, dass Erweist mit Frieden 
und guter Gesundheit aufwären! Unsere ehrbaren Hochzeitsväter haben 
Erweist einen guten Morgen sagen lassen; es wird sie freuen, wenn 
sie hören, dass es Erweist wohjgeht. Ich kann es aber nicht unter- 
lassen, erstlich dem treugütigen Gott für die Gnade und Barmherzigkeit 
zu danken, die Erweist so väterlich hat wollen erhalten bis auf den heu- 
tigen Tag und hat Erweist auch nicht mehr auferlegt, als was Erweist 
nützlich und erträglich gewesen ist. Im übrigen wird es Erweist auch 
gar wohl bewusst und bekannt sein, was der Hebe Gott hat wollen 
machen mit diesem ehrbaren Manne, Gott hat ihn wollen segnen in 
seinem heiligen Ehestand nicht nur mit zeitlichen Gütern, sondern auch 
mit Leibeserben und hat ihm liebe Kinder zu erkennen gegeben, 
sowohl auch diese liebe Tochter, welche auch so weit und fern erwachsen 
ist in unserer christlich und königlichen Gemeinde zwischen vieler 
frommen Leute Kinder, nämlich zwischen unserer Jugend, bis dass sie 
hat gedacht und getrachtet, sie hätte die Kindsschuhe zerrissen und 
ihren Magdstand vertreten, so hat der Sohn des ehrbaren Mannes N. N. 
Gott und den heiligen Geist zum Beistand angerufen und der hat ihm 
keine andere ins Herz gegeben, als diese Eure Tochter. Der ehrbare 
Knecht hat sie untersucht erstlich in heimlichen Sachen, dann in ofFen- 
bärlichen. Aus eigenen Kräften haben sie es aber nicht machen können, 
sondern haben es ihren Eltern und guten Freunden an den Tag 
gegeben. Die haben ihnen den Willen nicht wollen brechen, sondern 
helfen bekräftigen, bis sie es so weit gebracht, dass ein ehrlicher Hand- 
schlag gehalten und die Trauringe gewechselt worden. Im übrigen 



94 0. Wittatock, [38 

wissen es Erweist, dass in unseren christlich und königlichen Städten 
und Märkten, sowie auf unseren armen Dörfern, der liebe Brauch ist, 
eine Morgengabe zu schicken. So haben auch mich unsere ehrbaren 
Hochzeitsväter ausgesandt bis in diese Behausung mit einer geringen 
Morgengabe und halten bittlich an durch mich gegen Erweist, es soll 
unserer ehrbaren Braut gar angenehm und gefallig sein/ 

Darauf überreicht er der Braut die Morgengabe, die fast überall 
aus den „Brautschuhen'^, dazu noch hie und da aus Kleidungsstücken 
oder einem kleinen Geldgeschenk besteht. Als Gegengabe für den 
Bräutigam erhält der Brautknecht das Bräutigamshemd, eine „Gatje*" 
(Unterhose), die beide von der Braut aus selbstgesponnener und ge- 
webter Leinwand verfertigt worden sind und ein seidenes Halstuch 
mit zwei kleinen Quasten. Die Uebergabe dieses Geschenkes an den 
Bräutigam vollzieht der Brautknecht mit derselben Ansprache, die er 
im Hause der Braut gehalten. 

Nun brechen alle Verwandte des Bräutigams, die sich in dessen 
Vaterhaus versammelt hatten, auf und gehen in langem Zuge die 
Braut abzuholen. Geführt wird derselbe von dem Hochzeitsvater, in 
der Mitte schreitet der Bräutigam einher, auf dem Hute einen „goldenen** 
Strauss, allen voran tanzt der Brautführer die Strasse entlang. Für 
diese altgermanische Sitte hat unser Volk auch den ursprünglichen 
Namen ^brelft* (Brautlauf) noch bewahrt, doch nicht mehr in der 
einstigen Bedeutung, sondern gleichbedeutend mit Hochzeit. Vor 
dem Hofe der Braut angelangt, geht der Brautknecht zum zweitenmal 
hinein, um die Braut „auszuheischen**. Häufig wird dieses Abverlangen 
auch durch den Hochzeitsvater besorgt. Uralter Brauch ist es, dem 
Zuge den Eintritt in das Hochzeitshaus zu versperren. In Nadosch 
muss der Brautknecht über das Thor steigen, es öffnen und dann erst 
darf der Zug eintreten. Nun verlangt der Brautknecht die Tochter 
des Hauses mit folgenden Worten vom Vater oder dem ältesten Ver- 
wandten ab: 

„In einem Gesund liess ich Erweist, in einem Gesund finde ich 
Erweist. Ich habe noch ein paar Worte mit E. W. zu reden, wo 
E. W. die Gabe lassen folgen, die E. W. haben versprochen vor Tagen 
oder Wochen.** 

Hierauf antwortet der Angeredete: „Wir bleiben bei unserem 
Versprechen und halten unseren Handschlag.** 

Darauf fährt der Brautknecht fort: „Ich verspreche sie zu leiten 
in eine christliche Kirche und um einen christlichen Altar, da wird 
sie der ehrwürdige Herr mit einem teuren Eid zusammensprechen. 
Ich verspreche sie zu leiten in ein steinern Haus, da wird sie sehn 
mit freudigen Augen heraus; ich verspreche sie zu leiten in eine 
Tannenbank, Gott segne sie ihr Leben lang. Weil sie nun entschlossen 
ist, die herzgeliebte Braut, von den Ihrigen abzuscheiden, so bin ich 
gekommen, den Urlaub zu sagen. Ach, herzgeliebte Braut, was soll 
dein Urlaub sein? Vielleicht ein Abschied heut von dem bisherigen 
Leben. Mich dünkt und kommt mir vor, ich höre die Braut erzählen, 
ihr' ganze Lebensspur und ihr bisherig Leben, von welchem jetzt sie 
den Urlaub soll erheben. Komm her und sprich: Nun wende ich mich 



391 Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. 95 

«u den Eltern mein, den Urlaub euch zu sagen. Hab' Dank, du lieber 
Vater mein, hab' Dank, du liebe Mutter mein; ja, alles, was ihr mir 
gethan, nehm' ich mit Dank und Liebe an; bezahl' euch Gott in dieser 
Zeit, und auch dort in der Ewigkeit. Ich bitte, haltet mir zu gut, 
wo ich nicht habe gethan, was ihr mir angemut, ich bin und bleibe 
doch euer Kind, solang mir Gott das Leben giebt. Ach, soll ich 
denn nun scheiden? Ach, mein Herz erbricht, weil jetzt, an diesem 
Morgen, die TJrlaubstund' anbricht. Ach, herzgeliebte Eltern mein, 
kommt her, weil ich euch noch einmal danken kann ; kommt, hört, was 
ich soll sprechen in meines Vaters Haus. Für ausgestaudne Mutter- 
Schmerzen sag' ich euch tausend Dank von Herzen; für eure Sorg' 
und Vatertreu' geb' euch der Herr die Himmelsruh'. Was weinst du 
doch, geliebte Braut? Vielleicht, weil du sollst scheiden? Weine nicht, 
heut sei voller Freuden. Wein' nicht, denn heute bekommst du einen 
Mann, heut bekommst du viele Freunde ; nun sei voller Freuden, denn 
sieh, dein Bräutigam kommt, er wird dich umfassen, er wird dich 
umarmen, darum sei voller Freuden und sprich: Gesegn' Gott das 
Vaterhaus, zur guten Letzt gehn wir hinaus, ein treues Herz lass' ich 
euch zum Pfand. Ach, liebe Braut, reich mir die Hand.* (Bodendorf.) 

Nun dankt die Braut unter vielen Thränen ihren Eltern, „weil 
sie sie grossgezogen und an ihrem Tische haben satt essen lassen. ** 

Darauf nehmen sich in längeren Ansprachen die beiden Verwandt- 
schaften in die Freundschaft auf, ebenso versprechen sich in feierlicher 
Wechselrede Braut und Bräutigam, treue Ehegatten zu sein. Dann 
Terlässt der Zug das Haus und bewegt sich unter Tanz und Musik 
zur Kirche. Dort angelangt, umschreitet das Brautpaar mit ihrer 
engsten Begleitung, den Brautfrauen und den Brautknechten, den Altar 
und legen je ein Brötchen oder ein kleines Geldopfer auf denselben. 
Die Trauung trägt an vielen Orten die interessante Benennung „Kaufen*, 
mit welchem Ausdrucke jedoch anderwärts auch das Werben selbst 
bezeichnet wird. Häufig wird nach vollendeter kirchlicher Zeremonie 
vor dem Gotteshause getanzt, wobei sich fast die ganze Gemeinde, 
darunter viele vermummte Personen, beteiligen. Der Bräutigam tanzt 
mit der Braut und lässt sie dann „laufen** (Maetz S. 66), worauf sie 
in ein Nachbarhaus flüchtet; der Brautknecht muss sie dabei einholen, 
widrigenfalls er dieselbe, wenn die Flucht gelang, erst gegen ein Löse- 
geld wieder erhält. Ein eigentümlicher Brauch hat sich in Johannis- 
dorf erhalten (s. Maetz S. 67). Der Hochzeitszug geht aus der Kirche 
i5um Hause des Bräutigams, wo das junge Paar auf der Thürschwelle 
mit einem Seil an den Händen gefesselt wird, dann reicht man ihnen 
ein Glas Wein und Brot. Beides geniessen sie gemeinschaftlich, dann 
wirft der Bräutigam den geleerten Becher über den Hausgiebel. 
Darauf geht der Brautzug wieder nach Hause. Unterdessen rüsten 
die Freunde des Bräutigams einen sechsspännigen AVagen und fahren, 
begleitet von diesem letzteren und einer Schar Knechte zu Pferde, vor 
das Hochzeitshaus. Der Zugang zu demselben ist versperrt und wird 
von maskierten Burschen verteidigt. Ist der Bräutigam schliesslich 
eingedrungen, so trägt er die Braut auf den Armen hinaus, hebt sie 
auf den Wagen, auf welchen auch ihr Hab und Gut geladen wird. 



96 0. Wittstock, [40 

Unter Gesang wird eine Umfahrt durch das ganze Dorf gehalten, bei 
welcher der auf dem Wagen sitzenden Braut überallher Geschenke 
für die neue Wirtschaft übergeben werden. 

An der kleinen Eokel wird die Frau, wenn sie das neue Haus 
betritt, erst dreimal um den Herd geführt, auf welchem das Feuer 
brennt, dann besteigt sie, genau so, wie es die Sitte unserer heidnischen 
Vorfahren war, den erhöhten Sitz der Hausfrau und leert mit dem 
jungen Gatten einen Becher Weins. (Wolff, Die deutsche Frau, S. 9.) 

Auch bei der Rückkehr aus der Kirche wird dem jungen Paare 
der Eintritt in das Hochzeitshaus zu wehren gesucht. In Michelsberg 
werden die Rückkehrenden im Hausthore mit brennenden Besen und 
Ofenwischen empfangen. In Bodendorf wird von alten Frauen ein 
Seil über das Thor gespannt und den Hochzeitsleuten vorgeworfen; 
sie hätten Braut und Bräutigam gestohlen. Sollten solch gefahrliche 
Leute nicht auch andere Sachen stehlen, so müsse man ihnen am 
helllichten Tage mit der Laterne voranleuchten. Getraue sich aber 
Jemand, die 7 Glatzigen ohne zu stottern herzusagen, so wolle man 
sie hineinlassen (s. hierzu Hillner S. 35). Ist dieses geschehen, so 
werden Braut und Bräutigam mitten in das Thor gestellt, mit dem 
Rücken gegen den Hof, und über ihre Köpfe werden Stückchen eines 
zerbrochenen Brotes geworfen, , damit die Truden ihren Kornbaum 
nicht zerbrechen und ihnen wehe thun können.*^ 

Man hat versucht, den grössten Teil unserer Hochzeitsbräuche 
mythisch zu deuten. Aber die meisten derselben scheinen eine Er- 
innerung an jene Zeit zu bewahren, in welcher bei den Germanen 
die normale Art der Eheschliessung der Frauenraub war. Darauf 
deutet das gewaltsame Eindringen des Hochzeitszuges in das Haus 
der Braut, das Entspringen derselben nach der kirchlichen Trauung, 
und das allgemein übliche Stehlen der Braut. Auch den Brautlauf 
selbst hat man vielleicht als Nachklang der ehemaligen Raubehe zu 
betrachten. 

Betritt der Zug endlich nach vielen Hindernissen das Zimmer, 
so spricht ein aus der Verwandtschaft der Braut bestellter Redner, 
der „Wortmann", zu den Freunden des Bräutigams: „Wir wissen, dass 
Gott der Herr den Adam und die Eva erschaffen hat, die auch unsere 
Stammeltern waren. So wären wir eigentlich eine Familie. Da es 
aber seit der Zeit lange her ist und wir weit verzweigt und aus- 
einander gekommen sind, hat unser Herrgott Mann und Frau geschaffen 
und hat sie zusammengeordnet, dass eines dem andern helfe sorgen 
für den lieben Abend und für den lieben Morgen. Nachdem nun auch 
diese beiden jungen Leute zusammengebunden sind, so halte ich bitt- 
lich an im Namen unserer ganzen Freundschaft, Ihr solltet so gut 
sein und uns auch in Eure Freundschaft aufnehmen. Wir wollen auch 
im Süssen und im Sauern, im Sauern und im Süssen solche Freunde 
sein, wie es Gott und frommen Leuten gefällig ist." Aehnlich ant- 
wortet der Wortmann des Bräutigams. 

Nunmehr wird das Geben vorgenommen. Bräutigam und Braut 
stellen sich in Begleitung des Brautmanns, des Brautknechtes, der 
Brautfrau und -magd im Hofe hinter einen gedeckten Tisch. Auf 



41] Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. 97 

denselben wird eine zinnerne Schüssel gestellt. Unter den Klängen 
eines Trauermarsches nahen die Gäste, zuerst der Vater des Bräutigams 
mit bekümmerter Miene dem Tische. Derselbe gab eine Pflugschar 
mit den Worten: ,,Lass dir gefallig sein, was ich dir gebe, was 
deinen Vater und Qrossvater erhalten hat. Ackere fleissig, dann wird 
dein Kombaum nicht vertrocknen." Auf den Vater folgen alle männ- 
lichen Glieder seiner Freundschaft bis herab zum jüngsten Knaben 
und legen ihre Gabe auf den Tisch nieder, mit den Worten: „es möge 
euch gefällig sein.* 

Nach den männlichen Verwandten des Bräutigams treten jene 
der Braut hervor, an ihrer Spitze der Vater derselben, der einen neuen 
kupfernen Kessel vor sie hinlegt und dabei spricht: „Lass es dir 
gefallig sein. Wasche fleissig und spar! Eine Frau kann mehr mit 
dem Schurz hinaustragen, als der Mann mit dem Scheunenleintuch 
hineinträgt. •* Nach den Männern gaben die Weiber, voran die beiden 
Mütter. Zum Schlüsse erscheinen die Brautknechte und machen der 
rührsamen Scene ein Ende, indem sie durch allerlei scherzhafte Gaben, 
die sie mit spasshaften, oft recht unzweideutigen Reden begleiten, der 
Heiterkeit wieder zu ihrem Rechte verhelfen. 

Inzwischen ist das Mahl bereitet worden. Meist findet die Be- 
wirtung in dem Hause der Braut gemeinsam statt, doch ist es auch 
Sitte, dass die beiden Verwandtschaften getrennt speisen, nur die Braut 
bleibt in ihrem neuen Heim. In den langen Pausen, die zwischen den 
einzelnen Gängen eintreten, wird dem Tanze gehuldigt, der dann nach 
Beendigung der Mahlzeit die ganze Nacht hindurch bis zum Morgen 
währt. An manchen Orten ist es üblich, der Braut gegen Mitternacht 
den Borten abzutanzen. Von den beiden Brautfrauen geführt, beginnt 
die Braut einen Reigen, an dem fast alle Gäste teilnehmen. Immer 
wirrer wird der Knäuel, bis irgendwo die Kette reisst, dann stürmt 
der Zug in das Freie, immer zwischen aufgestellten irdenen Töpfen 
hindurch, bis eine im Hinterhalt lauernde Person der Braut den Kopf- 
schmuck entreisst. Diese beweint den Verlust dieses Symbols ihrer 
Jungfräulichkeit, an dessen Stelle sie mit einer Haube bekleidet wird. 
(Maetz S. 27.) 

Am Morgen des Jungfrauentages wird die junge Frau durch 
Schleierfrauen geschleiert, wobei ihr gleichzeitig das Haar kurz- 
geschnitten wird. Sie erhält zum erstenmale den Kopfschmuck, den 
sie von nun an zu tragen hat. Derselbe besteht in einem feinen 
Schleier, welcher künstlich um das Haar geschlungen und mit wert- 
vollen „Bockelnadeln** daran befestigt wird. Während dieses Aktes 
nimmt die Hochzeitsgesellschaft das Frühstück ein. Gegen Mittag 
begiebt sich die junge Frau entweder in Begleitung aller Gäste, an 
manchen Orten jedoch nur in derjenigen der Frauen, nochmals in die 
Kirche, zur Betstunde. Hat der Geistliche das Gebet gesprochen und 
die Pflichten der Ehe auseinandergesetzt, so wird in einigen Dörfern 
des Sachsenlandes die junge Frau von den beiden Brautfrauen unter 
den Armen ergriffen und dreimal auf die Bank aufgestossen. 

Der zweite Hochzeitstag ist ganz dem Tanze und der Belustigung 
gewidmet. Es werden sowohl durch das Dorf fastnachtsähnliche Um- 



-98 0. Wittstock, [42 

Züge veranstaltet, als auch im Hause selbst allerlei dramatische Auf- 
führungen vorgenommen. Ausser dem uns schon bekannten Spiess- 
tanz wird sehr häufig der Rösschentanz aufgeführt, in welchem sieben 
Personen, ein Oberst, Unteroberst, zwei Wallachen, eine von ihnen 
geführte Ziege und zwei Rösschen auftreten. Die Ziege wird durch 
«ine in ein weisses Leintuch gehüllte Mannsperson dargestellt. Die 
Rösschen erscheinen in weissen Strümpfen, mit Tüchern und Bändern 
behangen, an denen Schellen hängen (s. Schuster, Rösseltanz S. 5). 
Im Burzenlande wird in die Mitte eines Backtroges ein Loch gesägt, 
so dass der Mann, welcher das Rösschen darstellt, sich denselben um 
den Leib nehmen kann. An das vordere Ende wird das Qerippe eines 
wirklichen Pferdekopfes angebracht, am rückwärtigen Teile ein Schwanz. 

Zuerst betritt einer der Wallachen, als lustige Person, das Hoch- 
zeitshaus und bittet um Quartier für seinen Herrn, bleibt aber ver- 
lockt von Speise und Trank am Tische sitzen, ohne dem Obersten 
Antwort zu bringen. Dieser schickt nun den Unterobersten hinein, 
der den Hochzeitsvater bittet, man möge dem Obersten erlauben, zwei 
Pferde vorzuführen. Die Erlaubnis wird gegeben, worauf der Eintritt 
der übrigen Akteure erfolgt. Und nun lässt der Oberst, nach den 
Klängen einer eigenen, eigentümlichen Rösschenmusik , einen Tanz 
aufführen, während dessen die lustige Person ihre Possen mit den 
Tanzenden und dem Publikum treibt. Nach Beendigung des Tanzes 
versucht der Hochzeitsvater dem Obersten die Ziege abzukaufen, ver- 
langt aber als Zugabe einen der Wjillachen. Von diesen will aber 
keiner des Obersten Dienste verlassen und sie beschliessen die Ziege, 
nachdem sie mit derselben einen Wetttanz abgehalten, totzuschlagen. 
Darüber wird der Oberst zornig, worauf die Wallachen die Ziege 
wieder zum Leben erwecken, indem sie ihr durch ihre Knüttel Atem 
einblasen. Den Schluss bildet wieder die Aufführung des Rösschen- 
tanzes. 

Sehr gebräuchlich ist auch die dramatische Darstellung eines 
Totentanzes, der den Titel Königs- oder Engellied führt und das 
Unterliegen eines stolzen, mächtigen Königs unter die Gewalt des Todes 
schildert. 

Am häufigsten wird aber zur Erheiterung der Gäste die Hoch- 
zeitspredigt aufgeführt. Dieselbe ist entweder gereimt oder in Prosa, 
parodiert die Form und Gliederung der Predigt (s. Schuster, Volks- 
dichtungen, S. 131 u. 453) und will teils durch absichtliche Sinnlosig- 
keit, teils durch derbe Zote wirken. 

Der dritte Hochzeitstag — Freitag — heisst der „Ausschenk" 
oder der „Tag der Köchinnen". Ausser den nächsten Verwandten 
beteiligen sich an demselben alle jene, die an den Hochzeitsfeierlich- 
keiten offiziell beschäftigt waren, die Brautknechte und Brautmägde, vor 
allem aber die Köchinnen, die bisher bloss die Mühe und Arbeit ge- 
tragen. Auch Samstag findet noch eine Fortsetzung der Festtage statt, 
indem die engste Freundschaft sich bei dem „Uebriggebliebenen" ver- 
sammelt. 

Am Freitag abends erscheinen an manchen Orten — anderwärts 
geschieht dasselbe am Vorabend des Hochzeitstages — die Freundinnen 



43] Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. 99 

der jungen Frau und überbringen ihr einen Rocken, d. i. an einem 
kräftigen jungen Eichstämmchen ein dickes Hanfbüscbel, an dem Eier- 
schalen, Blumen und Spindeln hängen. Begleitet sind sie von vielen 
vermummten Personen. Die Eltern der jungen Frau dürfen hierbei 
nicht zugegen sein. Die Mädchen stellen sich im Flur des Hauses 
auf und singen das ^Bockenlied** (Schuster, Volksdichtungen, S. 85): 

Mar V8el9 gön, mar vsela stOn, mar vsßlnar jangar frse an r6k*an drön. 
A® vot drö mar ar cent ho^s? fil ir ux glaek' : 

aH fil k'uirak'ed'dr, eei fil dar g&dr tsed'dn, 

azi fil flözuindn, Qzi fil dar gädr jör! 

a^ri fil k'uiraneran, a^i fil dar hisar tsSran! 

£^d ar god an janga 20n, zb nit ?a an maBt glsek^ ! 

Hirt hiar ir m5n dar hred'jem, vot mir e/ ysela zön! 
ir fra, dsB zeld ir lievan, da jang met lüsa gön! 
Hirt hiar ir frse da brot'x. vot mir e/ yaela zön, 
ira man dia zeld ir laevan, da jang k*n6yt losa gön ! 

Nid an, tsabre/t an! k'end ar an net tsabre/n, 
za sterft ij ir jang fräs sem olarirsta jör! 
[za sterft ij ir gang sem olarirsta jör]. 

Bei den letzten Worten ergreifen die im Zimmer Stehenden den 
Rocken, die Mädchen verteidigen ihn, dabei stets den letzten Vers 
singend. Endlich entwinden ihn die ersteren seinen Besitzerinnen, der 
junge Mann ergreift ihn und zerhaut ihn mit einer bereitstehenden Axt. 
Darauf beenden die Mädchen ihr Lied: 

Mar troodn ov an besam, mar vila gaeran esn ! 





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gid ir 9z an imar ven, zd gid ir as yod ir ira ^en. — 

Ist der Gesang zu Ende, so wird die Gesellschaft in das Zimmer 
geladen und bewirtet. 

Am Abend des dritten Hochzeitstages, ehe die Gäste auseinander- 
gehen, dankt der Wortmann oder der Brautknecht im Namen aller 
Gäste den Wirten für Speise, Trank und Saitenspiel und wünscht 
ihnen, ,sie mögen es nicht spüren", ein Wunsch, der eben nicht ganz 
überflüssig ist, wenn man bedenkt, dass die Zahl der Gäste, die an 
einer gewöhnlichen Bauernhochzeit teilnehmen, mindestens 50 — 60 Per- 
sonen beträgt. Mit Recht sagt unser Volksmund, dass „zwei Hoch- 
zeiten ein Abbrennen" sind. 



VII. Die Nachbarschaft. 

Die Nachbarschaften in Hermannstadt. Ein Beitrag zur Geschichte der deut- 
schen Stadtverfassung und -Verwaltung in Siebenbürgen. Von Franz 
Zimmermann. Archiv des Ver. f. siebenb. Landeskunde. N. F , 20. Bd.^ 
S. 47—202. 

Fronius, Bilder, S. 92. Schuler, Materialien, S. 169. Schuller, Festliche 
Gebräuche, S. 29. 

Einige Wochen nach der Hochzeit werden die Neuvermählten in 
die Nachbarschaft aufgenommen, zu welcher bloss selbständige Wirte der 
Gemeinde gehören können. Alle sächsischen Dörfer zerfallen in einzelne 
Nachbarschaften, deren jede eine Anzahl benachbarter Häuser umfasst. 
Diese Genossenschaften haben den Zweck, als Feld-, Feuer- und Sicher- 
heitspolizei das Eigentum ihrer Mitglieder zu schützen, das sittliche 
Leben derselben zu überwachen und sie zu gegenseitigem Beistande 
zu vereinigen. Ihre gegenwärtige Organisation zeigt weitgehenden 
Einfluss der Kirche, unter deren Oberaufsicht sie gestellt ist. Dadurch 
ist die Aufgabe der Nachbarschaft als Sittenpolizei stark in den Vorder- 
grund getreten. Dem Nachbarvater, der durch freie Wahl an die 
Spitze des Verbandes gestellt ist, wird ein tiefgehender Einfluss ein- 
geräumt. Nicht nur Streitigkeiten, welche an den Zusammenkünften 
der Nachbarschaft entstanden, finden vor ihm ihren Austrag und 
eventuelle Ahndung des Urhebers mit Geldstrafe, sondern auch über 
häusliche Zwistigkeiten zwischen Eltern und Kindern, oder zwischen 
Ehegatten ist er der erste Richter. Wie die Bruderschaftsartikel, so 
wachen auch die Nachbarschaftsordnungen mit grosser Strenge über 
das Betragen ihrer Mitglieder an den Vereinsversammlungen und das 
Benehmen derselben den Beamten gegenüber. 

Der rege kirchliche Sinn, welcher unsere Bauern auszeichnet, ist 
zum guten Teile eine Folge dessen, dass die Institution der Nachbar- 
schaft durch ganz genaue gesetzliche Bestimmungen auf denselben 
einwirkt. Nicht nur das Benehmen der Nachbarn, sowie ihrer Familien- 
angehörigen auf dem Gange zur Kirche und in derselben untersteht 
der Oberaufsicht der Nachbarschaft, sondern auch der regelmässige 
Kirchenbesuch, die Teilnahme an der Kommunion u. s. w. 

Die Durchführung des Verbotes, am Sonntage zu arbeiten, liegt 
in ihren Händen. 



45] 0. Wittstock, Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. 101 

Die soeben geschilderte Seite der Nachbarschaft ist unzweifel- 
haft ein Erzeugnis der Entwickelung, welche dieselbe seit Einführung 
des Protestantismus genommen hat, dem das sächsische Volk in seiner 
Gesamtheit sich zuwandte. In ihren übrigen Teilen aber ist unsere 
Nachbarschaft eine Institution, die von unserem Volke aus dem Mutter- 
lande mitgebracht wurde. 

Ursprünglich eine Agrargenossenschaft zur Regelung des Feld- 
wesens, mit der Verpflichtung gegenseitiger Hilfe, hat die Ausgestal- 
tung, welche dieselbe bei den Sachsen fand, viel von der ursprünglichen 
Bestimmung verloren. Die Regelung des Agrarwesens ging in die 
Hände der Gemeindebehörde über und die Dorfnachbarschaft, die «inst 
alle Grundbesitzer des Dorfes zu einer Einheit verband, scheint sich 
nach dem Vorbilde der städtischen Nachbarschaften entwickelt zu haben. 
Die Verpflichtung wechselseitiger Unterstützung blieb ihr. 

Ist ein Nachbar erkrankt, so besorgen die übrigen seine wich- 
tigsten Feldarbeiten, unternimmt er einen Bau, so stellt jedes Haus 
gegen geringe Entschädigung eine „männliche Hilfe*. Wer in Geld- 
bedrängnis gerät, erhält aus der Nachbarschaftskasse billige Darlehen. 
Bei Hochzeiten müssen die Nachbarn nach Möglichkeit mit Geschirr, 
Tischen und Bänken aushelfen, in ihren Küchen den Braten zubereiten. 

Tritt in irgend einem Hause der Nachbarschaft ein Todesfall 
ein, so erwächst ihr die Verpflichtung der Leichenfolge. Ihr obliegt 
die Besorgung des Geläutes, das Grabmachen, die Anordnung und 
Bestellung der Leichenfeierlichkeiten. 

Als Sicherheits- und Feuerpolizei müssen die Mitglieder der 
Nachbarschaft abwechselnd die Gassen- und Thorhut ausüben. Die- 
selbe wird meistens nur in den Nächten abgehalten, in denen starker 
Wind weht, der Ausbruch einer Feuersbrunst folglich sehr bedenklich 
wäre und an den Tagen, wo fast die ganze Einwohnerschaft des 
Dorfes auf dem Jahrmarkte der benachbarten Stadt weilt. Früher, 
als sich am Sonntage zum Hauptgottesdienst die gesamte Familie, 
vom Jüngsten bis zum Aeltesten einfand, stellte die Nachbarschaft 
auch zu dieser Zeit zwei Gassenhüter. Jetzt ist diese Vorsichtsmass- 
regel nicht mehr nötig. 

Ausser der Gassenhut lag der Nachbarschaft — vor der Er- 
richtung von Feuerwehren, die wir gegenwärtig in jedem sächsischen 
Dorfe finden — die Hilfeleistung bei Feuersgefahr ob, zu welchem Zwecke 
dieselbe im Besitze eigener Löschgeräte war, die sie in ordentlichem 
Stande erhalten musste. In ihren Wirkungskreis gehörte auch die 
Erhaltung der Strassen und die Reinigung der Brunnen. 

Aus unseren eigenartigen Verhältnissen heraus, die bis zur Ein- 
führung der Konzivilität allen Fremd nationalen verboten, auf Sachsen- 
boden sich anzusiedeln, erwuchs der Nachbarschaft die Verpflichtung, 
darauf acht zu haben, dass sich in ihrem Bereiche kein Nichtsachse 
ansiedle. 

Kauft aber jemand ein Haus in einer Nachbarschaft, so muss 
er den Nachbarn, welche schon ein solches besitzen, ein Mahl, „die 
Hausseligkeit'' verabreichen (s. J. Wolfi^, Die Hausseligung. Korrespbl. 
d. Ver. f. siebenb. Landesk. 1892, S. 86—98). 



102 O. Wittstock, Volkatflmliches der Siebenbörger Sachsen. [46 

Den Naclibarvater unterstützt in der Ausübung seiner Pflichten 
ein aus den ältesten und wUrdigsten Mitgliedern gewählter Ausschusa, 
die Altschaft. In Verhinderungafällen vertritt den ersten Beamten 
der .junge Nachbaryater". Die Schreib- und Geldgeschäfte besorgt 
ein eigener .Schreiber'. Zur Aufbewahrung der Nachbarscbafteord- 
nungea, sowje der eingelaufenen Strafgelder besitzt jede Nachbarschaft 
eine hölzerne „Lade", die im Hause des alten Nachbarvaters auf- 
bewahrt wird. 

Alle Angelegenheiten der Nachbarschaft werden auf dem , Nach- 
bar"- oder .Sitttag" erledigt. Die Einladung zu demselben erfolgt 
durch mündliches Umsagen von Haus zu Haus. Jeder Nachbar muss 
die Botschaft ohne Verzug weitersagen lassen. Als Kontrolle dient 
ein .Nachbarzeichen", d. i. ein meist herzförmiges, verziertes Holz- 
täfelchen , das gleichzeitig mit der mündlichen Anordnung des Nach- 
barvaters in Umlauf gesetzt wird und zu seinem Ausgangspunkte 
zurückkehren muss. Durch Ausscbtckuug dieses Nachbarschaftszeichens 
trifft der Nachbarvater mit mündlichem Auftrage alle seine Anord- 
nungen. 

Der Sitttag wird in der Regel am Äschermittwoch selbst, auch 
kurz vor oder nachher abgebalten. 

In feierlicher Rede eröffnet der Nachbarvater denselben, worauf 
die Bestrafung derjenigen vorgenommen wird, die sich im Laufe des 
Jahres irgend eines Vergehens schuldig gemacht haben. 

Wer sich freiwillig anklagt, dem wird die Hälfte der Strafe 
nachgesehen. Hierauf erfolgt ebenfalls in feierlicher Weise durch 
Rede und Gegenrede die Aufnahme der Neueintretenden. Zum Schlüsse 
wird die Neuwahl der Beamten, falls ihre Amtszeit abgelaufen ist, 
vorgenommen. Der Rest des Sitttages und die darauffolgende Nacht 
werden bei fröhlichem Gelage zugebracht, das aus der Nachbarschafls- 
kasse bestritten wird. In manchen Dörfern dauert diese fröhliche 
Unterhaltung mehrere Tage, scbliesst aber unter allen Umständen mit 
dem Aschermittwoch. 

Gleich der Bruderschaft versammelt sich auch die Nachbarschaft 
viermal jährlich zu ,Versöhnabenden", an welchen durch Beilegung 
vorgefallener Streitigkeiten und gegenseitiges Vergeben und Vergessen 
die Vorbereitung zum heil. Abendmahle stattfindet. 



k 



Yin. Volkstümliclier Glaube und Brauch bei Tod nnd 

Begräbnis. 

Schuller, Volkstum]. Glaube und Brauch bei Tod und Begräbnis. 



Ist das Mitglied einer Familie erkrankt, so werden in erster 
Reihe eine Anzahl Hausmittel angewendet, vielleicht auch eine des 
Besprechend kundige Frau ^ oder der als Zauberkundiger geltende 
wallachische Pope zu Hilfe gerufen; erst im äussersten Notfalle wendet 
man sich an den Arzt und schliesslich an den Beistand der Kirche. 
Hat auch das Qebet des Geistlichen, das er am Schlüsse der Predigt 
hielt, seine Wirkung versagt und macht der Tod seine Nähe immer 
fühlbarer, so sucht der Sterbende wenn nur möglich sich mit seinen 
Feinden auszusöhnen und lässt sich darauf das heilige Abendmahl 
reichen. Will man dem mit dem Tode Kingenden das Sterben er- 
leichtern, so muss man ihn auf die linke Seite wenden — wohl des- 
halb, weil auf dieser das Herz, der Sitz des Lebens liegt — und ihm 
das Kopfkissen wegziehen. Auf einem Lager von Erbsenstroh erfolgt 
das Verscheiden rascher als auf einem Federbette, in welchem sich 
Taubenfedern befinden könnten, die den Kampf verlängern. Liegt also 
der Sterbende auf einem Federbette, so erfolgt seine ümbettung. 
Das Bett der Kinder, die einen schweren Todeskampf bestehen, rückt 
man an jene Stelle, wo sonst der Tisch steht. 

Die Nächte hindurch wachen die Angehörigen am Lager des 
Todkranken, den man vor heller Beleuchtung hütet. Lautes Klagen 
und Weinen verlängern die Agonie und haben noch 24stündiges Leiden 
zur Folge. Ist der Tod schliesslich eingetreten, so öffnet man das 
Fenster, damit die Seele entfliehe, und drückt dem Verstorbenen Mund 
und Augen zu. Hierauf wird er aus dem Bette gehoben, auf Stroh 
oder ein auf dem Fussboden ausgebreitetes Leintuch gelegt und mit 

^) Ohne uns hier des näheren auf den medizinischen Aberglauben, seine 
Heilsprüche und Zauberbanne einlassen zu können, muss man doch bemerken, 
dass auch diese Seite unseres Volksglaubens allzugern auf heidnischen Ursprung 
zurückgeführt wurde, während derselbe zum grössten Teile Niederschlag der ab- 
sonderlichen medizinischen Wissenschaft früherer Jahrhunderte ist. 



104 0. Wittstock, [48 

warmem Wasser gewaschen. Wenn nötig, wird das Gesicht rasiert, 
wofür der BetreflFende, der diesen Dienst leistet, das Messer des Toten 
geschenkt erhält. 

Ist der Leichnam gereinigt worden, so wird, wenn es sich um 
einen Mann handelt, demselben sein Bräutigamshemd und darüber sein 
bestes Festgewand angezogen, doch fehlen bei älteren Männern die 
Stiefel und der breite lederne Gürtel. An manchen Orten wird das 
Haupt mit dem Marderhut oder der Lammfellmütze bedeckt. 

Auch die Frau wird in ihrer schönsten Kleidung beerdigt. 

Ist der Leichnam bekleidet, so wird er bis zur Einsargung mit 
gekreuzten Händen auf einer Totenbahre, die zwischen den Fenstern 
ihren Platz findet, aufgebahrt. An manchen Orten legt man auf den 
Bauch des Verstorbenen, um das Aufschwellen zu hindern, eine Sichel 
oder einen zinnernen Teller, die häußg mitbegraben werden. Sobald 
die Nachricht vom Todesfalle sich verbreitet hat, machen die Ver- 
wandten und näher Bekannten Beileidsbesuche und übernehmen die 
Sorge für die Bestellung der Beerdigung, sowie die oft sehr grossen 
Vorbereitungen für das Leichenmahl. Fast jeder Geschäftsgang wird 
von einem anderen besorgt, der schwerste, dem Geistlichen und den 
Lehrern „die Leiche anzuzeigen**, obliegt entweder dem älteren Nach- 
barvater oder einem erfahrenen älteren Verwandten des Hauses. Auch 
diese amtliche Anzeige geschieht durch stehende, formelhafte Rede, 
üeberhaupt ist der ganze weitere Verlauf der Trauerfeierlichkeiten 
auf dem Dorfe durch ein streng beobachtetes Zeremoniell geregelt, dem 
sich sogar das Verhalten der Leidtragenden zu fügen hat. Dasselbe 
mag an einer gewissen Schwerfälligkeit und Umständlichkeit leiden — 
zeigt doch das ganze Wesen unseres Bauern diese Eigenschaften — , 
aber zweifellos verleiht es allen wichtigen Ereignissen im Leben des 
Volkes, bei denen es stets wiederkehrt, das Gepräge ernster Würde, 
tiefen religiösen Fühlens. 

Im Sonntagskleide, wie es sich ziemt, wenn man vor seinen 
Pfarrer tritt, erledigt der Anzeiger der Leiche seine Aufgabe. Nach 
ausführlicher Begrüssung beginnt er: ^Es wird Ew. Wohlehrwürden 
aber auch gar wohl bewusst und bekannt sein, wie dass Gott unseren 
Mitbruder in einen Krankenbett gesetzt hat; so ist er der Krankheit 
nicht können genesen, sondern ist des Todes verblichen. So wissen 
wir, wenn der Mensch tot ist, dass er nirgends besser ist als in der 
kühlen Erde, die unser aller Mutter ist. So haben es diese guten 
Leute auch nicht machen können, sondern halten bittlich an, wie an 
die Nachbarschaft so auch an Wohlehrwürden, wollten von der Güte 
sein, ihn helfen zu beerdigen." (Bodendorf. Eine grosse Menge solcher 
Ansprachen s. bei Schuller S. 46.) 

Auf die ehrfurchtsvolle und doch zutrauliche Art, in welcher der 
sächsische Bauer seinem Seelsorger Anzeige von dem Unglücke, das 
ihn betroffen, macht, antwortet derselbe mit der herzlichen Teilnahme, 
die das Kirchenkind von seinem „ Herrn Vater** als etwas Selbstverständ- 
liches fordert. Hat derselbe seine Hilfe zugesagt, so werden auch noch 
der Prediger und der Schulrektor, der letztere als Leiter der Leichen- 
musik, um ihren Beistand angesprochen. In manchen sächsischen Ge- 



49] Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. 105 

meinden wird, sobald die offizielle Anzeige des Todesfalles beim Pfarr- 
amte erfolgt ist, eine Stunde lang geläutet, um die Gemeinde von dem 
Abscheiden eines ihrer Mitglieder zu benachrichtigen. Dieses einstün- 
dige Geläute heisst ,der Seelenpuls''. 

In jenen Nächten, die der Tote unbestattet über der Erde liegt, 
wird von seinen Verwandten und Freunden Nachtwache gehalten. Auch 
diese Hüter sprechen bei ihrem Erscheinen ihr Beileid in stehenden 
Redewendungen aus: Es dauert uns das Schicksal, das Euch betroffen 
hat; Gott tröste die Betrübten und erfreue Eurem .... die Seele im 
ewigen Leben u. s. f. 

Anfangs bei Gebet und Bibellesen, später bei Trank, Gespräch, 
wohl auch Kartenspiel bringen jene Wächter die Nacht zu, wobei es 
manchmal auch zu allerlei wüsten Ausschreitungen kommt. Wir finden 
also die uralte Sitte der Totenwache mit all ihren üblen Seiten, die 
so vielfach bekämpft worden sind, bei uns ganz rein erhalten. Vor 
jedem Trünke wird die Seele des Verstorbenen gegrüsst: , Gott tröste 
die liebe Seele in der Ewigkeit und habe sie aufgenommen in sein 
Reich; er helfe uns auch dahin, wenn es sein göttlicher Wille 
sein wird.** 

Am folgenden Tage in der Frühe ruft Glockengeläute vom Turme 
entweder einige männliche Verwandte des Verstorbenen oder Mit- 
glieder der Nachbarschaft — je nachdem es Ortsgebrauch ist — zum 
Grabmacheu. Angestellte Totengräber kennt man in sächsischen Dörfern 
meist nicht. Mancherorts fällt die Aufgabe, dem Toten eine letzte 
Ruhestätte zu bereiten, den Taufpaten desselben zu, war derselbe 
Mitglied der Bruder- oder Schwesterschaft, so verrichtet die erstere 
diese Arbeit. Zur Entschädigung dafür werden die Grabmacher zum 
Leichenschmause geladen. Im Trauerhause ist inzwischen die Ein- 
sargung des Leichnams erfolgt. Unter fortwährendem Ab- und Zu- 
gehen der Beileidsbesuche, den Vorbereitungen zum Leichenmahle, 
lautem Weinen und Klagen verstreicht der Tag. Gegen Abend wird 
die Zahl der Erscheinenden immer grösser, so dass es am Totenbette 
lebhaft genug zugeht, da eine grössere Zahl der Gäste die ganze Nacht 
hindurch die zweite Totenwache hält, für die Essen und Getränke 
bereit stehen muss. 

Am Beerdigungstage giebt Glockengeläute das Zeichen, dass die 
an dem Begräbnisse Teilnehmenden sich im Leichenhause versammeln 
sollen. An der Beerdigung teilzunehmen sind alle Mitglieder der 
Nachbarschaft verpflichtet, zu welcher der Tote gehörte. Dieselbe ist 
am Vorabende von dem Nachbarhannen durch Herumschickung des 
Nachbarschaflszeichens an ihre Pflicht gemahnt worden, entzieht sich 
ihr jemand ohne Ursache, was ausserordentlich selten vorkommt, so 
verfällt er einer Strafe. Den Sarg bis zum Friedhofe zu tragen und 
das Grab zu schliessen, obliegt ebenfalls der Nachbarschaft, bei Mit- 
gliedern der Bruder- oder Schwesterschaft jedoch der ersteren. 

Die Männer ; die zum Leichenbegängnisse erscheinen, betreten 
das Haus nicht. An dem geöffneten Thore werden • sie von jenem 
älteren Verwandten, der den Todesfall bei dem Pfarrer anzeigte, oder 
von dem Nachbarvater, wo dieser jenes Geschäft besorgte, empfangen 

Forsdiiuigen zar dentachen Landes- und Volkskunde. IX. 2. 8 



106 0. Wittetock, [50 

und begrüsst; derselbe nimmt ihre Kondolenzen entgegen und dankt 
ihnen för das Beileid, worauf sie sich halbkreisförmig hinter ihm auf- 
stellen. Die gleiche Aufgabe, die Beileidsbezeugungen entgegen- 
zunehmen, besorgt in dem Zimmer, wo der Tote aufgebahrt ist und 
der weibliche Teil des Leichengefolges sich versammelt, eine , Leichen- 
mutter \ 

Während des Qlockengeläutes haben sich alle Teilnehmer ver- 
sammelt, Pfarrer und Lehrer sind erschienen und haben sich vor dem 
Thore aufgestellt. Darauf wird ein Qrablied angestimmt. Während 
desselben begeben sich die vier oder fünf jüngsten Mitglieder der 
Nachbarschaft in das Haus, um den Leichnam abzuverlangen. Einer 
von ihnen spricht dabei die Worte: 

,,Wir haben ein herzliches Mitleid über den tödlichen Zufall 
Eures geliebten Gatten (Gattin, Kindes), wir hätten gewünscht, wenn . 
der liebe Gott noch mehrere Jahre zum Trost und Freude das Leben 
hätte schenken sollen; da es aber Gottes Wille war und Gott besser 
gefallen, so tröstet Euch mit dem Willen des himmlischen Vaters. 
Eine kleine Zeit werdet Ihr traurig sein und in mancherlei Anfechtung 
fallen, trotzdem aber erinnert Euch an den Spruch, den der weise 
Hiob sagte: Der Herr hat ihn (sie, es) gegeben, der Herr hat ihn ge- 
nommen, der Name des Herrn sei gepriesen. 

,0 Gott, du hast diesem Entschlafenen Gnade verliehen und hast 
ihn in das Bett der ewigen Ruhe gelegt, so sind wir denn auf Euer 
Verlangen und unserer Pflicht gemäss erschienen und bitten um seinen 
toten Körper uns fünf Männern abzugeben, dass wir ihn hintragen in 
den reichen Boden Gottes zu einer sanften Ruhe. Amen/ (Honig- 
berg.) Darauf erwidert einer der nächsten Angehörigen der Familie 
fast mit denselben Worten. Dann wird der Sarg geschlossen, nach- 
dem die Verwandten, auch die männlichen, die mittlerweile aus dem 
Hofe hereingekommen sind, von dem Toten Abschied genommen haben 
und der wertvolle Schmuck, den die Kleidung desselben etwa trug, 
entfernt worden ist. Die Verabschiedung von dem Toten erfolgt eben- 
falls oft mit typischen Worten: ^Schlaft wohl! Warum seid Ihr nicht 
länger bei uns geblieben? Wir hätten Euch noch so gerne gesehen, 
Ihr hättet noch Platz gehabt. — Ruht wohl, Vater, bis wir uns im 
ewigen Leben wieder sehen werden. — Ich sage Euch Dank, lieber 
Vater (Mutter), für alles, was Ihr mir Gutes gethan habt. — Wäret 
bedankt für die vielen Wohlthaten, die Ihr mir in meinem bisherigen 
Leben erzeigt habt; wäret gebeten und verzeiht mir auch, wenn ich 
mich gegen Euch nicht so betragen habe, wie es mir zugestanden ist. 
Gott erfreue Eure Seele im ewigen Leben!" (s. SchuUer S. 11). 

Ist der Sarg zugeschlagen worden, so wird er in den Hof ge- 
tragen und unter den Klängen eines Leichenliedes auf eine Bahre ge- 
legt, worauf 'der Geistliche eine Leichenrede, oder dort, wo-diese durch 
die Ortssitte an den Schluss der Beerdigungsfeierlichkeit, in die Kirche 
verlegt wird, bloss ein Gebet spricht. 

Unter Gesang setzt sich dann der Leichenzug in Bewegung. 
Vor dem Sarge geht der Pfarrer, Prediger, die Lehrer und die beiden 
Nachbarväter, hinter demselben der männliche Teil des Zuges, dann 



51] Volkstümliches der Siebenbtirger Sachsen. 107 

die Frauen, beide Abteilungen geführt von den Leidtragenden. Auf 
grosse Ordnung des Leichenzuges wird yiel gehalten, damit man nicht 
zerstreut, „wie die Wallachen*', dem Sarge folge. Sobald der Zug 
das Haus yerlässt, beginnt das Glockengeläute wieder und dauert bis 
derselbe den Friedhof erreicht hat. Sowohl bei der Schliessung des 
Sarges im Hause, als auch während des Ganges zum Grabe ist lautes 
Erlagen und Jammern um den Toten vorgeschriebene Sitte. Fühlen 
sich die Verwandten des Verstorbenen zur Toten klage nicht fähig, so 
lassen sie sich durch ein Klageweib vertreten (Schuster S. 458). Auch 
hierbei werden meist typische Redewendungen gebraucht, z.B.: „Wie 
hat der himmlische Vater in meinem Garten so eine schöne Blume 
doch abpflücken können! 0, ich werde sie nicht mehr sehen! Das ist 
ein Hartes, ihr goldigen Leute ihr!*' so klagen Eltern am Sarge ihres 
Sandes. Im umgekehrten Falle: ,Die goldigen, fleissigen Hände, sie 
werden nicht mehr für mich arbeiten. Wie soll das möglich sein zu 
scheiden.* Oder: „Mutter, Mutter! Sollen wir nun bei fremden 
Thüren herumgehen? Mutter, Mutter! Wem sollen wir nun unser 
Elend klagen? Ruft auch mich! Erbarmet Euch unser! Ruht wohl in 
Eurer neuen Stube ohne Fenster! Seid bedankt, weil Ihr uns gross- 
gezogen habt.*' 

Die reichhaltige Sammlung von Totenklagen in Schullers treff- 
licher Arbeit, der auch obige Proben entnommen sind, bringt interessante 
Belege dafür, wie diese Klagen erst rhythmisches Gewand annehmen 
und schliesslich durch Reim und Metrum Liedform erhalten und wahr- 
scheinlich rhythmisch halb gesungen werden, so dass dann manche der- 
selben thatsächlich ab Volkslied, zumal Waisenlied, in den Mund des 
Volkes übergegangen ist. Verkehrte Anwendungen dieser typischen 
Klagen am unrechten Orte haben eine Menge Anekdoten voll Ironie 
and Satire, die hie und da bis an das Zotenhafte streifen, erzeugt. 
Hierzu war zumal dort vielseitige Gelegenheit gegeben, wo zwischen 
den Ehegatten oder Eltern und Kindern bekanntermassen ein schlechtes 
Verhältnis geherrscht hatte, zu dem die laute, gesuchte Klage einen 
grellen Gegensatz bildete, so dass dieselbe dem Publikum ein spötti- 
sches Lächeln entlocken musste. 

Ist der Sarg in das Grab gesenkt und der Hügel aufgeschüttet 
worden, so wird der letztere von den Familienmitgliedern des Be- 
grabenen umgangen, wobei die Klagen und der Abschied wiederholt 
werden. Nach neuerlichem Gesang und Gebet tritt der Nachbarvater 
zum frischaufgeworfenen Grab und richtet an die Begleiter im Namen 
der Leidtragenden eine Danksagung: »Hier will ich euch sagen, ihr 
guten Nachbarn, hier sind diese guten Leute sehr dankbar, wie wir 
ihrem Trauerfall nachgefolgt sind, zu wünschen wäre es gewesen, 
wenn es in einem Freudenfall geschehen wäre. Hat es der allmäch- 
tige Gott aber so wollen haben, so verleihe ihm Gott eine sanfte Ruhe, 
eine fröhliche Auferstehung auf den lieben jüngsten Tag und mache 
ans auch alle dazu bereit, wenn es sein göttlicher Wille ist." 
(Bodendorf.) 

In Rode spricht der Hann (Dorfsrichter) folgende Danksagung: 
,Ihr sollt geehrt sein, ihr tugendsam frommen Leute, alle miteinander! 



108 0. Wittstock, [52 

Zum vordersten soll geehrt sein unser Herrgott, den wir auch alle 
Zeit ehren sollen. Zum anderen soll geehrt sein unser wohlehrwürdiger 
Herr Vater, als Oberseelsorger bei unserer frommen Christengemeinde. 
Zum dritten unser ehrwürdiger Herr Prediger, als Mithelfer an der 
Gnade Gottes. Zum vierten unser Herr Schulmeister mit alle den 
umstehenden Schülerherrn. (Schüler heissen auf dem Dorfe die Lehrer.) 
Zum fünften gross und klein, jung und alt. Mann und Frau, Ejiecht 
und Magd, auch alle, die nachfolgende Leute gewesen sind, und haben 
unseren seligen Mitbruder helfen begraben und bestatten. Die Hinter- 
bliebenen lassen durch mich so reden, als hat er während seines Erden- 
lebens jemanden von euch beleidigt, ihr sollt gebeten sein, und sollt 
ihm verzeihen, auf dass sein Geist Ruh und Rast haben möge im 
ewigen seligen Leben und sagen euch auch grossen Dank für diesen 
letzten Dienst, den ihr bis auf diesen geheiligten Gottesacker habt 
helfen leisten.* 

Haben die Verwandten des Toten eine ^Eirchenleiche* gewünscht, 
was nur beim Tode älterer und hervorragenderer Mitglieder der Ge- 
meinde der Fall ist, so begeben sich nun alle Anwesenden in die 
Kirche, wo ein Trauergottesdienst stattfindet, dessen Hauptbestandteil 
die Leichenrede des Pfarrers ist, welche nicht nur eine Trostrede für 
die Hinterbliebenen, sondern vor allem eine Lobrede auf den Dahin- 
geschiedenen sein muss. Nach Beendigung der kirchlichen Feier 
werden die Leidtragenden an vielen Orten von der Nachbarschaft nach 
Hause geleitet, wo dann der jüngere Nachbarvater an dem Gassenthor, 
der ältere in der Hausthüre sich in längeren Reden verabschieden 
(Bodendorf) und nachher zum Leichenmahle geladen werden. 

Ein solches ist noch in allen Teilen des Sachsenlandes gebräuch- 
lich, trotzdem kirchliche und weltliche Behörde schon seit langer Zeit 
dagegen Verbote erliessen. Der ziemlich allgemein übliche Ausdruck 
dafür ist Thränenbrot oder tor (letzteres aus dem Magyarischen entlehnt). 
Der Umfang desselben ist je nach Stand und Vermögen des Ver- 
storbenen verschieden, oft artet es, zumal in den wohlhabenderen 
Häusern, zu einem grossen Schmause und Trinkgelage aus. 

Da das Leichenmahl als eine Entschädigung für diejenigen an- 
gesehen wird, welche bei der Beerdigung irgendwie beschäftigt ge- 
wesen sind, so sind, neben den Verwandten, in erster Reihe diese 
dazu geladen, an einigen Orten sogar der Tischler, der die Anfertigung 
des Sarges besorgt hat. Die Sitte heischt auch die Geistlichen zum 
Thränenbrot zu bitten, durch deren Anwesenheit Ausschreitimgen ver- 
hütet werden. Den Lehrern, welche den Gesang bei dem Begräbnisse 
besorgten, wird Speise und Trank in die Schule geschickt. Sowohl 
eröffiiet als auch geschlossen wird das Leichenmahl ebenfalls durch 
längere Ansprachen des Nachbarvaters. 

Spuren von Totengedächtnisfesten haben sich mancherlei erhalten. 
So kommt es vor, dass Mütter am Todestage eines Kindes alljährlich 
fasten, oder dass die Hinterbliebenen an jenem Tage gewisse Speisen, 
die der Verstorbene sehr liebte, zu seinem Andenken bereiten und essen. 
Andere feiern auf diese Weise den Namenstag des Verblichenen. Auch 
ist es Sitte, an diesem Tage arme Leute mit Essen zu beschenken 



531 Volkstümliches der Siebenbtirger Sachsen. 109 

Sehr gebräuchlich ist es, dass die Angehörigen zum Andenken 
an den Verstorbenen der Kirche oder Schule des Ortes Geschenke zu- 
wenden, die ^Thränenopfer* genannt werden. Meist bestehen dieselben 
in Geld, das zu wohlthätigen Zwecken dienen soll, oder auch in Gegen- 
standen zur Ausschmückung der Kirche. 

Die äussere Trauer um den Verstorbenen besteht nach städti- 
schem Vorbilde darin, soweit es die Nationaltracht eben erlaubt, in 
der Kleidung die schwarze Farbe vorherrschen zu lassen und andere, 
besonders die rote, zu meiden. 



IX. Festgebränclie. 



Beschreibung einiger der Torzüglicbsten Gebräuche der sächsischen Nation in 

Siebenbürgen. Siebenb. Qaartalschrifb, III. Bd., 1792. 
Vorlesungen über Volksglauben, Volkssitten und Volkssprache der Siebenbürger 

Sachsen von J. K. Schuller. Transsilvania 1852, Nr. 1 — 6. 
Das Hahnenschlagen am Ostertag. Von demselben. Archiv des Ver. f. 

siebenb. Landeskunde. N. F., 1. Bd., S. 493. 
Herodes, Ein deutsches Weihnachtsspiel aus Siebenbürgen. Von demselben. 

Hermannstadt 1859. 
Weihnachten mit seiner festlichen Umgebung. Transsilvania, Bleiblatt zum 

siebenb. Boten, 1855. 
Der Weihnachtsmorgen in den 13 Dörfern. Transsilvania 1858. 
Schuler-Libloy, Ueber festliche Gebräuche etc. 

Schuster, Eine kurze Zusammenstellung üblicher FestgebriLuche. Vereins- 
archiv X., S. 142—151. 
Sehr reiches Material in allen Bänden des Eorrespondenzblattes. 

Unter den wichtigsten Mitteilungen desselben: 
Blasiusfest, III., S. 38. 

Das ürzellaufen in Agnetheln. (Ein Fastnachtsspiel.) V., S. 17. 
Neujahrsbrauch, VI., S. 5. 

Das Ausschuhen der Frauen in der Fastnacht, V., S, 34; VI., S. 11; VI., S. 31« 
Zwei Volksfeste in Blutrot: 

1. Gansabreiten ; 2. Aschermittwoch, IX.; S. 132. 
Weihnachts- und Neujahrsspiel, IX., S. 136. 
Osterbräuche in Reussdorf, XII., S. 51. 
Weihnachts- und Neujahrsbräuche, XIV., S. 43. 
Das Reihen der Knechte in Nadosch, XV., S. 132, 137. 
Johannissegen, XV., S. 52. 
Almeschtrinken, XV., S. 41. 
Zur Volkskunde aus Draas, XVII., S, 81. 



1. Mittwinter. 

Die Zeit der Zwölften gilt unserem Volksglauben yor allem als 
Umzugszeit der Seelen und Dämonen — namentlich der Adventssau 
oder des Gottesebers — , denen zu Liebe die strengste Enthaltung von 
allen Arbeiten herrschen muss. Besonders darf in dieser Zeit nicht 
gesponnen werden, darum werden am Abend des 23. Dezembers, dem 
sogen. Gainzelöwend , in den Spinnstuben die Bocken den Mädchen 
fortgenommen und von den Knechten verbrannt. An vielen Orten 



55] 0. Wittfitock, Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. Hl 

geschieht dieses schon in der Thomasnacht. Diese sowohl als auch 
der Gainzelöwend und die Christnacht werden wachend zugebracht, 
9 versessen' oder , gemessen', wobei zur Abwehr der bösen Geister 
der Kräszthnorren oder Eräsztgrumpes im Ofen lodert. Auch die 
Sylvestemacht wird bei M'ärchen und Bätseispiel durchwacht und darf 
das Licht in derselben nicht erlöschen. Aussergewöhnlich interessant 
ist die Thatsache, dass sich in sächsischen Gemeinden das Weihnachts- 
feuer erhalten hat, das meist unter freiem Himmel angezündet wird. 
In ürwegen (s. Schuster, Ver.-Arch. X, S. 143) wird in der Christ- 
nacht neben der alten Burg auf dem Berge ein mächtiges Feuer er- 
halten, in den Turmfenstern „drehen die Burschen brennende Pech- 
schwänze, dass sie wie feurige Räder aussehen^. An anderen 
Orten werden am letzten Abend des Jahres Strohbündel, ausgedroschene 
Garben etc. auf den Hügeln angezündet. 

üebrigens fehlt den Zwölften auch der Charakter als Loszeit 
nicht. Das Wetter in diesen zwölf Tagen ist ein Abbild der Witte- 
rungsverhältnisse der zwölf Monate des kommenden Jahres und die 
eigene Zukunft wird am Sylvesterabend in der mannigfaltigsten Weise 
erkundet. 

Das Begaben am Christabend oder am Morgen des ersten Feier- 
tages ist allgemein üblich. Die Geschenke bringt der Christmann als 
Schimmelreiter, der Gotteseber oder das Ghristschwein. 

Auf den Landgemeinden wird am zweiten und dritten Christtag 
getanzt; in Schässburg soll der bäuerische Teil der Bevölkerung früher 
an drei aufeinanderfolgenden Abenden gegen Weihnachten Tanzunter- 
haltungen abgehalten haben, wobei am letzten Abend, dem Beneng- 
öwend, ein Schwerttanz unter unzüchtigen Gesten aufgeführt worden 
sein soll (s. Schuster, Ver.-Arch. X, S. 143.) 

Zwischen Christtag und Epiphanias werden in Stadt und Land 
von Kindern Weihnachtsspiele in den Häusern aufgeführt, meist das 
sogen. Herodesspiel. 

Am ersten Christtage oder an dem Neujahrstage wird dem Pfarrer 
in manchen Landgemeinden von der Jugend das grüne Jahr (Obst 
und Blumen) getragen. 

2. Fasnacht. 

Zu Fasnacht finden in unseren Landgemeinden die Neuwahlen der 
Nachbar- und Bruderschaftsbeamten, in den sächsischen Märkten die 
der Znnftbeamten und die Gerichtstage dieser Körperschaften statt, 
damit im Zusammenhange die feierlichen Umzüge von den abtretenden 
zu den neugewählten Männern. Dadurch ist den Fasnachtsfeierlich- 
keiten genau der Charakter, den dieselben in Deutschland im Mittel- 
alter trugen, bis zu dem heutigen Tage unter uns bewahrt worden. 

Lehrreich ist, dass auf den Dörfern diese Nachbar- und Bruder- 
schaftsumzüge, bei denen Maskeraden die Hauptrolle spielen, im Volks- 
glauben allgemein für Darstellungen der Sachseneinwanderung gelten. 
Am treuesten haben sich diese Umzüge und die damit verbundenen 



112 0. Wittetock, [56 

Tänze und Fasnachtsaufführungen in unseren Märkten erhalten, weil 
eben hier die Zünfte ihren alten innigen Zusammenhang nicht, wie es 
in den Städten geschehen ist, verloren. 



3. s t e r n. 

Sowie bei den Fasnachtsbräuchen steht auch unter der Fülle 
unserer heimischen Osterbräuche vielleicht kein einziger ohne Analogon 
aus der Vergangenheit oder Gegenwart des deutschen Mutterlandes 
da. Allgemein verbreitet ist die Sitte des Begiessens und die des 
Eierfärbens. Unter dem Einflüsse der Kirche ist das bis vor kurzem 
übliche Hahnenschlagen und -schiessen stark geschwunden, daneben 
findet sich noch an manchen Orten das Hahnen- und Gansabreiten und 
der Eierlauf. 

4. Pfingsten. 

Weit mehr als unter den Volksbelustigungen des Osterfestes tritt 
bei lenen des Pfingsttaffes der Wettlauf und das Wettrennen in den 
Vordergrund. .In Zepling, einem Dorfe bei Sächsisch-Regen, wird 
am zweiten Pfin^rsttaire das Eranzabrennen i?ehalten. Der Siesrer in 
diesem Spiele heisst der Pfingstkönig; ihm gehorchen die Kameraden 
im laufenden Jahre. ** (Schuster, Arch. d. Ver. f. siebenb. Landesk. X, 
S. 149.) 

Aus Bruchstücken, die sich fast an jedem sächsischen Orte mehr 
oder weniger verändert erhalten haben, lässt sich das uralte Frühlings- 
fest in all den Zügen zusammenstellen, die wir aus deutschen Bräuchen 
an ihm kennen. Sowohl das Wettrennen zu Pferd, als auch der Um- 
ritt, das Klettern auf den Maibaum, der Tanz um denselben und selbst 
Spuren des Wettaustriebes lassen sich teils in den Oster-, teils in den 
Pfingstgebräuchen der sächsischen Landbevölkerung nachweisen. 

In Neudorf wird am 1. Mai das Memädchen (Laubmädchen) ge- 
macht, das ganz in Laub gehüllt von seinen Gespielen von Haus zu 
Haus geführt wird, wofür diese Eier erhalten. (Schuster, Arch. d. Ver. 
f. siebenb. Landesk. X, S. 148.) 

In Braller pflegt man am Himmelfahrtstage den Tod, eine Stroh- 
puppe, auszutragen und schliesslich in den Dorfbach zu werfen. 

Beide Bräuche sind wertvolle Belege dafür, wie sich im heimischen 
Volksbrauche neben der einen Seite des altgerraanischen Frühlings- 
festes, dem feierlichen Umzug, auch die andere des Opfers, speziell 
des Menschenopfers, das der regenspendenden Gottheit dargebracht 
wurde, erhalten hat. 

5. Johannistag. 

Auch die Sommersonnenwende gilt unserem Volksglauben als 
Geisterfahrzeit, und der Volksbranch hat die Haupfcfeierlichkeit des- 
<4elben, das Anzünden des Johannisfeuers, den Fackellauf und das 



57] Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. 113 

Rollen feuriger Räder, treu festgehalten (s. Schuster, Arch. d. Ver. f. 
siebenb. Landesk. X, S. 150). Vielfach sind auf diesen Tag auch die 
Gebräuche des Frühlingsfestes übertragen worden; an anderen Orten 
trat dafür an Stelle des Johannistages der Peter- und Paulstag. 

Wie in dem Volksbrauche des deutschen Volkes überhaupt, er- 
kennen wir also auch in dem der Sachsen deutlich die heidnische 
Grundlage der vier kirchlichen höchzlten. Gegen diese höchsten Feste 
treten die übrigen, die Thomas- und Andreasnacht als ümzugszeit, 
der Blasius, Michael und St. Gregor als Schulfest, Mittfasten und 
Maria Verkündigung als Tag des Todaustragens an Bedeutung sehr 
stark zurück. 



X. Sächsische Banemtracht. 

1. Mänuertracht. 

Die Kleidung des sächsischen Bauern besteht fast überall aus 
enganschliessenden weissen oder dunkelblauen Wollhosen, über welche 
die gewaltigen hochröhrigen Stiefel, die bis zum Knie reichen, an- 
gezogen werden. Das Beinkleid wird von einem Riemen zusammen- 
gehalten. Oft wird um den Leib noch ein sehr breiter Ledergürtel 
geschnallt, unter welchem das «Hemd spannenlang heraushängt. Das 
letztere hat weite, gestickte Aermel, niederen Kragen, um welchen ein 
schwarzes oder farbiges Halstuch leicht geknüpft wird. Die Brust be- 
deckt im Winter ein Wams aus Schaffell, dessen rauhe Seite nach 
innen gekehrt ist. Im Sommer wird dasselbe durch eine weisse oder 
blaue Jacke ersetzt. Zum Festkleide gehört im Winter der Kirchen- 
pelz, im Sommer tritt an seine Stelle, jedoch nicht überall, ein langer 
blauer Bock mit Spangen und Gürtel, der Dolman. Die Kopfbedeckung 
besteht in einem schwarzen Filzhute mit sehr breiter Krempe, statt 
desselben wird in vielen Gegenden des Sachsenlandes im Festkleide 
die Marder- oder Iltismütze getragen. 

2. Frauentracht. 

Im Hause trägt die sächsische Bäuerin sommers und winters 
einen dunkelblauen Tuchrock und ein ärmelloses Leibchen, welches 
im Winter durch einen gleichfalls ärmellosen Brustpelz aus Schaffell, 
dessen Aussenseite schön gestickt ist, ersetzt wird. Das Hemd ist 
weitärmelig, am Halse und Handgelenk ebenfalls mit Stickerei verziert. 
Die Schürze ist meist aus selbstgewebter, grober, weisser Leinwand 
verfertigt und mit roten Streifen durchzogen. Alt und jung trägt um 
den Leib einen bunten schmalen Ledergürtel. Die Kopfbedeckung der 
Frau besteht aus einer weissen Haube mit schwarzen breiten Bändern, 
die unter dem Kinn zusammengeknüpft werden. Darüber wird ein 
dunkles Kopftuch getragen. Mädchen tragen bloss dieses letztere ohne 
die Haube. 



59] 0. Wittstock, Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. 115 

ungleich reicher ist die Sonntagstracht. Der dunkelblaue All- 
tagsrock wird durch einen schwarzen aus feinem StofiFe ersetzt. Im 
Sommer tragen die Mädchen statt desselben auch weisse gefaltete 
Leinwandröcke. Die Schürze ist aus schwarzer Seide und über diese 
wird eine zweite, reich mit schwarzer Seide und Gold gestickte weisse 
Mullschürze, mit eingestickter Jahreszahl und Namen der Trägerin, 
angezogen. Je wohlhabender die Bäuerin, desto wertvoller ist diese 
Schürze. Auch das bauschige Hemd ist bei der Festtagstracht viel 
feiner und viel reicher gestickt als das des AUtagsgewandes. An 
manchen Orten wird über dem schwarzen Sammetmieder an einer 
schmalen Silberborte auf der Brust ein grosses rundes, mit Steinen 
besetztes Schmuckstück aus Metall, das Heftel, getragen. 

Der einfache Ledergürtel wird an Festtagen gegen einen ver- 
goldeten, mit Steinen verzierten Gürtel vertauscht, von welchem bunt- 
farbige Tücher über die weisse Schürze herabfallen. Zar Feiertags- 
kleidung der Mädchen gehört der Borten, eine cylinderförmige, ziemlich 
hohe, oben offene Kopfbedeckung, die mit schwarzem Sammet über- 
zogen ist und von deren oberem Bande viele schmale und breite 
Bänder und eine breite Silberborte über den Rücken bis zum Saume 
des Rockes herabfallen. 

Das Haupt der jüngeren Frauen ist gebockelt, d. h. es trägt ein 
weisses, mehrfach gewundenes Schleiertuch, das an beiden Seiten des 
Kopfes mit drei oder vier silbernen oder goldenen Bockelnadeln künst- 
lich an die Bockelhaube befestigt ist. um die Schultern wird im 
Sommer der schwarze „krause Mantel^ gehängt, an dessen Stelle im 
Winter der Kürschen tritt, ein schwerer Schafpelz mit steif empor- 
stehendem breitem Kragen. 

Die Mädchen tragen als ümwurf im Sommer selbstgewebte, rot 
und weiss verzierte Handtücher, im Winter lange, anschliessende 
Schafpelze mit schwarzem Pelzbesatz. 

Hohe, etwas plumpe Stiefel bilden die unschöne Fussbekleidung, 
die der ganzen, sonst so farbenprächtigen Erscheinung wesentlich Ab- 
bruch thut, indem sie ihr etwas Schwerfälliges verleiht. 



XL Das sächsische Banemhans. 

Unser Haus und Hof. Kulturgeschichtliche Schilderungen aus Siebenbürgen von 

Joh. Wolff. Kronstadt, Gott, 1882, 74 S. 
Haus und Hof bei den Siebenbürger Sachsen von Dr. Fr. Teutsch. Ausland 

Nr. 26. 1884. 

Jedes sächsische Dorf giebt sich dem Beobachter, trotzdem der 
benachbarte Rumäne und Magyare von dem Sachsen bauen lernte, so- 
fort zu erkennen durch den einheitlichen Typus der sächsischen Häuser, 
welcher in Anlage, Form und Bau den fränkischen Charakter treu 
bewahrte. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts hat sich auf Sachsen- 
boden das Steinhaus eingebürgert, das gegenwärtig die ursprüngliche 
Bohlenstube fast vollständig verdrängt hat. Das Bauernhaus des 
Sachsen ist stark in die Höhe getrieben, die Kellermauer wächst weit 
über den Erdboden hinaus. Die Schmalseite des Gebäudes, die mit 
zwei kleinen Fenstern versehen ist, wendet sich der Gasse zu, seine 
Langseite blickt mit drei Fenstern in den geräumigen Hof. An der- 
selben entlang ist ein gedeckter Umlauf, die Laube, angebracht, zu 
welcher eine Treppe aus dem Hofe hinaufführt. Vielfach ist diese 
Laube allerdings verbaut und entweder in ein Treppenhaus oder ein 
kleines Stübchen umgewandelt worden. 

Das Haus selbst umfasst heute noch häufig nur die zwei Räume, 
welche dem fränkischen Hause eigentümlich sind. Der erste, den man 
von der Laube aus betritt, der Flur, wird in unserem Dialekte ,das 
Haus'' genannt. Schon diese Bezeichnung beweist uns, dass diesem 
Teile des Gebäudes die grössere Wichtigkeit vor den anderen, selbst 
vor dem jetzigen Hauptgemache zukam, vielleicht auch gegenwärtig 
oft noch thatsächlich zukommt. An den Herdraum schliesst sich gegen 
die Gasse zu „die Stube '^ an. Zu ihr gesellt sich in grösseren Häusern 
noch eine „hintere Stube'', die an die andere Seite des „Hauses" an- 
gebaut ist. 

Selbstverständlich finden wir in allen Gegenden des Sachsenlandes 
Abweichungen und Veränderungen des oben geschilderten Grundrisses, 
aber der scharf ausgeprägte Typus geht — wenigstens auf dem eigent- 
lichen Königsboden — nirgends verloren. 

Die schmale Giebelseite der Gasse zugewendet, daneben das hoch- 
gewölbte gewaltige Steinthor, die Langseite mit dem Eingange dem 
Hofe zugekehrt. Wohn- und Wirtschaftsgebäude durchaus getrennt, 
das ist sächsische Bauart, die ihren fränkischen Ursprung nicht zu ver- 
leugnen vermag. 



XU. Sage. 



Zur Charakteristik der sächsisch-mythischen Sage. Von F. Müller. Aus Sieben- 
bürgens Vorzeit und Gegenwart. S. 83 — 38. 

Sagen und Lieder ans dera Nösner Gelände. Gesammelt von Heinrich Witt- 
stock. Bistritz 1860, 49 S. 

Beiträge zur Kenntnis der Elein-Bistritzer Mundart. Von Andreas Bertleff. 
Progr. des evangel. Obergymn. in Bistritz, 1888, 38 S. 

Zur deutschen Tiersage. Von JosefHaltrich. Progr. des evangel. Obergymn. 
in Schässburg, 1855. 

Müller, Sagen. Haltrich-WolfF, S. 5 ; Korrespondenzblatt IV., S. 68. 



Der eigenartige Lebensgang unseres Volkes, als eines Auswanderers 
und Pioniers der Kultur, ist reich an wechselvollen Schicksalen ge- 
wesen. Ereignisvolle Vergangenheit, grosser Reichtum an geschicht- 
lichen Erinnerungen und Denkmälern, treues Festhalten an alten Volks- 
bräuchen , das alles hat zusammenwirkend die Sagenbildung unter 
unserem Volke fördernd beeinflusst, die auch in der Gegenwart noch 
keineswegs unterbunden ist. Was ein Volk von seinem Sagenschatze 
im Laufe der Zeit verliert, verlieren muss, weil das Verständnis für 
die einzelne Sage verloren geht, füllt die nie versiegende Volksüber- 
lieferung wieder aus. Jede Generation hinterlässt, wenn auch vielleicht 
geschmälert, der nachfolgenden nicht bloss das, was sie selbst ererbte, 
sondern sie erzeugt gleichzeitig eine neue Tradition. 

Wie bei der Betrachtung all dessen, was zu unserem Volkstume 
gehört, müssen wir auch bei der Analyse der sächsischen Sage die 
Sachsen als ein von einer ursprünglichen . Einheit losgelöstes Element 
betrachten, das unter fremde Lebensbedingungen versetzt, beeinflussend 
und beeinflusst, eine eigene Entwickelung nahm. Hieraus ergeben sich 
sofort die Fragen, was ist von unserem geistigen Eigentume aus dem 
Mutterlande mitgebrachter, gemeinsamer Besitz, der hier in der Ab- 
geschiedenheit vielleicht .sorgfältiger erhalten wurde, als es dort geschah, 
weiters, was ist erst nach der Trennung Erzeugtes und schliesslich, 
was ist fremdes, der Umgebung entnommenes Gut. 

Man wird nicht irre gehen, wenn man die Hauptmasse unseres 
Sagenvorrates als Niederschlag der sieben in Siebenbürgen zugebrachten 
Jahrhunderte ansieht; allerdings sind einzelne mythische Züge, die ihre 
Behandlung im Zusammenhange mit mythischen Resten in Märchen, 



118 0. Wittstock, [62 

Sitte und Brauch fanden und die einen Anteil an germanischem Volks- 
und Götterglauben nachweisen, noch bestehende Zeugen der einstigen 
Einheit unseres Volkes mit dem deutschen. Aber dieses älteste Besitz- 
tum beschränkt sich, wie gesagt, auf geringe Bruchstücke, die eigent- 
liche Sagenüberlieferung setzt erst mit dem für die Sachsen so wichtigen 
Ereignisse der Loslösung vom Mutterlande ein, von welchem unsere 
Vorfahren, wie der Volksmund — zweifellos von irgend einem Ge- 
lehrten unterrichtet — erzählt, jenen Teil bewohnten, der an das Meer 
nenzt, wo vier Flüsse einmünden, die aber alle aus einem kommen 
(Müller Nr. 376). 

An die Einwanderung selbst, die Neugeburt unseres Volkes, knüpft 
eine Reihe von Sagen an, von denen freilich der grösste Teil gelehrter 
Abstammung ist. 

Bei ihrer Ankunft in diesem Land fanden die Sachsen, wie eine 
Sage erzählt, christliche Bevölkerung vor (Müller Nr. 382), viel volks- 
tümlicher ist jedoch die üeberlieferung, dass damals Siebenbürgen von 
Riesen bewohnt gewesen sei. Anknüpfungspunkte hierfür geben die 
zahlreichen prähistorischen und römischen Befestigungsüberreste, später- 
hin hat die Riesensage durch die Deutung der Namen Hengebäsch, 
Hengeburg; Heugesgruawan u. s. f., die mit Hünen nichts zu thun haben, 
sondern zum Worte Hagen gehören, grosse Bereicherung erfahren. 
Im übrigen ist dieselbe ziemlich dürftig und beschränkt sich bloss 
darauf, das Vorhandensein von Riesen zu konstatieren, denen gegen- 
wärtig auch die Erbauung der von sächsischer Hand entstandenen 
umfangreichen Burgen und Eirchenkastelle meist zugeschrieben wird« 
Sehr grosser Verbreitung erfreut sich die Sage vom Riesenfräulein, 
das den Bauern samt Pflug und Ross in seiner Schürze zur Burg seines 
Vaters trägt, der ihm warnend die Worte zuruft: „Diese Ameisen wer- 
den uns noch aus unserer Heimat vertreiben.' 

So verschwimmt vielfach bei unserem Volke der Begriff Biese 
überhaupt mit Urbewohner des Landes, dann mit dem der eigenen 
Vorfahren und wird schliesslich auch gleichbedeutend mit Tartar und 
Türke, oder gar Kurutze. Der Volksmund malt diese schweren Leidens- 
zeiten des Landes, die Jahrzehnte währenden Kämpfe mit diesen Völkern, 
ohnehin in das Gigantische und die mächtigen Wallbüchsen, die man 
für Handwaffen nimmt, die üeberreste eiserner Kleidungsstücke, die 
sich in vielen Banernburgen noch finden, geben den Anstoss zu neuer 
Bildung lokaler Riesensagen. 

Auch die Thatsache der Einwanderung und selbst die, dass diese 
letztere auf verschiedenen Wegen geschah und verschiedene Ausgangs- 
punkte hatte, bewahrt uns die Sage. Nach ihr haben die Bistritzer 
eine andere Stammesheimat als die übrigen Sachsen, denn sie sind aus 
der Zips (Müller Nr. 403) oder aus der Marmarosch (Müller Nr. 382) 
gekommen. Aber auch dieses ist in das Volk gedrungene Bücher- 
gelehrsamkeit. 

Die echte Volkssage hat das Faktum der Einwanderung nicht in 
seiner Gesamtheit erhalten, sondern, wie es bei volkstümlicher Üeber- 
lieferung, die bloss einen engen Kreis übersieht, natürlich ist, hat sie 
jenes Ereignis in seine Einzelheiten aufgelöst und auf diese Art für 



63] Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. 119 

yiele sächsische Orte eine eigene Oründungssage erzeugt, wobei ihr 
allerdings wieder die , historische Wissenschaft ** früherer Jahrhunderte 
und das Bedürfnis, den Namen des eigenen Heimatsortes zu deuten — 
was doch, zumal wenn derselbe mit einem Personennamen zusammen- 
hing, so leicht war — eifrig mitgeholfen haben. So gehört zu jenen 
Gründungssagen , die nachweislich gelehrten Ursprunges sind , jene, 
welche erzählt, dass bei der Besitznahme des Landes die beiden An- 
führer ihre Schwerter kreuzweise in die Erde steckten und von den 
Waffen eine nach Broos, die andere nach Draas, als die beiden End- 
gemeinden des Sachsenlandes trugen, welche Sage ziemlich spät ent- 
stand, um die gekreuzten Schwerter im Hermannstädter Wappen (denn 
an der Stelle, wo diese Stadt erbaut wurde, geschah jener Akt) zu 
erklären; weiters jene andere, welche die Gfründung Hermannstadts 
einem Nürnberger Ritter Hermann zuschreibt, der dabei ähnlich vor- 
ging, wie Dido bei der Gründung Karthagos. Auch die Erzählungen, 
dass ein anderer vornehmer Nürnberger und Begleiter Hermanns, Ritter 
Michael, der mit sechsundzwanzig Knechten einwanderte und die Burg 
Michelsberg in der Nahe Hermannstadts baute, sowie eine zweite, welche 
die Gründung Agnethelns einem eifrigen Diener der heil. Agnetha zu- 
schreibt und jene, welche Kronstadts Namen von einer Krone, die man 
daselbst fand, herleitet, sind nicht volkstümlichem Boden entwachsen. 
Was wirklich unverfälschte, von Mund zu Mund fortgepflanzte Tradi- 
tion des Volkes ist, hat meist mit überraschender Treue in sagenhafter 
Einkleidung den historischen Kern festgehalten. Von späteren Nieder- 
lassungen auf herrenlosem Grund , der zwischen den erstangelegten 
Kolonien lag, erzählt die Yolkssage, von Neuansiedelungen, die von 
Klöstern und volksreichen Gemeinden aus entstanden und solchen, die 
sich um den Gutshof eines Mächtigen bildeten. 

An die Zeit des raschen, kräftigen Aufschwunges, der sich an die 
Niederlassung in Siebenbürgen anschloss, erinnern die Sagen, welche 
von der rivalisierenden Stellung blühender Gemeinden mit den benach- 
barten Städten berichten, sowie davon, wie manche der gegenwärtigen 
Vororte zu ihren Stadtrechten gelangten. 

Leider hat sich unsere heimische Wissenschaft bisher mit der Art 
der Besitz Verteilung, wie sie bei der Kolonisation des Landes vor sich 
ging, wenig befasst, während dieselbe sich wahrscheinlich leicht re- 
konstruieren liesse, nicht allein aus der Analogie jener grossen deutschen 
Kolonisationen des 12. Jahrhunderts , von denen die siebenbürgische 
ebenfalls ein Glied bildet, sondern auch weil von der ursprünglichen 
Agrarverfassung bis in die neueste Zeit von unserem Volke vieles be- 
wahrt worden ist. 

Auffallende Grösse des Weichbildes sucht unsere Sage durch 
Grenzabschwören und Grenzbetrug zu erklären, wobei der Schwörende 
Erde von dem Hattert seines Dorfes in seine weiten Stiefel gethan 
haben soll, um so den Eid leisten zu können, dass er wirklich auf der 
Erde seines Dorfes stehe; auffallende Gestaltung des Hatterts, der tief 
in das Besitztum benachbarter Gemeinden eindringt, entstand nach der 
Volksüberlieferung durch Grenzbestimmung mittels eines Pfeilschusses, 
der von einem riesigen Bogen abgesendet wurde. Die Anschauung von 



120 0. Wittstock, [64 

der Heiligkeit der Äcker- und Hattertgrenzen bewahrt eine ganze 
Reihe unserer Sagen. Qrenzfrevler verfallen augenblicklich der schwer- 
sten Strafe. Hinterlistiges Grenzabschwören mit heimischer Erde in 
den Stiefeln hat raschen Tod des Betrügers zur Folge (Müller, Sagen 
Nr. 302). Die Nachkommen jener Männer von Deutsch-Kreuz, welche 
die Klosdorfer auf diese Weise hintergingen, sind blind (Müller, Sagen 
Nr. 420). 

Schon frühe haben Elementarereignisse jeder Art, dann das Vor- 
dringen der fremden Nationalitäten, vor allem aber Kriege, den voll- 
ständigen Untergang zahlreicher sächsischer Ortschaften herbeigeführt. 
Zum erstenmal geschah dieses kaum hundert Jahre nachdem die Sachsen 
in das Land gekommen waren, durch den verheerenden Mongoleneinfall. 
Oft und oft haben in der Folgezeit solche Einfalle in das Land statt- 
gefunden durch die Tartaren, Romanen und Türken und die ewigen 
Streitigkeiten zwischen Oesterreich und Ungarn haben Hand in Hand 
mit der häufig auftretenden Pest vielen lebenskräftigen Ansiedelungen 
das Ende bereitet. Kein Wunder also, wenn die volkstümliche Tradi- 
tion die Erinnerung an diese schweren Zeiten bewahrte, wenn sie auch 
den historischen Zusammenhang und die Zeitbestimmung verlor. In 
vielen jetzt bedeutungslosen sächsischen Gemeinden gehen wehmütige 
Sagen von einstiger Grösse und einstigem Reichtum und vom Unter- 
gange anderer, von denen nichts mehr erhalten blieb, als der Name. 
Von neuen Kolonisationen und neuen Bodenaufteilungen weiss darauf 
die Sage zu berichten und liefert uns dadurch tiefe und lebendige Ein- 
blicke in die historische Vergangenheit, die an geeigneter Stelle an- 
zuwenden und zu benutzen unser historischer Unterricht niemals wird 
entraten können. 

Neben äusseren trat in der Entwickelung des Sachsenvolkes auch 
eine innere Krise ein; es bildeten sich Anfänge einer Aristokratie, die 
adligen Grundbesitz und die erbliche Richterstelle an sich riss. Der 
Sieg; den die volkstümliche Verfassung über diese Erbgrafen davon- 
trug und der hauptsächlich durch grosse materielle Opfer, durch Aus- 
kauf dieser Grundherren errungen wurde, blieb im Angedenken des 
Volkes, übrigens sehr bezeichnend dafür, wie das Verständnis für diese 
so wichtige Uebergangszeit verloren wurde, nur dort, wo zum sozialen 
der nationale Gegensatz trat, mit dem Erbgrafen der adlige magya- 
rische Gutsherr in eins verschmolzen war. 

Die spätere sächsische Geschichte gruppiert sich im Volksbewusst- 
sein um drei bedeutsame Ereignisse, die in der Sage reiche Verwertung 
finden, um die Tartaren- und Türkenzeit, um die Kurutzeneinfalle (den 
Namen »Kurutzen" trugen die Anhänger der Rakoczys, welche letzteren 
sich auf den ungarischen Thron zu erheben suchten) und den Bürger- 
krieg des Jahres 1848—1849. 

Es ist nicht schwer zu erraten, dass alle diese Sagenkreise, und 
es sind unsere umfangreichsten, überwiegend Schreckensbilder aus der 
Leidenszeit unseres Volkes enthalten. 

Vollständig fehlen unserer Sage nationale Heldengestalten, um die 
sie sich zusammenzuschliessen vermag und dass sie trotzdem so reich- 
lich fliesst und auch in ihrer Zusammenhanglosigkeit nicht vergessen 



(55] Volkstümliclies der Siebenbürger Sachsen. 121 

wurde, das liegt an der Wichtigkeit, welche der historischen Wissen- 
schaft- infolge der privilegierten Stellung unseres Volkes zufiel. Da sie 
eine WaflFe zur Erhaltung einer rechtlichen Position bildete, war ein 
fortwährendes Zurückgehen auf die Vergangenheit notwendig, das 
historische Interesse und historischer Sinn wurden bis in die breitesten 
Volksschichten hinab eifrig geweckt und genährt zumal durch eine 
historische Wissenschaft, welche selbst, bis vor nicht allzu langer Zeit, 
Sagengewebe erzeugte und zusammentrug, worauf sie ihren Eingang 
in den Volksmund fanden. 

Dagegen sind merkwürdigerweise folgende drei Personen, Mathias 
Corvinus, Joseph II. und Karl XII., Eigentum der sächsischen Sage ge- 
worden. Den ersten hat der Volksmund der Magyaren in den Mittel- 
punkt eines zum grössten Teil ebenfalls entlehnten Anekdotenkreises 
gestellt, der auf gelehrtem Wege zu uns gedrungen und nicht sehr 
volkstümlich geworden ist. Das Andenken an den populären Kaiser 
Joseph II., zumal an dessen öfteren Aufenthalt in Siebenbürgen, bewahrt 
eine Reihe schwankartiger Erzählungen, die uns hauptsächlich humo- 
ristische Scenen aus dem persönlichen Verkehre des leutseligen Herrschers 
mit dem niederen Manne schildern und der Name des Schwedenkönigs 
ist in allen jenen Orten des Sachsenlandes, die derselbe oder seine Be- 
gleiter auf seinem abenteuerlichen Zuge berührten, unauslöschliches 
Eigentum der Nachkommen geworden (s. Zimmermann, Der Schweden 
Durchzug durch Siebenbürgen um 1714. Ver.-Arch. N. F. XVII. 2. 
S. 291). 

Neben unsere reiche historische tritt die bereits erwähnte Hexen- 
sage und schliesslich eine Reihe von Schatzsagen, welche letztere durch 
die häufigen Geld- und Goldfunde aus der vorhistorischen und der 
Römerzeit, die in unserem Lande gemacht werden, stets neue Belebung 
erhalten. 

Vergebens suchen wir unter uns Spuren der deutschen Helden- 
sage; wo wir solche finden (bei Damasus Dürr), können wir mit Be- 
stimmtheit annehmen, dass dieselben durch Vermittelung des Volks- 
liedes hierher verpflanzt worden sind. 

Die Mongolen- und Türkenstürme haben auf diesem Gebiete jede 
Erinnerung an die alte Heimat verwischt und sich selbst an die Stelle 
derselben gesetzt. 

Im Anschlüsse an die sächsische Sage behandeln wir auch die 
Tiersage, da man lange Zeit hindurch glaubte, dass man es dabei mit 
zusammenhängenden epischen Sagenkreisen, nicht wie es thatsächlich 
der Fall ist, mit einzelnen Märchen zu thun habe. Dieselbe ist sehr 
reich. In einem Lande, wo Fuchs, Wolf und Bär noch eine häufige 
Erscheinung sind, der Mensch folglich in tägliche Beziehungen zu ihnen 
tritt, bewahrte das Märchen greifbare lebendige Gestalt, mit jenen 
Tieren erhielt sich im tierkundigen Volke eine poetische, von feinem 
Humor durchwehte Auffassung der Tierwelt. 

Die drei oben genannten Raubtiere sind die Haupthelden der 
Sage, die übrigen bekannteren zahmen und wilden Tiere des Landes 
treten bloss episodisch auf. Uebrigens zeigen die einzelnen, oft anek- 
dotenartigen Schwanke viel Einförmigkeit, in dem grössten Teile der- 

FoTSchungen zur deutschen Landes- and Volkskunde. IX 2. 



122 0. Wittstock, [66 

selben tritt uns der listige, boshafte Fuchs, der sich vermöge seiner 
Schlauheit aus allen Klemmen zu ziehen weiss, entgegen und daneben 
der dummdreiste, unersättliche Wolf, den seine Fressgier immer wieder 
in die fatalsten Lagen bringt. Was in diesen beiden Gestalten des 
Fuchses und Wolfes an Satire, zumal gegen die Kirche und die yor- 
reformatorische Geistlichkeit lag, fehlt unserer heimischen Sage yoU- 
ständig. Das durchaus protestantische Sachsenvolk liess diese Züge 
fallen, wenn es sie überhaupt jemals herübergenommen. Auffällig ist 
es, dass allen jenen Tiergestalten, die in der Sage auftreten, die Eigen- 
namen der deutschen Tiersage fehlen, dagegen trägt jede derselben 
eine Menge Metonyme, welche der treffende Volkswitz gebar, von denen 
vielleicht manche mythologischen Hintergrund besitzen. 

Als J. Haltrich die Tiersagen des sächsischen Volkes entdeckt 
und gesammelt hatte, suchte er sie durch seine Bearbeitung in jenes 
grosse System einzufügen , welches Jakob Grimm über Wesen und 
Alter der deutschen Tiersage ausgearbeitet hatte und als wiUkommene 
Stütze seiner Ansichten begrüsste derselbe die Arbeit des ersteren. 
„Wer hätte geglaubt, dass aus so weiter ferne neue reichtümer dieser 
Üteratur aufgethan und bestätigrmgen mancher dinge, die ich bloss ver- 
mutet hatte, dargereicht werden sollten, so ist mir der bär als busch- 
könig allein schon viel werth. allerdings birgt die entlegenheit des 
siebenbürgischen landmannes von dem getümmel unserer modernen 
poesie dergleichen schätze, wie es auch in Littauen, Estland und Finn- 
land der fall ist** (Haltrich, Volksmärchen. Anhang S. VIII. Brief 
J. Grimms an H.). 

Aus den Tiergeschichten unseres Landes, die er als Reste eines 
uralten Tierepos betrachtete, zog nun ihr Sammler folgende Schlüsse: 

Diese Erzählungen sind ein neuer Beweis dafür, dass die Sieben- 
bürger Sachsen ihre Heimat am unteren Laufe des Rheinflusses zu 
suchen haben, denn dort, wohin uns schon bisher die Verwandtschaft 
von Mundart, Sitte und Brauch hinwies, ist auch die Heimat der Tiersage. 

Sie wurde von den Einwanderern mitgebracht und hier sieben 
Jahrhunderte hindurch vollkommen rein erhalten; dadurch wird gleich- 
zeitig bewiesen, dass infolge territorialer und rechtlicher Abgeschlossen- 
heit gegenüber den fremden Nationen des Landes und durch den steten 
geistigen Zusammenhang mit dem Mutterlande das deutsche Volkstum 
von den Einwanderern ebenfalls vollkommen rein erhalten wurde. 

Ausser diesem historischen Werte sprach ihnen Haltrich noch 
einen hohen ethischen und didaktischen Wert zu. 

Als spätere Forschung die Ansicht Grimms von einer indo- 
germanischen Tiersage als irrig nachwies, musste auch die Hypothese 
von der grossen Reinheit und ürsprünglichkeit der sächsischen Tier- 
sagen fallen und es ist das Verdienst J. Wolffs (Haltrich-Wolff, S. 20), 
nachgewiesen zu haben, dass unsere Tiermärchen — soweit sie nicht 
heimischen Ursprungs sind, was bloss bei einem kleinen Teil der Fall 
ist — nicht urh. die Mitte des 12. Jahrhunderts nach Siebenbürgen 
eingewandert sein können. 

Um das Gegenteil zu behaupten, müsste man nachweisen können, 
dass die Geschichten von Fuchs und Wolf, wie sie in der lateinischen 



67] Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. 123 

KlosterdichtuDg , dem Gallus et Vulpes, Isengrimus, Lupardns und 
Reinardus, und später im elsässischen Keinhart und dem niederländischen 
Reinaert erzählt werden, zu Anfang des 12. Jahrhunderts schon volks- 
tümlich und nicht nur Eigentum der gelehrten Kreise waren. Und 
selbst wenn dieses möglich wäre, so ist es nicht wahrscheinlich, dass 
diese mitgebrachten Teile einer allgemeinen deutschen Tiersage, die 
aber niemals bestanden hat, die Zeiten der Mongolen-, Türken- und 
Tartarenstürme , die fast alle Erinnerung an die alte Heimat aus dem 
Gedächtnisse unseres Volkes weggewischt hat, überdauert hätten. 

Nun ist aber die Tiersage zum Eigentum des deutschen Volkes 
erst durch den Reinke de Vos geworden, der in Nieder- und Ober- 
deutschland die Geschichten von Fuchs und Wolf bis in das letzte 
Bauernhaus verpflanzte und in üebersetzungen auch weit über die 
Grenzen Deutschlands hinaustrug. Bei dem engen geistigen und litte- 
rarischen Zusammenhang, in welchem unser Volk mit Deutschland 
stets stand (s. Dr. Friedrich Teutsch, Zur Geschichte des deutschen 
Buchhandels in Siebenbürgen. Archiv für Geschichte des deutschen 
Buchhandels IV, VI u. XV, Leipzig 1892), muss dieses Volksbuch bei 
uns seinen tiefgehenden Einfluss auch geltend gemacht haben, und 
ebenso muss auch die zu Ende des 15. und zu Beginn des 16. Jahr- 
hunderts blühende Fabellitteratur Deutschlands nach Siebenbürgen 
gedrungen sein. In diesen Sammlungen, dem Aesop Steinhöwels, in 
Kirchhofs Wendummuth, dem Esopus des Burkhard Waldis, dem Fabel- 
buche von der Tugend und Weisheit des Erasmus Alberus u. s. w. 
liegen die Wurzeln unserer Tiermärchen, die man in künstlichen Zu- 
sammenhang zu bringen und zu einzelnen Epen zusammenzustellen 
versucht hat^). 



*) Naturgemäss hätte dieses Kapitel mit einer übersichtlichen Charakteristik 
unseres Märchens zu schliessen. Wir halten den Versuch , eine solche zu geben, 
fUr ein müssiges Unterfangen, da auf diesem Gebiete Vorarbeiten fast durchaus 
mangeln. Wohl ist das sächsische Märchen mehrfach auf seinen mythischen Ge- 
halt untersucht worden , doch von dem Standpunkte aus , als sei dasselbe treu- 
bewahrter Urbesitz unseres Volkes und daher eine ergiebige Quelle germanischer 
Mythen. Forschungen vom Standpunkte der vergleichenden Litteraturgeschichte, 
die gerade bei der engen Berührung der Sachsen mit Magyaren und Romanen so 
wichtig wären, fehlen leider vollständig. Es dürfte auch unschwer gelingen, einen 
grossen Teil unserer Märchen auf jene kleinen Erzählungen zurückzuleiten, die 
zwar schon um die Mitte des 13. Jahrhunderts in Deutschland auftraten, aber erst 
in der Schwank- und Novellenlitteratur deä 15. und 16. Jahrhunderts als ünter- 
haltungslektüre eine ausserordentliche Verbreitung fanden, gewiss im Sachsenlande 
ebenso wie in Deutschland (s. die interessante Mitteilung Fr. Teutschs im 
Korrespondenzbl. d. Ver. f. siebcnb. Landesk., IX., S. 117. u. Vereinsarchiv XVIL, S. 95). 



Xm. Das Volkslied. 

Ausläufer über ein siebenbürgisch-sächsisches Volkslied. Von W. Schuster. 

Aus Siebenbürgens Vorzeit und Gegenwart, S. 51—57. 
Volkslieder der Siebenbürger Sachsen. Von H. v. Wlislocki. Am Urquell, 

2. Heft, S. 11. 
Acht siebenbürgisch-sächsische Volkslieder aus Zepling. Von G. Fischer. 

Korrespondenzblatt d. Ver. f. siebenb. Landesk., IX., S. 63 — 68. 
Volkslieder in siebenbürgisch-sächsischer Mundart. Von Schul er vonLibloy. 

Frommanns Zeitschrift 5, S. 94—97. 
Das deutsche Volkslied in Oesterreich-Üngam. Von AdolfHauffen. (Zeitschr. 

d. Ver. f. Volksk., herausgeg. von K. Weinhold, IV. Jahrg., S. 1—33.) 
Schuster, Volksdichtungen; Witt stock, Sagen und Lieder. Haltrich-Wolff. 



Auch bei dem Volksliede kann, wie bei der Sage, von ursprüng- 
lichem aus Deutschland mitgebrachtem Eigentum kaum eine Rede 
sein. So wie bei dem gegenwärtigen engen persönlichen und litterari- 
schen Zusammenhange der Sachsen mit dem Mutterlande unser ganzer 
volkstümlicher Besitz, also auch das Volkslied, fortwährende Bereiche- 
rung erfährt, so ist dieses stets, wenn auch nicht zu allen Zeiten in 
gleichem Masse, der Fall gewesen. 

Je grösser die Blüte auf irgend einem geistigen Gebiete Deutsch- 
lands, desto nachhaltiger und wuchtiger ist die Beeinflussung unserer 
Entwickelung gewesen und es wird uns vielfach gelingen, das zu uns 
Eingewanderte und Heimischgewordene in seiner Hauptmasse um solche 
Blütezeiten zu gruppieren, während die Verbindungszeiten nur sehr 
leise Niederschläge zeigen. Der letzte Teil dieses Zuflusses muss 
natürlich gerade mitten in jenem Prozesse begriffen sein, durch den 
er zu sächsischem Volksgute wird. Auch auf dem Gebiete des Volks- 
liedes wird, wie auf sämtlichen übrigen, nicht alles, was eine augen- 
blickliche Aufnahme findet, zu allgemeinem bleibendem Besitze. Vieles 
geht in kurzer Zeit als Ganzes oder in seinen Teilen wieder verloren, 
anderes erhält sich und lebt im Volksmunde weittAr fort, selten in seiner 
ursprünglichen Fassung, sondern es wird einer allmählichen Umdich- 
tung unterworfen. Jene deutschen Volkslieder, welche in einzelnen 
Gegenden oder im ganzen Sachsenlande sich einbürgerten, so dass 
sie von Generation zu Generation überliefert wurden, sind vielfach in 
den Dialekt übersetzt und dabei gleichzeitig oft einer Umarbeitung 



69] 0. Wittstock, Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. 125 

unterzogen worden. Häufig wurden sie auch einfach in die Mundart 
übertragen. In vielen sächsischen Volksliedern stossen wir auf die 
unserem niittelfränkischen Dialekt durchaus fremde Diminutivsilbe 
fllein*. Genauere Besichtigung zeigt, dass sich dieselbe nur im Reime 
erhalten hat, ein Zeugnis dessen, wie einfach diese Uebertragungen 
gemacht wurden. Manches sächsische Volkslied wird gegenwärtig halb 
sächsisch und halb deutsch gesungen, zweifellos will dadurch absicht- 
lich eine komische Wirkung erzielt werden, oft machen diese Lieder 
aber auch den Eindruck, als sei bei ihnen die Uebersetzungsarbeit 
noch nicht vollendet worden. Das Versäumte konnte später nicht 
mehr recht nachgeholt werden, da in den letzten Jahrzehnten die 
Pflege des dialektischen Gesanges immer mehr zurückgegangen ist. 

Trotzdem finden wir auch gegenwärtig noch Volkslieder, die in 
der einen Gegend des Landes in dialektischer, in der anderen in ur- 
sprünglich deutscher Fassung sich eingebürgert haben. So wird die 
bekannte Ballade: „Es liegt ein Schloss in Oesterreich^ (s. Uhland, 
Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder Nr. 125) im Burzenland in 
hochdeutscher, in Schellenberg bei Hermannstadt in sächsischer Um- 
dichtung gesangen. 

Die Hauptmasse unserer jetzt sächsisch gesungenen Volkslieder 
hat ihre Originale im deutschen Volksliede des 15. — 17. Jahrhunderts, 
das ein unmittelbares Erzeugnis der Volksseele selbst, ihr inneres 
Leben widerspiegelt und es ist sehr wahrscheinlich, dass wir den 
Liederbüchern und fliegenden Blättern jener Zeit, welche damals alte 
und neue deutsche Volkslieder in raschesten Umlauf brachten, den 
grössten Teil unseres sächsischen Volksliedes zu verdanken haben. 
Auch jene Stücke, die mit ihrem Ursprünge in weit frühere Zeit zu- 
rückreichen, sind doch wohl auf diesem Wege zu uns gedrungen. 
Viele dieser alten Lieder haben sich im Munde des deutschen Volkes 
bis zum heutigen Tage erhalten und hauptsächlich aus dieser Auswahl 
der V erbreit etsten und beliebtesten Nummern mögen einzelne im Laufe 
der Zeit ihren Weg zu uns hierher gefunden haben. Genaueres lässt 
sich allerdings erst feststellen, sobald eine vollständige Sammlung der 
unserem Volke geläufigen Lieder veranstaltet worden ist. Was bisher 
von siebenbürgisch- sächsischen Volksliedern gesammelt wurde, erstreckt 
sich fast ausschliesslich auf das Dialektlied. Gewiss mit Unrecht! Das 
heimische Kleid ist keine Gewähr dafür, dass, wie man wohl bisher 
annahm, das Lied auch heimischem Boden entsprungen, wie umgekehrt 
die deutsche Form dasselbe nicht von der Zugehörigkeit zu unserem 
Volksliede ausschliesst und der grösste Teil der Lieder, die von 
unserem Volke gesungen werden, geht in deutschem Gewände einher. 

Vorderhand vermögen wir bei einer Charakteristik unseres Volks- 
liedes bloss zu konstatieren, dass ein grosser Teil der uns bisher 
bekannten Lieder, wie schon erwähnt wurde, mehr oder weniger ver- 
änderte Umdichtungen sind, die ihre Urbilder in der Blütezeit des 
mittelalterlichen deutschen Volksliedes haben. Dies lehrt uns schon 
eine oberflächliche Vergleichung der von Schuster gesammelten säch- 
sischen Volkslieder, die oft wörtlich mit solchen in ühlands, Simrocks 
u. s. w. Sammlungen übereinstimmen, eine Untersuchung, die wir leider 



126 ö. Wittstock, Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. [70 

an diesem Orte nicht auszuführen vermögen und uns für gelegenere 
Zeit aufsparen müssen. Dass auch seither ununterbrochen der Schatz 
unseres Volksliedes durch Zuströmen aus dem Mutterlande bereichert 
worden ist, ist selbstverständlich. 

Neben diesem entweder in der ursprünglichen Fassung, in deut- 
scher oder sächsischer Umdichtung angeeigneten Volksliede geht die 
heimische Produktion einher, die sich sowohl der Schriftsprache als 
auch des Dialektes bediente und gegenwärtig noch bedient. 

So lange wir nicht eine halbwegs erschöpfende Sammlung unserer 
siebenbürgisch-sächsischen V^olkslieder besitzen, die nicht bloss die 
Dialektdichtung beachtet, ist es nicht möglich, schlechtweg die Existenz 
des historischen Volksliedes unter unserem Volke zu leugnen und das 
Charakteristischste des sächsischen Volksliedes in den schönen Ab- 
schieds- und Waisenliedern zu suchen, die dem Drucke der schweren 
geschichtlichen Vergangenheit ihre Entstehung verdanken sollen. Dieser 
Behauptung müsste doch eine Untersuchung der Herkunft dieser Gat- 
tung unseres Volksgesanges vorhergehen. Ebenso wenig kann man 
sich von vornherein dazu verstehen, in den zahlreichen Gelegenheits- 
liedern, welche sich um die Festzeiten des Jahres und des Familien- 
lebens , namentlich um die Hochzeitsfeier schlingen, von vornherein 
reiche Lagerstätten alter Mythen zu erblicken. 



XIV. Litteratur. 

Ausser in der am betreffenden Orte citierten Litteratur findet 
sich noch in folgenden einheimischen Werken und Aufsätzen Tolks- 
kundliches Material: 

Geschichte der Siebenbürger Sachsen. Von G. D. Teutsch. Leipzig. S. Hirzel. 
1874. 2 Blinde. 

Die Siebenbürger Sachsen. Von Dr. W. W a 1 1 e n b a c h. 2. Auflage. München 1882. 

Die Deutschen in Ungarn und Siebenbürgen. Von Dr. J. H. Schwicker. 
Teschen 1881, IV u. 512 S. 

Der königl. freie Markt Birthälm in Siebenbürgen. Ein Beitrag zur Geschichte 
der Siebenbürger Sachsen. Von J. M. Salz er. Wien 1881, VIII u. 572 S. 

Aus Heitau. Verffangenes und Gegenwärtiges. Von H. Wit t stock. Hermann- 
stadt, Michaelis, 1883, 77 S. 

Aus der Vergangenheit und Gegenwart der Gemeinde Radeln. Von Martin 
und Johann Duldner. 1882, 15 S. 

Die Stadt Hermannstadt. Eine historische Skizze von G. Seivert. Hermann- 
stadt, Steinhaussen, 1859. 102 S. 

Beiträge zur Entwickelungsgeschichte der evangel. sächsischen Gemeinde Arkeden. 
Von Fr. Pronius. Hermannstadt, Filtsch, 1866, 4 S. 

Kulturhistorische Skizzen aus Schässburg. Von J. Hai tri eh. (Sächsischer 
Hausfreund. Kronstadt 1868.) 

Beiträge zur Kenntnis Sächsisch-Reens. Hermannstadt, Steinhaussen, 1870. 
288 S. 

Der Sinn für Poesie unter dem Volke. Von J. Halt rieh. Aus Siebenbürgens 
Vorzeit und Gegenwart, S. 44 — 50. 

Ueber den Nationalcharakter der in Siebenbürgen befindlichen Nationen. 
Wien 1792, 111 S. 

Land und Volk der Siebenbürger Sachsen. Nach einer Beschreibung von 1664. 
Blätter für Geist, Gemüt und Vaterlandskunde. Kronstadt 1857. 

Der siebenbürgisch-sächsische Bauer. Eine sozial-historische Studie. Hermann- 
stadt, Drotleff, 1873, 86 S. 

Damasus Dürr. Ein evangel. Pfarrer und Dechant des Unterwälder Kapitels aus 
dem Jahrhundert der Reformation. Von Dr. Albert Amlacher. Her- 
mannstadt 1883, II u. 76 S. 

Alte Gebräuche in Siebenbürgen. Blätter für Geist etc., III., 1839. 

Aus der Vorzeit Hermannstadts. (Hochzeits- und Begräbnislimitationen.) Trans- 
silvania, Beiblatt zum Siebenbenbürger Boten, 1856. 

Kronstädter Hochzeitsordnung vom Jahre 1772. Blätter für Geist etc., IX., 1845. 

Hochzeitsgesetze für Hermannstadt aus dem Jahre 1700. Transsilvania, VII., 1846. 

Hochzeits- undTaufgebräuche in Sächsisch-Reen. Siebenbürgisch-deutsches Wochen- 
blatt, m., 1870. 



128 0. Wittstock, Volkstümliches der Siebenbürger Sachsen. [72 

Luxusgesetze in Hermannstadt von 1565, 1650, 1651, 1752, 1755, 1760. (In der 
Artikelreihe : Aus dem Tagebuch eines Journalisten.) Transsilvania, 11., 1841. 

Die neue wider Kleider und Mähler-Excesse gerichtete Synodal Verordnung. Von 
M. S a 1 z e r. Transsilvania. Wochenschrift für siebenbürgische Landeskunde, 
Litteratur und Landeskultur. Redigiert von £. A. Bielz, IL, 1862. 

Luxusgesetze der Sachsen in Siebenbürgen. Transsilvania, IL, 1849. 

Züge aus dem Volksleben der Sachsen in Siebenbürgen. Transsilvania, HL, 1842. 

Sächsisches Volksleben. Siebenbürgisch- deutsch es Wochenblatt, L, 1868. 

Kleine Beiträge zur Rechts- und Sittengeschichte der Sachsen in Siebenbürger 
Blätter für Geist etc., X., 1846. 

Hermannstädter Nachbarschafts- und Hochzeitsordnung aus dem Jahre 1696. 
Siebenbürgische Quartalschrift, 1859. 

Beiträge zur Kenntnis der Nösner Volkssprache. Von G. Bertleff. Programm 
des evangel. Obergymnasiums zu Bistritz. Hermannstadt, Drotleff, 1867, 
46 S. ; 1868, 23 S. 

Aus der Vergangenheit des sächsischen Bürgers. Von Dr. Fr. Teutsch. Her- 
mannstadt 1877. 

Siebenbürgisch-sächsische Bauern in alter Zeit. Von Dr. Fr. Teutsch. Her- 
mannstadt 1876. 

Die beigefügten beiden Lichtdrucke sind nach Aufnahmen aus den photo- 
graphischen Ateliers W. Auerlich und 0. Asböth in Hermannstadt, die die- 
selben in zuvorkommendster Weise zur Verfügung gestellt haben, angefertigt worden. 



I 




Enftlhnrn In HUll(«Tl. 



BlBhiiiBbe Buem im 8onBtaK(kl«id. 
(Di« zwei „Kircbflnväl«!'' in Stolzenbnrg vor dem Festtegs-Kircbgan 



Die Mundart der Siebenbürger Sachsen. 



Von 



Dr. Andreas S c h e i n e r. 



Einleitung^). 



§ 1. An keinen Geringeren als Leibniz liebt es die Unter- 
suchung der siebenbürgiscb -sächsischen Mundarten anzuknüpfen. Und 
zwar ist es eines seiner Desiderata circa linguas populorum , das , in 
den einschlägigen Arbeiten immer wieder angeführt, gleichsam das 
Ziel angiebt, dem die sächsische Dialektforschung nachzustreben habe. — 
Davon ausgehend, dass nichts geeigneter sei, über die Abstammung 
eines Volkes Licht zu verbreiten, als die Sprachvergleichung, hält es 
Leibniz in einem Schreiben an den kaiserl. Dolmetsch Podesta 
für wünschenswert, dass über die Sprache verschiedener östlicher Volks- 
stämme, darunter in erster Reihe der Siebenbürger Sachsen, Aufschluss 
gegeben werde. „Desideratur specimen vocabulorum et modorum lo- 
quendi peculiarium Saxonibus Transylvaniae, id est, non ut 
loquuntur homines cultiores, sed ut loquitur plebs, ut comparari possint 
cum lingua plebeja nostrorum Saxonum" *). Heute noch gilt als die 
vornehmste Aufgabe der sächsischen Dialektforschung 1. die SchaflFung 
eines Idiotikons, 2. die endgültige Lösung der Frage nach der Ab- 
stammung der Siebenbürger Sachsen. 

§ 2. Der erste, der auf den Wunsch des berühmten Philosophen 
Bezug nimmt, ist Martin Felmer (f 1767). In seiner gross an- 
gelegten, leider nur handschriftlich und fragmentarisch hinterlassenen 
Abhandlung »Von dem Ursprung der sächsischen Nation in dem kaiserl. 
königl. Erbfürstentum Siebenbürgen** (1764)^) giebt er in den §§ 18 
bis 29 des zweiten, besonderen Teils eine gedrängte Untersuchung 
über die „Muttersprache der siebenbürgischen Sachsen**. Er versucht 



*) Ausführlicher handelt über die Geschichte der siebenbürgisch-sächsischen 
Dialektforachung Dr. K. Reissenberger, Die Forschungen über die Herkunft 
des siebenbürgischen Sachsenvolkes in ihren wesentlichsten Erscheinungen. Archiv 
d. Ver. f. siebenb. Landesk. N. F., XIII., S. 538—564 (1877). 

«) In der Quai-tÄUsgabe. Genf 1768, VI., 2, S. 228. 

•) Vgl. Müller, Deutsche Sprachdenkmäler aus Siebenbürgen, S. IV ff. 



132 Andreas Scbeiner, [76 

nachzuweisen, dass auch die „besonderen, einem hochdeutschen Aus- 
länder fremd vorkommenden Wörter und Redensarten** in einem oder 
dem anderen deutschen Kreise üblich sind, oder aber unter den alten 
Deutschen üblich gewesen sind. Den Nachweis führt er mit Hilfe von 
Frisches Teutsch-Lateinischem Wörterbuch ^). Die besonderen säch- 
sischen Mundarten beziehen sich nach Feim er auf drei Hauptdialekte, 
den Hermannstädter, Burzenländer und Bistritzer Dialekt, 
welch letzterer der hochdeutschen Aussprache am nächsten stehe, 
während der Burzenländer sich von ihr am meisten entferne. Sehr 
richtig erkennt Feim er ein Hauptmerkmal des Burzenländer Dialekts 
in der daselbst am weitesten getriebenen Gutturalisierung (und Mouillie- 
rung), während er andererseits mit Recht den Mangel dieser charakte- 
ristischen Erscheinung im Nösner (Bistritzer) Dialekt hervorhebt 
(§ 27, Anm. t). 

Seiner Vergleichung der sächsischen „Aussprache" mit der des 
Hochdeutschen und der deutschländischen Dialekte legt Feim er die 
Hermannstädter Mundart, als die der Mehrheit der Sachsen, zu Grunde 
und liefert ein Bild des siebenbürgisch-sächsischen Dialekts, aus dem 
die heutige Wissenschaft mit Leichtigkeit den mittelfränkischen Charakter 
der Mundart herauslesen könnte. Feime r selbst wehrt einerseits unter 
Hinweis auf die „weichen* (un verschobenen) b und d, das Fehlen der 
Verkleinerungsendung -lein und gewisse Unterschiede im Gebrauch 
des Genus, sowie des Ausdrucks für einige naheliegende Begriffe die 
Verwandtschaft mit dem Oberdeutschen entschieden ab; ebenso ent- 
schieden spricht er sich aber auch gegen die Verwandtschaft mit dem 
Niedersächsischen aus, die einige im Hinblick auf die Formen dat, 
wat, et, det gefolgert hätten, indem er nachweist, dass diese wenigen 
Wörter eben die einzigen seien, wo für hochdeutsches s im Sieben - 
bürgischen t eintrete, während die Niedersachsen s, sz, ss, z, tz auch 
in essen, grossen, heissen, zu, Herzog, Zähne in t verwandelten. An- 
statt nun aber die Heimat der Sachsen an den Rhein zu verlegen, wo- 
hin ihn, abgesehen von jenen dat, wat, et, einige seiner eigenen An- 
merkungen hätten führen können, behauptet er, augenscheinlich durch 
den Namen „Sachsen" irre geführt, die Verwandtschaft der Mundart 
mit dem „obersächsischen" Dialekt. 

Das Verdienst Felmers liegt darin, dass er ältere Hypothesen 
über die Abkunft der Sachsen abweist, die, um die Nation zu einer 
recht erbgesessenen zu machen *), sie von Goten oder Daken abstammen 
lassen; dass er den Charakter der sächsischen Volkssprache als einer 
deutschen Mundart scharf hervorhebt und sie dem mitteldeutschen 
Sprachgebiet zuweist. Das Resultat seiner Forschung ist indessen fast 
ein Jahrhundert lang unbekannt und ohne Einfluss geblieben. Selbst 
tüchtige und anregende Gelehrte wie J. Seyverth (f 1785) und 
J. K. Schuller (f 1865) tappen, was den Charakter der sächsischen 
Volkssprache betrifft, im Dunkeln, bis Fr. Marienburg (f 1881), 



*) Vgl. darüber Paul, Grundriss d. germ. PhiloL, I., S. 35. 
*} Vgl. hierüber J. K. Schuller, Zur Frage über die Herkunft der Sachsen 
in Siebenbürgen. Hermannstadt 1856, S. 4. 



77] I^ie Mundart der Siebenbürger Sachsen, 133 

ein Schüler J. K. Schullers, im Jahre 1845 die Mundart dem heute 
mittel fränkisch genannten Sprachgebiet zuweist, dem Gebiet, das 
man (Worte Marienburg s) ungefähr durch die Städte Elberfeld, 
Krefeld , Aachen , Trier , Koblenz , den Westerwald und das Sieben- 
gebirge bezeichnen könnte. Die grundlegende Arbeit »Ueber das Ver- 
hältnis der siebenbürgisch-sächsischen Sprache zu den niedersächsischen 
und niederrheinischen Dialekten* ^) gehört mit der 1860 erschienenen 
Abhandlung desselben Verfassers „Ueber einige Eigentümlichkeiten der 
siebenbürgisch-sächsischen Mundart" *) zum Besten, was bis heute zur 
Charakterisierung der sächsischen Volkssprache geschrieben worden ist. 
Es verdient dies um so mehr hervorgehoben zu werden, als Marien- 
burg alle eigentliche Fachschulung abgeht, ihm z. B. noch im Jahre 
1845 ein begriflflicher Einblick in das grundlegende Gesetz der Laut- 
verschiebung fehlt. Die späteren, mit der Geschichte der deutschen 
Sprache und mit der Lautphysiologie so wohlvertrauten Forscher lassen 
darum auch den Dilettanten ziemlich unbemerkt, so gern sie auch die 
von ihm geschaffene sichere Basis betreten. 

Dass Marienburg aber das (mittelfränkische) Sprachgebiet, 
dem unsere Mundarten angehören, mit solcher Sicherheit traf, ver- 
danken wir einer Reise, die er bei seiner Heimkehr von der Univer- 
sität Berlin, August 1841, durch die Rheinlande machte^). Er 
unternahm diese Reise in der bestimmten Erwartung, „manche Auf- 
klärung über unsere Sprache und Abstammung" zu finden. Nach 
mündlichen Mitteilungen eines Universitätsfreundes Marienburgs 
hatte sich nämlich trotz der gegenteiligen, nicht selten abstrusen Be- 
hauptungen der Gelehrten durch häufige Rheinreisen heimkehrender 
Studenten die Ansicht gebildet, oder erhalten und befestigt, dass die 
Urheimat der Sachsen am Rhein zu suchen gei^). Die Rheinreise 
Marienbargs lässt sich also als eine rechte Forschungsreise an- 
sehen: es ist die erste und für lange Zeit die einzige, die im Dienst 
der sächsischen Dialektkunde unternommen worden ist. Erst 50 Jahre 
später hat Marienburg in G. Kisch einen Nachfolger gefunden, 
der, wie er den einzig richtigen Weg betretend, eine Forschungsreise 
an den Rhein unternahm, deren Ergebnisse er in einer wertvollen Ab- 
handlung „Die Bistritzer Mundart verglichen mit der moselfränkischen" ^) 
veröffentlichte. Bezeichnend aber ist es wiederum, dass Kisch keine 
Kenntnis davon hat, dass Marienburg schon vor 30 Jahren die 
Bistritzer Mundart den mehr „nach Westen hin" gelegenen (mittel-) 
fränkischen Mundarten zuweist, und zwar auf Grund derselben sprach- 
lichen Erscheinung, die auch in der Arbeit Kischs die beweiskräf- 



^) Arch. d. Ver. f. siebenb. Landesk. A. F., I., 3, S. 4.5—70. 

^) Trausohenfels, Magazin f. Gesch., Litteratur etc. N. F., IL, S. 39 — 60. 

^) Vgl. G. D. Teutsch, Denkrede auf G. Fr. Marienburg. Arch. d. Ver. f. 
eiebenb. Landesk. N. F., XIX., S. 11. 

*) Müller citiert in der Einleitung zu seinen Sprachdenkmälern S. XIII 
eine Stelle aus Rey eher sdorf fers Chronographia Transsilvaniae aus dem 
Jahre 1634 (zuerst 1550 erschienen), wonach die Redeweise der Siebenbürger Sachsen 
mit der Kölner Mundart die meiste Aehnlichkeit haben soll. 

^) Paul und Braune, Beiträge etc., XVII., S. 347—411. 



134 Andreas Scheiner, [78 

tigste ist, nämlich des Fehlens der im Südsiebenbürgischen so wichtigen 
Mouillierungen und Gutturalisierungen (»der palatinalen Verstärkungen 
und des nasalen n") ^). 

Weiter ist die Untersuchung über die Verwandtschaftsverhältnisse 
der sächsischen Mundarten nicht gediehen. Dass Braunes Aufsatz 
^Zur Kenntnis des Fränkischen* ^) die sächsischen Dialektforscher in 
der von Marienburg begründeten Anschauung bestärkte^), ist nur 
natürlich. Als ein Spätling in gewissem Sinne muss aber die Unter- 
suchung bezeichnet werden, die 6. Eeintzel 1885 veröflFentlichte : 
yDer Konsonantismus des Mittelfränkischen verglichen mit dem des 
Siebenbürgisch - Sächsischen während des 13. bis zum Beginne des 
16. Jahrhunderts* ^), und die er zwei Jahre später zu einer Programm- 
arbeit »Ueber die Herkunft der Siebenbtirger Sachsen* ^) erweiterte. 
Seit den Arbeiten Roths und Wolffs (vgl. unten) aus den siebziger 
Jahren hat niemand mehr au dem mittelfränkischen Charakter der 
siebenbürgisch -sächsischen Mundarten gezweifelt. Sowohl Roth als 
auch Wolff setzen ihn mit ausdrücklicher Berufung auf den erwähnten 
Artikel Braunes oder dessen Vorläufer im IV. Bd. der Zeitschr. f. 
d. Philologie (Ueber Heinrich von Veldeke) voraus. Keintzel hat 
das Verdienst, bereits Bekanntes ausführlich begründet, vor allem aber 
die Verwandtschaft der Bistritzer mit den südsiebenbürgischen Mund- 
arten auf gemeinsamer mittelfränkischer Grundlage betont zu haben. 

Von Bedeutung für die Herkunftsfrage und deshalb an diesem 
Orte zu erwähnen sind die fleissigen und geistvollen Arbeiten J. Wolffs 
über die deutschen Ortsname^n in Siebenbürgen, die er in 
den Programmen des Mühlbacher Gymnasiums von 1879 — 1881 und 
1891 veröffentlicht hat. 

§ 3. Die Krone, nach der die in den vierziger Jahren neben 
den eigentlich historischen frisch angefachten germanistischen Studien 
ringen, ist aber das Specimen vocabulorum et modorum loquendi, ein 
Idiotikon^). Nachdem schon 1781 J. Sey verth') ein kleines Wörter- 
buch im Hinblick auf das Leibnizische Desiderium veröffentlicht hatte, 
nahm sich in unserem Jahrhundert besonders der als Märchensammler 
rühmlich bekannte J. Haltrich (f 1886) der Sache an und gab 1865 
seinen »Plan zu Vorarbeiten für ein Idiotikon der siebenbürgisch- 
sächsischen Volkssprache" heraus. In demselben Jahr veröffentlichte 
der „Altmeister der sächsischen Wissenschaft*, J. K. Schuller, seine 
„Beiträge zu einem Wörterbuch der siebenbürgisch-sächsischen Mund- 
art*. Diese, sowie andere, kleinere Arbeiten sind, was sie sein wollen, 
bescheidene Anfänge. Allen fehlt es noch an einer gesicherten Grund- 
lage, wie sie nur eine das Lautgesetz in den Vordergrund stellende 



*) Trauschenfels, Magazin etc.. N. F., IL, S. 54. 

') Paul und Braune, Beiträge, L, S. 1 — 56. 

') Vgl. R e i s 8 e n b e r g e r a. a. 0., S. 561 f. 

*) Korrespondenzblatt (d. Ver. f. siebenb. Landesk.), VIII. (1885), S. 15 ff. 

*) Bistritzer Gymnasialprogramm 1887. 

«) Vgl. Müller, Sprachdenkmäler, S. I u. IX. 

^) Im Ungarischen Magazin, I., S. 257 ff. 



79] I^ie Mundart der Siebenbürger Sachsen. 135 

Grammatik bieten kann — besonders, wenn das Hauptinteresse der 
Etymologie gilt. Weder Schuller noch Hai tr ich haben einen Ein- 
blick in das Wesen des Lautgesetzes und verlieren sich nicht selten 
in ein Etymologisieren, das dem oft belachten Trösterischen Vorgehen ^) 
zuweilen nicht gar sehr unähnlich sieht. Von dergleichen hat sich 
Marienburg mit sicherem Takt ferngehalten. 

Auf weit festerem grammatischen Grunde fusst Fr. Kramer in 
seinen ,|Idiotismen des Bistritzer Dialektes'' ^). Aber auch ihm scheint 
das Etymologisieren Hauptsache zu sein und nicht etwa das feine 
Nachgehen nach der Bedeutung des Wortes, wie es ein Seh melier 
schon im ersten Viertel des Jahrhunderts so unübertrefflich geübt hat. 
Insoweit ist es entschieden zu bedauern, dass die Herkunftsfrage — 
denn sie ist offenbar an dem unseligen Etymologisieren schuld — mit 
den streng philologischen Aufgaben fortwährend verquickt wurde. 

Mit gewohnter Energie hatte J. Wolff (f 1893) in den letzten 
Jahren die lexikalische Arbeit angefasst. Abgesehen von vielen ein- 
schlägigen Artikeln im ^Eorrespondenzblatt^ liegt eine Fülle lexika- 
lischen Materials (wohl auch das von Haltrich gesammelte) in seinem 
handschriftlichen Nachlass, der noch der Durchsicht und Verwertung 
entbehrt. Eine gründliche Durchsicht des Wolffschen Nachlasses wird 
entscheideu, ob das vielbesprochene sächsische Idiotikon wenigstens in 
der Form zulänglicher Vorarbeiten vorliegt, oder immer noch zu den 
Desideraten der sächsischen Volkskunde gehört. 

§ 4. Der Name Wolffs leitet zu den reingrammatischen 
üntersuchuDgen über die Volkssprache der Siebenbürger Sachsen hin. 
Während mehr oder weniger alles, was bis zum Anfang der siebziger 
Jahre unseres Jahrhunderts über die sächsische Volkssprache geschrieben 
worden, trotz einiger vortrefflicher Stücke (z. B. der Abhandlungen 
Marienburgs) als die Arbeit von Dilettanten anzusehen ist, erscheinen 
in den siebziger Jahren einige Abhandlungen, denen der Stempel deutsch- 
ländischer Schulung unverkennbar aufgedrückt ist. Dass sich diese 
Schulung zunächst in reingrammatischer Hinsicht geltend machte, ist 
um so weniger zu verwundern, als Grammatik eben die schwache 
Seite der bisherigen Forschungen gewesen war. Zwar hatte schon 
J. Binder (f 1805) »Ueber die Sprache der Sachsen in Siebenbürgen* 
eine grammatische Arbeit, Laut- und Flexionslehre, geschrieben ^), sehr 
richtig herausfühlend, dass dem Wörterbuch, das er liefern wollte, 
eine Sprachlehre vorausgehen müsse; auch hatte der schon öfter er- 
wähnte J. K. Schuller ^Ueber die Eigenheiten der siebenbürgisch- 
sächsischen Mundart und ihr Verhältnis zur hochdeutschen Sprache*' 
gehandelt^) und sogar einige Abstecher in die Syntax gemacht: die 
Notwendigkeit sprachgeschichtlicher Schulung im heutigen Sinne hat 
aber zuerst Fr. Müller in der Einleitung zu seinen Sprachdenk- 



') Tröster, Das Alt- und Neuteutsche Dacia. Nürnberg 1666. 
*) Bistritzer Gymnasialprogramm 1876 — 1877. 
. ') Siebenb. Quartalschrift (1795), IV. Jahrg., S. 201 ff. u. S. 362 ff. 
*) In J. K. S c h u 11 e r 8 Archiv f. d. Kenntnis von Siebenbürgens Vorzeit und 
Gegenwart, I. (1841), S. 97 ff. 



136 Andreas Scheinftr, [80 

malern (1864) S. IX ff. klar ausgesprochen, und so selten sich auch 
ein engerer Zusammenhang zwischen den einzelnen Leistungen auf 
dem Gebiete der sächsischen Dialektkunde nachweisen lässt, so muss 
man doch wohl jener Einleitung das Verdienst zuschreiben, die gram- 
matischen Abhandlungen der siebziger Jahre angeregt zu haben. Es 
sind folgende drei Arbeiten: 

1. J. Roth, Laut- und Formenlehre der starken Verba im 
Siebenbörgisch-Sächsischen ^). 

2. J. Wolff, Der Konsonantismus des Siebenbürgisch-Säch- 
sischen *). 

3. Derselbe, Ueber die Natur der Vokale im siebenbürgisch- 
sächsischen Dialekt ^). 

Das wissenschaftliche Rüstzeug aller drei Abhandlungen ist schwer, 
ja zu schwer: bei Roth die unnötigerweise bis zum Sanskrit ge- 
triebene Sprachvergleichung, bei Wolff das oft ins Masslose gehende 
lautphysiologische Philosophieren. Es ist, als wollte sich die säch- 
sische Dialektkunde recht deutlich zum Bewusstsein bringen, was ihr 
bis jetzt gefehlt : wissenschaftlich begründete Sprachvergleichung und 
Phonetik. Im übrigen stehen alle drei Abhandlungen auf der Höhe 
der Zeit und verarbeiten eine Fülle sprachlichen Materials. Ihre Dar- 
stellung ist auch, besonders was den Konsonantismus betrifft, bis zu 
einem gewissen Grade abschliessend : in das dunkelste Gebiet der säch- 
sischen Mundarten, den Vokalismus, Klarheit und Uebersicht zu 
bringen, ist aber weder Roth noch Wolff gelungen. Der Fehler 
liegt einerseits darin, dass sie nicht von einem verhältnismässig ge- 
sicherten Sprachstand, etwa dem westgermanischen, ausgehend den 
heutigen Lautbestand klassifizieren, sondern umgekehrt, von diesem 
zu alten und ältesten Sprachständen rückwärts schreiten, was zwar 
keineswegs falsch, der Uebersichtlichkeit aber sehr nachträglich ist. 
Der Hauptfehler aber ist, dass es beide verschmähen, die Einzelmundart 
zum Ausgangspunkt zu nehmen und daraus die zur Darstellung der 
sächsischen Mundart als Ganzes notwendigen Gesichfcspunkte zu ge- 
winnen. — Die Abhandlungen Wolff s haben in der Kritik, auch der 
deutschländischen, ihre gerechte Anerkennung gefunden; es muss aber 
hervorgehoben werden, dass die etwas in den Hintergrund gedrängte ältere 
Abhandlung Roths nicht nur an Uebersichtlichkeit, sondern auch an 
Feinheit ursprünglicher Beobachtung die gewichtigeren Arbeiten Wolff s 
hie und da übertrifft. 

Ohne Kenntnis der älteren Litteratur veröffentlichte ich 1886 
eine Einzeldarstellung der Mediascher Mundart (Laut- und Formen- 
lehre)^), die, wie die letztgenannten Abhandlungen auf Schleicher 
und Brücke, ihrerseits auf die von Sievers ausgegangenen An- 
regungen zurückweist. In diesem Zusammenhang sei auch die schon 
erwähnte Abhandlung Kischs (vgl. oben § 2), insofern sie eine ein- 



^) Vereinsarchiv. N. F., X., 423 ff. u. XI. 3 ff. (1872). 

*^) Mühlbächer Gymnasialprogramm 1873. 

*) Mühlbächer Gymnasialprogramm 1875. 

^) Paul und Braune, Beiträge, XII., 113 ff. 



81] Die Mundart der Siebenbürger Sachsen. 137 

gehende Darstellung der Lautverhältnisse in der Bistritzer Mundart 
liefert, angeführt. 

Während der Ausarbeitung der vorliegenden Abhandlung ist eine 
^Lautlehre der Mundarten von Bistritz und Sächsisch-Regen mit 
Berücksichtigung abweichender Lautverhältnisse in den sächsischen 
Ortsdialekten der Umgebung" von 6. Eeintzel erschienen^). Auf 
sie, besonders aber auch auf die Arbeit Kischs, werde ich im Lauf 
meiner eigenen Darstellung Gelegenheit haben Bezug zu nehmen. 

Anm. Von grösserem Werte als manche der in dieser historischen Skizze 
angeführten Abhandlungen, obwohl bloss grammatische Materialsammlunff 
feind die »Beiträge zur Kenntnis der Nösner Volkssprache* von G. Bertleff*)' 
Sie konnten hier um so weniger mit Stillschweigen übergangen werden, als ahn-* 
liehe Arbeiten über andere Mundartengruppen leider gänzlich fehlen. 

§ 5. Die folgende Darstellung ist das Ergebnis einer Ferien- 
reise, zu deren Ausführung mir der Ausschuss des Vereins für sieben- 
bürgische Landeskunde in liberaler Weise die Mittel angewiesen hat. 
Ich erachte es für meine Pflicht, dem genannten Ausschuss auch hier 
meinen geziemenden Dank auszusprechen. Aus folgenden Ortschaften 
liegt mir selbstgesammeltes sprachliches Material vor: 

1. Südöstliche Gruppe (Burzenland) : Kronstadt-Bartholomä ; 
Honigberg ; Marienburg. 

2. Nordöstliche Gruppe (Nösnerland) : Wallendorf; Lechnitz. 

3. Mittlere Gruppe (Altland, Weinland, Unterwald): Reps; 
Bodendorf; Bekokten; Grossschenk; — Mediasch; — Kelling; Dobring. 

Mit Ausnahme der Mundart von Bekokten und allenfalls noch 
der von Bartholomä sind die von mir gewählten Einzeldialekte solche, 
die in ihrer Nachbarschaft nicht besonders auffallen. Es war mein 
grundsätzliches Bestreben , solche Ortschaften aufzusuchen , die nach 
dem Urteil unbefangener Leute nichts oder wenig Auffallendes in ihrer 
Mundart haben. Das naive Urteil der Landbewohner selbst ist in dieser 
Beziehung mein Führer gewesen. 

Bei umfangreicheren Dialektaufnahmen (Bartholomä, Honigberg, 
Marienburg, Grossschenk, Wallendorf) bin ich nach einem Schema vor- 
gegangen, wie es sich mir aus einer Darstellung der Mediascher 
Mundart (meiner Muttersprache) ergeben hat. Die Aufnahme er- 
streckte sich dann, was die Lautlehre betriflft, auf rund 1000 Wörter. 
Sonst habe ich die von Schullerus und Wittstock 1893 hinaus- 
gegebenen Fragebogen (Zur sächsischen Volkskunde) zu Grunde gelegt, 
jedoch oft auf mein umfangreicheres Schema zurückgegriffen. Aus 
Bekokten, Dobring und Kelling stehen mir nur einzelne Notizen 
zur Verfügung, doch hat dies, was die beiden letzten Orte betrifft, 
wenig zu sagen, da ihre Mundarten teils mit dem Mediascher, teils 
mit dem mir auch bekannten Hermannstädter Dialekt in den meisten 
Punkten übereinstimmen. Selbstgemachte Notizen stehen mir übrigens 
auch aus Bistritz und Sächsisch-Regen in bescheidenem Um- 
fang zur Verfügung. 

») Vereinsarchiv. N. F., XXVI., S. 133 ff. 
^ Bistritzer Gymnasialprogramm 1867 (I.) u. 1868 (IL). 
Forsclmngeii zur deutschen Landes- und Volkskunde. IX. 2. 10 



138 Andreas Scheiner, Die Mundart der Siebenbürger Sachsen. [82 

Mit siebenbürgisch (sb.) bezeichne ich in der folgenden Dar- 
stellung, was allen mir bekannten Einzeldialekten gemein ist, mit 
nordsiebenbürgisch (nsb.) , was meines Wissens nur der nordöst- 
lichen Oruppe (Nösnerland-Bistritz) zukommt, mit südsiebe n- 
bürgisch (ssb.), was den Mundarten der mittleren und südöstlichen 
Oruppe eigentümlich ist. Der Ausdruck altländisch bezieht sich 
stets auf die ganze mittlere Gruppe (Altland und Weinland und 
Unterwald). 

Eine eingehendere Gliederung des Siebenbürgischen habe ich 
vorläufig ebensowenig versucht, als eine Vergleichung mit verwandten 
mittelfränkischen Dialekten. Dies alles, sowie die Beurteilung einiger 
isolierter Lokaldialekte , wird verhältnismässig wenig Anstrengung 
kosten, wenn erst einmal das Ziel, das auch der folgenden Darstellung 
vorschwebt, wirklich erreicht ist. 



Lautlehre des Siebenbttrgischen^). 

I. Die Stammvokale. 
A. Die kurzen Vokale. 

1. Westgermanisches i und ö. 

§ 6. Diese beiden Vokale werden zuerst betrachtet, weil sie die 
einzigen sind, die nicht nur in vielen Fällen ihre Quantität, sondern 
oft auch ihre Qualität und zwar durch alle sb. Mundarten erhalten 
haben. Sie können somit in gewissem Sinne als die festen Säulen des 
westgermanischen Yokalismus innerhalb unserer Mundarten angesehen 
werden. Allerdings hängt es mit der Natur dieser Laute zusammen, 
dass die zu ihrer Erzeugung notwendige Stellung der Sprachwerkzeuge 
ganz beträchtliche Verschiebungen erleiden kann, ohne dass der aku- 
stische Wert der Laute solche Aenderungen erfährt, dass wir sie nicht 
mehr als i und u auffassen könnten. Solche Artikulationsverschiebungen 
müssen nun, wie sich unten (§ 9, 7) ergeben wird, thatsächlich ange- 
nommen werden. 

a) Westgermanisches 1. 

§ 7. Die Entwickelung dieser westgermanischen Kürze weist im 
Siebenbürgischen drei Stufen auf: i, e und se, a. Die Entsprechungen 
86 und a müssen, solange als zu ihrer Trennung keine Gesichtspunkte 
gewonnen sind, auf eine Stufe gestellt werden. Wo westgerm. i eine 
Länge entspricht, ist es regelmässig i. 

1. i findet sich sb. vor ursprünglich vokalisch gedecktem s, b, g 
in Wörtern wie ahd. wisa, wisala, gibil, sibun, rigil, swigar. 

Anm. Aber ssb. dezar (dis3r). Einfluss des weit gebräuchlicheren der 
(dirro)? Vgl.§ 56. 

2. i findet sich ferner vor ht in ahd. rihten, mhd. verrihten, 
ahd. gisiht, gisciht. 



') Id der phonetischen Schreibung habe ich mich möglichst genau an Sievers 
Phonetik gehalten ; das altdeutsche Sprachmaterial ist fast durchweg Kluges Etym. 
Wörterb., 4. Aufl., entlehnt. 



140 Andreas Scheiner, [84 

3. i erscheint ferner auf der Schwundstufe der I. Ablautsreihe 
des starken Verbums vor altem d und n im Formen wie ahd. snitum, 
gisnitan; ritum, giritan; scinum, giscinan. 

4. SB, a erscheint allgemein sb. vor altem doppeltem Verschluss- 
laut, ferner vor den stimmlosen p, t, k, st, sk, ss, ft (auch in der 
I. Ablautsreihe) in Formen wie ahd. rippi, smitta, mittil, mhd. 
zipfel, ahd. dicchi, wiccha, mhd. zickelin, ahd« sizzen, gigrifan, wi^^an, 
stih, brihhit, sprihhit, mist, distila, fisc, giwisso, gift. 

Anm. Die Stufe se, a zeigt sich auch in zaef, zaf, dessen Zusammenhang mit 
gleichbedeutendem ahd. sib wegen Stimmlosigkeit des f auch im Inlaut aufzuhellen 
wäre (vgl. ndl. zift neben zeef. Kluge, Etym. Wörterb., 4., 327). 

5. Dieselbe Stufe se, a zeigt sich aber auch vor altem 11, mm, 
m -j- cons., nn in Wörtern wie ahd. willo, stiUi, tilli, swimman, *scimbal, 
sin, ags. finn. 

Anm. 1 . Die Stufe a scheint im Burzenland allgemein entwickelt zu sein. 

Anm. 2. Das nach i>»se altem 11 entsprechende 1 hat im sb. einen be- 
sonders Yokalischen, richtiger wohl diphthongischen Charakter, z. B. ahd. still, 

Mediasch stseai, Wallendorf st«eti. 

A n m. 3< An willo u. s. w. schliessen sich ahd. spinnala , zwiniling >• spal, 
tsvalank* an. 

6. Prinzipieller Gegensatz zwischen ssb. und nsb. zeigt sich in 
der Entwickelung des i vor vokalisch gedecktem m, n; ssb. e steht 
nsb. i gegenüber in Wörtern wie ahd. himil, mhd. zimelich, ahd. hina. 

Anm. 1. Dass vor auslautendem m, n dieselbe Entwickelung als vor mm, nn 
anzusetzen ist, legt allgemein sb. sen, an (praep. in), femer nsb. naem ! (nim !) nahe. 
Das letztere Wort lautet ssb. freilich nem ! Ueber die Pronominalformen imo, inan, 
im vgl. § 54. 

Anm. 2. Statt des zu erwartenden e findet sich i in Bekoktisch (ssb.) himal. 
Bekokten scheint freilich eine Sonderstellung einzunehmen, vgl. § 44, Anm. 

7. Grösseres Gebiet gewinnt der Gegensatz zwischen ssb. und 
nsb. in der Entwickelung des i vor J), d, 1 [r], rr, r -\- cons. : während 
ssb. die Entwickelung nach den beiden Stufen i und e auseinander- 
geht, erscheint nsb. durchgängig i. Kompliziert wird die Entwickelung 
des alten i dadurch, dass vor r, rr und r -f" cons. nicht nur nsb., 
sondern, wenn sich überhaupt i entwickelt, auch ssb. häufig die 
Länge f eingetreten ist. 

a) Allgemein i erscheint vor r, gleichviel, ob ursprünglich voka- 
lisch gedeckt oder nicht, z. B. in den betonten Pronominalformen mir, 
dir, wir, ir, ferner in Wörtern wie ahd. bira, chirihha. Alle diese 
Formen bis auf chirihha kommen auch mit I vor. 

b) Allgemein sb. zeigt sich i in den Wörtern fridu, bitten, slito, 
filu, spilön, zwilih. 

c) ssb. e, nsb. i erscheint in den Wörtern fidula , nidar , sid6r, 
mhd. sidelen, bilidi, lilja. 



85] Die Mundart der SiebenbÜrger Sachsen. 141 

d) hirsi, hirti, Wirt, mhd. zwirn zeigen bis auf vereinzelte Kürzen 
im ssb. (z. B. Reps hirs, birt' ; Mediasch hirt^) durchgehend t. Allgemein 
sb. i aber in vi(r)t^ (wirdit). 

e) ssb. e, nsb. i (und zwar zumeist Länge) zeigen die Formen irri, 
giscirri, gibirgi, hirni, stirna, wirbil. 

Anm. 1. sb. m8Bt^ mat' (mit), Spsel, äpal (spil) deuten darauf hin, dass T vor 
auslautendem {), d, 1 nach § 7, 4 u. 5 behandelt wird. Aber allgemein sb. stil 
(stil) ; wohl nur vereinzelt i in smid und — entgegen §7,4 — auch in smitta, z. B. 
Bartholomä (ssb.), Lechnitz (nsb.). Allgemein so. zeigen die Stufe ee, a miluh und 
silabar, was auf frühzeitigen Schwund des dem 1 folgenden Vokals hinweist. 

Anm. 2. Zur Beleuchtung der oben notierten Differenzierungen mag dienen : 

a) ssb. comp, felar zu fil (filu); erjan, sw. v. abgeleitet von ir^ (irah); 
t8vem9n (zwirnön) neben tsviron (mhd. zwirn). 

b) Den oben verzeichneten Formen hirsi, hirti, wirt mit ssb. i vor r + stimm- 
losem cons. stehen gegenüber irri, giscirri, gibirgi, hirni, stima, wirbil mit ssb. e 
vor r + stimmhaftem cons. 

c) 1 in chirihha, irah neben ! in mir, dir, wir , ir, bira (nicht nur im nsb., 
sondern auch in ssb. Mundarten). 

8. Die Gruppen -in-, -ing-, -im- vor folgendem s oder f ent- 
wickek sich im allgemeinen entsprechend den Gruppen -Iw-, -iuw-, 
-ew-. Im nsb. zeigt sich dabei starke Nasalierung des Diphthongs, 
wie ich sie ssb. nur in Bekokten beobachtet habe. Aufgegeben zu 
sein scheint die nsb. Nasalierung in den städtischen Mundarten. 

Anm. 1. Ueber nsb. Isentsn, lant§9 (linsi) vgl. § 24, 1. 

Anm. 2. -ige- in ligen entwickelt sich parallel der Gruppe -tw-. 

9. Was die Entwickelung des i vor ng, nk, nj), nd und IJ) be- 
triffi, vgl. § 39. 

b) Westgermanisches ü. 

§ 8. Gleich westgerm. i weist auch ü im sb. drei Entwickelungs- 
stufen auf: u, o und (o,) o, a. Sie laufen mit den drei i- Stufen fast 
durchaus parallel. Dieser Parallelismus wird ergänzt durch die Ent- 
wickelung des Umlauts, der unter gleichen Bedingungen wie west- 
germ. i die drei Stufen i, e und ae, a zeigt, also frühzeitig mit i zu- 
sammengefallen sein muss. — Wie i hat auch u eine Länge ü ent- 
wickelt; Umlaut t. 

Anm. Der Parallelismus in der Entwickelung von ü und i erstreckt sich 
aber nicht auf die Entwickelung innerhalb der dritten Stufe. So hat z. B. Mediasch 
fQr 1 auf dieser Stufe se, für ü a entwickelt, Wallendorf für i ebenfalls ae, für ü 
dagegen o. 

1. u findet sich allgemein sb. vor vokalisch gedecktem s, b, g 
in Susanna, stuba, mhd. kugel. Umlaut i in ubil, mhd. überic, lugina, 
mhd. vlügel. 

2. u steht femer vor ht und vor hs ]>► s in fruht (fructus), buhsa, 
fuhs. Umlaut: i. 

3. u erhält sich weiterhin auf der Schwundstufe der II. Ablauts- 



142 Andreas Scheiner, fßß 

reihe in Formen wie butmn, gu^um, zugum, lugum, frurum, firlurum. 
Umlaut: i. 

4. Die Stufe (o,) o, a zeigt sich vor den stimmlosen p, t, [k,] 
st, [sk,] ft, fernerhin vor nn (vgl. § 7, 4 u. 5) in Wörtern wie huf, 
mlat. cuper, butin, butera, nu3^, flu^, brost, lust, lufl, brunno, hunno, 
sunna. Umlaut: ae, a, in mhd. büffel, slu^^il, scu^^ila, busc (vgl. 
Paul, Grundr. I, 560), giunnan, dunni. Hierher mag Auch buhil ge- 
zogen werden; vgl. § 28, Änm. 3. 

Anm. Das eingeklammerte 0(0*) findet sich in Lechnitz dort, wo sich in 
andern Mundarten 0, a entwickelt hat. Es wird aber zu dieser Stufe und nicht 
etwa zur Stufe o gezogen, weil es nicht nur für altes ü, sondern auch für altes ä 
steht in Fällen, wo sich für dieses sonst gleichfalls o, a findet. 

5. Dieselbe Stufe o, a, daneben aber auch u, erscheint vor altem 
doppelten Verschlusslaut und vor mm und m + cons. Vor kk wird in 
einigen ssb. Mundarten o, a in ^, ®* gespalten; vgl. die Entwickelung 
des u vor n -j- cons. § 39, 4. 

0, a findet sich durchgängig als „Bückumlaut** im praet. von 
knüpfen, stuzzen, nhd. nützen, *slucch6n, rucchen, drucchen, *pfiucchen, 
jucchen. Umlaut: ae, a. 

Anm. Neben dem von Eeintzel a. a. 0. 160 für Bistritz und Sächsisch- 
Regen angeführten, eigentlich schon wegen des anlautenden j verdächtigen jukv 
(jucchen) giebt es auch nsb. wie ssb. ein geeko, praet. gokf (z. B. in Petersdorf). 

0, a, bezw. die erwähnten ssb. Spaltvokale, finden sich ferner in 
ruc, druc, zucchen, mhd. zucker und nhd. zupfen. 

Allgemein 0, a zeigt sich in stum, mhd. sumpf und mhd. rümpf. 
Schwanken zwischen dieser Stufe und u in mhd. rumpeln und ndd. 
klump. Durchgängig u in tumb, mhd. strumpf. Umlaut: a, se bezw. i. 

u findet sich vor doppeltem Verschlusslaut in den von Kisch a. a. 0. 
S. 365 angeführten mhd. slupf, mhd. strupfe. Dagegen entspricht 
Bistritz (nsb.) slupm (slupfen) Mediasch (ssb.) slopn mit o-Stufe. Das- 
selbe Verhältnis noch in mhd. stupfen. Es findet sich aber Mediasch 
neben stopn auch stapn, das der Bedeutung nach auf mhd. stopfen 
zurückweist. Für ahd. stupfila Bistritz stopl, Mediasch wiederum zwei 
Formen : stopl und stapl, als ob Doppelformen mit ö und ü zu Grunde 
lägen? Vgl. dazu aber auch Bistritz hopsn neben hupm (* hupfen). 
Aehnlich wiederum Mediasch: haptsn neben hopn (hopn = hüpfen machen, 
haptsn = hüpfen). 

6. Prinzipieller Gegensatz zwischen ssb. und nsb. zeigt sich 
(vgl. § 7, 6) in der Entwickelung des u vorm, während die Entwickelung 
vor n einheitlicher ist. 

ssb. 0, nsb. u in sumar, mhd. frum. Umlaut: ssb. e, nsb. i; all- 
gemein sb. 0, a in sunu; aber nsb. 9, ssb. o in luna. Umlaut: i all- 
gemein sb. im pl. von sunu und in gebin (zu mhd. büne), nsb. i, ssb. e in 
kuning und *luning. 

Anm. 1. Allgemein sb. 0, a zeigt das wohl hierher zu ziehende ahd. donar. 

Anm. 2. Umlaut i vor m findet sich auch ssb. in k*im (chumil), nsb. 
k^im mit 1. 



87] Die Mundart der Siebenbürger Sachsen. 143 

Anm. 3. Bemerkenswert ist das Umlauts-e in zemsr^ frem (sumar, frum) 
im Marienburgischen. 

Anm. 4. Das von Ei seh a. a. 0. S. 366 in die Anmerkung verlegte nsb. 
on- (un-) ist nach dem obigen regelmässig. Im ssb. wird das u im entsprechenden 
(Mediasch) 8ea(n)- so behandelt wie das nach Schwund des n zum Ersatz gedehnte 
u in uns u. s. w. 

Anm. 5. ü in ahd. nu, also in absolut offener Silbe, zeigt allgemein sb. 
die Stufe o, a , daneben ein auf nuon (Kluge, Etym. Wörterb. , 4. , 250) zurück- 
gehendes (Mediasch) nsea, (Bistritz) na^ , (Bistritz no na» no !). 

7. Die Entwickelung des ü vor d, 1, [r,] rr, r -[- cons. weist 
zwar im allgemeinen ssb. und nsb. die Stufe u auf, doch sind, abge- 
sehen von der Entwickelung des Umlauts, Spuren eines prinzipiellen 
Gegensatzes vorhanden, indem sich ssb. vereinzelt die dem nsb. fehlende 
Stufe o zeigt. Der im nsb. durchgedrungene Umlaut i spaltet sich ssb. 
(nach § 7, 7) in i— e. 

Allgemein sb. u in mhd. trute, mhd. Jude, sb. Juli (Julie), furuh, 
duruh. Umlaut: i. 

u ferner in bürg, wurm, kurz, scurz, wurzala. Umlaut: ssb. in 
den beiden ersten Wörtern e, sonst i, nsb. durchaus i; ssb. Umlaut e 
ferner in burdi, furdir, würgen, scurgen, burgäri gegenüber nsb. i, 
aber allgemein sb. e in durfan, wenn nicht, wie Honigberg, unum- 
gelautet o erscheint. Doch vgl. § 66, c. 

o tritt nun allgemein ssb. auf in mhd. gurre, ferner in einer nicht 
umgelauteten Entsprechung von burgäri, dann noch in Hermannstadt 
t^orn neben sonstigem tWn (mhd. turn). Umlaut: e, in g9ger (collect, 
von gurre). 

Durchgängig Umlaut i in butin, scutten, mull, turi, *snurihha, 
pfuliwi — aber ssb. e in mhd. bütenaere, scutilön, fulln, mulinäri. 

Anm. 1. Länge ü findet sich nsb., aber auch nicht selten ssb. in durst, 
wurst. Umlaut t nach § 7, 7. nsb. fürt' (vgl. Kisch a. a. 0. S. 366) lässt sich 
wohl besser an fürt als an furuh anschliessen. 

Anm. 2. Ahd. butin zeigt neben der oben (unter 4) angemerkten Form 
botf , bat' mit t auch eine umgelautete Form bit' mit d. An dies Wort schliesst 
sich ssb. bednar, nsb. bidnar an. 

8. Einen beachtenswerten Gegensatz zwischen ssb. und nsb. weist 
die Entwickelung des u vor Ij) und Id auf; während sich hier nämlich ssb. 
die Länge ü entwickelt, zeigt sich (hier allein) nsb. o, das aber wegen 
des Umlauts 8e(a), wie er auch ssb. auftritt, wohl zur Stufe o, a zu 
ziehen ist. Kürze o, o findet sich ssb. im Worte scultara wohl durch- 
gängig im Burzenland, im Altland dagegen auch hier ü oder dessen 
örtliche Entsprechung au. 

Es kommen in Betracht Wörter wie dulten, gidult, sculda. U m- 
laut aß, a in mhd. geduldec, mhd. schuldec, guldin. Dagegen Umlaut i 
in slldar^n, dem. zu scultara, wenigstens in Mediasch und Umgebung. 

9. -un-, -um- vor s, f entwickeln sich, je nach der Mundart, 
wie -ouw- oder -6-. 

10. Ueber die Entwickelung des u vor n -\- cons. vgl. § 39, 4. 



144 Andreas Scheiner, [gg 

2. Westgermanisches ä und e. 

§ 9. Wie die Sonderentwickelung der sb. Mundarten i und ü 
bis zum a geführt hat, so umgekehrt wiederum das westgerm. ä einer- 
seits bis zum u, andererseits bis zum i. In den meisten Einzeldialekten 
steht kein einziges a an der Stelle eines ursprünglichen ä, und es ist 
zweifelhaft, ob die Kürze a, die in einigen (städtischen?) Mundarten 
altem ä zu entsprechen scheint, nicht vielmehr nhd. Einfluss verrät. 
Westgerm, e ist mit dem Umlaut des a allgemein sb. so sehr zusammen- 
gefallen, dass es wohl ohne weiteres mit diesem gleichzeitig behandelt 
werden kann. 

1. Als 0, °^, a erscheint altes ä vor ursprünglich doppeltem Ver- 
schlusslaut, also in ehedem zweifellos geschlossener Silbe. In eben- 
derselben Stellung haben sich e und e zu entschiedenen Längen e, ä, se 
entwickelt. Was für Ursachen dieser zwiespältigen Entwickelung zu 
Grunde liegen — vgl. auch die Entwickelung von i und ü vor Doppel- 
verschlusslaut — muss noch untersucht werden. 

e als Entsprechung von e und e findet sich vorzugsweise im 
Burzenland, ä scheint allgemein nsb. zu sein; neben sonstigem k findet 
sich se im ssb. hauptsächlich in städtischen Mundarten. 

Es kommen in Betracht Wörter wie apful, zapfo, chappa, chazza, 
chrazzön, rato, mhd. glatz, smacchön, acchar, '''hacchön, bacchan, fac- 
chala. — snepfa, scepfen, mhd. treppe, ezzen, lezzen, sezzen, wezzen, 
gisezzida, beccho, decchi, *accharan, strecchen, recchen, becchln, letto, 
ekka, quetzen, platzen. — chletta, fleccho, lecchön, snecko, *drecch, 
Speech, quecch. 

Anm. Vereinzelt (und unursprünglich?) findet sich läko (lecchön) in Wallen- 
dorf gegenüber läko in Lechnitz. Ebenfalls in Wallendorf atlix (^tteslib) ; doch ist 
dies Wort, das viele Mundarten gar nicht kennen, wohl Lehnwort. 

2. In einer Beihe einsilbiger, konsonantisch auslautender Wörter, 
also in nicht minder geschlossener Silbe, hat sich dagegen altes a zu 
entschiedener Länge entwickelt. So in den betonten Pronominalformen dat, 
wat, in den praet. knat, trat, bat, ajj, ma^, sa7, und was — in letzterem 
allerdings nur in den Mundarten, wo das s noch erhalten ist, bezw. der 
Singular dem Plural noch nicht angeglichen ist. Dieselbe Länge erscheint 
ferner konsequent in tag, bah (ausser Bartholomä, wo sekundäre Kürzung 
vor dem Guttural eingetreten ist). Die Beispiele Hessen sich leicht häufen, 
um zu zeigen, dass altes ä in einsilbigen Wörtern in geschlossener Silbe 
regelmässig Dehnung erlitten habe. So weit ich sehe, ist dies a nur in 
einzelnen Mundarten, z.B. Bartholomä (auch Wallendorf? doeot^— dat) und 
wohl nur in einem späteren Entwickelungsstadium mit altem ä zusammen- 
gefallen. Im allgemeinen erscheint es als o, ob, allerdings auch mit 
engerer Rundung, bis 6, diphthongisch o*o, oo und (vgl. oben) oeo. 

Anm. 1. Mit u bezeichne ich ein fast völlig entrundetes o; der Laut er- 
scheint im sb. als Blählaut eines kräftig artikulierten b. 

Anm. 2. Instruktiv ist Wallendorf boeox (bah) gegenüber boxf , k*ox9i (bahho, 
chahhala) ; in derselben Mundart aber dox (dah). In ssb. Mundarten erscheint — 
mit Ausnahme des oben erwähnten Bartholomä — in diesen Fällen durchaus Länge. 



89] Die Mundart der Siebenbürger Sachsen. 145 

Ebenso bezeichnend ist in Wallendorf und Lechnitz nös, nos (na?) gegenüber 
gp^t goa (ga^a). Zu dem in Wallendorf allein schon befremdenden ü kommt 
in beiden Mundarten eine bedeutende Nasalierung des Vokals, die, wie es scheint, 
im nsb. oft mit krampfhaftem Festhalten an einer Länge Hand in Hand geht. 

Aber auch ssb. kann man in derselben Mundart neben vosr (wa^^ar) no^s 
(na^) hören, und in Marienburg, wo in wa??ar, ga^^a, saf das a — wie auch im 
übrigen Burzenland — gedehnt erscheint, steht gegenüber voosr, goos, züoft' ganz 
allein nAUs (na:;) mit einem Diphthong, der sonstigem ü entspricht, sowie uo son- 
stigem 6 zur Seite steht. Dasselbe au findet sich (Marienburg) auch in mahhön 
gegenüber oo in bah, bahho, dah, chahhala. Dieselbe Sonderstellung nimmt mahhön 
auch in Dobring und Eelling (ünterwald) ein; aber auch in nsb. Mundarten, vgl. 
Keintzel, a. a. 0. S. 142. 

In benachbarten und verwandten Mundarten (ssb.) kann man hier zot', §tot*, 
dort zo*ot', sto^ot' (sat, stat) hören. 

Wie diese Erscheinungen mit den unter 1. behandelten in Einklang zu 
bringen sind, bedarf noch der Untersuchung. 

Was den Umlaut des äin einsilbigen, konsonantisch geschlossenen 
Wörtern betriflFt, hält es natürlich schwer, zahlreiche Beispiele zu 
finden. Als solche mögen glat und rad gelten, die durch alle Mund- 
arten entschiedene Länge und zwar ä, se zeigen. Derselbe Umlaut 
findet sich nun auch im Plural von dah und tag, wobei nur anzumerken 
ist, dass in Wallendorf und Lechnitz ä vor / lautgesetzlich in oa, a^a 
diphthongiert bezw. triphthongiert wird. 

Den angeführten glat und rad schliessen sich fast in allen Einzel- 
mundarten blat und bret an : blät\ brät'. Im Plural . — vgl. die Ent- 
wickelung des e vor vokalisch gedeckten [) und d, unter 6. — er- 
scheint e bezw. e kurz, ssb. a, ae, nsb. e : bladr, bradr — bledr, bredr. 
In Bartholomä hat allerdings Ausgleichung nach dem Singular, in 
Wallendorf (auch in Bistritz, vgl. Kisch, a. a. 0. S. 356) nach dem 
Plural stattgefunden. In Mediasch dagegen erscheint in blat und bret 
im Singular der Diphthong ia : bliat\ brist' (pl. blaedr, braedr), der wohl 
ohne weiteres als Umlaut des in bluadn (sw. v. mhd. blaten) erschei- 
nenden u8 gefasst werden darf. 

Wenn es anginge, die im sb. so überaus häufigen ua und ia unter 
dem Verhältnis von nicht-umgelautetem und umgelautetem Vokal zu 
betrachten, so wäre in einen guten Teil des überreich entwickelten 
Vokalismus einige Ordnung gebracht. Dass aber wenigstens ua als 
besondere Stufe neben oder zwischen o nnd o gesetzt werden muss, steht 
ausser Frage (vgl. Wolfi', Korr.-Bl. 1879, S. 90 f. und Schullerus, 
ebenda XVI. 1893. S. 75). Die Zusammengehörigkeit von u9 und ia 
vorausgesetzt, ergäbe sich folgendes Schema: 

ua 6 

e — a, ae ia a, le 

A n m. 3. ua und i9 werden, wie Proben zeigen, vom naiven Ohr selbst bei 
singender Aussprache für kürzer als 6, o, ä, sb gehalten, umgekehrt lassen sie — 
was freilich von allen Diphthongen gelten mag — eine bedeutende Kürzung zu, 
ohne dass dadurch der Sprache so Gewalt angethan würde , als wenn man jene 
einfachen Längen kürzen wollte. Es erwächst die für die Beurteilung des sb. 
wesentliche Frage, in welchem Verhältnis die beiden Längestufen ua und ö (ia und 
ä^ &) zu einander stehen? Sind sie gleichzeitig entwickelt worden oder aber das 
Resultat zweier verschiedener, zeitlich voneinander getrennter Dehnungsprozesse ? 
Durch Betrachtung des sb. allein wird sich diese Frage kaum entscheiden lassen, 
weshalb sie auch hier offen gelassen wird, so sehr ich geneigt wäre, die beiden 



146 Andreas Scheiner, [90 

Diphthonge gewissermassen als anceps zwischen o und 6 bezw. zwischen e — a, ae 
und k, 86 einzuschalten. Wolff deutet a. a. 0. eine ähnliche Meinung an. 

3. Durch alle sb. Mundarten erscheint ue in oflFener Silbe vor 
1, r, s, b, g, d. i. vor mundartlich stimmhaftem Dauerlaut in den sehr 
zahlreichen Wörtern wie zala, salaha, sparön, barug, haso, nasa, nabolo, 
scaban, nagal, wagan, auch in den mehr oder weniger isolierten aba, 
buohstab, -e (im Dialekt fem.), saga (Säge[mühle], im Hermannstädti- 
schen Gassennamen zudxgas), in nömaedudx, se/dnax, iduax (nachmittag, 
acht Tag', eh' Tag, vgl. Wolff, a. a. 0.) gegenüber o in 8(c)al (wenig- 
stens in einer grossen Reihe ssb. Mundarten), Sar(a), las, was (sofern 
nicht Ängleichung an den Plural stattgefunden hat), gab, lag, tag. 

Anm. 1. Infolge von Ängleichung an mehrsilbige Formen desselben 
Wortes erscheint u9 in gluas (glas), Stoff bezeichnung. Nach Kisch, a. a. 0. S. 856 
Bistritz glos; im benachbarten Waliendorf jedoch gluesaef (Glasscheibe). In der 
Bedeutung , Trinkglas** zeigt das Wort allgemein ssb., aber auch nsb. , die um- 
gelautete Form glas, glses. Allgemein sb. huex geht wohl nicht auf ahd. hag, 
sondern auf mndd. hage zurück, da es wie dies und ndl. haag fem. ist (Mittel- 
niederdeutsches Wörterb., IL, S. 173; Kluge, Etym. Wörterb. 4., S. 126). 

Anm. 2. Das u9 tritt in den einzelnen Mundarten in mannigfachen Schat- 
tierungen auf. Das gewöhnlich kurze u kann ganz merkliche Quantitätssteigeruug 
erfahren, ohne jedoch irgend zur entschiedenen Länge zu werden (z. B. Marien- 
burg, Wallendorf). Der Gleitlaut 8 kann bis zum hellen a an ElangfCille ge- 
winnen (z. B. in Lechnitz, aber auch in vielen ssb. Mundarten). In anderen Mund- 
arten wiederum, die sonst keine Sonderstellung einnehmen, wie Grossschenk, Boden- 
dorf und noch viele andere, erscheint an Stelle des u9 überhaupt ao, d. i. ein 
ungerundetes u -f o. In Reps , einem Marktflecken unweit Bodendorf, findet sich 
so^ar der Monophthong ö. Ich sehe keinen Grund , diese Entwickelungsstufen 
pnnzipiell von ua zu trennen ; si« deuten den Weg an, auf dem auch andere Laut- 
wandlungen vor sich gegangen sind. — Es ist nicht überflüssig, zu bemerken, dass 
in den letztgenannten drei Mundarten altem ä nicht das schematische 6, sondern 
iu entspricht (vgl. § 11). 

Der Umlaut von a in ua-Stellung ist ia in Wörtern wie elina, 
Zellen, schellen, wellen, meri, cheren, esil, hevan, scebit, legen, flegil. 
Dieselbe Entwickelung zeigt in derselben Stellung auch altes e in 
Wörtern wie gelo, melo, hera, swero, lesan, eban, leben, sega, wegan. 

Anm. 3. Als Parallele zu dem oben angeführten duex, dox (tag-, tag) darf 
wohl ssb. vidx» ö-ve/ (weg, mhd. enwgc) erwähnt werden, obwohl sich e in a-vex 
nicht ohne weiteres dem 5 in d5z gegenüberstellen lässt ; vgl. folgende Anmerkung. 

Anm. 4. ia mit verschieden langem i findet sich auch in Reps und Boden- 
dorf (vgl. Anm. 2) ; in Grossschenk (und so noch in vielen anderen ssb. Mundarten) 
steht dafür A^a (mit gespaltenem i? vgl. § 16). Im nsb. scheint sich ia nur vor r 
zu finden; so in Wallendorf, Lechnitz und (vgl. Kisch, a. a. 0. S. 854 und 358) 
Bistritz. An anderer Stelle wird es von e« (Wallendorf) und 6 (Lechnitz, Bistritz) 
vertreten. Angesichts der übereinstimmenden Entwickelung von nicht-umgelautetem a 
ist es aber wohl nicht geboten^ dieses e von ia zu trennen. Ein Kennzeichen des 
nsb. bildet es nicht, da es auch in ssb. Mundarten vorkommt; leider fehlen mir 
diesbezügliche Notizen. 

Umlaut ä, se (jüngeren Ursprungs?) erscheint im pl. von wagan, 
nagal und vieler anderer. Ganz am Platz ist er (vgl. oben unter 2.) 
in den auch im sing, umgelauteten einsilbigen glas, gras, grab. 

Anm. 5. Nicht umgelauteten sing, mit zu erwartendem 5 (6) zeigen die letzt- 
genannten drei einsilbigen Wörter in Lechnitz, Bistritz (nsb ). In Wallendorf (nsb.) 



91] Die Mundart der Siebenbürger Sachsen. 147 

wiederum findet sich, wie allgemein ssb., die umgelautete Form. — Gegenüber dem 
plor. von wagan mit ä, se zeigt grebit die lautgesetzliche Stufe ia, trotz ä, & 
in grab. 

4. Ebendasselbe ua, wie es sich in offener Silbe vor mundartlichem 
stimmhaftem Dauerlaut findet, erscheint nun konsequent auch an wesent- 
lich anderer Stelle, nämlich vor hs und ht ]>► s und x^? xt in Wörtern 
wie ahsala, ahsa, dahs, flahs, wahs, wahsan, ahta. Umlaut: a, ^ (in 
Wallendorf, Lechnitz vor ht ]> x^ ^^ bezw. a*^a), in Formen wie nhd. 
flachsen, ahd. ahto, mhd. nehten. Umlaut ia zeigt sich aber in der 
Flexion von vuasn (wahsan) : viast* (wahsit, wehsit), und dieselbe Ent- 
wickelung zeigt altes e in sehs, wehsal, chneht, reht, sieht. Im nsb. 
scheint das zu erwartende e, e® zuweilen gekürzt zu sein, so in 
Wallendorf sleyf neben re^yt', Lechn. auch sleyt'. Vgl. Eisch, a. a. 0. 
8. 359. 

5. Weniger Konsequenz weist die Entwickelung von altem a vor 
rr und r + cons. auf. Während nämlich im nsb. fast durchaus die 
Stufe ua durchgeführt ist, zeigt sich im ssb. daneben auch die Kürze o, a. 
Allgemein sb. ua z. B. in arm (adj.), warm, garn, *swarta, hart, warten, 
ars. — In swarz, warza, stark geht im ssb. die Entwickelung aus- 
einander; ua z. B. in Bartholomä, Honigberg, Marienburg, Reps, 
Bodendorf, o bezw. ^^, a in Grossschenk, Mediasch. Wohl konsequent 
ssb. in garba, farawa, aber ebenso konsequent ua in garwa (gorf, 
Garbe; guar, Schafgarbe). Durchaus o erscheint ssb. in charra, darra, 
pfarräri. In Wallendorf (nsb.) gegenüber k'uar, duar das eigentüm- 
liche f^®ra mit überkurzem Spaltvokal und Accent auf a (vgl. unten 6, 
Anm. 1. f°^tr). Das Wort kommt auch sonst nsb. vor, vgl. Keintzel, 
a. a. 0. S. 142 und BertleflF, a. a. 0. IL S. 18. 

Wie die Entwickelung des ä, und noch mehr, geht auch die seines 
Umlauts und des alten e auseinander. Am konsequentesten hat 
wieder das Nordsiebenbürgische ia durchgeführt. In die Entwickelung 
von e und e im ssb. bringt vielleicht einige Uebersicht die Gegenüber- 
stellung von fersana, gersta, mhd. pfersich, erda, herd, swert — in 
der Mundart alle einsilbig — mit ia, und kerban, sterban, werdan, 
mhd. verderban mit a, ae, werdan gelegentlich (Honigberg, Bodendorf) 
mit ä; doch nirgend ia in herza, sogar nsb. härts. Schwanken zwischen 
ia und a, se in berg, werc, zwischen a, ae und ä [se] in ferro, gerno 
gegenüber stetigem a, ae in kerno. a, ae in mhd. herze (subst.) steht 
wenigstens ssb. ä, se im adj. herze gegenüber. 

Anm. 1. Auf die Entwickelung des e vor rr und r-f cons. scheint Einfluss 
gewonnen zu haben: 1. Ein- und Mehrsilbigkeit des Wortes; 2. Stimmhaftigkeit 
oder Stimmlosigkeit des Konsonanten ; 3. scheint die stellenweise vorhandene Länge 
ä, 86 durch die vokalische Natur des r veranlasst zu sein. 

Umlauts -e erscheint als a, ae in arnön, nhd. bärtchen (auch 

nsb.), ssb. a, ae, nsb. ia in fartig, herbist, pferrih, durchaus ia in 

erizzi, meist ie in cherza; in araweii^ schwanken zwischen a, ae 
und ä [ae]. 

Anm. 2. Vgl. noch das Schwanken zwischen miarts, marts, mjerts (Monats- 
name März) und miartn, marts (Eigenname Martin). 



148 Andreas Scbeiner, [92 

6. Aeholiches Schwanken zwischen a, a und ua, wie vor rr und 
r + cons. zeigt sich im sb. vor (vokalisch gedeckten]) ^, d 5* <* 
(auslautend t'). Im usb. ist wieder stark nach Seiten des ua aus- 
geglichen, ssb. 3, a gegenüber nsb. ns in hladan, lad6n, mhd. lade, 
mado, scado, fadnm, flado, [spado,] cbataro; dagegen auch ssb. ua in 
bad, attah und dem praedicativ gebrauchten scado (schade). 

Anm. 1. Dass auch nsb,, ähnlich nie vor doppeltem VerBchluaslaut, kurze 
Formen existiert haben, scheint die Entwickelnng von fater und gifataro anzudeuten. 
In Bistritz (vgl. Kiacb, a. a. O. S. 353) heisates iÖtr; im nahe gelegenen und 
mundartlich weni^ abweichenden Wallendorf footr und gstohr; in I,*chnits RJt'tr 
(mit gelinde mouilliertem t' + t) und gstutr (mit neutralem t). Bertleff ver- 
zeichnet unter .Gewöhnliche Dorfsmundarten" (a. a. 0,, IT., S. I) neben den ge- 
nannten Formen auch fuatr. Es ist wohl keine Frage , dasB auch im nsb. ehedem 
wie noch gegenwärtig im sab. die beiden Formen fuatr und gafatr nebeneinander 
bestanden haben. Zum mindesten Reste des alten Unterschiedes finden sich in 
Lechnitz. Allgemein sb. fustr neben gafatr, ssb. iuat' neben Isdn (scado) denteu 
aber auch die Ursache der Differensiening an : gleichwie in Reaktion gegen eine 
AuBeinanderzerrung des Stammvokales dnrch Mehrailbigkeit hat sich in mehr- 
silbigen Wörtern die Kürze festgesetzt. 

Der Umlaut ä, ce findet sich im pl. von fater, in scato (mhd. 
schetewe). D^egen nsb. e, sab. a, se in edili und, sofern sie nrnnd- 
artlich vorkommen, in fetiro und im pl. von äado. Konsequent als 
Kürze, usb. e, asb. a, ie, erscheint aber altes e in fedara, ledar, led^, 
pfedarao, betalon, wetar. 

Anm. 2, Dass aber auch die Stufe ia vertreten ist, zeigen Mediasch gliat' 
(mhd. st. f. giete) neben gl&f (glat) und siat' (mhd. sete, ahd. seti) neben zat' (sal), 
dazu das reflexive zi/ zisdijn. hbendaselbst pl. von stat' : stiat'. aber itsdr (Städter). 
Dagegen beti lautet Siediasch btet', mit ä, ä-Stufe, wie glat, rad (vgl. oben unter 2). 
Dieselbe Stufe zeigt sich anch in Grosaschenk. In Bartholomä, Honigberg, Marien- 
burg (Burzenland) , Reps und Bodendorf heiast es aber bSt', beiw, bA^^t', bAet' 
gegenüber giät', rät', blät', brät'. Wenn ea nun zulässig wäre , dieses & als Ver- 
treter von (Mediasch) ia in ziat', stiat', gliat' zu fassen, wie ein ganz ähnliches S im 
nah. ebendort vorkommendem ia zur Seite gestellt werden musste , so wäre der 
Widerspruch wenigstens gemildert, der darin liegt, dasa ,'i vor Doppelverschl usalaut 
sich als Kürze erhalten bat, während e, ^ an eben derselben Stelle als Längen 
g, ä, le erscheinen. S könnte als Weiterent Wickelung von ia oder einer gemein- 
samen Vorstufe gefaaat werden. Es gingen dann (Burzenland, Reps, Bodendorf) 
zetsn, snSp u. s. w, gegenüber gIät', brftt' aufFormen mit ancepelangem 'ia zurück, 
in welchem Falle allerdings für nsb. und Mediasch, Groasschenk, wo durchaus ä, te 
erscheint, gründliche Ausgleichung angenommen weiden mQsste. 

7. So wenig sich bei den bisher betrachteten Entwickelungs- 
stut'i'ii des alten ä eine direkte Beeinflussung der Vokalqualität durch 
dt" iiiLchfolgende Konsonanz bemerkbar gemacht hat, so handgreiflich 
ist <lHr Eiufluss nachfolgenden Nasals auf die Entwickelung des a. 
E^ zi^igt sich dabei die interessante Erscheinung, dass, während die 
Nasalen nicht im stände waren, altes n und i vor der Verschiebung 
zu a zu bewahren, hier umgekehrt altes a bis zur Stufe des n und i 
veriiiidert wird. Diese eine Thatsache genügt, um nahezulegen, dass 
IUI Artikulationssystem der Mundart seit Beginn ihrer Sonderentwicke- 
hitig eine radikale Verschiebung stattgefunden haben muss. Das n, 
(ia=. vor Nasalgruppen zu a, a wurde, kann unmöglich dasselbe ge- 
wesen sein, das heute vor ebendenselben Gruppen altes [o] ä vertritt. 



93] I^ie Mundart der Siebenbürger Sachsen. 149 

Umgekehrt können aber auch die scheinbar ursprünglichen u, [o,] a 
nicht mehr die alten sein, da sich ihre Artikulationsweise durch nichts 
von der ihrer neuen Gefährten unterscheidet. — Weiterhin beweisen 
aber die hierher gehörigen Erscheinungen ^n sich schon ihr hohes 
Alter. Wenn als Umlaut eines zu u gewandelten ä i erscheint, so 
könnte man zwar an Uebertragung aus ursprünglichen u-i- Formen 
denken; wenn sich aber herausstellt, dass dieses i charakteristische 
Wandlungen des alten i mitmacht (vgl. § 39, 2.), so wird die Ent- 
wickelung von a >• i und damit der Wandel von a ^ u in eine sehr 
ferne Zeit zurückversetzt, und die (unter uns besonders von Kisch 
vertretene) Meinung, dass man sich den Vorgang der Sprachent Wicke- 
lung nicht allzu beschleunigt vorstellen dürfe, bekommt eine bedeutende 
Unterstützung. Man hat es hier ohne Zweifel mit Entwickelungen zu 
thun, deren Ansätze um Jahrhunderte vor die Einwanderungszeit der 
Sachsen zurückreichen, deren Alter also getrost auf tausend Jahre zu 
schätzen ist. 

a) u für altes ä findet sich allgemein sb. vor einfachem m, n in 
ursprünglich offener Silbe als Kürze, im einsilbigen Wort als Länge. 

ü in hamar, hamal, samanön, scamen, namo, chamara, mhd. samit, 
rama, grana, hano, manön, mana, antrahho (vgl. Kluge, Etym. Wörter- 
buch 4, S. 71), ana, fana (fona); ü in gram, man, kan und den hierher- 
gehörigen praeteritis der III. Ablautsreihe. 

Anm. 1. ü ist vorauszusetzen in Bartholomä: gi-uom, mut?n (richtiger 
grAom, mAon) wie in Honigberg grö^m, m6"n, Bodendorf mA«n, Grossschenk men, 
vgl. § 42. Für das in städtischen Mundarten (z. B. Mediasch, Bistritz) vorkommende 
mo(n), grom, k'o(n) mit o-Stufe, wie in tag, alt u. s. w., bleibt nichts anderes übrig, 
als neuhochdeutschen Einfluss anzunehmen, bezw. unter solchem £influss vorgenommene 
Anlehnung an tag, alt u. s. w. ; denn in der Umgebung sowohl von Mediasch als 
auch von Bistritz hört man Formen mit ü, in Wallendorf z. B. m^, grum mit 
starker Nasalierung. Oder sollte sich — vgl. § 11 — ein sprachliches Bewusstsein 
davon erhalten haben, dass eigentlich ein a(o) vorliege? — Das in Lechnitz er- 
scheinende mon ist schon durch das auslautende n als Lehnwort gekennzeichnet. 

Umlaut: i, in himar/an, k'imaryan, wo diese Deminutiva über- 
haupt Umlaut zeigen; allgemein sb. int(enit). 

Anm. 2. Befremdend ist (Bartholomä) hämaryen, k'ämary9n, ebenso (Wallen- 
dorf, Lechnitz) häma^, bezw. h^ma^ Aehnlich steht (Wallendorf) suman (scamön) 
Lechnitz sämo gegenüber. 

jenör und hemidi werden, als ob ursprüngliches i vorläge , nach § 7, 7 be- 
handelt: ssb. e, nsb. i. 

Anm. 3. ssb. mun9(n), pl. von mana, lautet Wallendorf muin, Lechnitz mi,iin. 
grana heisst Wallendorf grün, Lechnitz gryin, und ähnlich steht Wallendorf mun 
(manön) Lechnitz frmujn gegenüber. Es fragt sich, ob ui für ü steht (vgl. § 10, 2) 
oder ob -in als Flexionsendung -en anzusehen ist; Lechnitz gryin entspricht wohl 
nicht dem sing., sondern vielmehr dem pl. von mana. 

b) Vor m -\- cons. und n -\- cons. — ausser m bezw. n -|- s, f, 
oder Guttural — , also wieder in geschlossener Silbe, steht für altes a ü 
bezw. seine laul^esetzlichen Nachfolger in Wörtern wie chamb, lamb, 
ampfaro, mhd. slam, swamb, mhd. kampfer, andar, baut, haut, laut, 
scanta, pfant, ganz, glänz, kränz, pflanza. 

Anm. 1. In städtischen Mundarten wieder ö. 



150 Andreas Scheiner, [94 

Umlaut: i, in mhd. dempfec, mhd. Stempel (vgl, Kisch, a. a. 0. 
S. 355), ferner in nhd. kränzchen, pflänzchen, schänzchen, tänzchen, 
^entgänzen" und in den zu wringan gehörigen Idiotismen brintsn, 
rintsn, garints (vgl. Mittelhochd. Wörterb. IL S. 715, gerenge). 

Umlaut: a (burzenländisch) , e, se (altl.), ä (nsb.) in chemben 
(und *hemmen). Die umgelauteten Gruppen -anj)-, -and- werden ssb. 
ähnlich behandelt wie -in^-, -ind- vgl. § 39, 2; im nsb. tritt wiederum 
Umlaut ä ein, in Wörtern wie mhd. behende, enti, lentin, scenten. 

Anm. 2. Zu beachten (Wallendorf) behant* (mhd. behende) neben änt'. 
Wenn die Kürze ä das Ursprünglichere sein sollte, wäre das vielleicht ein Anhalts- 
punkt für die Ansicht, dass auch im nsb. einmal mouiUierte Formen existiert 
haben. 

Anm. 3. gans und hengist mit vor s geschwundenem n bezw. v zeigen 
dieselbe Entwickelung wie zins und *pfingu8tin. 

c) Vor altem nn ist a durchgehends zu o geworden in channa, 
pfanna, spanna. — Dass dies auch vor altem mm der Fall ist, legt 
mhd. schräm (und ahd. *klamara) mit durchgängigem o nahe. 

Umlaut — vgl. unter b) — a (burzenländisch), e, ae (altl.), 
a — ä (nsb.) in chennen, rennen, pfenning (vgl. § 7, 5). 

Anm. 1. In Wallendorf, Lechnitz steht gegenüber k'§Ln, ran (chennen, 
rennen) fSnek* (pfenning); in Bistritz auch rän, vgl. Kisch, a. a. 0. S. 357. 

Anm. 2. Wie auch in den unter b) verzeichneten Formen steht, was den 
Umlaut betriffl;, im Altland (Mediasch) e (Hermannstad|;) se gegenüber. 

Anm. 3. Deutlich weist ssb. mants, msßnts (mennisco), mit mouilliertem n, 
auf eine Form mit vorauszusetzendem i hin. | 

Anm. 4. Eigentümliche Behandlung erfahren im sb. henna und giwennen, 
denen sich in Mediasch (ob auch sonst ?) noch dennen (denen), mhd. iSnen, sgnawa, 
mhd. senen, strSno anschliessen. In den meisten Mundarten tritt ein Stammvokal 
auf, als ob monophthongiertes altes ai vorläge. In Mediasch, aber auch Honig- 
berg, Marienburg stellt sich id ein, das aber, wie Mediasch tsvia (zwei) zeigt, auch 
auf altes ai bezw. S zurückgehen kann. Die vorausgeschickte Zusammenstellung 
macht es übrigens, wenigstens für Mediasch, wahrscheinlich, dass auch henna und 
giwennen mit einfachem n anzusetzen sind. (Zu henna vgl. Kluge, Etym. Wörterb. 4, 
S. 140.) 

d) Vor altem ng und nk ist die Entwickelung derart ausein- 
ander gegangen , dass sich vor nk und auslautendem ng ]]> t>k' (vgl. 
§ 35, 2) im allgemeinen u, vor inlautendem ng ]]> » aber o entwickelt 
hat. So z. B. Beps, Gross-Schenk, Wallendorf und in vielen anderen 
Dorfsmundarten o in angul, angust, *bango, slango, lango, langön; u 
in lang, sträng, banch, danc, mhd. kranc. 

Umlaut i erscheint allgemein sb. in Wörtern wie denchen, mhd. 
lenken, scenchen, renchen, nhd. gelenk (zu lancha), mhd. gefencnisse. 
Aber auch vor altem ng ist, wenigstens ssb., mit Bestimmtheit *i vor- 
auszusetzen, da -*eng- wie^ "ing- der Mouillierung unterliegt, vgl. § 39, 2. 
Im nsb. allerdings erscheint als Umlaut das schon bemerkte ä (vgl. 
oben unter b) in Wörtern wie mhd. drengen, engi, mhd. mengen, mhd. 
sengen, nhd. schlängeln. 

Anm. Was die zwiespältige Entwickelung nach o und u betrifft, hat be- 
greiflicherweise und vorzugsweise in städtischen Mundarten oft Ausgleichung, und 



95] Die Mundart der Siebenbürger Sachsen. 151 

zwar meist nach Richtung des o stattgefunden. Ohne die Differenzierung zu 
beseitigen, haben Bartholomä und Honigberg (Burzenland) u und o zu o^ und a 
weiterentwickelt. Im benachbarten Marienburg dagegen hat Ausgleich zu Gunsten 
des stattgefunden. 

Somit ergäbe sich als Entsprechung von altem a vor Nasal und 
Nasalgruppen — ausser vor Doppelnasal, ns und ng, nk ^ ük — 
durch das ganze Gebiet des sb. u, in den ausgenommenen Fällen o, 
als Umlaut aber i bezw. dessen mundartliche Verschiebungen. Frag- 
lich bliebe , ob das erwähnte o nicht ebenfalls auf ein älteres , vor- 
siebenbürgisches u zurückzuführen wäre. 

Was die Quantität des u betrifft, hätte als Regel zu gelten: 
Kürze in oflFener Silbe (vor ursprünglich vokalisch gedecktem ein- 
fachen Nasal), vor Doppelnasal und Nasal -j- Guttural; Länge da- 
gegen vor anderen Nasalgruppen und in einsilbigen Wörtern vor ein- 
fachem Nasal. 

Wenn -irgend — vgl. § 49 — so ist es nun aber bei den ehedem 
offenen Silben vor folgendem Nasal zweifelhaft, ob sie immer noch für 
offen zu gelten haben. In Bartholomä . z. B. kann man, wenn man 
humar (hamar) in Silben zerlegen lässt, deutlich hu'^-mar hören, des- 
gleichen in Wallendorf hu°*-mar , ähnlich allerdings auch mä"-»8n 
(mengen) mit langem Silbenträger. Diese feineren Fragen bedürfen 
noch sehr der Untersuchung. 



8. Der unter 2. besprochene Typus o — 6 — <bo findet sich wie- 
der allgemein sb. vor 1 -f- cons. in Wörtern wie giwalt, haltan, bal- 
samo, mhd. alp, balko, balg, *falsc, malz, salz, chalch. 

Anm. 1. Durchgängig o, a findet sich aber in galgo, halb. In hals steht 
wohl überwiegend o, ebenso in salba, swalawa; doch Wallendorf zoeolf, S^olf, 
Lechnitz zölf, swölf — aber plur. iwolbm mit gerade in Lechnitz seltenem o. 

Als Umlaut in einfalttg , eltirön gilt die Umlautsstufe a, se, 
jedoch ist ssb. oft Mouillierung des -Id- eingetreten, nsb. Dehnung 
des a zu,ä — vgl. § 39, 2. Die Stufe ia erscheint aber in halda und 
altäri wie in feld, gelt; seltan schliesst sich überall an eltirön an, nsb. 
wiederum mit ä, gegenüber felga mit a und melkan mit id. Das 
letzte Wort zeigt auch ssb. meist ia, doch Mediasch ^ (**). 

Anm. 2. Bemerkenswerth ist (Mediasch) % in stelza und smelzan (term. 
techn. für , Schmelzen* des Specks; in allgemeiner Bedeutung sm»altzn). smo^olts, 
smalz, kann wohl nicht mehr Einfluss genommen haben, als etwa o^W, alt, auf 
comp. ®»ldr. — ätölts wiederum steht ^anz ohne Familie da. Es liegt hier wohl 
ein Hinweis darauf vor, dass auch in Mediasch Zusammenhänge zwischen i9 und § 
bestehen (vgl. oben unter 6 Anm. 2). 

9. Aehnlich ist die Entwickelung des ä vor k ]> x, /. Es er- 
scheint als Länge 6, ö, oeo und als Kürze; als Kürze ursprünglich 
wohl in mehrsilbigen, als Länge in einsilbigen Formen. Im nsb. hat 
fast durchaus Ausgleichung nach Seiten der Kürze stattgefunden, in 
einigen ssb. (burzenl. ?) Mundarten nach seiten der Länge. Andere 
Mundarten haben Länge in bah, dah, bahho, chahhala, Kürze in mhd. 



152 Andreas Scheiner, [96 

swach, lahhen, im pl. von sahha. Wohl durchgehends Länge im praet. 
von brehhan, sprehhan, stehhan. 

Umlaut e (A^^a, Ae), auch in Mediascb, ä (oa, a^a) im nsb. 
erscheint in rehhanön, mhd. hechel — bleh, peh, rehho, behhar, brehhan, 
sprehhan, stehhan. 

Anm. In Wallendorf (nsb.) steht boeox (bah) neben dox (dah), welch letzteres 
Wort in Lechnitz und Bistritz 6 bezw. o hat. Typisch ist wohl der pl. von sahha, 
der in allen sb. Mundarten Kürze o, a zeigt, während in Mundarten, wo überhaupt 
der sing, gebräuchlich ist, in diesem einsilbigen Numerus auch die Länge 5 erscheint 
Wohl durchaus Länge, und zwar bis ü erscheint in dem sb. ausserordentlich häufig 
gebrauchten mahhön; in der städtischen Mundart von Bistritz allerdings rnoxo. 

10. Äehnliche Entwickelung zeigt a aber auch vor altem p, t 
und den Verbindungen st, sp, sc, ft. Wiederum wird nsb. die Kürze, 
burzenl. die Länge bevorzugt; doch ist Kürze auch ssb. , z. B. in 
Grossschenk, Mediasch beliebt. So in saf, ga^^a, wa^-^ar, gast, fasten, 
haspil, flasca, nascön, chraft. 

Anm. 1. Bemerkenswert ist die burzenländische Kürze im zweisilbigen 
no^an, wie die nsb. Länge in nys, nöä (vgl. oben unter 2 Anm. 2). no*os, go*os, zo^oft 
kann man aber auch in der Umgebung von Mediasch hören, und das praet. von 
tr^ffan, S^^an, me^an zeigt allgemein sb. 6. — Durchgehends Kürze zeigt sich aber 
in gofl, hosl (gabala, hasala) vor stimmlosem f, s. Welches Schwanken übrigens 
herrscht, zeigt Bistritz ndst' (ast) gegenüber Wallendorf ndsV in dem sonst stark 
ausgleichenden nsb. In Wallendorf aber neben n5st wiederum floeostr (pflastar). 
In Mediasch lautet dies Wort fluestr. 

Der Umlaut dieses ä sowie e in gleicher Stellung weist im 
allgemeinen dieselbe Stufe als vor k auf (vgl. oben unter 9). In Me- 
diasch aber erscheint konsequent ia, ebenso Gross-Schenk A®a (das sich 
übrigens kaum von dem, anderwärtigem burzenl. e parallel gehenden, 
A®9 in Honigberg und Ae in Marienburg unterscheidet). Nur in treflfan 
findet sich Mediasch wie Gross-Schenk e. In Betracht kommen leffil, 
be^5jiro, me^^iras, che^^il, nes^^^ila, festi, resten, pl. von gast, wascan, 
dem. von flasca, mhd. geschefte , chreftlg; ferner treffan , me^^an, 
drescan. 

Anm. 2. In Mediasch liafl (leffil) neben trefn (treffan). 

Anm. 3. nsb. Umlaut ä in fast (festi), gegenüber sonstigem ä. 

Anm. 4. An die oben angemerkten Wörter schliesst sich allgemein sb. 
bäsamo mit stimmlosem s an (vgl. § 25, Anm. 1). 

Anm. 5. scef, nest werden allgemein so behandelt, all ob Formen mit i 
vorlägen. 

11. Eine ähnliche Entwickelung kann auch vor 11 angenommen 
werden. In den meisten Mundarten — auch nsb. — zeigt stal die 
Länge o gegenüber galla, fallan mit o; Lechnitz allerdings göl. 

Umlaut a, se, nsb. wiederum ä, in gisello, hella, nhd. stelle; 
ihnen schliesst sich chelläri an. Doch snello, fei, -11- mit ie, e. — 

12. Schliesslich ist noch die Entwickelung der Gruppen -ah-, 
ag-, aw- + voc. zu berühren, in denen h, g, w geschwunden ist. Die 
Gruppen -aha-, -aga-, -agö- und -age- in slahan, stahal, hagal, klagön, 
sagen, agana werden in der Mundart im allgemeinen wie ä behandelt 



97] Die Mundart der Siebenbürger Sachsen. 153 

(vgl. § 11), wie sein Umlaut aber die betreffenden Gruppen in ehir, 
zahar, giwahinen , . egida , egidehsa, magad, agalstra, gegin, ingegin, 
gegenote, denen sich regan, segansa anschliessen, während, sehan, ze- 
han, fehu im allgemeinen mit ziohan zusammengehen. 

Anm. 1. Anders als ä entwickeln sich die nicht umgelauteten Gruppen 
in Honigberg, Marienburg (Burzenland) und Lechnitz (nsb.). Während altem & 
in den beiden erstgenannten Mundarten 6, in Lechnitz ceo entspricht» treten dort 
für 6 die mehr auf ü hinweisenden Diphthonge uu und uo auf, hier neben oeo in 
stahal, hagal ü in slahan, klagön, sag&n, ui in uin, das aber wohl pl. zu einem 
fehlenden ü(n), agana, ist. Vielleicht ist der in Lechnitz deutliche Einfiuss des 
Nasals auch in Honigberg und Marienburg — wo übrigens üu bezw. üo auch in 
stahal, hagal steht — wirksam gewesen. 

Anm. 2. Abweichend von sähan, gisc^han entwickelt sich zehan in Marien- 
burg (Burzenland), Wallendorf und Lechnitz (nsb.), Marienburg ziaen — tsän; 
Wallendorf, Lechnitz zoa, zaoa — tsä. 

3. Westgermanisches ö. 

§ 10. 1. Während altes ä vor ursprünglich doppeltem Ver- 
schlusslaut im sb. konsequent als Kürze — Typus o — erscheint, ent- 
spricht altem ö an derselben Stelle — vgl. die Entwickelung von e 
und e — eine entschiedene Länge: ö — oeo. In einigen Mundarten, 
z. B. Bartholomä (burzenl.), Mediasch (altl.), Wallendorf (nsb). ist sie 
mit der altem ä entsprechenden Länge zusammengefallen; in anderen 
Mundarten wieder, z. B. Beps, Bodendorf, mit der Länge, wie sie 
kurzem ä vor ht und hs entspricht; in Grossschenk zeigt sich die- 
selbe Länge, die altes a in einsilbigen Wörtern vertritt. In Honigberg 
findet sich o (vgl. §9,2, Anm. 1) , d. i. die Länge eines fast völlig 
ungerundeten, geschlossenen o. In Betracht kommen Wörter wie zopf, 
' hopfo, tropfo, roz, mhd. kloz, stoc, loc, rocch, floccho, rokko, locchön, 
spot, mhd. motte, in der Mundart allerdings meist einsilbig. 

Der Umlaut entspricht im allgemeinen dem Umlaut des a vor 
Doppelverschlusslaut (vgl. § 9, 1), doch ist der Typus e bezw. aee 
auch Grossschenk, Mediasch und nsb. durchgedrungen. 

Anm. An die oben angeführten Wörter schliesst sich in einigen Mund- 
arten got an; in anderen freilich zeigt got die Kürze o. 

2. Wiederum anders als ä hat sich ö in offener Silbe vor 1, r, s, 
b, g (mundartlich stimmhaften Dauerlauten) entwickelt. Die hier sich 
zeigende Länge ist vielfach mit altem au ^ ahd. ö zusammengefallen ; 
so Bodendorf, Grossschenk, Mediasch, wo sie als ui, yu (iu) auftritt. 
In anderen Mundarten wiederum ist ö mit au ]> ahd. ou zusammen- 
gefallen; so Marienburg, Wallendorf, Lechnitz: au, oeo, soweit in den 
beiden letztgenannten Mundarten nicht die Kürze o erscheint. In 
anderen Mundarten, wie Bartholomä, sind alle drei, ahd. ou, ö und 
vor den genannten Lauten Ö in ü zusammengefallen. Auseinander 
gehalten werden sie in Honigberg: ou, iu, au, und Reps: ti, ui, ua. 

Anm. 1. Es ist wohl anzunehmen, dass dort, wo jene drei Laute aus- 
einander gehalten werden, ursprünglichere Verhältnisse vorliegen. Sollte es nun 
Zufall sein, dass sich in Reps, wo u9 als Vertreter eines alten ä fehlt (vgl. § 9, 3, 
Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde. IX. 2. 11 



154 Andreas Scheiner, [98 

Anm. 2), sich dieser Diphthong als Entsprechung von o findet? Der Gedanke liegt 
nahe, wie für ä so auch fQr 6 Spaltvokale von zunächst unbestimmter Quantität 
vorauszusetzen, aus denen sich dann die gegenwärtigen mannigfaltigen mono- und 
diphtiiongischen Entsprechungen entwickelt hätten. Wie aber (Honigberg) au (au) 
gegenüber Reps ud andeutet, müsste der Gleitlaut als hier dem Sonanten voraus- 
gehend, dort nachfolgend angenommen werden. Zu dem Honigbeiger au (au) 
passt sehr gut iu als Entsprechung von au > ahd. 6, und ebenso in Reps ui zu ua. 
Joh. Wolff hielt (nach brieflichen Andeutungen zu schliessen) den Gegensatz von 
ui und iu für bedeutend genug, um ihn zur Sonderung der altl. Mundarten zu 
benutzen. Es wird methodisch richtig sein, für jede Einzelmundart beide Formen, 
sowohl *ua als *du, und sekundären Ausgleich bald nach der einen, bald nach der 
anderen Richtung anzunehmen. Wohl hat aber Wolff den Punkt berührt, an 
dem die Untersuchung einzusetzen hat, wenn sie das Gewirre unserer Vokale 
klären und erklären will ; Überall stossen wir auf solche Vokalspaltungen , und 
wenn sich die Bedingungen angeben liessen, unter denen hier der erste, dort der 
zweite Komponent zum Träger des Silbenaccents gemacht wurde, so wäre das 
Beste zur Charakterisierung unserer Mundarten geleistet. [Inzwischen bin ich auf 
eine Mundart — Eatzendori bei Reps — gestossen, die meine oben ausgesprochene 
Vermutung zu bestätigen scheint ; daselbst heisst es neben zu^al (sola), k uial (cholo), 
farluirdn (firloran) , k'uiran (chorön) , luivn (lobön) — biu^n (bogo) , flu^l (fogal), 
gdliu^n (gilogan) und so stets iu vor g. Vgl. das Schwanken zwischen huibas und 
hiubas neben biulan, kiuzan beim Hermannstädter Tröster, Das Alt- und Neu- 
Teutsche Dacia (1666), S. 236, 234, 232.] 

Die oben näher bezeichneten Entsprechungen von altem ö finden 
sich in cholo, sola, borön, chorön, sporo, tor, hosa, lob, lobön, 
bogo, fogal. 

Der Umlaut, soweit er auftritt, ist gleich dem des alten au: 
1 - e, ygl. § 17. 

Anm. 2. Die Kürze o findet sich nsb. besonders vor g >> nsb. g (föffl, bögo), 
Umlaut e (fegl, bego); o findet sich nsb. auch in k'ol (cholo), pl. k'oNn gegen- 
über oeo (6) in zoeol (sola). 

ssb. erscheint (abgesehen von Bartholomä, vgl. § 37 , 3) vor altem g Kürze 
in den Mundarten, wo fallender Spaltvokal, ua, ui üblich ist : der palatale zweite 
Komponent wird zur Palatalisierung des y verwandt ; z.B. k'uü , k'uiran — füjl, 
büjn, gegenüber k'iul, k'iuran, fiu^l, biu^n. Allgemein aber pl. fijL Dieses i, als 
Umlaut des älteren ü, müsste nach 8 8, 1 auch nsb. erscheinen. Das thatsächlich 
erscheinende S deutet an , dass es als vom sing, beeinflusster Umlaut des 6 , nicht 
des ursprünglicheren ü aufzufassen ist. — Anzumerken ist Bodendorf buajn, fuajl 
neben k'uil u. s. w. , ähnlich pl. fiajl (wie mein Gewährsmann behauptet, „grosse 
Vögel", im Gegensatz zu fijl, «kleine Vögel"). 

3. Aehnlich als in der eben betrachteten Stellung entwickelt 
sich ö vor ht und hs ]> xt , x^ ^^^ ^ ^^ tohter , ohso , ferner vor 
r -]- cons. in borto, wort; in dorn, hörn, chorb erscheint in gewissen 
Mundarten dieselbe Kürze als vor {>) d (vgl. unten), ebenso auch in 
morgan. 

Anm. 1. Mediasch neben yus (ohso) — düxtr (tohter). 

Anm. 2. Bemerkenswert wiederum Bodendorf, Reps ia in miarzl, miartrt' 
(morsäri, mhd. morter). 

Anm. 3. In Wallendorf steht neben der Form morgo die andere moeom 
(ohne d zwischen r und n, vgl. § 34, Anm. 6). Doppelformen mit und ohne j be- 
stehen auch in den meisten ssb. Mundarten; z. B. Marienburg morjn — moran, 
ersteres subst., letzteres adv. (morgane). 

4. Als Kürze o — o — a erscheint ö — vgl. e , e — in offener 
Silbe vor altem j), d ]> d in bodam, chnodo, totoro und im part. praet. 



991 I^ie Mundart der Siebenbürger Sachsen. 155 

der st. verba IL Ablautsreihe, durchgängig ue (in Reps, Bodendorf die 
dortigen Entsprechungen) in k'rust, als ob '^'chrata zu Grunde läge. 
Oder macht dies Wort für altes ö eine ähnliche Entwickelung, als die 
§ 9, 6 für altes ä gefundene wahrscheinlich? 

Umlaut: e. 

Anm. In Wallendorf neben tsdbednon (denom. zu bodam) ofk'nidm (zu 
chnodo). 

5. Durchgehends u erscheint vor n in wonen. In den mannig- 
faltigsten Formen zeigt sich dagegen honag: nsb., wie in wonen, regel- 
mässig u: huni/; ssb. aber — Reps, Bodendorf hoants, hoasnts; Her- 
mannstadt hint'/, Mediasch hont^; burzenl. hut^nts, hoants, hAunts. In 
Mediasch neben (dem auf einer umgelauteten Form beruhenden) hont^ 
auch hondi>k\ 

6. Vor 1 + cons. entwickelt sich ö so wie ü — vgl. § 8, 8 — 
in stolz, folc, wolcha, wolf, wolta, scolta. 

Umlaut e im pl. von wolf — velf und holz — heltsar, nsb. e 
auch in gefelk'ix, coli, zu folc; ssb. 1 aber in fllk'er, pl. von fülk' (folc), 
gehilts, htltskn, coli. bezw. dem. von hülts (holz). 

7. Vor altem p, t, k, ferner vor [sp,] st, sk, ss entwickelt sich 
ö im allgemeinen wie vor doppeltem Verschlusslaut. Erinnerte nun 
aber schon vor doppeltem Verschlusslaut in Reps, Bodendorf ö an d 
vor ht, hs (vgl. §9,4), wo in den meisten Mundarten für ä ue er- 
scheint, so findet sich nun vor den genannten stimmlosen Lauten, 
ausser vor p, k, in Mediasch thatsächlich u9 in Wörtern wie slo^, rost, 
frosc, ros und im part. praet. der st. verba IL Ablautsreihe. Um- 
laut dementsprechend ia. 

In den übrigen Mundarten und in Mediasch vor p, k ist die 
Entwickelung dieselbe als vor altem doppeltem Verschlusslaut. Zu 
den oben angeführten Wörtern kommen noch offan, loh, joh, mhd. 
knoche. 

Anm. mhd. hoffen zeigt in vielen Mundarten (Einfluss des nhd.?) Ö; z. B. 
Mediasch. 

8. Dieselbe Entwickelung zeigt sich vor 11 in fol, dem sich in 
allen Mundarten hol anschliesst. 



B. Die langen Vokale. 

1. Westgermanisches ä. 

§ 11. Westgerm, ä ist sb. mit wenigen Ausnahmen als Länge 
erhalten, und zwar kann man im allgemeinen ö als seinen gegen- 
wärtigen Vertreter ansetzen. Im einzelnen zeigt sich aber, dass dieser 
Vertreter des alten ä nur in wenigen, vorzugsweise städtischen Mund- 
arten eine einfache Länge, in den allermeisten Fällen aber diphthon- 
gischer Natur ist. Die Spaltung des vorauszusetzenden *ö ist zuweilen 
so weit getrieben, dass von ö keine Spur mehr erhalten zu sein scheint, 



15G Andreas Scheiner, [100 

in einigen altl. Mundarten z. B. bis iu. Es ist nun sprachgeschichtlich 
nicht uninteressant, dass, obwohl die Diphthongierung des ö in ge- 
wissen Mundarten bis zu den äussersten Grenzen fortgeschritten ist, 
sich doch die ganze, gewiss nach vielen Jahrhunderten zu bemessende 
Zeit hindurch in der Mundart ein yerhältnismässig klares Bewusstsein 
davon erhalten hat, dass all diesen mannigfaltigen Diphthongen eigent- 
lich ein ö zu Grunde liege. Dass dies aber der Fall ist, beweist der 
Umstand, dass alle städtischen Mundarten — zwischen denen doch erst 
seit neuerer Zeit regerer Verkehr besteht — für altes ä ö aufweisen. 
Bei dieser und ähnlichen Erscheinungen könnte man fast versucht sein, 
an die Anfange einer litteraturlosen Schriftsprache zu denken. 

Als Umlaut von westgerm. ä gilt im allgemeinen e. Es ist 
meist mit dem % zusammengefallen, das oben (§9, 6, Anm. 2) neben 
ia gestellt wurde. An Spaltformen treten auf Ae, A^a und nsb. (wo 
Zusammenfall mit dem Umlaut von ö in geschlossener Silbe statt- 
gefunden hat) see. 

Folgende Ausnahmen kreuzen die eben aufgestellte Regel: 

1. Vor ht > xt muss (vgl. Kisch, a. a. 0. S. 369) vormundart- 
liche Kürzung des '^'ä zu '''ä angenommen werden, da es, auch was 
den Umlaut betrifffc, wie dieses behandelt wird in anadäht, taht, dähta, 
brähta, — nhd. andächtig, pL von taht. 

Anm. 1. Gleichfalls schon vormundartlich kurzes a in m^go (Mohn) anzu- 
setzen, zwingt die Uebereinstimmung aller sb. Dialekte. 

2. Dass ä zunächst nsb. vor einfachem Nasal ursprünglich ähnlich 
behandelt wurde als kurzes a (vgl. § 9, 7 a), legen wallendorfisch zürn 
und mü (sämo, mäno) mit stark nasaliertem ü gegenüber regelmässigem 
oeo nahe. Aus Lechnitz fehlen mir Notizen bezüglich dieser beiden 
Wörter; doch gehört hierher (Lechnitz) nna (äno) mit kurzem u und das 
umgelautete mlnet (mänöd), gewiss aber auch slü, k'ltin, zu, uin <] sla- 
han, chlagön, sagen, agana — vgl. § 9, 12, Anm. 1 — und glnet^ 
neben k'enet^ und dem wohl entlehnten gegüt' (mhd. gegenöte), welche 
Formen alle (bis auf uin?) in Wallendorf das reguläre oeo bezw. aee 
zeigen, wie hagal, stahal, egida auch in Lechnitz hceol, stoeol, aeef lauten. 
In Bistritz, V* Stunde von Wallendorf, ist alles nach 6 ausgeglichen. 

ssb. drun (as. dran, Drohne) macht die ehemalige Wirksamkeit 
des angedeuteten Lautgesetzes für das ganze sb. Gebiet wahrscheinlich; 
vielleicht darf auch allgemein sb. hu(n) <] haben , das in Mettersdorf 
huw lautet (nach Bertleff, a. a. 0., IL S. 1), angeführt werden. 

Anm. 2. Eeintzel, a. a. 0. S. 165 f., fasst einige der angeführten That^ 
Sachen an, jedoch ohne sie zu klassifizieren; unter anderem erwähnt er auch aus 
Mettersdorf fi», hio, mi», zio, drit> (fähan, hahan, mäen, säjan, dräjan), die sehr 
wohl zu lechnitzisch minst* passen. Zweiifelhaft ist mir bloss der Lautwert des o. 

Anm. 3. Zu minst' gehören noch in Lechnitz ri und zinos (regan und 
sögansa). Ob in k'lui (chlawa) sich die Wirkung eines Flexions-n geltend gemacht 
hat oder das Wort vielmehr unter dem Einfluss der Wörter mit au >> ahd. 6 
steht — vgl. § 9, 12, Anm. 1 — , mues ich vorläufig dahingestellt sein lassen. 

Anm. 4. Aus ssb. Mundarten seien noch angeführt Honigberg mö^n (mäno) 
mit sehr geschlossenem neben sonstigem ofi^enen und einheitlichen ö, ferner Marien- 
burg zAöm (sämo) neben Honigberg zömon, Marienburg mön. 



101] I^ie Mundart der Siebenbürger Sachsen. 157 

3. Dass die Entwickelung des alten ä, die auf den ersten Blick 
so unabhängig von der Natur der folgenden Konsonanz vor sich ge- 
gangen zu sein scheint (vgl. SchuUerus, Korrespondenzbl. XVI. [1893] 
S. 75), auch von anderer Seite beeinflusst worden sei, deutet auch 
Honigberg hAur (här) an. Es mangelt aber an gesichertem Material, 
um der Sache weiter nachgehen zu können. 

2. Westgermanisches e. 

§ 12. Diese alte Länge wird im sb. wie ahd. eo behandelt — 
vgl. dieses § 18. Im allgemeinen tritt mehr oder weniger einheitliches 
ffi, ä hervor. Charakteristisch für das ssb. ist die Kürzung vor Gut- 
turalen. In Betracht gezogen wurden hiar, sciaro, fiebar, brief, chreg, 
spiagal, ziagal, ziahha. 

Anm. sciaro lautet Wallendorf seer mit ae neben sonstigem oa. Neben 
der Form sebr, mit dort regulärem », zeigt dies Wort auch in Mediasch eine kurze 
Form ser, als ob i vor Doppel -r zu Grunde läge. 

3. Westgermanisches i. 

§ 13. Bei der Entwickelung dieses Vokals im sb. zeigt sich ein 
prinzipieller Gegensatz zwischen ssb. und nsb. darin, dass ssb. vor k, g 
und dort, wo der auf 1 folgende Konsonant mouilliert ist oder war, 
dem 1 eine entschiedene Kürze (e, Ö) entspricht, während nsb. altes t 
auch hier, wie im ssb. vor b, p, t, s, r, st, sk, hs, diphthongiert ist. 
Der altem i entsprechende Diphthong ist bald ei (e^e) bald ai (ae). Das 
nsb. zeigt wohl in den meisten Einzelmundarten ai, das Burzenland ei. 
Dass vor ht, wie altes ä, so auch 1 noch vormundartlich gekürzt wurde, 
legt allgemein sb. li/t (lihti) nahe. 

1. Allgemein sb. diphthongiert ist 1 in Wörtern wie wip, riß, 
bi7,:^an, isan, fira, '^'chlistar, ^chriskan, dihsala; im nsb. auch in snidan, 
scritan, sclnan, lim, wila, slihhan, swigen, in denen allen ssb. e — o er- 
scheint; über die Notwendigkeit der Annahme älterer Diphthongierung 
auch im ssb. vgl. § 37. 

Anm. Innerhalb des ssb. ist die Entwickelung wiederum gekreuzt in Bartho- 
lomä durch das dort herrschende besondere Gutturalisierungsgesetz (vgl. § 37, 3). 

2. Die Gruppen -ij-, -iw-, -ih-, sowie i vor Vokal entwickeln 
sich im sb. zu Di-, Tri-, ja Tetrakiphthongen , Typus oi, oa. Wo 
einfache Längen (o, ä) erscheinen, sind sie zweifellos Resultate sekun- 
därer Monophthongierung. Typus oi scheint im Burzenland vorgezogen 
zu sein. 

Als ä erscheint -i-, -ia-, -iwa-, -iha- in den Wörtern dri,-fri, 
scrian, bla, splwan, gidihan in ßeps, Bodendorf; als 5 in Grossschenk, 
als öi (auslautend), ö^a (inlautend) in Bartholoniä, ^oi Honigberg, 
0*0* Mediasch, oä Wallendorf, 6* Lechnitz. Das Summum liefert 

Marienburg b^'^°* (bia) und sr^'^^^an (scrian) mit drei Accenten: auf 
0*, o und 9. 



158 Andreas Scheiner, [102 

Dieselbe Entwickelung wie die angeführten Gruppen zeigen 
allgemein sb. auch die Gruppen ahd. -ewe-, -ewi- und -iuw- in 
strewen, frewida, -dewen, hewi, chiuwan, chliuwa, niuwi, riuwa, triuwa, 
triuwi. 

4. Westgermanisches 6. 

§ 14. Nur vor 1, r, s und b erscheint altes ö durchgehends als Länge, 
und zwar im allgemeinen als Diphthong, hie und da als jüngerer 
Monophthong : 

Barth. Honigb. Harienb. Repa Bodend. Grossschenk Mediasch Wallend. Lechnitz 
ao eu Ao ea eo eo sea 5 ä 

in stuol, fuora, buosam. Der Umlaut in fuolen, fuoren, truobi ist 
oft mit altem e und eo zusammengefallen, so in Bartholomä, Grossschenk, 
Mediasch und nsb. Auseinandergehalten werden sie in Honigberg, Marien- 
burg, Reps, Bodendorf, wo der Umlaut des alten ö oi, oi, oa, ose 
lautet gegenüber altem e ]> ^^ ä^ ae, ase. 

Anm. Für nsb. habe ich (Wallendorf o, Lechnitz ä) zufällig nur Mono- 
phthonge notiert. Dass auch iin nsb. Diphthonge vorherrschen, vgl. Bertleff, 
a. a. 0., IL, S. 7. — Zu denken giebt Siebenb. Quartalschr., V (1797), S. 258, wo in 
einer mageren Sammlung von Idiotismen der Sachsen im Bistritzer Distrikt gaut 
(gut), maus (muss), gefauttert (gefüttert), sehr wahrscheinlich in Bistritzer Stadt- 
mundart angeführt werden, wo jene Formen heute (Kisch, a. a. 0. 8. 371) ä auf- 
weisen. Dasselbe ä. erscheint heute auch — soweit im ssb. überhaupt Länge zu- 
lässig ist — im Hermannstädter Dialekt. 

Im nsb. gehen die obigen Längen vor allen Konsonanten durch. 
Eine Ausnahme macht nur muoter ^ motr, das nach Bertleff, a. a. 0. 
IL S. 8 nur in dem eine Sonderstellung einnehmenden Jaader Dialekt 
Diphthong (uo) zeigt. Im ssb. dagegen ist die Entwickelung vielfach 
gekreuzt: 

a) Vor g, k ist allenthalben Kürzung eingetreten, und zwar meist 
derart, dass der zweite Komponent der oben notierten Diphthonge 
zum mindesten in der Ärtikulationsweise des nachfolgenden (gutturalen) 
Spiranten bedeutende Spuren hinterlassen hat, oft aber auch noch 
als deutlicher Gleitlaut vorhanden ist. So in buoh, tuoh, scuoh, mhd. 
kluoc, chruog. 

b) Vor altem p ^f herrscht ssb. Kürze o, o in ruofan. Um- 
laut ae, e erscheint zuweilen auch im inf., z. B. Marienburg. Hierher 
gehört vermutlich auch Mediasch (auch sonst?) stofl, dessen Vokal eher 
zu ahd. stuofa als mhd. Staffel passt. 

c) Vor bb, t, st }> p, s, st steht burzenl. der reguläre Diphthong; 
in Grossschenk, Mediasch dieselbe Kürze als vor p in buo^a, fuo^, 
huosto. In Reps, Bodendorf neben bos (buoj^a) — feas, feos (fuo^). 
Umlaut da, wo Kürze herrscht, e (^e) in suo^i, muoi^an, ruoppa, 
scuoppa. 

d) Vor m in bluoma erscheint fast ebenso allgemein, als vor 
p ]>• f in ruofan, o, o bezw. Umlaut se [e]. Regulärer Diphthong aber 
nun (vgl. Entwickelung unter c) in Grossschenk, Mediasch. Im dem. 
bl^rat/n aber auch hier Kürze. 

e) Ueber die Entwickelung vor |), d, n vgl. § 38. 



103] I^ie Mundart der Siebenbürger Sachsen. 159 

Die Gruppen -öw-, -öj- werden wie 6 bezw. dessen Umlaut vor 
1, r, s behandelt in ruowa, bluojan, fruo(ji). 

5. Westgermanisches ü. 

§ 15. Westgerm, ü hat sich nur vor r, s durchgehends als Länge 
erhalten, und zwar in den Diphthongen ou, eu, ao, ea, oo, au, oeo, ao, 
ao in sür, mhd. ttlren, mhd. brüs, hüs, tüsunt. 

Der Umlaut wird im allgemeinen wie i behandelt (ei, ai), doch 
abweichend davon in Honigberg, Marienburg (burzenl.), Reps, Boden- 
dorf (altl.), wo er durch oi, oe vertreten wird. 

Während nsb. der Diphthong fast in allen Stellungen durch- 
geführt ist, ist die Entwickelung, ähnlich wie bei ö, ssb. mannigfach 
gekreuzt. 

a) Vor altem g, k in büh, brühhan, mhd. düge, sügan zeigen 
sich Kürzen, die denen des 6 in derselben SteUung entsprechen, nur 
enger, bezw. gerundeter sind. Für se findet sich e oder oe, für o, o u. s. w. 
Umlaut, ebenfalls teils enger, teils gerundeter als Umlaut von ö in 
mhd. buchen, ndd. jüche. 

b) Vor altem p ]> f in süfan, scüfala erscheint bald ö, bald e. 

Anm. 1. Umgelautete Formen dieser beiden Wörter sind auch nsb. üblich, 
z. B. Wallendorf zaef^, (ziok)saefl gegenüber Lechnitz zaofp, §aofl. 

c) Vor b in hüba, tüba ist burzenl. und in einem (benachbarten?) 
Teile des Altlandes dieselbe Kürzung als vor p }> f zu konstatieren. 

d) Ueber die Entwickelung vor j), d, n, 1 vgl. § 37, 2. 

Allgemein sb. — vormundartlich — ist Kürzung eingetreten vor 
ht in dühta ^ duxt\ du^t'. Umlaut i in fiy t' (fühti). Angesichts 
nsb. rup (rüppa), stip (mhd. stüpe), Bistritz, Wallendorf duman, kum 
(domo, chümo) — Lechnitz eigentümlich duima — welche Formen ssb. ö 
bezw. Umlaut ^ zeigen, muss aber auch allgemein sb. Kürzung vor bb, 
m angesetzt werden ; wegen allgemein sb. of, af <^ ahd. üf wohl auch 
vor p ^ f. Auf ihr vormundartliches Alter deutet die Qualität des 
Vokals hin, der mit altem ü zusammengefallen ist. Aehnliches Alter 
wird man aber auch den ssb. Kürzen vor p, b sowie den im vorigen 
Paragraphen unter b bis d angeführten Kürzungen des alten ö zu- 
schreiben müssen, während allerdings die ssb. Kürzung von 6 und ü 
vor Gutturalen erst nach erfolgter Diphthongierung dieser Laute ein- 
getreten sein kann. 

Anm. 2. Zu dümo und chümo kommen ssb. noch rüm, scüm, rümen hinzu. 



C. Die Diphthonge. 

1. Westgermanisches ai. 

§ 16. Dieser Diphthong erscheint nsb. in den Fällen, wo er 
ahd. e entspricht, als i, sonst als (sekundärer?) Diphthong e^e, see, ae. 
Im ssb. wird sich ein Unterschied in der Behandlung der beiden ai 



160 Andreas Scheiner, [104 

kaum nachweisen lassen. In den meisten Mundarten erscheint ein 
Diphthong Ai(8), oi, in anderen (städtischen?) Mundarten monophthon- 
gisches i, das als Typus zu gelten hat. 

Anm. 1. Für ail>ahd. ai erscheinen nsb. in einer und derselben Mundart 
zwei Diphthonge nebeneinander; Wallendorf z. B. e*e in heil, seil, bleib, hei^, 
geist, 8ße in heim, reini, heisi, leider, aigan. Für Bistritz führt Ei seh a. a. 0. 
S. 373 für ahd. ai monophthongisches §, Bertleff, a. a. 0., IL, 11, ei an. Ob 
sich bei genauerer Untersuchung der Widerspruch nicht so löst, dass g und ei neben- 
einander stehen, wie Wallendorf e*e und see? 

Anm. 2. Kürze e, i findet sich allgemein sb. häufig in Stammsilben, wenn 
das Wort durch Bildungs* oder auch nur Flexionssilben verläigert wird; in Mediasch 
z. B. in — enar (ein), k*lin — kiener (chleini), venix (wenag), htm — hemli/ (mhd. heime- 
lich), hil— helix (heilag), dil— delar (teil), zil — zelar (seil), brit'— brer (breit). Im 
nsb. auch en^r, aber k'lindr, vinix ; aDgemein sb. k^lintsiv, tswintsix (Ableitung von 
chleini; zweinzug). Besonders nsb. und burzen^ndisch Kürze 6 auch in seita und 
leitar, nsb. auch in eitar; allgemein sb. redl, rerl, das Eisch, a. a. 0. S. 873, zu 
mhd. reitel zieht. Angesichts der in einem besonderen Abschnitt zu behandelnden 
Gutturalisierungs- und Palatalisierungserscheinungen im sb. (ssb.) muss die Frage, 
ob man es hier mit blossen Vokalkürzungen zu thun habe, wohl offen gelassen 
werden; die Laute, vor denen die Kürzung stattgefunden hat (n, m, 1, p, d) sind 
dieselben, die bei den .gutturalen und palatalen Verstärkungen' besonders in Be- 
tracht kommen. 

In ei, as. leia, meior wird ei im allgemeinen wie 1 vor Vokal 
behandelt (vgl. § 13, 2). Von dieser Reihe weicht zwei ab: burzenl. 
und' Reps, Bodendorf tsve bezw. tsbe, nsb. tswaee, Mediasch tsvia. An 
zwei schliesst sich burzenl., Reps, Bodendorf meio an. 

Anm. 3. Ob in der Behandlung des ei in meio und zwei die Andeutung 
liegt, dass ahd. ai und % auch ssb. einst getrennt waren? In diesem Zusammen- 
hang sei auch Marienburg Itrdn (Igren) angeführt mit i gegenüber sonstigem dort 
üblichen Ai. 

2. Westgermanisches au. 

§ 17. Der Unterschied zwischen ahd. ou und ö ist im sb. fast 
durchaus gewahrt. Beide erscheinen, ausgenommen wenige (städtische?) 
Mundarten, diphthongiert, aber die ahd. ö entsprechenden Diphthonge 
— ui oder iu — sind weit schärfer ausgeprägt, als die auf ahd. ou 
zurückweisenden, die sich um einen monophthongischen Typus ssb. *ü, 
nsb. *ö drehen. 

Der Umlaut zeigt dieselbe Entwickelung als westgerm. ai. Der 
Gegensatz zwischen ssb. und nsb. tritt wieder hervor, indem sich nsb. der 
Umlaut von ahd. ö an ahd. e, der von ahd. ou an ahd. ei ange- 
schlossen hat, während im ssb. dieser Unterschied nicht gemacht wird. 

Anm. Kürzungen kommen, abgesehen von Bartholomä (vgl. § 37, 3) vor in 
Grossschenk : rüm, zum (mhd. roum, soum). Allgemein sb. sind aber die Kürzungen 
des Umlauts in den Komparativen von grö?, höh: nsb. grisr, hi^r; ssb. gresr, h'eyr, 
daneben aber Bui'zenland, Reps, Bodendorf hi/r. In vielen Mundarten zeigt auch 

der comp, von scöni — senar — kurzen Umlaut. 

> 

Die Gruppe ouw -]- voc. ist mit üw -{- voc. zusammengefallen und 
erscheint meist als ä, vereinzelt als se, nsb. auch als 6 in ä, frä, ha, 
hän, krän, dän (ouwa, frouwa, houwa, houwan, chrouwan, douwan), 
trän, bän (trüwen, büan). 



I 



105] I^ie Mundart der Siebenbürger Sachsen. 161 

3. Westgermanisches iu. 

§ 18. Als echt fränkische Mundart unterscheidet das sb. *eo 
und '^'iu sehr genau. Ersteres geht mit altem e zusammen, letzteres 
im allgemeinen mit altem 1, doch finden sich auch ähnlich wie beim 
Umlaut des ü — vgl. § 15 — (dem nhd. eu analoge?) gerundete Ent- 
sprechungen. 

Barth. Honigb. Marienb. Repa Bodend. Qrossschenk Mediasch Wallend. Lechnitz 
»i »i §4 £6 äae » ce oa aoa 

ei oi oi oi oe ae e'e ae ae 

Dieser Unterschied ist z. B. in der Flexion der st. verba II. Ab- 
lautsreihe in allen Einzelmundarten schön erhalten. Die schon vor- 
mundartlichen Beziehungen von *iu zu i zeigt allgemein sb. li/tn, 
lixtr(t') (liuhten, nhd. leuchter), dessen vormundartliches iu ]> 1 vor ht 
genau so gekürzt wurde wie altes i in li/t' (llhti). Daneben geht 
(Mediasch) Isext' — (Bistritz) la^/t' — nach Kisch, a. a. 0. S. 375 — 
ahd. lioht. 

Während die notierten nsb. Diphthonge in allen Stellungen durch- 
gehen, ist die Entwickelung im ssb. durch die dort herrschenden Sonder- 
gesetze arg gekreuzt, vgl. § 38. 

II. Die Halbvokale. 

1. Westgermanisches w. 

§ 19. Westgerm, w ist geschwunden im allgemeinen in den an- 
lautenden Verbindungen wl und wr, ferner nach Vokal und auslautend 
nach 1, r, wenn es nicht ursprünglich vokalisch gedeckt war, wobei 
innerhalb der verschiedenen Formen eines Wortes Ausgleichung statt- 
gefunden hat. 

Anm. 1. Erhalten ist w, und zwar als b, in branan (wringan) und den 
dazu gehörigen brintsn und br^^ok'azn, wenn nicht an Komposition mit bi- zu 
denken ist ; femer in bredl, brerl (*wreitil). Daneben in anderer Bedeutung rintsn 
und redl, rerl. Vgl. K i s c h , a. a. 0. S. 380. 

Sonst ist w erhalten: 

1. Anlautend vor Vokal als v: doch dürfte sich auch w nicht 
selten finden. 

Anm. 2. In Kelling (Unterwald) habe ich einen Gewähi-smann nur w ge- 
brauchen hören. Andere Einwohner sprachen allerdings v. 

Anm. 3. Die Anlautagruppe hw erscheint in huosto, wie schon ahd., als h, 
sonst als v. Als charakteristisch ist aber anzumerken das bloss interrogativ ge- 
bräuchliche h© neben vee (wio, vgl. Kluge, Etym. Wörterb. 4., S. 385). 

2. Mundartlich auslautend nach 1, r als f, inlautend als v, nsb. 
vor Flexions-n als b: z. B. Mediasch svalf, -vn, Wallendorf s^olf, -bm, 
aber allgemein sb. farvi*/, fuarvi/, faervr, farvr (nhd. färbig, färber) vgl. 
Kisch, a. a. 0. S. 381. 

3. In den Anlautsgruppen ahd. dw, tw, zw, sw ist w als w, 
V und b (p) erhalten: 



162 Andreas Scheiner, [106 

a) als w konsequent in nsb. Mundarten (z. B. Wallendorf, Lechnitz); 

b) als b (p) allgemein im Burzenland, aber auch in einigen nsb. 
Mundarten (z. B. Teckendorf); 

c) sonst als v. 

Anm. 4. Geschwunden ist w in t'sesn (zwiskem) und zasstr (swSster), femer 
in Mediasch t'a§9[pelt8] (nhd. zwetsche, Kluge, a. a. 0. S. 403). Hierher gehört 
das auch in Wallendorf vereinzelte suart* (swarta). 

Anm. 5. In der Verbindung kw (qu) ist w allgemein als v (nsb. w?) 
erhalten. 

Anm. 6. Als b erscheint altes w in serbos (arawei;), e^ebesdrf (Eibesdorf, 
Ortsname; nach Wolff zu Iwo gehörig) anbr (ingewer), blöx, blös fWallach, 
wallachisch). 

Anm. 7. Ueber nasaliertes w vgl. § 44. 

2. Westgermanisches j. 

§ 20. Dieser Halbyokal hat sich nur im Anlaut erhalten und 
zwar als j und als g. Allem Anschein nach sind die Formen mit g 
aUgemein sb. die älteren; denn von Doppelformen, wie sie verhältnis- 
mässig häufig vorkommen, hat die mit g anlautende die spezialisiertere 
Bedeutung. Am meisten überhand genommen haben die Formen mit 
j im nsb., während viele ssb. Mundarten gar kein anlautendes j kennen 
ausser in der Bejahungspartikel. 

Anm. Die Bejahungspartikel lautet nirgend mit g an und hat in allen 
Mundarten doppelte, ja mehrfache Form, z. B. Mediasch a-j6 (nhd. o ja!), x^ ü*')» 
-'Ö (ja, in „Du bist ja krank"). 



III. Die Liquiden und Nasalen. 
1. Westgermanisches 1. 

§ 21. Westgerm. 1 ist im sb. nur ausnahmsweise geschwunden. 
Dafür ist es aber auf die mannigfaltigste Weise von seiner Um- 
gebung beeinfiusst worden. Es hängt dies mit seiner stark vokalischen 
Natur zusammen, von der Marienburg (Trauschenfels, Magazin N.F. II. 
S. 52 f.) wohl mit Recht behauptet, dass sie « altfränkisch' sei. Marien- 
burg unterscheidet anlautendes 1 von den übrigen, indem er es als 
„untadelhaft'' (bühnendeutsch) bezeichnet. Diese Bemerkung trifft aber 
nur für den Eingang des Lautes zu, der rasch stark vokalisch an- 
schwillt. Ich habe das gemeine sb. 1 im Anschluss an die Bell-Sieverssche 
Vokaltabelle als guttural-niedrig-geschlossen zu beschreiben versucht. 
Eisch, a. a. 0., setzt es unbedenklich dem slav. l gleich. 

Es wird am richtigsten sein, das sb. 1 einfach als Vokal aufzu- 
fassen, der im Silbenanlaut „ halbvokalischen ^ Eingang, im Auslaut 
ebensolchen Ausgang hat. Der Vokal selbst unterscheidet sich mög- 
lichst wenig von o, d.i. dem von der einzelmundartlichen Indifferenz- 
lage abhängigen irrationalen Gleitlaut. Dieser Gleitlaut entspricht nun 
in den meisten Mundarten etwa dem a^ oder a* der Bell-Sieversschen 
Vokaltabelle. 



107] JÖie Mundart der Siebenbürger Sachsen. 163 

Die Yokalische Natur des sb. 1 macht es oft unmöglich, zwischen 
ihm und vorausgehendem Vokal die Grenze zu ziehen; denn es bildet 
mit diesem einen Diphthong derart, dass der erste Komponent (der 
Vokal) noch gehört wird, während die Artikulation des zweiten (des 1) 
schon begonnen hat. Der Vokal durchdringt vollkommen die erste 
Hälfte des 1. Zuweilen sondert sich bei singender Aussprache das 
nun selbst gewissermassen diphthongische 1, eine eigene Silbe bildend, 
vom ursprünglichen Silbenträger ab. In Mediasch k'o^olt' z. B. gehört 
das mit seiner zweiten Hälfte schon zum 1, und bei singender Aus- 
sprache ist das Wort zweisilbig, k'o^-°lt' oder k'o*-°lt', wobei °lt', mit 
dem Accent auf 1, nicht mehr bloss als Nebensilbe aufgefasst werden 
darf. In Honigberg habe ich stets k'o-^lt' mit Accent auf o^und 1 
gehört, und in wallendorfisch k'oeolt' hat entweder, wenn oeol als Tri- 
phthong genommen wird, 1 neben oe den zweiten Silbenaccent, sehr leicht 
sondert sich aber auch hier It^ als besondere Silbe ab. 

Die Durchdringung des 1 durch vorhergehenden Vokal kann so 
weit gehen, dass eine völlige Verdrängung des 1 stattfindet. Der 
schwache, kaum hörbare halbvokalische Rest des 1 wird gar nicht mehr 
oder nach Belieben reproduziert. So stehen in Hermannstadt t^azabitdgas 
und t^alzdbltdgas (St. Elisabethengasse) nebeneinander, so kann man 
in Mediasch o^oditorium und o^olditorium (auditorium) hören, mit 
Anschluss an o^olt^ (alt). Oanz verdrängt ist 1 aus Mediasch mütrhtif 
(moltwerf), Bistritz späsof (nhd. spülschaff) und einigen Ortsnamen, 
vgl. Kisch, a. a. 0. S. 384. Es ist mir aber kein Fall bekannt, wo 1 
nach seiner Vokalisation einen selbständigen Laut, etwa u oder a 
bildete; in den oben genannten Beispielen, die sich übrigens nicht 
übermässig mehren lassen werden, liegt vielmehr Assimilation des 1 
an vorhergehenden Vokal vor. 

Anm. Assimilation des 1 an vorhergehenden Vokal oder folgendes n liegt 
vor in nsb. zin, y»n (solan, woUan), vgl. § 60, d, und Kisch, a. a. 0. S. 384. 
Ob das von Kisch erwähnte ezu — auch ssb. ozu, 9zi — als Entsprechung von 
aJsö anzusehen ist oder a richtiger als ein aufgefasst wird (vgl. azefl = ein Soviel), 
mag unentschieden bleiben. Vgl. Schmeller, B. Wörterb. 2., IT, Sp. 206. 

Gemination des 1, abgesehen von den § 50, 5 angeführten Fällen, 
findet sich im sb. wohl nicht. 

lieber Mouillierung des 1 vgl. §§ 37 fiF. , über Nasalierung 
des 1 § 44. 

2. Westgermanisches r. 

§ 22. Westgerm, r ist im sb. als Zungenspitzen - r erhalten. 

Geschwunden ist es allgemein im Auslaut der einsilbigen dar, 
war, er, hiar, mer; von wer, der bestehen in den meisten Einzel- 
mundarten Doppelformen : vi, di — viar, diar. Im nsb. scheinen gegen- 
wärtig nur Formen mit r gebräuchlich zu sein; doch vgl. BertlefiF, 
a. a. 0., I, S. 40. 

Allgemein sb. ist r geschwunden im pron. her, vgl. § 54. 

Anm. 1. Das von Kisch, a. a. 0. S. 382 angeführte nsb. äna geht nicht 
auf eine Form iener , iender , sondern , wie ssb. oendn zeigt , auf ienden zurück, 
welches Wort Mhd. Wörterb. I, S. 746 mit Stricker 3, 7e5 belegt wird. 



164 Andreas Scheiner, [108 

Anm. 2. Vor folgendem s und x S^^^ ^ ^^^ diesen Lauten leicht eine 
Verschmelzung ein derart, dass s und / eingangs mitgerollt werden; so wohl in 
den meisten Einzelmundarten. In anderen Mundarten, z. B. Bodendorf, Honigberg, 
ist r in dieser Stellung fast ganz geschwunden, völlig geschwunden ist es in honig- 
bergisch dü^ (duruh). In Marienburg findet sich nicht nur in diesem Worte, vor 
ursprünglichem /, sondern allgemein vor s und z kein r, wobei keine Quantitäts- 
änderung^ weder des Vokals, noch des s bezw. z, bemerklich ist. Vor z in me^azar 
(morsöji) schwindet r auch in Honigberg. Hierher gehört wohl auch (Reps) duStrix 
(durstag). 

Ueber den Wechsel von r mit d vgl. § 34, 8. 

3. Westgermanisches m. 

§ 23. Abgesehen davon, dass die ungeschützten Flexions-m 
zu n gewandelt sind, ist m sb. fast durchaus erhalten, auch in den 
Wörtern wie besamo, buosam; nsb. allerdings ist in fadam, pfedamo, 
ätum, eidum m unter dem Einfluss eines vorhergehenden d in n tiber- 
gegangen, vgl. § 24, 2, b und § 33, 1. 

Anm. Allgemein sb. k*u(n), ni9(n), (choman, nSman), femer b®»öart', 
baoart' (mhd. boumgarte). Ueber nsb. iarbal (mhd. ermilo, erblinc), dribal (mhd. 
drümmel) vgl. Eisch, a. a. 0. S. 385. 

4. Westgermanisches n (»). 

§ 24. Die Behandlung, die westgerm. n in gewissen Stellungen 
im sb. erfährt, ist charakteristisch für das sb. überhaupt, besonders 
wichtig aber für die Sonderung dieser fränkischen Mundart in die 
beiden Hauptgruppen des ssb. und nsb. 

1. Allgemein sb. ist der Schwund des n vor altem f und s in 
gans, ranft, linsi, dinsan, finf, uns, unslit, firnunft, und des ng in 
♦pfingustin, hengist. 

Anm. 1. Hierher gehören auch die adverbiellen das morjast*, övast' (mhd. 
des morgens, äbendes), femer die Pronomina emast', nemast' (mhd. iemans, iemantz, 
Mhd. Wörterb. II, 1, S. 40), aber zSnts, zenas, zlnas (sögansa). Ueber vereinzelte 
Formen mit erhaltenem n vgl. Kisch, a. a. 0. S. 385, und Schullerus, Korre- 
spondenzbl. XVI (1893), S. 75 f. Schwund von » in den Bildungssilben -ung, -ing, 
-fing > -ak*, -lak' findet in Burzenl ander Mundarten statt; -ing wird femer zu -akl 
im nsb. (vgl. Kisch, a. a. 0. S. 376). Bemerkenswert auch nsb. gik'! mhd. ganc! 
Vgl. § 68, Anm. 2. 

Anm. 2. Assimilation des n bezw. nn an 1 findet allgemein sb. statt in 
spinnala, elina, zwiniling. Statt n erscheint 1 in samanön, femer, jedoch nicht 
allgemein in recho und *8pato. 

2. Eine Scheidewand zwischen ssb. und nsb. bildet, wie zuerst 
Roth, Archiv, N. F., XI, S. 21, bemerkt hat, die Behandlung des aus- 
lautenden n. 

a) Für das ssb. gilt folgendes Gesetz (zuerst angedeutet von 
Binder, Siebenb. Quartalschr. IV [1795], S. 386; schärfer formuliert 
von Marienburg, Trauschenfels, Magazin, N. F., II, S. 54 f.) : Gegen- 
wärtig auslautendes Flexions - (a)n , sowie das -(9)n der schwachen 



109] I^ie Mundart der Siebenbürger Sachsen. 165 

Deklination ist im Zusammenhang der Rede nur vor Vokal, h, d, t (ts) 
erhalten. Sonst schwindet es, nach Vokalen spurlos, nach Konsonanten 
mit Hinterlassung eines (nicht-nasalierten) a. 

Anm. 3. Wie weit der Schwund dieses -(9)n in Pausa verbreitet ist, weiss 
ich nicht; beobachtet habe ich ihn (nur im Munde der Frauen!) in Eelling und 
Dobring. 

Dasselbe Gesetz gilt auch für auslautendes stammhaftes n aller Indeklinabeln, 
wie aB(n), u(n), fu(n), vo(n), aBa(n), siu{n) — in, ana, fana, wanne, un-, scöno — 
aber sin, scöni; femer für das pron. poss. und das Zahlwort ein, soweit n nicht 
ursprünglich vokalisch gedeckt war, also masc. neutr. me(n), de(n), ze(n), t(n) 
gegenüber fem. men, den, zen, !n; ausserdem noch k'ob(n), k'u(n), nie(n), hu(n), 
gia(n), ze(n) oder ze(h) — kan, choman, neman, habön, göban, mhd. sin (esse). Viel- 
leicht darf man aus ssb. stigas, stigis (nhd. Steingasse, steingeiss) darauf schliessen, 
dass der Schwund des stammhaften n ehedem in weiterem Umfang möglich gewesen, 
als jetzt. 

b) Zum Unterschied vom ssb. wird im nsb. ein einmal geschwun- 
denes n nur in den seltensten Fällen wiederhergestellt. (Selbst beob- 
achtet habe ich nur hu-n-ix). Der Schwund des n geht aber nicht 
so weit als im ssb. Es schwindet nämlich 

1. ursprünglich gedecktes oder ungedecktes n nach Stamm- 
vokalen, was ssb. allerdings nicht allgemein gilt; dafür schwindet aber 

2. Flexions-n nur, wenn es nach ursprünglichem oder gegen- 
wärtigem Stammvokal zu stehen kommt, z. B. k^u (choman), hu 
(haben), ne'e (neman), ge^e (geban); es schwindet auch in diesem 
Falle nicht, wenn es durch Kontraktion der Gruppen -äw-, -ij-, -Iw-, 
-ih-, -aij-; -iuw- bezw. -üw-, -öw-, -ouw- (Kisch, a. a. 0. S. 387) in 
die Nähe des Stammvokals getreten ist, weil noch gegenwärtig die hierher 
gehörigen Wörter eigentlich zweisilbig sind. 

Anm. 4. Kisch' Fassung des Gesetzes — a. a. 0. S. 387 — (bei Keintzel, 
a. a. 0. S. 191) ist zu eng; es schwindet keineswegs bloss ungedecktes n, vgl. 
u (ana), fu (fana), hi (hina), k'laee (chleini), rsee (reini), tswi (zwene), m^ (mäno), 
81 (scöni), SU (scöno), gi (jene, jeniu) und wohl noch viele andere. Das von Kisch 
angeführte grün (grana), sowie Ion (luna) müsste freilich irgendwie erklärt werden ; 
das erstere könnte allenfalls pl. sein. 

Sonst ist Flexions-n als n, », m, 1 oder o erhalten: 

1. als n schliesst es sich an vorhergehendes r, d, t an, wobei 
sich zwischen rn häufig ein d einschiebt, dn aber oft zu n, d. i. 
langem n wird; 

2. sAa D tritt es dicht an den Stammauslaut g, k; 

3. als m an den Stammauslaut b, p, wobei bm oft zu m wird. 

4. Verschieden ist das Verhalten nach 1, z, s, [j,] "/, f, x und 
o, n, m. Nach 1 steht n, bezw. ^n in Bistritz, Wallendorf, aber l in 
Lechnitz; nach z, s, [j] /, n in Bistritz, aber 9 in Wallendorf , Lech- 
nitz; nach f, x Wallendorf und Lechnitz a, Bistritz m bezw. v ; nach 
Nasalen Bistritz, Wallendorf an, Lechnitz a. 

In allen diesen Fällen ist ssb. der Auslaut -(9)n vor 
Vokal, h, d, t, (ts), -o vor sonstigem Anlaut gebräuchlich. 

3. Eine weitere Scheidewand zwischen ssb. und nsb. ziehen die 
Qutturalisierungs- und Palatalisierungserscheinungen , die sich im ssb. 
unter gewissen Bedingungen an altem n (v) zeigen, vgl. darüber §§ 37 fiF. 



166 Andreas Scheiner, [110 

IV. Die Spiranten. 

1. Westgermanisches s. 

§ 25. Westgerm. s erscheint anlautend vor Vokal und inlautend 
zwischen Sonorlaut und Vokal als z, auslautend als s. sk wird zu s, 
ebenso s in den anlautenden Verbindungen sl, sm, sn, sw, sp, st. 
Nach r wird s inlautend vor Sonorlaut zu z, auslautend zu s. Altes hs 
sowie SS erscheint als s. 

Anm. 1. Allg. sb. bidsm (b&amo), gisl (ffsisala), hasl (hasala) weisen, wie 
Eisch, a. a. 0. S. 409 richtig bemerkt, neben o*o*8lt' (unslit), dtsm (deismo) auf 
Formen mit -sl-, -sm- zurück. 

Anm. 2. Formen mit inlautendem sp [und st], wie raspl neben haspl, 
weisen auf Entlehnung hin. Neben den Eigennamen k'a§pr und k'alpäri findet sich 
auch der dialektgemftsse k'ospr. 

Anm. 3. Fremdes s wird anlautend als ts, zuweilen aber auch als s über- 
nommen. 

2. Westgermanisches f. 

§ 26. Westgerm, f erscheint im Anlaut, in Verbindung mit 
stimmlosen Konsonanten und im Auslaut als f, in stimmhafter Umgebung 
wird es in der Regel auch stimmhaft, jedoch allgemein sb. t'erfh 
(dürfen), gafi (gabala), söfl (scüfala), vgl. § 25, Anm. 1. Stimmhaft 
erscheint f ssb. als y, nsb. als y und b, als b, wie zuerst Eisch nach- 
gewiesen hat, unter ähnlichen Bedingungen wie westgerm. b und w, 
vgl. § 33, Anm. 1. 

Anm. 1. fb findet sich meist als ft, so in laft' (luft), galseftr (mhd. glihter, 
gliftr); daneben aber uoztrt' (zu afbaro), iuext' (scaft), §u9xtrt' (zu scaft?). 

Anm. 2. Eigentümlicher Ueber^ang des f (w) in n, m in burzenländisch 
ts^elndr, nsb. tswelmar gegenüber sonstigem tsvelvsr (nhd. zwölfer, ein Geldstück) ; 
vgl. allgemein sb. falmas (falawisca). 

3. Westgermanisches [). 

§ 27. Westgerm. {> ist, abgesehen von der Verbindung r|), wo es 
als d erscheint, mit altem d zusammengefallen, vgl. § 34. ^^ ist 
regelmässig zu t geworden in Wortern wie letto (isl. let)ja), ags. mot)t>e, 
ags. smit)])^) got. *spu{){)dn. 

Anlautend erscheint altes {) einigemal als t; so allgemein sb. 
tuest' (dahs), t'e^eslt' (dihsala), t'»*okn (dunchön), t'oeoznt' (tüsunt, 
dtlsunt). Neben häufigerem t'erfh (auch Bistritz, vgl. Eisch, a. a. 0. 
S. 407), auch derfn, derfa (z. B. Wallendorf, Lechnitz); neben daea, de 
(du) vielerorts unter Einfluss von vorausgehendem Flexions-s der U. 
sing, auch t'aea, t'a; neben dro^o* (drt) tre'esix, wohl unter Einfluss 
des meist vorausgehenden 9nt (unde). t erscheint ferner in dem wahr- 
scheinlich als imp. zu dagen aufzufassenden Marktschelker na-t'ö! 

j)w erscheint sb. als tsv (tsw, tsb), in tsvonen (dwengen), tsviar 
(dwerah). 



111] Die Mundart der Siebenbürger Sachsen. 167 

4. Westgermanisches h. 

§ 28. Westgerm, h ist bis auf die § 19, Anm. 3 angeführten 
Beispiele anlautend nur vor Vokal erhalten, als h. Geschwunden ist 
es im Wortinlaut zwischen Vokalen (vgl. Braune, Ahd. Gramm. § 151), 
ebenso vor s. Als x, x ^^^ ^^ erhalten in ursprünglicher Gemination 
und in der Verbindung ht, und zwar als x nach gutturalen, als x nsLch. 
palatalen Vokalen. In vielen (ssb.?) Mundarten jedoch bewirkt fol- 
gendes t trotz vorhergehendem gutturalen Vokal Palatalisierung des h, 
z. B. nu9xfc\ nAoxt', nooxt', sonst nuaxt^ (naht). 

Auslautend ist h zunächst erhalten nach kurzem Vokal in noh, 
doh, nih, dih, sih! doch neben zasx! (sih!) häufig z» ! sogar '»! — 
Nach langem Vokal ist h geschwunden in näh, ruh, r§h, flöh und ssb. 
höh; nsb. allerdings hux (wohl unterstützt durch comp, hixr) neben 
flu (flöh). 

Anm. 1. Erhalten ist h auslautend nach langem Vokal allgemein sb. in 
ziuh ! und scuoh. In ziuh wurde es aber geschützt durch das x in der II. und III. 
sing, praes. , und was ssb. h^^x, nsb. §dx (scuoh) betrifft, macht es der Plural 
saB&Y^' soa^o sehr fraglich, ob man es hier nicht mit g zu thun habe. In Wegfall 
kommt h im imp. von dihan, lihan, zlhan, während der imp. von slahan (unter 
dem Einfluss des praet. ?) auf x auslautet. Die praeterita von sghan , giscShan 
haben zwar den Vokal des sing, durchgefilhrt ; das auslautende z der L, III. sing, 
steht aber doch wohl unter Emfluss des pl., wie auslautendes z derselben Formen 
von ziohan, das im praet. den Vokal des pl. durchgeführt hat. 

Anm. 2. Die von Kisch, a. a. 0. S. 399 f., bei Eeintzel, a. a. 0. S. 220) 
auf da(r) - hin(a), hia(r)-hin(a), w&(r)-hin(a) zurückgeführten bistritzischen dogi, haf^, 
Yogi müssen nach dem vorausgeschickten wohl anders erklärt werden. Das ^ ist 
sehr wahrscheinlich ahd. gegin (vgl. Lechnitz ginatS gegenöte). Die von Kisch 
auf hiar-hgra u. s. w. zui^ckgeführten dogar, vogar, hagar müssten dann freüich 
durch hiar- gegin -hära u. s. w. erklärt werden. 

Anm. 3. In buhil, höhiro, sciuhen ist h allgemein sb. als / erhalten, als 
ob hh zu Grunde läge. 

Anm. 4. (Tcsch wunden ist h in morha, furuh, salaha, bifälhan; als x 6i> 
halten aber in duruh. 

Anm. 5. Falls roflix zu ruh gehört, liegt da üebergang von h zu f vor. 

y. Die Verschlusslaute. 

§ 29. Die westgermanischen Verschlusslaute zeigen allgemein 
sb. den Stand, wie ihn Braune für das mittelfränkische Gebiet fest- 
gestellt hat (vgl. Keintzel, Korr.-Bl. [1885] VIII. S. 15 ff.). 

1. p erscheint in- und auslautend nach Vokal als f, anlautend 
und nach 1, r als f oder p, sonst als p. 

2. t ist unverschoben in den Gruppen tr, ft, st, ht; in- und aus- 
lautend nach Vokal — abgesehen vom bekannten, unverschobenen, 
neutrumbildenden t — erscheint es als s, anlautend, nach Nicht- Vokalen 
und in der Gemination als ts. 

3. Einfaches k erscheint in der Stellung nach Vokal als x bezw. x^ 
sonst ist es unverschoben, jedoch mehr oder weniger affriciert. 

4. b, d, g sind im allgemeinen unverschoben; Verschiebung zur 
Tenuis findet sich infolge ehemaliger Gemination, ferner in der für 



168 Andreas Scheiner, [112 

die Sonderung der fränkischen Mundarten wichtigen Gruppe rd, nach 
dem Hochton (Sievers, Oxf. Bened. -Regel . S. XVI fif. , und J. Meier, 
Unters, über den Dichter und die Sprache der lolande, Inaug.-Diss. 

1888, S. 7). 

A. Die Tenues. 

1. Westgermanisches p. 

§ 30. 1. Es zeigen sich in einigen (ssb.?) Mundarten Spuren 
von unverschobenem p in as. üp, vgl. Korr.-Bl. IX (1886) S. 128. 

2. Dass p nach 1, r nicht als ausnahmslos verschoben anzusehen 
ist, legen d®*lpn, s®*lpn, st®*lpn, slurpn, tsurpn nahe. Leider ist die 
Geschichte dieser echten Dialektworte , st®*lpn (nhd. stülpen) ein- 
geschlossen, dunkel (vgl. Kluge, Etym. Wörterb. 4. S. 347). Von den 
zur Beurteilung des Standes der Lautverschiebung im sb. vorliegenden 
h®*lfn, vserfh, dorf, sarf ist zunächst vaerfn, viarfn neben sme^esn 
sehr der Entlehnung verdächtig; dorf wird, ausser in den Ortsnamen 
auf drf, draf, die wohl auf *drop zurückgehen, neben gamin eigentlich 
gar nicht gebraucht; neben sarf, su9rf sollen sich wenigsten,s ssb. 
auch sarp, sarpn finden, und so bliebe nur h^fn übrig, das allein für 
die allgemeine Verschiebung des p nach 1, r nicht beweiskräftig 
genug ist. 

Anm. 1. sorp, suarp finde ich bei Binder, a. a. 0. S. 380; Wolff führt, 
Eonson. S. 85, ^arp und sarpen als in vielen Dorfmundarten gebräuchlich an, 
ohne eine Quelle zu nennen. Ich habe das Wort nie gehört, ausser im Eigen- 
namen sarp (Mediasch). [Inzwischen habe ich sarpen in der Mundart von Eatzen- 
dorf bei Reps gefunden.] 

3. Was altes p im VSTortanlaut betriflFt, ist es allgemein sb. un- 
verschoben in ags. pluccian, ags. plog, pfäl, fränk. possen (Schullerus, 
Korr.-Bl. XVI [1893], S. 78), ptawo, pfiffi:^; allgemein sb. ver- 
schoben in as. plegan, pfaffo, pfant, pfanna, pfarräri, pfüäri, pfen- 
ning, pfosto, '''pfingustin , pfunt; allgemein sb. weisen Doppelformen 
mit f und p auf — wobei die letzteren eine speziellere Bedeutung 
haben — pflanza, pflfa; nsb. f, ssb. p in pfedamo, pferrih, mhd. pfersich; 
ssb. p, nsb. f und p in pfuliwi. Somit ergäbe sich ein kleiner üeber- 
schuss von verschobenen p für das nsb. Dass aber die Formen mit f 
nicht etwa als neuere Lehnworte anzusehen sind, legt schon ihre Be- 
deutung und teilweise Ausschliesslichkeit nahe. Sie gehören gewiss 
meist dem eingeführten fränkischen VP"ortmaterial an. 

Anm. 2. Dass sb. k*afr , k*ofr nicht auf cuprum , sondern auf mlat. cuper 
zurückweist, hat Kisch, a. a. 0. S. 390 mit Recht angemerkt. 

2. Westgermanisches t. 

§ 31. 1. Im Anlaut unverschoben ist t in t'aesn (zwiskem) und, 
die Richtigkeit der Etymologie vorausgesetzt, in Mediasch t'asa [peltsj 
(nhd. zwetsche, vgl. das von Kluge, Etym. Wörterb. 4. S. 403, ange- 
zogene bayer. zweschen). [In Birk (nsb.) t'osk'r.] 



113] Die Mundart der Siebenbürger Sachsen. 169 

An&. 1. Das von Kluge a. a. 0. ei-wähnte sb. maschen, mäschen existiert 
in Wirklichkeit nur in der Form mät^, mafets, pl. mätsn, maetsn, vgl. unter 2. k'vätsn, 
k*V8etsn u. s. w. 

2. Unverschobenes t muss vorausgesetzt werden vor folgendem s 
oder ts > s in braets (nhd. pritsche) , glsetsn (nhd. glitschen) , k'otsn 
(nach Kisch: [umbi] chuzzen), kVsetsn (mhd. quetzen, quetschen), lutsn 
(nhd. lutschen), plsetsn (mhd. platzen), rätsn (mhd. ratzen), smäetsn 
(mhd. schmatzen), so noch frgratsn, patsn, plutsn und die Eigennamen 
Fritsch, Lutsch, Hietsch. — Allgemein sb. Vurts neben furts, lurts, 
surts vurtsl, als ob *kurts zu Grunde läge. 

Anm. 2. lietst* (as. lezt) weist vor s ebenfalls unverschobenes t auf. 

Anm. 3. ahd. latta und ratta allgemein sb. lats, rats. — Allgemein sb. 
flits und fröts (flö? und frä;?). 

Anm. 4. Auf t zurückweisendes s wird inlautend stimmhaft in Öm9z-(ämei;a) 
in serbez- (arawei?). Hierher gehört auch gundzr, gundzn neben gunts (mhd. ganzer, 
gan^e. ganze). 

3. Westgermanisches k. 

§ 32. 1. Ueber die Verkleinerungsendung -kin, -kin vgl. Marien- 
burg, Trauschenfels, Magazin N. F. IL S. 56 ff. ; Korr.-Bl. IX (1886) 
S. 126 f. und Kisch, a. a. 0. 8. 395. Sie tritt nicht nur nach voka- 
lischem Auslaut, sondern auch nach 1, r, m, n, h, p, t mit verschobenem 
k ]> X *^^» dieses x wird mit vorausgehendem t — auch demjenigen, 
das sich zwischen 1, n, ii (m, p) und die Verkleinerungsendung „un- 
organisch** einschiebt, in den meisten (ssb.?) Mundarten zu ts; z. B. 
metsn (nhd. mädchen), fijltsn (nhd. vögelchen), stintsn (nhd. steinchen), 
ü^ltsn (nhd. äugeichen). 

2. In dah und buoh wird verschobenes k inlautend allgemein sb. 
stimmhaft: pl. dsejr, baejr; dagegen dseyr, pl. von tuoh und beylt'yn, 
dem. von bah. 

3. Allgemein (bis auf einige nsb. Mundarten? vgl. Bertleff, 
a. a. 0. II. S. 8) erscheint ahd. suohhan mit un verschobenem k, nsb. 
Voll"/ steht ssb. k'ölk^ (chalh und chalch) gegenüber, aber allgemein 
sb. frvialtxn (zu ahd. welih oder welch); s. Kisch, a. a. 0. S. 395. 

4. Ueber palatalisiertes k vgl. § 39, Anm. 3 und § 40. 

B. Die Mediae. 

1. Westgermanisches b. 

• 

§ 33. 1. Westgerm, b erscheint allgemein sb. anlautend als b, 
auslautend und vor stimmloser Konsonanz als f. Verschieden dagegen 
ist die Behandlung des b in stimmhafter Umgebung. Während hier 
ssb. allgemein v erscheint, tritt nsb. unter gewissen Umständen auch b 
auf. Es scheint dies die Folge eines prinzipiellen Gegensatzes in der 
Behandlung unbetonter Silben zwischen ssb. und nsb. zu sein, vgl. § 24, 
2, b. Jenes b erscheint nämlich da, wo auch nsb. vorauszusetzendes 
*v, *w durch Schwund eines unbetonten Vokals in unmittelbare Nähe 

Foischongen zur deutschen Landes- und Volkskunde. IX. 2. 12 



170 Andreas Scheiner, [114 

eines folgenden n, m, 1, r gerückt wurde. Z. B. ssb. k'nivl. sre^evn, huavr, 
staervn nsb. k^nibl, sraebm, huabr, stiarbm. 

Anm. 1. Eisch, der das in Frage stehende nsb. b zuerst mit Entschieden- 
heit auf älteren Spirans zurückgeführt bat, hebt a. a. 0. S. 891 auch den Einfluss 
vorhergehenden gutturalen Vokals hervor. Gutturaler Vokal mag auf den parallelen 
Wandel von *'(>g insoweit Einfluss genommen haben, als y eben nur nach gut- 
turalen Vokalen steht, seiner Natur gemäss aber leichter zu g wird, als das nach 
palatalen Vokalen auftretende j. Gewisse Schwankungen zwischen b und v inner- 
halb nsb. Mundarten scheinen darauf hinzuweisen, dass allein Fehlen oder Vor- 
handensein eines auf 'v, *w folgenden a den Uebergang zu 6 bewirkt oder ver- 
hindert habe. Kisch selbst erwähnt, dass in Bistritz westgerm. b wohl vor (a)! 
und n, nicht aber vor an als b erscheine. Als Beispiel für b I> v vor an führt er 
fardrivana, gablivanat*, farstorvanar im Gegensatz zu den unflektierten gablibm, 
farStorbm an. Diese Formen sind entscheidend, da sie, wie ssb. -drivsenar 
-blivssnat', storvsenar zeigen, am a krampfhaft festhalten. Wenn Kisch angiebt, 
dass sich im Gegensatz hierzu b nicht nur vor 1, sondern auch vor -al finde, so 
genügt wohl ein Hinweis auf die Natur auch des nsb. 1, die eine Entscheidung, 
ob man es mit einem a oder dem vokalischen Eingang eines diphthongischen 1 
zu thun habe, kaum zulässt. 

Anm. 2. Allgemein sb. b findet sich in arbat' (got. arbai^s), nur nsb. ist 
in einigen Mundarten *b ganz geschwunden, wie in Lechnitz hiarast' (herbist); 
b auch in k'erbas (churbi;). In zwiboUo hat sich b nicht nur nsb., sondern auch 
in ssb. Mundarten erhalten : tsvibl — tsvaevl. Allgemein sb. dubrn, hubr, k'labrn, 
k'lubr, k*nubm, Slabm, slubm, tsabln, deren b der Aufklärung bedarf, neben p 
in chrippa, rippa, ruoppa, rüppa; vgl. dagegen p in k*ripas oder k'rips (chrgbi?), 
grip(t)s und gnpas (mhd. grübi?) und in opas (oba?), neben letzterem Wort sah. 
allerdings auch iufts, wie neben grip{t)8 auch gröts (*groz?). Allgemein sb. und 
charakteristisch das f in hsefl (mhd. hübel) und gafl (gabala). 

2. In Wörtern wie chamb, lamb, tumb, *scimbal, einbar, brämberi 
hat sichb vorhergehendem m assimiliert. Hierher gehören auch ve^emar 
und aemas (wlnberi und inbi^). Mit vorhergehendem t ist b zu p ver- 
schmolzen in hintberi und ertberi. V^Tohl durch m hindurch hat sich b 
folgendem Fiexions - n assimiliert in gian und hun (aus geban , haben 
über *gemn , *hamn ?) , wie es sich gegenwärtig in nsb. Mundarten 
zu m gewandeltem Fiexions -n anähnelt (vgl. § 24, 2, b.). 

2. Westgermanisches d, 

§ 34. 1. Wie für |) findet sich auch für d anlautend statt des 
zu erwartenden d zuweilen t; so allgemein sb. in mhd. tagedingen, 
toben. Bald d, bald t in tiuval und ttligön. 

2. Die Gruppe dr scheint anlautend von der Gruppe tr be- 
einfiusst zu sein , während inlautend dem Anschein nach gegen- 
seitige Beeinflussung stattgefunden hat. Beides muss jedoch in vor- 
siebenbürgischer Zeit geschehen sein ; denn allgemein sb. lauten mit tr 
an ags. drepan, as. dropo, ags. dreörig, ags. drabbe, dän. drude; in- 
lautendes tr zeigen allgemein sb. as. nädra, ags. hrider, ags. hlaeder, 
zu denen wohl auch as. fadar und as. mödar mit sb. t gezogen werden 
dürfen, dr zeigen dagegen ahd. chataro (got. '''katra) und an. titra. 
Erhalten ist dr bezw. tr in as. dran, as. dragan, as. driJ3an, as. drinkan, 
as. dröm, ags. dröf, ndl. droog — bittar, hlüttar, eittar — as. blädra 
(vgl. oben nadra!), as. wedar, as. aldar. Auseinandergehalten werden 



115] I^ie Mundart der Siebenbürger Sachsen. 171 

allgemein sb. fotr (vgl. motr; nsb. fätr), ^ünterfutter" und fseadr 
„Futter'' (Nahrung), vgl. Kluge, Etyra. Wörterb. 4., S. 99. Aber t zeigt 
sowohl fotrn (mit Unterfutter versehen), als fitrn (füttern). 

3. Das d des schwachen Präteritums wird wenigstens ssb. nach 
den im Zusammenhang der Rede geltenden Aus- und Anlautsgesetzen 
behandelt, d. h. es beeinflusst nach diesen Gesetzen den Stammauslaut 
und wird seinerseits durch diesen beeinflusst; z. B. zedn (sätum), 
tso^oldn (zaltum), niardn (neritum), k'raemdn (krumptum), erdiondn 
(denitum), llstn (löstum), riftn (rouftura), bostn (buo^tum, mo^oxtn 
(mahhötum), glüftn (gilouptum), litn (leittum), luoxtn (legitum); vgl. 
dagegen allgemein sb. hivdr pl. von hift* (houbit). 

4. Für bidn (ags. biddan) und sidn (as. skuddian) setzt Eisch, 
a. a. 0. S. 405 unter Hinweis auf siegerl. bere , schere Formen mit 
einfachem d voraus. Vgl. Sievers, Ben.-ßegel S. XV. 

5. Allgemein sb. ist d in folgenden Wörtern mit rd verschoben 
(vgl. Sievers, a. a. 0. S. XVI S.): mhd. ertic, borto, giburt, gurtil, 
garto, fart, fartig, herta, hirti, mhd. hurtec, ort, swert, wirt, wort, 
zarif. Schwanken zeigt sich in warten (nsb. t, ssb. d, doch Bartho- 
lomä t), hart (comp, fast allgemein mit t, doch Bodendorf mit d), 
mhd. swarte (innerhalb des nsb. Bistritz, Wallendorf, Lechnitz d); 
bart wegen gabsferdi'/ zweifelhaft. 

In unbetonter Silbe erhält sich d in mhd. höhfertac und wohl 
meist auch mhd. boumgarte und wingarte; d findet sich aber auch 
im pl. der auf westgerm, t endigenden Eigennamen Folberth, Her- 
berth, Oberth — brdn. 

Anm. 1. Das von Kisch, a. a. 0. S. 404 angeführte farhseoerder (mhd. 
verhungerter) gehört nach dem unter 3. Gesagten nicht hierher; vielleicht auch 
das ebenda notierte 6nf9rdn (nhd. antworten) nicht, das eigentlich önfam hätte 
geschrieben werden sollen; ssb. und nsb. infdrn, sowie praet. infdrdn machen die 
Ableitung von antwurti zweifelhaft. 

6. Allgemein sb. ist die Assimilation von nd zu n in unbetonter 
Stellung (vgl. Sievers, a. a. 0. S. XIX) in Formen wie mhd. üi^wendic, 
innewendic, glüendic, unde (unbetont) und allen part. praes. auf ahd. 
-nti. Zu bemerken ist, dass diese Formen nsb. auf -an, ssb. dagegen 
auf -een ausgehen. Vereinfachung der durch Schwund des Endsilben- 
vokals entstehenden Gruppe -ndn zu n in der Stellung nach dem 
Hochton in Formen wie bintan, findan, hintana ist im nsb. die Regel; 
doch findet sich auch ssb. in einzelnen Mundarten (z. B. Bodendorf) 
ban, faii, han gegenüber sonstigem ssb. bandn, fandn, haiidn. All- 
gemein sb. s8en(an) (scintan), wohl auch 8ntsanen (-zunten). 

Anm. 2. Die durch Schwund eines Endsilben vokals entstehende Gruppe 
■dn wird nsb. in vielen Mundarten zu n, vgl. § 24, 2, b. Umgekehrt liebt es aber 
das nsb. , in die durch Vokalschwund entstandenen Gruppen In, m und Ir ein 
mehr oder weniger stark entwickeltes d einzuschieben; z. B. Wallendorf spil^n 
(spilön), guar^n (gam), und ebenso in bellan, pl. v. cholo (k'oldn), fallan, fulin, 
fuolen, fuoren, gerno, kerno, leren, nioro, swero, stima, pl. von bira (bh-dn) u. s. w. 
Dagegen ohne d malan, sparön, faran, mhd. zwirn, cheren. Aehnlich Lechnitz; 
nnr hat sich da n hinter 1 zu 1 gewandelt. Lechnitz kTil^r (chelläri) gegenüber 
Wallendorf k'alar, aber Lechnitz k'iam, giern (gerno, kerne). Das d entwickelt 



172 Andreas Scheiner, [116 

sich wohl nur bei gänzlichem Schwund des Endsilbenvokals, und zwar noch in 
der heutigen Mundart stets von neuem. 

Allgemein sb. schiebt sich ein t bezw. d zwischen 1, m, n (n), f, p, k einer- 
seits und s, s, -^ — z, z, j andererseits in Wörtern wie nhd. fels, falsch, balg, 
galgen, dän. tims, nhd. lämmchen, Hans, hähnchen, mensch, manch, lefze (ahd. 
löfsj, töpfchen, langsam. Dieser unorganische t-Laut fehlt im nsb. vor z und — 
da in den bezüglichen Gruppen diese Laute fehlen — vor z, j. Im Burzenland 
fehlt er zwischen m — x ^^^ P — X» ^^^ ^^ mögen im einzelnen noch Abweichungen 
vorkommen. In Lechnitz habe ich dafür sogar ma^art/i (nhd. mäuerchen) gehört 
mit t zwischen r — x- 

Allgemein sb. wiederum schiebt sich ein t ein in mhd. scho^^en, pressan, 
mfr . possen zwischen s — n ; weniger allgemein zwischen s — n bezw. s — l in 
niosan, ne^^ila (burzenl. und nsb.): suastn, priastn, puestn, naelstn, nA^astl. 

Zu beachten ist allgemein sb. mtr(n), das seiner Bedeutung nach an das 
von Braune, Ahd. Grammatik S. 187, Anm. 3, notierte entrösto, superl. zu enti, 
früher, erinnert (vgl. Grimm, Grammatik III, S. 594, Schmeller, Bayer. Wörter- 
buch 2., I, Sp. 4, Mhd, Wörterb. I, S. 430). Allgemein sb. i weist auf ahd. e < ai 
zurück, und Eisch fasst a. a. 0. S. 402 nsb. intar direkt als comp, zu ahd. e. 
Er führt dann noch die (spezifisch nsb.?) Komparative nSntar (zu nah), frä^ntar 
(zu fruoi), früntdr (zu frö) an mit der Bemerkung, dass sie, mit intdr, nach 
Analogie der Komparative von Adjektiven mit ursprünglichem n, wie nsb. s! 
(scöni), k'l! (chleini) gebildet seien: Bistritz slntar, klintar. Die Sache scheint 
nicht so einfach zu sein. In Wallendorf lautet comp, von si allerdings auch sintr, 
der comp, von k'li aber k'lin^r: zwischen n— r konnte sich nur ein unorganisches d, 
nicht aber ein t entwickeln (vgl. oben). Es macht den Eindruck, als ob man es mit 
einer besonderen, für vokalisch auslautende Adjektive bestimmten Komparativendung 
-ntr zu thun hätte, welche Vermutung durch das im ssb. vereinzelt dastehende 
intr(n) verstärkt wird. 

Ueber , epithetisches " t im sb. vgl. Wolf f, Korr.-Bl. IV (1881), S. 4ff.; über 
Fälle von Schwund des auslautenden t nach f, s, ?, x vgl. K i s c h a. a. 0. S. 402. 

7. Allgemein sb. wandelt sich d(t) in k in gurtil, mhd. börtelin, 
*firzartilön, mantal — girk'l, blrk'l, frtsaerkln, moök'l, so auch in dem 
zu gurtil gehörigen girk'n und wohl auch in hoDk'li/ (haut + hleib?), 
woraus auf sehr frühen Schwund des Mittelvokals zu schliessen ist. 
Ueber gutturalisiertes oder palatalisiertes d ist in ssb. begl, nek^i^, tsek^i/ 
(bütil, mhd. zitlich, mhd. nietlich) der Uebergang zu g, k erfolgt. 
Vgl. ferner Wolflf, Konson. S. 61. 

8. Wechsel von d und r vor 1 in Wörtern wie scutilön, mlat. 
scedula, mhd. schedel, nhd. verzetteln, ahd. weralt ist allgemein sb. ; 
nsb. hat sich wohl r festgesetzt (vgl. Kisch, a. a. 0. S. 404 f.). In 
vielen (ssb.) Mundarten herrscht noch gegenwärtig Schwanken zwischen 
r und d. 

9. Ueber gutturale und palatale Verstärkung (Mouillierung) des d 
vgl. §§ 37 ff. 

3. Westgermanisches g. 

§ 35. Westgerm, g erscheint im sb. anlautend als g, auslautend 
und vor stimmlosen Lauten als x oder /, je nachdem, ob gutturaler 
oder palataler Vokal vorausgeht; denselben Einfluss als palataler oder 
palatalisierter Vokal übt 1, r auf folgendes g aus. Inlautend in stimm- 
hafter Umgebung verhält sich g ähnlich wie b, d. h. ssb. erscheint 
es durchaus als Spirans, y oder j, während es im nsb. unter ähnlichen 
Umständen wie b als Media erscheint, nämlich vor n, 1, die nach 



117] Die Mundart der Siebenbürger Sachsen. 173 

Schwund eines tonlosen Vokals in unmittelbare Nähe des g rückten. 
Vor folgendem r scheint nur 7, nicht aber j nsb. in g tibergegangen 
zu sein, vgl. Eisch, a. a. 0. S. 357. ssb. vus^n, nua^l, lijn, flijl, 
verjn, svöfr, nsb. vuag», nu9gl, lig», fligl, virg», swögr, aber all- 
gemein sb. svijr (swigar), berjr, birjr (mhd. burgaere). 

Anm. 1. Als j lautet g nur in einigen isolierten Mundarten an. 

A n m. 2. Wenn sich zwischen 1 und j <! g im ssb. nach § 34, Anm. 2, ein d 
einschiebt, so wandelt sich dj in den meisten Mundarten in dz (auslautend ts), 
z. B. bäldzn (zu balg), foldzn (folgen); nsb. entwickelt sich vor dem als x aus- 
lautenden g ein i, z. B. bceolix (balg), foli^! (imp. von folgen), während in- 
lautendes j vor n in g übergeht. — brütigomo lautet ssb. brod'dzam, bredzem, 
bregum, nsb. braejum. 

2. Westgerm, ng wird allgemein sb. zu t)k\ wenn es ursprüng- 
lich ungedeckt war, zu v jedoch, wenn ihm ursprünglich ein Vokal 
folgte; vgl. Mediasch lo/;k* (lang), low (lango); Bistritz jook' (jung), 
joo (jungo). 

Anra. 3. Schwund des v zwischen Vokalen, ohne eine Spur von Nasalierung 
zu hinterlassen, hat konsequent stattgefunden in dem sonst keine Sonderstellung 
einnehmenden Honigberg, femer in Tartlau (beide burzenländisch , ob auch sonst 
wo?). Konsequent lä (lango), län (langön), slä (slango), lä, pl. län (lunga), tsä, 
pl. tsan (zunga), hä.r, härix (hungar), gesprän, gazän (gisprungen, gisungan) u. s. w. 
Tgl. Schmeller, Bayer. Wörterb. 2., I, Sp. 1132, oberpf. ha^, ha^ri, hunger, 
hungerig. 

3. Zwischen Vokalen ist g allgemein sb. geschwunden in chlagön, 
tragan, sagen, agana, mhd. tagedingen, egida, egidehsa, magad, agalstra, 
gegin, gegenöte, regan, segansa, ligen. 

A n m. 4. g schwand femer in irastS nirast*, mom — iergen, niergen, morgane. 

4. Zu k wurde g allgemein sb. in eogihh : sek'lijenör, vgl. Sievers, 
a. a. 0. S. XIII f. 

Anm. 5. -gh- in lien Substantiven auf -heit wird nsb. zu k, vgl. Kisch, 
a. a. 0. S. .399, ssb. zu g. Doch scheinen echte Dialektworte dieser Art selten 
zu sein; ssb. Id9g9t' (mhd. oedekeit), Haltrich, Plan etc., S. 14. 

5. Ueber Mouillierung von n ]> /;, sowie von gg > k vgl. §§ 39, 40. 

VI. Falatalisierungs-, Qutturalisienings - und Nasalierungs- 

erscheinungen. 

A. Palatale und gutturale Verstärkungen. 

§ 36. Unter diesem Namen sollen im folgenden die Erschei- 
nungen geordnet werden, auf die Marienburg in seiner grundlegenden 
Arbeit von 1845 (S. 60 ff.) als auf die wichtigsten Eigentümlichkeiten 
hinweist, die das Siebenbtirgische mit dem Niederrheinischen und mit 
diesem allein gemein habe. Dass er dabei ausser acht lässt, dass 
gerade diese Eigentümlichkeiten gleichzeitig eine Scheidewand zwischen 
Nord- und Südsiebenbürgischem bilden, muss ihm ebenso nachgesehen 



174 Andreas Scheiner, [118 

werden, als Wolff, der in seiner Untersuchung über ^die Vertreter des 
alten stammhaften ü und i und die Mouillierung der Konsonanten im Sieben- 
bürgischen** Korr.-Bl. II (1879), 1 ff., 14 ff., 21 ff., diese Thatsache 
unerwähnt lässt, obwohl Marienburg in seiner zweiten Abhandlung 
von 1860 (S. 54) mittlerweile ausdrücklich darauf hingewiesen hatte, 
dass diese Erscheinungen dem Nordsiebenbürgischen ebenso wie den 
»nach Westen hin liegenden* fränkischen Mundarten fehlten (vgl. 
oben § 2). 

§ 37. Es kommen zunächst in Betracht die Gruppeu in, i[>, 
id, ll und ün, [üj)] üd, ül. Altes 1 erscheint in hierhergehorigen 
Wörtern durchgängig als kurzes bis überkurzes ß, vor 1 in einzeluen 
Mundarten auch als ö, altes ü ebenfalls als ^, wohl in den meisten 
Mundarten jedoch als ö. Mit dieser Kürzung des gewiss schon di- 
phthongisch gespaltenen i bezw. ü ist eine „Verstärkung' des nach- 
folgenden Konsonanten parallel gegangen, wie es Marienburg (II. Ab- 
handlung S. 52) ganz passend genannt hat. 

1. In den 1- Gruppen erscheint zunächst 

n meist mouilliert und inlautend derart gedehnt, dass die Silben- 
grenze in das h hineinfällt. In einigen Mundarten erscheint n als v 
in i-Stellung, in anderen wieder, wohl den wenigsten, als neutrales i>. 
In Betracht kommen Wörter wie *fln, swtn, klnan, scinan. 

j) und d erscheinen entweder als mouilliertes d' -f" iiiehr oder 
weniger stark entwickeltes j (auslautend t'x) — so burzenl. — , oder 
als d' + d (auslautend t't) — so in vielen Mundarten des Altlandes — , 
oder als g (Sievers' 5^ oder J?) + d (auslautend et') — so z. B. in 
der Hermannstädter Mundart — , oder endlich als blosses d, das aber 
als t^ richtiger als ^t' (d. i. eingangs schwach mouilliertes, ausgangs 
aspiriertes t) auslautet — so in Grossschenk — in Wörtern wie snidan, 
nid, scritan, zit. 

1 erscheint entweder mouilliert als 1', oder wohl richtiger als 11' 
(nie als 1!), oder stark vokalisch anschwellend* (gedehnt?). Ersteres 
ausserhalb des stark mouillierenden Burzenlandes wohl häufiger im 
Osten, letzteres häufiger im Westen des ssb. in Wörtern wie chil, 
mlla, pliläri, wila. 

2. Viel verwickelter liegen die Verhältnisse bezüglich der 
ü-Gruppen. Es wären hier, wenigstens was die unumgelauteten 
Formen betrifft, bloss Gutturalisierungen zu erwarten. Palatalisierung 
bezw. Mouillierung ist aber, wenigstens gegenwärtig, wohl das 
häufigere, und es ist zweifelhaft, ob dies bloss dem Einfluss der 
umgelauteten, nach Analogie der 1-Gruppen sich entwickelnden Formen 
zuzuschreiben ist. 

n erscheint sowohl nach e als auch nach ö als m — burzenl. 
und in vielen Mundarten des (östlichen?) Altlandes — , in Honigberg 
(burzenl.) als vm (öüm) ; als r) erscheint es, soweit ich sehe, nur nach ö 
oder dessen Spaltung oeo, in brün, zun, alün — bröm, brem, bro»m, 
broo, braoü. 

Anm. 1. Während sonst in ein und derselben Mundart Konsequenz herrscht, 
' habe ich aus Grossschenk bran, tsbz?, lom notiert. 



119] Die Mundart der Siebenbürger Sachsen. 175 

[j),] d erscheint sowohl nach ö als auch nach ö in derselben Art 
behandelt wie in den 1-Gruppen in Wörtern wie hüt, brüt, müta — 
bröt'x, br^t't' (pl. bröt'x), bret', bröt', brökt*, br^kt'. — Ebenso auch 

1 (nach ö und ö); nur tritt hier auch die Form "1 (me^l) mit 
Accent auf e und 1 hinzu in Wörtern wie fül, müla. 

In den umgelauteten Formen zeigen [|),] d, 1 dieselbe Entwicke- 
lung wie in den l-6ruppen, nur ist der vorhergehende Vokal ö auch 
vor den verstärkten d häufig (vgl. hierzu § 15); n erscheint als *m 
(mouilliertes m?) und n. In Betracht kommen Wörter wie nhd. 
zäunen, ütiro, bülla, üwila. 

3. Sehr schön geordnet zeigt die Mediascher Mundart diese Ver- 
hältnisse: senen (sclnan), sned'dn (snidanj", srßd'dn (scritan), vel (vila); 
broBoü (brün), broeokt^ (brüt), möl (müla, allerdings auch mila); tsenan 
(nhd. zäunen), ed'dr (ütiro), bei (bülla). Man könnte fast versucht sein, 
diese Entwickelung für typisch anzusehen, wenn dem nicht Erschei- 
nungen wie Honigberg bretV, pl. brot'"/ entgegenstünden. Die nahe- 
liegende Vermutung, dass Mouillierung ursprünglich Folge eines langen 1 
(oder des Umlauts von langem ü), Gutturalisierung aber Folge eines 
langen ü gewesen sei, wird durch die thatsächlichen Verhältnisse nicht 
bestätigt. Dass aber der Trieb, lange enge Vokale durch völlige Ver- 
engung ihres Ausgangs zu kürzen und darauf folgende labiale und 
dentale Konsonanten palatal oder guttural zu „verstärken" , in der 
Mundart auch auf sb. Boden noch rege gewesen sei, legen die Orts- 
namen brak'ötV oder bek'^t't', Mediasch bak'oBoktn aus magy. bärähküt, 
Mediasch zed'dn aus magy. zidvse, Mediasch loeogdas aus magy. ludos 
(*lüdos) nahe, wenn genauere Forschung nicht gegen Erwarten nach- 
weisen sollte, dass umgekehrt die magy. aus der sb. Benennung ent- 
standen sei. Für die Lebendigkeit jenes Triebes scheint aber auch 
die überaus interessante Mundart der Eronstädter Vorstadt Bartholomä 
zu sprechen, welche nach mundartlichem i, ü vor mundartlichen d, 
t, V, s, z ein g bezw. g entwickelt, indem 1 zu i, ü zu ü, richtiger 1, 
verkürzt bezw. verkürzt und entrundet wird: iTgdr (leidör). igvi^^ 
(ewig), riff (reif), gfest* (geist), higzar (heisi) — dÄgt' (tot), gUgvan 
(giloubo), lÄgfan (louflFan), bllgs (blös), rÄgst' (röst) — gligvon (gilouben), 
arligz9n (lösen) — Ägvan (ovan), lÄ^f )iob), Ä^fts (oba'4), Agson (ohso), 
hAgzn (hosa) neben zil (seil), liren (leren), ür (öra), hü (höh). 

Bartholomä entwickelt jenes g, g aber auch nach ei, ou, den aus 
altem 1 und ü entstandenen Diphthongen, vor den genannten Lauten 
(ausser d, t), so dass gegenwärtig die alten i-, ü-Gruppen zweierlei 
„Verstärkungen" aufweisen: älterer Art, in den oben unter 1. und 2. 
geschilderten Fällen , und jüngerer Art , in den Gruppen 1 oder ü 
+ mundartliches v, f, s, z, zum Beispiel feii (fin), snöd'jn (snidan), 
srMjn (scritan), k'el (chil) — aber vegf, -gv- (wip) (^ = g in i-Stel- 
lung), bßgsn (bl^^^an), egzn (Isan), k'regsn (chrlskan); bröm (brün), 
bret'y (brüt) , mo^l , pl. melar (müla) , nöd jr (ütiro) — aber hü^s, 
pl. hegzr (hüs). 

Anm. 2. Auffällig bei der sonstigen Konsequenz dieser Erscheinungen 
bartholomäisch t'üoznt* (tüsunt). 



176 Andreas Scheiner, [120 

Wenn man nun barthölom'äisch hö^s (hüs) die in Bartfaolom'ä wie 
im übrigen Burzenland und in einem Teil des Altlandes (z. B. Boden- 
dorf, Reps) üblichen h^f, dßf oder höf , döf , (hüba, tüba) gegenüber- 
stellt, so dürfte die Vermutung nicht allzu gewagt erscheinen, dass, 
allerdings in früherer Periode, auch für diese B'ormen Gutturalisierung 
anzusetzen sei; es erhielten dann aber auch die §§ 14 und 15, femer 
in § 16, Anm. 2, verzeichneten Kürzungen die rechte Beleuchtung. 
Die vorauszusetzende gutturale (labiale, palatale?) Verstärkung darf 
dabei keineswegs bloss in der Form g, g gedacht werden. Auch die 
neueste, speziell Bartholomäer gutturale Verstärkung kann man (in- 
dividuell?) als gutturalen Spiranten hören, bei dessen Erzeugung die 
Engebildung zwischen Hinterzunge und weichem Gaumen beginnt 
(etwa 7^, x^) und erst in der Nähe der Artikulationsstelle des fol- 
genden Konsonanten aufhört. Gerade einer meiner Gewährsmänner 
sprach einen Spiranten, der sich fast wie h anhörte, während seine 
anwesenden Anverwandten g und f artikulierten. Der Wegfall eines 
solchen h ist aber wenigstens vor s im sb. nichts Auffallendes, vgl. § 28. 

§ 38. Damit ist aber das Gebiet der alten stammhaften i und ü 
überschritten, und in der That geht auch die älteste Schicht gutturaler 
und palataler Verstärkungen darüber hinaus. 

Aehnlich wie die Gruppen in, i|), id, !l, bezw. die umgelauteten 
Gruppen ün, üd, ül, werden auch die Gruppen iun, [iu|)] iud, [iul] in 
niun, hiutu, imp, biut! u. s. w. behandelt. Die üebereinstimmung mit 
den umgelauteten ü-Gruppen wäre vollkommen, wenn nicht n stets 
als n (oder v)^ nie als ^m erschiene. 

Anm. 1. Im Burzenland wird n auch in dionön und ziohan, femer auch 
in 8€han und giscShan (vgl. § 9, 12), in Bartholomä und Honigberg auch in zehan 
mouilliert. 

Nicht über das ganze ssb. Gebiet erstreckt sich der Parallelismus 
zwischen ö|), öd und [ü}),] üd; er ist vorhanden am auffallendsten im 
Burzenlande; in Bartholomä und Honigberg z. B. sind |> und d in 
den ö-Gruppen genau so „verstärkt*, als in den ü-Gruppen. Wenig- 
stens Kürzung des ö ist durchaus vorhanden in Marienburg. In Be- 
tracht kommen Wörter wie muoter, huot, bluot, bruoder, fuodar, 
bluot (Blüte). 

Im Altländischen findet sich eigentliche Verstärkung des |> und d 
in den ö-Gruppen gegenwärtig wohl nirgends. Dafür ist aber Kürzung 
des ö, am konsequentesten in muoter und huot, zu verzeichnen. Aber 
auch in diesen sind die regulären Diphthonge nicht selten. 

Anm. 2. In Mediaach z. B. mötr, höt*, fötr (nhd. unterfutter) — gssat', 
bleeat' (nhd. blut), brsßadr, fseadr, bl&t* (nhd. blute). 

§ 39. Palatalisierungs- und Gutturalisierungserscheinungen finden 
sich nun aber auch in Gruppen mit ursprünglich kurzem Vokal. 

1. Zu beachten sind zunächst die Gruppen in|), ind, ing, il|), [ild]. 
Im ganzen ssb. Gebiet findet sich zum mindesten das n in in{) und 
ind , ferner ng (») in ing mouilliert ; n bezw. v'^ v wohl nur aus- 
nahmsweise (z. B. Hermannstadt); aber auch |), d ist in den n-Gruppen, 



121] Die Mundart der Siebenbürger Sachsen. 177 

und 1 bald allein , bald mit dem folgenden t-Laut in der Gruppe il}) 
in einem grossen Teil des Gebietes (z. B. Burzenland) mouilliert. In 
Betracht kommen Wörter wie findan, bintan, chind, grint, Ungar, 
ding, wildi. 

2. Bis aaf geringe Qualitätsunterschiede des Vokals werden auch 
die umgelaateten Gruppen an|), and, ang, [al|),] ald wie die vorher 
genannten i-Gruppen behandelt in Wörtern wie mhd. behende, scenten, 
enti, drengen, sengen, einfaltig, eltirön. Dagegen halda, altäri, vgl. § 9, 8. 

3. Wenn man die Entwickelung des alten n in geschlossener 
Silbe vor Nasal, besonders vor n|) und nd betrachtet (vgl. § 9, 7), 
so fügen sich diese Erscheinungen sehr wohl in den Rahmen der im 
vorigen Paragraphen behandelten, a wurde vor Nasal in geschlossener 
Silbe zu ü; sein Umlaut kann nur *i sein; zu *i muss aber auch i 
in den zuerst genannten Gruppen geworden sein; nach i tritt aber 
Mouillierung des n und 1 ein. Die Mouillierung hat nun vielerorts 
ebensowohl den silbenschliessenden t-Laut ergriffen, als sie durch 
diesen überall gefördert worden ist. 

Das vorauszusetzende *i wird durch ö, a, se vertreten. Sehr 
zu beachten ist der fast in allen ssb. Mundarten vorhandene Unter- 
schied in der Qualität des Silbenvokals, je nachdem die Gruppen in|>, 
ind, ing ursprünglich vokalisch gedeckt oder ungedeckt waren. 

Anm. 1. So lauten z. B. Honigberg die angefahrten Wörter der Reihe 
nach fond'n, bond'n, k*&nt'x» g^ärit'/, föriar [d&n existiert nicht], vol't'x» bahönt'x» 
söhd'n, Önt'x, drÖÄen, zönan, Tßl'd'ix, ^l'd'r; Mediasch f&ndn, b&ndn, k*8Bnt', graen't*, 
fanar, dsen, valt', bahönt', söndn, önV, dröhan, zönan, if«aldiy, eealdr. 

Anm. 2. An ilp, *eld schliessen sich vielerorts (Südosten?) auch l>lp und 
eld in feld, s^ltan an, ja zuweilen auch It >• Its in sm^lzan (z. B. Marienburg). 

Anm. 3. In der Gruppe ink wird nicht selten o mouilliert: w, in Marien- 
burg sogar folgendes k : drant'xn (trinkan u. s. w.). 

4. Weniger konsequent werden die u-Grappen [ün|),] und be- 
handelt, n erscheint bald als v, bald als li, bald als neutrales n, als 
solches sogar in einigen sonst von Mouillierungen strotzenden burzen- 
ländischen Dialekten (z. B. Honigberg, Marienburg). In Betracht kommen 
Wörter wie hunt, funtum, sunta. Der Silbenvokal erscheint meist als n, 

vor V auch als «•, z. B. haiitS haoH\ h^t)H\ haut', h^^t'. 

Derselbe Vokal erscheint auch in der Gruppe ung, wo ng zu » 
geworden ist (vgl. § 35, 2). üeber gänzlichen Schwund des ng > v 
vgl. § 35, 2, Anm. 3. Umgelautetes ung wird ähnlich wie ing behandelt. 

Anm. 4. Ueber die Gruppen ulp, uld vgl. §8,8. Mhd. geduldec in 
Bodendorf mouilliert : gadal'di^; so noch in anderen Mundarten aus der Umgebung 
von Reps. In der Gruppe unk wird u» wie ung behandelt. In den umgelauteten 
Formen findet sich häufig v in i-Stellung. 

§ 40. Damit ist aber das Gebiet der palatalen und gutturalen 
Verstärkungen noch nicht erschöpft. 

1. Westgerm, gg, kk wird zu t'/ palatalisiert in einigen Lokal- 
mundarten, z. B. Marienburg, in Wörtern wie dicchi, wiccha, lucka, 
mucka, brucka, rucki; eine Uebergangsstufe ^k hat sich in Honigberg 
erhalten : Marienburg 15t'/ — Honigberg lö^k' (lucka). 



178 Andreas Scheiner, [122 

2. nn erscheint in einzelnen Mundarten mouilliert in henna^ 
giwennen ; z. B. Grossschenk hAn, gsvAndn ; gutturalisiert in Bartholoma 
hio, pl. hiwnan, geviünan; ebenso auch in Kelling (Unterwald). Vgl. 
übrigens §§ 9, 7, c, Anni. 4 und 70. 

3. 11 ist in einigen altl. Mundarten, z. B. Beps, Bodendorf, 
mouilliert in fallen: fal'an, fol'an. 



B. Nasalierung. 

§ 41. Während die unter dem Namen palataler und gutturaler 
Verstärkungen behandelten Erscheinungen gegenwärtig wenigstens eine 
charakteristische Eigentümlichkeit des ssb. bilden, scheint umgekehrt 
die Nasalierung voii Vokalen in gewissen Stellungen ein Kennzeichen 
des nsb. zu sein. Dhss das nsb. von nasalierten Vokalen mindestens 
in gleichem Masse strotzt, als das ssb. von palatalen und gutturalen 
Verstärkungen, ist nicht nur Wolflf entgangen, sondern auch BertlefiF 
und Eeintzel erwähnen nur gerade ein paar der auffallendsten Er- 
scheinungen, ohne ihnen ein besonderes Gewicht beizumessen. Nasa- 
lierung ist im nsb. so verbreitet, dass sie in Lechnitz z. B. (ob auch 
sonst?) über das Gebiet der Vokale hinausgegriffen und in gewissen 
Fällen 1, w, ja sogar s erfasst hat. 

§ 42. Es scheint nun, dass sich eine Brücke von der ssb. 
Gutturalisierung zur nsb. Nasalierung wenigstens für einen Teil des 
hierher gehörigen Sprachmaterials ganz ungezwungen finden Hesse. 

Die Gruppen an|) und and haben sich allgsmein sb. zu *ünd 
entwickelt (vgl. § 9, 7, b). Dieses und erscheint auch in einer grossen 
Reihe von ssb. Mundarten. In anderen aber ist entschiedene Gutturali- 
sierung bis Labialisierung des n eingetreten. So lautet z. B. andar Beps 
ilndr, Honigberg o'^ndr, Marienburg A^ndr, Kelling u»dr, Bartholoma A»^dr, 

Bodendorf Amdr, Grossschenk emdr. Das Unvermögen, ein langes ü 
vor n anzuhalten, ist ganz auffallend. Wenn nun jenes Wort Wallen- 
dorf ündr, Lechnitz ondr lautet, so ist wohl die Nasalierung des ü 
bezw. des 6 genau demselben Unvermögen zuzuschreiben, nur dass es 
hier nicht bis zur vollständigen Berührung zwischen Gaumen und 
Hinterzunge gekommen ist, sondern das Gaumensegel sich der Hinter- 
zunge bloss genähert hat. Genau dasselbe zeigt sich aber auch in 
der Reihe man, gram, chamb, lamb, ampfaro, slam — pflanza 
§ 9, 7, a und b. 

§ 43. In Wallendorf wie in Lechnitz sind nasaliert die Formen 
asa (ei^^^an), masa (me/,/,an), moasa (muoj^an), t'aeslt' (dihsala), nüs 
(nai^), aezo (isan), ant' (enti), ran (rennen), k'an, k'6n (chennen). Man 
vergleiche zu den ersten Formen das am Schluss des § 37 Gesagte. 

§ 44. Wohl allgemein nsb. (ausser Bistritz?) sind nasaliert die 
Vokale der Silben, in denen ein Nasal vor folgendem S| f geschwunden 
ist, vgl. § 24, 1. Nasaliert ist ebenso das an Stelle eines Flexions-n 



128] I^ie Mundart der Siebenbürger Sachsen. 179 

tretende a, vgl. § 24, 2, b. Gewiss interessant aber sind die Formen (aus 
Lechnitz) holl (zweisilbig, höl-l, haltan), fil-1 (fulln), bafel-1 (bifelhan), 
k'ol-1 (pl. von k'ol, cholo), sali (pl. von säl, schella), mil-l'^ar (raulinäri) 
n, 8. w. n. s. w., ferner zumll (samanön), swae (swin), snaedn (snidan). 

Anm. Im ssb. habe ich nur in Bekokten Nasalvokale gefunden; durchaus 
in den Fällen, wo n, » vor s, f geschwunden ist, dazu aber auch noch in einer 
Reihe von Fällen, die an die unter § 43 angeführten nsb. Nasalierungen erinnern ; 
z. B. oopl (pl. von apful), soopn (schöpfen) , ^ok' (ekka), Mok'r (ndl. aker, Eichel), 

snyok' (snecko). Daneben habe ich aber auch s^,Ompn, ^Pmpl, ^9dk' gehört. 
Vgl. dazu § 42. Bezüglich der Sonderstellung des übrigens nicht genauer unter- 
suchten Bekokt. vgl. § 7, 6, Anm. 2. 

YII. Ueber den Accent der siebenbürgischen Volkssprache. 

§ 45. Zwei Umstände weisen dem sb. unter den deutsehen 
Mundarten eine ausgezeichnete Stellung an: 1. weiss man hinlänglich 
genau, wann es sich infolge Auswanderung der Siebenbtirger Sachsen 
von den deutschländischen Mundarten getrennt hat; 2. kennt man 
ebenso genau den engeren (mfr.) Kreis deutscher Mundarten, dem es 
seinerzeit auf deutschem Boden angehörte. Eine Vergleichung der 
gegenwärtigen Sprachstände hüben und drüben, wie sie Kisch neuer- 
dings angebahnt hat (vgl. § 2), müsste auf eine ganze R^ihe von 
Fragen sowohl der deutschen Sprachgeschichte als auch der Sprach- 
'wissenschaft überhaupt dankenswertes Licht werfen. Sobald sich 
nämlich nur einigermassen Sicheres über den Charakter der Mund- 
artengruppe vor ihrer Trennung sagen Hesse, wäre der Grund ge- 
wonnen, von dem aus — im Hinblick auf die deutschländischen mfr. 
Mundarten — eine Schätzung des Tempos der deutschen Sprach- 
geschichte unternommen werden könnte , von dem aus sich aber 
auch — im Hinblick auf das Siebenbürgische — ein Bild entwerfen 
liesse von der Entwickelung einer durch fremde Idiome völlig isolierten 
Mundart. Von der Bedeutung und Tragweite dieser Aufgaben , auch 
der zuletzt genannten, vorzugsweise ihr zugewiesenen, hat sich die 
sächsische Dialektforschung noch nicht genügend Rechenschaft gegeben. 
Dieser Mangel macht es erklärlich, dass man sich gerade bei Be- 
trachtung der intimsten sprachlichen Verhältnisse, des Accents im 
vulgären Sinne, auf Schritt und Tritt vor die Frage gestellt sieht, 
ob man es mit „altfränkischem* Besitzstand (Marienburg) oder 
spezifisch sb. Neuerungen zu thun habe. 

Wenn es sich bestätigen sollte, dass die sb. Mundarten aus- 
nahmslos der linksrheinischen Gruppe des mfr. angehören (vgl. Schullerus, 
Korr.-Bl. XVI [1893] S. 74), so müsste man sagen, dass das sb. Klima, 
in welches sie vor rund 700 Jahren versetzt wurden, ihnen in ge- 
wissem Sinne nicht fremd sein konnte; nur dass die am Rhein aus 
weiterer Entfernung wirksamen und über das Gesammtgebiet der 
Mundart sich erstreckenden Einflüsse des Romanischen (Französischen) 
in Siebenbürgen durch das Rumänische aus nächster Nähe, sozusagen 
jede Dorfsmundart besonders trefifen konnten. Es liegt auf der Hand, 
dass infolgedessen manche wichtige Frage ausserordentlich verwickelt 



180 Andreas Scheiner, [124 

wird. Es zeigt sich z. B. , dass die Gesetze der Silbentrennaug und 
des Wortauslauts auffallend romanischen Charakter haben. Eignete 
dieser Charakter schon dem mfr. , abgesehen von aller romanischen 
Beeinflussung, und in demselben Masse als heute dem sb.? Ist fran- 
zösischer Einfluss im Spiel, und dieser allein? Oder tritt zum fran- 
zösischen Einfluss in Siebenbürgen rumänischer hinzu, oder wirkte 
dieser direkt auf rein mfr. Charakter, wenn er überhaupt als wirksam 
anzusetzen ist? 

Nur in betreff der letzten Frage getraue ich mich, meiner 
Meinung dahingehend Ausdruck zu geben, dass der Accent des sb. 
vom Rumänischen wenigstens stellenweise ohne Zweifel stark infiziert 
ist. Ich habe ganz deutlich beobachtet, dass, je mehr das sächsische 
Element mit dem rumänischen gemischt ist, der «romanische*^ Cha- 
rakter des sb. Accents um so stärker hervorbricht. Einen trefflichen 
Probierstein giebt dabei das nhd. ab. Während nämlich die Aus- 
sprache des Sächsischen ein sächsisches Ohr den fremden Accent nur 
schwer erkennen lässt, so bricht dieser in der Aussprache des nhd. 
grell hervor. Dass dies in der Aussprache des Sächsischen nicht oder 
nicht in dem Mass der Fall ist, lässt eben erkennen, dass sich der 
sächsische Accent dem rumänischen angeähnelt hat — hier mehr, 
dort weniger. 

Was den Einfluss des magyarischen Accents betrifft, so soll 
nach landläufiger Annahme die ßeener Mundart (nsb.) davon berührt 
sein. Was aber an magyarischen Accent erinnert, kann wohl ebensogut 
auf rumänischen Einfluss hinweisen. 

Im folgenden mögen einige wichtige, mit dem Accent in innigster 
Verbindung stehende Thatsachen und Erscheinungen besprochen werden. 

§ 46. Indifferenzlage. — Als die zur ßeproduzierung des sb. 
günstigste Lagerung der Sprachorgane muss ich bis auf weiteres die 
bezeichnen, von der aus man am leichtesten zu den gemischten (mixed) 
Vokalen der Bell-Sievers sehen Tabelle gelangen kann. Was vieler- 
orts über das gutturale Timbre des sb. Vokalismus gesagt ist, spricht 
nicht dagegen; sehr bestärkt werde ich in meiner Vermutung durch 
eine langvergessene Notiz, wonach die beste Autorität, Sievers selbst, 
das von Kisch, a. a. 0. S. 356 angeführte Bistritzer mo (man) mö^ 
schrieb, wobei ihm nur zweifelhaft war, ob dieses ö^ nasaliert sei 
oder nicht. — Dass die rumänische Volkssprache von palato-gutturalen 
Vokalen strotzt, glaube ich getrost behaupten zu können ; sie scheinen 
auch dem Magyarischen nicht fremd zu sein. 

§ 47. Lippenartikulation. — Die Lippenartikulation ist 
in allen sb. Mundarten äusserst beschränkt. Lippenrundung kommt 
fast gar nicht vor. Den meisten Sachsen ist es unmöglich, ein nhd. ü 
zu artikulieren; wenn sie den Vokal überhaupt runden, geschieht 
es mit Hilfe der Wangen und der Zunge selbst (innere Rundung). 
Die kräftigste Lippenartikulution habe ich beobachtet in Fällen wie 
Honigberg gavo^lt', hA^r, o^^ndr, ko^^m, no^ast' — wo 4, ^r, X 
'^m, ^ast' eine besondere Silbe bilden mit den Silbenträgern 1, r, n, 



125] J^iß Mundart der Siebenbürger Sachsen. 181 

™? ^ (vgl. § 21), deren Eingang energische Lippenrundung zeigt und 
an das englische anlautende w, wh erinnert. 

§ 48. Aspiration. — Aspiration der Tenues t und p ist am 
ausgeprägtesten im Auslaut. Sie ist aber nicht etwa Folge energisch 
gelösten Verschlusses; im Gegenteil, die stärkste Aspiration tritt ein, 
wenn bei gelindestem Druck der Verschluss ein sehr leichter und momen- 
taner war; t wird dann, besonders in den Verbindungen nt, rt, st, 
ft u. s. w. , d. h. wenn kein Vokal direkt vorausgeht, auslautend fast 
zu einem |), etwa t|), p unter ähnlichen Umständen zu pw. — Aspiriert 
ist ferner t im Anlaut hochtoniger Silben vor Vokal — aber lange 
nicht in dem Mass, als in der bühnengemäsen hd. Aussprache üblich 
ist. In der Verbindung st ist der Verschluss des t wohl immer ein 
sehr leichter, es herrscht aber Schwanken zwischen t' (wie im Aus- 
laut) und d. p ist, abgesehen von seiner Stellung im Auslaut, zum 
mindesten sehr schwach aspiriert. 

k ist nur ausnahmsweise einfache Tenuis, so z. B. im nsb. läkt? 
gegenüber ssb. läk'n (vgl. § 24, 2, b). In der Regel ist es, ver- 
glichen etwa mit magy. k in katona durchaus Affrikata, die sich von 
der schweizerischen Affrikata allerdings unterscheiden mag, wie ich 
glaube, durch den Mangel eines r-artigen Flattergeräusches, das sich 
dem schweizerischen kx gern zugesellt. 

Anm. Bezeichnend das aus k'ats oder k'ots entstandene kxts!, wo x 
Silbentrager ist, ob die Interjektion nun einsilbig oder zweisilbig — kx-ts! — 
gesprochen wird. 

§ 49. Silbenbildung und Silbentrennung. — Was ich 
in meiner Darstellung der Mediascher Mundart (s. § 4) S. 116 in 
Bezug auf den Mediascher Dialekt gesagt habe, dass er offene Silben 
liebe, geschlossene Silben nur in Wörtern vorkommen, in denen auf 
den Sonanten einer Silbe — sei er kurz oder lang — Konsonanten- 
gruppen folgen, deren erstes Element schallkräftiger ist als das zweite, 
wobei das erste Element zum Schliessen der ersten, das zweite zum 
Anheben der zweiten Silbe verwendet werde; dass ferner die Silben, 
in denen dem Sonanten ein n oder v folge , stets geschlossen seien, 
gilt im allgemeinen von allen sb. Mundarten. 

Anm. Eine üebersicht darüber, welcher Vokal bei der Ausgleichung zwi- 
schen sing, und pl. des starken praet. den Ausschlag gegeben hat, mag in diefsem 
Zusammenhang nicht überflüssig sein: 

a) In der Reihe i, 1 — ei, i — i hat der Vokal des pl. den Ausschlag 
gegeben, nur vor folgendem t, h, w, voc. der des sing.: sin, sTnan — bis, bisn. 

b) In der Reihe eo , iu — ou(6) , u — o hat durchaus der Vokal des pl. 
durchgeschlagen: büt', büdn; farlur, farlüran. 

c) In der Reihe e(i), i — a, u — o(u) ist der Vokal des sing, verallgemeinert : 
svobm, svo^oman (vgl. 9, 7, a); k'lÖ», k'löoan (vgl. § 9, 7, d). Vor r + cons. ist 
nach dem Vokal des pl. oder des pari, ausgeglichen worden : sturf , sturven ; vöt*, 
vordn (vgl. §§ 8, 7; 10, 3). 

d) In der Reihe e, i — a, 6 — o hat nach dem Vokal des sing. Ausgleichung 
statt-gefunden : bro^ox, bro*oxn (vgl. § 9, 2). Vor 1 findet sich ü: ?tül, stüln; 
sviir, svürn (vgl. unter c). 

e) In der Reihe e, i — a, ä — e ist der Vokal des sing, durchgedrungen: 
troW, tro'odn. 



182 Andreas Scheiner, [126 

Das nach der Mediascher Mundart zusammengestellte Schema läest sich, 
soweit ich sehen kann, zum mindesten für das ssb. yerallgemeinem. Es ergiebt 
sich daraus aber folgendes: 

1. ist mit geringen Ausnahmen (s. oben unter a) der ursprüngh'ch kurze 
Vokal durchgedrungen; 

2. wurde der — immer in mehrailbiger Form stehende — Vokal des pL 
gewählt, so ist er als Kürze erhalten; 

3. wurde der ursprünglich in geschlossener Silbe stehende Vokal des sing, 
verallgemeinert, so ist er als Länge erhalten, wenn dem nicht die Natur der 
folgenden Konsonanz {v, vk) entgegenstand. 

Von besonderem Interesse sind die kurzen offenen Silben. Ob 
aber solche, abgesehen von einsilbigen Wörtern wie na, x^i ä-hä, 
ni-do-ni, ferner von Fallen, wo auslautender langer Vokal im Zu- 
sammenhang der Rede gekürzt wird, vgl. ni-dö-ni für nl-dö-ni, 
wirklich in bedeutendem Umfang gebräuchlich sind, ist mir inzwischen 
etwas zweifelhaft geworden. Ob in Wörtern wie laedar, bödam, hümar 
(vgl. § 9, 6 und 7 [Schluss], § 10, 4) die erste Silbe wirklich im 
strengsten Sinne offen ist, muss ich unentschieden lassen, wenn es 
auch auf das Ohr des auf dem Berliner Konservatorium geschulten 
Mitteldeutschen (Eonzerisänger H. Kirchner) diesen Eindruck macht 
Beim Flüstern wird die erste Silbe deutlich geschlossen, indem der 
Konsonant, allerdings unter minimalem Druck, artikuliert wird und 
nur mit seiner zweiten, unter vollem Druck artikulierten längeren 
Hälfte zur folgenden Silbe gehört. Obwohl es dem Sachsen sehr 
schwer fällt, die magy. Geminaten in addig, nemmel, ennel, azzal, tette 
u. s. w. auszusprechen, so ist doch wohl genauer ]«*-dar, bö^-dam, 
hu™-mar zu schreiben, und dasselbe gilt auch von Wörtern wie lösn, 
m^sn, söfl, laxn u. s. w. , wobei ich freilich die Frage nicht unter- 
drücken kann, ob ebendasselbe nicht auch von den schweizerischen 
l^se, gebe, böte zu gelten habe? 

Dass bei n und i) die Silbengrenze in diese Laute hineinfallt 
(ohne dass sie als Geminaten anzusetzen wären), erklärt sich aus ihrer 
Geschichte. Aehnlich verhält es sich mit 1, das aber kaum als ein- 
heitlicher Laut aufgefasst werden kann, vgl. § 21. 

Scheinbar im Widerspruch mit dem oben Gesagten muss nun 
wieder bemerkt werden, dass es dem Sachsen im allgemeinen sehr 
leicht fällt, W()rter wie k'astn, brast', laft, fru^t' dreisilbig: k'a-s-tn, 
bra-s-t*, la-f-t', fru-y-t' (aber früxt') zu sprechen, Wörter wie mil, 
burx aber zweisilbig: mi-1, bu-r/. datfelnhoodamelnargosliun (das Füllen 
hat den Müller geschlagen) habe ich in Bodendorf deutlich so einteilen 
gehört : datfe — In — hooda — me — 1 — nar — ga — sli — un. 



Es führt dies zur Frage, ob unsere Mundart zu den singenden 
gehöre oder nicht. Sie ist bis jetzt noch gar nicht untersucht worden. 
Einzelne Lokalmundarten, z. B. Zeiden (burzenl.), Neustadt (altl.), 
zeichnen sich durch grosse Intervalle im musikalischen Satzaccent aus. 
Es wird sich nun weniger darum handeln, die Grösse dieser Intervalle 
zu messen, als vielmehr festzustellen, ob diese Mundarten in der Be- 



127] I^ie Mundart der Siebenbürger Sachsen. 183 

Ziehung Altertümliches bewahrt oder Neues eingeführt haben. Von 
vornherein ist wohl eher das erstere anzunehmen. Der an Diphthongen 
überreiche Yokalismus deutet neben Erscheinungen, wie die aus Boden- 
dorf citierte Silbentrennung, daraufhin, dass das „ Singen" früher allen 
unseren Mundarten zukam. 

§ 50. Behandlung des Aus- und Anlauts (in der Kom- 
position und) im Zusammenhang der Rede. Es gelten folgende 
Regeln : 

1. Im Zusammenhang der Rede verliert jeder Vokal, auch bei 
vorausgehendem vokalischem Auslaut, den Kehlkopf verschluss , wobei 
allerdings fraglich bleibt, wie weit Kehlkopfverschluss im sb. über- 
haupt üblich ist. 

Anm. 1. So weit ich in meiner Mundart der Sache nachgegangen bin, 
tritt Kehlkopfverschluss scheinbar regellos auf. In derselben Wörterreihe und bei 
derselben Betonung habe ich ihn (nach der Pause) bald gefunden ; bald vermisst. 

2. Alle im Wortlaut stehenden stimmlosen Laute — ausser p 
und k? — , auch wenn sie im Wort Innern stumm bleiben, werden 
vor anlautendem Vokal stimmhaft, wenn ihnen nicht ein stimmloser 
Laut vorausgeht, also t', t' (t'x, t't', kt^, f, s, s, x, -/ > d, d' (d'j, 
d'd, gd), V, z, z, T, j. Zum Beispiel iasn (essen), aber aezux! (iss auch!), 
a - 6znz (er ass auch) ; dodsBsa (das ist er ; s bleibt stumm , weil das 
pron. 9 ursprünglich mit h anlautete, vgl. § 54) u. s. w. Bemerkens- 
wert hift\ pl. hivdr (Haupt, Häupter), aber hlftua (Haupt ab). 

3. Nach ssb. und nsb. verschieden ist die Behandlung des Falles, 
wenn sich stimmloser Auslaut und stimmhafter, jedoch nichtvokalischer 
Anlaut begegnen. 

a) Für das ssb. gilt die Regel: stimmhafter, jedoch nicht- 
vokalischer Anlaut verstummt nach stimmlosem Auslaut; von 1, r, n, m 
verliert mindestens der Eingang den Stimmton , v, j, z, b, d, g werden 

^^ yi ji V» ^1 ?• 

b) Für das nsb. gilt neben dieser Regel, und zwar im aus- 
gedehntesten Masse, auch das Umgekehrte: der stimmlose Auslaut, 
selbst wenn sich mehrere Konsonanten häufen, wird vor stimmhaftem, 
jedoch nicht vokalischem Anlaut selbst stimmhaft, ssb. votzösta ? — nsb. 
(Sächsisch-Regen) vadzösta ? (was sagst du ?); Wallendorf : vidglaejgatsualt*, 
nöBzdvidberagzi/tixtS obrnaedbim , bogdbruit' (wird gleich bezahlt, 
nichts wird berücksichtigt, aber nicht Bäume, bäckt Brot); Lechnitz: 
gedrao^dbledar (getrocknete Blätter) u. s. w. 

Anm. 2. Eeintzel, a. a. 0. S. 140, giebt für das nsb. unrichtig, weil 
ausschliessHch, dieselben Auslautgesetze an, wie ich sie in meiner Darstellung der 
Mediascher Mundart aufgestellt habe, obwohl das nsb. nicht am wenigsten durch 
sein spezifisches Auslautgesetz vom ssId. getrennt wird. Zu untersuchen wäre aller- 
dings, wann die ssb. und wann die spezifisch nsb. Regel befolgt wird. Dabei darf 
nicht ausser acht gelassen werden, dass auch einfache (stimmlose) Konsonanz vor 
anlautendem Vokal nsb. oft stimmlos bleibt, was ssb. nur in leicht verständ- 
lichen Fällen, unter Einfluss des logischen Satzaccents, vorkommt. — Für das 
Rumänische scheint als Gesetz zu gelten, dass stimmloser Auslaut vor vokali- 
schem Anlaut stimmlos bleibt, während er vor stimmhaftem, jedoch nichtvokali- 
schem Anlaut selbst stimmhaft wird. 



184 Andreas Scheiner, Die Mundart der Siebenbürger Sachsen. [128 

4. Endigt ein Wort auf einen Verschlusslaut und beginnt das 
folgende mit einem solchen, so explodiert der erste im zweiten — 
nur k (eigentlich kx) widersetzt sich oft dieser Regel. Begegnen 
sich in derselben Stellung die gleichen Tenues oder dieselben stimm- 
losen Dauerlaute, so erscheint für beide Laute nur der eine; treffen 
Tennis und Media desselben Lautes oder stimmloser und stimmhafter 
Dauerlaut derselben Artikulation zusammen, so tritt an Stelle beider 
die stimmlose Lenis. 

Anm. 8. s — s verschmelzen meist zu s; )^ verschwindet fast vor s, z. B. 
Honigberg 9v9nistark'r (ein wenig stärker); anlautendes h verwandelt sich nach 
auslautender (stimmloser) Spirans in dieselbe Spirans, während es nach stimm- 
haftem Dauerlaut (1, r, m, n, t), h) meist ohne merkliche Verlängerung: des Dauer- 
lautes schwindet. 

5. Tritt eine Gruppe cons. + 1, r, Nasal (1, r, Nasal in sonantischer 
Funktion) in den Auslaut, so wird, wenn das folgende Wort mit einem 
Vokal beginnt, 1, r oder Nasal derart geminiert, dass der erste Teil 
als Sonant weiter fungiert, während der zweite Teil als Konsonant 
vor den folgenden Vokal tritt. Z. B. gaeadnnövnt' (guten Abend). 

§ 51. Behandlung der Vokale in nichthaupttonigen 
Silben. — Sämtliche Vokale der nichthaupttonigen Silben sind zu a 
geworden oder ganz geschwunden. Allgemein sb. findet sich wohl nur i 
in der Bildungssilbe ig; ssb. ausserdem noch ae, a in dem part. praes. 
ahd. -anti, -enti, -önti, -enti und (nach Analogie des part. praes.?) 
auch im part. praet. auf -an, im Suffix -injö- (kuningin), ferner, 
jedoch auf beschränkterem Gebiet (ausserhalb des Burzenlandes ?) in 
der Bildungssilbe -in; im nsb. erscheint ae in der Bildungssilbe -ling, 
vgl. Kisch, a. a. 0. S. 376. 

Ganz geschwunden ist der Vokal der Endsilben, wenn er un- 
gedeckt war. Auch gedeckter Endsilbenvokal schwindet leicht vor l, r 
und Nasal, kann jedoch als a wiederhergestellt werden. Ohne wieder- 
hergestellt werden zu können, schwindet im nsb. der Vokal vor dem 
Flexions-n nach gewissen Konsonanten, vgl. § 24, 2, b. Allgemein sb. 
erhalten ist der Endsilbenvokal zwischen Kombinationen von m, n, i, o, 
bloss nsb. erscheint nan nach vorhergehendem Vokal (zum mindesten 
im inf.) als n, z. B. gave'^en (giwennen), gavaeen (giwahinnen) , k'an, 
ran (chennen, rennen), mun, muin (manön) ; aber roa/nan, -na (rehhanön), 
ärnan, -na (arnon). 

Anm. Nach Kisch, a. a. 0. S. 376, ist nsb. die Adjektivendung -iu als 9 
erhalten. Ich glaube aber, dass dies nur in einzelnen formelhaften Wendun^n 
der Fall zu sein scheint und entweder die Spuren ehemaliger schwacher Flexion 
oder nhd. oder sonstiger Einfluss im Spiel ist. Gegen die Annahme Kisch' sprechen 
zu deutlich nsb. i. gt, mae, dae, zae aus ahd. einiu, jeniu, miniu, diniu, siniu. 



Anhang. 

Einiges zur siebenbürgischen Formenlehre. 

I. Die Fronomina. 

1. Pronomen der I. und IL Person. 

§ 52. Die betonten Formen ssb. ^x, nsb. ae^ weisen nach § 13 auf 
ein Yormundartliches ^ih hin; auf '^ih gehen die unbetonten Formen 
allgemein sb. ix, X zurück. Ebenso *mlh, *mih; *dlh, *dih. Ent- 
sprechend lautet die volle Form von iuh, ssb. ^x« ^^^* ^^X* Dagegen 
scheint in betonter Stellung nsb. "^dü ssb. '''dö gegenüberzustehen. 

Gen. pl. wohl nicht gebräuchlich. 

2. Reflexivum, 

§ 53. Vom gen. sin hat sich — wenigstens in einigen altl. Mund- 
arten — eine enklitische Form z9n (als gen. part.) erhalten. Volle 
Form kenne ich nicht. — Vom (analogischen?) *sir findet sich — 
nur »auf dem Zekesch^ ? — eine enklitische Form zor. — Die volle 
Form des acc. (dat.) geht allgemein sb. auf '^'sih zurück, vgl. § 52. 

3# Pronomen der III. Person. 

§ 54. Sing. nom. masc. lautet allgemein sb. mit h an; auch 
die unbetonte Form a geht (vgl. § 50, 2) auf eine Form mit h 
zurück. Auslautendes r hat sich nirgends erhalten. Vorauszusetzen 
ist eine Form *he, deren e mit dem aus ai kontrahierten zusammen- 
gegangen ist. Nom. fem. geht ssb. eher auf *seo, nsb. auf *siu zurück. 
Vom nom. neutr. giebt es allgemein sb. auch eine betonte Form aßt'. — 
Gen. aller drei Geschlechter ungebräuchlich bis auf eine enklitische 
Form des gen. fem. ar (vgl. § 53 , zan). — Im dat. aller drei Ge- 
schlechter ist burzenl. der Volkal e, altl. se, nsb. i durchgeführt: em, 
aem, im. Das altl. % müsste auf Formen mit mm zurückgehen (vgl. 
§ 7, 5, aber auch 6, Anm. 1). — Acc. zeigt den Vokal des dat. — 

Fonchungen zur deutschen Landes- und Volkskunde. IX. 2. 13 



186 Andreas Scheiner, [130 

Plur. nom. ssb. *8eo, nsb. *8iu. — Gen. und dat. zeigen im 
allgemeinen den Vokal des dat. sing., ssb. geht die volle Form des 
dat. auf älteres *inan, die unbetonte auf '^'in zurück ; nsb. beide auf *in. 

Anm. Vokal se findet sich auch nsb. in serdr fil (iro filu) bei Berti e ff, 
a. a. 0., I, S. 9, wie altl. serfil, i/unser (ih habSm iro). 

4. Einfaches Demonstrativum. 

§ 55. Sing. nom. *d§(r), *deo (auch nsb.), *dat. — ssb. wird die 
Form de bloss in betonter, die Form der hauptsächlich in unbetonter 
Stellung verwandt; nsb. scheint die Form de verdrängt zu sein. — 
Alle Formen dieses Pronomens ausser nom. (acc.) sing., fem. und neutr., 
nom. (acc.) pl. und dem ssb. de zeigen in betonter Stellung allgemein 
sb. den Diphthong ie (Grosssc^henk Ae). Neben diam ssb. aber auch 
d^m. PI. nom., acc. allgemein sb. *deo. 

5. Zusammengesetztes Demonstrativum. 

§ 56. Nom. sing. masc. *dirro, *diser. dirro ist ssb. wohl allein 
dialektgemäss , nsb. aber ebenso '"diser: ssb. d^r [dezr, burzenl. auch 
dizr ?] , nsb. dlfzr. ssb. ist das e , nsb. das i durch alle Kasus durch- 
geführt, doch nsb. lautgesetzlich dset^ gegenüber dem ssb. analogischen (?) 
det. — Formen mit *rr giebt es ausser dem nom. sing. masc. (im ssb.) keine. 

6. Interrogativum. 

§ 57. Nom. masc. *we(r). — ssb. ist die Form *we bevorzugt 
und vielerorts allein dialektgemäss, nsb. ist sie in den meisten Einzel- 
dialekten verdrängt. 

7. Relativum. 

§ 58. Das fehlende Relativum wird durch das einfache Demon- 
strativum ersetzt. Der nom. sing. masc. und fem., sowie der nom. 
pl. wird dabei erweitert ssb. durch -dn, nsb., wenigstens nom. sing, 
masc. und fem., durch -a, -z9, d. i. das Pronomen der III. Person. 
Der nom. sing, neutr. wird nsb. durch das Interrogativum vertreten. — 
Das ssb. -dn erinnert an das ahd. dar, de. Es wird auch an andere 
Pronomina angehängt; z. B. d^tn? gentn. 

8. Possessivum. 

§ 59. Während die Adjektiva — allgemein sb. ? — zwischen 
starker and schwacher Flexion einen Kompromiss geschlossen haben, 
flektieren die Possessi va stark; nur nom. sing. masc. und neutr. in 
attributivem Gebrauch flexionslos. Dass der nom. sing. fem. von min, 
dtn eigentlich flektiert ist, geht, wenigstens für das ssb., aus § 24, 
Anm. 3, hervor. — uns(er) wird echt fränkisch (vgl. Braune, Gr. 
S. 200), so flektiert, als ob uns zu Grunde läge. Das Possessivum 



131] Die Mundart der Siebenbürger Sachsen. 187 

der IL pl. scheint sich ssb. an den nom. pl. des Pronomens der 
II. Person ir angelehnt zu haben: ssb. ir, gegenüber nsb. aer C^'iur), 
wenn nicht eine lautgesetzliche Entwickelung analog burzenl. sir, fir 
aus ahd. sciura, ftlir vorliegt. — Für das Possessi vum der III. Person, 
soweit es sich auf das fem. sing, oder auf den pl. bezieht, gilt das 
neue Pronomen *ir, und zwar lautet es auch ssb. (vgl. § 54) neben 8er 
oft 1fr (besonders burzenl.?), nsb. ausschliesslich Tr und ir. Es wird 
diesem Pronomen jedoch, wenigstens ssb., in dialektgemässer Bede, 
wenn es sich auf ein fem. bezieht, aer (ahd. iru, iro), wenn es sich 
auf einen pl. bezieht, sen (ahd. im) vorausgeschickt, z. B. eerlfr düxtr, 
ffinlr k'fißht'. Doch kommen Verwechselungen von ser und sen vor. 

9. jener, selb. 

§ 60. a) jener. — ssb. masc. ge(n), g^nar, fem. gßn, neutr. 
g^(n), gSnt^; nsb. masc. giner (gin^r), fem. gl, neutr. gi, glfnt^ Eisch, 
a. a. 0. S. 352, stellt nsb. ginar ohne weiteres zu int^ (enit). Das 
ssb. ^ müsste dann noch erklärt werden, etwa durch Beeinflussung 
Ton ^n9r (einer); vgl. übrigens ssb. hemt* (hemidi). Das Pronomen 
flektiert stark; flexionslos ssb. masc. und neutr. gä(n), nsb. neutr. gi; 
ssb. fem. g^n mit stetigem n weist auf flektierte Form zurück. 

b) sßlb. — Nur indeklinabel: zaelvest', zselfst'; nsb. dafür oft 
e*ejn (eigan). 

10. Indefinita. 

§ 61. a) man: dm, m. 

b) eoman, neoman: ssb. emast, -str; nemast^ -str, nsb. ämet^, 
-est'; näraet*, -est*. Bemerkenswert nsb. acc. näman (Wallendorf). 

c) eowiht, neowiht: 8est', nsest' (etwas, nichts); ssb. net', 
net^X« ^^^' ^^^^^ ^^^^ (nicht). In Mediasch (auch sonst?), im Anschluss 
an ja, j^t', positive Bildung zu net^ 

d) nihhein: ni/^nar, nixr; dihhein: nur nsb. k'aee (k'enar, k'aee, 
k*ent'). ssb. k'lmöl im Sprichwort Imöl, k'lmöl wohl kaum dialekt- 
gemäss. Zu nixr ist i'/r eine positive Bildung, wie jet zu n^t\ 

e) eogilih: »k*lijenar, Ik'Hjänar und (Marienburg) sek'ltsaßnts 
(eogillheines). 

f) eowedar: (ssb.?) äödrij^nes, idrijenas (allerlei). 

g) qui-, quod-, qualiscunque u. s. w.: mervl, mervat', 
mSrvatfiurenar u. s. w. 

h) hwelih, solih: vola(n), volenar; a-zo]a(n), a-z61enar. ssb. 
a-zpt'/n, a-zöt'xen^r, nsb. vat'x^r, a-zut'/ar sind wohl nicht dialekt- 
gemäss, sondern stehen unter nhd. Einfliiss. 



188 Andreas Scheiner, [132 

II. Die Zahlwörter. 

1. Kardinalzahlen. 

§ 62. a) ein, einer. — Bemerkenswert die Kürzung ^nar 
(^n^r) gegenüber ssb. i(n), nsb. »e. Das e ist nsb. auch in das neutr. 
^nt' gedrungen: ssb. masc. ßner, l(n), fem. in, neutr. i(n). Int*; nsb. 
masc. ^nar, sBe, fem. aee, neutr. Snt*, see. 

b) Analögische (?) Vokalkürzung nach dro^o* (3), dat. draenan 
zeigt im dat. (gen. existiert nicht) aueh tsyi(n), tsvö (allg. sb. zwä), 
tsvia: tsYsenan; nsb. ist in tsv^nantswintsix der kurze Vokal auch in 
den nom. eingedrungen. — ssb. dr^tssen, dröt^tsän, ssb. draetsa (13), 
tre^esi/, traesix (30). 

c) Das Zahlwort für 4 geht allgemein sb. auf *feor zurück, 

während in denen für 14 und 40 ein *fiur bezw. *fir drinnen steckt. 

d) Das Zahlwort 5 geht auf ''^finf zurück; in dem für 15 geht 

der erste Teil auf fünf *bezw. *füf zurück, nsb. auch in dem Zahl- 
wort für 50. 

e) Das Wort für 8 zeigt im Gegensatz zu denen für 18 und 80 
allgemein sb. umgelautete Form. 

f) Das Zahlwort 11 hat sich allgemein dem Zahlwort 12 an- 
geglichen. 

g) zehan in den Zahlen 13 bis 19 lautet ssb. -tsa(n), -ts^(n), 
nsb. -tsa. 

h) 20 heisst allgemein sb. tsvintsix (tswintsi/, tsbintsi/). Das i 
weist auf einen Laut zurück, der mit dem ünüaut -e zusammen- 
gefallen sein muss. 

i) 1000 lautet allgemein sb. mit t* an. 

A n m. Analog zwöne, zwä zeigt nsb. (in Wallendorf) auch beid§ Geschlechta- 
bezeichnung im Ausdruck tsa boBodn zaetn (zu beiden Seiten), vgl. tsvceo (zwä). 

2. Ordinalzahlen. 

§ 63. Allgemein sb. Trst' (eristo). Für 2., ohne Geschlechts- 
bezeid^nung, Ableitung von zwei, nsb. mit Kürzung des Vokals analog 
dreet^ (dritto). Die Bildung der übrigen Ordinalia betreffend, ist 
anzumerken, dass nsb. (WaUendorf) auch von 20 bis 90 an -tsix nur 
ein -t^ angehängt erscheint, sei es nach Analogie der Ordinalia bis 19, 
sei es, dass sich das s dem x assimiliert hat; dagegen hondrst^ (IOC), 
mit 8 (nicht etwa s). 

Anm. Von „anderen Zahlarten" sei hier erwähnt das allgemein sb» ge- 
bräuchliche ilsetsix (einluzzi). 

III. Zur Flexion der Verba. 

§ 64. Allgemeines. — Starke und schwache Verba sind im 
sb. noch scharf voneinander gesondert. 



133] ^^6 Mundart der Siebenbürger Sachsen. 189 

Unter den schwachen Verben wiederum hebt sich^ gleichsam 
als eine Mittelgruppe, ein Teil der alten -ja-Klasse bedeutend hervor 
durch den Rückumlaut, der im sb. um so grösseren Einfluss gewinnen 
musste, je weiter sich die Wirkungen des Umlauts erstreckten. That- 
sachlich bildet auch eine ganze Reihe von Verben, in denen gar kein 
Umlaut vorliegt, wie mhd. flicken, mhd. schicken, stricchen, sticchen, 
wie mhd. keren, das praet. mit analogischem Rückumlaut. — Die 
Anzahle der stark flektierenden Verben übersteigt im sab. 120, und 
im nsb. mag es sich nicht anders verhalten. Angemerkt seien hier 
bi-chllban^ dinsan, sml^^an (für kaum dialektgemässes werfan), und 
sab. kinan. '''drinsan in der Bedeutung „sich (gähnend) recken, strecken '^ 
flektiert schwach. — Der Verlust an starken Verben wird wohl auf- 
gehoben durch den Uebertritt von Verben aus der schwachen in die 
starke Klasse. Charakteristisch das gänzliche Fehlen des Verbums 
brinnan, das, wie brennen, durch mhd. brüejen ersetzt wird. — Die Ablauts- 
reihen des ahd. sind in der Mundart noch lebendig erhalten, nur die Stufen 
des sing, und pl. praet. sind in der oben § 49, Anm., angegebenen 
Art ausgeglichen. Erhalten hat sich der einstige Unterschied (von 
den praet. praes. abgesehen) in was, warum — vos, voran, soweit 
noch grammatischer Wechsel üblich ist (hauptsächlich in der Gegend 
von Reps, vereinzelt auch im Burzenland und im Nösnerland). Der 
Unterschied der beiden Präsensvokale ist nur in gewissen Fällen ver- 
wischt, im allgemeinen aber lebendig erhalten. — Von den Modis 
des ahd. ist der conj. praes. fast ganz verdrängt, lautlich durch den ind. 
praes., syntaktisch durch den conj. praet. Das part. praes. wird kaum 
anders als adverbiell gebraucht, dann aber entweder in der Verbindung 
mit al (nsb. mit olo) wie hoU. al doende, en faisant, vgl. Schmeller, 
Bayr. Wörterb. 2., II, Sp. 206, oder flektiert: göaenar, slöfsenar (im 
Oehen, im Schlafen). Das part. praet. wird zum mindesten von 
biliban, bringan, findan, fre:^:^an, queman, treffan, werdan (vgl. Paul, 
Grundr. I, 609), ohne gi- gebildet. Bildungen ohne gi-, besonders 
auch von Verben, die mit trennbarem Suffix zusammengesetzt sind, 
scheinen nsb. häufig jsu sein, was vielleicht mit dem nsb. beliebten 
Gebrauch des perf. als erzählenden Tempus zusammenhängt. — Ueber 
lautliche Beeinflussung des part. praet. durch das part. praes. vgl. § 33, 
Anm. 1, § 34, 6, und § 51. 

Anm. Was ich a. a. 0. S. 157 über Spuren des sogen. Gerundiums im 
sb. gesagt habe, ist wohl hinfällig. Der lautgesetzliche Schwund des -d- in 
der Endung des part. praes. (vgl. § 34, 6) hatte mich verleitet, in partizipialen 
Formen Spuren des Gerundiums zu sehen. Bildungen wiederum wie lüfds, fgas 
gehen wohl nicht auf louffannes, fähannes, sondern auf jüngere ^löfans, ^fgdns 
zurück. 

A. Endungen des Verbums. 

§ 65. Die I. sing, praes. (ind.) lautet bei allen Verben — 
ausser den praet. praes., dem Verbum v^oUen und ssb. bim — gleich 
dem inf. und der L, III. plur. 

Anm. 1. Dies gilt auch von den starken Verben, welche die beiden Präsens- 
vokale auseinanderhalten. 



190 Andreas Scheiner, [134 

Die II. sing, praes. und praet. geht ssb. bald auf s, bald auf 
st aus, nsb. (ausschliesslich?) auf st. Formen aufs scheinen besonders 
im Burzenland zu Hause zu sein. Wo die Endung s herrscht, folgen 
zuweilen auch die praet. praes. und das Yerbum wollen dieser Analogie, 
während dort, wo die Endung st herrscht, wenigstens scal und willn 
zweifellos das alte t behalten haben, während dies bei kan (kanst), 
wei; (weist), mao; (muost) zweifelhaft sein könnte. 

Die III. sing, praes. geht — abgesehen wiederum von den be- 
zeichneten Unregelmässigen - auf t aus. 

Die L, III. plur. praes. lauten gleich dem inf., dessen -(9)n den 
örtlichen Lautgesetzen unterworfen ist. 

Die II. pl. praes. geht auf t aus. 

Die I. , III. sing, praet. (ind. und conj.) sind endungslos; die 
Endungen des pl. praet. sind gleich denen des pl. praes. 

Ueber das part. praes. vgl. § 33, Anm. 1, § 34, 6, § 51 und § 64. 

A n m. 2. Die ssb. Endunff -sen wird der Endung der «movierten Feminina' 
gleich empfanden; so habe ich in mundartlich gefärbter Rede sprechen gehört: 
„dn bist so spöttelin** für ,du bist so spöttisch**, in der Mundart „t*9 bsBst'ezi 
ipgtlsen'*, d. h. spöttelnd. 

lieber einen gen. des inf. vgl. § 64, Anm. 

Das part. praet. der starken Verben endigt auf -(d)n; dort, wo 
das part. praet. auf -8en ausgeht (ssb.), dringt dieses se (a) auch in 
die Flexion des part. praet. Zum Beispiel gdbrödn; aber: 9 gabrodae 
faes, an gabrödsen doeof, da gabrödsen doeovn. 



B. Unregelmässige Verben. 

1. Praeteritopraesentia. 

§ 66. Syntaktisch haben die praet. praes. den conj. praes. auf- 
gegeben; dafür ist der Vokal des conj. nicht nur fast durchweg in 
den inf. und den pl. praes., sondern oft auch in den sing, praes. 
eingedrungen. 

a) wei^. — Das praet. geht auf ein mhd. wüste zurück. 

b) kan. — Der inf. *künnen, *kinnen ist mit chennen meist 
zusammengefallen. Auseinandergehalten werden die beiden Formen 
z.B. Wallendorf (nsb.): k^sen (mhd. künnen), k^an (chennen); ebenda 
ist der sing. ind. durch den sing. conj. verdrängt: k^sen gegenüber 
Bistritz k^6 (kan). Aus dem ssb. kenne ich keine konjunktivischen 
Formen für den sing, praes.; Grossschenk k*en hat sich, wie m^Q 
aus man, lautgesetzlich aus kan entwickelt (vgl. § 42). — Das praet. 
weist allgemein sb. auf kunda zurück. Das praet. ist zuweilen durch 
die entsprechende Form von chennen verdrängt, z. B. Grossschenk, 
wo kan nach den lokalen Lautgesetzen denselben Vokal als chennu 
entwickelt hat. — Wo die IL sing, überhaupt kein t kennt, lautet 
kanst <^ k'as, k*os, gegenüber sonstigem k'üst', k*ost*, Wallendorf 
k'aentst'. 



135] J^ie Mundart der Siebenbürger Sachsen. 191 

c) darf. — Das Wort lautet nsb. (allgemein? vgl. § 27) und 
stellenweise burzenl. mit d an , altl. mit t'. — Der Stammvokal des 
conj. hat das ganze praes. beeinfiusst; der inf. geht auf *dörfen zurück. 
Nur vereinzelt entspricht der sing, praes. älterem '''dorf, das übrigens 
auch den Vokal des conj., nur unumgelautet, enthält Das praet. 
geht bald auf durfta, bald auf dorfta zurück. — Die II. sing, geht 
nirgends auf blosses t aus: t^^rfs, t^erfst^ 

d) sal. — Der sing, praes. ist im allgemeinen vom conj. un- 
beeinflusst; nur nsb. zöl zeigt wohl, allerdings nicht umgelautet, den 
Vokal dieses Modus bezw. des plur. So findet sich burzenl. (Marien- 
burg) auch der inf. zöln, der sonst im allgemeinen auf *süln zurück- 
geht: ssb. zöln, nsb. zin. — Das praet. geht auf *solda zurück, doch 
fehlt allgemein sb. (nach Analogie des praes.?) das d, obwohl die 
Quantität des Stammvokals seine ehemalige Wirkung deutlich erkennen 
lässt: ssb. zül (vgl. § 10, 6). Interessant ist nsb. zul mit ü gegen- 
über zu erwartendem, diesem nach aber wohl jüngeren ö. — Dem 
nsb. zin (*süln) entspricht zun (mhd. solden), conj. zön. — Die 
n. sing, praes. geht im allgemeinen auf t aus: zolt\ und danach 
auch IL sing, praet. zülV, conj. zilt^ Wo die II. sing, kein t kennt, 
z. B. Marienburg, heisst es zolts, zAults. In Bodendorf, wo die regel- 
mässigen Verben diese Person auch ohne t bilden, dagegen zolt u. s. w. 
Dabei ist es zweifelhaft, ob in Marienburg das t vor dem s das alte, 
oder jüngeres „unorganisches^ t ist. 

e) muo:^. — Im allgemeinen ist der Vokal des conj. im ganzen 
praes. durchgedrungen, während das praet. auf muosta zurückgeht. 
Bemerkenswert, dass burzenl. auch das Umgekehrte stattfindet: dass 
im praes. *uo , im praet. *üe durchgeführt ist. — Wo das t der 
II. sing, auch bei den praet.-praes. entfernt ist, heisst es (z. B. Marien- 
burg) praes. mois, praet. moists. 

f) tar. — Das Wort findet sich sb. verhältnismässig oft, be- 
sonders im Südosten, aber auch ausserhalb des Burzenlandes. Es ist 
synonym mit darf und lautet wohl immer mit t^ an. Der Vokal des 
conj. ist durch das ganze praes. durchgeführt. Ein praet. findet sich 
nicht, dafür aber in Marienburg ein schwaches Verbum zi/ göt'Aisan 
(für gd'tAirsan) mit dem praet. gat*Aist'. Das Adjektiv gaflrsti/ (turstlg) 
ist ssb. sehr verbreitet. 

g) mag. — Dies Wort kenne ich in dialektgemässer Rede nicht. 

2. Das Verbum substantivum. 

§ 67. Die I. sing, praes., ssb. bsen , ban, ist nsb. durch die 
der L, III. plur. und dem inf. gleiche Form zae verdrängt. 

Die III. sing, lautet allg. sb. aes, as, ohne t. Einen conj. praes. 
giebt es syntaktisch nicht. Schema für das praes.: 

bin (sin), bis(t), is — sin, sit, sin. 

In imperativischem Gebrauch stehen, wenigstens ssb., .bis und 
Sit, wohl am häufigsten aber Formen, die mhd. sie, siet entsprechen 
und denselben Vokal wie bia zeigen (§ 13, 2). 



192 Andreas Scheiner, [136 

Anm. Die IL sing. imp. geht in gewissen Dialekten, z. B. nsb. , aber 
auch ssb. (z. B. in der Umgebung von Beps) auf ein f (v) aus; Mediasch zo'o' 
(bia>bo'o'), Beps zäf (b!a > bä), nsb. freilich mit kurzem Vokal: zöf. Dieses f 
erscheint auch im plur. vor t: z&ft' z5ftS sogar zobmzd (seien Sie!). Kisch, 
a. a. 0. S. 393, vermutet Analogiebildung nach hof!, imp. von habgn; es fragt 
sich, ob die Länge des ssb. Vokals nicht gegen bliese Annahme ist. 

Ein part. praes. giebt es sb. nicht. 

lieber den grammatischen Wechsel im praet. von wesan vgl. 
§64, § 9, 2. Mit dem grammatischen Wechsel hat sich auch der 
Wechsel des Vokals erhalten. Sonst ist dieser meist nach dem plur. 
ausgeglichen. Dagegen Grossschenk vor, vördn, gegenüber zu er- 
wartendem *viur, *viuran. 

Das part. praet. allgemein sb. gewest. 

3. gän, stän , tuon. 

§ 66. gän und stän flektieren so, als ob folgendes Schema vorläge : 

gän, geist, geit — gän, gät, gän. 

Anm. 1. Diesem Paradigma folgen auch slaban und tragan. hähan und 
fähan dagegen zeigen im inf. wie im ganzen praes. umgelautetes ä >> §. 

An gän und stän schliesst sich in der IL, III. sing, tuon an: 
duon, deist, deit — duon, duot, duon. 

Das praet. von gän (hähan, fähan) lautet allgemein sb. g^v 
(h^t), i^v) mit ^. V erscheint ssb. auch palatalisiert. Das auch nsb. 
erscheinende e deutet auf alte, noch vorsiebenbürgische , wohl mit 
Palatalisierung des v verbundene Kürzung eines i hin. — Das praet. 
von stän weist deutlich auf stuont zurück. Das n ist überall erhalten. — 
Das praet. von tuon zeigt allgemein sb. umgelautetes ä ]^ S. Laut- 
licher Zusammenfall von ind. und conj. praet. übrigens auch bei gän 
(hähan, fähan). 

Anm. 2. Die imp. lauten Mediasch got>k', stöhnt', dsea, hg, fe; die von 
gan und stän gehen also auf *gang, *stand zurück. Zu nsb. gik' (gang) mit i 
vgL § 11, 2, Anm. 2. 

4. Das Verbum „wollen". 

§ 69. Das praet. geht im allgemeinen mit dem praet. von sal 
zusammen. Abweichend Wallendorf völ (wolta) gegenüber zül (solta) 
VgL § 66, d. — Ueber nsb. inf. vsen vgl. § 21, Anm. 

5. neman, geban, queman, haben. 

§ 70. In allen sb. Mundarten erscheinen diese vier inf. ein- 
silbig, und zwar reimen neman und geban einerseits, queman und 
haben andererseits, neman und geban zeigen bis auf wenige, erklärbare 
Ausnahmen denselben Vokal als henna (henln ?), giwennen (giwenen?), 



137] I^iö Mundart der Siebenbürger Sachsen. 193 

dennen (denen?), die, nn vorausgesetzt, wohl nirgends mit chennen, 
rennen, pfenning zusammengehen: ni8(n), gi9(n); ni(n), gi(n), ne^e, 
ge*e. Vielerorts zeigt sich auch i, z. B. ßeps, Grossschenk: nin, gin; 
Mediasch und sonstiges ia ist dasselbe, wie in hia (he), tsvia (zwei), 
diar (der). 

Anm. nln, gin, mit kurzem t unter Einfluss der II., III. sing.? Oder 
hauptsächlich dort zu finden, wo nach Palatalisierung des n (nn) auch henna 
(henin) kurzes t zeigt? Vgl. § 40. 

queman und haben lauten allgemein sb. k^ü(n), hü(n) und reimen 
auf ana, fana (fona). 

Von neman, geban, queman lautet 

Sing. I. gleich dem inf. 

II. nist*, gist', k'ist' \ 1, . , 

III. nTt\ gltS kW ) »"«^«^^^^ s^- 

Plur. L, IIL gleich dem inf. 

IL zeigt ssb. denselben Vokal als der inf. ; von neman und geban 
aber nsb., trotz dem langen Vokal im inf., nßt', get (vgl. § 16, Anm. 2). — 
Kurze Vokale, wie sie IL, III. sing, zeigen, kommen im sb. sonst 
nur vor gewissen Lauten in ursprünglich oflFener Silbe vor. 

haben weist in den Personen, die nicht dem. inf. gleichlauten, 
den Vokal (ua u. s. w.), der für ä in oflFener Silbe vor b erscheinen 
müsste. In der IL pl. zuweilen, analog k*iit'(?), ein kurzes ü, hüt'. 

Im imp. erscheint bei allen vier Verben der Stammauslaut: 
m, f (v); dabei ist anzumerken, dass der imp. von queman überall (?) 
k^am lautet, dessen a sich nur auf Ö zurückführen lässt. 

Das part. praet. zeigt bei koman und geban den Vokal des inf. 
(ga)gian, k'un, bei haben ua: gahuaf; das part. praet. von neman 
schliesst sich entweder an das von koman an, zeigt aber auch das § 10, 2 
erwähnte iu, ui. Das praet. von haben geht auf *hatta zurück; zu 
bemerken ist, dass vor der Pluralendung n (*hattum, *hattun) sich ssb. 
(allgemein?) d, nsb. t findet. Sonst weist das praet. der vier Verben 
keinerlei Unregelmässigkeiten auf. 

6. sehan, giscehan, ziohan. 

§ 71. Die drei inf. lauten gleich. Von ziohan erscheint in der 
I., IL sing, praes. das '/ wieder. Im praet. ist bei allen dreien das 
g (y, x) durchgeführt. 

7. werdan. 

§ 72. Von werdan sind die Formen vit* (wirdit) und vet*, vöt' 
(wurdi) anzumerken. Entsprechend dem vTt' findet sich neben ge- 
wöhnlichem virst' Wallendorf vTst\ Marienburg vis. Das praet. hat 
in Wallendorf (nsb.) analog dem von sal und willu das auslautende t 
eingebüsst: vür. Desgleichen ist sein conj. durch den conj. praet. 
von willu verdrängt worden, wozu gewiss der Umstand mit beigetragen 
hat, dass die beiden conj. in dieser Mundart in einigen Personen 
gleichlauten mussten: vödn, ven (wurdin), ven (woltln). 



194 Andreas Scheiner, Die Mundart der Siebenbfiiger Sachsen. [138 

§ 73. Ik^B^ erscheint wohl überwiegend, nach der Qualität 
des Stammvokals zu schliessen jedoch erst in jüngerer Zeit, gekürzt: 
losn, allerdings auch losn (Wallendorf), was dann auf ältere Kürzung 
schliessen liesse. Doch sind anch Längen üblich, z. B. Grossschenk: 
liosn. — In ein und derselben Mundart können nebeneinander stehen: 
l^st, l^t (la^is, la^it) und lest^ let^ Auf ^lan weisen allgemein sb. 

die IIL sing, und 11. pL praes. let^ und löt^ zurück, während s sonst 
überall erhalten ist. 



® 

DIE 



REGENKARTE SCHLESIENS 



UND DER 



NACHBARGBBIETE; 



ENTWORFEN UND ERLÄUTERT 



VON 



D' JOSEPH JARTSCH, 

ORD. PBOFESSOB DES EBDKÜNDE AN DER UNIVERSITÄT BRESLAU. 



MIT EINER KARTE. 



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STUTTGART. 
VERLAG VON .T. ENGELHORN. 

1895. 



Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschatt in Stattgait. 



Inhalt. 



Vorbemerkung 199 [6] 

I. Die Grundlagen der Karte 202 [8] 

IL Der Inhalt der Karte 217 [28] 

III. Die Grenzen des Wertes der Karte 223 [29] 

IV. Die Verwertung der Regenkarte 230 [36] 



Vorbemerkung. 



Wer es unternimmt, die Natur und das auf ihrer Grundlage er- 
wachsene Kulturleben eines deutschen Landes eingehender zu schildern, 
der steht vor der Wahl zwischen zwei Wegen. Er kann entweder 
alles Wissenswerte, was die Einzelforschung über sein Arbeitsgebiet 
festgestellt hat, möglichst erschöpfend zusammendrängen zu einem 
encyklopädischen Werke, das dem Nachschlagenden verlässliche Aus- 
kunft giebt auch über Einzelheiten, über jedes Vorkommen eines 
Gesteins, jede meteorologische Station, jede Erscheinung der Fauna 
und Flora. Oder er kann es vorziehen, dem gebildeten Leser in ab- 
gerundeter, flüssig lesbarer Darstellung ein Bild der wesentlichen That- 
sachen aus der Entwickelungsgeschichte und dem gegenwärtigen Zustand 
des Landes zu geben, ein Bild, das so lebendig und so vollständig, 
wie es in einem Geiste ausgereift ist, als Ganzes unmittelbar wieder 
erfasst werden kann von einem anderen. Den ersteren Weg hat Fr. 
Regel in ganz einzig dastehender Weise betreten in seinem inhalt- 
reichen geographischen Handbuch Thüringens. Mich verwiesen für 
Schlesien auf den zweiten nicht nur äussere Umstände, die Grösse und 
Mannigfaltigkeit des Gebietes, die grosse Ungleichmässigkeit seiner 
Erforschung, sondern auch Gründe, die in mir selber lagen: das Fehlen 
einer so speziellen und so allseitigen naturwissenschaftlichen Kenntnis, 
wie sie Regel besitzen muss, aber auch die bestimmte Neigung, das 
geographische Gesamtbild meiner Heimat nicht nur für den gelehrten 
Forscher, sondern für jeden gebildeten Mann, der an ihr Interesse 
nimmt, so verständlich und so anziehend zu entwerfen, wie es meine 
bescheidene Kraft überhaupt vermag ^). 

Die Vorarbeiten werden auch bei Werken, die ihr Ziel in dieser 
Weise auffassen, nicht minder tiefgehend sein dürfen, wenn ihr Er- 
gebnis auf eine Wirkung von einiger Dauer sich Hoffnung machen 
will. Nur kommen sie nicht in so vollem Umfange zur Erscheinung, 

^) Schlesien. Eine Landeskunde für das deutsche Volk auf wissenschaft- 
licher Grundlage bearbeitet. Leipzig und Breslau, F. Hirt. 2 Bände. Der erste 
erscheint 1895. 



200 Joseph Partsch, Tg 

'wie in einem stoflfreichen Nachschlagewerk mit reichen Quellennach- 
weisen. Die meisten bleiben für immer geborgen in dem Schreibtisch, 
auf dem sie in Jahren stiller Arbeit entstanden sind. 

Dennoch fällt die Rechtfertigung nicht schwer, wenn ich mit einer 
solchen Vorarbeit eine Ausnahme mache, wenn ich wage, die Nieder- 
schlagskarte Schlesiens und seiner Nachbarschaft in vollständigerer Aus- 
führung, als sie in meine Landeskunde aufgenommen werden kann, 
mit einer Erläuterung ihrer Grundlagen, ihres Inhalts und ihrer Ver- 
wertbarkeit der Oeflfentlichkeit vorzulegen. Es ist der erste Versuch 
einer genaueren Darstellung der räumlichen Verteilung der Niederschläge 
in diesem ganzen Gebiete zwischen dem böhmischen Elblauf und der 
Warthe, von der oberen Weichsel bis an die Spree. Die übersichtliche 
Skizze dieses Landstrichs auf Erümmels Regenkarte des Deutschen Reichs 
konnte nur auf eine sehr kleine Zahl von Beobachtungsorten sich 
stützen, und auch deren Ziffern für die Regenhöhe forderten bisweilen 
eine Kritik heraus, die im Texte mehr als im Kartenbilde selbst zu 
ihrem Rechte gelangte ^). Speziellere Regenkarten sind seither nur 
für das Quellgebiet der Oder bearbeitet worden, 1881 von Josef Riedel 
auf Grund fün^ähriger Beobachtungen (1876—1880) der Stationen Oester- 
reichisch-Schlesiens (1: 1000 000) 2), 1889 von Karl Kolbenheyer für 
eine zehnjährige Periode (1876—1885), auf welche auch die Ergebnisse 
einiger kürzeren Beobachtungsreihen reduziert wurden^). Bei der 
Regenkarte Böhmens^ welche auf Grund eines besonders umfangreichen 
Materials Studnicka entwarf, ist eine derartige Zurückführung aller 
Reihen auf dieselbe Periode nicht vorgenommen worden*). Aber binnen 
kurzem wird eine streng auf die fünfzehnjährige Periode 1876 — 1890 
begründete Regenkarte Böhmens (1:1150000) von Vasa Ruvarac er- 
scheinen in den Untersuchungen über Flüsse, welche Penck, Gavarzi, 
Förster und Ruvarac vorbereiten für das 6. Heft des V. Bandes von 
Pencks Geographischen Abhandlungen. Gegenüber dieser eifrigen Ar- 
beit in den österreichischen Nachbargebieten, deren Gesamtheit Hanns 
klassische Untersuchung der Regen Verhältnisse von Oesterreich-Ungarn 
beherrschend überschaut^), aber auch gegenüber der eindringenden 
Behandlung der Niederschlagsverhältnisse Mitteldeutschlands, die R. Ass- 
mann im ersten Band dieser Sammlung geboten hat ^), schien die Provinz 
Schlesien durch das Fehlen einer zusammenfassenden Darstellung der 
ihr zufallenden Niederschlagsmenge so unverantwortlich weit zurück- 
zustehen, dass beim Herantreten an die Aufgabe einer Landeskunde 



*) R. Andrea und 0. Peschel, Physikalisch-statistischer Atlas des Deut- 
schen Reiches. Leipzig und Bielefeld 1879. 

') Jos. Riedel, Die Wasserverhältnisse in Schlesien. Wien 1881. 

') K. Kolbenheyer, Die klimatischen Verhältnisse des Herzogtums Schle- 
sien. Dritter Teil. Niederschlags Verhältnisse. Mitteil. d. k. k. geogr. Ses. XXXII. 
Wien 1889, S. 270—311, Taf. XVII— XIX. 

*) F. J. Studnicka, Grundzüge einer Hyetographie des Königr. Böhmen. 
Prag 1887. Archiv für Landesdurchforschung von Böhmen, VI., 3. 

*) Sitzungsber. der kaiserl. Akademie d. Wiss., math.-naturw. Kl. LXXX., 3. 
1879 Okt. 

^) Der Einfluss zur Gebirge auf das Klima von Mitteldeutschland. For- 
schungen zur deutschen Landes- und Volkskunde, I. Heft 6. Stuttgart 1886, S. 311 — 388. 



7] Die Regenkarte Schlesiens und der Nacbbargebiete. 201 

dieses Gebietes die eingehendere Beleuchtung dieser Seite seiner klima- 
tischen Ausstattung unerlässlich wurde. 

Wohl zog mir, wie ein Schatten, die Erinnerung an die Ver- 
sicherung eines lieben Freundes durch den Sinn, dass derartige Arbeiten 
überhaupt nur von spezieUen Berufsmeteorologen angegriffen werden 
dürften. Mit Freuden hätte ich einem solchen die hier zu leistende 
Aufgabe überlassen. Aber da thatsächlich kein Würdigerer sich ihrer 
annahm, musste ich wohl oder übel es selber versuchen. Ich werde 
mich von Herzen freuen, wenn bald ein anderer es besser macht. 

Si quid novisti rectius istis, 
Candidus imperti; si non, bis utere mecum. 



I Die Grundlagen der Karte. 

Niederschlagskarten eines unebenen Landes können eine be- 
friedigende Annäherung an das Bild der Wirklichkeit nur erreichen^ 
wenn das Netz ihrer Kurven auf einer sehr dichten Pfeilerstellung^ 
von Beobachtungsorten ruht. Für die Erfüllung dieser Vorbedingung^ 
hat man in Schlesien erst seit dem Frühling 1887 grössere Anstrengungen 
gemacht. Im Laufe des April, Mai und Juni jenes Jahres traten za 
den 15 Stationen, an denen mehrere meteorologische Elemente beob- 
achtet wurden, 200 Regenstationen hinzu, deren Ergebnisse monatlich 
im „Feierabend des Landwirts', vollständiger in kritischer Bearbeitung 
später in den Veröffentlichungen des Preussischen Meteorologischen 
Instituts zusammengestellt werden. Als dieses Beobachtungsnetz 5 Jahre 
seiner Thätigkeit durchmessen hatte, konnte man versuchen, eine erste 
Gesamtübersicht über die Niederschlagsverteilung des Landes zu ge- 
winnen. Zwar war dieser Zeitraum viel zu kurz, um für alle Orte 
sichere absolute Mittel der Niederschlagsmenge zu erlangen, aber die 
Abstufung der Niederschlagsverteilung von Landschaft zu Landschaft, 
vom Gebirge zum Hügelland und zur Ebene, also das relative Ver- 
halten der einzelnen Landesteile musste nun schon recht gut erkennbar 
sein. Dieser Aufgabe unterzogen sich gleichzeitig, ohne voneinander 
Kenntnis zu haben, eine Abteilung der Kgl. Oderstrombauverwaltung 
unter Leitung des Herrn Regierungsbaumeister Ehlers und der Verfasser, 
nur mit dem kleinen Unterschiede, dass die Oderstrombauverwaltung 
die fünfjährige Periode mit dem Mai, der Verfasser, um noch für einige 
erst später in Wirksamkeit getretene Stationen eine volle Reihe zu 
haben, erst mit dem Juni 1887 beginnen liess. Immerhin erleichterte 
der Vergleich der beiden selbständig durchgeführten Arbeiten nun die 
sichere Ausmerzung aller Rechenfehler. Auch die Zusammenfassung 
der Ergebnisse in kartographischer Uebersicht ward von beiden Seiten 
selbständig durchgeführt. Dabei ergab sich unmittelbar die Notwendig- 
keit, über die Grenzen der Provinz hinauszugehen. Waren für das 
Königreich Sachsen und für die preussischen Nebenprovinzen, auch 
für eine Reihe Stationen der österreichischen Zentralanstalt für Meteoro- 
logie die Monatssummen schon von der Oderstrombauverwaltung zu- 
sammengestellt und dem Verfasser zu eigener Verwertung freundlichst 



91 Joseph Partsch, Die Regenkarte Schlesiens und der Nachbargebiete. 203 

übergeben worden, so schien es diesem unerlässlich, auch das dichtere 
selbständige Netz der Regenbeobachtungen der österreichischen Nachbar- 
länder mit heranzuziehen. Das wurde erleichtert durch die vortreffliche 
Anordnung der Publikationen: 

Berichte der meteorologischen Kommission des Naturforscfaenden 
Vereins in Brunn. VII— XII. Brunn 1889—1894. 

Ergebnisse der ombrometrischen Beobachtungen in Böhmen. Heft 1 
bis 4 (1889 — 1892). Prag (Technisches Bureau des Landeskultur- 
rates). Die älteren Jahrgänge minder vollständig in Abhand- 
lungen der Böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften, mathem.- 
naturw. Klasse. 

Bei der Beschaffung dieses Materials haben mich liebenswürdig 
unterstützt die Herren Prof. v. Niessl (Brunn), A. Nemec, Vorstand 
des technischen Bureaus des Landeskulturrats (Prag) und Förster Bascbe 
(Trckadorf, Böhmen). Auch Herr Prof. Dr. Victor Kremser vom königl. 
Institut in Berlin hat einen langen Fragebogen mit vielen Einzelheiten 
in unermüdeter Geduld erledigt. Ihnen allen auch an dieser Stelle 
wärmsten Dank! 

So ergab sich für das in Betracht gezogene Gebiet, welches Sachsen 
bis zur Spree, die Provinz Posen bis zur Warthe, die diesen Grenzen 
entsprechenden Teile der Mark, ferner Böhmen bis an die Elbe und 
Adler, Mähren bis an die March und Beczwa mit umfasste, ein reiches 
Netz von 527 verwendbaren Stationen. Für sämtliche wurde das Jahres- 
mittel des Niederschlags genau für den gleichen Zeitraum (Juni 1887 
bis Mai 1892) berechnet; unvollständige Reihen wurden unter An- 
lehnung an Nachbarstationen — aber nie durch einfache Entlehnung 
der dortigen Beobachtungen, sondern immer in strenger Proportions- 
rechnung — auf denselben Zeitraum reduziert. Die Uebersicht der 
Resultate wurde ohne Rücksicht auf die Landesgrenzen so geordnet, 
wie es zum Gebrauche für hydrographische Arbeiten am zweck- 
dienlichsten schien. 

Dabei wurden folgende Wassergebiete unterschieden: 

A. Weichselgebiet. ™^^«^) stauonen 

Weichselgebiet bis zur Mündung der Przemsa . . 3173 11 

Oesterreichischer Anteil 4 

Preussischer Anteil 1217 7 

Russischer Anteil — 

B. Odergebiet. 

I. Quellgebiet der Oder bis zur Olsamündung . . . 5824 36 

Unmittelbares Zuflussgebiet 1832 12 

Ostrawitza (Station 32—39) 785 8 

Olsa (Station 43-47) j • • 1124 5 

Oppa (Station 21-31) 2082 11 

^) Nur für den Anteil der Provinz Schlesien an den Wassergebieten von 
Elbe und Weichsel wurden besondere planimetrische Ausmessungen auf den Mess- 
tischblättem vorgenommen. Die anderen Flächenangaben sind amtlichen Quellen 
entlehnt. 



204 Joseph Partsch, [10 

Fläche cf«fj„-«-, 

qkm Stationen 

II. Oberes Gebiet der schlesischen Oder bis oberhalb 

der Mündung der Glatzer Neisse 7679 34 

unmittelbares Zuflussgebiet 2775 13 

Klodnitz (Station 61—66) 1093 6 

Malapane (Station 73—79) 2088 7 

Zinna (Station 48—52) 705 5 

Hotzenplotz (Station 69—71) 1018 3 

III. Mittleres Gebiet der schlesischen Oder bis zur 

Mündung der Katzbach 16034 111 " 

Unmittelbares Zuflussgebiet bis Breslau 995 4 

, „ unterhalb Breslau 1135 4 

Stober (Station 132—137) 1602 6 

Weide (Station 164—169) 1760 6 

Glatzer Neisse (Station 82-131) . ' 4534 50 

Ohle (Station 141—145) 989 5 

Lohe (Station 147—148) 981 2 

Weistritz (Station 149—163) 1786 15 

Katzbach (Station 174—192) 2252 19 

IV. Unteres Gebiet der schlesischen Oder bis zur Mün- 
dung der Faulen Obra 8618 19 

Unmittelbares Zuflussgebiet bis zur Mündung der Bartsch 962 4 

„ :) » I. * des Landgrabens 1090 4 

, „ „ , , der Faulen Obra 1040 2 

Bai-tsch (Station 197-205) 5526 9 

V. Märkische Oder bis zur Mündung der Warthe . . 14158 83 

Unmittelbares Zuflussgebiet bis zum Bober 1113 2 

, ^ „ „ Müllroser Kanal . . 1834 — 

f »I, zur Warthemündung . . 1041 1 

Bober (Station 214—265) 5938 52 

Lausitzer Neisse (Station 266—293) 4232 28 

VI. Obragebiet *. 6920 2 

VIL Warthe 2 

G. Elbegebiet. 

I. Quellgebiet derElbe bis Josefstadt (Station 299-328) 1830 30 

II. Gebiet derElbe von Josefstadt bis Melnik mit Aus- 
schluss des Moldaugebietes (28140) 11890 95 

Unmittelbares Zuflussgebiet 7550 40 

Adler (Station 340—366) 2040 27 

Iser (Station 391—418) 2300 28 

IIL Gebiet der Elbe von Melnik bis zur sächs. Grenze 9490 42 

Unmittelbares Zuflussgebiet 1710 18 

Pölzen (Station 441—463) 1140 23 

Eger 5590 — 

Biela 1050 1 

IV. Norddeutsches Elbegebiet 17 

Schlesischer Anteil (Station 477—479, 487-491) . . . c. 1930 8 

Sächsischer Anteil 9 

D. Donaugebiet. 

I. Gebiet der March oberhalb Kremsier 37 

March (Station 492—510) 19 

Beczwa (Station 511-526) 16 

Bistricka (Station 527-528) 2 



11 1 I)ie Regenkarte Schlesiens und der Nachbargebiete. 205 

\r Station Meeres- Geogr. Geoßr. ?^^^' -Tährl. 
Ar. Station ^^^^ ^ ^.^^s^ «eugr. achtungs- Regen- 
monate menge mm 

A. Weichselgebiet. 

1. Weichsel 433 18° 52' 49° 39' 60 1070 

2. Schwarzwasser ... 254 18° 46' 49° 55' 60 710 

3. Lonkau-Paszek ... 247 18° 55' 49° 57' 38 c 735 

4. Bielitz 344 19° 3' 49° 49' 59 " 964 

5- Pless 248 18° 56' 49° 59' 60 781 

ö- Kobier 255 18° 57' 50° 3' 88 c. 830 

7. Alt-Berun 240 19° 6' 50° 6' 60 762 

8. Marthahütte -Kattowitz 264 19° 2' 50° 16' 59 (j85 

9. Emmanuelsegen ... 325 19° 3' 50° 2' 60 749 

10. Myslowitz 255 19° 8' 50° 15' 60 763 

11. Saybusch 343 19° 12' 49° 41' 60 918 



B. Odergebiet. 
I. 



12. Drömsdorf 524 

13. Bautsch 512 

14. Wigstadl 473 

15. Odrau 341 

16. Pohl 277 

17. Zauchtel 278 

18. Neutitschein .... 294 

19. Gross-Olbersdorf . . . 250 

20. Freiberg 276 

21. Gabel 762 

22. Alt-Reihwiesen . . . 725 

23. Breitenau 4«6 

24. Jägemdorf 336 

25. Bleischwitz . . . . 310 

26. Troppau 1 286 

27. , II 280 

28. Janowitz 611 

29. Olbersdorf 637 

30. Buchhütte 600 

81. Deutsch-Krawam . . 240 

32. Salaika 722 

33. Barani 654 

34. Ostrawitz 427 

35. Podolanky 686 

36. Czeladna 503 

37. Friedland 358 

38. Ober-Morawka ... 485 

39. Mährisch-Ostrau ... 219 

40. Peterswald 280 

41. Oderberg 199 

42. Annaberg 200 

43. Istebna 600 

44. Jablunkau 381 

45. Teschen 308 

46. Jastrzemb 265 

47. Olsau 195 



48. Leobschütz 269 

49. Soppau 295 

:50. Bauerwitz 235 



17° 31' 


49° 


42' 


50 


862 


17° 37' 


49° 


48' 


60 


785 


17° 45' 


49° 


47' 


60 


703 


17° 50' 


49° 


40' 


60 


786 


17° 50' 


49° 


35' 


52 


611 


17° 56' ■ 


49° 


39' 


60 


641 


18° 0' 


49° 


35' 


60 


758 


18° 3' 


49° 


4.5' 


60 


631 


18° 8' 


49° 


38' 


60 


770 


17° 16' 


.50° 


4' 


60 


1190 


17° 20' 


50° 


13' 


33 


1136 


17° 30' 


50° 


4' 


29 


1075 


17° 42' 


50° 


5' 


43 


661 


17° 46' 


50° 


5' 


54 


630 


17° 54' 


49° 


56' 


56 


667 


17° 54' 


49° 


56' 


60 


657 


17° 15' 


49° 


57' 


43 


c. 900 


17° 20' 


49° 


54' 


48 


c. 925 


17° 34' 


49° 


50' 


43 


790 


18° 1' 


49° 


56' 


60 


678 


18° 25' 


49° 


26' 


60 


1162 


18° 29' 


49° 


28' 


48 


c. 1093 


18° 23' 


49° 


33' 


60 


1276 


18° 21' 


49° 


29' 


60 


1235 


18° 20' 


49° 


33' 


60 


1226 


18° 22' 


49° 


35' 


60 


1075 


18° 30' 


49° 


36' 


60 


1307 


18° 17' 


49° 


50' 


58 


717 


18° 24' 


49° 


50' 


60 


766 


18° 20' 


49° 


55' 


52 


511! 


18° 19' 


49° 


55' 


37 


727 


18° 54' 


49° 


34' 


60 


909 


18° 46' 


49° 


34' 


60 


1002 


18" 38' 


49° 


45' 


60 


950 


18° 34' 


49° 


57' 


60 


787 


18° 21' 


49° 


57' 


60 


762 


II. 










17° 50' 


50° 


12' 


60 


722 


17° 46' 


50° 


9' 


60 


720 


17° 59' 


50° 


10' 


60 


708 



206 






Joseph Partech, 






[12 


Nr. Station f^^'^ 


Geogr. 
Länge 


Geogr. 
Breite 


Beob- 

aehtungs- 

monate 


Jährl. 
Regen- 
menge nun 


51. Woinowitz 220 


18° 9' 


60° 3' 


55 


690 


52. Eatscher 


f 1 




. 220 


18° 0' 


50° 5' 


60 


665 


53. Ratibor . . . 


1 




. 197 


18° 13' 


50° 6' 


60 


708 


54. Sohrau . . . 


« 




250 


18° 42' 


50° 3' 


49 


0.780 


55. Poppelau . 


■ 




. 258 


18° 31' 


50° 3' 


60 


743 


56. Rybnik . . . 


p 1 




. 240 


18° 33' 


50° 6' 


60 


704 


57. GroBS-Rauden , 


4 




. 205 


18° 27' 


50° 12' 


58 


767 


58. Dziergowitz 


* 




. 179 


18° 17' 


50° 14' 


59 


685 


59. Pilchowitz . 


• 




. 225 


18° 34' 


50° 13' 


60 


748 


60. Kieferstädtel . 


1 




. 230 


18° 32' 


50° 16' 


60 


768 


61. Mokrau . . 






. 290 


18° 51' 


50° 11' 


60 


698 


62. Beuthen 0. S. 


• 




. 291 


18° 55' 


50° 21' 


60 


710 


63. Zabrze . . 


■ 




. 256 


18° 47' 


50° 19' 


59 


735 


64. Gleiwitz . . 






. 220 


18° 40' 


50° 18' 


59 


705 


65. Peiskretacham 


• 




. 226 


18° 38' 


50° 24' 


60 


695 


66. Ujest . . . 


• 




. 200 


18° 21' 


50° 23' 


60 


767 


67. Gnadenfeld 


t 




. 237 


18° 3' 


50° 15< 


60 


712 


68. Cosel . . . 






. 172 


18° 8' 


50° 20' 


58 


676 


69. Neustadt 0. S. 


i 




265 


17° 35' 


50° 19' 


56 


690 


70. Ober-Glogau . 






202 


17° 52' 


50° 21' 


60 


635 


71. Ztilz . . . 


1 1 




. 208 


17° 40' 


50° 23' 


59 


607 


72. Oppeln . . 






. 175 


17° 55' 


50° 4' 


59 


700 


73. Woißchnik . . 


« 




, 340 


19° 4' 


50° 35' 


31 


805 


74. Karlshof, . 


B 




300 


18° 52' 


50° 27' 


60 


765 


75. Tworog . . . 






. 251 


18° 43' 


50° 32' 


60 


729 


76. Lublinitz . 






262 


18° 41' 


50° 40' 


59 


669 


„„ fRzendowitz . 
''•\Glowczütz . . 


• 




260 


18° 27' 


50° 45' 


13\ r:^ 


1 nt /> 


• 




260 


18° 31' 


50° 44' 


4jj 54 71D 


78. Malapane . . 


4 




184 


18° 13' 


50° 41' 


60 


707 


79. Gro88-Strehlitz 


i 




. 230 


18° 18' 


50° 31' 


60 


743 


80. Proskau . . . 


■ 




175 


17° 52' 


50° 35' 


54 


678 


81. Golschwitz . . 


1 


t • • 


145 


. 17° 45' 


50° 47' 


55 


578 


82. Glatzer Schneeberg . . 1217 


IlL 
16° 50' 


50° 12' 


60 


1217 


83. Thanndorf 820 


16° 46' 


50° 10' 


33 


c. 1000 


84. Neu-Neissbach 


. . 650 


16° 45' 


50° 9' 


21 


865 


85. Mittelwalde . 


. . . 453 


16° 40' 


50° 9' 


57 


882 


86. Lauterbach . . 


. . 460 


16° 43' 


50° 11' 


60 


894 


87. Rosenthal . . 


. . . 415 


16° 38' 


50° 11' 


59 


842 


88. Ebersdorf . . 


. . . 429 


16° 41' 


50° 13' 


60 


774 


89. Lichtenwalde . 


. . . 510 


16° 36' 


50° 14' 


60 


989 


90. Brand . . . 


. . . 792 


16° 33' 


50° 17' 


60 


770 


91. Habelschwerdt 


. . . 365 


16° 39' 


50° 18' 


60 


700 


92. Seitenberg . . 


. . . 500 


16° 53' 


50° 17' 


49 


c. 870 


93. Stadt Landeck 


. . . 434 


16° 53' 


50° 21' 


60 


896 


94. Ullersdorf . . 


. . . 346 


16° 44' 


50° 22' 


60 


714 


95. Grunwald . . 


. . . 868 


16° 23' 


50° 20' 


60 


1211 


96. Bad Reinerz 


. . . 560 


16° 24' 


50° 24' 


60 


983 


97. Karlsberg a. H. 


. . . 753 


16° 20' 


50° 28' 


60 


950 


98. Glatz .... 




. 286 
. 570 


16° 39' 
16° 14' 


50° 47' 
50° 41' 


60 
31 


674 


99. Görbersdorf . . 




880 


100. Friedland, Kr. Waldenb. 506 


16° 11' 


50° 40' 


60 


836 


101. Ruppersdorf 


» 


1 • 1 


500 


16° 15' 


50° 38' 


60 


[982] ') 



^) Bei den in eckigen Klammern gesetzten Ziffern waltet trotz Vollständig- 
keit der Beobachtungen eine gewisse, aber wohl nirgends den Betrag von 1 cm 



13] 



Die Regenkarte Schlesiens und der Nachbargebiete. 



207 



Nr. 



Station 



02. Braunau . . . 

03. Barzdorf . . 

04. Hausdorf . . 

05. Neurode . . . 

06. Wünschelburg 

07. Schlegel. . . 

08. Wartha . . . 

09. Weigelsdorf . 

10. Silberberg . . 

11. Frankenstein . 

12. Camenz . . . 

13. Reichenstein . 

14. Patschkau . . 

15. Waldeck . . 

16. Krebsgrund 

17. Ottmachau . . 

18. Barzdorf. . . 

19. Rothwasser. . 

20. Weidenau . . 

21. Ramsau . . . 

22. Blauer Stollen 

23. Freiwaldau. . 

24. Niklasdorf . . 

25. Zuckmantel 

26. Ziegenhals . . 

27. Polnisch- Wette 

28. Leuppusch . . 

29. Löwen . . . 

30. Tillowitz . . 

31. Falkenberg . 

32. Rosenberg . . 
83. Ereuzburg . . 

34. Schönfeld . . 

35. Eonstadt . . 

36. Carlsruhe 0. S. 

37. Sausenberg 

38. Brixy .... 

39. Eonradswaldau 

40. Gross-Leubusch 

41. Münsterberg . 

42. Strehlau. . . 
48. Gauersch . . 

44. Erummendorf. 

45. Ohlau . . . 

46. Breslau . . . 

47. Nimptsch . . 

48. Bohrau . . . 

49. Charlottenbrunn 

50. Schweidnitz . 

51. Ober-Peilau 

52. Ober-Langenbielau 

53. Reichenbach . 

54. Zobtenberg 

55. Zobten . . . 



Meeres- 
höhe m 

410 
450 
520 
400 
380 
400 
274 
405 
450 
270 
240 
345 
228 
682 
362 
210 
257 
345 
240 
740 
559 
495 
884 
415 
285 
268 
178 
150 
170 
160 

210 
185 
180 
165 
160 
200 
143 
160 
135 
204 
165 
280 
.190 
137 
115 
220 
140 
495 
230 
804 
290 
270 
708 
200 



Geogr. 
Länge 

16^ 20' 
16° 22' 
W 31' 
16^ 30' 
W 24' 
16° 33' 
W 45' 
16° 38' 
16° 40' 
16° 49' 
16° 53' 
16° 53' 
17° 1' 
16° 56' 
17° 0' 
17° 11' 
17° 6' 
17° 12' 
17° 12' 
17° 4' 
17° 14' 
17° 12' 
17° 18' 
17° 24' 
17° 23' 
17° 21' 
17° 21' 
17° 37' 
17° 40' 
17° 37' 



19° 20' 
18° 13' 
18° 3' 
18° 3' 
17° 50' 
18° 15' 
17° 28' 
17° 24' 
17° 32' 
17° 3' 
17° 4' 
17° 9' 
17° 10' 
17° 18' 
17° 2' 
16° 50' 
16° 59' 
16° 21' 
16° 30' 
16° 45' 
16° 38' 
16° 39' 
16° 48' 
16° 45' 



t* 



Oeogr. 
Breite 

50° 35' 
50° 31' 5" 
50° 38' 
50° 35' 
50° 30' 
50° 33' 
50° 80' 
50° 39' 
50° 35' 
50° 35' 
50° 31' 
50° 27' 
50° 28' 
50° 22' 
50° 25' 
50° 28' 
50° 25' 
50° 20' 
50° 22' 
50° 12' 
50° 11' 
50° 14' 
50° 17' 5 
50° 16' 
50° 19' \ 
50° 23' / 
50° 43' 
50° 45' 
50° 35' 
50° 38' 

53° 48' 
50° 58' 
51° 4' 
50° 1' 
50° 54' 
50° 50' 
50° 52' 
50° 48' 
50° 55' 
50° 36' 
50° 47' 
50° 38' 
50° 48' 
50° 57' 
51° r 
50° 48' 
50° 53' 
50° 44' 
50° 51' 
50° 41' 
50° 71' 
50° 44' 
50° 52' 
50° 54' 



Beob- 

achtungs- 

monate 

60 
60 
60 
42 
59 
50 
60 
60 
60 
47 
57 
46 
60 
60 
60 
60 
60 
60 
60 
60 
60 
60 
60 
33 

59 

59 
60 
53 
60 

60 
57 
60 
59 
60 
60 
60 
60 
60 
50 
59 
43 
46 
55 
60 
60 
60 
60 
60 
60 
54 
57 
46 
60 



Jährl. 
Regen- 
menge mm 

834 
[925] 

740 

700 

720 
c. 691 
c. 700 

831 

811 
c. 665 

673 

807 

712 

998 

802 

667 

825 

858 

647! 

886 
1126 

882 

915 
c. 1000 

825 

655 
639 
626 
659 

678 

635 

664 

646 

713 

676 

608 

621 

645 
c. 675 

622 
c. 700 

757 

656 

618 

626 

667 

891 

673 

672 

713 

680 

882 

722 



erreichende Unsicherheit, weil von diesen Stationen Böhmens für 1887 nur die 
Jahressumme, nicht die Einzelsummen der Monate vorlagen. 



208 



Nr. Station J**"*»- 

156. Kanth 140 

157. Nieder-Hermsdorf . . 455 

158. Waidenburg .... 435 

159. Ober-Jialzbrunn . . . 417 

160. Freiborg 2^0 

161. Striegau 220 

162. Ossig 175 

163. Lissa 12t> 

164. Ober-Stradam . . . . 185 

165. Schmograa 162 

166. Reichthal 165 

167. Ellsruth 143 

168. Bemstadt 1.3^ 

169. Hundsfeld 122 

170. Obemigk 170 

171. Dyhemfurth .... 110 

172. Frankenthal .... 130 

173. Neumarkt 130 

174. Ketfichdorf 450 

175. Kautfung 375 

176. Schonau 265 

177. Willenberg 369 

178. Goldberg 225 

179- Köhrädorf 322 

180. Bolkenhain . . . c. 325 

ISl. Bömehen 270 

182. 8iebenhufen .... 310 

183. Jauer 190 

184. Willmannsdorf ... 400 

185. Falkenhain 290 

186. Probsthain 265 

187. Dorf Gröditzberg . . 265 

188. Lobendau 150 

189. Liegnitz 129 

190. Wahlstatt 170 

191. Neurode (Kreis Lüben) 165 

192. Parchwitz 119 

193. Lüben 143 

194. Steinau a. 90 

195. Polnischdorf .... 112 

196. Koben 80 

197. Gross -Wartenberg . . 170 

198. Suschen 130 

199. Festenberg 180 

200. Militsch 120 

201. Sulau 100 

202. Trebnitz 185 

203. Trachenberg .... 90 

204. Hermstadt 80 

205. Winzig 180 

206. Guhrau 87 

207. Reinberg 75 

208. Brostau 77 

209. Fraustadt 103 

210. Alte Fähre 60 

211. Loos 145 



Joseph Partscb, 






[14 


5- i}*'OgT. 


Geogrr. 
Breite 


Beob- 
achtimgs- 


Jähri. 
Regen- 




«7 




monate 


menge nim 


lf\'^ 


46' 


51° 2' 


5S 


610 


16'* 


16' 


50° 46' 


60 


710 


16'> 


17' 


50° 46' 


47 


S40 


16° 


15' 


50° 48' 


33 


664 


16*^ 


10' 


5<.»° 52' 


60 


685 


16° 


21' 


50° 5^' 


60 


647 


16° 


SS' 


51° 1' 


44 


650 


16° 


53' 


51° 9' 


53 


608 


17° 


40' 


51° 15' 


60 


586 


17° 


46' 


51° 9' 


60 


581 


17° 


51' 


51° 9' 


60 


665 


17° 


40' 


51° 5' 


56 


632 


17° 


33' 


51° 8' 


60 


655 


17° 


7' 


51° 9' 


60 


660 


16° 


55' 


51° 18' 


48 


665 


16° 


43' 


51° 16' 


59 


600 


16° 


36' 


51° 9' 


54 


648 


16° 


36' 


51° 10' 


60 


620 


15° 


57' 


50° 55' 


50 


814 


15° 


55' 


50° 57' 


54 


746 


15° 


54' 


51° 1' 


60 


756 


15° 


52' 


51° 2' 


60 


692 


15° 


55' 


51° 8' 


60 


668 


16° 


3' 


50° 55' 


60 


716 


16° 


6' 


50° 55' 5" 


33 


c. 705 


16° 


13' 


50° 56' 


60 


619 


16° 


5' 


51° 0' 


44 


829 


16° 


12' 


51° 3' 


56 


619 


16° 


1' 


51° 4' 


57 


745 


15° 


50' 


51° 2' 


57 


685 


15° 


48' 


51° 4' 


60 


773 


15° 


46' 


51° IV 


60 


754 


16° 


2' 


51° 12' 


60 


619 


16° 


10' 


51° 13' 


60 


597 


16° 


15' 


51° 9' 


60 


616 


16° 


10' 


51° 18' 


60 


598 


16° 


22' 


51° 17' 


60 


590 


IV. 










16° 


12' 


51° 24' 


59 


632 


16° 


26' 


51° 25' 


59 


563 


16° 


88' 


51° 20' 


43 


607 


16° 


27' 


51° 33' 


59 


587 


17° 


43' 


51° 19' 


59 


630 


17° 


37' 


51° 28' 


34 


c. 690 


17° 


28' 


51° 22' 


60 


714 


17° 


17' 


51° 32' 


60 


689 


17° 


11' 


51° 30' 


60 


658 


17° 


4' 


51° 19' 


55 


677 


16° 


55' 


51° 28' 


60 


641 


16° 


42' 


51° 34' 


60 


614 


16° 


37' 


51° 28' 


39 


627 


16° 


32' 


51° 40' 


36 


613 


16° 


12' 


51° 40' 


59 


597 


16° 


4' 


51° 40' 


59 


584 


16° 


19' 


51° 48' 


60 


589 


15° 


45' 


51° 48' 


59 


528 


15° 


41' 


51° 57' 


59 


554 



15] 



Die Regenkarte Schlesiens und der Nachbargebiete. 



20& 



Nr. 

212. 
213. 
214. 
215. 
216. 
217. 
218. 
219. 
220. 
221. 
222. 
223. 
224. 
225. 
226. 
227. 
228. 
229. 
230. 
231. 
232. 
233. 
234. 
235. 
236. 
237. 
23«. 
239. 
240. 
241. 
242. 
243. 
244. 
245. 
246. 
247. 
248. 
249. 
250. 
251. 
252. 
253. 
254. 
255. 
256. 
257. 
258. 
259. 
260. 
261. 
262. 
263. 
264. 
265. 



Station 


Meeres- 
höhe 


Geogr. 
Länge 


Geogr. 
Breite 


Beob- 

achtnngs- 

monate 


Jährl. 
Regen- 
menge mm 


Grünberg 


151 


15« 13' 


51« 


56' 


60 


621 


Rothenburg a. 0. . . 


53 


15^» 25' 


52« 


1' 


59 


570 


Eunzendorf .... 


650 


15 «^ 53' 


50« 


41' 


56 


829 


Landeshut 


442 


W 2' 


50« 


47' 


60 


746 


Schömberg 


532 


16<^ 4' 


50« 


40' 


58 


714 


Gottesberg 


590 


16« 13' 


50« 


45' 


40 


c. 820 


Rudelstadt 


400 


15« 59' 


50« 


52' 


60 


856 


Kupferberg . . . 


520 


15« 57' 


50« 


53' 


51 


776 


Neudorf bei Fischbach 


450 


15« 54' 


50« 


50' 


60 


910 


Schmiedeberg .... 


470 


15« 50' 


50« 


48' 


60 


1038 


Forstbauden .... 


855 


15« 48' 


50« 


46' 


60 


1132 


Schneekoppe .... 


1603 


15« 44' 


50« 


44' 


59 


1152 


Wolfshau 


660 


15« 46' 


50« 


46' 


60 


1175 


Prinz Heinrich-Baude . 


1410 


15« 41' 


50« 


45 V2' 


17(24)^1398 


Hampelbaude .... 


1252 


15« 43' 


50« 


45' 


56 


10381 


Kirche Wang .... 


873 • 


15« 43' 


50« 


47' 


60 


1303 


Krummhübel .... 


585 


15« 46' 


50« 


46' 


60 


979 


Amsdorf 


470 


15« 46' 


50« 


48' 


59 


846 


Eichberg 


349 


15« 48' 


50« 


55' 


60 


777 


Maiwaldau 


365 


15« 50' 


50« 


55' 


60 


811 


Berbisdorf 


470 


15« 48' 


50« 


56' 


52 


864 


Grünau 


365 


15« 45' 


50« 


56' 


60 


813 


Jakobsthal 


871 


15« 26' 


50« 


49' 


28 


c. 1350 


Schreiberhau .... 


683 


15« 32' 


50« 


51' 


60 


1042 


Neue Schlesische Baude 


1195 


15« 30' 


50« 


48' 


60 


1406 


Agneteudorf .... 


530 


15« 37' 


50« 


50' 


58 


900 


Warmbrunn .... 


845 


15« 41' 


50« 


52' 


60 


741 


Hain 


607 


15« 40' 


50« 


49' 


32 


c. 980 


Giersdorf 


340 


15« 41' 


50« 


50' 


60 


751 


Seifershau . . . . . 


650 


15« 38' 


50« 


54' 


60 


920 


Alt-Kemnitz .... 


360 


15« 85' 


50« 


55' 


57 


765 


Ludwigsdorf .... 


450 


15« 47' 


50« 


59' 


(iO 


945 


Lahn 


230 


15« 41' 


51« 


1' 


60 


744 


Löwenberg 


213 


15« 35' 


51« 


7' 


60 


667 


Bunzlau 


200 


15« 84' 


51« 


16' 


60 


^m 


Alt-Oels 


150 


15« 86' 


51« 


25' 


60 


673 


Kotzenau 


148 


15« 54' 


51« 


25' 


37 


c. 640 


Petersdorf 


140 


15« 44' 


51« 


31' 


49 


c. 665 


FUnsberg 


470 


15« 1' 


50« 


55' 


60 


1160 


Röhrsdorf ..... 


344 


15« 28' 


50« 


58' 


55 


S47 


Grenzdorf 


475 


15« 18' 


50« 


56' 


60 • 


945 


Liebenthal 


370 


15« 31' 


51« 


1' 


44 


c. 805 


Greiffenberg .... 


325 


15« 25' 


51« 


2' 


60 


747 


Beerberg 


232 


lo« 16' 


51« 


2' 


60 


911 


Lauban 


215 


15« 17' 


51« 


7' 


59 


767 


Naumburg a. Q. . . c. 


195 


15« 20' 


51« 


12' 


12 (23) c. 650 


Lorenzdorf 


150 


15« 25' 


51« 


24' 


51 


c. 700 


Sagan 


103 


15« 19' 


51« 


87' 


59 


644 


Kohlfurt 


193 


15« 12' 


51« 


IS' 


60 


747 


Tschimdorf .... 


150 


15« 14' 


51« 


32' 


60 


643 


Sorau 


165 


15« 9' 


51« 


38' 


60 


579 


Greisitz 


100 


15« 17' 


51« 


40' 


55 


624 


Naumburg a. B. . . . 


82 


15« 15' 


51« 


4.V 


60 


640 


Bobersberg 


55 


15« 6' 


51« 


57' 


25 


c. 614 



Für die Reduktion wurden 24 Monate verwertet, von denen aber nur 
17 in den Zeitraum VL 1887 bis V. 1892 fielen. 



210 



Joseph Paitsch, 



[16 



Nr. Station 

266. Gablonz . . . 

267. Reichenberg . 

268. Reichenberg (Forststat.) 

269. Ober-Hanichen 

270. Machendorf 

271. Drachenberg 

272. Görsbach . 

273. Olbersdorf . 

274. Neundorf . 

275. Freudenhöhe 

276. Grottau . . 

277. Eichgraben. 

278. Hermwalde 

279. Rumburg . 

280. Schönbom . 

281. Waltersdorf 

282. Nieder-Oderwitz 

283. Zittau . . 

284. Reibersdorf. 

285. Weissbach . 

286. Neustadtl . 

287. Seidenberg . 

288. Eottmarhäuser 

289. Schönberg . 

290. Görlitz . . 

291. Rothenburg i. 

292. Priebus . . 

293. Muskau . . 

294. Frankfurt a. 



L. 



Meeres- 
höhe 

555 
388 
375 
550 
. 353 
. 590 
. 474 
. 506 
. 430 
. 381 
. 266 
c. 300 
. 510 
. 382 
. 518 
c. 400 
c. 290 
c. 250 
c. 250 
. 505 
. 510 
. 230 
c. 450 
. 215 
. 213 
. 164 
. 128 
. 105 
. 49 



V. 

Geogr. 
Länge 

15« 10' 
15« 4' 
15« 4' 
15« r 
14« 59' 
15« 5' 
15« 6' 
15« 2^ 
14« 59' 
14« 53' 
14« 51' 
14« 48' 
14« 28' 
14« 31' 
14« 34' 
14« 89' 
14« 45' 
14« 49' 
14« 55' 
15« 15' 
15« 15' 
15« 4' 
14« 41' 
15« 4' 
15« 0' 
14« 58' 
14« 57' 
14« 43' 
14« 34' 



Geojgff. 
Breite 

50« 43' 
50« 46' 
50« 46' 
50« 44' 
50« 47' 
50« 48 V«' 
50« 507«' 
50« 52' 
50« 50Va' 
50« 487«' 
50« 51' 
50« 52' 
50« 577«' 
50« 57' 
50« 55' 
50« 52' 
50« 57' 
50« 54' 
50« 54' 
50« 52' 
50« 557«' 
51« 2' 
51« 1' 
51« 5' 
51« 10' 
51« 20' 
51« 29' 
51« 33' 
52« 21' 



Beob- Jährl. 
achtungs- Regen- 
monate menge mm 

60 1069 

60 835 

60 1015! 

60 1126 

60 898 

37 (42) c. 900 

60 1035 



60 
60 
60 
60 
55 
60 
54 
60 
58 
58 
60 
55 
60 
60 
32 
55 
60 
60 
60 
60 
59 
60 



987 

[708] 

817 

734 

753 

[514] ! 

883 

[897] 

873 

700 

740 

725 

1296 

1060 

680 

864 

733 

677 

641 

666 

656 

515 



295. Schlawa. . . 

296. Papiermühle . 



92 
50 



VI. 

16« 4' 
16« 0' 



51« 53' 
52« 2fe' 



59 
60 



618 
515 



297. Ostrowo 141 

298. Posen 65 



VII. 

17« 49' 
16« 54' 



51« 39' 
52« 25' 



60 
60 



608 
542 



G. Elbegebiet. 



299. Siebengründe .... 922 

300. Friedrichsthal .... 735 

301. Hohenelbe 484 

302. Branna 474 

303. Rudolfsthal 666 

304. Cista 430 

305. Kukus 293 

306. Josefstadt 278 

307. Rauschengrund . . . 875 

308. Riesenhain 812 

309. Klein- Aupa 970 

310. Marschendorf .... 565 

311. Trautenau 427 



I. 

15« 37' 
15« 36' 
15« 37' 
15« 34' 
15° 40' 

15« 36' 
15« 58' 
15« 57' 
15« 44' 
15« 44' 
15« 49' 
15« 49' 
15« 55' 



50« 45' 
50« 44' 
50« 38' 
50« 37' 
50« 40' 

50«* 32' 
50« 24' 
50« 20' 
50« 48' 
50« 42' 
50« 437«' 
50« 40' 
50« 34' 



60 
60 
60 
60 
60 

60 
60 
60 
60 
60 
60 
60 
41 (48) 



1622 

1386 

992 

906 
1100 

883 

661 

648 

1487 

1434 

1846 

946 

852 



17] 



Die Regenkarte Schlesiens und der Nachbargebiete. 



211 



Nr. Station 

312. Prohrub. . . 

313. Roth-Kosteletz 

314. Trubijow . . 

315. Dubno . . . 

316. Böhmisch Skalits 

317. Miskoles . . 

318. Johnsdorf . . 

319. Ober-Wekelsdorf 

320. Wostasch . . 

321. Starkstadt . . 

322. Politz a. M. . 
328. Bösig .... 

324. Brunnkress . . . 

325. Pilhof bei Nachod 

326. Böhmisch Öerma 

327. Frimbnrg . . 

328. Jasena . . . 



Meeres- 
höhe m 

480 

460 

390. 

292 

284 

280 

570 

468 

575 

450 

450 

490 

570 

372 

520 
565 
274 



Geogr. 
Länge 

15« 58' 
W 6' 
W T 



16° 
16° 
16° 
16° 



4' 
3' 
0' 
5' 



16° 10' 
16° 13' 
16° 9' 
16° 14' 
16° 14' 
16° 18' 
16° 10' 

16° 14' 
16° 14' 
16° 0' 



50° 28' 60 

50° 29' 60 

50° 26' 60 

50° 24' 60 

50° 24' 60 

50° 24 V2' 60 

50° 35' 60 

50° 36' 60 

50° 33V«' 60 

50° 32' 60 

50° 32' 60 

50° 31' 60 

50° 30 V«' 60 

50° 25 Vi' 60 

50° 24' 60 

50° 21 Va' 60 

50° 19' 60 



Jährl. 
Regen- 
menge mm 

864 
[806] 
{8351 
[853] 

715 
[846] 

951 

8271 

836 

796 

804 

833 

853 

792 

845 
711 
647 



II. 

329. Neu-Pless 260 15^^ 57' 

330. Neznaschow .... 260 15° 51' 

331. Holohlau 249 15° 52' 

332. Sraifitz ...... 239 15° 52' 

333. Zdaras 250 15° 51' 

334. Cibus ....... 253 15° 53' 

335. Öemüow 250 15° 55' 

336. Klein-Skalitz .... 250 15° 51' 

337. Chot^borek 340 15° 47' 

338. Gross-Bürglitz ... 272 15° 45' 

339. Horenowes 273 15M6' 

340. Sattel 720 16° 19' 

341. Dobran 634 16° 17' 

342. Dobruschka .... 291 16° 10' 

343. Wi-anow 236 16° 2' 

344. Opocno 312 16° 7' 

345. Prepych 308 16° 7' 

346. Ledetz 250 16° 2' 

347. Trckadorf 750 16° 26' 

348. Marienthal 550 16° 35' 

349. Senftenberg .... 420 16° 48' 

350. Rokitnitz 580 16° 28' 

351. Hasendorf 600 16° 32' 

352. Sucha 500 16° 28' 

353. Jahodow 480 16° 20' 

.354. Kosteletz a. A. . . . 291 16° 13' 

355. Reichenau 321 16° 17' 

356. Slatina 396 16° 24' 

357. Ober-Erlitz 700 16° 48' 

358. Grulich 572 16° 45' 

359. Linsdorf 520 16° 37' 

360. Peraa 320 16° 19' 

361. Chotzen 287 16° 14' 

362. Boschin 290 16° 12' 

863. Ober-Jeleni .... 301 16° 5' 

364. Gross-Cerma .... 265 16° 10' 

365. Tvnischt 250 16° 5' 

366. Swinar 240 1.5° 55' 

Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde. 



50° 
50° 
50° 
50° 
50° 
50° 

50° 
50° 
.50° 
50° 
50° 
50° 
50° 
50° 
50° 
50° 
50° 
50° 
50° 
50° 
50° 
50° 
50° 
50*^ 
50° 
50° 
.50° 
50 •' 
50° 
50° 
50° 
50° 
50° 
50° 
50° 

50° 
50 ** 
50° 

IX. 3. 



19' 

20' 

18 V2' 
18' 

17 V2' 
17' 

16' 
16 V2' 
22' 

21 V2' 

I8V2' 

21' 

19' 

17V2' 

I5V2' 

16' 

14' 

13' 

19' 

10' 

5' 
10' 

9' 

8' 

9' 

7' 
10' 

8' 

4' 

5' 

4' 

0' 

0' 

2' 

3V2' 

4 Vi' 
9' 

12 V2' 



60 
60 
60 
60 
60 
60 

60 
60 
60 
60 
60 
52 
60 
60 
60 
60 
60 
60 



681] 
685] 
[651] 
680 
[644] 
[751] 

634 




722 

662 
966 
924 
666 
712' 
689' 
772. 
[656; 



30(36) 1300 



49 
60 
60 
60 
60 
60 
60 



967 

921 

1042 

[1059] 

[924] 

838 

730 



41 (48) [c. 695] 
41 (48) c. 850 
60 [1093] 



60 
60 
60 
60 
60 
60 

60 

4.3 (48) 
60 
15 



878 
[932] 
[852] 

722 
[748] 

711 

68.3] 
[700] 
5981 



212 



Nr. Stotion 

367. Neu-Königgrätz . 

368. Wysoka . . . . 

369. Uhersko . . . . 

370. Pardubitz . . . 

371. Elbe-Teinitz . . 

372. Kolin 

373. Jicin 

374. Jicinowes . . . 

375. Lhota Scharowa . 

376. Sloupno .... 

377. Bohanka . . . 

378. Hoiitz . . • . 

379. Cerekwitz . . . 

380. Briflchtan . . . 

381. Libcan . . . . 

382. Chlumetz . . . 

383. Kluk 

384. Wosek . . . . 

385. Dymokur . . . 

386. NeuBchloss . . . 

387. Ledetz . . . . 

388. Seletitz . . . . 

389. Mzell 

390. Luschtenitz . . . 

391. F. H. Grose-Iser . 

392. Wilhelmshöhe . . 

393. Neuwelt . . . . 

394. Stefanshöhe . . 

395. Kaltenberg. . . 

396. Rezek . . . . 

397. Lomnitz . . . . 

398. Podmoklitz . . 

399. Eisenbrod . . . 

400. Turnau . . . . 

401. Swetla . . . . 

402. Böhmisch Aicha . 

403. Hlawitz . . . . 

404. Wordan . . . . 

405. Mukarow . . . 

406. Hühnerwasser . . 

407. Radechow . , . 

408. Bösig 

409. Weisswasser . • 

410. JuDg-Bunzlau . . 

411. Wojetin . . . . 

412. Gross-Horka . . 

413. Strenitz . . . . 

414. Horka . . . . 

415. Neuhof . . . . 

416. Kochauek . . . 

41 7. Sojowitz . . . 

418. Grünbauden . . 

419. Hlawenetz . . . 

420. Hlawnokostelni . 

421. Bezno . . . . 

422. Bischitz . . . . 

423. Kopa 

424. Melnik . . . . 



Joseph 


Partsch, 






[18 1 


Meeres- 
höhe m 


Geogr. 
Länge 


Geogr. 
Breite 


Beob- Jähii. 1 

achtongs- Regen- 1 

monate menge mm. | 


278 1 


15<> 52' 


50« 11' 


60 1 


[664] 


250 ] 


15« 51' 


50« 9' 


60 


618 


250 ] 


16° 2' 


50« 0' 


60 


815 


220 1 


150 47' 


50« 2Vt' 


60 


664 


200 ] 


[5'> 22' 


50« 272' 


60 


[600] 


225 ] 


L5» 12' 


50« 2' 


60 


719 


280 ] 


L5» 21' 


50« 26' 


60 


765 


290 1 


15« 21' 


50« 22V«' 


48 


627 


280 ] 


L5° 33' 


50« 24 V2' 


60 


753 


230 ] 


[5'> 30' 


50« 15 V2' 


60 


627 


350 ] 


[5° 42' 


50« 23' 


41 (48) c 


.820 


313 ] 


15« 38' 


50« 22' 


41 (48) c 


780 


285 ] 


15« 44' 


50« 20' 


53 (60) c. 


750 


265 1 


15« 87' 


50« 19' 


60 


723 


276 


15« 42' 


50« 12' 


41 [c. 


640] 


216 ] 


15« 28' 


50« 9V2' 


29(36) 


652 


184 ] 


15« 7' 


50« 7V»' 


60 


[578] 


250 ] 


15« 42' 


50« 16' 


60 


658] 


220 ] 


15« 12' 


50« 15' 


60 


642 


200 ] 


L5« 11' 


50« 16 V«' 


60 


[650] 


265 ] 


15« 5' 


50« 21' 


60 


652J 


265 ] 


15« 6' 


50« 19Va' 


60 


661] 


270 ] 


15« 4' 


50« 18' 


60 


626] 


210 1 


14« 57' 


50« 19' 


60 


637] 


885 ] 


15« 21' 


50« 52' 


60 1 


1451 


970 : 


15« 21' 


50« 49' 


60 <1250 


683 ] 


15« 25' 


50« 47' 


60 ] 


L286 


910 ] 


15« 22' 


50« 45' 


55(60) c] 


1060 


927 ] 


L5« 27' 


50« 45' 


60 ] 


1377 


894 ] 


[5« 31' 


.50« 42 Va' 


36 c. 1220 


478 ] 


15« 22' 


50« 82' 


82 c. 


800 


320 ] 


15« 20' 


50« 36' 


60 


6131 


290 ] 


15« 15' 


50« 'dS'h' 


25 (32) c. 


840 


263 ] 


15« 4' 


50« 35' 


60 


716 


790 ] 


15« 1' 


50« 43' 


60 ] 


L018 


328 ] 


15« 0' 


50« 40' 


60 


908 


406 ] 


[4« 55' 


50« 38' 


60 


744 


324 ] 


[5« 2' 


50« 81' 


60 


608 


258 1 


14« 56' 


50« 34 Vj' 


60 


[698] 




318 


14« 48' 


50« 35' 


60 


"678 




380 ] 


14« 50' 


50« 32' 


60 


655 




500 1 


14« 42' 


50« 32 V«' 


60 < 


728 


804 1 


14« 48' 


50« 30' 


60 


789 


230 ] 


14« 54' 


50" 25' 


60 


588 


363 ] 


14« 39' 


50« 29' 


60 


702 


250 ] 


14« 49' 


50« 24' 


60 


588 


218 ] 


14« 50' 


50« 23 Va' 


60 


[607] 
626 


220 ] 


14« 51' 


50« 19 V2' 


60 


255 ] 


14« 53' 


50« 18' 


60 


683 


195 ] 


L4« 47' 


50« 16 V«' 


60 


'646] 




182 ] 


14« 46' 


50« 13 V«' 


60 


616 




185 1 


14« 44' 


50« 12' 


60 


'611 




197 ] 


14« 42' 


50« 14 V«' 


60 


'594 




190 ] 


L4« 42' 


50« 15 V«' 


60 


558 


285 ] 


14« 48' 


50« 22' 


60 


598 


189 


14« 87' 


50« 19' 


60 


[586] 


170 


14« '6& 


50« 15' 


60 


'560" 


220 ] 


14« 28' 


50« 21' 


60 


562 





19] 



Die Regenkarte Schlesiens und der Nachbargebiete. 



213 



Nr. 



425. 
42Ö. 
427. 
428. 
429. 
430. 
431. 

432. 
433. 
434. 
435. 
436. 
437. 
438. 
439. 
440. 
441- 
442. 
443. 
444. 
445. 

446. 
447. 
448. 
449. 
450. 
451. 
452. 
453. 
454. 
455. 
456. 
457. 
458. 
459. 
460. 
461. 
462. 
463. 
464. 
465. 
466. 
467. 
468. 

469. 
470. 
471. 
472. 
473. 
474. 



Station 



Meeres- 
höhe m 



Cemava-&epin . . . 275 

Strem 290 

Ünter-Berkowitz . . . 158 

Citow 182 

Medonost 250 

Königsjäger .... 225 

Schelesen 200 

Zidovitz 150 

Wobrok 300 

Geltschhäuseln . . . 465 

Kutteslawitz .... 260 

Pitschkowitz .... 200 

Lobositz 153 

Sedl 490 

Aussig-Türmitz . . . 145 

Mühlörzen 354 

Erassa 360 

Gross-Roll 340 

Paulinenhof .... 325 
Heidedörfel .... 302 
Glashütten (bei Hühner- 
wasser) 305 

Hochwald 456 

Ober-Lichtenwald . . 450 

GrosS'Mergenthal . . 400 

Röhrsdorf 460 

Zwickau i. B 360 

Brenn 295 

Schwojka 400 

Dobern 258 

Böhmisch-Leipa . . . 256 

Sonneberg 360 

Strassdorf 250 

Hirschberg i. B. . . . 276 

Neuschloss 290 

Neugnmd 321 

Ober-Politz .... 245 

Sandau 245 

Klein-Bocken .... 380 

Liebwerda bei Tetschen 140 

Biela 194 

Binsdorf 382 

Niedergrund . . . . 150 

Neuhütte 557 

Tanneberg (bei Blotten- 

dorf) 570 

Kreuzbuche .... 535 

Böhmisch-Kamnitz . . 290 

Tannendorf .... 658 

Kreibitz-Neudörfl . . 450 

Rennersdorf , . . . . 350 

Reinwiese 257 



Geogr. 
Länge 

ni. 

14^ 36' 
14^ 34' 
W 27' 
W 24' 
14« 29' 
14° 30' 
W 28' 

14° 14' 
W 27' 
W 15' 
W 11' 
W 13' 
W 3' 
14° 5' 
14° 2' 
14° 13' 
14° 53' 
14° 48' 
14° 46' 
14° 43' 

14° 48' 
14° 45' 
14° 40' 
14° 41' 

14° 36' 
14° 38' 
14° 38' 
14° 36' 
14° 36' 
14° 32' 
14° 30' 
14° 45' 
14° 40' 
14° 31' 
14° 23' 
14° 24' 
14° 24' 
14° 23' 
14° 14' 
14° 11' 
14° 16' 
14° 13' 
14° 35' 

14° 33' 
14° 30' 
14° 25' 
14° 34' 
14° 31' 
14° 25' 
14° 19' 



Geo|T. 
Breite 



50° 22' 
50° 23' 
50° 23 V«' 
50° 23' 
50° 30' 
50° 28' 
50° 25 V2' 
50° 27' 
50° 33 V2' 
50° 35 V2' 
50° 35' 
50° 3372' 
50° 31' 
50° 38' 
50° 3972' 
50° 417«' 
50° 42' 
50° 407«' 
50° 397«' 
50° 3872' 

50° 37' 
50° 49' 
50° 50' 
50° 48' 
50° 4772' 
50° 47' 
50° 3972' 
50° 4372' 
50° 41' 
50° 41' 
50° 45' 
50° 35' 
50° 34' 
50° 38' 
50° 41' 
50° 42' 
50° 43' 
50° 45' 
50° 18' 
50° 4772' 
50° 497«' 
50° 5072' 
50° 50' 

50° 48' 
50° 50' 
50° 48' 
50° 5172' 
50° 53' 
50° 51' 
50° 5272' 



Beob- Jährl. 

achtongs- Regen- 
monate menge mm 



48 (60) 

60 

60 

60 

60 

60 

60 

53 (60) 

60 

60 

60 

60 

60 

60 

60 

60 

60 

60 

60 

60 

36 (48) 

60 

60 

60 

60 

60 

60 

60 

60 

60 

60 

60 

60 

60 

60 

60 

60 

60 

60 

60 

60 

60 

60 

60 
60 
60 
00 
60 
60 
60 



431! 
606 
568 
560 
637 
[6241 
[574] 

535 
[689] 
624 
575 
465! 
516 
619 
537 
691 
745 
731 
743 
705 

666 

763! 

[846] 

[844] 

852 

[753] 

[534 

[769 

537 

672 

[624] 

640 

619 

648] 

597] 

[663] 

664 

676 

752 

788 

597! 

[816] 

1007 



997 

1035 

774 

[1095] 

[1023] 

[912] 

893 



475. Hinter-Hermsdorf . . c. 380 

476. Steinigt Wolmsdorf . c. 380 



IV. 

14° 22' 
14° 21' 



50° 55' 
51° 4' 



60 
60 



929 

883 



214 



Joseph Putsch, 



[20 



Sr. Station ^^/^ 

477. Wittichenau . . . . 125 

478. Hoyerswerda .... 119 

479. Ruhland 99 

4^0- Walddorf .... c. 400 
4^1. Klipphäuser . . . c. 300 
4^2. Bautzen 218 

483. Bischdorf . . . . c. 260 

484. Löbau c. 240 

485. Kuppritz c. 250 

486. Halbendorf. ... c. 150 

487. Geredorf 254 

488. Königshain .... 220 

489. Nieskv 180 

490. Spree 164 

491. BorgjKreisHoyezswerda 115 





G«ogr. 
Breite 


Beob- 
achtongs- 


Jährl 
Regen- 






monate 




14' 15' 


51" 23' 


52 


c. 550 


14' 15' 


51* 26' 


53 


c. 615 


13' 52' 


51* 28' 


60 


588 


14 '^ 39- 


51* 0,5' 


55 


862 


14* 32- 


51* 6.5' 


56 


772 


14* 26' 


51* 11' 


60 


695 


14** 45' 


51* 5,5' 


60 


708 


14* 40' 


51* 5.5' 


55 


776 


14* Sß' 


51* 9' 


60 


812 


U* 34' 


51* 18' 


60 


692 


14* 51' 


51* 7' 


46 


757 


14* 53' 


51* 11' 


60 


805 


14* 49' 


51» 18' 


60 


724 


14* 53' 


51* 21' 


60 


721 


14* 21' 


51* 28' 


55 


602 



D. Donangebiet. 

I. Gebiet der March bis zor Mündong der Beezwa. 



492. Ober-Morau 

493. Aitsta<lt . . 

494. Goldenatein 

495. Winkelsdorf 

496. Schönberg . 

497. Kleppel . . 

498. Drosenau 

499. Heinzendorf 

500. Mürau . . 

501. Loschitz . . 

502. Brezinek . 

503. Breze . . . 

504. Rabenstein . 

505. Eulenburg . 
500. Ribnik . . 

507. Kloster Hradisch 

508. Pohorsch . 

509. Gross-Wistemitz 

510. Haslicht . . 

511. Ober-Beczwa 

512. Mittel-Beczwa 

513. Hutisko . . 

514. Roznau . . 

515. Krasna . . 

516. Klein-Karlowitz 

517. Hoviezi . . 

518. Uherska . . 

519. Ober-Litsch 

520. Ravnochowitz 

521. Keitsch . . 

522. Niemetitz. . 

523. Weisskirchen 

524. Grünes Kreuz 

525. Leipnik . . 

526. Prerau . . 

527. Bistritz a. Hostein 

528. Pawlowitz . . . 



700 

536 

642 

590 

341 

739 

330 

540 

3:30 

269 

400 

225 

738 

486 

242 

214 

550 

255 

601 

540 

495 

470 

373 

301 

515 

390 

500 

467 

411 

322 

308 

255 

595 

246 

215 

318 

309 



16*^ 49' 
16*^ 57' 
17* 1' 
17* 8' 
16* 58' 
17*^ 9' 
16'' 45' 
16* 4 



16* 
16* 
16* 
17* 
17* 
17* 
17* 
17* 
17* 
I 

18* 



17* 



51' 
55' 
47' 
8' 
9' 
15' 
12' 
16' 
23' 
22' 
29' 
17' 



is* 14' 
18* 14' 
Ib* 9' 
17* 58' 
18* 17' 
18<* 4' 
IS* 6' 
18* 3' 
17* 49' 
17* 49' 
17* 50' 
17* 45' 
17* 32' 
17* 35' 
17* 27' 
17* 40' 
17* 33' 



50* 9* 
50* 10* 
50'' 9' 
50* 6' 
49* 58' 
50*^ 1' 
49* 54' 
49* 51' 
49* 48' 
49* 45' 
49* 40' 
49* 41' 
49* 57' 
49* 50' 
49* 46' 
49* 36' 
49* 40,5' 
49* 36' 
49* 37,5' 
49* 26' 
49* 26.5' 
49* 26' 
49* 27,5' 
49* 28,5' 
49* 21.5' 
49* 17' 
49* 16,5' 
49* 11' 
49* 25' 
49* 29' 
49* 30' 
49* 33' 
49'^ 35' 
49* 32' 
49* 27' 
49* 24' 
49* 28' 



60 
38 
60 
60 
60 
58 
43 
60 
60 
60 
60 
60 
60 
60 
48 
60 
60 
60 
60 
60 
60 
60 
60 
60 
55 
60 
60 
60 
60 
60 
60 
55 
60 
55 
60 
60 
60 



1148 

C.S70 

1027 

112S 

738 

841 

c.880 

762 

764 

637 

660 

59S 

1057 

743 

c. 665 

527 

779 

642 

821 

1112 

1020 

1136 

901 

955 

0.930 

851 

885 

8S7 

843 

675 

700 

637 

1074 

704 

683 

643 

640 



21] Die Regenkarte Schlesiens und der Nachbargebiete. 215 

Versucht man die Gesamtheit dieser Beobachtungsergebnisse im 
Kartenbilde zu vereinigen, so regen sich zunächst kritische Gedanken. 
Eng benachbarte unter gleichen Naturbedingungen angestellte Beob- 
achtungen laden zu prüfender Vergleichung ein. Nicht immer herrscht 
dann so volle Uebereinstimmung, wie zwischen den beiden Troppauer 
Reihen; bei Reichenberg wird man geradezu vor die Wahl zwischen 
zwei weit auseinandergehenden Angaben gestellt. Aber auch bei Stg^- 
tionen, die nicht so unmittelbar an einem Orte vereinigt sind, wird 
man ein verständliches gegenseitiges Verhältnis der Schlussziffern und 
einen im Grossen übereinstimmenden Gang der Regenverteilung von 
Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat erwarten können. Wo dieser zeit- 
liche Gang der Niederschlagsverteilung starke Absonderlichkeiten im 
Gegensatz zur Nachbarschaft aufweist, ist Aufmerksamkeit geboten. 
Bisweilen giebt ein Wechsel in der Person des Beobachters einen An- 
halt für gesonderte Prüfung verschiedener Teile derselben Reihe. 
Unter Umständen ist dann die Hälfte mehr wert als das Ganze. Von 
den böhmischen Stationen zeigen Rezek und Trckadorf eine bedeutende 
Steigerung der Niederschläge seit dem Eintreten neuer Beobachter im 
Jahre 1890. Bei einfacher Annahme der gelieferten Zahlen gelangt 
man für unsre fünfjährige Periode auf Jahresmittel von 1030 und 
962. Lässt man nur die Ergebnisse der neuesten Beobachtungen (1890 
bis 1892) gelten und gründet darauf eine durch gute Nachbarstationen 
gestützte Reduktionsrechnung, so lauten dieselben Jahresmittel 1220 
und 1300. Das sind sicher der Wahrheit näher stehende Werte. 
Nicht selten weichen in Reihen, die im ganzen verlässlich erscheinen, 
einzelne Monate von dem Verhalten der Umgebung derartig ab, dass 
sie verworfen werden müssen. Dass z. B. Kupferberg im April 1890 
9,4, im Juni 60,3 verzeichnet, während alle umliegenden Stationen 
diese Monate viel stärker mit Niederschlag belasten (Rudelstadt 105,9, 
174,2, Neudorf 145,5, 197,6, Ketschdorf 100,6, 176,0, Landeshut 72,2, 
125,2), kann nicht mit rechten Dingen zugehen. So handgreiflichen 
Irrungen darf man keinen Einfluss auf die Mittelbildung gestatten. 

Neben solchen Fällen, in denen im einzelnen ein kritischer Ein- 
griff erforderlich ist, kommen Reihen vor, deren Gang durchaus nor- 
mal erscheint und für die beständige Sorgfalt der Beobachtung volles 
Vertrauen erweckt, während die ganze Höhenlage der Kurve der Be- 
obachtungsergebnisse und der schliessliche Mittelwert der jährlichen 
Regenmenge nicht recht vereinbar sind mit den Angaben der Nach- 
barschaft. Dann liegt die Möglichkeit einer konstanten Fehlerquelle, 
vielleicht einer Besonderheit in der Aufstellung des Regenmessers vor. 
Deshalb schien es nicht ratsam, um solcher Stationen willen das Bild 
der Regenkarte durch kleine Narben zu entstellen; sondern es wurde 
vorgezogen, auf die Mitwirkung dieser Orte für den Entwurf der Karte 
zu verzichten, ihre Namen aber im Verzeichnis hervorzuheben durch 
ein dem Mittelwert ihrer Regenmenge beigefügtes Ausrufungszeichen. 
Das geschah unbedenklich bei den Stationen Oderberg (41), Weidenau 
(120), Hampelbaude (225) und einigen Orten Böhmens. Dieses Ver- 
fahren will allerdings mit Vorsicht geübt sein ; es ist nicht erlaubt, jede 
Individualität nur deshalb, weil sie unverständlich erscheint, zn ver- 



21(3 Joseph Partsch, Die Begenkarte Schlesiens und der Nachbargebiete. [22 

wischen. Demgemäss wurde eine solche rätselhafte Abweichung, das 
durch zwei Stationen (Stradam 586, Schmograu 581 mm) verbürgte Gebiet 
geringer Niederschläge an der oberen Weide, auf der Karte zum Aus- 
druck gebracht; auch bei den etwas niedrigen Werten für Golschwitz 
(81) und Sorau (262) die Erinnerung daran festgehalten, dass gerade 
der Niederschlag ein klimatisches Element Ton ausgeprägter örtlicher 
Beschränkung ist und sehr wohl einzelne Orte rein zufallig eine Zeit 
lang zurückbleiben können hinter dem Mass, das die Verhältnisse der 
Umgebung ihnen zu versprechen scheinen. Diese Andeutungen mögen 
für die Kennzeichnung der Grundlage der Karte genügen. Hinter 
mancher Ziffer stehen Stunden mühevoller Kontrollrechnungen. Eine 
öffentliche Wiederholung dieser Einzelunt^rsuchungen verbieten die 
Grenzen des hier verfügbaren Raumes. 



n. Der Inhalt der Karte. 

Bei dem Entwürfe der Kurven der Regenkarte, für deren Zeichnung 
eine hydrographische Karte des schlesischen Odergebietes (1:400000) 
von der Oderstrom-Bauverwaltung freundlichst als Grundlage zur Ver- 
fügung gestellt wurde, erwies sich das Netz der Beobachtungsstationen 
mit ganz oder nahezu vollständigen Reihen vielfach als nicht aus- 
reichend dicht. Dann wurden, namentlich reichlich in der Mark und der 
Provinz Posen, kurze, unvollständige Reihen zu Hilfe genommen. Wenn 
sie auch nicht genügten, um für die einzelnen Stationen Mittelwerte, die 
auch nur auf 1 cm sicher gewesen wären, durch Reduktionsrechnung 
unter Anlehnung an gute Nachbarorte zu gewinnen, so waren sie doch 
für den Entwurf von Kurven in 10 oder selbst 5 cm Abstand zweifel- 
los wertvoll. Abgesehen von wenigen, die als besonders wichtig in das 
obige Verzeichnis aufgenommen wurden, sind für die ganze Karte noch 
54 solcher Hilfsstationen, die hier nicht einzeln aufgeführt wurden, mit 
zu Rate gezogen worden. Aber auch nach dieser erheblichen Ver- 
mehrung der Stützpunkte blieb der Willkür der Darstellung ein be- 
trächtlicher Spielraum. Wohl wäre es denkbar, sich der Freiheit der 
Entschliessung völlig zu begeben und, wie das thatsächlich bisweilen 
auf Regenkarten versucht worden ist, einfach durch geometrische Inter- 
polation zwischen die Festpunkte ein Liniennetz von Kurven der Regen- 
menge oder — stereometrisch gefasst — den Aufbau eines Reliefs der 
Regenhöhe zu stände zu bringen. Aber ein solcher Entwurf würde 
nur eine sehr rohe Annäherung an die Wirklichkeit darstellen, manch- 
mal mit ihr in scharfen Widerspruch geraten; denn er ruhte auf einer 
grundfalschen Voraussetzung. Er behandelt die Landoberfläche als 
eben, wiewohl gerade ihre Unebenheiten von entscheidendster Bedeutung 
sind für die Abstufung der Niederschlagsmenge. Deshalb ist die Haupt- 
aufgabe einer nicht schematisch ausgeführten, sondern sorgsam durch- 
dachten Regenkarte die möglichst vollkommene Berücksichtigung der 
Bodengestalt des Landes. Dieser Forderung würde es entsprechen, 
die Regenkarte selbst mit einer Andeutung des Reliefs der Land- 
oberfläche auszustatten , wie dies in Assmanns Monographie über das 
Klima der mitteldeutschen Gebirge geschehen ist. Nähere Erwägung 
liess indes befürchten, dass dadurch die Klarheit der Darstellung ge- 



218 Joseph Partech, [24 

rade in den inhaltreichen Teilen der Karte beeinträchtigt werden 
könnte. Den vollsten Ersatz für diesen Verzicht bietet jedem Leser 
das herrliche Blatt des neuen vortrefflichen Debesschen Handatlas, 
welchem die Situationszeichnung der Begenkarte, also das Flussnetz 
und die zu näherer Orientierung vielleicht willkommenen Ortszeichen, 
entlehnt sind. 

Es braucht kaum gesagt zu werden, dass jede Regenkarte eine 
bedeutende Aehnlichkeit hat mit einer Höhenschichtenkarte. Diese 
Aehnlichkeit hat freilich ihre Grenzen. Man darf nicht unterschiedslos 
von zwei benachbarten Stationen der höheren immer eine bedeutendere 
Niederschlagsmenge zuschreiben. Es ist sehr wohl möglich, dass 
Krummhübel (585 m) im Regenschatten eines westlich benachbarten 
Höhenzuges weniger Niederschläge verzeichnet als Schmiedeberg (470 m), 
das die zum Landeshuter Kamm ansteigenden Wolken mit kräftiger 
Wasserspende überschütten. 

Hier stossen wir auf ein augenfälliges Beispiel der Einwirkung 
der Exposition, auf ein Beispiel des Gegensatzes zwischen der den 
regenbringenden Winden sich gerade entgegenstellenden und von ihnen 
kräftig benetzten Seite (Luvseite) der Gebirge und der dem Regen- 
winde abgekehrten, im Regenscbatten einer Erhebung liegenden Seite 
(Leeseite). Was ist nun für Schlesien Luv und Lee? Aus welcher 
Richtung kommen unsre Regenwinde ? Das ist nicht ganz so einfach zu 
sagen, wie für das mitteldeutsche Bergland. Schon Dove zeigte, dass 
in det schlesischen Ebene nicht der Südwestwind, sondern der Nordwest 
den meisten Regen heranführe ^). Wie Galles genaue Untersuchungen 
ergeben, beherrschen in der That nordwestliche Winde, an Häufigkeit 
und Stärke gleichmässig vorwiegend, die regenreichsten Monate Bres- 
laus ^). Seine mittlere Windrichtung ist, wenn man die Grade der 
Striehrose S (0) über W (90) nach N (180) zählt: Juni 122^ Juli IIP, 
August 100 ^ und liegt auch im April und Mai in dem gleichen Quadranten. 
Dieses sommerliche Vorwalten der Nordwestwinde, welches die Gegen- 
wart nicht mehr der ablenkenden Wirkung des Sudetenaiuges, sondern 
der Luftdruckverteilung im weiteren Umkreise zuschreiben wird, lässt 
erwarten, dass nordöstlich gerichtete Gebirge auf ihrem Nordwesthang 
ungewöhnlich starke Niederschläge empfangen werden bei wesentlich 
schwächerer Befeuchtung der Südostabdachung. Die Westbeskiden 
liefern dafür eine schlagende Bestätigung und auch bei all den Gebirgs- 
inseln der schlesischen Ebene, bei allen gegen sie vorgestreckten Sporen 
des Gebirges ist ein ähnliches Verhalten mit Sicherheit anzunehmen, 
wenn auch die Verteilung der Stationen dafür nur eine beschränkte 
Zahl von Beispielen bietet. Man wird sich bei dem Entwurf der 
Kurven der Regenverteilung auch erinnern dürfen, dass nach den Er- 
fahrungen, die in andern Gebieten gesammelt wurden, die Zunahme 
der Niederschläge an der Luvseite der Gebirge schon in beträchtlicher 
Entfernung von deren Fusse beginnt, und diese Regel bestätigt finden 

^) Preuss. Statistik, VI., Berlin 1864, S. 55. 

*) Mitteilungen der königl. Universitätsstemwarte zu Breslau über die bisher 
gewonnenen Resultate für die geographischen und klimatologischen Ortsverhältnisse. 
Breslau 1879, S. 79—81. 



261 I)ie Regenkarte Schlesiens und der Nachbargebiete. 21 & 

vor der Nordwestseite des Riesen- und Isergebirges. Der Sudetenzug 
selbst ist, da seine Richtung mit der jener nordwestlichen Regenwinde 
annähernd übereinstimmt, wenig geeignet, in der Verteilung ihrer Nie- 
derschläge scharfe Abschnitte hervorzurufen. Nur das Sinken der 
Regenhöhe in den gegen diese Richtung verriegelten Thalkammern im 
Schosse des Gebirges fällt deutlich ins Auge. 

Dagegen beweist das Gebirge recht klar, dass doch auch der 
Südwestwind als Regenbringer für Schlesiens Bergrahmen nicht zu 
unterschätzen ist. Vereint man paarweise die in gleicher Höhe liegen- 
den, durch geringe Entfernung getrennten Stationen des mährisch- 
böhmischen und des schlesischen Abhangs, so ergiebt sich für erstere 
in der Regel eine reichere Ausstattung mit Niederschlägen. Man ver- 
gleiche Goldenstein (494) mit Ramsau (121), Ober-Morau (492) mit 
Neu-Neissbach (84), Rokitnitz (350) mit Marienthal (340) und Brand (90), 
Braunau (102) mit Neurode (105), Johnsdorf (318) mit Schömberg (216), 
Trautenau (311) mit Landeshut (215), Neuwelt (392) mit Schreiberhau 
(235), auch Weissbach (285) an der Wurzel des Wittigthales mit 
Grenzdorf (252) im Queisgebiete. Selbst an den Vorlagen des Riesen- 
gebirges kann man ähnliche Wahrnehmungen machen: Berbisdorf (232) 
am nördlichen Rande des Hirschberger Kessels ist regenreicher als 
Kauffung (175). 

Die nähere Untersuchung der Niederschlagsverteilung des Riesen- 
gebirges durch die aus dem Berliner Meteorologischen Institute her- 
vorgegangene Arbeit von Lamann ^) ergab, dass für den Sommer der 
Nordwest, für den Winter der Südwest der wichtigste Träger der 
Feuchtigkeit sei und dass demgemäss der Nordhang im Sommer, im 
Winter die Südseite des Gebirges die stärkeren Niederschläge empfange. 
Im Jahresmittel allerdings muss die schlesische Seite als Leeseite 
gelten. So zeigt die Verteilung des Regens im schlesischen Bergland 
sehr belangreiche Verschiedenheiten. Im allgemeinen aber bleibt natür- 
lich die Erfahrung bestehen, dass beim Anstieg gegen die Gebirge 
die Niederschläge sich steigern. Dem Versuche, diesen Sachverhalt 
getreu wiederzugeben, tritt allerdings erschwerend entgegen die Spär- 
lichkeit der Stationen auf den Höhen der Gebirge. Man kommt in 
die Lage, für sie Regenhöhen einzutragen, die thatsächlich nie durch 
wirkliche Messung festgestellt worden sind. Aber bei einiger Vorsicht 
darf man nicht fürchten, weit fehlzugreifen. Wiewohl die in das Xer- 
zeichnis aufgenommenen Stationen rings um das Eulengebirge meist 
nur 700, selten 800 mm verzeichnen, darf man kein Bedenken tragen, 
der Hohen Eule (1014 m) eine Niederschlagsmenge von mehr als 
1000 mm zuzuweisen; schon für das Dörfchen Kaschbach (c. 650 m) an 
ihrem Nordhang führt eine kurze Beobachtungsreihe von 35 Monaten, 
wenn man sie an volle Reihen der Gegend anlehnt, auf 970 mm. 
Durch eine Folge ähnlicher Erwägungen kann man die üeberzeugung 
begründen, dass in den Gebirgen Schlesiens kein Punkt, der höher als 
900 m liegt, einen mittleren Jahresniederschlag von weniger als 1 m 



') Georg Lamann, Die Niederschlagsverhältnisse am Riesengebirge. 
Inaug.-Diss. Berlin 1889, S. 5^). 



220 



Joseph Partsch, 



[26 



empfängt; oft aber wird dieser Wert schon in viel tieferer Lage er- 
reicht. Ueber 1200 mm steigert sich der Niederschlag auf den Kämmen 
der Beskiden, des Altvatergebirges , des Glatzer Schneegebirges, des 
Adlergebirges, auf dem Scheitel des Jäschken in Böhmen und nament- 
lich auf einer ansehnlichen Fläche im Gebiete des Biesen- und Iser- 
gebirges. 

Hier gestattet ein erfreulich dichtes Netz von Stationen, das frei- 
lich noch immer neuen Wünschen Raum lässt, eine besonders ein- 
gehende Darstellung der Aegenverteilung und eine Prüfung der wich- 
tigen Frage, in welcher Höhenlage denn die Steigerung des Nieder- 
schlages mit der Bodenerhebung ihr Ende findet. Ins Unendliche kann 
diese Steigerung nicht fortgehen; es fragt sich nur, ob das Riesen- 
gebirge hoch genug emporragt, um die Fläche des Niederschlags- 
maximums dieser Breite zu erreichen, oder gar zu durchragen. Dies 
Problem wäre ganz einfach lösbar, wenn man sicher wäre, dass den 
Beobachtungsstationen in jeglicher Höhe das Abfassen des ganzen ihnen 
zukommenden Niederschlags gelingt. Das ist aber für den Schneefall 
des Winters von einer Gipfelstation mit stark bewegter Luft nicht mit 
Bestimmtheit zu erwarten. Wer dieser Schwierigkeit sich erinnert 
wird aus den Jahresmitteln der Niederschlagsmenge für die Gebirgs- 
stationen nicht ohne weiteres zu schliessen wagen, dass die Schnee- 
koppe die Luftschicht mit dem Maximum des Niederschlages schon 
unter sich zurücklasse. Man wird sicherer gehen, wenn man zunächst 
nur die Regenmengen der sommerlichen Jahreshälfte ins Auge fasst, 
dann aus den Beobachtungen der Umgebung das Verhältnis dieser 
Niederschläge zu denen der winterlichen Monate feststellt und daraus 
nun folgert, wie hoch im äussersten Falle, wenn man den Verlust bei 
der Messung von Winterschnee auch als möglichst gross sich vorstellt, 
die Gesamtniederschlagsmenge auf der Schneekoppe sein könnte. Dann 
ergiebt sich folgende Reihe: 

Niederschlag. 



Station 


Höhe 


April— 


September 


Oktober- 


-März 




m 


mm 


% 


mm 


'^(O 


Forstbauden . . 


. 855 


750 


67 


382 


33 


Wolfshau . . . 


. 660 


730 


62 


445 


38 


Krunimhübel 


. 585 


638 


65 


341 


35 


Wang .... 


. 873 


808 


62 


500 


38 


Schneekoppe 


. 1605 


731 


65 


421 


35 


Klein-Aupa . 


970 


749 


55 


597 


45 


Riesenhain . . 


812 


934 


65 


500 


35 


Rauschengrund . 


. 875 


929 


62,5 


558 


37,5 


Siebengründe . 


. 922 


864 


53 


758 


47 



Man erkennt, dass in der That auf der Schneekoppe der Messung 
der Winterniederschläge ein absolut und relativ geringerer Anteil der 
Jahressumme zufällt als auf den Stationen des böhmischen Abhangs 
und den Stationen Wolfshau und Wang. Es ist also wahrscheinlich, 
dass der wirkliche Schneefall der winterlichen Jahreshälfte auf dem 
Gipfel bedeutender ist als die Beobachtung angiebt. Aber man greift 
gewiss schon zu hoch, wenn man für seine Schätzung das auf dem 



27 J I^ie Regenkarte Schlesiens und der Nachbargebiete. 221 

böhmischen Abhang durchschnittlich herrschende Verhältnis (Winter 41 ^/o) 
zwischen den Niederschlägen beider Jahreshälften zu Grunde legt. 
Dann würde der Niederschlag der winterlichen Monate für die Schnee- 
koppe auf 509 , der des ganzen Jahres auf 1240 mm sich erhöhen. 
Auch dann also bliebe die Thatsache unerschüttert, dass, wie im Sommer, 
auch im Jahresmittel die Niederschlagmenge der Schneekoppe zurück- 
steht hinter der des Gebirgskamms, der böhmischen Thäler und selbst 
der Station Wang am Nordabhange. Jahresniederschläge , welche 
1400 mm übersteigen, sind auf den Gebirgskamm (Neue Schlesische 
Baude 1406) und die Böhmischen Thäler beschränkt. Hier erweisen 
sich namentlich die mit steilem Hintergrund endenden Thäler der 
Aupa (Rauschengrund 1487) und des Eibgebietes (Siebengründe 1622) 
als wirksame Regenfänge. Merkwürdigerweise aber schliesst diesen 
Teilen des Riesengebirges auch das viel niedrigere und flacher auf- 
gewölbte Isergebirge sich an mit ebenbürtigen Niederschlagsziffern 
und mit der gleichen Eigentümlichkeit ausnehmend starken Winter- 
schneefalls. Hier erreicht auch zwischen Tafelfichte und Schwarz- 
brunngebirge (Neustadtl und Gablonz) das zusammenhängende Gebiet 
mit mehr als 1 m Jahresniederschlag seine grösste Breite (30 km), 
während es in der Nähe der Schneekoppe zwischen Krumm htibel und 
Marschendorf auf 12 km zusammenschrumpft. Der Flächeninhalt dieses 
Gebietes beträgt im Iser- und Riesengebirge 1250 qkm, im Adlergebirge 
810, im Glatzer Schneegebirge 240, im Altvatergebirge 700. 

Steigen wir von den bedeutendsten Höhen nieder, so erweckt 
besonderes Interesse die Kurve des Jahresniederschlags von 800 mm. 
Sie fallt in der Regel mit der Grenze des Berglandes nahezu zu- 
sammen; besonders scharf in Böhmen. Dort folgt sie von dem Aus- 
tritt der Elbe aus dem Lande ungeföhr dem Zuge der Kamnitz bis 
an den Kleis (760 m) bei Hayda, dann dem Südfuss des Lausitzer, 
dem Südwestfuss des Jäschkengebirges, jenseits der Iser aber dem Süd- 
rand der Hochlandschaften von Falgendorf und Soor (Kozakov, Tabor, 
Zvicin), um am Ostrand der letzteren dann die Bucht des Mettau- 
thales bis aufwärts gegen Wekelsdorf zu umziehen und endlich in 
südlicher Richtung den Rand der Hügelvorstufe des Adlergebirges zu 
begleiten. Dass auch die steilen Quadersandsteininseln, welche dem 
Saume des Falgendorfer Plateaus vorlagern, eine örtliche Steigerung 
der Regenhöhe über 800 mm hinaus verursachen, lehrt die einzige 
diesen Vorhügeln angehörige Station Bohanka. 

Während in Böhmen nur das Mettauthal dieser Kurve ein weites 
Zurückweichen ins Innere des Gebirges aufzunötigen scheint, ist ihr 
Verlauf in Schlesien verwickelter durch ihr tiefes Eindringen in die 
Quellthäler der meisten Gebirgsflüsse. Namentlich die Verzweigungen 
des Boberthales vom Hirschberger Kessel bis zu den drei bei Landes- 
hut sich vereinenden Thalwurzeln, der Glatzer Kessel mit vielen Thal- 
kammern, die von ihm in den Bergrahmen hineinreichen, zeichnen sich 
als schwächer benetzte Inseln ab von den mit starken Güssen über- 
schütteten Gebirgen, aus denen die Bergströme ihre Nahrung ziehen/ 
Besonders merkwürdig ist der enge Anschhiss derselben Kurve an den 
Ostabfall des Altvatergebirges. Dort ist der ganze dem nordöstlichen 



222 Joseph Partsch, Die Regenkarte Schlesiens und der Nachbargebiete. [28 

Schichtstreichen folgende 35 km lange Bergzug, welcher die sämtlichen 
Qaelladern der Oppa und der Hotzenplotz speist, von dem Pass am 
Berggeist (zwischen Kleppel und Janowitz) bis nach Zuckmantel über- 
strömt von Niederschlägen, deren Jahresmittel 1 m übersteigt. Aber von 
dieser Eammhöhe, welche von der Oppa die Gebiete der March und der 
Neisse scheidet, müssen mit dem Abstieg nach Osten die Niederschlage 
sehr rasch sich mindern. Hier liegt das merkwürdigste Regenschatten- 
gebiet der Karte, das durch Vermehrung der Beobachtungsstationen 
schärfer umgrenzt und näher beleuchtet zu werden verdiente. Der 
Oppalauf am Höhenrand bei Jägerndorf und Troppau empfangt nicht 
einmal 700 mm, einen Betrag, der für die bergfernere Leobschützer 
Gegend sicher verbürgt ist. Hinter der Wölbung der Ostsudeten 
birgt sich also im Osten eine regenarrae Insel von beträchtlicher Aus- 
dehnung. 

Jenseits des Gebirgsrandes nehmen nur wenige vereinzelte Er- 
hebungen eine Regenmenge von mehr als 800mm in Anspruch: die 
Königshainer Berge bei Görlitz, der Probsthainer Spitzberg, der Zobten, 
das Odergebirge. 

In allmählicher Abstufung gelangt man durch Schlesiens Hügel- 
land und seine Ebene hinab in seine regenärmsten Landstriche, an die 
untere Strecke des schlesischen Oderlaufes. Dyhernfurth ist der letzte 
Platz des Odernfers, der noch einen durchschnittlichen Jahresnieder- 
schlag von 600 mm aufweist. Das ganze Oderthal weiter abwärts 
samt den Unterläufen von Katzbach und Bartsch schliesst sich schon 
dem regenärmeren Norden an. Die geringste Ziffer in ganz Schlesien 
verzeichnet die Gegend von Neusalz (Alte Fähre 528). Ob oberhalb 
der Mündung der Glatzer Neisse wirklich ein besonders regenarmer 
Strich im Oderthale besteht (Golschwitz 576), bleibt besser künftiger 
Prüfung auf Grund reicheren Materiales überlassen; ebenso mag das 
Urteil über die regenarme Insel des oberen Weidegebietes vertagt 
bleiben. 

Die Hügel des rechten Oderufers erweisen sich bedeutend genug, 
um eine Steigerung der Regenmenge hervorzurufen. Das erkennt 
man schon an der „Insel Sternberg** zwischen Oder und Obra, zumal 
am scharfen Abbruch der Weinlehne von Tschicherzig gegen das Oder- 
thal, noch deutlicher an den Trebnitzer Hügeln, und besonders kräftig 
macht diese Verstärkung des Regenfalls sich auf den Höhen Ober- 
schlesiens geltend. 

Sehr verführerisch scheint es, einigen Andeutungen, die für eine 
Steigerung des Niederschlags über weiten Waldgebieten sprechen, 
näher nachzugehen. Die Beobachtungen in der Kohlfurter Heide, wie 
die in den weiten Forsten des Stober- und Malapanegebietes laden zu 
solch einer Erklärung sehr bestimmt ein. Sie stimmen überein mit 
den Erfahrungen, die anderwärts, z. B. für Mitteldeutschland durch 
Assmanns Monographie, festgestellt sind. Aber die nähere Würdigung 
dieses Einflusses der Waldung auf die Mehrung der Niederschläge 
rauss feineren Einzeluntersuchungen überlassen bleiben. 



ni. Die Grenzen des Wertes der Karte. 

Die vorliegende Regenkarte wird von der relativen Abstufung 
der Niederschlagsverteilung im schlesischen Odergebiete im ganzen ein 
ziemlich richtiges Bild geben; wenn auch manche Striche des Berg- 
landes, z. B. die Beskiden, in den hier verwerteten Beobachtungs- 
jahren zufallig etwas stärker benetzt worden sein mögen als andre 
im allgemeinen gewiss nicht trockenere Gebirge. Aber die Beschrän- 
kung der Untersuchung auf wenige Jahre konnte zur Folge haben, 
dass die ganze Haltung des Bildes etwas dunkler oder etwas lichter 
ausfiel, als den normalen Verhältnissen entspricht. In welchem Sinne 
nun die hier verarbeiteten Werte der Niederschlagsmenge sich von 
langjährigen Mitteln entfernen, mögen folgende Angaben lehren: 

Ratibor Breslau Wang Görlitz 

VI. 1887 — V. 1892 ... 708 618 1308 677 

1877—1886 626 553 1870 699 

1867—1876 — 558 1167 610 

1857—1866 502 546 — 590 

1857—1886 — 552 — 683 

Danach war das Lustrum, welches der Kegenkarte zu Grunde 
liegt, ein regenreiches; für alle Stationen liegt das Mittel der 30jährigen 
Periode 1857—1886 wesentlich tiefer. Das 87jährige Mittel (1855 -1891) 
ffir Breslau berechnet Galle auf 559 mm ^), das 40jährige (1855 — 1894) 
auf 555 mm. 

Aber gerade bei der Musterung langjähriger Reihen von Nieder- 
schlagsbeobachtungen drängt sich auch die Einsicht auf, wie wenig 
solche Mittel besagen für die daran sich nie eng bindende Wirklich- 
keit, die in einer kurzen Spanne Zeit, bisweilen von einem Jahre zum 
nächsten, einen Sprung ausführt von UeberfüUe des Wassers zu un- 
gewöhnlicher Trockenheit. In den letzten 40 Jahren allerdings haben 
sich die Schwankungen der Niederschlagsmenge Breslaus in sehr 
massigen Grenzen gehalten, zwischen 417,9 mm (1857) und 711,5 mm 
(1890). Aber in der nächst vorangehenden Zeit waren sie zweifellos 



*) J. G. Galle, 69. Jahresber. der Schles. Gesellsch. für vaterl. Kultur, 1892. 



224 Joseph Partsch, [30 

weit bedeutender. Leider ist dort ihr ziffernmässiger Ausdruck nicht 
frei von einer gewissen Unsicherheit. Bis zum Jahre 1854 — gerade 
einem durch ungewöhnlich, starken Regenfall bemerkenswerten — stand 
der Regenmesser auf der Plattform der Sternwarte 33 m über dem 
Erdboden und fing viel geringere Niederschläge auf, als thatsächlich 
fielen. Erst Galle führte die Beobachtungen in geringer Hohe über 
dem Erdboden ein, berichtigte die alteingewurzelte und noch zwei 
Jahrzehnt in Regenkarten nachwirkende Vorstellung, dass Breslau auf- 
fallend geringe Niederschläge habe, und bemühte sich, durch lange fort- 
gesetzte Doppelbeobachtungen auf der Plattform des Sternwartenturmes 
und in geringer Höhe über dem Boden das Verhältnis zwischen den 
Ergebnissen beider Beobachtungsorte festzustellen und dadurch einen 
Korrektionsfaktor für die Berichtigung der älteren Angaben zu ge- 
winnen ^). Er fand, dass in der Höhe nur etwa ^/i des wirklich fallenden 
Niederschlags zur Messung gelangten. Die oben gewonnenen Ergeb- 
nisse bedurften durchschnittlich einer Multiplikation mit 1,3258. Ganz 
unbedenklich wird man diese Verbesserung anbringen an den unter 
Galles eigener Leitung vollzogenen, zum Teil in jene Vergleichung 
schon hineingezogenen Beobachtungen des Jahres 1854, das dann mit 
854 mm das entschiedene Maximum der zweiten Hälfte des Jahrhunderts 
in Anspruch nimmt*). Aber ob dieselbe Umrechnung auch auf alle 
älteren Beobachtungen anwendbar ist und ob sie ausreicht, alle diese 
auf gleichen Wert mit den neueren zu erheben, muss billig bezweifelt 
werden. Galle hat mit kritischer Vorsicht es immer vermieden, seine 
eigenen Beobachtungen mit den älteren bis 1791 zurückreichenden 
Regenmessungen zur Berechnung eines langjährigen, säkularen Mittels 
zu verbinden. So viel scheint sicher, dass um 1830 eine Periode mit 
ungemein starken Niederschlägen fällt. Die Ziffern liegen so hoch, 
dass man nur zögernd an ihnen noch die oben bezeichnete Vermehrung 
anbringt Sie führt auf folgende Werte: 1828 707, 1829 1078, 1830 
700, 1831 833, 1833 884 mm. Dann folgt ein jäher Sturz: 1834 
165 mm. Dass wirklich das nasse Jahr 1833 und die Dürre des nächst- 
folgenden in einem Gegensatz von seltener Schärfe standen, ist ander- 
weitig bekannt und für Schlesien insbesondere durch die Beobachtungen 
von Leobschütz (1833 833, 1834 387 mm) erwiesen, das in diesen Jahren 
auch nahezu die ganze Spannweite zwischen den äussersten Grenz- 
werten^) seiner Regenaufzeichnungen durchmass. Auch Ereuzburg hatte 
1834 ein scharf ausgesprochenes Minimum: 380 mm. In Breslau aber 
erscheint die Regenarmut dieses Jahres in den Beobachtungen weit 
übertrieben. Das erklärt sich — nach freundlicher Auskunft des Herrn 
Geheimrat Prof. Dr. Galle — wenigstens teilweise aus der Beschaffen- 
heit des damaligen Regenmessers, der den aufgenommenen Nieder- 
schlag auf grosser Bodenfläche frei der Verdunstung aussetzte, die 
namentlich geringere Niederschläge rasch aufzehrte. Jedenfalls sind 

^) J. G. Galle, Grundzüge der Schlesischen Klimatologie , Breslau 1857, 
8. XIII. Jahresber. Schles. Gesellsch. 1859, S. 195, 1871, S. 310. Mitteil, der Stern- 
warte zu Breslau 1879, S. 73. Zeitschr. Oesterr. Gesellsch. für Met. 1882, S. 41—44. 

*) Ebenso, Zechen bei Guhrau, 1854 875, 1857 408 mm. 

') Nur 1847 ein höheres Maximum 974 mm. 



31] Die Regenkarte Schlesiens und der Nachbargebiete. 22 

schon die geringen Jafaressummen für 1837, 1835, 1842 ganz unzuver- 
lässig und je weiter man zeitlich zurückgeht, desto unbrauchbarer wird 
die ganze Reihe. Dafür nur ein Beispiel! Der geschichtlichen Er- 
innerung tief eingeprägt sind die gewaltigen Regengüsse des August 1813. 
Sie kommen in der Breslauer Beobachtungsreihe, die diesem Monat 
eine Niederschlagssumme von 13,33 Linien zuweist, gar nicht zur 
Erscheinung. Und doch bezeugt Jungnitz selbst^), dass allein die vier 
Tage vom 26. — 29. der Sternwartestation an 250 Kubikzoll Regen 
auf den Quadratfuss brachten! Das sind 20,8 Linien. Die Hoffnung, 
dass gerade in diesem offenbaren Widerspruch der Schlüssel zur Ver- 
besserung der alten Beobachtungsreihe liegen könnte, verwirklichte 
sich nicht. Sie bleibt unverwerthbar. 

So stossen wir schon innerhalb unseres beobachtenden Jahrhunderts 
auf Schwierigkeiten bei dem Versuche, die Grenzwerte der über Schlesien 
ausgeschütteten jährlichen Niederschlagsmengen festzustellen. Dennoch 
lohnt es die Mühe auch über den Anfang meteorologischer Beob- 
achtungen hinaus einen Blick zu werfen über das weite Feld der für 
Schlesien verbürgten Schwankungen der Niederschlagsmenge. Für 
deren höchste Werte bieten allerdings die zahlreichen Nachrichten 
über die verheerenden Hochfluten des Oderstroms nur einen völlig 
unsicheren Massstab. Auch wenn man ganz absieht von den Winter- 
und Frühjahrsüberschwemmungen, die weniger von der Menge des 
Niederschlags als vorn der Schnelligkeit der Schneeschmelze und der 
Wirkung örtlicher Eisstauungen abhängen, wird aus den Ueber- 
schwemmungen der sommerlichen Jahreshälfte nicht immer unmittel- 
bar ein Schluss auf den Regenreichtum des ganzen Jahres gezogen 
werden dürfen. Es braucht nur die Regenmenge, die gewöhnßch 
sich auf mehrere Wochen verteilt, einmal auf wenige Tage sich zu 
vereinen, um die Flüsse über ihre Ufer treten zu lassen. Der erfahrungs- 
reiche älteste Leiter der Breslauer Sternwarte (1791 — 1831) Canonicus 
Jungnitz meinte, wenn die Sternwartenstation in 3 Tagen 200 — 300 Kubik- 
zoll Regen auf den Quadratfuss verzeichne (also eine Regenhöhe 
von l",39—2",08 = 37,6— 56,3 mm), könne man mit grosser Wahr- 
scheinlichkeit eine Oderüberschwemmung erwarten *). Wohl sind diese 
Ziffern mindestens noch der Umrechnung zu unterwerfen, welche Galle 
für die Berichtigung der auf der Sternwartenplattform gewonnenen 
Ergebnisse als nothwendig erkannte. Aber auch wenn man sie dem- 
gemäss auf 50 — 75 mm erhöht, leuchtet ein, dass solche Niederschläge 
auch in einem Jahre eintreten können, dessen Gesamtheit gar nicht 
übermässig feucht ist. Aber die grossen, wochenlang weite Niederungen 
überflutenden Sommerhochwässer, deren Verheerungen mit denen von 
1804, 1813, 1829, 1854 auf gleiche Linie treten, sind sicher immer Er- 
zeugnisse übermässig regenreicher Jahre. Solche Berichte liegen zum Teil 
in beträchtlicher Ausführlichkeit vor für die Jahre 1387, 1445, 1464. 
1501, 1570, 1593, 1605, 1650, namentlich aber für den fürchterlichen 
Sommer 1736, der vom 10. Mai bis zum 22. Juli keinen regenlosen Tag 



^) Schles. Provinzialbl. 58 (1813), S. 290. 



22(5 Joseph Partsch, [32 

brachte ^). Aber ein Abwägen der Wassermengen, die jede dieser 
Hochfluten brachte, gegeneinander ist ganz unmöglich, selbst wenn 
genaue Wasserstandsbeobachtiingen vorliegen. Denn die Wasserhöhe 
an jedem Punkte hängt von der Zufälligkeit ab, ob die Waisserflat 
zur Zeit ihres höchsten Anschwellens im engen Bette zusammengehalten 
blieb oder durch grosse Deichbrüche sich mehr oder weniger Flächen- 
ausbreitung über die Niederungen schafiFke. Deshalb haben diese Nach- 
richten über grosse Ueberschwemmungen für die Geschichte der Klima- 
schwankungen ein viel beschränkteres Interesse als das entgegengesetzte 
Extrem. 

Ein auffallendes Zusammenschwinden der Flüsse hat immer eine 
länger anhaltende Trockenheit zur Voraussetzung. Solche Nachrichten 
Hegen für 1532, 1534, 1540, 1551, 1590 vor. Aber als Grenzwert 
dessen, was Schlesien in dieser Beziehung seit Menschengedenken er- 
lebt hat, darf man zuversichtlich bezeichnen die zufallig besonders 
reichlichen Nachrichten aus dem dritten Viertel des 15. Jahrhunderts. 
Mit dem Breslauer Stadtschreiber Eschenloer, der lebendig die Zeit des 
Kampfes der Stadt wider Georg Podiebrad schildert, vereinigt sich der 
durch eifrige Naturbeobachtung ausgezeichnete Glogauer Annalist und der 
Katalog der Saganer Aebte, endlich der Breslauer Geistliche Sigismond 
Bosicz in dem Bestreben, eine überraschend vollständige Witterangs- 
geschichte jener Zeit zu geben, die an absonderlichen klimatologischen 
Thatsachen merkwürdig reich ist ^). Das Thatsächliche über die grosse 
Trockenheit mancher Jahre wird hier knapp zusammengefasst; für das 
wichtigste Jahr mögen die Quellen selbst das Wort führen: 

1454. Die Oder von Jimi bis August ungewöhnlich seicht und 
fischarm. 

1457. Grösste Trockenheit seit 50 und mehr Jahren. 

1459. Eschenloer: „In diesem Sommer aus und aus war die Oder 
so klein, dass niemand kleinere gedachte, gleichsam sie wolde gar aus- 
dorren. Da« war der Stadt eine grosse Fährlichkeit.* 

1460. Sehr heisser Sommer. Die Oder und die anderen Flüsse 
sehr klein. 

1469. Ganz regenarmer Sommer. Die Oder so seicht, dass überall 
Leute und Wagen hindurchgehen und manchen Mühlen das Wasser 
fehlt. Nie waren Oder und Ohle so klein, wie diesen Sommer und 
Herbst. Die Oder war allenthalben durchschreitbar, die Ohle hatte 
kein Wasser. 

1471. Schöner Sommer und Herbst. Die Oder so klein, dass 
sie bei Glogau zu Fuss, zu Ross und mit Wagen überschritten wird, 

1472. Alle Gewässer ganz seicht. Die Oder so klein wie nie 
in früheren Jahren. Auch die Bartsch so klein, dass ihre Mühlen — 



Kundin ann, Joh. Chr., Die Heimsuchungen Gottes über das Herzogtum 
Schlesien. Leipzig 1742. 

') H. W(endt), Aus alten schlesischen Witterungsberichten. Schlesische 
Zeitung 11. Mai 1894. Die Quellenstellen: Script, rer. Sil. I. 340. 364. 366; 
VII. 56. 213. 246; X. 18—29; XII. 70. 75. 85; Eschenloer, Deutsche Ausg. IL 
104. 264. 271. 299. 300. 



331 I^iö Regenkarte Schlesiens und der Nachbargebiete. 227 

ebenso wie im Vorjahre — den ganzen Sommer still stehen, was seit 
langer Zeit nie vorgekommen war. Herrliche Weinerute. 

1473. Nach mildem, schneearmem Winter ein unerhört trockenes, 
heisses Jahr. Eschenloer: „Alhir ist wol würdig zu beschreiben die 
grosse Hitze und Dörre, die diesen Sommer hatte gestanden von Georgii 
bis auf Martini one Regen; allein umb Bartholomäi es ein wenig 
regnete, kaum den Staub leschende. So grosse Hitze war, dass alle 
Flüsse in Slesien, wie die Oder, Neisse und Bober ganz ausdorreten, 
die Olau ein Virteljar und länger nicht einen Tropfen Wasser hatte, 
dessgleichen die Lisse (d. i. die Weistritz), Pelze, Lohe. Von der 
Schweidnitz, Jauer, Striga, Lignitz kein Wasser war. 0, wie grosser 
Jammer an dem Mülwerk ! Die umbliegenden Lande musten zu Breszlau 
die Mülen suchen ; die Teiche überall dorreten aus, die Walde und die 
Heiden brauten lichterlohe, samb man sie hätte angezündet. Jeder- 
mann meinte, es were eine Plage Gottes. Ich setze es zu Gott; sondern 
auf Erden lebet niemandes, der solche Dinge hätte im Gedechtniss 
Tormals geschehen wäre. Keine Historia beschriben findet dergleichen 
diser Hitze. Doch habe ich kein arges darnach sehen folgen, kein 
Sterben, keine Teurung, sondern alle Ueberfiüssigkeit; Wein und Brot, 
Getreide, allerlei Früchte, Obst, nichts gebrach, allein ausgenommen 
Fische; die verschwanden. Die Dörfer verloren ihre Börne. Darumb 
vil Leute aus den Dörfern in andere Stellen ziehen mussten und ihre 
Güter lassen stehen, bis Gott seine gnedige Feuchtigkeit vom Himmel 
wider lisse flissen.'' 

Glogauer Annalen: „Diss jar ist ein dirre jar und frue jar mit 
allen fruchten. Der winter der was auch linde und nicht sehr kalt, 
sondern die Uder was gar gross, also das sy über den steigk giengk, 
das man nicht kundt gehen vom thume zu S. Georgen (6. — 12. Febr.). 
Auch bluetten die velcken an S. Valentins tag (14. Febr.), das doch 
nicht gehörtt ist; und die leute pfropften in dem homung umb 
S.Peters tag (22. Febr.); diebeume, als kirschbeume, oppfelbeume, birn- 
beume, die bluetten in dem mertzen vor mittfasten umb S. Benedicti 
tag (21. März). Darnach acht tage da waren feil in demselbigen 
monden mertzen morchen und andere schwemme, die da sollten kommen 
in dem mey. Auch dasselbige jar worden die fisch gar theuer als je 
gewest sind, wenn sie worden nicht in den wassern, nach dem sprüchel: 
wenn das landt reich ist; so ist der wog arm, nach den alden. Ittem 
die vollen rosen die blietten um S. Georgii (23. April), auch am 
S. Märzen tag (25. April) ^) war manch krantz getragen. Die kirschen 
warn reiff 8 tage vor Joannis, die weyssen 14 tag vor Joannis. Die 
erndte hub man an 8 tag vor Joannis, opfel und birn waren feil auf 
Joannis, das denn lang jar nie gehört ist so frue ; auch umb S. Jacobs 



*) Die von irrigen Lesarten nicht freie Handschrift giebt: S. Agathen tag. 
Das wäre der 6. Februar. Offenbar aber nannte der Annalist ein Datum aus dem 
Ende des April, wahrscheinlich — wie Herr Prof. Dr. Markgraf nach dem ver- 
Bchnörkelten Schriftcharakter der Zeit ganz überzeugend vermutet — S. Marxen tag 
(25. April, 1473 ein Sonntag). Die Marcusprozession konnte sich damals mit Rosen 
schmücken, was in anderen Jahren nur späteren kirchlichen Umzügen, namentlich 
der Fronleichnamsprozession, vergönnt war. 

Fonehnngen zur dentscheu Landes- und Volkskunde. IX. 3. 16 



228 Joseph Partsch, [34 

tag (25. Juli) was gemeiniglich alles getreide in den scheinen. Es 
war also ein dirr jar, als kein man je gedacht, den von S. Ambrosii 
tag (4. April) was kein regen nicht, der da je hette recht den Staub 
gelescht, sonder underweilen kam ein platzregen. Auch verdorrte das 
grass auf den wesen das meiste theil, und war gar wenig hew; die 
gertten dorreten alle aus, die schotten auf dem feldt yerdarben gar, 
das in dem landt gar kein erbis war. Die pflanzen zu dem kraut 
dortten gar aus, das kein krautt war; der hirse und der beide ver- 
darb; oppfel und bim auf den beumen, die vollkommen nicht, sy 
filen ab vor grosser hitz, ehe wen die Zeit kam. Auch kundt man 
nicht gebrochen noch den acker arbeiten, also musten die rüben bleiben 
ungischet^), sondern an S. Maurici tag (22. Sept.), da gab got einen 
genedigen regen und den anderen tag darnach, das die leutte wiederumb 
schotten. Die üder was so klein als sy in 100 jaren nicht gewest 
ist, denn ein kyndt wudt dadurch, das in 10 jaren war, hinder dem 
schloss, noch gieng es im nicht an die knie, das doch nie gehört ist. 
Auch waren die fische also tewer, denn die wasser worden sihr aus- 
gedorret. Keine muele an der Baritz gieng bey einem halben jare, 
also klein was sye. Auch worden gemeiniglich alle weide entzunth 
und brauten tag und nacht, das man sie mit nichte leschen kimdte, 
und sonderlich in paludibus, die da worden ausgedorrt, da braute die 
erde und die wortzeln verbrennthen, das die beum umbfilen und da 
tzunicht worden; und da geschach unaussprechlich schade nicht allein 
in der Schlesie sondern auch in den andern umbligenden landen, und 
das werte wol 10 wochen durch den sommer. Der weisse fart bey 
der neustadt (der Fluss Weissfurt bei Neustadtl) der floss auch nicht, 
das denn nie gehört ist.*^ 

Das Jahr 1473 zeichnete sich also aus durch ein nahezu völliges 
Ausfallen der Regen der sommerlichen Jahreshälfte. Auch das übrige 
Jahr soll ziemlich regenarm gewesen sein. Demnach wird man für 
Breslau die Begenhöhe dieses Jahres sicher noch überschätzen, wenn 
man von der als 37jähriges Mittel festgestellten Jahressumme von 
559 mm den auf die fünf Monate von Mai bis September entfallenden 
Betrag von 327 mm wegnimmt, also die Niederschlagsmenge jenes 
Jahres auf ^fe der normalen herabsetzt. Die Folge dieses geringen 
Regenfalls ist aber augenscheinlich deshalb in der Entkräftung des 
Flussnetzes so erstaunlich hervorgetreten, dass der Unterlauf von Ohle, 
Lohe, Weistritz, Katzbach und der Weissfurt ganz versiegten, weil 
schon die beiden vorangehenden Jahre ungemein dürr gewesen waren 
und im Boden einen sehr geringen Vorrath von Feuchtigkeit hinter- 
lassen hatten. Bekanntlich ist der Mittelwasserstand der Flüsse auf 
durchlässigem Boden nicht allein von den unmittelbar vorangegangenen 
Niederschlägen abhängig, sondern auch von den Nachwirkungen der 
Vorjahre.« Dieser Umstand mindert im allgemeinen die Einwirkung 
starker Schwankungen des Niederschlags auf das Wassernetz. Aber 
er kann auch verschärfend ins Gewicht fallen, wenn einmal eine ganze 
Reihe trockener Jahre aufeinander folgt. 



*) «ungeschüttet* (Markgraf). 



35] I^ie Regenkarte Schlesiens und der Nachbargebiete. 229 

So überschauen wir, wenn die Umrechnung des hohen Wertes 
für 1829 (auf Sternwartenplaitform gemessen 813 mm, für die unterste 
Luftschicht berechnet 1078 mm) nicht zu hoch greift, dank jenen aus- 
fuhrlichen Nachrichten des 15. Jahrhunderts in Breslaus Begenfall eine 
Schwankungsweite Ton mindestens 850 mm. Das Bewusstsein dieser 
grossen Veränderlichkeit der Regenmenge muss immer lebendig bleiben, 
wenn man an die Verwertung einer auf wenige Beobachtungsjahre 
begründeten Regenkarte herantritt. 



IV. Die Verwertung der Regenkarte. 



Das höchste Ziel des Studiams der Hydrometeore eines Landes 
ist ein voller Einblick in den ganzen Haushalt seines Wasserschatzes. 
Der jährlichen Wasserspende des Lufhneers steht gegenüber der 
Betrag, den es durch Verdunstung wieder in Anspruch nimmt, ein 
weiterer, den das organische Leben des Gebietes für seine Ernährung 
fordert. Der Rest fliesst ab teils unsichtbar in der Ghrundwasser- 
bewegung, teils unter den Augen und im Dienst der Bewohner, in den 
Wasserbetten der Ströme. Jeden dieser Anteile an dem Verbrauch 
deä niedergefallenen Wassers abzuwägen ist immer schwer, bei der 
Oder vorläufig noch unmöglich. So kann diese Untersuchung nicht 
selbst die vollen Früchte der aufgewendeten Mühe ernten; sie muss 
zufrieden sein, einen künftigen höheren Stand der Forschung vorbereiten 
zu helfen. 

Nur die Einnahmerechnung des Wasserbudgets von Schlesien ver- 
mögen wir mit annähernder Sicherheit aufzustellen, sobald eine Regen- 
karte aus den Ergebnissen der einzelnen Stationen die Fäden für die 
Begrenzung von Regionen verschieden starken Regenfalls herausgesponnen 
hat. Dann ist es leicht, die einzelnen Höhestufen des Reliefs der Regen- 
höhe mit dem Polarplanimeter auszumessen und durch Einführung des 
Mittelwertes für die Niederschlagsmenge jeder Stufe zu einer annähernd 
richtigen Bestimmung der ihr zufallenden Wassermenge zu gelangen. 
Nur bei der untersten Stufe der Regenausstattung jedes Flussgebietes 
muss der untere Grenzwert der überhaupt darin vorkommenden Nieder- 
schläge noch besonders festgestellt werden, damit das Mittel der Regen- 
menge richtig gewählt werden kann. Und bei der obersten Stufe 
des maximalen Niederschlages geht es für die Wahl eines oberen 
Grenzwertes nicht immer ohne Willkür ab, deren ungünstiger Einfluss 
indes in der Regel durch das geringe Areal jener Stufe so abgeschwächt 
wird, dass er das Gesamtergebnis der Niederschlagsmenge eines Fluss- 
gebiets nicht merklich stören kann. Man kann gegen dieses Messungs- 
verfahren einwenden, dass es eine Genauigkeit erstrebe, die den Grund- 
lagen der Messung, dem Verlauf der Kurven der Regenkarte, natur- 
gemäss gar n^ht eigen sei. Das ist richtig. Aber die unvermeidliche 
Unsicherheit der Grenze jeder Höhenstufe des Regenreliefs kann doch 



37] Joseph Partsch, Die Regenkarte Schlesiens und der Nachbargebiete. 231 

nar eine erhöhte Sorgfalt für die Ausschliessung weiterer Fehler im 
FoH^ange der Arbeit empfehlen, nicht die Zulassung eines mangel- 
hafteren Rechnungsverfahrens, das die Unsicherheit der Schlussergeb- 
nisse noch weiter steigert. Deshalb wurde von dem durch seine Leichtig- 
keit einladenden Verfahren, die mittlere Niederschlagshöhe eines Wasser- 
gebietes aus einer Anzahl möglichst gleichmässig verteilter Stationen 
direct herzuleiten, abgesehen und die planimetrische Ausmessung vor- 
gezogen. 

Für ihre Ausführung war eine Vorentscheidung über die Zweck- 
massigste Begrenzung und Einteilung des Studienfeldes notwendig. 
Dabei galt es, den Forderungen der Hydrographie nach Möglichkeit 
Rechnung zu tragen, wenn sie nicht zu stark abwichen von den Ge- 
sichtspunkten, welche die Bodengestalt des Landes für seine Gliederung 
an die Hand giebt. So zweifellos die Einmündung des letzten Earpathen- 
flusses den Abschluss des Quellgebietes der Oder bildet, so bestimmt 
teilen sich die Meinungen über das Ende ihres Oberlaufs. Der Boden- 
gestalt nach fällt es dahin, wo die Oder zum letztenmal Gesteine 
^es Grundgebirges durchschneidet, nach Döbern unterhalb der Malapane- 
mündung. Für die Entwickelung der Wasserführung des Stromes ist 
aber ungleich wichtiger der Zutritt des ersten starken Gebirgsflusses, 
4er Glatzer Neisse. Von hier ab genügt der Strom auch ohne die 
künstlichen Stauungen der neuen Kanalisierung den Forderungen der 
heutigen Grossschififfiahrt; hier erst endet für den Hydrographen das 
minder leistungsfällige Dasein des Oberlaufs der schlesischen Oder. 

Schwerer als in diesem Punkte wird es der Landeskunde, den 
Ansprüchen der Hydrographie sich anzupassen bei dem nächsten Ab- 
schnitt des Oderlaufs. Für die Geographie bleibt ohne. Frage bemerkens- 
wert der Austritt des Stromes aus der mittelschlesischen Ebene, sein 
Eintritt in das Gebiet der Landrücken unterhalb der Katzbachmündung. 
Ein Einschnitt an diesem Punkte führt zu einer recht guten Abrundung 
der Grenzen des mittelschlesischen Odergebietes. Auf diesen Vorteil 
wird man nicht leicht verzichten mögen durch überwiegende Betonung 
der dem Hydrographen wertvollen Stelle, an welcher wenig unterhalb 
Breslau das Zusammentreffen dreier Nebenflüsse dem Strome eine an- 
sehnliche Verstärkung zuführt. 

Der Durchgang der Oder durch die beiden Schwellen des Land- 
rückens mit wiederholtem Richtungswechsel bildet eine unverkennbare 
Einheit. Man könnte versucht sein, sie erst an der Mündung der 
Lausitzer Neisse enden zu lassen, wo die Oder sich endgültig vom 
Landrücken weg nordwärts wendet. Aber auch dem Geographen 
leuchtet ein, was der Hydrograph mit Bestimmtheit betont: die Wichtig- 
keit der Mündung der Faulen Obra. Die Bifurkation des Obra- 
laufes trägt ein Element der Unsicherheit hinein in die Wasserführung 
des Oderstromes. Es hängt von dem Gleichgewicht der Wasserfälle 
vom Warthe- und Odergebiet ab, ob und wieviel Wasser die Oder vom 
Obrathale her empfängt. Schwillt die Oder gewaltig an, wie 1854, 
so ergiesst sich von ihrer Wassermenge ein Teil umgekehrt ins Obra- 
thal und findet im Osten der Insel Sternberg seinen Weg zur Warthe. 
Die Oder verliert also an der Mündung der Faulen Obra den festen 



232 Joseph Partach, [38 

nnveräaderlichen Abscbluss ihres Wassergebietea. Die Ursache dieses 
Thatbestandes ist bekannt. Die Oder tritt hier ein in das erste der 
beiden aus Polen quer durch ganz Ostdeutschland von der Weichsel 
zur Elbe verfolgbaren grossen Thäler, welche die Diluvialzeit aU weite 
Grehäuse ftir die kleineren Ströme der Gegenwart hinterlassen hat. 
Grund genug, hier an der Einmündung der Faulen Obra den nieder- 
schlesischen OderUuf enden zu lassen und schon als erste Strecke des 
märkischen anzusehen den Thalweg Ton da bis zur Mündung der 
Lausitzer Keisse, des letzten die Oder verstärkenden Qebirgsflnsses. — 
Das Obragebiet bleibt besser völlig ausgeschieden, da der Anteil, 
welcher der Oder sein Wasser zusendet, nicht scharf umgrenzbar, auch 
thatsächlich von wechselnder Ausdehnung ist. Diese Grundanschauungen 
waren massgebend für die Aufstellung der gegenüberstehenden Tabelle. 

Man erkennt sofort, dass im Vergleich mit der Atealbestimmung 
die Berechnung der Gesamtuiederschlagsniengeo schon einen beträcht- 
lichen Schritt vorwärts führt zu der richtigeren Wertschätzung der 
Bedeutung der einzelnen Flussgebiete für die Ausbildung und Lebens- 
führung eines grossen Stromes. Das Quellgebiet der Oder und das 
Bobergebiet stehen zufällig der Fläche nach einander genau gleich 
und das Bartschgebiet bleibt nur wenig hinter demselben Ansmass 
zurück, Ihre Ausstattung mit Kiederschlägen aber zeigt eine recht 
scharfe Abstufung. Diese wird sich durch die EinSflsse der Natur 
und die Neiguugsverhältnisse des Bodens noch weiter verschärfen in 
der Wasserführung der drei Wasserläufe. Leider liegen dafür noch 
ebensowenig wie für den Hauptstrom ganz sichere, nach den neuesten 
Methoden ausgeführte und längere Zeit fortgeführte Messungen der 
OefTentlichkeit vor. Noch können wir nicht das allmähliche Anschwellen 
seiner Wasserführung Schritt für Schritt durch Schlesien hindurch und 
weiter verfolgen, sondern nur die meteorologischen Vorbedingungen 
c]ie!<er allmähljchen Entwickelung. 

Di« mittlere Grösse des Volumens des Jahresniederschlags auf 
dein hinter den einzelnen Strompunkten liegenden Wassergebiete betrug 
(VI, 1887 —V. 1892): unter der Olsamündung 5,008, vor Aufnahme 
iler Glatzer Neisse 10,550, jenseits der Katzbachmündung 21,792, an 
dem Zutritt der Faulen Obra 27,103 cbkm, an der Mündung der Lau- 
aitzer Neisse (wenn man von der Obra ganz absieht) 35,478. Gleich- 
massig auf die Sekunden verteilt würden diese Ziffern besagen, dass 
der Strom durschschnittlich jede Sekunde folgende Ni e de rsch lagsaus - 
^tattung hinter sich hatte: unter der Olsamündung 159, vor der Neisse- 
niündung 335, nach Aufnahme der Eatzbach 691, beim Eintritt ins 
ObrathaT859, unter der Mündung der Lausitzer Neisse 1125 cbm. All 
fWf^p Ziffern wären, wenn statt öjähriger Niederschlagsmittel lang- 
jüliriL'" hätten angewendet werden können, noch um etwa 9V niedriger 
:i!i-L" :;illen. Es sind also sehr bescheidene Werte, mit denen man bei 
(li'f ^[leisung des Oderstroms zu rechnen bat. 

Die Annahme Gräves, dass in den grösseren deutschen Strömen 
linreli-clinittlich 31,4 ".'n der Niederschlagsmenge zum AbÖuss gelangen^), 

■| Srftve. WKasen- 



-39] 



Die Regenkarte Schlesiens und der Nachbargebiete. 



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234 Joseph Partsch, [40 

würde also der Oder beim Eintritt in die Provinz Schlesien eine mittlere 
Wasserführung von 50 cbm, oberhalb der Mündung der Glalzer Neisse 
105 cbm, beim Eintritt in den Landrücken 217, an der Obra- 
mündung 270 cbm zuschreiben. Zum Vergleich mit diesen Annahmen 
stehen nur wenige ältere Messungsergebnisse der Wassermenge der 
Oder zur Verfügung ^). Zufallig sind darunter mehrere, die in Jahren 
mit ausserge wohnlich niedrigem Wasserstande erzielt wurden. Nur 
ihm entsprechen 28,1 cbm für die Oder oberhalb Brieg, 32,6 cbm ober- 
halb Breslau, 24,6 cbm unterhalb der Eatzbach, 22,5 unterhalb Steinaa. 
Diesen Ziffern aus den Jahren 1858 und 1863/4 stehen aus denselben 
Jahren schon höhere gegenüber: für Steinau 83,7, 159,1, 202,8, 
255,4, für Glogau eine Reihe von Beobachtungen, die von 81,8 über 
106,0, 118,7 bis 157,9 steigt, um dann bei dem Augusthochwasser 
desselben Jahres (1858) auf 2313,4 emporzuschnellen. Minder weit 
scheinen von der Mittellage sich zu entfernen Angaben aus andern 
Jahren. Eine Durchschnittsziffer (1852 — 1855) für die Strecke zwischen 
Malapane und Neisse greift mit 120 cbm vielleicht ein wenig zu hoch. 
Auch die Zahlen für Breslau von 1833 (oberhalb 138, unterhalb 139 cbm) 
werden gemäss dem Charakter jenes Jahres etwas zu hoch liegen, 
während von den beiden Werten für Erossen 82 cbm und für die 
Strecke zwischen Bober und Lausitzer Neisse 140 cbm der letztere 
dem normalen Sachverhalt näher liegen muss als der erste. So weit 
diese Ergebnisse voneinander abweichen, leuchtet aus ihnen doch 
schon das eine sicher hervor, dass der Prozentsatz der Niederschlags- 
menge, welcher als Speisung des Flusses zur Erscheinung kommt, 
stromabwärts immer weiter sich mindert. Wie wirklich Niederschlags- 
menge und Abflussmenge im oberen Odergebiet zu einander sich 
verhalten, das wird binnen kurzem zweifellos durch neue Beob- 
achtungen von zeitgemässer Vollendung für verschiedene Punkte fest- 
gestellt werden *). 

Diese Darlegungen dürften genügen, den wissenschaftlichen Wert 
möglichst genauer Begenkarten als Grundlage hydrographischer Studien 
ins rechte Licht zu setzen. Auch die Praxis des Strombaus hat daran 
ein bedeutendes Interesse. Beschränkter, aber doch nicht zu unter- 
schätzen ist der Nutzen einer Regenkarte für die Beurteilung einzelner 
Fälle, kritischer Momente der Wasserverteilung, wenn es gilt, einer 
nahenden Hochwassergefahr in möglichst guter Vorbereitung zu be- 
gegnen. Die Prognose für die Frühjahrhochwässer hängt wesentlich 
ab von der Mächtigkeit und dem Wassergehalt der über das Land 
gebreiteten Schneedecke. Am Anfang jeder Woche geht der Oder- 
strom-Bauverwaltung eine Meldung darüber zu von Seiten des Meteoro- 
logischen Instituts. Die Zahl der dabei verwerteten Stationen beträgt 



gegebenen Anleitung zur deutschen Landes- und Volksforschung. Stuttgart 1889, 
S. 673. 

^) Die Stromgebiete des Deutschen Reiches. Hydrograph, und orograph. 
dargestellt. Teil I. , Gebiet der Ostsee. Statistik des Deutschen Reiches. Neue 
Folge, XXXIX, 1. Berlin 1891, 184. 

') Einzelne Proben dieser neueren Beobachtungen konnte schon mitteilen 
E. Löschmann, Beiträge zur Hydrographie der oberen Oder. Breslau 1892, S. 55. 



41] Die Regenkarte Schlesiens und der Nachbargebiete. 235 

für Schlesien 16. Sie genügen, um von der allgemeinen Sachlage 
ein ungefähres Bild zu gewinnen, aber unverkennbar werden die 
allgemeinen Schlüsse auf die über einem einzelnen Flussgebiet in 
Gestalt von Schnee aufgespeicherte Wassermenge wesentlich sicherer, 
wenn eine Regenkarte das urteil stützt, in welchem Verhältnis die 
Niederschlagsmenge einer einzelnen Station zu der ihrer weiteren Um- 
gebung steht. Aehnliches gilt von der Verwertung der Drahtnachrichten 
über starke Niederschläge zur Sommerszeit, welche dem tieferen Lande 
ein nahendes Hochwasser verkünden. Wohl wird in diesen Fällen 
die Niederschlagsverteilung von der normalen immer sehr stark ab- 
weichen. Das wird in den Meldungen der Stationen unmittelbar zum 
Ausdruck kommen. Aber zweifellos wird auch dann die Begenkarte 
der Beurteilung der Sachlage auf Grund vereinzelter Meldungen einen 
nicht zu unterschätzenden Boden bieten. 

Bei all diesen Erwägungen der Pfleger unserer Ströme handelt 
es sich um den raschen üeberblick weiter Gebiete, deren Grösse eine 
gewisse Gewähr bietet, dass Absonderlichkeiten im einzelnen das Ge- 
samtergebnis nicht zu stark stören werden. Anders liegt dies bei 
den Interessen der Landwirtschaft. Ihr Erfolg hängt auf jeder 
einzelnen Landstrecke mehr ab von den örtlichen Bedingungen, die 
auf die Wirkung des Regenfalls einen sehr entscheidenden Einfluss 
üben. Eine und dieselbe Regenmenge wirkt durchaus verschieden, 
wenn sie auf stark durchlässigen oder auf undurchlässigen, auf geneigten 
oder auf horizontalen Boden fallt. So wird der Landwirt aus der 
Kegenkarte keinen Ratschlag darüber entnehmen können, ob die Scholle, 
die er bebaut, für diese oder jene Verwertung sich mehr eigne. Ihm 
ist die Natur des Bodens weitaus wichtiger und für ihn ist es ein 
beruhigendes Bewusstsein, dass dieser Faktor seines Geschickes der 
menschlichen Einwirkung nicht so völlig entrückt ist, wie die Ver- 
teilung der Regenspende des Luftmeers. Aber für die Beurteilung 
der allgemeinen Lebensbedingungen des Landbans einer ganzen Land- 
schaft ist doch die Regenkarte der Beachtung wert. Die beträcht- 
liche Regenmenge des Hügellands der Kreise Pless und Rybnik wird 
auch jedem, der nie seinen Fuss in dessen sumpfige Gründe gesetzt, 
die Einsicht geben, dass so schwach geneigte Thalsohlen mit undurch- 
lässigem Grunde nur recht anbaufähig werden können durch eine 
planvoll geleitete Entwässerung. Wie hier gilt es überall, wo man 
die Natur meistern muss, sie erst recht zu kennen. Das ist schwer 
bei dem flüchtigen Spiele unstäter, bald lange vergebens ersehnter, 
bald überreich sich entladender Regenwolken. Aber auch ihr Walten 
ist kein völlig gesetz- und regelloses. Das lehrt der erste Blick und 
besser noch das schärfer prüfende Eingehen auf eine Regenkarte. 



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LAIJBWALDFLORA 



NORDDEUTSCHLANDS. 



EINE 



PFLANZENOEOGKAPHISCHE STUDIE. 



VON 

DB- F. H Ö C K, 

OBERLEHßEU IN LUCKENWALDE. 



STUTTGART. 
VERLAG VON J. ENGELHORN. 

1896. 



Druck der Union Dentsche VerlagsgesellschAft in Stuttgart. 



Inhalt. 



Vorwort 241 [5] 

Einleitung 243 [7] 

1. Geographische Verbreitung der norddeutschen Laubwaldbäume . 244 [8] 

2. Formationsbestand der norddeutschen Laubwälder 255 [19] 

a) Brandenburger Laubwaldflora 256 [20] 

b) In Brandenburg fehlende (oder wenigstens nicht sicher als 
spontan erwiesene) phanerogame Laubwaldpflanzen Nord- 
deutschlands 269 [33] 

c) Betrachtungen über Laubwaldbestände 270 [34J 

3. Genossenschaften in der norddeutschen Laubwaldflora 275 [39] 

4. Theorieen über die Geschichte der Waldflora Norddeutschlands und 

die Entstehung der Mischwälder 291 [55] 

Schluss 303 [67] 



Vorwort. 



Die vorliegende Arbeit ist die notwendige Ergänzung zu der vor 
einigen Jahren von mir in dieser Sammlung veröfiPentlichten Studie 
über die , Nadelwaldflora Norddeutschlands» (Bd. 7, Heft 4, S. 321—372) i). 
Im allgemeinen halte ich mich daher auch in Bezug auf Anordnung 
des StofiPes an jene Arbeit. Nur trenne ich schärfer als es bei jener 
Arbeit der Fall war, zwischen Formation und Association, damit ich 
nicht wieder in der Weise missverstanden werde, wie bei jener Arbeit, 
als glaube ich, dass alle Pflanzen, welche innerhalb eines beschränkten 
Gebietes vorwiegend unter einem bestimmten Baume wachsen (also der 



*) Ich benutze diese Gelegenheit, auf die ergänzende Litteratur zu jener 
Arbeit kurz hinzuweisen. Bezüglich der Verbreitung der Kiefer vgl. E. H. L. Krause 
im Globus 62, Nr. 10 und 11, wo die Nord- und Südostgrenze dieses Baumes karto- 
graphisch eingezeichnet ist. Eine neue Darstellung desselben Forschers über .Die 
Verbreitung der Kiefer in den Wäldern Deutschlands* (Globus 67, Nr. 5), welche 
das Gebiet, in welchem die Kiefer vor der neuerlichen Anpflanzung fehlte, weiter 
ostwärts verleg, die meisten Kiefernwälder der Altmark und Priegnitz als nur an- 
gepflanzt bezeichnet, wird wohl mit Recht von Ascherson (vgl. z. B. Naturwissen- 
schaftliche Wochenschr. X, 258) zurückgewiesen, üeber die Verbreitung der anderen 
deutschen Nadelhölzer vgl. Deutsche bot Monatsschr. XI, S. 121 f., und Krause 
im Globus 61, S. 82, welche Arbeit mir zur Zeit der Abfassung meiner Nadelwald- 
flora nicht zu Gebote stand. Die Grenzlinien der wichtigsten Kiefembegleiter 
habe ich teilweise berichtigt und ergänzt in Ber. d. Deutsch, bot. Gesellsch. XI, S. 243 
bis 248. Ueber die theoretischen, also selbstverständlich immer zweifelhaft blei- 
benden, im letzten Teile der „ Nadelwaldflora * erörterten Fragen vgl. Krause in 
Ber. d. Deutsch, bot. Gesellsch. XI, S. 307—311, Hock ebd., S. 396—402, Weber 
in Englers Bot. Jahrb. XVIII, Beibl. Nr. 43, S. 11 f., Drude in Geogr. Jahrb. XVI, 
S. 255, Hock in Verh. d. Bot. Vereins der Prov. Brandenb. 36, S. 46 — 50, und 
Naturw. Wochenschr. X , Nr. 19, endlich Friedrich im Progr. d. Katharineums 
z. Lübeck 1895 und Festschrift d. Naturforscherversammlung in Lübeck 1895. Für 
die Frage der Fichten- und Tannenbegleiter bot mir den Ausgang zu einer neuen 
Studie (in Oest. bot. Zeitschr. 1895, S. 201—205, 260—266) das mir zur Zeit deV 
Abfassung meiner Nadel waldflora nicht zugängige „Pflanzenleben der Schweiz" von 
H. Christ (Zürich 1879). Für die Edeltanne selbst nennt Schübe (Ergebn. d. 
Durchforsch, d. schles. Phanerogamenflora im Jahre 1894, S. 31) einige neue Standorte 
und weist auf einen vielleicht ursprünglichen Standort der Lärche in Schlesien hin, 
w&hrend Krause (Bot. Zentralbl. LXIII, Nr. 28—29) über , Spuren einer ehemaligen 
grösseren Verbreitung der Edeltanne auf den deutschen Gebirgen* berichtet. 



242 F- Hock, Lanbwaldflora NorddeatBchlaads. [6 

Formation, deren Leitpflanze er ist, angehören), stets nnter diesem vor- 
kommen und mit ihm gleiche Verbreitung besitzen (also mit ihm zu 
derselben Association gehören). 

Die Angriffe, welche die kurz angedeuteten hypothetischen An- 
sichten in meiner „Nadelwaldflora* fanden, haben mich veranlasst, in 
dieser Arbeit den theoretischen Teil etwas ausführlicher abzufassen, 
wenn ich auch im ganzen der Aufgabe dieser , Forschungen' als Material- 
sammlungen mir wohl bewusst geblieben bin und daher inuner so viel 
als mögUch über die thatsächliche Verbreitung einzelner Waldpflanzen 
anzugeben versucht habe, soweit wie dies sich mit der gleichfsJls vor- 
geschriebenen Kürze vertrug. 

Auch bei dieser Arbeit bin ich für einzelne Mitteilungen wieder 
vielen verschiedenen (meist im Texte genannten) Forschem, namentlich 
wieder Herrn Prof. Dr. P. Ascherson, zu grossem Dank verpflichtet. 



Einleitung. 



Da Laubwälder auch im nordwestlichen Deutschland entschieden 
vor Eintritt der menschlichen Kultur vorhanden waren, wurde es nötig, 
im Gegensatz zur « Nadelwaldflora ^ hier die Grenzen des zu unter- 
suchenden Gebietes nach Westen weiter auszudehnen, also die nieder- 
ländisch-belgische Ebene mit in den Bereich der Untersuchung auf- 
zunehmen und gelegentlich auch da wie im eigentlichen Norddeutschland 
die angrenzenden gebirgigen Teile zu berücksichtigen. 

Im Osten wäre umgekehrt wohl das Richtigste gewesen, wenn 
man eine natürliche Grenze hätte ziehen wollen, den äussersten Osten 
Yon Ostpreussen auszuschliessen , also das Gebiet nur bis zur Buchen- 
grenze auszudehnen, denn dies ist die einzige Laubwaldgrenze von 
grösserer Bedeutung, welche innerhalb des gesamten mitteleuropäischen 
Oebietes auftritt. Da aber, ¥rie auch bei der „ Nadel waldflora" heryor- 
l^ehoben, nicht alle Begleiter eines Baumes (auch nicht die, welche 
in näheren Associationsbeziehungen zu ihm stehen), genau mit ihm die 
Orenze teilen, sondern oft (sei es auch nur in einzelnen Yorgeschobenen 
Posten) weiter verbreitet sind, wurde das Gebiet bis zur Grenze des 
Deutschen Reiches immer berücksichtigt und die zunächst angrenzenden 
Landesteile (namentlich das noch wenigstens zum Teil innerhalb der 
Buchengrenze liegende Polen) so weit herangezogen, wie die mir zur 
Verfügung stehende Litteratur dies gestattete. 

Auf die Mischwälder wird im theoretischen Teil dieser Arbeit 
kurz hingewiesen werden. Eine gesonderte Besprechung der For- 
mationsyerhältnisse dieser Bestände ist meiner Meinung nach von ge- 
ringerem Werte, da diese sich aus zu verschiedenen Genossenschaften 
zusammensetzen, wenn auch einzelne Arten wohl einen solchen Misch- 
wald mehr oder weniger reinen Beständen vorzuziehen scheinen. 



L Oeographisclie Verbreitnng der norddeutsclieiL 

Laubwaldbänme. 



Von Laubbäumen, welche für grössere Strecken Norddeutsch- 
^ifck tonangebend sind, erreicht, wie schon angedeutet, nur einer, 
ailjBlKrh die Buche, innerhalb des Gebietes eine Verbreitungsgrenze. 
jg^ wird daher nötig sein, diesen Baum eingehender zu berücksichtigen 
^ die anderen. Aus dem Grunde habe ich (namentlich an der Hand 
n« Willkomm, «Forstliche Flora**, und Koppen, „Holzgewächse Russ- 
tiytd$*) schon eine genaue Zusammenstellung über die Verbreitung 
J[l^is«r Art in der ersten Vorstudie zu dieser Arbeit (Natur XL, 1891, 
:^ 5t>o ff.) gegeben, die ich hier im wesentlichen rekapituliere, zugleich 
^Kg&nzend, soweit neuere Litteratur mir zur Verfügung steht. 

Die Polargrenze unserer Fagus silyatica durchzieht Schott- 
Imcid ^) zwischen 56 und 57^nördl. Br., schneidet Norwegen in seinem 
südöstlichen Teil unter etwa 59® nördl. Br., Schweden im Westen bei 59 ^ 
im Osten bei 57® 5^ Von Colmar aus muss dann die Nordostgrenze 
mit Ausschluss Bomholms (wo die Buche nur vereinzelt angepflanzt 
vorkommt) nach Ostpreussen gezogen werden, wo Fagus westlich vom 
Frischingfluss in der Brandenburger Heide bei Ludwigsort als bestand- 
bildender Baum die Grenze erreicht, während sie weiter nordöstlich 
nur sehr vereinzelt und nachweislich angepflanzt gefunden wird 
(vgl. Abromeit in Jahresber. d. Preuss. bot. Vereins lß91/92, S. 78). 
Von dort aus scheint sich die Gh'enze etwa südöstlich bis in die Gegend 
von Heilsberg zu ziehen, dann (wie Abromeit auf der beigegebenen 
Karte skizziert) in zwar mehrfach gewundener, aber doch wesentlich 



^) Doch findet sich noch im Edinburgshire bei Newbattle, also nicht zu 
weit von jener Grenze entfernt, das stattliäste Exemplar des Baumes in ganz 
Schottland (vgl. Bot. Jahresber. XX, 1892, S. 183, Ref , 316). Ein anonymer Verfasser 
in Gardeners Chronicle (XI, 1892, S. 720 und 762) rechnet unsere Buche zu den in 
GrosBbritannien von den Römern eingeführten Pflanzen, ohne einen Beleg dafHr 
beizubringen. Im Gegenteil war die Gattung Fague im Tertiär selbst in Irland 
vertreten (A. v. L as au 1 x, , Aus Irland* S. 171), so dass man eher von einem Zurück- 
■^^n als Vorrücken der Buchengrenze sprechen kann. 



tmm,mS. 



9] F. Hock, Laubwaldflora Norddeutschlands. 245 

südlicher Richtung etwa bis in die Nähe von Dimmem, endlich in 
südwestlicher Richtung bis gegen Strasburg, um dort auf polnisches^) 
Gebiet überzutreten. Von hier aus zieht Koppen (, Holzgewächse Russ- 
lands', in welchem Werke auch die ganze Ostgrenze kartographisch auf- 
gezeichnet ist), die Linie in annähernd südöstlicher Richtung über 
oiedlez durch den nordöstlichsten Winkel Galiziens, sowie den äussersten . 
Westen Wolhyniens und Podoliens nach Bessarabien, wo sie nördlich 
von Eischinew für Westrussland ihren südlichsten Punkt erreicht , um 
jenseits der Steppen in der Krim wieder zu erscheinen. 

Wie in der Krim, wo die Buche zwischen der Eichenregion und 
der baumlosen Jaila einen sich recht scharf abhebenden Gürtel (in 
etwa 500«— '1150 m Höbe) bilden soll, ist die Gattung Fagus auch im 
Kaukasus vertreten, doch macht E. Koehne (Verb. d. Bot. Vereins d.Prov. 
Brandenb. XXXVI, S. XV f.) darauf aufmerksam, dass, nach dem Bau 
der Früchte zu urteilen, die Buchen des Kaukasus der japanischen 
Fagus Sieboldii weit näher stehen, als der europäischen Fagus sil- 
vatica^). Von hier aus finden sich dann Buchen (wahrscheinlich 
derselben Form) bis Persien (bis Asterabad), sowie über die Gebirge 
Kleinasiens bis Syrien*) (vgl. Bolle ebd. S. XVI). 

Von Kleinasien zielit die Aequatorialgrenze der altweltlichen 
Buche nach Griechenland, und zwar nach dem nach ihr benannten (?) ^) 
Oxyergebirge , einem westlichen Ausläufer des Oeta, und dann weiter 
nach Willkomm , durch die Gebirge von Thessalien, Albanien und 
Montenegro nach Dalmatien, worauf sie durch die Gebirge Istriens 
und Krains und die südlichen Vprberge der venetianischen und lom- 
bardischen Alpen nach den Apenninen und deren Zuge folgend bis 
Calabrien läuft. Von hier springt die Grenze nach Sizilien über, woselbst 
die Buche am Etna und auf dem Madoniegebirge ^) ihre südUchsten 
Standorte in Europa findet (südlich vom 38. Parallelkreis). Von Sizilien 



^) In Wolhjnien findet sich die Buche nur ,im westlichsten Kreise Kremenez*, 
in Podolien nur „am Grenzflusse Sbrutsch, in den Kreisen Proskurow und Kamenez*, 
in Bessarabien nur ,im Norden und Westen dieser Provinz* bis in die Gegend von 
Kischinew. £inen Hinweis auf diese genauen Grenzen hält Koppen gerade wegen 
verschiedener üngenauigkeiten in der deutschen Litteratur für sehr nötig. 

*) Die genaue Südostgrenze der eigentlichen Fagus silvatica bleibt dem- 
nach noch festzustellen. 

') Z. B. am Am an US (vgl. Bot. Jahresber. XXI, 2, S. 259). Wenig charak- 
teristische norddeutsche Buchenbegleiter scheinen, nach dem (allerdings wohl noch 
recht lückenhaften) Verzeichnis zu urteilen, der Buche dortbin zu folgen. Dagegen 
findet sich dafirvum cassubicum, eine bei uns zwar auch in Buchenwäldern 
nicht ganz fehlende, aber häufiger unter Kiefern auftretende Art. 

*) In Hehn, , Kulturpflanzen und Haustiere*, 6. Aufl., S. 579, ist o^ua 
auf den Ahorn bezogen, während Willkomm obigen Namen von o^oa, einer 
griechischen Volksbezeichnung der Buche, ableitet. 

*) In dem nach Westen mit der Gruppe Le Madoni^ endigenden (also wohl 
mit dem Madoniegebirge wenigstens teilweise identischen) Nebrodischen Gebirge 
ist nach Strobl (vgl. Bot. Jabresber. VI, 1878, 2, S. 741) jetzt die Buche der Haupt- 
waldbaum zwischen 1300 — 1850 m, scheint aber da die früher herrschende Tanne 
verdrängt zu haben. Mit ihr finden sich da namentlich Hex, LoniceraXylo- 
steum und Acer campestre, sowie Ruscus aculeatus, ein auch noch in 
Schweizer Buchenwäldern (vgl. Christ, .Pflanzenleben der Schweiz* S. 391) auf- 
tretender Strauch aus einer fast auf die Mittelmeerländer beschränkten Gattung. 



246 F. Hock, [10 

aus muss man sich die Buchengrenze über Korsika nach dem Mont 
Ventoux in der Provence gezogen denken. Von dort weicht die Grenze 
nordwärts bis nördlich von Lyon zurück (bis etwa bei 46^, dem nörd- 
lichsten Punkt der Aequatorialgrenze) und zieht sich nun durch die 
Cevennen und die Gebirge Zentralfrankreichs in südwestlicher Richtung 
nach den Ostpyren'äen und diese überschreitend bis zum Monseni in 
Katalonien (40®). Nun umkreist die Grenze, sich fortwährend im Ge- 
birge haltend, das waldlose Ebrobassin und geht von der Sierra 
de Moncayo (im Nordwesten von Saragossa) auf das kastilianiscbe 
Scheidegebirge über, worauf sie in nordwestlicher Richtung nach Galicien 
läuft. Dort beginnt die Westgrenze, welche durch den Ozean nach 
Schottland verlaufend gedacht werden muss.' 

Innerhalb dieses weiten Gebietes sind nun die Buchenwälder 
keineswegs gleichmässig verteilt. Doch muss ich mich bezüglich der 
speziellen Verbreitung derselben ganz auf das norddeutsche Tiefland 
und die angrenzenden Gebiete beschränken. 

Während die Buche in den belgischen Gebirgen wie in Nord- 
frankreich noch ziemlich allgemein vertreten ist, tritt sie in der belgi- 
schen Ebene ziemlich selten auf und fehlt als ursprünglicher Baum 
den nordwestlichen Teilen derselben vielleicht ganz (nach Cr^pin). 
Aehnlich scheint sie (nach Heukels) in Holland nur vereinzelt (in 
Wäldern und längs Wegen) ^) vorzukommen. In der „Flora der nord- 
westdeutschen Tiefebene '^ bildet die Buche (nach Buchenau) auf der 
hohen Geest vielfach Wälder, tritt aber (nach Focke im 6. Jahresber. 
d. naturw. Vereins zu Bremen, S. 428 f.) nur selten in Wäldern des 
niedrigen Sandlandes (Vorgeest) oder der Marschen auf. Noch in der 
Umgegend der Stadt Hannover ist sie (nach Mejer) im nördlichen 
Gebiet einzeln, während sie von der Eilenriede an südwärts bis auf 
die Gebirge die meisten Wälder bildet, wie ähnlich im Teutoburger 
Wald, den Wesergebirgen und dem Braunschweigischen (vermutlich 
ursprünglich auch im Harz). Ganz dementsprechend ist das Auftreten 
derselben im Magdeburgischen ^), wo sie (nach Schneider) im Flöz ein 
häufiger Waldbaum in reinen und gemischten Beständen, ebenso auf 
fruchtbarem Boden des Diluviums, dagegen im Alluvium sehr selten 
und nur vereinzelt zu finden ist. Aehnlich tritt sie auch in Schlesien 
(nach Fiek) in der Ebene nur stellenweise auf, während sie im Vor- 
gebirge grössere Bestände bildet und noch im Hochgebirge (bis 1300 m) 
vorkommt. Die genauere Verbreitung der Buchenwälder in der Provinz 
Brandenburg habe ich in den Abhandl. d. Bot. Vereins d. Prov. Branden- 
burg XXXVI, S. 8 — 10, darzustellen versucht, wonach ursprünglich 
scheinende Wälder derselben vorwiegend in der Uckermark und nörd- 
lichen Neumark vorhanden, dagegen in geringster Zahl in der süd- 
lichen Mittelmark und nordwestlichen Niederlausitz vertreten sind, in 
den (ihrigen Teilen der Provinz wie in der Altmark nur zerstreut auf- 
treten. Im Anschluss daran versuchte ich mit Unterstützung Spribilles 



^) Also mutmasslich meist angepflanzt. 

^) Um Halle hält A. Schulz sie wenigstens nicht für heimisch, ehenso ist 
sie nach Gumprecht bei Leipzig selten, wird nach dem Gebirge zu häufiger. 



11] Laubwaldflora Norddentschlands. 247 

(ebenda S. 12 — 14) die ebenfalls sehr zerstreuten Vorkommnisse der 
Buche in Posen (vgl. auch ebenda S. XIV) zusammenzustellen. 

Wie in Posen scheint auch in Polen ^) (nach Rostafinski) die 
Buche überall vereinzelt aufzutreten, grössere Waldungen finden sich 
einerseits in dem (an Westpreussen grenzenden) Kreise Lipno und anderer- 
seits dem (schon einen mehr gebirgigen Charakter zeigenden, Galizien 
nahen) südöstlichen Gebiet. Da nun andererseits auch eine schwache 
Zunahme der ursprünglichen Buchenbestande in Posen nach Norden und 
Süden hin von der Mitte der Provinz aus vorhanden zu sein scheint, in 
Westpreussen sich stellenweise ausgedehnte Buchenwälder finden, Pom- 
mern reich an solchen ist und in Mecklenburg die Buche (nach Krause) 
, bestandbildend auf schwerem Boden, besonders in der Nähe der Ostsee, 
Yom Klützer Ort bis Heiligendamm und am Tollensesee sehr häufig** 
auftritt, können wir im nordöstlichen Deutschland (wie in Polen) ein 
buchenarmes Gebiet in der Mitte erkennen, das je ein buchenreiches 
im Süden als Ausläufer der Gebirgsflora von einem anderen in der 
Nähe der Ostsee scheidet. Letzteres setzt sich längs der ganzen Ost- 
küste Schleswig-Holsteins (und über Dänemark bis zum südlichen 
Skandinavien) fort, denn in dem Westen der ehemaligen Eibherzog- 
tümer, wo die Buche grossenteils noch fehlt, scheint sie (nach v. Fischer- 
Benzon in Prahls Flora) erst in den letzten Jahrhunderten sich aus- 
gebreitet zu haben, während sie im Osten ^) mindestens zur Zeit der 
Völkerwanderung schon vorhanden gewesen sein muss. 

Wie in letzterem Teil des Gebietes, so hat wahrscheinlich auch 
in anderen Teilen Norddeutschlands die Buche meist einen vor ihrem 
Erscheinen häufiger auftretenden Baum, die Stieleiche (Quercus 
Robur) ^), verdrängt. Jedenfalls deuten fast überall die Funde in den 
Mooren darauf hin, dass das Auftreten der Buche einer Zeit der Herr- 
schaft der Stieleiche folgte (vgl. namentlich v. Fischer-Benzon, „Moore 
der Provinz Schleswig-Holstein* [in welcher Arbeit auch auf Moore 
anderer Landesteile Rücksicht genommen wird]). Am häufigsten ist 
die Stieleiche heute wohl noch in den alluvialen Flussniederungen, wo 
sie den Hauptbestand der im übrigen sehr gemischten Auewälder bildet. 
Vielleicht reiner (d. h. einheitlicher in ihrem Bestand) sind die wenig- 
stens in Brandenburg und den west- und südwärts angrenzenden Landes- 
teilen anscheinend selteneren hochgelegenen Eichenwälder, die nach Grise- 
bach (Vegetation der Erde I, 90) erst jenseits der Buchengrenze ihre 
rechte Entwicklung erlangen, andererseits auch an einigen Orten, wo 
sie noch nicht durch die Buche unterdrückt sind, sich erhalten haben. 
In Schleswig-Holstein tritt dieser Baum dann namentlich in den unter 



') Dass die Buche wenigstens früher in Polen ostwärts von der von de Can- 
dolle konstraierten Grenze vorgekommen, geht aus Jitterarischen Quellen sowohl 
als ans Ortsnamen hervor. Die Hauptursache ihres Rückschreitens sieht Lap- 
czjnski in ihrer Ausrottung durch den Menschen (vgl. Bot. Jahresber. XII, 1884, 2, 
S. 354). 

*) Für das Lübecker Gebiet vgl. auch Friedrich in Programm des Eathari- 
neuns, 1895, S. 7. 

•) Im Sinne von Garckes „Flora von Deutschland", 17. Aufl., wie hier alle 
Namen gefasst sind, also Q. pedunculata Ehrh. 



248 F. Hock. [12 

dem Namen Eratte bekannten Gestrüppen auf, wie ähnlich auch im 
nordwestdeutschen Heidegebiet. Endlich findet sich unsere gewöhn- 
liche Eiche auch noch vielfach eingesprengt in Buchen- und Eiefem- 
wäldem. Dieses Auftreten an sehr verschiedenen Standorten hat denn 
auch bewirkt, dass dieselbe im ganzen norddeutschen Tiefland häufig 
ist. Es bedarf daher hier nur noch eines kurzen Hinweises auf die 
weitere Verbreitung dieser Art. Doch kann ich mich dabei viel kürzer 
fassen, als bei der Buche. Denn die Stieleiche bewohnt den grössten 
Teil Europas, dringt aber andererseits, mit Ausnahme Vorderasiens, 
kaum über die Grenzen dieses Erdteils hinaus. Nur im äussersten 
Nordwesten Afrikas ist sie bei Tanger von Gosson beobachtet (vgl. 
Battandier in Flore de l'Alg^rie S. 820). 

Da die West- und Südgrenze meist, soweit sie festgestellt ist, 
mit den Grenzen Europas zusammenfällt (nur im Südwesten der Iberi- 
schen Halbinsel fehlt die Stieleiche) ^), die Südostgrenze in Griechenland 
und Vorderasien noch sehr ungenau bekannt ist, die Ostgrenze aber 
grossenteils wieder mit der natürlichen Grenze Europas durch das 
Steppengebiet und üralgebirge zusammenfallt, bedarf nur noch die 
Polargrenze weiterer Berücksichtigung. Dieselbe schneidet Schottland 
unter 58® nördl. Br., die Westküste Norwegens unter kaum 63®, senkt 
sich nach dem Inneren des Landes zu bis 60® 45' (am See Mjösen) 
im westlichen Schweden bis 60®, während sie am Bottnischen Meer- 
busen bis 60® 47' (Gefle) und an der gegenüberliegenden Küste Finn- 
lands bis 61^2® (Bjömeborg) reicht. Von hier geht sie*), meist an 
der Küste sich haltend, bis Borgä am Finnischen Busen, springt hier 
nach Narwa hinüber und zurück nach Wiborg; von hier streicht sie 
über St. Petersburg, durch die Mitte des Gouvernements Nowgorod, zu 
den Quellen der Ssuchona und weiter über Wjatka und Ochansk, bis 
zum oberen Laufe der Ufa. Von da wird die Arealgrenze zu einer 
fast meridionalen , geht also in die Ostgrenze über, die nur eine ganz 
schwache Neigung nach Südost zeigt, aber nicht einmal den östlichen 
Ural erreicht. 

Jenseits der Steppe tritt die Eiche gleich der Buche im Kau- 
kasus und in der Krim wieder auf, womit ihr asiatischer Bezirk in 
Kleinasien und Armenien in Verbindung steht, so dass die genaue 
Grenze gegen die Steppe für uns von geringer Bedeutung ist. 

Nächst den beiden bisher besprochenen Bäumen ist wenigstens 
in Brandenburg als wichtigste Charakterpflanze der Laubwälder die 
Schwarzerle (Alnus glutinosa) zu bezeichnen. Auch diese ist 
gleich der Stieleiche in ganz Norddeutschland häufig, kommt in den 



') Heimisch ist sie überhaupt nur im nördlichen Spanien (vgl. Willkomm, 
Supplementum Prodromi Florae Hispaniae 1893, S. 581), sowie in Teilen Portu- 
gals, wo sie streng an granitischen Boden gebunden ist (Goeze in Linnaea XLI, 
1877, S. 451 und 526). 

*) üeber weitere Einzelheiten vgl. bei Koppen a. a. 0. , der die Nordost- 
und Südgrenze für Russland kartographisch aufgezeichnet hat. — Nach Klinge 
tritt die Stieleiche in den baltischen Provinzen im Norden nur vereinzelt auf^ 
bildet aber im Süden Bestände, wie auch auf den Inseln des Rigaischen Meer- 
busens; sie scheint früher dort zahlreicher gewesen zu sein. 



13] Laubwaldflora Norddeutscblands. 249 

Yerschiedensten Waldbeständen, besonders aber auf feuchtem Diluvial- 
boden, vor. Oft nehmen ihre Bestände wegen des starken Stock- 
ausschlages mehr den Charakter von Gebüschen an, während sie anderer- 
seits direkt zur Charakterpflanze von Brüchern und Mooren wird, um 
daher die vorliegende Studie nicht zu sehr über den Rahmen einer 
Laubwaldflora auszudehnen, lasse ich solche Bestände hier im ganzen 
ausser acht, in der Hoffnung, der Erle und ihren Begleitern später 
eine selbständige Studie widmen zu können ^). Nur das sei noch 
bemerkt, dass in ihrer Gesamtverbreitung dieselbe, wenn man von den 
sehr fraglichen Angaben über Sibirien absieht, ausserordentlich der 
oft mit ihr zusammen auftretenden Stieleiche gleicht, nur einige Grad 
weiter nordwärts und auch ein wenig weiter südwärts (nämlich bis 
Algerien) zieht. 

Gleich der Schwarzerle ist auch die Salweide (Salix Caprea) 
mehr eine Charakterpflanze von Gebüschen. Auch soll diese gleich der 
Birke und Espe nach Borggreve (Forsch, zur deutsch. Landes- und 
Yolksk. in, S. 21) nie selbständig bei uns auf grösseren Flächen die 
Herrschaft erlangen, also nicht als eigentlicher Leitbaum eines Waldes 
auftreten, weshalb sie auch hier geringere Berücksichtigung verdient. 

Die anderen, gleichfalls oft baumartigen Weiden, die Silberweide 
und Bruchweide (S. alba und fragilis), begleiten vielfach Flüsse 
und Bäche, sind aber so oft kultiviert, dass ihre Spontaneität nicht 
überall ganz zweifellos ist *). Doch sind alle (fünf bezw. sechs) zuletzt 
genannten Arten (d. h. unsere hier in Betracht kommenden Waldbäume 
aus den Gattungen Salix, Betula und Populus) im ganzen Nord- 
deutschland häufig, scheinen keinem der grösseren Gebiete als spontan ^) 
ganz zu fehlen, aber nach Nordosten als Charakterpflanzen von Wäldern 
immer häufiger aufzutreten. So kann man schon in Brandenburg nicht 
unansehnliche Birkenhaine beobachten, und in Ostpreussen sollen Espen- 
bestände von so dichtem Schluss vorkommen, dass man sie von ferne 
für Buchenwälder halten könnte. Alle Bäume der letzteren drei Gat- 
tungen ^) sind nicht nur gleich der Erle in fast ganz Europa vertreten, 
wo die Espe und die Weiden gleich einer Birkenart (der bei uns selte- 
neren, aber doch auch in ganz Norddeutschland vorkommenden Betula 
pubescens, während die häufigere B. verrucosa etwa so weit wie 
die Schwarzerle nordwärts zieht) noch wesentlich weiter polwärts 

*) Wozu icb scbon mancherlei Material gesammelt habe. — Obgleich ich 

gerade an meinem jetzigen Wohnort (Luckenwalde) recht gute Gelegenheit zur 
eobachtung von Erlenbeetänden habe , sind mir dennoch Mitteilungen über die 
Flora von Erlenbrüchem und Erlenwäldern aus anderen Gegenden sehr erwünscht, 
um diese mit meinen eigenen zu vergleichen. 

') Beide sind in Dänemark als spontan zweifelhaft, da sie dort meist nur 
in der Nähe menschlicher Wohnorte auftreten. 

') Wenn auch Sanio im Gegensatz zu Abromeit das Indigenat von 
Salix alba in Preussen anzweifelt und v. Fischer-Benzon (in P r a h 1 s Flora) 
dieselbe Annahme für Schleswig-Holstein äussert, während S. fragilis in letzterem 
Gebiet nur als an der Elbe heimisch betrachet wird und Krause für Mecklen- 
boi^ das Indigenat der Silberweide auch noch im Eibgebiet anerkennt. Bei beiden 
Arten spricht die Gesamtverbreitung im ganzen für das Indigenat, wenn auch die ur- 
sprünglichen Vorkommnisse derselben vielfach durch die Kultur verwischt sein mögen. 

^) Ausser den S. 253 [17] genannten Populus- Arten. 



250 F. Hock, [14 

reichen, sind aber auch über grosse Teile Nordasiens bis an dessen 
Ostküste (ja Espe und Salweide gar nach Miyabe auch auf den Kurilen) 
verbreitet, zeigen also in ihrem weiten Areal mehr Aehnlichkeit mit 
der Kiefer, als mit einem der vorher besprochenen Laubbäume, wenn 
sie auch dieses Nadelholz selbst noch in ihrer Verbreitung übertreffen. 

Noch zwei weitere Laubbäume bilden vereinzelt in Norddeutsch- 
land grössere Bestände, aber vorwiegend wieder in den Gebieten, in 
denen die Buche fehlt oder spärlich auftritt, nämlich die gleich den 
genannten Weiden oft strauchartige Weissbuche (CarpinusBetulus) 
und die kleinblätterige Linde (Tilia ulmifolia). Beide treten aber 
weit häufiger als Unterholz in Laub- (und Nadel-)Wäldem, namentlich 
(doch durchaus nicht allein in) Buchenwäldern auf. Von diesen zeigt 
die Weissbuche in ihrer weiteren Verbreitung auch einige Aehnlich- 
keit ^) mit der Rotbuche ; doch bleibt ihre Polargrenze, die von England 
durch Jütland (wo Carpinus nach Lange im Norden selten), Fünen, 
Südseeland, Bomholm (wo sie besonders massenhaft im Gegensatz zu 
Fagus) nach Südschweden streicht (und auf Gotland bei 57^ 20' nach 
Willkomm^) ihren nördlichsten Punkt erreicht), etwas hinter der der 
Botbuche zurück, während sie ostwärts mindestens um einige Grad das 
Buchengebiet überschreitet und (was weit wesentlicher) weärscheinlich 
im südöstlichen Russland diesseits der Steppen (wie Koppen nachzuweisen 
sucht) nur durch den Menschen ausgerottet ist. Gleich der Rotbuche 
tritt auch sie in der Krim und dem Kaukasus wieder auf und dringt 
in Vorderasien (bis Asterabad, Talysch, Armenien und Kleinasien) vor. 
Nach Südwest reicht sie wieder weniger weit als die Rotbuche, da sie 
auf den italienischen Inseln und der Jberischen Halbinsel ganz fehlt. 

Im Gegensatz zu der in Norddeutschland überall und meist nicht 
selten oder gar häufig auftretenden Hainbuche fehlt die kleinblätterige 
Linde in der nordwestdeut^chen Tiefebene (nach Focke und Buchenau) 
als spontane Waldpflanze ganz und tritt als solche, wenigstens in 
Schleswig- Holstein ^) und Mecklenburg, nur sehr zerstreut auf (nach 
Krause), ist wohl überhaupt in keinem Teile Norddeutschlands (viel- 
leicht mit Ausnahme von Ost- und Westpreussen) als häufig zu be- 
zeichnen. Ihr Hauptgebiet ist aber in Russland ^), wo sie als bestand- 
bildender Waldbaum (seltener in reinen Beständen, öfter mit Eichen 
gemischt) häufig auftritt. Doch überschreitet sie ostwärts weit nicht 



') Durchaus aber nicht überall. So ist z. B. Fagus im Znaimer Kreise 
(Mähren) im Süden selten, während Carpinus dort gerade im Süden vorherrscht 
(Bot. Jahresber., VI, 1878, 2, S. 624). 

^ Im Gegensatz dazu behauptet Koppen, dass nachAndersson die Hain- 
buche auf Gotland nicht mehr vorkomme, sondern auf Öland bei 57^ 11' den 
nördlichsten Punkt erreiche. Wie nach Norden reicht in den mitteleuropäischen 
Gebirgen die Hainbuche auch nicht so hoch empor, wie die Buche. Am Kaukasus 
erscheint eine Zone, in der Carpinus herrscht, unterhalb der Buchenzone (vgl. 
Bot. Jahresber. U, 1874, S. 1148). 

^) Dagegen in Dänemark (nach Lange) allgemein in Wäldern auf Bom- 
holm, Möen, LoUand und Südseeland, sporadisch in anderen Teilen, z. B. auch in 
Jütland. 

^) In den baltischen Provinzen häufig, aber doch nur in einzelnen Exem- 
plaren in Wäldern. 



15] Laubwaldflora Norddeutsclilands. 251 

nur das Buchen-, sondern auch das Eichengebiet (während sie in der 
West- ^) und Nord ^)-Grenze der Buche einigermassen vergleichbar ist), 
denn sie tritt in ganz Sibirien sporadisch auf. Wahrscheinlich ist, 
dass sie in den Gebieten, in welchen sie jetzt nur zerstreut zu finden, 
früher häufiger war. 

Hiermit wird wohl die Zahl der Laubbäume sicher erschöpft sein, 
die auf grösseren Strecken unseres Gebietes als bestandbildend auf- 
treten. Es soll daher bei den anderen Arten an dieser Stelle nur auf 
die Verbreitung innerhalb Norddeutschlands eingegangen werden. 

Von weiteren Laubbäumen sind durch das ganze Gebiet verbreitet 
und meist nicht selten der Vogelbeerbaum (Pirus aucuparia) und 
die Traubenkirsche (Prunus Padus), bei denen beiden die weite 
Verbreitung wie das Auftreten in recht verschiedenen Beständen wohl 
jedenfalls teilweise auf die Verschleppung der Früchte durch Vögel 
zurückzuführen ist. Vielleicht schliesst sich diesen noch eine dritte 
Rosiflore, der Holzapfelbaum (Pirus Malus) an, wenn auch wegen der 
oft damit verwechselten Wildlinge unseres Kulturapfelbaumes, die viel- 
leicht teilweise einer anderen Art angehören, nicht immer leicht ist, 
ihre spontane Verbreitung festzustellen. Aehnlich steht es mit dem 
selten baumartig auftretenden W eissdom (GrataegusOxyacantha)^). 

Eine ähnliche Verwechselung mit einer nahen Verwandten, wie 
andererseits die nicht seltene Kultur erschweren auch die genaue Fest- 
stellung der Verbreitung der Traubeneiche (Quercus sessiliflora)*). 
Doch scheint diese Art in dem ganzen Gebiet, wenn auch meist nicht 
gerade häufig, aufzutreten, fehlt indes den Nordseemarschen und 
-inseln, ist in Holland wie in der belgischen Ebene und dem Westen 
Schleswig-Holsteins mindestens selten, wie sie andererseits für den 
äussersten Nordosten Ostpreussens als spontane Pflanze zweifelhaft ist; 
in welcher Beziehung sie also, wie auch in ihrer Gesamtverbreitung, 
einige Aehnlichkeit mit der Buche zeigt, der sie sich öfter (aber durchaus 
nicht immer) zugeseUt. 

Von weiteren Laubbäumen treten als sicher spontan in Nordwest- 
deutschland nur noch die Esche ^) (Fraxinus excelsior) und der 
Feldahorn (Acer campestre) auf. Erstere scheint früher entschieden 
verbreiteter gewesen zu sein, muss aber, wie von mir in der Deutsch, 
bot. Monatsschr. (1894, S. 26 f.) schon gezeigt wurde, noch in allen 

^) Auf den britischen Inseln spontan nur in England, hier aber wenigstens 
von Babington als wirklieb heimisch betrachtet; auch noch im nördlichen Por- 
tugal, sowie in Spanien bis Eastilien, Katalonien und Aragon. 

*) Nach Njman soll zwar das nördlichste Vorkommen in Schweden der 
Skalaberg, in Angermannland und in Norwegen Söndmöre sein, während Schü- 
beier als nördlichstes spontanes Vorkommnis in letzterem Lande 62° 9' 
angiebt. 

') Eine Abtrennung der C. monogyna von dieser Art nehme ich nicht 
vor, da diese in der Litteratur nicht immer ausreichend geschieden sind, von 
manchen Botanikern geradezu vereint werden. 

*) Ueber Bestände, in denen dieser Baum vorherrscht, was in Norddeutsch- 
land wohl kaum irgendwo zu beachten, vgl. Meigen in Englers Bot. Jahrb. XXI, 
S. 249 und 256 f. 

^) Eine Schilderung der Vegetation fast reiner Eschenbestände giebt Beck, 
Flora von Niederösterreich, S. 51. 



252 F. Hock, [16 

Hauptteilen des Gebietes als heimisch betrachtet werden, wenn sie auch 
stellenweise (wie in Schleswig-Holstein) kaum mehr einen solchen Ein- 
druck macht, doch fehlen dort ihre hauptsächlichsten Standorte, die 
echten Auewälder, eben fast ganz. Während die Esche nach Osten 
hin häufiger wird, fehlt umgekehrt der gleich ihr besonders in Aue- 
wäldern (doch auch zuweilen in ziemlich reinen Buchenwäldern) auf- 
tretende Feldahom^) in Ostpreussen ganz (wie in den nördlichsten 
Teilen von Schleswig), während er in Westpreussen noch bis Thom 
vorkommt, gleicht also in der Beziehung, wie überhaupt in seinen 
Arealgrenzen, weit eher der Buche als der Eiche. 

Im Gegensatz zu dieser Art wird der Bergahorn (A. Pseudo- 
platanus) in Nord Westdeutschland von Buchenau nicht als heimisch 
betrachtet, kommt auch im Calenbergischen (bei der Stadt Hannover) 
und in Westfalen nur auf gebirgigen Landesteilen vor. Dagegen ist 
er im östlichen Deutschland durchaus nicht auf die Gebirge beschränkt^ 
sondern tritt in Mecklenburg wie in sämtlichen preussischen Provinzen, 
wenn auch oft nur sehr zerstreut (öfter, doch durchaus nicht beständig), 
in Buchenwäldern auf. Mit dieser zusammen tritt häufig der Spitz- 
ahorn (k, platanoides) auf, der aber wohl öfter als jener auch in 
Erlenbrüchern und Auewäldem vorkommt. Im Gegensatz zu beiden 
anderen Ahornarten fehlt er als ursprünglicher Baum in Schleswig- 
Holstein ganz. 

Eine andere, in den Wäldern des nordöstlichen Deutschlands 
reichlich vertretene Baumgattung, die Rüster oder Ulme (Ulmus), 
fehlt in Nordwestdeutschland ganz; in Schleswig-Holstein ist gerade 
die sonst meist häufigste*) Art derselben, die Feldulme (ü. campe- 
stris) nicht als heimisch^) nachgewiesen, während die im ganzen 
nordöstlichen Deutschland verbreitete*) Flatterulme (U. effusa) sich 
in einigen durch die Kultur wenig veränderten, fast reinen Eichen- 
wäldern^) als unzweifelhafter Waldbaum dort erhalten hat und die im 
Inneren von Nordostdeutschland vielleicht stellenweise fehlende Berg- 
ulme (U. montan a) gerade in Buchenbeständen dort den Eindruck 
der Ursprünglichkeit am besten bewahrt hat. 

Gleich der Flatterulme ist auch der Birnbaum (Pirus com- 
munis) in Nord Westdeutschland gar nicht, in Schleswig-Holstein nur 



^) Genaue Angaben über die Geeamtverbreitung dieser Art siebe .Wittich, 
Pflanzen-Areal-Studien '^ S. 6 ff. Wie die Buche reicht auch diese Art vom Kaukasus 
aus über Kleinasien nach Persien. 

^ In der schlesischen Ebene ist diese Art unzweifelhaft wild, während sie 
in den Verbergen durch die für die Ebene noch nicht sicher als spontan erwiesene 
Ü. montana ersetzt wird (vgl. v. Uechtritz, Resultate d. Durchforsch, d. schles. 
Phanerogamenflora , 1882, S. 30 f.). Im Kreise Waidenburg ist ü. montana 
die einzige wild vorkommende Art (Bot. Jahresber. III, 1875, S. 644). 

') Auch in Dänemark (nach Lange) nicht wirklich wild. 

*) In den baltischen Provinzen Russlands (nach Klinge) , in Wäldern ver- 
einzelt; häufig angepflanzt*. 

') Nach brieflicher Mitteilung von dem durch seine Studien über Branden- 
burgs Wälder rühmlichst bekannten Dr. Bolle liebt diese Art auch bei uns die 
Nähe der Stieleiche, findet sich jedoch auch mit Hasel und Erle, seltener mit der 
Buche vergesellschaftet. 



X7] Laubwaldflora NorddeutschlandB. 253 

an wenigen Orten ^) (und auch da nicht ganz unzweifelhaft) wild vor- 
handen, während er im übrigen Norddeutschland überall sicher als 
spontan zu betrachten ist. Wohl ähnlich verbreitet (d, h. in Nord- 
deutschland), aber weit weniger häufig noch in ursprünglichem Zu- 
stande erhalten ist die ihm verwandte Eisbeere (P. torminalis), die 
erst in neuester Zeit für das Lübecker Gebiet^), noch nicht für das 
eigentliche Schleswig- Holstein ^), als mutmasslich spontan erwiesen ist. 
Da Conwentz, der sich mit dieser Art eingehend beschäftigt hat, für 
dieselbe in Westpreussen allein 30 Standorte festgestellt hat, steht zu 
erwarten, dass sie auch im übrigen ostelbischen Deutschland, wo sie 
ausser Ostpreussen keinem grösseren Gebiete ganz fehlt (aber keine 
nahen Beziehungen zu einem besonderen Bestände zeigt, am meisten 
mit der Weissbuche zusammen vorkommt), weiter als ursprüngliche 
Pflanze erkannt werden wird. Eine andere Pirus-Art, P. suecica, 
die schwedische Mehlbeere, ist vermutlich in Westpreussen und Hinter- 
pommem wild^), entweder als Relikt aus einer früheren Periode oder 
als durch Vögel von Schweden her verschleppt zu betrachten (vgL wie 
zu voriger Art: Deutsche bot. Monatschr. 1894, S. 29). 

Nur in Westpreussen (im Weichselthal) und Posen (wie im an- 
grenzenden Polen) heimisch ist die Silberpappel (Populus alba), 
während die gleich ihr wohl im ganzen Gebiet angepflanzt (und öfter 
auch verwildert) vorkommende Schwarzpappel (P. nigra) ausser in 
jenen beiden Provinzen auch noch in Ostpreussen und Schlesien, sehr 
selten auch in Brandenburg, als ursprünglich erwiesen ist. In den- 
selben Provinzen, ausser Brandenburg, dafür aber vielleicht noch in 
Hinterpommern, soll die ebenfalls durch Kultur viel weiter verbreitete 
Grauerle (Alnus incana) ebenfalls heimisch sein. 

Während letztere gerade in Preussen, besonders in der Nähe der 
Küste, auftreten soll (v. KlinggräfF), meidet jetzt wenigstens die See- 
nähe die gleich der kleinblätterigen nicht selten unter Buchen auf- 
tretende^) grossblätterige Linde (Tilia platyphjUos), die ausser 
in der Nähe der Gebirge noch an einzelnen Orten Brandenburgs ^) und 



^) In Dänemark im Wald und Kratt sporadisch und nicht allgemein, aber 
in allen Provinzen bemerkt (Lange). 

^ Vgl. Friedrich a.a.O. S. 21. 

■) Von Weber im vorigen Jahrhundert für Holstein ohne Standort, jetzt 
aus dem eigentlichen Holstein nicht bekannt; vgl. Conwentz in AbhancU. z. 
Landesk. d. Prov. Westpreussen, IX, wo sich die genauesten Angaben über die 
Glesamtverbreitung der Art finden. Die ausserordentlich wertvolle Arbeit überhebt 
mich jedes genauen Eingehens auf diese Art wie auf die folgende. 

*) Vgl. Conwentz a. a. 0. Eher als vorige Art scheint demnach noch 
diese in Deutschland hinsichtlich ihres Vorkommens einige Beziehungen zur Rot- 
buche zu zeigen, was aber in ihrer Gesamtverbreitung durchaus nicht der Fall. — 
Die in der Arbeit gegebenen Waldschilderungen können als Muster von solchen 
zur Nachahmung empfohlen werden. 

^) Jedenfalls häufig auch mit T. ulmifolia zusammen, z.B. in der Grim- 
nitzer Porst unweit Joachimsthal (vgl, Verh. d. Bot. Vereins d. Prov. Brandenburg, 
XXXI, 124 f.), im Konradswaldauer Hochwald bei Brieg (Resultate d. Durchforsch, 
d. schles. Phanerogamenfiora, 1881, S. 11). 

•) Neuerdings bei Freien walde (nach briefl. Mitteil, von Prof. Ascherson) 
mit Acer Pseudoplatanus. 

Forschongen zur deatschen Landes- und Volkskunde. IX. 4. 18 



254 F. Hock, Laubwaldflora Norddeutschlands. [lg 

Posens als spontan erwiesen scheint (Verh. d. Bot. Vereins d. Prov. 
Brandenburg, XXXVI, S. 20 f.). Ausser in der Nähe der Gebirge 
muss nach Angabe der Floren noch in Brandenburg ^), Mecklenburg und 
Schleswig-Holstein (für die schlesische Ebene ?) als heimisch betrachtet 
werden die Vogelkirsche (Prunus avium). 

Diesen vielen nur nordostdeutschen Laubbäumen steht ein einziger^ 
wesentb'ch auf den Nordwesten beschränkter Laubbaum, der einzige 
Vertreter immergrüner Bäume in unserem Gebiet, die Stechpalme 
(II ex Aquifolium), gegenüber, die indes nicht nur nach Schleswig- 
Holstein, sondern auch über die Altmark, Priegnitz ') und Mecklenbui^ 
bis Vorpommern ostwärts vorgedrungen ist. 



^) Mindestens schon in Pfahlbauten von Brandenburg und Schlesien ge- 
funden, also seit langer Zeit dort vorhanden (vgl. Buschan, Vorgeschichtliche 
Botanik [Breslau 1895], S. 180). 

") Vffl. Bolle, Baum- und Strauch Vegetation d. Prov. Brandenburg, S. 50; 
danach auch schon in Brandenburg als Unterholz in Buchenwäldern, wie h&nfig 
z. B. in Schleswig-Holstein. 



2. FormatioiLsbestand der norddeutschen Laubwälder. 

Da die Zahl der in Laubwäldern Norddeutschlands vorkommenden 
Pflanzen weit grösser ist, als die der Nadelwaldpflanzen desselben Ge- 
bietes, beschränke ich mich hier noch weit mehr als in meiner „Nadel- 
waldflora'' auf die wirklich charakteristischen Waldpflanzen*). Um 
so viel wie möglich dieselbe Anordnung wie bei der genannten Arbeit 
zu bewahren, den Vergleich mit ihr nicht gar zu sehr zu erschweren, 
gehe ich gleichfalls von der brandenburgischen Flora ^) aus. Doch 
würde es ganz falsch sein, von vornherein eine Trennung der Pflanzen 
verschiedener Laubwaldbestände vorzunehmen, da diese bei weitem 
nicht so grosse Gegensätze aufweisen, wie die Kiefernwälder einerseits 
und die Fichten-Tannenwälder andererseits. Ich mache daher nur die 
für einzelne Formationsbestände hier in Brandenburg besonders 
charakteristischen (aber durchaus nicht immer ausschliesslich in den- 
selben vorkommenden) Arten in der Gesamtübersicht durch Zeichen 
kenntlich, wobei ich mich ganz auf die häufigeren Bestände (aus 
Buchen, Eichen und Erlen) ^) beschränke. 

Doch füge ich der Kürze halber hier gleich die Verbreitung in 
den Hauptteilen Norddeutschlands durch folgende Zeichen, und zwar 
immer in folgender Reihenfolge, bei: NW (Nordwestdeutschland), 
S-H (Schleswig-Holstein [S nur Schleswig, H nur Holstein]), Me 
(Mecklenburg), Pm (Pommern, Vp nur Vor-, Hp nur Hinterpommem), 



^) Manche der in meiner , Nadel waldflora* als auch in Laubwäldern vor* 
kommend bezeichneten Arten fehlt daher in dem folgenden Verzeichnis ganz. 

') Im Umfang von Aschersons Flora. 

') Die Gharakterpflanzen der Buchenwälder sind durch f , die der Eichen- 
wälder durch q und die der Erlenbestände durch a bezeichnet, wobei I die be- 
sonders charakteristischen hervorhebt, ? das häufigere Vorkommen auch in anderen 
Beständen andeutet, wobei aber immer auch in letzterem Fall eine gewisse Vor- 
liebe zu dem durch den Buchstaben angedeuteten Bestand sich erkennen lässt. — 
Genaue Grenzlinien über die Verbreitung einzelner Arten im Gebiet, wie ich sie 
für die wichtigsten Kiefembegleiter gab, habe ich des Raummangels wegen hier 
fortgelassen, zumal da ich für die hauptsächlichsten Arten solche in meinen , Studien 
zur Verbreitung der brandenburgischen Waldpflanzen ** zu geben gedenke, deren 
erster Teil in den diesjährigen „Verh. d. Bot. Vereins d. Prov. Brandenburg* er- 
scheint. 



256 F. Hock, [20 

Wp (Westpreussen), Op (Ostpreussen) , Ps (Posen) , Seh (Schlesien) % 
während ich die in allen Hauptteilen Norddeutschlands (und nicht gar 
zu selten) vorkommenden Arten durch fetten Druck bezeichne *). (Ge- 
naueres über deren Verbreitung s. Helios X, S. 135 ff.) 

a) Brandenburger Laubwaldpflanzen (mit kurzen Angaben über ihre 

weitere Verbreitung in Norddeutechland). 

1. Gehölz'), 
a) Bestandbildend. 

"" (Qnerens Robnr)')^). 

Fagns silratica; Op grossenteils fehlend. 
* ^ (Alnns glatinosa). 

f^ Tilia ulmifolia nS, Me— Seh«). 

(Betnla Terrucosa). 

b) Höchstens für ganz kleine Bestände charakteristisch. 

f?'^ Tilia platyphyllos Ps, Seh. 

f? Acer Pseudoplatanus S-H — Sch^. 

— platanoides Me — Seh. 

"" — campestre NW, S-H, Me, Pm, Wp, Ps, Seh. 

Prunus avium S-H, Me, Seh. 
a*^ — Padus« 

^ Crataegus Oxyacantha* 

Pirus communis (S-H), Me — Seh. 

— Malus« 

— [Auenparia]« 

^ — torminalis«) (sH), Me, (Pm), Wp, Ps, Seh. 

Fraxinus excelslor. 
f?») Hex Aquifolium NW, S-H, Me, Vp. 
a? Ulmus campe st ris Me— Seh. 

— montana (S-H), Me, Wp, Op (wahrscheinlich Pm, vielleicht 
auch Ps). 



^) Die Gebiete, in denen eine Art sehr selten, werden durch Klammem um 
das Zeichen des Landes gekennzeichnet, z. B. (NW) = im Nordwesten selten ; wenn 
eine Art nur auf einen Teil eines Gebiets beschränkt, wird meist dem (^biets- 
zeichen n (nördlich), o (östlich), s (südlich) oder w (westlich) vorgesetzt. 

') Die fehlenden Teile der Provinz Sachsen und eingeschlossener Kleinstaaten 
sind meist dem brandenburgischen Florengebiet (nach Ascherson) einverleibt*, 
die nur in rheinischen, westfölischen , braunschweigischen oder südhannoverschen 
Teilen vorkommenden Arten können, gleich den nur im südlichen Schlesien vor- 
handenen, als Ausläufer der Gebirge hier ausser acht gelassen werden, da sie fast 
nie dort auf die Teile des echten Tieflandes beschränkt sind. Dagegen wird ein 
wesentlich anderes Verhalten in der belgisch-niederländischen Ebene als im Nord- 
westen immer hervorgehoben. 

') Genauere Verbreitung s. Teil I. 

*). Oft strauchige Arten sind durch ^ gekennzeichnet. 

') Durch sind die auch häufig in Nadelwäldern vorkommenden Arten 
gekennzeichnet. 

«) d. h. Me, Pm, Wp, Op, Ps, Seh. 

') d. h. S-H, Me, Pm, Wp, Op, Ps, Seh. 

^) In Podolien ist er (nach Koppen, „Holzgew. Russlands') den Eichen- 
wäldern so massenhaft beigemengt, dass er oft ein Fünftel des Bestandes aos- 
maoht; ähnlich liebt er nach Fiek in Schlesien Eichwälder. 

') Wie z.B. in Schleswig-Holstein, so bis Sizilien einerseits (s. S. 254 [18]), Trans- 
kaukasien andererseits (vgl. Bot. Jahrb. VUI^ 1890, 2, S. 633), in letzterem Gebiet neben 
der im ganzen wohl weniger streng an die Buche gebundenen Pirus torminalis. 



21] Laubwaldflora Norddeutschlands. 257 

q? Ulmuseffusa (S-H»), Me, Seh. 

QnereiiB sessiliflora, 
^ Carpiniis Betnliis« 
a^ Betiila pnbeseens« 
^ Salix Gaprea« 

^ — alba und frairnis* 

(Popnliis tremnla). 

— nigra Wp, Op, Ps, Seh. 

2. Gestränoh. 
a) Ziemlich allgemein verbreitet. 

q? ETonymna enropaea. 

Rhanmns Gathartica. 
a Frangriila Alniis. 

Prnuns spinosa« 

Rosa canina und andere Arten. 

Riibiis fmcticosns und andere Arten, 
a Ribes nigrmni. 
q Cornns sangrainea. 

SambnciiB niflrra. 
a Tlbnrnnm Opnlns« 
q (Vaccininm MyrtiUns)^). 

Ligustrumvulgare (nur im Magdeburgischen sicher spontan) -, (Wp). 
q? Corylns Ayellana. 
a Salix pentandra« 

— cinerea. 
a ? — anrlta« 

— repens. 

b) Mehr sporadisch auftretend. 

Ribes alpinum sH, Me— Seh. 

— rnbmin. 

a (Tacciniiim^iiliginosniii)« Stellenweise sehr zerstreut ; aber keinem 

grösseren Gebiete ganz fehlend. 
Daphne °Mezereum*) (Pm), Wp, Op, Ps, Seh. 

3. Gestände. 

a) Allgemein verbreitet. 

f ? *) Hepatiea nobilis oNW, oS-H (noch in allen Provinzen Dänemarks) — Seh. 
Anemone nemorosa« 



^) Die von v. Fischer-Benzon (in Prahls Flora) genannten spontanen 
Yorkomnmisse sind wesentlich in zwei fast reinen Eichenwäldern, diesen schliessen 
sich nach Friedrich (Flora von Lübeck und brieflich) zwei fast reine Eichen- 
bestände bei Lübeck an. 

^ Nach brieflicher Mitteilung von IL L. K r a u s e im Elsass in tiefen Lagen 
mehr unter Tannen, in hohen mehr unter Buchen, der buchenlosen Ebene fehlend. — 
Wie in Brandenburg, so kommt auch in Nordwestdeutschland V. Myrtillus be- 
sonders unter Eichen (indes noch bei Münden wie bei Berlinchen und Beizig 
auch unter Buchen) gern vor, während V. Vitis Idaea sich auch dort näher an 
die Kiefer anschliesst, daher auch neuerdings dort sich weiter ausbreitet (Focke 
in Abh. d. Naturw. Vereins v. Bremen XIII, S. 263). 

') ° bedeutet in der Mitte des Brandenburger Floreubezirks, also besonders 
in der südlichen Mittelmark und nördlichen Niederlausitz, seltener als im Norden 
und Osten, sowie nach den Gebirgen hin. 

*) In Westpreussen sehr häufig mit der Eisbeere (und Weissbuche) zusammen 
(vgL Conwentz, Abh. z. Landesk. d. Prov. Westpreussen, IX, S. 63). 



258 F. Hock, [22 

Anemone ranunculx)ide8 ähnlich wieHepatica, aber für Holland 

angegeben, 
a Banniienlas anricomns und andere Arten. 
a?t Ficaria vema*). 
t GheHdoninm mains. 

Corydalis intermedia ähnlich Hepatica'). 

* Gardamine amara'). 

* Tiola silTatica. 

— Biyiniana. 
Stellaria Holostea« 

a Malachinm aquatlcmn. 

* Hypericnm qnadrangiilnin. 

— (moiitaniim) 
Geranlnm Robertianmii« 
Oxalis Acetosella. 

* Trifolium mediam^). 

Astragalus glycyphyllos. Fehlt im äussersten NW und dem 

grössten Teil der Niederlande. 
Yicla sepinm. 
(Laihyrns montaniis) ^), 
t Geam nrbanum« 

— riTale. 

* Fragaria moschata. Aehnlich Astragalus verbi-eitet, aber seltener. 
Agrrinioiiia Enpatoria« 

t Aegopodiam Podagraria. 
a? Glrcaea Lntetiana. 
a! Chrysospleninm alternifolinm« 
a? Adoxa Moschatellina« 
' f? Aspemla odorata®). 
a? Yaleriana sambncifolia 0- 
a! Enpatorinm cannabinnm, 

Gnaplialinm silTaticnm« 

Lactnca mnralis. 

* Hleracinm mnroniiii. 

— boreale. 

— nmbellatniii. 

* Gampannla Trachelinm. 

* Pirola minor« 

f? Pulmonaria officinalis (wNW?). 

Scrofularla nodosa« 
q Origanum vulgare oS-H, Me — Sch. 

Glinopodinm rnlgare* 

(Glechoma hederacea). 
a? Laniinm macnlatnm. Fehlt n und wS-H. 
a? Galeobdolon Intenm. 
a? Stachys silvatica. 
q? Betonica officinalis') oH, Me — Seh. 



*) Durch t sind die Öfter subruderal vorkommenden Arten bezeichnet. 

^) Doch z. B. vereinzelt auch im westl. SH. Sie ist sicher auch durch Kultur 
weiter verbreitet, 

') Die Gattungen, aus denen andere Arten noch häufiger in Wäldern, doch 
auch oft an anderen Orten, vorkommen, sind durch * bezeichnet , um die Liste 
nicht gar zu gross zu machen. 

^) In der belgisch-holländischen Ebene als ursprünglich mindestens sehr selten. 

^) In den Niederlanden nur in Limburg und um Nymwegen. 

^) Stellenvreise höchst charakteristisch fQr Buchenwälder, doch auch nicht 
selten in anderen Beständen, z. B. unter Erlen. 

'') Vielleicht nach Nordosten seltener werdend, doch wohl nicht immer (und 
wohl mit Recht) für spezifisch verschieden von V. officinalis betrachtet. 

*) Auch in Geldern und Utrecht. 



23] Laubwaldflora Norddeutechlands. 259 

a Aingra reptans. 

Primula officinalis (oNW) »), S-H— Seh. 
a Ramex obtnsifolins. 

Mercurialis perennis oNW, S-H— Seh. 
a?t Urtica dioica* 

(Platanthera bifolia)'). 

Epipartis latifolia. 
a? Tiistera orata* 

Ga^ea lutea* 
q ? '^) (Gonyallaria maialis). 

(Maianthemnm bifolimn). 

(Polygonatum offlclnale) (oNW) *), S-H—Seh. 
a ? — mnltlflorum« 

Paris qnadrifolins ; äusserRier NW und Niederlande sehr selten. 
* Eqaisetnm hiemale. 

b) Stellenweise verbreitet. 

Thalietrum minus var. silvaticum. Verbreitung?*). 
f Ranuneulus ^lanuginosus (oNW), S-H — Seh. 

q? — polyanthemos oNW (oS-H), Me— Op (Ps)«), Seh. 

f Aquilegiavulgaris (ausser ücker- und Neumark nur vereinzelt ') ; 

Me?, rm— Seh, meist ziemlich selten. 
Aetaea spicata (im Magdeburgisehen meist fehlend) ; S-H ") — Seh. 
f Corydali8°cava NW (?heimisch), S-H— Seh. 

— pumila (besonders im Magdeburgischen und Oder- 

thal); (Pm), (Ps), (Seh), 
f Dentaria enneaphyllos (nur S); (wPs), Seh. 

f! — bulbifera (wesentlich u. NO), S-H— Wp, (Op), (Ps), Seh. 

•Viola mirabilis (fast nur 0), (oS), (Me— Seh). 
Melandrium rabram* 
Stellaria <>nemorum oNW»), S-H— Seh. 
al Cerastium triviale var. nemorale^*), (Me), Pm — Op, Seh. 

Hypericumpulchrum (nur Havel berg, Niederlausitz und Altmark) ; 

NW-Me, (Seh). 
Geranium silvaticum (wesentlich NO)-, (nS**), (Me), Pm— Seh. 



^) Aber wieder in den Niederlanden und Belgien. 

*) In Schleswig-Holstein gehört diese Art zu den Charakterpflanzen der 
Kratte; aus einer Eichenschonung nennt sie femer Brick vom Kreise Tuchel 
(Sehr. d. Naturf. Gesellsch. in Danzig, 1886, S. 19). Auch sonst finden sich hin und 
wieder anseheinende Beziehungen zur Eiche; doch ist mir Näheres noch nicht 
bekannt; jedenfalls findet sich die Art auch oft ausserhalb der Wälder. 

') Auch auf der Blumeninsel (Westpreussen) unter Eichen in grosser Menge 
(Conwentz a. a. 0. S. 20). 

^) Aber Niederlande ziemlich allgemein. Als Ergänzung zu »Nadelwaldflora* 
S. 353 vgl. Ber. Deutsch, bot. Gesellsch., XI, S. 247 f. 

*) Verbreitung d. Art „ Nadel waldflora** S. 25 f. 

') R. polyanthemos wenigstens in Ps auch in Nadelwäldern. 

^) Die vorangehenden Bemerkungen beziehen sich immer nur auf das 
Brandenburger Gebiet; die Pflanzen, denen solche Angaben fehlen, sind zerstreut 
in diesem Gebiet, aber fehlen meist keinem Hauptteil desselben ganz. 

^ Nordwesten fehlend, aber für Limburg angegeben, hier wohl schon auf 
Flözboden. 

^) Doch auch in Holland. 

*^) Vgl' u. a. Ascherson in Sitzungsb. d. Bot. Vereins d. Prov. Branden- 
burg, XVI, 1874, S. 11. 

^^) Im östlichen Jätland (besonders von Aarhus bis Veile) nicht selten, da- 
gegen auf den dänischen Inseln sporadisch, nur wieder auf Bomholm allgemein 
(Lange). 



260 F. Hock, [24 

Trifolium rubens (Me), Wp—Sch. 
Vicia dumetorum (bes. Oderthal); (oMe), Hp— Seh. 
Ervum pisiforme (bes. N und im Magdeb.) ; Me — Seh, meist selten, 
f — silvaticum (nur 0); oS-H, Me — Seh. 

f Lathyrus*) **vernu8 S-H — Seh. 

q?») — niger S-H— Seh. 

(Rubus saxatilis), Niederlande fehlend. 
(Fotentllla procambens). 
Alchemilla ^ ynlgaris. 
a Agrimonia odorata. 

Circaea intermedia, meist ziemlich selten sicher erwiesen ; 

fehlt Op. 
— alpina; fehlt Belgien und Niederlande. 
Chrysosplenium oppositifolium (nur Altmark und Nieder- 
lausitz an wenig Orten); fehlt Wp, Op, Ps. 
f ? Sanicnla ^ enropaea« 

Laserpitium latifolium (neuerdings nur Neuruppin) ; Wp — Sdi, 

meist selten. 
— prutenicum S-H — Seh. 

Chaerophyllum arom aticum (nur SO); Wp — Seh. 
— hirsutum (nur SO); Wp, Op, Seh. 

f?* Galium silvaticum (NW), S-H— Wp, doch für grössere Strecken 
z. B. in ganz Neuvorpommem nicht erwiesen), Ps, Seh. 
Centaurea pseudophrygia nur SW; S-H, Me (? heimisch). 
Inula salicina S, oH — Seh. 
Tanacetum corymbosum (nur Wittenberg, Tangermünde, Prenz- 

lau, Schwedt); (Hp), (Wp). 
Crepis praemorsa (fehlt im W fast ganz); Pm — Seh. 
f?3) Phytenma spicatnm. 

Campanula latifolia (nur und NO) ; S-H (wesentl. im 0) — Seh» 
doch stellenweise sehr sporadisch. 
* Pirola rotandifolla, meist nicht häufig, 

f?*) Vinca minor (NW), (S-H), Me— Seh. 

q? Pulmonaria angustifolia (S-H)?, Pm — Op, Seh, meist selten. 
Atropa Belladonna, wohl an wenig Orten, wenn Überhaupt^ 

ursprünglich im norddeutschen Tiefland. 
Digitalis ambigua Me?, Pm— Seh*). 



Beide Lathyrus- Arten auch von Holland angegeben. L. niger, der 
meist ausgesprochene Laubwaldpflanze ist, findet sich im Kreise Tuchel (Schriften 
der NatuHorsch. Gesellsch. in Danzig, 1886, S. 18) ; auch im Kiefernwald. 

*) L. niger tritt auch in Kratten (Schleswig-Holstein), doch andererseits 
da, wie auch z. B. bisweilen in Schlesien , gleichfalls in Buchenwäldern auf, doch 
auch in letzterer Provinz gehört die Art (nach Fiek) z. B. zu den Charakter- 
pflanzen der die Oderdämme bedeckenden Eichengebüsche sowohl als der den- 
selben Fluss begleitenden Alluvialwälder, in denen auch die Stieleiche vorherrscht. 

•) Phyto uma wird neben Fagus von Willkomm (Bot. Ztg. IX, S. 1) 
unter den Charakterpflanzen eines Waldes in Aragon genannt, während sie Beck 
zu den Charakterpflanzen der Buchenformation Niederösterreichs rechnet. In beiden 
Fällen flndet sich daneben Hedera, die bei uns noch weniger streng als diese 
im Formationsbestand an die Buche sich anschliesst. Die südwärts bis Südafrika» 
also wesentlich weiter als alle diese reichende Sanicula europaea ist sowohl 
in Niederösterreich als Südbosnien (nach Beck) wichtige Charakterpflanze der 
Buchenformation. 

*) In Pommern nach Marsson unter Buchen sowohl als unter Kiefern. 

^) Z.B. bei Falkenberg im Eichwalde (Uechtritz, Res. d. Durchforsch, 
d. schles. Phanerogamenfl., 1882, S. 27) ; dagegen in Brandenburg verschiedentlich 
in Buchenwäldern, in Neuvorpommem von Marsson nur vom Lindenbusch unweit 
Tribsees genannt. 



25] Laubwaldflora Norddeutschlands. 261 

f! Veronica^montana NW— Op'), (Ps), Seh. 
f? Melittis xneliBsophyllum (nur 0); sWp, aOp, Seh. 
(Aiuga pyramidalis), (nS), oMe, Hp — Op, Seh. 
Teucrium Scorodonia (wesentl. W) ; NW, H— Vp, 
TrientallR enropaea« 
f? Lysimaehia nemorum (wenig verbreitet, bes. nahe der Nord- 

und Südgrenze und im Magdeburgischen) NW — Wp*). Seh. 
f? Primula elatior (mit Sicherheit nur im Magdeburgischen, nament- 
lich auch in der Altmark heimisch, sonst Indigenat zweifelhaft); 
(oNW), S-H-Op, (Ps?), Seh. 
Rnmex sangniiiens. 
f? Asarum europaeum^ Hp — Seh, weiter westlich jedenfalls nicht 
sicher spontan. 
Tithymalus dulcis (nur im SW); (Wp), (Op), Seh. 
f? Arum maculatum (ausser Magdeburg und Altmark Indigenat 
nicht ganz zweifellos), sNW, oS-H, Me, Vp, Hp (neuerdings nicht 
bestätigt). Seh. 
f* Orchispurpurea (nur Uckermark); (Me), (Vp), vereinzelt auch im 

mittleren Belgien wie im holländischen Limburg*), 
f Piatanthera chlorantha (nur Uckermark und Mittelmark, doch 

wieder im Magdeburgischen), 
f Cephalantheragrandiflora (hauptsächlich im Magdeburgischen 
und im 0); (NW)?, fehlt Op, sonst im ganzen Gebiet, aber meist 
selten, 
f C. Xiphophyllum (wesentl. und N); wohl nirgends ganz fehlend, 

aber stellenweise sehr selten, z. B. Ps nur Boguniewo **). 
f? (C. rubra) fehlt NW und S-H, aber auf Jütland wie auf mehreren 

dänischen Inseln an einzelnen Orten, 
f! Epipactis microphylla (nur Uckermark); Me, Seh; je 1 Standort 

unter Buchen*), wie öfter in Thüringen, 
f Cypripedium Calceolus (nur 0); Pm — Seh. 

Leucoium vernum (nur im Magdeburgischen und vielleicht in 
der Niederlausitz); selbst in Seh wohl nur auf Flöz, sonst, von 
Verwilderung abgesehen, wohl höchstens durch Flüsse in die Ebene 
verschleppt, so vielleicht gar bis in die Nähe Hamburgs. 
Gagea spathacea (neuerdings nur im N)®); NW — Op. 

— minima (nur im S); nur Wp und Op etwas häufiger, sonst 
selten (ostelbisches Gebiet), oder gar zweifelhaft (NW). 



') In Westpreussen sind nach brieflicher Mitteilung von AbromeitVero- 
nica montan a und Lysimaehia nemorum (neben Chaerophyll um bul- 
b o s u m) besonders an die Buche ^ebunden^ wie beide gleichfalls nach brieflicher 
Mitteilung von E. H. L. Krause im Elsass. Ueber die relativ weite Verbreitung 
von Ver. montana auf Rügen vgl. Verh. d. Bot. Vereins d. Prov. Brandenburg, 
XX, 1878, S. 81. 

^ Auch für Jütland wohl nicht als wild gesichert, auf den dänischen Inseln 
fehlend; Tithymulus dulcis findet sich in Dänemark nur verwildert, wie 
Asarum jetzt in Schweden, doch soll dieses einst in Schonen (nach Nyman) 
wild vorgekommen sein; beide sind in England gefunden, aber beide wohl dort 
nur eingeführt. 

') Häufiger in Mitteldeutschland und z. B. in Mittelthüringen Charakter- 
pflanze der Buchenwälder. 

*) Während hier wie meist in Nordostdeutschland unter Buchen, ist sie aus 
Nordwestdeutschland nur von einem Birkenhain bekannt. 

") Sämtliche vier aus dem Brauoschweigiscben von Bertram genannten 
Standorte tragen Buchenbestände, drei derselben sind mir vom Forstmeister B e h- 
ling in Seesen sogar als „überwiegend* Buchenbestände genannt; Aehnliches gilt 
dort ebenfalls von weitaus den meisten Standorten der anderen an dieser Stelle 
genannten Orchideen. 

*) Hier unter Erlen, sonst in Norddeutschland oft in Buchenwäldern. 



« 



262 F. Hock, [26 

f?^) AUiam nrsinuiii (nur in W); meist nicht häufig. 

— Seorodoprasmn wie voriges, doch etwas häufiger. 
Equisetnm silTaticnm* 

— pratense S-H— Seh. 

* Ljcopodinm Selago. 

4. Gekraut. 

a) Allgemein verbreitet. 

t Alliaria offlcinaliSy nach NW und NO seltener werdend. 

Moehrlngia trlnervia. 
a Impatiens noii tangere. 
*t Chaerophyllum bulbosum, ob überall ursprünglich?, wohl 

bisweilen Rest früherer Kultur, oft durch Flüsse verbreitet, 8-H fast 

ganz fehlend. 
t Chaerophyllum temulnni» 

Senecio silvaticiiSy besonders Waldschläge, 
t Lampsana commnnis« 
t Myosotis intermedia* 

* Melampyrumnemorosum (oNW), oH— Seh"). 

b) Stellenweise auftretend. 

* Arabis*) hirsuta var. G e r a r d i (bes. Flussthäler) ; (Pm), Wp— Seh. 
Cardamine Impatiens (bes. Flussthäler); (oS), Me — Seh. 

f — silvatica (bes. im N); Me — Seh, meist selten. 

Dipsacus pilosus (bes. Elb- und Oderthal und Uckermark); 
Me-Wp, Seh. 
f?^) Lappa nemorosa (Neumark und Niederlausitz unbekannt); oNW, 
oS-H— Vp, Wp, Op, Seh. 
Myosotis ® silvatica*) (NW), oS-H— Seh, ob überall ursprünglich ? 
q? Melampyrum cristatum (oNW), oH^), Me— Seh. 

5. Qehälm. 

a) Allgemeiner verbreitet. 

Lnznla pilosa« 

— mnltiflora. 



^) Im Elsass nach brieflicher Mitteilung von £. H. L. Krause auch in der 
buchenlosen Ebene unter Eichen, Erlen u. a. gleich Corydalis cava (selten), 
Primula elatior, Arum maculatum u. a. Auch in S-H soll Allium 
ursin um nach Prahl gern unter Eichen vorkommen. 

^ Da die Art auch für Jütland, Fünen, Seeland und Falster von Lange 
angegeben, dürfte das angebliche Vorkommen in Schleswig doch nicht so ganz 
zweifelhaft erscheinen, wie Prahl annimmt. 

') Auch der verwandte Turritis findet sich bisweilen in Laubwäldern. 

^) Nicht selten in Dänemarks Waldgegenden (Ostküste Jütiands und Inseln) 
(vgl. Lange, Haandbog i den danske fiora, S. 358). Auch in diesen Gegenden 
herrscht die Buche vor. 

*) Nach Herder, „Plantae Raddeanae Monopetalae' snwohl in Buchen- 
wäldern Schoonens als der Chalcidice, nach Beck ebenfalls in der Buchenformation 
Bosniens Charakterpflanze; in Brandenburg ist eine nahe Beziehung zur Buche 
nicht nachweisbar, eher könnte man eine solche in Pommern und Schleswig- 
Holstein erkennen. 

®) Auch an der Ostküste von Jütland], aus Schleswig aber nach Prahl 
nicht bekannt. 



27]] Laubwaldflora Norddeutschlands. 263 

a? * Oarex remota')« 

— pilnlifera. 

— digritata (NW), o-S-H— Seh. 
a — pallescens. 

— silTatlca« 
a — elongrata, 

Miliain elftasnin. 
HolcQS mollU')« 

Melica nutans NW selten, Holland nur Maastricht. 
Poa nemoralis. 
Dactylis grlomerata. 
Festnca gigantea* 

Brachypodium silvaticum NW (und Niederlande) selten. 
— pinnatum; fehlt NW und S-H fast ganz. 

b) Mehr sporadisch. 

Luzula angustifolia (nur S); heimisch fast nur in der Nähe 
der Gebirge , Hp ? (vgl. Ber. d. Comm. f. d. Fl. v. Deutschi. 1885, 
p. CXLH), (Wp)»). 
Carex brizoides (fast nur S und W); Me, Pm, Op, (Ps), Seh. 
q? — montana (oNW), (wS)*), (Me), (Pm), Wp—Sch. 

f? — pendula (nur an wenigen vereinzelten Orten; meist un- 

sicher) ; (oS-H), (Vp) *). 
Hierochloa australis (nur im äussersten 0); Pm — Seh meist 

selten. 
Calamagrostis arundinacea (NW)*), (oH) '), Me— Seh. 
f Melica «uniflora NW— Op), (Ps)«), Seh. 
f? PoaChaixi (nur im aussersten 0); S-H')— Seh (Ebene?). 

Glyceria nemoralis (nur NO); Pm — Seh. 
*f Festuea heterophylla Vp— Seh. 

f? — silvatica (nur NW); (oNW), S-H— Seh, vielfach sehr 

selten. 
Bromus asper, ähnlich wie vorige verbreitet. 
Triticum caninum (NW), S-H— Seh. 



^) In Schleswig-Holstein Cbarakterpflanze der Buchenwälder, in der Schweiz 
nach Christ Charakterpflanze der Eichwälder (Pflanzenl. d. Schweiz, S. 162). 

^ In Preussen nach Klinggräff überall, doch nirgends häufig. Schon 
in den russischen Ostseeprovinzen nach Klinge sehr selten (nur bei Eronenberg 
und auf Oesel). 

') Hier in den , Heiligen Hallen' (Buchenwald) bei Panklau (vgl. Bot. 
Jahresber. VI, 1878, 2, S. 564, Ref. 100). 

*) In Eichengestrüppen wie auch bisweilen in der Mark. 

^) Die einzigen sicheren Standorte bei Flensburg und in der Stubnitz 
auf Rügen sind mir als Buchenwälder bekannt. 

^ Fehlt in den Niederlanden. 

^ Richtiger Lauenburg, andererseits wieder in Jütland und Seeland, und 
früher auch auf Bomholm. 

*) Der einzige Fundort in Ps ist ein Buchenwald. Die Art wurde mir 
neuerdings noch als steter Buchenbegleiter in der Flora von Freyenstein durch 
Rietz bestätigt, wie in der weiteren Umgebung jenes Ortes noch Galium sil- 
Taiicum, Asperula odorata, Sanicula europaea, Hedera Heliz, 
Neottia, Milium effusum, Lactuca muralis. 

') Prahl bezeichnet Poa Chaixi als wohl nirgends in S-H ursprünglich. 
Da sie indes auch in Jütland, auf Fünen, Seeland und Falster als Waldpflanze 
(nach Lange) auftritt und in Norwegen (wenn auch selten) beobachtet ist, sehe 
ich keinen Grund, an ihrer Heimatsberechtigung in S-H zu zweifeln. — In Wp 
und Op (nach Abromeit) wie in der schlesischen Ebene nur var. remota. 



264 F. Hock, [28 

f ElymuB europaeas (fast nur Uckermark als sicher erwiesen); 

S-H ^), Op und Seh, meist selten. 

6. GeBchlinge. 

Hedera Helix; im östl. Op selten und verkümmert. 

Lonicera Periclymenum (0 selten); NW— flp, (Wp heimisch?), 
(Ps), wSch. 
a Solanmn Dnlcamara. 
a? Homnlns Lnpnlns^. 

7. Geäs»). 

a) Phanerogame. 

f Monotropa Hypopitjs var. hypophegea. 

Lathraea squamaria im äussersten NW wohl fehlend; auch 
für die Niederlande nur vop Limburg erwiesen, 
f Epipogon aphyllos (weeentl. 0); (oS-H), Me?, Pm— Op und Seh 

meist selten, 
f Neottia nidos ayis nach NW seltener werdend, auch von den 
Niederlanden nur aus Südlimburg bekannt. 
Corallorrhiza innata NW fehlend, S-H zweifelhaft, sonst wohl 
in allen Hauptteilen des Gebietes erwiesen, doch meist selten. 

b) Pilze*). 

Gortieinm comedens. Auf abgefallenen Zweigen, 
q? ۥ caleenm. (Auch auf Ulmen und Ahomen.) 

C« polygoninm. An abgefallenen Aesten von Eichen, Pappeln und 

Linden. 
G» incarnatam« An Stümpfen und Zweigen von Carpinus,Fagu8, 

Salix. 
ۥ cinerenm. An trockenen Zweigen von Carpinus, Fagus, 

Ulmus. 
ۥ quere! nnm. An abgefallenen Zweigen von Quercus, Tilia. 
a? Steremn rngosnm (seltener an Corylus). 

S« hirsntam» Wie vorige an Baumstümpfen. 
S. pQrpnream, Desgl. 



^) Nach Friedrich (Progr. d. Eatharineums zu Lübeck 1895) auch bei 
Lübeck Buchenbegleiter, desgl. Melica uniflora, Galium silvaticum* 
Dentaria bulbifera u. a.; in Op noch im Frischingforst. 

') Er macht jedenfalls in Erlenbrüchen durchaus den Eindruck einer u^ 
sprünglichen Pflanze. 

') Hierzu könnten als Halbschmarotzer allenfalls noch die Mel am pyr um- 
Arten gerechnet werden, vielleicht indes dann auch noch manche andere, die wenig* 
stens teilweise Humusbewohner sind, z. B. die Dentaria- Arten, Circaea al- 
pin a (vgl. Kerner, Pflanzenleben I, 102). 

*) Die folgende Liste der häufigsten grösseren Pilze der Laubwälder Nord- 
deutschlands verdanke ich der Güte eines unserer besten Pilzkenner, des Herm 
P« Hennings ^ Kustos am bot. Museum zu Berlin. Er bemerkt dazu : «Die an- 
geführten Arten sind in Nord- und Westdeutschland wohl überall gemein, so dass 
Angaben besonderer Gebiete , wo solche nicht gemacht , meist überflüssig sind. — 
Die Pilzflora des Laubwaldes ist bei weitem nicht so eigenartig, wie die aes Nadel* 
w^des, und finden sich die meisten Arten desselben auch in Gä^n, Gebüschen etc., 
meist jedoch an Laubflora gebunden. Viele Arten, die besonders unter Birken (b) 
vorkommen, zeigen sich auch unter diesen im Kiefemwalde. Die gemeinsten Arten» 
die überall in Laubwäldern verbreitet sind, sind (durch fetten Druck) gekenn- 
zeichnet.* 



89] 



Laubwaldflora Norddeutschlands. 



265 



q Hymenochoete rubiginosum (desgl.); HWp, Op, Seh. 

f Craterellus cornucopoides H, Pm, Op, Seh. 

f ? ClATaria cristata. (Weit seltener in Nadelwäldern.) 

G« cinerea. 
f C. pistillaris. Auf der Erde; Wp, Op, Seh. 

f 0. Botrjtis. 

f C. flava. H, Pm, Seh. 

f? Radulum hydnoideum. Auf abgefallenen Aesten, besonders 

von Carpinus; Op, Seh. 
q R. quercinum. Auf abgefallenen Zweigen. 

Irpex obliquns. Desgl. 
f Hydnum co'ralloides. An SiUmmen. 

f ? !!• repandam« Weit seltener in Eieferwäldem. 
H. zonatum. Pm, Wp, Seh. 

Polyporns Badnla« An abgefallenen Eichen- und Buchenästen. 
P« snlphiireiis« An Stämmen verschiedener Bäume. 
P. adnstns* Desgl. 
P* famosns. An Stämmen von Salix. 
P. Tergicolor« 

P. frondosus. Auf Wurzeln und Stümpfen; H, Seh. 
b (P. betulinus). 

P. squamosos* 
a? P. radiatns. 
q Fomes dryadeus. Seh. 

F« fomentarins« An Buchen und Eichen. 
F« igrniarins« 
f F. obliqnns. 

F. applanatns« An Stümpfen von Fagus und Quercus. 
F. lu cid US. An Stämmen; H, Seh. 
Daedalea gibbosa. 
B« nnicolor. 

D. qnercina« Seltener an Buchen. 
Leazites betnlins« 

Flstnlina hepatiea* Sehr selten an Buchen. 
(Boletus scaber). 
(B. ednlis). 
B. pachypus. 

B. piperatus. Besonders zwischen Heidekraut; H, Wp, Seh. 
Cantharellus cinereus. Am Grunde. 

(C. c i b a r i u s. In der Mark in Eieferwäldem, in Holstein charakteristi- 
scher Buchenwaldpilz.) 
(Paxillus involutus). 

Limacium eburneum (in Holstein viel am Grunde von Buchen- 
wäldern). 
L. penarium. Am Grunde. 
Lactarius usitatissimus. DesgL 
L. volemus. Seh. 
(L. subdulcis). 
L. piperatus. H, Seh. 
L. pallldas. 
b! (L. torminosas). 

(L* neeator). Oft zwischen Heidekraut. 

L. controversus. In lichten Laubwäldern und Gebüschen; H, Seh. 
L. chrysorrheus. 
L. acris. 
a L. cyathula. Besonders Erlenbrüche; Op. 

Bussnla pectlnata« Meist zwischen Gras und Moos, 
f — V e 8 c a. 

b B. liTida. 

f R. vlrescens« 

f R. lactea. 



q 

b 

f 

b 

f 



266 



F. Hock, 



[30 



f R. lutea; Wp, Seh. 

Hypholoma appendienlatam. 

Inocybe lantiginosa. Am Grande; Seh. 
f Cortinarius coeruleseens. 

f? Naucoria earpophila. Auf Fruehthüllen von Fagus meist in 
Misehwäldem. 

Fholiota mutabilis* Meist rasig an Stampfen. 

Ph. sqnarrosa. Oft rasig an Stümpfen und Stämmen. 

Ph. auriveleus. 
f Plntens leoninnu. Meist an Stümpfen. 

(P. eervinus). An Stümpfen. 

Rnssiillopsis laeeata rar« amethystina* 

Myana corticala. An Rinden. 

M« flllpes. Auf faulem Laub, 
f ? M. pnra. Zwischen Laub herdenweis. 

M. tinatinbulum. 

(M, galericnlata). Bes. an Stümpfen. 

M« polygramma« An Stümpfen von Buchen und Eichen. 

Collybla velutipes. Auch in Gärten. 

C. fusipes. Am Grunde alter Stämme. 

C. longipes. In der Umgebung von Eichen und Buchen, 
f €• acervata. In der Umgebung alter Stämme. 

Plenrotns ostreatns« An Stämmen, 
f Glitocybe flaccida. Zwischen Laub. 

G« eandicans» Zwischen faulem Laub. 

C« cemsata* Zwischen faulem Laub. 

(C* nebnlaris). 
f Tricholoma sulphurea. Zwischen Laub. 

T* Golrnnbetta« In Buchen- und Birkenwäldern zwischen Laub, 
b F. flaTO-brannea* In der Nähe der Stämme, 
b Armillaria mucida. An lebenden Stämmen und Stümpfen; 

H, Pm. Seh. 
b (Amanlta mnscaria). Am Grunde, 
f A« phalloides. (Formen davon in Nadelwäldern.) 

f Phallus impiidiciis« 
f Lycoperdon pisiforme* Besonders an Stümpfen. 

Bnlgaria inqninans« An geßUlten Eichen- und Bachenstämmen, 
f ? Xylaria polymorpha. An Stümpfen. 

Ustnlina Tulgaris« An Stümpfen. 



8. Qeblätt von Farnen. 

(Osmnnda regalls); Wp selten, Op fehlend. 
Polypodinm vulgare. 

Phesopterls P«y;P««««/«8) meist zerstreut 

(Polystichum montanum) Op; neuerdings nicht bestätigt. 

— (Fllix mag), 
a — cristatiini« 

— (splmilosnin). 

Cystopteris fragilis zerstreut, aber wohl in allen Hanptteilen 

Noradeutschlands vorhanden. 
A spien i um Trichomanes; wie vorige. 

— fllix femina. 
(Pteridinm aqnilinnm). 
Onoclea Struthiopteris (nur SO); Hp — Op, Seh. 



31] 



Laubwaldflora Norddeutschlands. 



267 



9. Gefllz. 

a) Moose'). 

a) Am Grande. 



Fegatella conica. 
Keboulia hemisphaerica. 
Pellia epiphylla. 
Lejeunia serpyllifolia. 
Frnllania Tamarisci. 
Trichocolea Tomentella. 
Lepidozia reptans. 
Geocalyx graveolens. 
Calypogeia Trichomanes. 
Blepnarocoma trichophylla. 
Jungermannia incisa. 
J. lanceolata. 
Scapania curta. 
Plagiochila asplenioides. 
Dicranella heteromalla. 
Dicranum malus. 
D. scoparium. 
D. palustre. 

D. undulatum. 
Fissidens bryoides. 
F. exilis. 

F. taxifolias. 
F. adiantoides. 
Distichium capillaceum. 
Trichostomum rubellum. 
Barbula cotivoluta. 
Eucalypta vulgaris. 
£. ciliata. 

E. contorta. 
Georgia pellucida. 
Webera nutans. 

W. cruda. 
Bryum capillare. 
Mnium stellare. 



a Mnium hornum. 

M. serratum. 

M. r iparium. 

M. cuspidatum. 
a M. Seliger i. 

M. undulatum. 

M. rostratum. 

M. punctatum. 

Aulacomnium androgynum. 

Bartramia pomiformis. 

B. Halleriana. 

Catharinaea undulata. 

Pogonatum urnigerum. 

P. aloides. 

Polytrichum formosum. 

Diphyscium foliosum. 
a Thuidium tamariscifolium. 

T. recognitum. 

Scleropodium illecebrum. 

Eurhynchium strigosum. 

E. striatum. 

E. Schleicher!, 
f Brachythecium glareorum. 
f B. velutinum. 
a B. rivulare. 
f Plagiothecinm undulatum. 

Hypnum Sommerf eldii. 
f H. incurvatum. 

(H. Crista-castrensis). 

(Hylocomium splendens). 
a H. brevirostrum (auch auf errat. 
Blöcken unter Buchen). 

(H. triquetrum). 

H. loreum. 



ß) An Bäumen. 

Metzgeria furcata (auch an der Erde). 
f! RaduTa complanata. 
f Madotheca platyphylla. 

f! Dicranum viride. 
q Tortula ruralis. 

f? Zygodonviridissimum (auch an Eichen). 
a? ülota Ludwigii (auch an Eichen), 
f? ü. Brüchii (auch an Eichen), 
f? ü. crispa (auch an Eichen). 
f? ü. crispula (auch an Erlen). 

Orthotrichum gymnostomum (nur an Espen.) 



') Die Zusammenstellung der Moose hat mir der beste Kenner der Moos- 
flora Brandenburgs, Herr K. Warnstorf in Neu-Ruppin, gütigst geliefert, wofür 
ich ihm auch an dieser Stelle bestens danke. Leider reicht die mir zu Gebote 
stehende Litteratur nicht aus, bei diesen in gleicher Weise auf die weitere Ver- 
breitung einzugehen, wie bei den Gefösspflanzen. 



268 



F. Hock, 



[32 



f? 

f? 

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f 

f 

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f? 



f! 

f 

a! 



Orthotricham leiocarpum (auch an Eichen). 

0. specioBum (anch an Eichen). 

0. affine (auch an Eichen). 

0. pallens. 

0. Straminen m. 

Neckera pennata. 

N. crispa. 

N. pumila. 

N. complanata. 

Homalia trichomanoides (auch an Erlen). 

Antitrichia curtipendula. 

Leucodon sciuroides (auch an Eichen). 

Anomodon attenuatus. 

A. yiticulosus (auch an Eichen). 

A. longifolius (auch an Eichen). 
Pterigynandrum filiforme. 
Isothecium myurum (auch unter Eichen). 
Homalothecium sericeum (auch unter Eichen). 
Eurhynchium myosuroides. 
Brachythecium salebrosum. 

B. sericeum (nur Buchenwurzeln). 
B. reflezum (auch auf der Erde). 
Plagiothecium latibricola. 
Amblystegium subtile. 



b) Flechten»). 

Ramalina pollinaria. 

Sticta scrobiculata. 
— pulmonacea'). 

Parmelia obscura. 

Lecanora Hagen i. 
a Maronea berica. 

Diploicia canescens. 

Bacidia coerulea (gern an Sambucus nigra), 
f? B. rosella. 

B. rubella. 
q Eemmleria varians. 

Opegraphaatra. 

0. bullata (gern an Frazinus). 

0. herpetica. 

Graphis scripta. 

Arthrothelium spectabile. 
q? Calycium alboatrum. 

Cyphelium albidum. 

Pertusaria Wulfenii. 



») Da ich mich mit dieser Pflanzengruppe nie eingehender beschäftigt habe, 
einen Spezialisten aber nicht fand, der bereit war, mir eine Liste für diesen Zweck 
zu liefern, können obige nur als einzelne Beispiele betrachtet werden, die namenir 
lieh E^elings Aufzählung der Brandenburger Flechten entlehnt sind und durch 
Vergleichung mit Sydow, .Flechten Deutschlands*, rektifiziert wurden. Nur der 
Vollständigkeit halber wurden diese Beispiele ausgewählt, um die Gruppe nicht 
ganz unberücksichtigt zu lassen. Im allgemeinen scheint bei den Flechten weniger 
das Substrat nach Verschiedenheit der Art, als nach Beschaffenheit der Rinde 
(ob glatt oder geborsten) einen Einfluss auszuüben. 

*) Diese mir au«[ Buchenwäldern Schleswig-Holsteins wohl bekannte Art 
wird auch in Buchenwäldern der Nebroden auf Sizilien als Charakterpflanze ge- 
nannt (Flora LXI, 1878, S. 314); desgl. Leucodon sciuroides. 



33] Laubwaldflora Norddeutschlands. 269 

b) In Brandenburg fehlende (oder wenigstens nicht sicher als spontan 
erwiesene) phanerogame Laubwaldpflanzen Norddeutschlands. 

1. Gehölz. 

Pirus suecica (Vp?), (Hp), (Wp). 

Populus alba (Wp), (Ps) ; vielleicht noch in Brandenburg als spontan 
zu erweisen. 

2. Gesträuch. 

f? (Evonymus verrucosus)*), Wp — Seh. 

3. Gestände. 

Ranunculus nemorosus (oNW), vielleicht auch bei Sommerfeld (?). 
R. cassubicus Wp — Seh \ 

Isopyrum thalictroides Wp-Sch . ^ . ^^ 

Cimicifuga foetida Wp — Ps | ^ *' *^ tto*u6 ^ 

Aconitum^) variegatum Hp — Seh J 

Corydalis solida (Brandenburg mindestens nicht sicher erwiesen) ; 
NW (? heimisch), für S-H nur als verwildert betrachtet (1817 auch 
auf Möen gefunden), Me— Seh, meist selten. 
Lunaria rediviva (Wp), (Op). 
Stellaria Frieseana Op, Seh. 
Geras ti um silvaticum (Wp), Op. 
Lathyrus heterophyllus (Ps). 
— pisiformis Wp, (Op). 

Agrimonia pilosa Op. 
Bupleurum longifolium Wp. 
Conioselinum tataricum (Op). 
Anthriscus nitida Seh. 

Pleurospermum austriacum Wp, (Op), (Ps), (Seh, nur Gebirge 
und in unmittelbarer Nähe derselben), 
q? Cornus suecica NW, S-H, (Hp). 

Galiura Schultesii Wp, Op, (Ps), Seh. 
f?») Petasites albus S-H, ( Vp), (Wp), Op, (Ps ?), (Seh, nicht eigentliche 
Diluvialebene). 
Centaurea phrygia Pm— Seh. 
Adenophora liliifolia (Wp), Op, (Ps). 

Scrofularia Scopoli (Wp)*), s. Seh, offenbar durch Flüsse 
verbreitet, 
f? Primula acaulis NW— Me. 

Galanthus nivalis (Wp), (Ps), Seh. 



^) Nach Bolle (Freiwill. Baumvegetation) auch anscheinend wild in Branden- 
burg bei Altdöbern. — Die gleichfalls auf den Nordosten (Wp, Ps) beschränkte 
Zwergkirsche (Prunus fruticosa) ist nach brieflicher Mitteilung von Herrn 
Oberlehrer Spribille inPs vorwiegend Kiefembegleiter , mehrfach in Gemein- 
schaft mit Evonymus verrucosa, die in Seh vorzugsweise in Buchenwäldern 
auftritt, wie nach briefl. Mitteilung von E r a s a n im Karst. In Ungarn beobachtete 
Ascherson erstere mehrfach in Laub- (besonders Eich-)Wäldem. 

*) A. Napellus vielleicht in Me und S-H auch ursprünglich, meist nur ver- 
wildert (vgl. für letzteres Gebiet Bot. Zentralbl. LXII, S. 212). 

') Wie in S-H und Vp, so auch in Wp unter Buchen, desgl. z. B. in Wäldern 
des östlichen Jütlands sowie (sehr selten) Fünens und Seelands, in denen meist 
die Buche herrscht. 

*) Am Weichselufer im Weidengebüsch (vgl. Ber. d. Preuss. bot. Vereins 
1893/94 [erschienen 1894], S. 18 und 42). 

Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde. IX. 4. 19 



270 F. Hock, [34 

Endymion non scriptus (NW)?, ursprünglich niederländisch- 
belgische Ebene, angeblich bei Gnben eingebürgert, 
f? Polygonatum verticillatum S, (oH), Hp, Wp, Op, s. Seh 
(? Diluvialebene) ; auch im Brandenburger Florengebiet, doch nur 
im Hakel, also im Flözgebiet. 

4. Gekränt. 

Corydalis claviculata NW, SH. 

Melampyrum silvaticum (S-H)*), Wp, (s. Seh, ob auch Diluvial- 
ebene ?). 

5. Gehälm. 

Luzula silvatica (NW), (Hp) *), nS. 

Carex pilosa Wp, Op, Seh (wohl nicht in der eigentlichen Ebene). 
— strigosa oS-H, Me, (Pm), vielleicht auch Altmark? 
a Glyceriaremota Op. 

6. Geschlinge. 

Clematis yitalba(P8), sonst nur in der Nähe des Gebirges, viel- 
leicht auch durch Flüsse weiter in die Ebene verschleppt*). 

c) Betrachtungen über Laubwaldbestände. 

Aus vorstehenden Listen ist zu ersehen, dass zwar eine grössere 
Zahl von Laubwaldpflanzen bei uns bestimmte Bestände bevorzugen, 
weit mehr Arten aber hinsichtlich des Bestandes so wenig Konstanz 
zeigen, dass sie weder der einen noch der anderen Formation zu- 
gewiesen werden können. Noch deutlicher zeigt sich dies durch einen 
Vergleich der früher von mir veröflfentlichten Listen ^ Brandenburger 
Buchenbegleiter** (Verh. d. Bot. Vereins d. Prov. Brandenburg XXXVI, 
S. 7 — 50), ujid „Brandenburger Erlenbegleiter" (Deutsche bot. Monats- 
schrift XIII, Nr. 3 und 4), in welchen viele selbst für beiderlei Be- 
stände, einzeln betrachtet, recht charakteristische Arten beide Male 
erscheinen. Dennoch scheinen für diese Bestände noch mehr charak- 
teristische Arten zu existieren, als für Eichenwälder *), was entschieden 
daher kommt, dass die Eiche an gar zu verschiedenen Standorten 
auftritt. Es haben diese Untersuchungen für die Laubwaldformation 
daher zu demselben Ergebnis geführt, wie die Gräbners für die nord- 
deutsche Heide (Englers Bot. Jahrb. XX, S. 520), dass von ständigen 



^) Auch im Osten von Jütland, sowie auf Bomholm bin und wieder, selten 
auf Fünen, Seeland und Möen, auf den anderen dänischen Inseln nicht bemerkt; 
in Norwegen bis 70^ 48' nördl. Br. ' 

*) Nach Mitteilung von Prof. Ascherson. — Andererseits auch in den 
russischen Ostseeprovinzen, wenn auch selten. 

') Da wahrscheinlich auch nur verschleppt, istSymphytum tuberosum, 
das z. B. bei Lenzen (doeh auch in der Nähe von Hamburg) vorkommt, unberück- 
sichtigt gelassen. Da die Art sich bei Lenzen in einem Eichenwald findet, ist hier 
ihre Ursprünglicbkeit durchaus nicht unbedingt anzuzweifeln, weil sie von Beck 
nnter den Charakterpflanzen derselben Formation für Niederösterreich genannt wird. 

*) Die Eichenwälder bilden auch selten derartig reine Bestände, wie man es 
oft an Buchen- und Erlenwäldern beobachten kann. 



35] Laubwaldflora Norddeutschlands. 271 

Begleitern einer bestandbildenden Art wohl kaum (vielleicht zunächst 
noch bei Kryptogamen, s. o.) die Rede sein kann. Der Umstand, dass 
selbst Schmarotzer durchaus nicht an dieselbe Hochpflanze gebunden 
sind, zeigt, dass es nicht so sehr die Nähe dieser Pflanze als die 
gesamte Standortsbeschaffenheit ist, welche bestimmte Arten so oft 
zusammenführt. So wird der lichtere Stand der Eichen andere Arten 
anlocken, als der tiefe Schatten des Buchenwaldes^). Daher kommt 
es denn auch, dass wir in einer Schilderung des Bestandes eines 
Eichenpflanzwaldes bei Lüneburg (Nöldeke, Fl. d. Fürstentums Lüne- 
burg, S. 38) verschiedene märkische Kiefernwaldpflanzen wieder er- 
kennen, während eine grosse Zahl unserer Buchenbegleiter in den 
finsteren Tannenwäldern Mitteldeutschlands gleichfalls erscheinen. Da- 
gegen mag die chemische Zusammensetzung des Bodens zum Teil den 
Gegensatz zwischen Erlenbeständen, die vielfach auf kieselreichem 
Boden vorkommen^ und Buchenwäldern ^) , welche oft auf kalkreichem 
Substrat (selten reinem Kalk) auftreten, bedingen und ersteren grössere 
Aehnlichkeit mit der Kiefemwaldflora als letzteren verleihen, während 
auch andererseits durch gleiche Abneigung sowohl gegen reinen Sand- 
ais gegen Moorboden die Buche wiederum manche Aehnlichkeit mit 
der Edeltanne zeigt. 

Dennoch ist diese Verschiedenheit in den Beständen nur für 
einzelne Arten massgebend, während andere in verschiedenen Gegenden 
verschiedene Bestände aufsuchen. So sind mir z. B. eine grosse Zahl 
der in der Mittelmark als sehr charakteristische Erlenbegleiter er- 
scheinenden Arten aus den Buchenwäldern Schleswig-Holsteins längst 
bekannt und auch teilweise in gleichen Beständen von mir in der 
Neumark wieder beobachtet. 

Dennoch wäre es falsch, die Feststellung des Formationsbestandes 
als etwas Gleichgültiges zu betrachten. Dass nicht wenige Arten auf 
grosse Strecken immer wieder in ähnlichen Beständen^) (wenn auch 
nicht ausschliesslich in diesen auftreten), zeigt z. B. ein Vergleich der 
^Brandenburger Buchenbegleiter^ mit einer (zur Zeit der Abfassung 



*) In den Buchenwäldern scheidet P. E. M ü 1 1 e r (Studien über natürliche 
Humusformen) nach der Art, wie die organischen Reste auf dem Waldboden zersetzt 
werden, Charakterpflanzen des Buchenmulls (Asperula odorata^Mercurialis 
perennis, Milium effusum, Melica uniflora, Stellaria nemorum, 
Ozalis Acetosella, Anemone nemorosa) und des Buchentorfs (besonders 
Trientalis, Hypnum triquetrum, Dicranum scoparium, Leuco- 
brium vulgare und mehr sporadisch Hypnum cupressiforme, Cera- 
todonpurpureus,Maianthemum,Melampyrumpratense und P o t e n- 
tilla Tormentilla). 

^ Auch der Umstand, auf den mich E. H. L. Krause brieflich aufmerksam 
machte, dass die Erle mehr zum Niederwaldbetrieb, die Buche aber vorwiegend 
als Hochwaldbaum gezogen werden, hilft den Unterschied hinsichtlich des Be- 
standes erklären. 

') Von Orchideen, die in Norddeutschland öfter in Buchenwäldern auftreten, 
finden sich in einem Hauptgebiet nahe der Südostgrenze dieses Baumes, der 
Bukowina, folgende: Orchis purpurea, Piatanthera bifolia, P. chlo- 
rantha, Cephalanthera rubra, C. Xiphophyllum, C. grandiflora, 
Listera ovata, Neottia, Corallorrhiza (vgl. Bot. Jahresber. XVIII, 2, 
S. 404, Ref. 488). 



272 



F. Hock, 



[36 



jener Arbeit mir ganz unbekannten) Liste von Charakterpflanzen der 
Bucbenformation Niederösterreichs (in Becks Flora von Niederöster- 
reich), in welcher mehr als 40 auch für Brandenburger Buchenwälder 
charakteristische Arten vorkommen, von denen hervorgehoben seien ^) : 



* x 



a) Holzpflanzen. 



CO Carpiiius Betulns. 

CO Quercus sessilif lora. 
Hedera Helix. 



*xco Prunus avium. 

* «>^ Acer Pseudoplatanus !. 

^ LoniceraXylosteum. 



b) Niederwuchg. 



X 

* 

X 

X 
X 

* X 



Ceplialanthera pallens. 
C. Xiphophyllum o^. 
Neottia nidus avis ! ^>^. 
Allium ursinum co. 
Moehringria trinervia« 
Ranunculus lanuginosus !o^ 
Aquilegia vulgaris !. 
Hepatica nobilis. 
Actaea spicata c>3. 
Dentaria bulbifera o^. 
Corydalis cava! oo. 



♦ X 

* 



Sanicnia enropaea o^. 

Asarum europaeum <>=*. 
Mercarialis perennis o^. 

Lathyrus vernus !. 
Ervum silvaticum !. 
Yeronica montan a. 
Asperula odorata ^>=>. 
Phyteuma spicatum !. 
Galium silvaticum. 
Elymus europaeus'j. 



Da die Eichenwälder weit mehr in ihrer Zusammensetzung 
schwanken , so dass bei genauerem Studium derselben ^) wohl ver- 
schiedene Formationen innerhalb der Eichwaldflora streng zu trennen 
sein würden *) , so lässt sich hier weniger eine Gleichartigkeit auf 
grössere Entfernung verfolgen. , Erwähnt sei nur , dass fast stets der 
Haselstrauch (Corylus Avellana) ^) die Stieleiche begleitet, Acer 
platanoides, Fraxinus excelsior und Prunus spinosa wie 
in Norddeutschland so auch in Russland sowohl als in Niederösterreich 



') Die von Beck in seiner Flora von Südbosnien als Charakterpflanzen der 
Buchenformation bezeichneten Arten sind durch *, die ebenda neben der Buche 
in Buschwäidern auftretenden mit ^, die von Christ als Charakterpflanzen des 
Buchenwaldes im Schweizer Jura genannten durch tt die nach Aggeenko (vgl. 
Bot. Zentralbl. XLIX, S. 325) für solche Wälder in der Krim charakteristischen Arten 
durch fetten Druck gekennzeichnet, die neben Fagus in der Tatra bei der 
Station Belaer Höhlenhein (vgl. Sagorski-Schneider, Fl. d. Zentralkarpathen I, 
168 ff.), vorkommenden durch !, die in Kerners pflanzengeogr. Skizze „Der 
Bakonyerwald", einem Hauptgebiet der Buche, wie der Name (= Buchenhain) sagt, 
als Buchenpflanzen angeführten durch c^^. 

^) Ein weiterer Vergleich der genannten Listen, zu dem mir hier der Platz 
fehlt, lehrt noch viel weiter gehende Aehnlichkeit der gleichen Formation in ver- 
schiedenen Gegenden. 

') Wozu mir bisher Gelegenheit fehlte, da ich nie mich dauernd in einer 
an Eichenwäldern reichen Gegend aufhielt. 

*) P. E. M ü 1 1 e r (Studien über die natürlichen Humusformen, S. 123), scheidet 
den Eichwald auf schwerem und feuchtem Lehm- und Thonboden von dem auf 
trockenem, magerem Sandboden. 

^) Auch Ulmuscampestris tritt wie in den Eichenwäldern des schlesischen 
Oderthaies (nach F i e k), so in denen Niederösterreichs (nach Beck) und Russlands 
(nach Tanfilev, vgl. Leist. auf d. Gebiet d. Bot. in RussL, 1892, S. 196), auf, 
desgleichen Pirus communis und Malus. 



371 Laubwaldflora Norddeutschlandfl. 273 

in Eichenwäldern auftreten, in deren Gefolge in beiden Gebieten Ane- 
mone ranunculoides, Convallaria maialis und Piatan- 
thera bifolia^) erscheinen, die aber sämtlich durchaus nicht auf 
Eichenwälder beschränkt sind. Nur in diesem Sinne meine ich, dass 
sehr wenig spezifische Waldpflanzen die Eichenwälder charakterisieren, 
während die Begleiter der Buche (die übrigens meist auch nicht an 
den dichtesten und humusreichsten Stellen am mannigfaltigsten auf- 
treten) echte Waldpflanzen sind. 

Bezüglich einer Charakteristik der Erlenbestände (speziell Branden- 
burgs, die aber für die wichtigsten Arten auch mindestens auf 
andere Teile Norddeutschlands passt) *), verweise ich auf meine genannte 
Arbeit (Deutsche bot. Monatsschr. 1895), da einerseits viele Charakter- 
pflanzen dieser Bestände nicht zu den echten Waldpflanzen gehören, 
und da ich andererseits, wie oben schon erwähnt, hoffe, die Flora der 
Erlenbrüche, welche oft ein üebergangsglied von der Wald- zur Sumpf- 
flora bilden, in einer besonderen Arbeit zu behandeln. 

Einigermassen reine Bestände anderer Laubbäume sind mir aus 
eigener Anschauung nicht bekannt, und die mir zur Verfügung stehende 
Litteratur bot auch kaum ausreichende Schilderungen derselben. 

Brieflich nannte mir Schübe als anscheinend bei Breslau (im 
^Quarrä") an Carpinus gebundene Pflanzen Poa nemoralis und 
Dactylis glomerata, während Hilbert nach Beobachtungen bei 
Sensburg (in Ostpreussen) ausser jener Poa und einigen S. 280 [44] 
und 283 [47], Anm. 5, genannten Arten, namentlich Oxalis Ace- 
tosella und Polypodium vulgare, als Weissbuchenbegleiter be- 
zeichne; doch keiner der beiden Botaniker ist der Ansicht, dass eine 
von diesen Arten in ihren Beobachtungsgebieten auch nur annähernd 
ausschliesslich an jenen Baum gebunden sei. Nach den Beobachtungen 
von Conwentz^) (a. a. 0.) tritt Pirus torminalis viel in Gesellschaft 
der Weissbuche auf, und manche der sie begleitenden Arten , wie 
namentlich Hepatica, möchte man daraufhin wohl ebenfalls für Weiss- 
buchenbestände charakteristisch halten. Doch liegen mir noch viel zu 
wenig Beobachtungen vor, um irgend welche allgemein gültigen Schlüsse 
über Wälder oder Waldbestände dieser Art hier zu machen. 



*) Möglicherweise wäre bei einer besonderen Behandlung der Eichenbegleiter 
vielfach eine Berücksichtigung solcher Arten, die gleich Piatanthera auch ausser- 
halb des Waldes vorkommen, nötig, ähnlich wie sich in meiner Liste der Erlen- 
begleiter auch zahlreiche Pflanzen finden, die in dieser Arbeit nicht berücksichtigt 
sind, da sie zu oft ausserhalb des Waldes vorkommen. Man vergleiche auch die 
Schilderungen der AUuvialwälder im Magdeburgischen von L. P. Schneider 
(Verh. d. Bot. Vereins d. Prov. Brandenburg X, 18ö8 und XI, 1869), in welchen 
viele sonst nicht echte Waldpflanzen als Charakteristica aufgeführt werden. 

*) Z.B. Ra nunculus auricomus. Im patiens noli tangere. Fran- 
gulaAlnuB, PrunusPadus, Circaea Lutetiana und alpina, Chryso- 
splenium alternifolium, Eupatorium cannabinum, Lysimachia 
vulgaris, Gagea lutea, Polytrichum thelypteris, cristatum und 
spinuloBum. 

•) So herrscht die Weissbuche vor im Schutzbezirk Eichwald (Revier Osche), 
vgl. S. 31. Während hier indes zahlreiche Eichen daneben auftreten, herrschen 
in anderen geschilderten Beständen Kiefern, Rotbuchen und andere vor, so dass 
keines als Beispiel eines fast geschlossenen Weissbuch enbestand es gelten kann. 



274 F. Hock, Laubwaldflora Norddeutschlands. [38 

Aus denselben Gründen unterlasse ich es, eine Schilderung der 
im Verhältnis zum gesamten Waldareal Norddeutschlands minimalen 
Lindenbestände ^) hier zu geben. 

Während Weissbuche und Linde noch am meisten an die Buche 
sich anzuschliessen scheinen, treten in Birken- und Espenbeständen ^), die 
in den meisten Teilen Norddeutschlands auch nie sehr ausgedehnt sind, 
häufiger Pflanzen auf, die zur Kiefer nähere Beziehungen zeigen; so 
habe ich z. B. bei Luckenwalde auch unter Birken verschiedentlich 
Peucedanum Oreoselinum, Veronica spicata (auch V. offi- 
cinalis) und Koeleria glauca beobachtet, so dass nach meinen 
hiesigen Beobachtungen diese Bestände der Kiefernformation, der sie 
sich meist nahe anschliessen, zuzuzählen wären, und die Litteratur hat 
mich in der Meinung nur bestätigt; selbst in Sibirien scheinen Kiefem- 
und Birkenbestände mindestens sehr nahe Beziehungen zu einander 
zu haben. 



Sowohl Schübe behauptet aus Schlesien, als Abromeit aus West- 
und Ostpreussen keine geschlossenen Lindenbestände zu kennen (und 
ähnlich äussert sich Spribille für Posen), was bei der bedeutenden Kenntniss 
dieser Botaniker von den Floren der betreffenden Provinzen entschieden dafür spricht, 
diiss selbst in den östlichsten Teilen unseres Gebietes auf grössere Strecken 
dieser Baum nicht bestandbildend auftritt, und wesentlich anders scheint es mit 
Carpinus auch kaum zu stehen, wenn auch kleinere Bestände davon eher vor- 
handen. Unweit Sensburg sollen allerdings mehrere Tausend Morgen Landes (nach 
Mitteilung Dr. Hilberts) fast reine Weissbuchenbestände tragen. — Vgl. indes 
Bolle, Unter den Linden des Werbellin (Verh, d. Bot. Vereins d. Prov. Branden- 
burg XXXI, S. 124 ff.), und Mertens, Die südl. Altmark (Dissertation. Halle 1891), 
in welchen Schilderungen von Lindenbesiänden enthalten. 

') üeber die Vegetation schwedischer Espenbestände vgl. Englers Bot. 
Jahrb. XX , Beibl. Nr. 49 , S. 77 iF. Bestände aus Espen, Birken und Schwarzerlen 
an der Frischen Nehrung (vgl. Sehr. d. naturf. Gesellsch. in Danzig VII, 1889, S. 226) 
enthielten Gruppen von Tili a ulmifolia, einmal auch von Ulmus montana, 
fernerPirola minor, rotundif olia, chlorantha, Ramischia secunda, 
Kpipactis rubiginosa u. a., also auch einige Kiefernbegleiter. 



3. Oenossenscliaiften in der norddeutsclien Lanbwaldflora. 

Vergleichen wir die Verbreitung unserer Laubwaldpfianzen mit 
der der herrschenden Laubbäume sowohl innerhalb Norddeutschlands 
als über dessen Grenzen hinaus, so tritt nur bei einer Gruppe eine 
auffallende üebereinstimmung sowohl hinsichtlich der Formations- als 
auch der Verbreitungsverhältnisse hervor, nämlich bei einigen wesent- 
lich in Buchenwäldern vorkommenden Pflanzen. Diesen schliesst sich 
hinsichtlich ihrer Verbreitung eine Reihe von Arten an, die zwar auch 
in Buchenwäldern vorkommen, aber doch durchaus nicht auf diese 
beschränkt sind, sondern teilweise fast ebenso häufig, ja streckenweise 
vielleicht häufiger, in anderen Beständen vorkommen. Die Verbreitung 
über ähnliche Ländergebiete lässt auf gewisse gleichartige Ansprüche 
an das Klima wie die Buche und die Pflanzen ersterer Gruppe, die 
Buchenbegleiter im engeren Sinne, schliessen, und macht es nicht 
unwahrscheinlich, dass alle diese Pflanzen etwa gemeinsam unser Land 
erreicht haben, dass aber die Pflanzen der letzteren Gruppe sich da 
auch anderen Beständen als den Buchenwäldern anpassten, die ähnliche 
Existenzbedingungen wie jene zeigten. Dennoch scheinen auch diese ^) 
den Namen Buchenbegleiter wohl zu verdienen, da sie wesentlich auf 
das Verbreitungsgebiet der Buche beschränkt sind und auch nicht 
selten in deren Nähe vorkommen. 

Die charakteristischen Pflanzen beider Gruppen habe ich, um sie 
als solche zu kennzeichnen, in Tabelle S. 278 [42] f. zusammengestellt, 
wo ich sie hinsichtlich ihrer Verbreitung in den verschiedenen nord- 
deutschen Gebieten ausser Posen ^) und sämtlichen Grenzländern der 
Buche mit dieser vergleiche, ähnlich wie ich es hinsichtlich der Tannen- 
begleiter in der in der Einleitung genannten Arbeit (in der Oest. Bot. 
Zeitung) gethan habe. In allen Rubriken bedeutet 2 ziemlich genaue, 
1 minder genaue üebereinstimmung in der Verbreitung mit der Buche, 
während ein Fehlen in dem betrefi'enden Lande andeutet. Ist die 



*) In der folgenden Tabelle sind sie durch ( ) gekennzeichnet. 

*) Der Vergleich für Posen wäre noch zu unsicher. Vgl. über die bis jetzt 
vorliegenden Daten hinsichtlich dieser Provinz meine Arbeit über , Brandenburger 
Buchenbegleiter* in Verh. d. Bot. Vereins d. Prov. Brandenburg XXXVI, 1894. 



276 F. Hock, [40 

geringere Uebereinstimmung durch eine viel weitere Ausbreitung in 
dem Lande bedingt, so wurde der 1 ein f hinzugefügt, das sich teil- 
weise auch auf die Nachbarländer bezieht, die schon ausserhalb der 
Grenzen des Buchenbezirks liegen, so Sardinien (bei Italien), Nordwest- 
afrika ^) (bei Spanien), Irland *) (bei Britannien), die russischen Ostsee- 
provinzen (bei Preussen) ^). In solchem Falle sind derartige Vorkomm- 
nisse oft so seltene, dass sie eigentlich das Gesamtresultat kaum 
beeinflussen ; sie sind überhaupt bei allen in die Tabelle aufgenommenen 
Arten nur als vereinzelte Ausläufer jenseits des Buchengebietes zu 
betrachten. 

Wesentlich weiter nach irgend einer Richtung verbreitete Arten 
wurden überhaupt nicht aufgenommen. Höchstens könnte man Poly- 
gonatum verticillatum, das nach Schübeier in Norwegen nord- 
wärts bis 70® 37' und Hepatica nobilis, die nach Herder (Flora 
von Russland) *) noch in fünf mittelrussischen Bezirken vorkommen, oder 
die von Spanien aus ein wenig in Nordafrika hineinreichenden Arten 
(s. unten), als solche nach einzelnen Richtungen hin ziemlich weite 
tleberschreitungen des Buchengebietes bezeichnen, doch sind da stets 
in anderer' Beziehung um so grössere üebereinstimmungen mit der 
Buche vorhanden. Im einzelnen lassen sich die Prinzipien zur Fest- 
stellung der Zahlen meist aus den Angaben des ersten Abschnittes 
unschwer erkennen. Teilweise wurden sie auch von mir im Bot. 
Zentralbl. 1892, Nr. 50, auseinandergesetzt. Doch sei darauf hin- 
gewiesen, dass ich absichtlich zum Teil etwas von den dort ent- 
wickelten Grundsätzen abwich, indem ich hier in erster Linie auf das 
Vorkommen in einzelnen Grenzgebieten (z. B. Korsika, Mittelspanien, 
England, Schonen) Wert legte, während ich bei der früher veröffent- 
lichten Tabelle das Fehlen in Gebieten, denen die Buche fehlt (z. B. 
Sardinien, Algerien, Irland, Mittelschweden) in erster Linie in Betracht 
zog, so dass noch immer meine frühere Tabelle neben dieser eine Art 
Ergänzung bildet. Da wesentliche üeberschreitungen nach mehreren 
Richtungen hin überhaupt nicht vorkommen, kann fast jede 1 schon 
als eine gewisse Uebereinstimmung mit der Buche betrachtet werden, 
so dass eine Art, die im Durchschnitt^) 1 hat, wohl verdient, als 
Buchenbegleiter ^) bezeichnet zu werden. Man muss eben bedenken, 
dass vollständige Uebereinstimmung in der Verbreitung zweier Pflanzen- 
arten fast sicher gar nicht vorkommt, dass, wenn man überhaupt Gruppen 
von Pflanzen ähnlicher Verbreitung aufstellen will, man nicht zu strenge 



') Alle bei Spanien mit 1 f bezeichneten Arten finden sich in Nordwestafrika. 

') Desgleichen alle bei Grossbritannien mit 1 1 in Irland. 

') Desgleichen alle bei Preussen mit 1 1 in den russischen Ostseeprovinzen, 
unter diesen ist nur Hepatica häufig, alle anderen zerstreut oder selten. 

*) Unter Russland sind die Arten, welche nach „Rostafinski, Prodromus 
florae Poloniae* nähere Beziehungen zur Buche zeigen, mit ! versehen. 

^) Die einzige im Durchschnitt weniger als 1 ergebende Art der Tabelle, 
Carex pendula, ist in den wenigen Teilen Norddeutschlands, wo sie auftritt, 
zu charakteristisch für Buchenwälder, um hier ausgeschlossen zu werden. 

*) Die angewandten Zeichen entsprechen denen auf S. 272 [36]. Nur sind 
die Arten, welche in der dort zu Grunde gelegten Tabelle von Buchenwaldpflanzen 
Niederösterreichs vorkommen, mit ^ bezeichnet. 



41] Laubwaldflora Norddeutschlands. 277 

Anforderungen stellen darf. Daher wurden auch Pflanzen, die in 
einem (norddeutschen) Gebiet nur von einem Orte bekannt sind, wenn 
dieser ein Buchenwald ist, mit 2 bezeichnet, ebenso wie solche, die 
wenigstens in der Mehrzahl der Standorte neben Fagus vorkommen, 
da sie entschieden dort an die Buche gebunden scheinen, nur aber 
weniger verbreitet als dieser Baum sind, vielleicht oft nur, weil sie 
in anderen Buchenwäldern durch die Kultur (oder auch durch Pflanzen- 
sammler) ausgerottet sind. 

Um wenigstens ein Gebiet aus dem Zentrum der Buchenver- 
breitung heranzuziehen, wurde Mittelthüringen ^) ausgewählt. 

Bemerkungen zu Tabelle S. 278 [42] f. 

Hepatica nach Osten weiter, nach Westen weniger weit als die Buche, 
sonst ihr nicht unähnlich in der Verbreitung. Vgl. über die genaueren Grenzen wie 
bei den folgenden meine , Studien zur Verbreitung der Waldpflanzen Brandenburgs*^. 

Ranunculus lanuginosus. RussiBche Ostseeprovinzen nur Kurland. 
Nach E ras an auch im Karst Buchenbegleiter. 

Corydalis cava schliesst sich von Gattungsgenossen am ersten noch 
C. intermedia an, die gleich dieser Art auch durch frühere Kultur weiter ver- 
breitet ist. 

Dentaria bulbifera. Russische Ostseeprovinzen sehr selten. 

Hypericum mont. für die russischen Ostseeprovinzen zweifelhaft, aber 
von Litauen angegeben; Babington giebt , England und Irland" an, während 
Watson (Cybele britanica) die Verbreitung als „english* bezeichnet. 

AcerPseudoplatanus in Grossbritannien und Dänemark als spontan 
zweifelhaft. 

A. campestre. Für Grossbritannien wie Hypericum mont, also wohl 
nicht eigentlich ursprünglich in Irland. Neuerdings auf dem Plateau von Babors 
(Algerien) nachgewiesen (vgl. Bot. Jahresber. XXI, 2, S. 253). 

Potentilla procumbens. Wenn wirklich auf den friesischen Inseln 
ursprünglich, kaum dieser Gruppe zuzurechnen. 

Sorbus torminalis. Noch bis zur Nordspitze Bornholms, aber nicht 
auf dem skandinavischen Festland. 

Circaea intermedia. Wenn auch nicht immer unter Buchen, so 
doch augenscheinlich nirgends das Buchengebiet wesentlich überragend; in den 
russischen Ostseeprovinzen nur im Süden des Gebietes, 

HederaHelix. Die in Irland und Nordwestafrika vorkommenden Formen 
gehören zur »atlantischen** H. canariensis Willd. (vgl. Nat. Pflanzenfam. II, 8, 
S. 42, und Babington, Manual of British botany), während der japanische 
Epheu wie die Buche Japans nahe Beziehungen zum kaukasischen (H. c o 1 c h i c a L.) 
zeigt, der auch im Kaukasus gern an Buchen eraporklettert (Koppen a. a. 0. 1, 
S. 449). In den russischen Ostseeprovinzen von Kurland (vgl. indes auch ,Leh- 
mann, Fl. von Polnisch-Livland**, deren Ergebnisse hier leider meist nicht mehr 
verwertet werden konnten) und Oesel bekannt, sonst in der Ostgrenze ähnlich 
der Buche. 



') Nach Ilses Flora. Die vorwiegend in der Kalkregion gleich der Buche 
auftretenden Arten wurden dort mit 2, die anderen mit 1, die fehlenden mit 
bezeichnet, die ausdrücklich als meist unter Rotbuchen gefundenen mit 2!. 



278 



F. Hock, 



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(Hepatica • *^ nobilis) . . . . 
Ranunculus ! ® * co Januginoaus 
(Corydalia ! * ^^ cava . . 
Dentaria o '^ ♦ ob bulbifera 
(Hypericum montanum). 
(Acer ! <» * CO Pseudoplatanuß) 
j^ ♦ X e>3 campestre) 
(Potentilla procumbene) 
(Pirus ° «>3 torminalifi) . 
(Circaea intermedia) . . 
(Hedera <> Helix) . . . 
Galium ® ^ silvaticum . . 
Petasites ! albus . . . 
Campanula latifolia . . 
Phyteuma ! ^ spicatum . 
Vinca minor .... 
Veronica ^ montana . . 
Lysimachia nemorum 
Primula elatior . . . 
Quercus ^ co sessiliflora . 
Carpinus * ^ co Betulus . 
Arum * ^ CNB maculatum . 
Orchis purpurea . . . 
Cephalanthera ^ grandiflora 
C. <> ^ CO Xiphophyllum . 

(C.^ rubra) 

Polygonatum ! vei*ticillatum 
(Allium ° 0=^ ursinum) 
Carez pendula .... 
Melica t ^^ uniflora . . 
Festuca eilvatica . . . 
Elymus ° europaeus . . 



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43] 



Laubwaldflora Norddeutschlands. 



279 



Pommern 1 


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thüringen 


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24 



280 F. Hock, [44 

Galium silvaticum. Nach Westen und Norden weniger weit als die 
Buche; im Nordosten in Ostpreussen fehlend, aber von Kurland und Oesel an- 
gegeben (wenn sicher?); nach Kerne r in den österreichischen Alpen eine lokale 
Südgrenze mit der Buche teilend. 

Petasites albus. Wohl wesentlich seltener als die Buche, aber im 
ganzen an ihr Gebiet gebunden ; nur noch in Kurland und Litauen je an einem Ort (?). 

Phyteuma spie. Nordostwärts zwar noch bis zum Gouvernement Pskow, 
im ganzen aber ziemlich genau sich der. Verbreitung der Buche anschliessend, 
nur im Südosten fehlend (noch auf der nördlichen Balkanhalbinsel). 

Yinca minor. In England und Dänemark möglicherweise nur verwildert; 
auch anderswo sind oft nicht genau die spontanen Vorkommnisse von den sub- 
spontanen zu trennen. 

Veronica mont. In Norddeutschland wie in Thüringen*) (nur nicht in 
Ilses Mittel-Thüringen) eine der sich am engsten an die Buche anschliessenden 
Arten; fehlend im Orient, aber, was weit auffallender, in Nordwestafrika und 
Irland auftretend, darin also dem Epheu ähnlich. 

Lysimachia nem. In Schleswig-Holstein nach Prahl im Südosten 
seltener; sonst in Norddeutschland recht ähnlich der Buche in der Verbreitung, 
aber gleich voriger im Orient fehlend, in Irland vorkommend. 

Primula elatior. Nirgends das Buchengebiet wesentlich überschreitend, 
denn auch in den russischen Ostseeprovinzen nach Lehmann fraglich; auf Born- 
holm (wo die Buche nur angepflanzt) fehlend, sonst (gleich der Buche) in allen 
dänischen Provinzen; andererseits neben ihr in feuchten Bergwäldem am Aetna 
(Oesterr. Bot. Ztg. 1884, S. 103). 

Quercus sessiliflora. Zu oft durch Kultur verbreitet, um einen ge- 
nauen Vergleich mit der Buche durchzuführen. 

Carpinus Betulus. Die Aehnlichkeit in der Ostgrenze mit Fagus ist 
vielleicht durch Zerstörung früherer Weissbuchenbestände mitbedingt (vgl. Koppen 
a. a. 0.) ; jetzt in den russischen Ostseeprovinzen nur ein Bestand in Kurland ; in 
Norwegen ganz fehlend, im nördlichen Dänemark schon selten. Ein auffallender 
Gegensatz zu Fagus ist das gänzliche Fehlen auf der Iberischen Halbinsel. Bei 
Sensburg finden sich neben dieser von Pflanzen vorstehender Tabelle: Hepatica, 
Hypericum montanum, Phyteuma und Cephalanthera rubra, sowie andererseits auch 
Melica nutans. 

Ar um. Auch vielfach durch Kultur verbreitet; ob etwa auch so nach Irland? 

Orchis purpure a. Zwar in Nordwestdeutschland und Schleswig-Holstein 
fehlend, aber in Süd-Hannover und Jütland (Fredericia — wie andererseits auf 
Möen) gefunden. 

Cephalanthera grandiflora. Noch auf Gotland, aber nicht auf dem 
skandinavischen Festland, neuerdings auch in Algerien gefunden (Rattandier- 
Trabut, Flore de l'Alg^rie 1895, S. 35). 

C. Xiphophyllum. Noch in einigen Teilen von Mittelrussland (in den 
baltischen Provinzen nur auf Oesel); nach A seh erson (Jahrb. d. bot. Gartens zu 
Berlin II, S. 361) auch in Westsibirien, andererseits in Ostasien wieder auf- 
tretend^); also nach fast allen Seiten das Buchengebiet etwas überschreitend, 
während sie innerhalb desselben sich eng an die Buche anschliesst. 



*) Nach Ilse im Thüringerwald oft unter Buchen gesellig mit Lysimachia 
nemorum. 

^ Richter, Plantae Europaeae, giebt ausserhalb Europas nur Nordafrika 
als Verbreitungsgebiet dieser Art an. In letzterem Gebiet von Marokko bis Tunis. 



45] Laubwaldflora Norddeutschlands. 281 

C. rubra. Weit weniger eng bei uns an die Buche angeschlossen, aber 
weit mehr dieser in der Verbreitung gleichend. Nach briefl. Mitteilung von Prof. 
K ras an bei Graz sowohl als im Karst Buchenbegleiter. 

Polygonatura verticillatum. Nordwärts nur in Norwegen wesentlich 
weiter als die Buche , in den russischen Ostseeprovinzen nur selten in Kurland, 
ostwärts durch Yorderasien zum Himalaya reichend; von letzterem Gebirge bis 
Ostasien sind mehrere nahe Verwandte verbreitet. 

Allium ursinum. In Mecklenburg nicht ganz sicher spontan, in Schleswig- 
Holstein und Dänemark angeblich «gern unter Eichen **. 

Carex pendula. Dänemark nur Veile, also wie im ganzen norddeutschen 
Gebiet sehr selten; um so auffallender ist das Auftreten derselben weit südwärts 
vom Buchengebiet in Algeiien und Tunis. 

Melica uniflora. Höchst charakteristischer Buchenbegleiter, neben dem 
oft M. n u t a n s erscheint, der im Gegensatz zu dieser (aber in Uebereinstimmung 
mit der Buche) in Irland und Nordafrika fehlt, sonst aber wesentlich weiter als 
die Buche verbreitet i^, auch in Japan neben Fagus auftritt, aber in Dänemark, 
wo M. uniflora allgemein in schattigen Wäldern verbreitet ist (die dort stets 
vorherrschend aus Buchen bestehen) , nur sporadisch (in Krattwäldern) auf der 
Ostküste der Halbinsel, Seeland und Bornholm, sowie noch seltener auf Fünen 
vorkommt, während in Norwegen Blytt M. uniflora als subboreal, dagegen 
M. nutans als subarktisch nach ihrer Verbreitung bezeichnet. 

Festuca silv. Das Vorkommen in den baltischen Provinzen ist ein sehr 
seltenes auf Oesel und bei Reval (nach Klinge). Im übrigen ist die Art in Russland 
sicher nur aus dem südlichen Polen bekannt (wo sie mindestens einen Standort 
mit der Buche teilt). Es ist daher ihr angebliches Vorkommen in Sibirien (nach 
Kryloff, Die Linde auf den Vorbergen des Kuneskij), mir so zweifelhaft, dass 
ich es vorläufig ausser acht lasse, zumal da Richter (Plantae Europaeae) die 
Art ausserhalb Europas nur für den Kaukasus und das nordliche Kleinasien nennt. 

Elymus europaeus. Auf der Iberischen Halbinsel fehlend, aber in 
Nordafrika. Dagegen in der Flora der Nebroden Nordsiziliens zwischen 1200 bis 
1400 m, also wenigstens in die Buchenregion hineinragend. Als spezielle Charakter- 
pflanzen der Buchenwälder dieses Gebietes werden u. a. Melica uniflora, 
Cephalanthera rubra, grandiflora und Xiphophyllum, Epipactis 
latifolia, Neottia, Allium ursinum, Asperulaodorata und Sanicula 
europaea, also eine Reihe der auch in Norddeutschland dieselbe Formation 
charakterisierenden Arten, genannt. 

■ 

Wenn auch die in vorstehender Tabelle genannten Pflanzenarten 
die grösste Uebereinstimmung in ihrer Verbreitung mit der Buche 
zeigen ^) , so giebt es doch noch einige weitere Arten , bei denen ge- 
wisse Beziehungen zur Buche sich nicht ganz verkennen lassen. Es sei 
in der Beziehung in erster Linie auf eine Reihe von Arten aufmerksam ge- 
macht, die noch wesentlich weniger weit nach Nord oder Ost*) als die Buche 



^) Von Hapaxanthen zeigen nahen Anschluss an die Buche in Mitteleuropa 
die in dem grössten Teil Südeuropas fehlenden Cardamine silvatica und 
Lappa nemorosa. Weit geringer sind die Beziehungen zu diesem Baum bei 
Cardamine Impatiens und Dipsacus pilosus, die aber jedenfalls unter 
unseren Laubbäumen der Buche noch am meisten in ihrer Verbreitung gleichen. 
Ueber die Gründe der Armut unserer Wälder an echten Kräutern, vgl. meine Arbeit 
über .Kräuter Norddeutschlands" (Englers Bot. Jahrb. XXI, S. 95). 

') Im grössten Teil des südlichen Buchengebiets fehlt dagegen Gagea 
spathacea, die z. B. in Schleswig-Holstein eine wichtige Charakterpflanze der 
Buchenwälder ist. Die gleichfalls in den Buchenwäldern desselben Gebiets häufige 



282 



F. Hock, 



[46 



reichen, schon in Norddeutschland sehr sporadisch auftreten oder wenig- 
stens grossen Teilen unseres Gebiets ganz fehlen, dennoch aber in ihrer 
Gesamtverbreitung und teilweise auch in den Bestanden, in welchen 
sie sich finden, einige Beziehungen zur Buche erkennen lassen, daher 
zum Teil eine Art üebergang zu der von mir in der Oest. Bot. Zeitschr. 
1895 zusammengestellten Gruppe von Tannenbegleitem ^) zeigen, zu 
welchen wegen der nahen Beziehungen zwischen Edeltanne und Buche 
in ihrem Auftreten im südlichen Mitteleuropa naturgemäss die Buchen- 
begleiter vielfache Beziehungen zeigen. Sie seien im Gegensatz zu den 
Pflanzen vorstehender Tabelle (Grappe 1) zusammengefasst als: 



Gmppe 2"). 



Dentaria®* <>=> enneaphyllos. 
TiliacoplatyphylloB. 
Trifolium rubens. 
Prunus 0^* CO avium. 
Chrysosplenium oppoeitifolium. 
Chaerophyllum hirsutum. 
Tanacetumt ^corymbosum!. 
Centaurea pseudophrygia. 



Tlex Aquifolium'). 
Ligustrum^ vulfjare*). 
Atropa o3 Belladonna« 
Melittis * t^*^ melissophyllum*). 
Primula ^^acaulis. 
Tithymalus^tdulcis. 
Epipactis microphylla. 
Leucoium vernum. 



Lonicera Periclymenum Hesse sich auch vielleicht hier anschliessen, wenn 
sie auch durchaus nicht auf Buchenbestände beschrankt bleibt. 

') Von den im folgenden genannten Arten gehört Epipactis micro- 
phylla nach Christ (a. a. 0.) zu den Charakterpflanzen des Schweizer Jura. 
Unter diese rechnet derselbe Forscher auch Ribes alpinum, einen Strauch, 
der nach N. niclit nur das Tannen-, sondern auch das Buchengebiet weit Überragt, 
wenn er auch in seinem südlichen Gebiet hinsichtlich der Ostgrenze seiner Ver- 
breitung mit Tanne und Buche einige Aehnlichkeit zeigt In Brandenburg tritt 
er nicht selten in Erlenbeständen auf, fehlt aber dort auch nicht in Buchenwäl- 
dern ganz. 

^) Wenn als wirklich heimisch in Norddeutschland zu betrachten, gehört 
auch Aconitum Napellus hierher, der auch in Voralpenwäldem Niederöster- 
reichs neben Tanne und Buche vorkommt. — Die den Namen beigefügten Zeichen 
haben dieselbe Bedeutung wie in der vorhergehenden Tabelle. 

^) Nach brieflicher Mitteilung von E. H. L. Krause in buchenreichen 
Wäldern im Elsass, dagegen fehlend in der buchenlosen Ebene dort, wie gleich- 
falls Lysimacliia nemorum, Neottia, Veronica montana, Hepatica 
(dort meist unter Tannen), Cephalanthora Xiphophyllum, die Digitalis- 
Arten u. a. II ex ist auch in Buchenwäldern Istriens häufig (NatÜrl. Pflanzen- 
familien, III, 5, S. 187). Auch in der Schweiz tritt sie (nach Christ) im Buchen- 
und Weisstannen'gürtel auf. Während sie (gleich Acer Pseudoplatanus, 
Lonicera Xylosteum u. a.) in der Krim fehlt, tritt sie im Kaukasus und 
Nordpersien mit der Buche wieder auf (vgl. Koppen a. a. 0. I, 567 f.). 

*) Diese Art, deren spontane Verbreitung in Norddeutschland schwer mit 
Sicherheit festzustellen, zeigt in der Nord- und Ostgrenze manche Beziehungen 
zur Buche, tritt z. B. gleich dieser jenseits der Steppe in der Krim und dem 
Kaukasus auf. Von vier für Braunschweig durch Bertram genannten Standorten 
sind mindestens drei vorwiegend Buchenbestände. In gleichem Bestand beobachtete 
ich die Art bei Münden anscheinend wild. 

*) In der Flora der Nebroden, besonders unter Kastanien und Eichen von 
500 — 1300 m; nur in der unteren Bergregion tritt dort Carex pendula auf, 
und Hedera Helix ist daselbst wenigstens nur bis 1200 m gemein, tritt aber 
auch noch in der Buchenregion auf; Ligustrum, Primula acaulis und 
Epipactis microphylla finden sich in Wäldern am Aetna (ob unter Buchen?). 



47] 



Laubwaldflora Norddeutschlands. 



283 



Galanthns f ^o^ nivalis. 
Luzula angustifolia!^). 
Hierochloa australis'). 



Poa Chaixi. 

Festuca heterophylla. 



Von diesen reichen im Nordosten bis in die russischen Ostsee- 
provinzen nur die vier letzten ^), die aber sämtlich dort selten sind, nach 
Norden bis Skandinavien die genannten Arten von Chrysosplenium, 
Centaurea (?), Hex, Ligustrum, Primula, Luzula und Poa (Hie- 
rochloa bis Südfinnland), dagegen reichen westwärts bis Irland die 
Arten von Chrysosplenium, Ilex, Atropa, sowie vielleicht (wenn 
dort wirklich spontan?) die von Ligustrum und Prunus, während 
die Arten von Tilia, Melittis, Orchis, Leucoium, Galanthus 
und Poa auf England beschränkt sind (dort aber auch nicht sämtlich 
sicher spontan erscheinen), die anderen gleich sämtlichen Tannenbegleitern 
auf den britischen Inseln ganz fehlen. Im Südwesten reichen (im 
Gegensatz zu sämtlichen Tannenbegleitern) bis Nordwestafrika die Arten 
von Prunus, Tanacetum, Ilex, Primula und Atropa. 

Wenn diese durch ihre geringere Verbreitung wenigstens teilweise 
nahe Beziehungen zu den Tannenbegleitern zeigen, so zeigt im Gegen- 
satz zu ihnen eine andere Gruppe von Laubwaldpflanzen Norddeutsch- 
lands, die ebenfalls für die Formation der Buchenwälder stellenweise 
recht charakteristisch sind *) , eine wesentlich weitere Verbreitung 
namentlich ostwärts (bis Sibirien), so dass man allenfalls an einen 
näheren Anschluss an ein anderes, bei uns gleichfalls nicht selten mit 
der Buche vereint auftretendes Laubholz, die klein blätterige Linde 
(Tilia ulmifolia) denken könnte. Von diesen (die wir als Gruppe 3^) 
bezeichnen wollen) zeigen relativ die nächsten Beziehungen in ihrer 



^ Richtiger L. nemorosa E. Mey (vgl. Buchenau^ Monographia Junca- 
cearum). Die ihr nächst verwandte L. silvatica reicht westwärts gar bis Island 
und kommt auch im Nordosten (doch vielleicht nur infolge von Verschleppung) 
jenseits der Buchengrenze vor. Nach Beck gehört sie in Niederösterreich zu den 
Charakterpflanzen der Yoralpenwälder wie von obigen auch Ilex und Dentaria 
enneaphyllos. Verfasser hat sie in Schleswig ebenfalls unter Buchen gefunden. 

*) Vielleicht wäre auch Carex strigosa (weniger wahrscheinlich C. pilosa) 
hier anzuschliessen. 

•) Von Tannenbegl eitern tritt dort nur und zwar sehr selten und vereinzelt 
Senecio nemorensis auf; der als Tannenbegleiter noch etwas zweifelhafte 
Ranunculus aconitifolius ist vielleicht einmal innerhalb jenes Gebiets 
beobachtet. 

^) Auf dem mit Buchenwald bestandenen Wotsch Südsteiermarks finden wir 
Vertreter aller drei Gruppen vereint mit verschiedenen charakteristischen Tannen- 
begleitem, von denen je ein typisches Beispiel Galiumsilvaticum,Tanacetum 
corymbosum, Lathyrusvernus und Gentiana asclepiadea hervor- 
gehoben sein mögen. Im übrigen vgl. Deutsche bot. Monatsschr. XIII, 1895. 

*) Von den Pflanzen dieser Gi*uppe treten nach Klinge in den russischen 
Osteeeprovinzen auf und zwar: a) häufig: *Asarum, *LoniceraXylo8teum, 
*Lathyru8 vernus; b) zerstreut: Neottia, *Actaea, * Anemone ranun- 
culoidesy *Daphne,*Viola mirabilis,*Asperula odorata; c) selten: 
*Aquilegia, Piatanthera chlorantha, *Digitali8 ambigua, *Cypri- 
pedium und Sanicula. Der ersteren Gruppe schliesst sich die schon oben 
erwähnte ^Melica nutansan, die also in Russland keine Beziehungen zur Buche 
zeigt. Unter diesen schliessen sich die mit * bezeichneten bei Sensburg der Weiss- 
buche an. 



284 F. Hock, [48 

Verbreitung zur Buche noch Epipogon aphyllum, Asarum euro- 
paeum^) und Lonicera Xylosteum, die gleich der Buche noch in 
England und im südlichen Skandinavien vorkommen, während die für 
die Buchenformation wohl ebenso charakteristische Aquilegia vul- 
garis zwar gleichfalls auf das südliche Skandinavien beschränkt bleibt, 
aber westwärts bis Irland reicht (ob ursprünglich?). Dagegen kommen 
die gleichfalls höchst charakteristischen Buchenwaldpflanzen Neottia 
nidus avis und Piatanthera chlorantha, sowie das vielleicht 
weniger streng an Buchenbestände gebundene, von Ledebour in der Flora 
Altaica genannte Ervum silvaticum^) sowohl in Skandinavien viel 
weiter nordwärts als Fagus als andererseits westwärts bis Irland 
vor, dagegen fehlen Actaea spicata^) und (die wenigstens vom 
uralischen Sibirien angegebene) Digitalis ambigua in Skandinavien 
sowohl als in England als heimische Pflanzen ganz, wie in letz- 
terem Lande auch Anemone ranunculoides, Viola mira- 
bilis und Lathyrus vernus, welche alle drei in Skandinavien 
wesentlich weiter nordwärts als die Buche reichen; endlich erscheinen 
westwärts, zwar nur bis England, nordwärts aber viel weiter als die 
Buche verbreitet, noch Daphne Mezereum und Cypripedium Cal- 
ceolus*). Noch viel weiter als alle diese verbreitet, so dass an Be- 
ziehungen zur Buchenassociation kaum gedacht werden kann, sind 
zwei in Nord- und Mitteldeutschland unter den Pflanzen der Buchen- 
formation oft fast an erster Stelle zu nennende Arten, nämlich 
Asperula odorata, die ostwärts bis zum Alatau und bis Japan, 
südwärts bis Nordafrika ^) reicht, und Sanicula europaea^), welche 
südwärts über die Gebirge des tropischen Afrika bis Südafrika und 
Madagaskar verbreitet ist. Dass aber dennoch bei solchen weit ver- 
breiteten Arten Beziehungen in der Verbreitungsgeschichte, zwar weniger 
speziell zur europäischen Waldbuche als zur Gattung Fagus oder 
zur Unterfamilie der Fageen, vorhanden sein können, habe ich an einer 



^) üeber das ganz vereinzelte Auftreten von Asarum Ostlich vom Ural 
vgl. Englers Bot. Jahrbücher VIII, Litteraturber. S. 123. Auch Daphne (vgL 
Wittich a. a. 0., S. 27 ff.) reicht nur ganz wenig in Südsibirien hinein (vgl. auch 
Koppen, Holzgewächse Russlands I, 630 ff.). 

') Vgl. zu dessen Verbreitung auch meine , Nadel waldflora* u. A. Schultz, 
£ntwickelung8geschichte der Pflanzenwelt Mitteleuropas S. 38 und 40 f. 

') Nach Babington in England und Schottland gefunden, nach Watson 
aber als heimisch fraglich. 

*) Gleich Orchis purpurea in Schleswig- Holstein fehlend, aber in Jüt- 
land, wenn auch nur an einem Ort, gefunden. Da sie auf den dänischen Inseln 
fehlt, ist eine Einwanderung von Skandinavien in neuerer Zeit ebenso wenig er- 
klärlich wie von Pommern her. Sie muss an den verbindenden Standorten aus- 
gestorben sein, wenn man nicht Verschleppung annehmen will. 

^) Von den bisher genannten Arten dieser Gruppe reichen nach Nordafrika 
nur Aquilegia und Piatanthera chlorantha. 

°) Sie tritt auch am Amanus in Syrien neben der Buche auf (wie Gircaea 
Lutetiana, Gampanula Trachelium u. a). Vielleicht deutet dies den 
Weg an, auf welchem die Art nach Habesch und dem übrigen tropischen Afrika 
gelangte, da die Art in Vorderasien wohl eher ihr zusagende Oertlichkeiten findet 
als in der Sahara. Immerhin würde bei dem gegenwärtigen Klima die Verbrei- j 

tung der Art schwer zu erklären sein; dieselbe muss vielmehr schon in früheren ; 

Perioden eine bedeutende Ausbreitung errungen haben. ! 



49] Laubwaldflora Norddeutschlands. 285 

anderen Stelle (Verh. d. Bot. Vereins der Prov. Brandenburg XXXVI, 
S. XIT ff.) gezeigt ^). 

Thatsächlich treten nun die zuletzt genannten Arten sowie Actaea 
spicata und Festuca silvatica neben anderen bei uns weniger 
streng an Buchenwälder gebundenen Arten wie Bromus asper ^), 
Epilobium montanum, Circaea Lutetiana, Campanula Tra- 
chelium und Stachys silvatica, sowie das jetzt kosmopolitiscbe 
Geranium Robertianum^) in Sibirien nach Kryloff in Linden- 
wäldem auf (vgl. Bot. Jahresber. XX, 1892, 2, S. 108). 

Dennoch bedürfte es genauerer Untersuchungen, die aber wiederum 
weit über die Grenzeni Norddeutschlands hinausreichen müssten, um 
diesen allen ^), oder auch nur einigen von ihnen, den Namen Linden- 
begleiter beizulegen; es läsat sich daher in dieser hauptsächlich auf 
norddeutsche Vorkommnisse basierenden Arbeit hierüber ebenso wenig 
feststellen, wie aus den Verbreitungsverhältnissen in Norddeutschland 
ausreichende Schlüsse auf Fichten- und Tannenbegleiter gezogen werden 
konnten. Die Gesamt Verbreitung der von Kryloff genannten Arten 
giebt keine Veranlassung zu der Annahme, dass hier Glieder einer 
Association seien, und ihre Zahl ist zu gering, um etwa eine Tei- 
lung in mehrere Associationen vorzunehmen. 

Gleich den erwähnten Arten reichen noch einige weniger nahe 
Beziehungen zur Buche zeigenden Arten ostwärts bis Sibirien, die wir 
zusammenfassen als: 



^) Ueber die unserem Cypripedium nächst verwandten Arten habe ich 
dort durch ein Missverständnis in der ebenda citierten Arbeit Pfitzers, der die 
Arten jeder Gruppe alphabetisch (statt streng systematisch) ordnet, geleitet, falsche 
Angaben gemacht, die zwar nicht die Sachlage ändern, dennoch aber hier be- 
richtigt werden mögen. Unser Cypripedium ist in Nordamerika ersetzt, und 
zwar durch zwei ihm sehr nahe stehende Arten, C. parviflorum Salisb. und 
C. montanum Dougl., während das ihm ebenfalls nicht fem stehende C. m a c r a n- 
thum neben ihm in Sibirien vorkommt, andererseits aber über China bis Japan 
reicht (vgl. Franchet im Journal de botanique VIII, 1894, S. 219 und 233). — 
Die Gattung reicht südwärts in der Alten Welt mindestens bis Bomeo, in der 
Neuen bis Mexiko. 

') Vielleicht zeigt der von Garcke nur als Varietät hiervon abgetrennte, 
im westlichen Gebiet häufiger beobachtete B. ramosus Huds. (B. serotinus 
Beneken), der z. B. im östlichen Schleswig -Holstein häufiger als die Hauptform 
(6. Benekeni Syme) ist und nach Richter (Plantae Europaeae) wahrscheinlich 
in Europa endemisch ist, nähere Beziehungen zur Buche als die ostwärt« bis 
Sibirien verbreitete Form; doch lassen die Floren und Florenberichte bisher 
keinen sicheren Schluss hierauf zu ; es müssen die Formen strenger voneinander 
getrennt werden. 

') Diese sind in Brandenburg zwar sämtlich auch in Buchenwäldern zu 
finden, treten dort aber häufiger in Erlenbeständen auf. Ihnen ähnlich verhalten 
sich die von England bis zum uralischen Sibirien reichenden Galeobdolon 
luteum und Lathraea squamaria und das auf den britischen Inseln als 
ursprünglich fragliche Impatiens noli tangere; endlich zeigt auch Circaea 
alpin a, die westwärts bis zum schottischen Hochland reicht, andererseits noch 
durch ganz Sibirien verbreitet ist und auch in Indien und Nordamerika gefunden 
ist , einige Beziehungen zur Buche , obwohl sie in Brandenburg meist unter Erlen 
auftritt, ist z. B. trotz ihrer grösseren Seltenheit in Südeuropa gleich der Buche auf 
Korsika, nicht aber auf Sardinien nachgewiesen. 

'*) Vielleicht liesse sich diesen noch die ostwärts mindestens bis Mittelsibirien 
reichende Corydalis solida zurechnen. 

Forschongen zur deutschen Landes- und Volkskunde. IX. 4. 20 



286 



F. Hock, 



[50 



Gruppe 4 ^). 
a) Holzpflanzexu 



Evonymus verrucosus. 

Bhamnos Cathartica!')« 

Frangrnia Alnns* 

Genista tinetoria'), 

Pranas Padas* 

Crataepas Oxjacantha !• 

Pirns anenparia« 

Ribes nigrum. 
t K. rabrnm* 

Cornas sangrulnea« 
t Yibnrnnm Opnlns!« 

yaccininm Myrtülos* 
t ¥• nliginosÜDi. 



Solanum Doleamara!« 
Betnla Terracosa* 
B* pabescens* 
Salix fragrills. 
S. alba!« 
S« Gaprea* 
S« cinerea!« 
S. anrlta. 
S« repens« 
Popnlns tremnla!« 
P. alba!. 
P. nigra!*). 



b) Nichtholzige Pflanzen'). 



Rannncnlns anriconins« 
Cardami ne amara« 
Malachinm aqnaticnm % 
Hypericum qnadrangnlnm. 

t Oxalis Acetosella ')• 
Trifolium medium« 
Astragalus glycyphyllos« 
Yicia sepium« 

t Geum riTale« 
G« urbanum« 



Rubns saxatills« 

Alcliemilla Tulgaris« 
t jLgrimonia Eupatoria!« 
t Chrysosplenium alternifolium'). 

Adoxa mo8cliatelina*). ' 

Eupatorium cannabinnm !• 

Gnaphalinm silTatlcnm. 

Hieracinm mnrorum* 

H* umbellatnm« 



^) Als Leitpflanze könnte allenfalls die Espe (Populus tremula) oder 
die Weissbirke (im weitesten Sinne) dienen. Die gleich ersterer (aber im Gegen- 
satz zu letzterer) in Nordwestafrika vorkommenden Arten sind mit ! bezeiclmet 
Grössere Bestände bilden beide, wie oben erwähnt, bei uns meist nicht; ähnlich 
wie sie schliessen auch viele Pflanzen dieser Gruppe (selbst bis Sibirien ostwärts) 
sich der Kiefer nahe an. Da nur über die Holzpflanzen auf Grund von Eöppen, 
, Holzgew. Russlands ** mit einiger Sicherheit stets das Fehlen oder Vorkommen in 
Sibirien angegeben werden konnte, trenne ich in holzige und nicht holzige 
Pflanzen , weil bei letzteren oft die Annahme eines Vorkommens in Sibirien 
älteren, nicht stets zuverlässigen Werken direkt oder indirekt entnommen wurde. 

*) Fehlt in Ostsibirien gleich Frangula Alnus. 

•) Genaue kartogr. Aufzeichnung der Verbreitung dieser Art bei Wittich 
a. a. 0. S. 32. 

*) Die letzten beiden Arten fehlen auch in den russischen Ostseeprovinzen 
(wie höchst wahrscheinlich auch Genista tinctoria), wo alle anderen oben 
genannten Holzpflanzen spontan vorkommen; P. alba tritt noch nordwärts in 
Schonen auf, fehlt aber im übrigen Skandinavien. 

') Einzelne nach der Litteratur mir gar zu zweifelhafte Arten, sowie auch 
solche, die durchaus gar keine Beziehungen zu den genannten Holzpflanzen mir 
zu zeigen schienen, habe ich ganz unberücksichtigt gelassen. 

') Nur Sibiria Uralensis wie auch Geum urbanum, Eupatorium und 
Melampyrum nemorosum. 

^ Für Nord Westafrika zweifelhaft (wie auch Origanum vulgare); sie 
wird von Desfontaines für Algerien angegeben, ist aber nachher nicht wieder dort 
gefunden. Genaue Angaben über ihre Gesamtverbreitung macht Drude in seiner 
Habilitationsvorlesung S. 32 f., woraus er ihre £xistenzbe(üngungen abzuleiten sucht 

^) Fehlt auf der Iberischen Halbinsel (wo Gh. oppositifolium vor- 
kommt), desgl. Gorallorrhiza und Maianthemum. 

•) In Nordwestamerika. 



51] 



Laubwaldflora Norddeutechlands. 



287 



7 Pirola minor« 
t P. rotandifolia>), 

Oriifranoni Talgare* 
t Clinopodinm Tnlifr^re!. 

Öleehoma hederacea. 

Myosotis intermedia» 

M« Bilvatica!» 

Helampjmm cristatnm» 

M« nemorosnm» 

Trientalis europaea'). 

Rnmex obtnsifolins !• 

Urtica dioica!* 

Hnmnlns Lnpolns« 

Piatanthera bifolia. 

Epipactis latifolia!. 

LiBtera ovata. 



t Corallorrhiza innata. 

t Convallaria maialis, * 

Polygonatom offlciuale ")• 
t P« mnltiflomm. 
t Maianthemum bifolium. 

Paris qnadrifolins. 

Lnsnla mnltiflora^)« 
t L, pilosa« 

Carex remota!« 
t G. pallescens. 
t Milium effüsnm« 
t Poa nemoralis^)« 

Brachypodinm pinnatnm !• 

Calamagrostis arundinacea^). 
t Triticnm eaninnm^)» 



Alle fett gedruckten Arten finden sich gleich Birken und Espen 
von der Iberischen und Balkanhalbinsel einerseits bis Skandinavien anderer- 
seits. Die mit f bezeichneten werden auch spontan im atlantischen Nord- 
amerika beobachtet. Westwärts fehlen dagegen auf den britischen Inseln 
überhaupt ausser dem wesentlich osteuropäisch-sibirischen Evonymus 
verrucosus: Melampyrum nemorosum; dagegen kommen dort 
nur in England vor: Ribes nigrum, Populus nigra, Malachium, 
Melampyrum cristatum, Humulus, Polygonatum offi- 
cinale, Maianthemum und Brachypodinm pinnatum, wäh- 
rend auch bis Schottland reichen: Ribes rubrum, Vaccinium 
uliginosum, Populus alba, Astragalus glycyphyllos, Pirola 
rotundifolia®), Myosotis silvatica, Convallaria, Polygo- 
natum multiflorum und Paris. 

Dies kann vielleicht zur weiteren Einteilung dieser sonst im 
ganzen wohl natürlichen Verbreitungsgruppe ^) Veranlassung geben. 
Der umstand, dass unter den in Irland fehlenden Arten manche bei 
uns auch in Nadelwäldern vorkommen, wie überhaupt diese Gruppe 
teilweise mit Gruppe II meiner Nadel waldflora übereinstimmt, lässt 
vielleicht bei diesen einige nähere Beziehungen zur Kiefer erkennen. 

*) Vgl. zur Verbreitung dieser Pirola- Arten an gleichen und verschie- 
denen Standorten auch Stenström in Flora 1895, Heft 1 — 2. 

') Fehlt in allen drei südeuropäischen Halbinseln. 

^) Bei uns häufig in Mischwäldern, doch in Russland (vgl. z. B. Englers 
Bot. Jahrb. VIII, S. 123) und Sibirien in reinen Kiefernwäldern, daher von mir in 
der .Nadelwal dflora" unter die Kiefembegleiter gerechnet. 

*) Gleich Urtica dioica jetzt in allen Fjrdteilen, doch vielfach wohl 
sicher nur infolge der Kultur eingeschleppt. 

^) In einer auch in der Sierra Nevada Spaniens vorkommenden Varietät 
auch in Algerien vertreten (Battandier-Trabut a. a. 0. S. 207). 

•) Nicht südlich von den Pyrenäen beobachtet. 

^ Zwar selten in Spanien, aber südwärts bis Katalonien und Südaragon. 

^ Nicht selten in Birkengehölzen bei Irkutsk neben Vaccinium Vitis 
Idaea, Trientalis europaea und Antennaria dioica (vgl. Bot. Jahres- 
her. XXI, 1892, 2, S. 218). 

*) Etwa mit Ausnahme von Evonymus verrucosus, Populus alba 
und nigra, sowie Melampyrum nemorosum (und vielleicht noch Trien- 
talis). Ersteren schliessen sich wohl eher eine Reihe anderer oben als nur im 
östlichen Teil des Gebiets vorkommend bezeichneter Arten an. 



288 F. Hock, [52 

Sicherlich wird aber nicht immer aus dem Fehlen in Irland hierauf 
zu schliessen sein^), besonders da die Kiefer einst auch dort vorkam, 
was weiter unten noch zu erörtern. 

Im Gegensatz zu vorstehender Gruppe fehlen die folgenden Pflanzen 
ostwärts vom Ural ganz, welches Gebirge sie /fiagegen meist, wenigstens 
annähernd, erreichen; sie schliessen sich in der Beziehung also der 
Stieleiche hinsichtlich der Ostgrenze ^) an. Wir fassen sie zusanunen als: 

Gruppe 5. 
a) Holzpflanzen. 



« 



Acer platanoides. 
Evonymas enropaeas« 
Pirna communis« 
?• malus. 
Rosa canina!« 
Prunus spinosa!« 



Sambncns nigra!« 
Fraxinns excelsior« 

ülmus campestris!'). 
Corylns Aveliana. 
Alnns grlutinosa!^). 



b) Nicht holzige Pflanzen. 



Anemone nemorosa« 

Ranunculus polyanthemos'). 
Fiearia verna« 
Stellaria Holostea!^). 
S« nemomm« 



* 



ErvTim pisiforme. 
Lathjrns niger!« 
L« montanns^)« 
Agrrlmonia odorata!« 
Fragaria moschata« 



') Wenn eine Trennung von Kiefern und Espenbegleitem überhaupt möglich. 
^) Pirus malus, Acer platanoides, Fraxinus excelsior und 
Lamium maculatum erreichen mit der Stieleiche gemeinsam die Nordgrenze 
ihrer Verbreitung im Gouvernement Jaroslaw (vgl. Bot. Jahresber. VIII, 1880, 2, 
S. 640), die drei ersteren sowie 1 m u s e f f u s a und Pirus communis erscheinen 
auch in Eichenwäldern des Gouvernements Tula (ebd. S. 642). Von diesen reicht 
indess Fraxinus über Vorderasien ostwärts bis zum Himalaya (ebd. IX, 1881, 2, 
S. 397). — Gagea minima scheint auch mit der Stieleiche die Ostgrenze zu 
teilen, wird aber schon in Norddeutschland nach Westen immer sparsamer und 
fehlt in Südwest- und Westeuropa ganz (in Dänemark noch in allen Provinzen, 
in Norwegen nur bis 59^ 55', dagegen noch im mittleren Schweden und gar in 
Nordrussland). 

') Die genaue Ostgrenze der anderen Ulmen ist fraglich, doch scheint jeden- 
falls keine den Ural ostwärts zu überschreiten, wenn auch (die für das skandi- 
navische Festland zweifelhafte) U. campestris auf den Kurilen (nach Miyabe) 
vorkommt; doch steht dies Vorkommnis über das Amui^ebiet, China und den 
Himalaya, nicht über Sibirien, mit den europäischen Vorkommnissen in Verbin- 
dung. In dieser Beziehung gleicht ihr etwa Evonymus europaeus, wenn man 
E. Hamiltonianus Wall., der vom Himalaya bis Japan vorkommt, mit ihm vereint 
(vgl. Koppen a. a. 0. I, 124). 

*) Wenn sie nicht doch für Sibirien nachweisbar ist, was wenigstens im 
Westen nicht ganz unwahrscheinlich, im äussersten Süden gar wahrscheinlich. 

^) Fehlt auch in Frankreich sowie auf der Iberischen und Apenninen- 
Halbinsel. 

•) Diese Art wird auch sowohl von Fiek unter die Charakterpflanzen der 
Eichenwälder des Oderthals als von Beck zu denen der Eichenformation in 
Niederösterreich gerechnet, fehlt aber auch durchaus nicht in Buchenwäldern, 
wie in anderen Beständen. In Algerien ist sie gleich Populus tremula u. a. 
auf das Plateau von Babors beschränkt (Bot. Jahresber. XXI, 2, S. 253). 

^) In Russland wesentlich auf den Westen beschränkt, so dass ein näherer 
Anschluss (wenigstens der var. latif olius) an die Buche nicht ganz ausgeschlossen 



53] 



LaabwaJdfiora Norddeutschlanda. 



289 



* Laserpltium latlfolium« 

* Chaerophylliim aromaticum. 

* Ch. bulbosum. 
Gh. tenmlnm !• 
Laetnca mnraliB! 

^ Pulmonaria officinalis'). 
Alagra reptans'). 
A« pjrramidalis« 
Lamium maculatum. 



Betonlca offlcinalis!« 
Primnla offlcinalis'). 
Mercarialls perennis!« 

Allium Scorodoprasum!^) 
Garex^) digitata. 
C. elongata. 
C. montan a. 

Brachjpodiam sllyatlcam !• 
Holcus mollis^). 



Wenn auch von den vorstehend genannten Arten die fett ge- 
druckten insofern mit der Stieleiche (doch auch mit den meisten anderen 
unserer Laubwaldbäume) übereinstimmen, als sie von der Pyrenäen- und 
Baikanhalbinsel durch den grössten Teil Europas bis Skandinavien 
reichen, so ist von einer- grösseren Uebereinstimmung in der Verbrei- 
tung mit der Stieleiche nur bei sehr wenigen die Rede ''). Nur die 



wäre. Aebnlich siebt es mitVicia dumetorum, die nacb Herder für Mittel- 
mssland zweifelhaft, welche, falls die dortigen Vorkommnisse sich bestätigen sollten, 
dieser Gruppe, sonst am besten Gruppe 2, anzuschliessen wäre. Auch Agrimonia 
odorata ist ostwärts von der Buchengrenze nur für Gherson angegeben, schliesst 
sich aber standörtlich in Norddeutschland anscheinend näher an die Schwarzerle 
als an die Buche, weshalb sie hier statt in Gruppe 1 erwähnt sein mag. 

'^P. angustifolia kommt in der von Garcke von der Art als P. mon- 
tan aLejeune abgetrennten var. mollis Wolff in Sibirien vor, doch ist mir über 
das Vorkommen der typischen P. angustifolia in Nordasien nichts bekannt, 
weshalb ich dieselbe hier wenigstens anhangsweise erwähne. 

^ Lange weist auf eine Aehnlichkeit dieser Art in ihrem Auftreten und 
ihrer Verbreitung in Dänemark mit Galeobdolon hin. Beide sind im nördlichen 
Seeland und nördlichen Jütland selten, im südlichen Dänemark häufig; grosse 
Aehnlichkeit scheinen beide Arten in der Verbreitung auch (nach Herder) in 
Bussland zu haben, nur ist Aiuga in Nordrussland weiter verbreitet; beide reichen 
westwärts bis Irland, im Osten wird Galeobdolon für das uralische Sibirien an- 
gegeben, Aiuga meines Wissens nicht ; in Skandinavien ist Galeobdolon auf das 
südliche Schweden beschränkt, während Aiuga daneben, wenn auch sehr selten, 
im südlichsten Norwegen vorkommt; Aiuga reicht südwärts bis Algerien, wäh- 
rend Galeobdolon meines Wissens noch nicht für Nordafrika nachgewiesen; 
beide Arten sind neuerlich auf dem carelischen Isthmus in Südostfinnland entdeckt. 

') D. h. var. genuina. In anderen Varietäten auch in Sibirien. Für Algier 
ist die Art zweifelhaft. 

^) Allium Scorodoprasum und Ervum pisi forme werden beide 
als Beispiele für unvollständige Ausbreitung von A. Schulz (a. a. 0. S. 39 S.) 
angeführt. Erstere ist nach Battandier-Trabut in Tunis gefunden. 

^) Nach Richter (Plantae Europaeae) sind auch noch G. pilulifera und 
brizoides in Europa endemisch, während 0. silvatica auch in Amerika vor- 
kommen soll. Zum Teil widersprechen diese Angaben denen des wohl weniger 
kritisch gearbeiteten , Index Eewensis". Von diesen fehlt G. brizoides in 
Skandinavien und Dänemark ganz, während G. silvatica in Norwegen auf den 
Süden beschränkt und auch im mittleren Schweden selten, G. pilulifera aber im 
grössten Teil Skandinaviens verbreitet ist. Nur bei G. silvatica wäre an einen 
Vergleich mit der Eiche zu denken. 

®) In Algerien durch eine sehr nahe Verwandte (H. tr i f 1 o rus Trabut) vertreten. 
Mit der Buche, an deren Verbreitung schon die Seltenheit in Mittelrussland er- 
innert, hat diese Art das Auftreten auf Korsika, das Fehlen auf Sardinien gemein. 

^) Wie die Gruppe Robur, der unsere Stieleiche angehört, und die Sektion 
Fraxinaster, der unsere Esche zugerechnet wird (vgl. Wesmael, Monogr. des 
esp. du genre Fraxinus im Bullet, de la soc. bot. Beige XXXI, 69 ff.)» i^^ auch 
die Gruppe Platanoidea, deren Glied Acer platanoides ist, auf die Alte 
Welt beschränkt, während die nähere Beziehungen zur Buche zeigenden A. Pseudo- 



290 F. Hock, Laubwaldflora Norddeatschlands. [54 

mit ! yerseheDen Arten sind gleich der Stieleiche und Schwarzerle 
(doch auch in Uebereinstimmung mit der Espe, aber im Gegensatz zu 
Buche, Birke u. a.) bis Nordwestafrika vorgedrungen. Dagegen fehlen 
die mit * yersehenen Arten auf den britischen Inseln ganz, die mit "" 
yersehenen wenigstens auf Irland, und yon den bis Skandinavien reichen- 
den sind Evonymus europaeus, Agrimonia odorata, Laser- 
pitium latifolium, Aiuga reptans, Stellaria Holostea in 
Norwegen ganz auf den äussersten Süden beschränkt, während Pirus 
communis, Betonica und Pulmonaria officinalis in Nor- 
wegen^) ganz zu fehlen scheinen und Fragaria moschata wenigstens 
als ursprünglich auch für Schweden in Frage kommt, also jeden- 
falls sämtlich in Skandinavien weniger verbreitet sind als die Stieleiche. 
Im allgemeinen muss daher das Bestreben nach Fe8t43tellung einer 
Stieleichenassociation, die auch nur annähernd sich an Gliederzahl mit 
den Associationen der Kiefer und Buche (nebst Tanne) vergleichen liesse, 
als von negativem Erfolg gekrönt bezeichnet werden. Nicht aus- 
geschlossen ist darum, dass es bei weiterer genauer Beobachtung der 
Eichwaldpäanzen gelingen möchte, auch eine Gruppe echter Eichen- 
begleiter aufzustellen, zumal da manche derselben möglicherweise in 
vorliegender Arbeit gar nicht berücksichtigt sind, weil sie wegen des 
lichten Charakters vieler Eichenwälder nicht unter die specifischen Wald- 
pflanzen gerechnet sind ^). So werden z. B. von P. E. Müller (a. a. 0. 
S. 134) neben Anemone nemorosa, Lathyrus macrorrhizus^) 
(= L. montanus) und Trifolium medium als Charakterpflanzen 
der Eichenwälder auf Sandboden, Viola canina, Vicia Cracca, Hy- 
pericum perforatum und quadrangulum, Galium saxatile, 
Campanula rotundifolia und persicifolia, Succisa pratensis 
und Holcus mollis genannt, also Pflanzen, die jedenfalls auch oft in 
anderen Formationen als Laubwäldern auftreten. 



platanus und campestris gleich dieser selir nahe Verwandte in Nordamerika 
haben. Doch zeigen auch SambneuB nigra und unsere ülmus- Arten derartige 
nahe Beziehungen zu amerikanischen Arten. 

^) In Skandinavien fehlen ganz: Chaerophyllum aromaticum und 
bulboBum sowie Lamium maculatum. — Mercurialis perennis reicht in 
Norwegen (nach Seh übel er) nur bis 59° 51' n. Br. und wird deshalb von Blytt 
unter die subborealen Arten gerechnet, doch kommt sie (nach Nyman) noch im 
mittleren Schweden vor. 

*) Vgl. Kerners Schilderung der Eichenwälder des Bakonyerwaldes in der 
oben genannten Skizze, die hier nicht direkt zum Vergleich herangezogen werden 
kann, da in den dortigen Eichenwäldern gerade unsere Stieleiche am meisten unter 
ihren Gattungsgenossen zurücktritt. 

') Dieselbe Art wird neben den sämtlich im äussersten Nordwestdeutsch- 
land fehlenden Genista germanica, Serratula tinctoria und (selten) 
Anthericum ramosum von Focke (Abhandl. d. Naturw. Vereins in Bremen XIII, 
1895, S. 234) als Charakterpflanze der Eichenbusch wälder in der Heide genannt. 
Diese fehlen sämtlich in obiger Aufzählung der Charakterpflanzen der Laubwälder, 
da Serratula mir mehr eine Bewohnerin von Wiesen und Heiden zu sein scheint, 
während die anderen beiden in Brandenburg wenigstens auch in Kiefernwäldern 
nicht selten auftreten. Genista germanica reicht mit Ausnahme einiger spora- 
discher Vorkommnisse an der Nordgrenze des Tschemosjomgebiets ostwärts nur in 
das westliche Russland hinein (Koppen a. a. 0. I, 175 f.). 



4 Theorieen über die Geschichte der Waldflora Norddeutsch- 
lands und die Entstehung der Mischwälder. 

Nachdem wir die Zusammensetzung der wichtigsten Formationen 
und Associationen in unserer Waldflora festzustellen versucht haben, 
wird es angebracht sein, auch auf die Entwickelungsgeschichte unserer 
Wälder einen Blick zu werfen. Leider lassen uns da die Unter- 
suchungen fossiler und subfossiler pflanzlicher Reste sehr im Stiche, 
und es ist sehr fraglich, ob diese jemals in dem Masse ergiebig sein 
werden, dass sie uns eine yollständige ^) Geschichte unserer heimischen 
Waldflora liefern. Dennoch verdanken wir diesen Studien entschieden 
den zuverlässigsten Anhalt zur Feststellung der Geschichte unserer nord- 
deutschen Wälder. 

Die Ergebnisse der wichtigsten derartigen Untersuchungen hat 
Professor v. Fischer- Benzon 1891 in einer Arbeit über »die Moore der 
Provinz Schleswig-Holstein" niedergelegt, in der er zugleich die Er- 
gebnisse der Untersuchungen über die Moore der Nachbarländer ver- 
arbeitet. Das wichtigste Ergebnis für unsere Zwecke ist, dass, während 
in präglacialen Mooren schon Acer platanoides, unsere Arten von 
Hex, Fagus, Fraxinus, Corylus, Garpinus, Pinus und Picea, 
sowie Quercus pedunculata, Alnus glutinosa und Populus 
tremula in Schleswig-Holstein nachzuweisen sind, diese nachher (also 
während der Eiszeit) zum grossen Teil von dort verschwunden zu sein 
scheinen und erst später nach und nach wieder dorthin vorgedrungen 
sind, um teilweise wieder zu verschwinden*). 

Späterhin lassen sich vier Entwicklungsperioden in der dortigen 
Flora unterscheiden, die nach den vorherrschenden Bäumen als die der 
Zitterpappel, der Kiefer, der Eiche und dei* Buche bezeichnet werden. 
Von besonderem Interesse ist dies, da dieselben vier Perioden sich nach 
Blytt in schwedischen^) Mooren und vielleicht da noch schärfer als in 
Schleswig- Holstein scheiden lassen, so dass wir wohl annehmen können, 

^) Gerade für die Bänme, die Hauptcbarakterpflanzen der Wälder, liegen 
schon recht zuverlässige Daten vor, und diese machen die Geschichte der Wälder 
immer noch leichter lösbar als die irgend einer anderen Formation unseres Heimat- 
landes. 

') So sind Acer platanoides und Picea excelsa dort jetzt nirgends 
heimisch, Pinus silvestris nur im äussersten Südosten. 

•) Grevillius verlegt die Zeit der grösseren Ausbreitung von Ulmus 
montana in Schweden, für. welche die jetzigen sporadischen Vorkommnisse 



292 F. Hock, [56 

dass sie durch allgemeine, über weitere Teile Mitteleuropas, mindestens 
den grössten Teil der Ebene sich geltend machende klimatologiscbe 
Einflüsse bedingt sind. Während die Periode der Zitterpappel, in der 
neben dieser namentlich die Birke herrschte, wohl nach dem ersten 
Zurückweichen des Eises wenigstens erst ihren Höhepunkt erreichte, 
scheint die der Kiefer nicht unbedingt auf ein derartiges klimato- 
logisches Phänomen zurückzuführen zu sein, sondern nur dadurch er- 
klärt werden zu müssen, dass ebenso wie heute die Kiefer die Birke 
und Espe verdrängt ^), wo diese auf dem Waldboden während längerer 
Zeit miteinander frei kämpfen. Die Kiefer war nur durch klima- 
tische Einflüsse zeitweilig ganz zurückgedrängt und brauchte erst 
wieder eine gewisse Zeit, um von neuem vorzudringen und die Herr- 
schaft zu erlangen. 

Ein erneutes Vordringen des Eises, mit dem gleichzeitig die 
Westküste weiter zurückgeschoben wurde, scheint dann die Kiefer end- 
gültig von der Nordseeküste verdrängt zu haben, während sie weiter 
ostwärts vielleicht einstweilen mit der Stieleiche um den Vorrang stritt, 
bis beiden durch das Eindringen der Buche ^) die Herrschaft entrissen 
wurde. 

So weit können wir mit einiger Sicherheit unsere Schlüsse auf 
Thatsachen aufbauen. Der Umstand, dass nicht nur in Schweden die- 
selben Formationen sich sämtlich scheiden lassen, sondern auch wenig- 
stens aus interglacialen Mooren Brandenburgs und gar Englands (vgl. 
Nehring in Naturw. Wochenschr. VII) ähnliche Funde nachgewiesen 
sind , lässt bis zu gewissem Grade eine Verallgemeinerung dieser Er- 
gebnisse für Mitteleuropa zu. 

Leider sind die meisten der bisher in den Mooren nachgewiesenen Wald- 
pflanzen Holzgewächse, so dass wir über die ünterpflanzen der einzelnen 
Wälder wenig orientiert sind. Dass nun hier mit einiger Wahrscheinlichkeit 



sprechen, die er eingebend schildert (Englers Bot. Jahrbücher XX, Beibl. Nr. 49 
S. 78 ff), vor die Zeit der Eiche. Es wäre jedenfalls von Interesse, die Ergebnisse 
dieser Arbeit mit Beobachtungen an norddeutschen Standorten jener Ulme zu 
vergleichen , weshalb hier darauf verwiesen sei. — Diese Ulme soll übrigens wie 
auch die mit ihr in Skandinavien vergesellschafkete Populus tremula, femer 
Prunus PaduR und Salix Caprea in Norwegen dichteren Schatten geben als 
in Frankreich, da die Blätter dort bedeutend grösser und von frischerem Grün 
als in Frankreich sind (vgl. Bot. Jahresber. VI, 1878, 2, p. 466). 

^) Die meisten Bäume werden vielleicht in der Zeit der stärksten Vereisung^ 
an vielen Stellen ganz zurückgedrängt sein. Dass einige aber an geschützten 
Orten Norddeutschlands sich gehalten haben könnten, scheint mir namentlich für 
die neben grosser Kälte noch bedeutende Feuchtigkeit ertragende Espe nicht nur 
wahrscheinlich, wie andererseits auch ihre Samen eine sehr schnelle Ausbreitung 
ermöglichen, wenn sie in der Zeit der grössten Vereisung etwa auf ganz wenig* 
Orte beschränkt war. 

') Üeber die Verdrängung der Eiche durch die Buche auf natürlichem We^e 
in Dänemark noch während der letzten Jahrhunderte vgl. P. E. Müller a. a. 0. 
S. 83 ff. und 123, der wieder auf Vaupell, De danske Skove, Ejöbenhavn 1863, 
S. 285 — 292 verweist. Auf jedem ihr zusagenden Boden verdrängt die Buche die 
Eiche allmählich, besonders durch zu starke Beschattung und stärkere Ausbildung 
von Humus (vgl. auch Meigen in Englers Bot. Jahrb. XXI, S. 250, Christ, 
Pflanzenleben d. Schweiz, S. 160). Teilweise fällt diese Verdrängung der Eiche 
durch die Buche erst in die letzten Jahrhunderte. 



571 Laubwaldflora Norddeutsohlands. 293 

Schlüsse aus der augenblicklichen Verbreitung der Stauden und Kräuter 
und namentlich aus deren Verhältnis zu den Leitpflanzen der Wälder, 
den Gharakterbäumen, zu ziehen erlaubt ist, wenn diese Schlüsse nur mit 
der nötigen Zurückhaltung gemacht werden^), d. h. als Hypothesen, 
nicht als Thatsachen hingestellt werden, wird wohl jeder zugeben, 
der überhaupt eine Abhängigkeit der Verbreitung der Pflanzen vom 
Klima als in den meisten Fällen für deren Verbreitung massgebend erklärt. 
Dass diese aber vorliegt, bedarf wohl kaum eines Beweises. Natür- 
lich musste eine Pflanze erst Gelegenheit haben, in ein Gebiet, in dem 
sie die nötigen Existenzbedingungen vorfindet, vorzudringen, aber sonst 
wird sie unbedingt, wenn ihr nicht unüberwindliche Hindernisse (welche 
für Waldpflanzen natürlich auch in Sümpfen und grösseren Flüssen, 
sofern letztere nicht gerade zur Verbreitung der betrefiPenden Samen 
dienen, bestehen können) entgegen treten. Es werden daher die Pflanzen 
am schnellsten weiter vordringen, die die meisten passenden Standorte 
und die besten Verbreitungsmittel finden; deshalb breiten in einem 
Kulturland Unkräuter und ßuderalpflanzen, in einem Waldland Wald- 
pflanzen sich am schnellsten aus, woher auch dasselbe Land in ver- 
schiedenen Zeiträumen der Ausbreitung verschiedener Pflanzen ver- 
schieden günstig sein kann. So mag die Ausbreitung der verschiedenen 
Waldgenossenscbaften ^) in früheren Jahrtausenden bei uns verhältnis- 
mässig schnell und nur durch das augenblickliche Klima bedingt vor 
sich gegangen sein, während heute bei uns nur eine Pflanze sich rasch 
ausbreitet, die einen mehr ruderalen Charakter anzunehmen vermag. 
Dass klimatische Einflüsse die Verbreitung der in den verschie- 



') So möchte ich annehmen, dass die Buchenbegleiter sämtlich bei uns erst 
nach der Eiszeit eingewandert seien. Nun befinden sich aber unter diesen einige 
früh blühende Pflanzen wie Hepatica, Corydalis cava, die Dentaria- und 
Primula- Arten u. a. Es ist ziemlich häufig die Ansicht verbreitet, dass 
solche Arten bei uns die Eiszeit überlebt haben könnten. Wäre das der Fall, so 
v&re kein Grund einzusehen, warum diese nicht sämtlich auch zu den britischen 
Inseln vorgedrungen, was von den genannten nur für Primula der Fall (und zwar 
P. elatior nur nach England). Mir scheint das frühe Blühen hier nur eine An- 
passung an die Zeit, in welcher das Laub der Wälder noch wenig ausgebildet, 
zumal da sie sämtlich insektenblütig sind. Dass dichter Schatten dieser Art der 
Bestäubung nicht günstig, zeigt sich an Dentaria bulbifera, die im schattigen 
Hochwald meist (wegen Mangels an Insektenbesuch) steril bleibt (vgl. Loew, 
Blütenbiologische Floristik S. 186). Wie bei dieser die Bulbillen ein Schutzmittel 
gegen die Sterilität infolge zu staiker Beschattung, ist dies bei D. enneaphylla 
und Hepatica die mögliche Selbstbestäubung (bei letzterer erst zuletzt nach Ent- 
wickelung der inneren Staubblätter [Loew a. a. 0., S. 177]), und vielleicht ver- 
danken diesem Umstand die Waldesschatten liebenden Viola- Arten ihre Aus- 
bildung der Kleistogamie , die ähnlich auch bei Inipatiens noli tangere, 
Oxalis Acetosella u. a. vorkommt. 

^ Vielfach wird die Waldkultur durch Veränderung der Umgebung zur 
Vernichtung von Waldstauden beigetragen haben, wie andererseits das fast überall 
in die Waldlandschaften eindringende Kulturland ihrer weiteren Ausbreitung 
höchst ungünstig ist. Selbstverständlich können andererseits auch durch die Kultur 
ebenfalls derartige Pflanzen verschleppt werden, so dass es namentlich bei ganz ver- 
einzelten Standorten sehr schwer ist, zu entscheiden, ob diese als Reliktenstandorte 
zu betrachten oder durch Verschleppung zu erklären sind. Die Gesamtverbreitung 
der Genossenschaft, der sie angehören, kann in manchen Fällen den Zweifel ent- 
scheiden helfen. 



294 F. Hock. [58 

denen Perioden herrschenden Laubbäume bedingt haben, scheint zu- 
nächst aus der Verbreitung derselben nach Osten hin hervorzugehen. 
Denn während die Espe ostwärts durch ganz Sibirien bis zum Amur 
reicht, findet die Kiefer im mittleren Sibirien (etwa beim Werchojansld- 
schen Gebirge), die Stieleiche am Ural die Ostgrenze , während die 
Buche noch weit von diesem westwärts entfernt bleibt. Ein ähnliches 
Verhalten zeigt sich für die Polargrenze ^) dieser Bäume in Norwegen, 
die nach Schübeier für die Espe bei 70« 37', für die Kiefer bei 70 <> 20', 
für die Stieleiche bei 62« 55' und für die Buche bei 60« 37' liegt. In 
beiden Fällen ist nur der Unterschied zwischen Espe und Kiefer ein 
verhältnismässig geringer, vielleicht klimatisch kaum erklärbarer, wes- 
halb mir auch wahrscheinlich, dass die Verdrängung der Espe durch 
die Kiefer nicht durch klimatische Faktoren erklärlich ist. 

Dass andererseits nach Süden die Espe vielleicht am weitesten 
von den vier in Rede stehenden Bäumen, wenigstens bis Algerien, vor- 
gedrungen ist, während die Stieleiche meines Wissens nur für Marokko 
nachgewiesen, die Buche ^) und Kiefer aber in Spanien ihre Südwest- 
grenze finden, wird ebenso wie das Vordringen der ersteren beiden 
nach Westen bis Irland, der letzteren nur bis Grossbritannien dagegen 
auf historische Gründe zurückzuführen sein. 

Nun müsste man allerdings annehmen, dass, wenn die Kiefer vor 
der Stieleiche ^) in Schleswig-Holstein die Herrschaft erlangte, sie auch 
vor oder wenigstens mit ihr gleichzeitig nach Westeuropa vordrang. 
Dem steht nun auch nichts im Wege. Denn wie in Nordwestdeutsch- 
land bezeugen in England und Irland Moorfunde das einstige Vor- 
kommen der Kiefer^) an Orten, an welchen sie heute spontan nicht 



^) Es zeigt) daher das Auftreten der vier Bäume nacheinander höchst wahr- 
scheinlich eine Zunahme in der Temperatur an (vgl. auch Engler, Entwicke- 
lungsgeschichte der Pflanzenwelt I, 159). Hinsichtlich der Ostgrenze bildet eine 
Art Zwischenglied zwischen Buche und Eiche die Hainbuche» die aber nicht nur 
wie die Buche in Irland, sondern auch im Gegensatz zu dieser in Norwegen als 
spontan fehlt, andererseits in Schleswig-Holstein schon seit der Kiefemperiode 
nachweisbar ist. Aehnlich bildet hinsichtlich der Nord-, vielleicht auch Ostgrenze 
die Schwarzerle eine Art Zwischenglied zwischen Riefer und Eiche, ist sicher nach- 
weisbar in Schleswig-Holstein aber erst in der Eichenperiode. 

^ Bei der Buche allerdings wäre die Möglichkeit eines Vordringens nach 
Nordafrika über Sizilien . oder Korsika wohl vorhanden gewesen, wie verschiedene 
ihrer Begleiter zeigen (s. u.). Andererseits lässt ihr gutes Gedeihen als Kultur- 
bäum auf Madeira (vgl. Willkomm, Forstl. Flora, S. 451) nicht darauf schHessen, 
dass das heutige Klima sie in Nordafrika, wenn sie dahin vorgedrungen wäre, 
vernichtet hätte; in der Nähe der Küste hätte sie sich wohl wenigstens halten 
müssen, besonders an höher gelegenen Orten (vgl. S. 297 [61]). Es wird daher 
auch bei dieser Art wie bei der Kiefer ein Ereignis der Vorzeit entweder das Vor 
dringen zum schwarzen Erdteil gehindert oder sie später dort vernichtet haben, 
was noch näher zu prüfen wäre. 

') Beide fehlen nach v. Fischer-Benzons Untersuchungen dort in der 
Periode der Espe, treten aber nebeneinander in der der Kiefer auf. 

^) Jetzt fehlt die Kiefer spontan z. B. auch auf der kleinen Insel Mull im 
Westen von Schottland (56 — 57^ n. Br.), während sie angepflanzt da häufig vor- 
kommt, also gut gedeiht; dagegen finden sich dort spontan Quercus Robnr, 
Corylus Avellana, Betula alba, Prunus spinosa und Padus, Pirus 
aucuparia und Frazinus excelsior, sowie Salix alba, cinerea, 
aurita, Caprea, repens (vgl. Bot. Jahre^be^. VI, 1878, 2, S. 676 f.). 



59] Laubwaldflora Norddeutschlands. 295 

mehr zu finden ist (Babington, Manual of british botany). Zwar hat man 
(wie schon oben erwähnt, vgl. S. 244 [8], Anm.) andererseits auch 
Buchenreste in fossilem Zustande in Irland nachgewiesen, doch gehören 
diese schon tertiären Schichten an. Abgesehen davon, dass die Identität 
der Art mit unserer Waldbuche wohl noch nicht gesichert, wären sie 
also höchstens den präglacialen Buchenvorkommnissen in Schleswig- 
Holstein vergleichbar, die hier ausser acht gelassen werden können. 
Es ist daher anzunehmen, dass dasselbe Ereignis, das endgültig die 
Kiefer aus dem Westen Schleswig- Holsteins vertrieb, sie auch von 
Irland^) verscheuchte, mag dies nun ein zweites oder drittes oder gar 
viertes Vordringen des Eises gewesen sein. JedenfaUs vnrd wohl nicht 
die Kälte aUein gewirkt haben, sondern weit mehr, wenn nicht aus- 
schliesslich, die Feuchtigkeitsverhältnisse, denn sonst wäre noch eher 
als die Kiefer auch die Stieleiche verdrängt. Da die Kiefer als spontane 
Pflanze in dem England benachbarten Nordwestfrankreich wie in Belgien 
und Holland jetzt fehlt, wird sie in Grossbritannien sich an geschützten 
Orten erhalten haben, während sie solche in der nordwestdeutschen 
Ebene nicht fand (vgl. auch Reid in Transact. of the Norfolk and 
Norwich Naturalists' Society IV, 1886, S. 189 ff.)- 

Es lehrt uns dies mit grosser Wahrscheinlichkeit einige Beziehungen 
der Geschichte der Waldflora zu wichtigeren geologischen Ereignissen 
kennen. Das Vordringen der Stieleiche und Kiefer muss noch vor die 
Zeit der Trennung Grossbritanniens von Irland^) fallen, ähnlich wie es 
vor die Zeit der Entstehung der friesischen Inseln, der Abtrennung der- 
selben vom norddeutschen Festland fällt (vgl. Nadelwaldflora S. 363 [47]). 
Dagegen muss die Zeit des Vordringens der Buche nach der Ab- 
trennung Irlands sowohl als der nordfriesischen Inseln, aber vor die 
Zeit der Abtrennung Grossbritanniens und Rügens^) fallen, denn nach 



^) Selbst wenn auch Irland erst in postglacialer Zeit sich abgegliedert hat, 
wie Herr Prof. Kirchhoff, dem ich für einige briefliche Mitteilungen Über die 
Entstehung der Meeresstrassen zu Dank verpflichtet bin, annimmt, so muss diese 
Abtrennung doch ebenso wie die Bildung der friesischen Inseln doch vor die 
Buchenperiode, vielleicht an den Schluss der Eichenperiode fallen, wofür in 
letzterem Fall die Auffindung von Eichenstubben im Wattenmeer bei den Halligen 
spricht. 

') Dass diese vor der Trennung Grossbritanniens vom festländischen Europa 
eingetreten, lehrt mit einiger Wahrscheinlichkeit auch die Armut Irlands an Tieren 
(vgl. Peschel, Neue Probleme der vergleichenden Erdkunde S. 55), doch ist ein 
absolut sicherer Beweis durch beides natürlich nicht erbracht, da ebensowohl die 
in Irland fehlenden Pflanzen als Tiere auch da nachher ausgestorben sein können, 
wie dies von der Kiefer sehr wahrscheinlich ist. 

') Der Flora von Puttbus gehören z. B. allein von Buchenbegleitern an 
(vgl. Paeske in Verh. d. Bot. Vereins d. Prov. Brandenb. XX, 1878, S. 75 ff.): 
Hepatica, Ranunculus lanuginosus, Corydalis cava, Dentaria 
bufbifera, Phyteuma, Veronica montana, Lysimachia nemorum, 
Melica uniflorau. a. , während auf den friesischen Inseln sämtliche Arten 
aus Gruppe 1 — 8 mit alleiniger Ausnahme von (der daher in Gruppe 1 fraglichen) 
Potentilla procumbens fehlen. Ein Schluss daraus auf das Alter dieser 
Inseln ist indes nicht gerechtfertigt; denn gerade die zur Buche irgend welche 
Beziehungen zeigenden Arten sind schattenliebend, was für Eichen- und Kiefern* 
waidpflanzen weniger gilt, weshalb diese auch wohl auf ganz waldentblössten 
Inseln sich halten konnten. 



296 F. Hock, [60 

beiden Inseln ist die Buche uebst einigen ihrer wichtigeren Begleiter 
vorgedrungen, was heutigen Tages kaum denkbar wäre. 

Für die Zeit der Abtrennung Rügens nun giebt uns Credner 
(Forsch, z. d. Landes- und Volkskunde VII, Heft 5) einen Anhalt; er 
zeigt, dass diese in postglaciale , aber prähistorische Zeit fallt, sich 
aber nicht unmittelbar an den Rückzug des Inlandeises anschliesst. 

Als noch neueren Eindringling unter den bestandbildenden Bäumen 
haben wir in Norddeutschland ^) wohl höchstens die Edeltanne zu be- 
trachten, von deren Begleitern daher auch keiner nach England oder 
Rügen vorgedrungen, was möglich, wenn man annähme, dass auch sie^ 
ähnlich wie die sie in Mitteldeutschland so oft begleitende Fichte, einst 
weiter nach Nordwesten verbreitet war. 

Beurteilen wir von derartigen Gesichtspunkten aus die Verbreitung 
der Waldpflanzen, vor allem solcher, die viel gemeinsam vorkommen^ 
so hat das Aufstellen von Verbreitungsgruppen (Associationen) einen 
weiteren Wert, als den einer statistischen Zusammenstellung. Natürlich 
muss man bei der Zusammenstellung solcher Gruppen nicht in erster 
Linie Wert darauf legen, ob eine Pflanze ein paar Grad weiter oder 
weniger weit nach einer Richtung reicht als eine andere^), da dies 
durch unvollkommene Ausbreitung oder durch minimal verschiedene 
klimatische Ansprüche bedingt sein kann. Viel wichtiger für die Fest- 
stellung der Genossenschaften ist das gleichartige oder ungleichartige 
Verhalten der Pflanzen an schwer überschreitbaren Meeresgrenzen. 

Wenn z. B. Pirus torminalis auf England beschränkt ist, die 
Buche aber noch in Südschottland hineinreicht, wenn erstere schon in 
Westpreussen , letztere erst in Ostpreussen die Ostgrenze der Verbrei- 
tung erreicht, so spricht dies wenig gegen die Zusammengehörigkeit 
beider zu einer Genossenschaft, wofür andererseits ihr gemeinsames 
Auftreten auf Rügen wohl zu sprechen scheint. Weit bedenklicher ist, 
dass die Eisbeere auch nach Nordafrika vorgedrungen ist. Dieser Um- 
stand und das Vorkommen der Art auf Sardinien*) allein würden mich 



^) In Südeuropa werden Buche und Edeltanne, wie ihre höchst ähnliche 
Südgrenze annehmen lässt, ungefähr gleichalterig sein. Auf Korsika treten beide 
sogar in gleicher Höhe (1800 m) auf (vgl. Bot. Jahresber. VI, 1878, 2, S. 718). 
Bei Lugano sind beide nebeneinander zusammen mit Carpinas Betulus, 
Acer Pseudoplatanus und dem in Südeuropa sich ihnen oft zugesellenden 
Buxus sempervirens schon in einer der Eiszeit zugerechneten lacnstren Ab- 
lagerung nachgewiesen (vgl. Bot. Jahresber. XVII, 1879, 2, S. 176). 

') Daher stimmen diese Listen auch durchaus nicht im einzelnen mit den 
von Blytt für die Geschichte der norwegischen Flora (Englers Bot. Jahrb. U, 
S. 178 ff.) gegebenen überein, wie ja andererseits auch einzelne Unterschiede hin- 
sichtlich der Einwanderung der Arten in Norwegen und Norddeutschland denkbar, 
obwohl die Geschichte der Einwanderung der Gruppen im allgemeinen für beide 
Länder sehr ähnlich ist. Doch glaube ich, dass Blytt zu sehr die natürlich 
nicht ganz zu vernachlässigende Verbreitung nach Norden betont hat. 

^) Vielleicht hängt beides zusammen, da möglicherweise die nach Nord- 
afrika vorgedrungenen Pflanzen teilweise über Sardinien, das mit Tunis einst za- 
sammenhing und andererseits zu Anfang der Quartär- oder Ende der Tertiärzeit 
über Korsika, das mit Italien vereint war, gewandert sein könnten; bei Pflanzen wie 
die Stieleiche, die in Sardinien fehlt, aber in Marokko vorkommt, hat dagegen 
die Einwanderung über Spanien weit mehr Wahrscheinlichkeit; auch ist die 
Gibraltarstrasse sicher erst in nachtertiärer Zeit entstanden, wahrscheinlich nach- 



61] Laubwaldflora Norddeutschlands. 297 

bewegt haben, die Art aus der Gruppe der Buchenbegleiter auszuschliessen, 
in die sie mit Rücksicht auf die Formationsyerhältnisse in Norddeutschland 
kaum gehört, wenn nicht dann mehrere der am meisten charakteristischen 
Buchenbegleiter (bes. Veronica montana und Melica unifiora) 
auch aus der Liste hätten gestrichen werden müssen. Es zeigt dies 
nur, dass Arten, welche nach einzelnen Richtungen hin eine auffallende 
Uebereinstimmung in der Verbreitung zeigen, sie nicht nach allen Richtungen 
zu zeigen brauchen. In Norddeutschland ^), ja vielleicht in ganz Mittel- 
und Westeuropa mögen diese Arten gemeinsam oder wenigstens (ungefähr) 
gleichzeitig eingedrungen sein; darum können aber wohl einige von ihnen 
in Südeuropa älteren Datums sein, existiert haben zu einer Zeit, als 
Nordafrika mit Spanien, Sardinien mit Korsika zusammenhing. Aus- 
geschlossen ist ja auch durchaus nicht, dass nicht einst die Buche bis 
Sardinien und Nordafrika reichte, aber später etwa in einer wärmeren 
Periode dort im Kampfe mit Arten, die gegen hohe Temperaturen besser 
geschützt waren, erlag (vgl. indes S. 294 [58], Anm. 2). 

Umgekehrt fehlen nun manche Buchenbegleiter in England, was 
kaum auf klimatische Gründe zurückzuführen sein mag, wenn auch bei 
einigen derselben wie Hepatica u. a. (s. o.), das Fehlen oder seltene 
Au&eten in Nordwestdeutschland eine gewisse Empfindlichkeit gegen 
zu feuchtes Klima anzudeuten scheint. Sollten derartige Schlüsse aus 
dem Klima der Gegenwart nicht erlaubt sein, so möchte ich in den 
England fehlenden Buchenbegleitem eine jüngere Abteilung sehen, 
namentlich wenn dieselben gleichfalls, wie Ranunculus lannginosus 
und Galium silvaticum, in Skandinavien fehlen^). 

Um die Ergebnisse der Pfianzengeographie auch auf die Geschichte 
der Waldflora Norddeutschlands anzuwenden, wäre es also unsere Auf- 
gabe, die Waldpflanzen so weit als möglich einem der Leitbäume in den 
einzelnen Perioden anzuschliessen. 

Dass dies für eine grössere Zahl der Pflanzen von Gruppe 1 und 2^) 
im Vergleich zur Buche möglich, habe ich schon angedeutet. Berück- 



dem die Yerbindung von Mittelmeer und Atlantischem Ocean Über Südandalusien 
aufhörte. Bei Elymus europaeus möchte aus der jetzigen Verbreitung (s. S. 104) 
dagegen eher an eine Wanderung über Sizilien gedacht werden. 

*) Auf dies Gebiet beziehen sich meine Untersuchungen in erster Linie; 
würde ich nur Mitteldeutschland mit hineinziehen, so stände nichts dem im Wege, 
Tannen* und Buchenbegleiter in eine Gruppe zu vereinigen, obwohl ich erstere 
für eine jüngere Abteilung dieser Genossenschaft als die norddeutschen Buchen- 
begleiter ansehe. 

') So halte ich auch die sowohl in Rügen als in England, nicht aber auf 
dem skandinavischen Festland gefundene Orchis purpurea unbedingt für einen 
postglacialen Wanderer, wenn auch natürlich die Möglichkeit nicht ganz aus- 
geschlossen, ,das8 sie seit der Interglacialzeit ununterbrochen im Havelgebiet* 
lebt (A. Schulz, Grundz. einer Entwickelungsgesch. d. Pflanzen w. Mitteleuropas 
S- 92. — Eine streckenweise Wanderung einiger Buchenbegleiter wie Epipactis 
microphylla, Cephalanthera pallens und rubra nimmt dieser Autor 
auch an, ebd. S. 95 und 184). 

•) Bei Gruppe 3 wird der Anschluss schon wesentlich geringer. Dass manche 
Pflanzen namentlich aus Gruppe 1 — 3 in gewissen Gegenden kalkhold erscheinen, 
andererseits gern auf Humusboden auftreten , mag z. T. aus dem grossen Ab- 
sorptionsvermögen dieser beiden Bodenarten (im Gegensatz zum Quarzsand) für 
Wasserdampf zu erklären sein (vgl. Ebermayers Lehre der Waldstreu). 



298 F. Hock, [62 

sichtigen wir in erster Linie die Verbreitung nach Osten, so müssten 
sich ähnlich die Pflanzen der Gruppe 4 an die Espe, die von Gruppe 5 
an die Stieleiche anschliessen. 

Für die dort durch fetten Druck bezeichneten, soweit sie nicht 
in Irland fehlen, ist dies nun auch nicht unwahrscheinlich, doch ist 
die Zahl derselben leider bei den sich an die Stieleiche anschliessenden 
Arten ziemlich gering; sie wird aber in beiden Fällen noch weit ge- 
ringer, wenn man gleichzeitig aus dem Auftreten in Nordafrika einen 
Schluss auf das Alter der Pflanze in südlichen Ländern^) machen wollte. 
Es würde dann sogar Corylus Avellana, einer der treuesten Eichen- 
begleiter nicht nur in der Gegenwart, sondern, wie die Moorunter- 
suchungen') an yerschiedenen Orten ergeben haben, auch in früheren 
Zeitaltern, aufhören, unter die Eichenpflanzen zu zählen. Es zeigt uns 
das wieder, wie bei den Buchenbegleitem, dass in Mitteleuropa gleich- 
alterige Arten nicht notwendig auch zu gleicher Zeit sich in Südeuropa 
ausgebreitet zu haben brauchen. 

Dass diese Schlüsse wenigstens für einige in Mooren gefundene 
.Holzpflanzen zutreffen, geht z. B. aus Anderssons in Schonen ange- 
stellten Untersuchungen hervor, wo mit der Espe und Birke gleichzeitig 
Salix aurita, cinerea und Caprea erscheinen, die auch oben 
neben jenen zu Gruppe 4 gehören, während mit der Eiche die gleich- 
falls neben ihr in Gruppe 3 gerechneten Eyonymus europaeus, 
Fraxinus excelsior und Alnus glutinosa auftreten. Wenn 
diese Ergebnisse daher für Holzpflanzen, bei denen eine Kontrolle mit 
den Ergebnissen der Mooruntersuchungen möglich, ein positives Resultat 
ergaben, warum sollte man dann nicht berechtigt sein, bei Stauden 
wie Stellaria holostea, Aiuga reptans und Mercurialis 
perennis, die zwar nicht nur mit der Eiche, sondern auch mit anderen 
Laubbäumen vereint oft auftreten, gleichfalls auf nähere Beziehungen 
zur Stieleiche zu schliessen, oder Pflanzen wie Oxalis Acetosella, 
Pirola minor und rotundifolia als bei uns etwa gleichalterig mit 
der Espe zu betrachten? Ein vollkommen unbestreitbares Resultat geben 
ja selbst die Mooruntersuchungen nicht; denn, wenn auch in hundert 
Mooren nie Oxalis neben der Espe oder Mercurialis neben der 
Stieleiche nachgewiesen würde, wäre doch nicht sicher, dass jene Stauden 
nicht mit den betreffenden Bäumen gleichzeitig existiert hätten; sie könnten 
nur zufällig sich nie erhalten haben oder stets bisher übersehen worden 
sein. Nur das höhere, nicht das geringere Alter einer Art lässt sich 
unbestritten durch fossile oder subfossile Funde nachweisen. 



^) Im oberen Arnothal ist indes eine von unserer Buche nicht mehr ver- 
schiedene Art schon im jüngeren Pliocän nachgewiesen (Saporta, Die Pflanzen* 
weit vor dem Erscheinen des Menschen, S. 8B5). Wahrscheinlich aber stand im 
Pliocän Italien mit Nordafrika Über Sizilien in Verbindung (Forsyth M%jor im Kos- 
mos YII, 1883, S. 3 f.), 80 dass auch auf diese Weise damals Begleiter der Buche 
nach Nordafrika gelangen konnten. 

^ Bei Beidorf hatte wie heute einst der Haselstrauch das Unterholz in 
Eichenwäldern gebildet (nach y. Fischer-Benzon). Aehnliche Verhältnisse finden 
sich in Ablagerungen aus Russland (Bot. Jahresber. XIX, 1891, 2, S. 395), Italien 
(ebd. S. 897 f. und XVIII, 1890, 2, S. 229), Frankreich (ebd. XVII, 1889, 2^ 
S. 829 f.) und anderen Ländern. 



63] LaubwaJdfiora Norddeutschlands. 299 

Dass nun andererseits die Pflanzen einer Verbreitungsgruppe 
(Association) nicht immer in derselben Formation auftreten , darf uns 
nicht wundern, da die Holzpflanzen selbst sich vielfach miteinander 
mischen. Ihre Ansprüche an Boden, Elima und Standort sind nicht 
so verschiedenartig, dass nicht sämtliche Gharakterbäume stellenweise 
miteinander Mischbestände bilden. Ob nun diese Mischbestände oder 
die reineren Bestände das Ursprüngliche sind, ist wohl ein müssiger 
Streit. Beiderlei Bestände werden jedenfalls lange nebeneinander be- 
standen haben. Dass schon früh in den Waldein gewisse Bäume domi- 
niert haben, wenn sie auch nicht allein den Bestand der Wälder aus- 
machten, lehren die Moorstudien. Dass einige Bäume, wie Kiefer und 
Buche besondere Neigung zur Bildung reiner Bestände haben ^), wäh- 
rend andere, wie namentlich die Eichen (und bei uns auch die Birken) 
seltener allein auftreten, lehrt die Beobachtung der Wälder, wenn auch 
nach beiden Richtungen hin der Einfluss des Forstmanns sich jetzt 
geltend gemacht hat. Dass auch die im Alter einander näher stehenden 
Bäume sich bei uns am häufigsten mischen, können wir gleichfalls beob- 
achten; so tritt die Espe und Birke vielfach mit der Kiefer zusammen 
auf, während die Stieleiche sowohl der Kiefer als der Buche sich öfter 
zugesellt, dagegen weniger häufig Buche und Kiefer in Mischwuchs 
gefunden werden. Dass die Misch waldflora sich aus Begleitern der 
vereint auftretenden Bäume zusammensetzt, ist selbstverständlich. Nicht 
selten wird aber auch aus einem gemischten Bestand sich eiae Pflanze 
in einen Reinbestand hineinbegeben, der sonst sie seltener beherbergt. 
Solche Vorkommnisse erschweren die Feststellung der Begleiter der 
einzelnen Bäume und natürlich am meisten bei derartigen Pflanzen, 
die häufig in gemischten Beständen vorkommen und an recht ver- 
schiedenen Standorten auftreten. 

Daher werden die Listen im zweiten Teil dieser Arbeit noch sehr 
verbesserungsfähig sein durch genauere Beachtung der Bestände unserer 
Wälder, während die im dritten Teil gleichfalls sicher noch manche Ver- 
änderung erleiden werden infolge der genaueren Erforschung einzelner 
Länder, namentlich Sibiriens. Eine unbedingte Kongruenz zwischen 
Formationen und Associationen, denen die einzelnen Bäume angehören, 
braucht indes nicht zu bestehen, wie uns Gruppe 3 zeigt, die Pflanzen 
enthält, welche zwar vielfach für die Buchenformation höchst charak- 
teristisch sind, dennoch aber als Glieder unserer Flora entschieden weit 
älter als die Buche, wenigstens nach ihrem erneuten Vordringen nach 
der Eiszeit, sind. Ob sie vielleicht in anderen Beständen an geschützten 
Orten die Eiszeit überdauert haben, oder ob sie nur nach dieser Periode 
der Buche vorangeeilt sind und so sich über weit grössere Räume als 
dieser Baum ausbreiteten, dies zu entscheiden haben wir gar keine An- 
haltspunkte; die einige Beziehungen zu ihnen zeigende Tilia ulmi- 
folia scheint nach Moorfunden in Norddeutschland sowohl als in 
Schweden zu urteilen jedenfalls vor der Buche, mindestens schon mit 



*) Vgl. auch Brandis in Sitzungsber. d. Naturhist. Vereins d. preuss. Rhein« 
lande, Westfalens und des Reg.-Bez. Osnabrück LI, 1894, S. 36 f. 



300 F. Hock, [64 

der Stieleiche zusammen, der sie sich in Russland oft anschliesst, auf- 
getreten zu sein. 

Eine ziejoilich grosse Zahl gerade der Pflanzen, welche in Laub- 
sowohl als Nadelwäldern und daher öfter auch in Mischwäldern auf- 
treten, wie Anemone nemorosa, Convallaria, Maianthemum, 
Oxalis Acetosella und einige Pirola- Arten, treten auch in Nord- 
amerika^) spontan auf. Weit grösser ist die Zahl der Waldpflanzen, 
die in Nordamerika durch nahe Verwandte yertreten sind. Sie ist so 
gross, dass wir geradezu sagen können, dass die Mehrzahl unserer 
Waldstauden so nahe Beziehungen zur Flora Nordamerikas zeigen, dass 
wir annehmen können, dass die nordamerikanischen und europäischen 
Arten wirklich genetisch zusammenhängen, wie es für eine Reihe von 
Holzpflanzen unserer Wälder direkt durch Fossilien nachgewiesen ist. 

Mag nun die Ursprungsstätte dieser Arten in Nordamerika oder 
in Ostasien oder in den beide einst verbindenden Gebieten^), oder, 
was wohl am wahrscheinlichsten, zum Teil auf beiden Seiten des 
heutigen Pacifischen Ozeans zu suchen sein, jedenfalls können wir 
annehmen, dass in groben Zügen die Vorgeschichte dieser Arten die- 
selbe ist. Auch die nicht derselben Association angehörigen Arten 
stimmen in der Beziehung wahrscheinlich überein, weshalb ich (Naturw. 
Wochenschr. 1895, Nr. 19) den Vorschlag gemacht habe, diese Arten 
unter dem Namen „Konsortium borealer Waldpflanzen*' in eine Genossen- 
schafbsgruppe von grösserem umfange zu vereinen. Selbst Gfattungen, 
die gar nicht in der Neuen Welt vertreten sind, können vielleicht diesem 
Konsortium anzuschliessen sein, wenn fossile Funde dafür sprechen oder 
wenn nahe verwandtschaftliche Beziehungen sie mit dort vorkommenden 
verbinden. So glaubt man fossile Reste von Epheu^) in Nordamerika 
gefunden zu haben (Natürl. Pflanzenfam. III, 8, S. IG f.), und He- 
dera zeigt auch nahe Beziehungen zu der sowohl in der Alten als 
Neuen Welt vertretenen Gattung Gilibertia. 

Wie wir beim Epheu mit einiger Wahrscheinlichkeit aus der 
heutigen Verbreitung der Gattung selbst sowohl als aus der naher 
Verwandter auf eine Wanderung von Ost- nach Westasien längs des 
Himalaya schliessen können, so dürfte für die Buche eine solche Wande- 
rung auch wahrscheinlicher sein als die durch Sibirien, da auf letzterem 



*) Richter (Plantae Europaeae) nennt auch Holcus mollis f&r Nord- 
amerika, was wohl höchstens auf vereinzelter Verschleppung beruhen könnte, 
die ich übrigens auch in der mir zur Verfügung stehenden Litteratur nicht be- 
stätigt finde. 

*) Auf den Kurilen, die wahrscheinlich ein Rest jener einstigen Verbindung 
zwischen Asien und Nordamerika sind, finden sich heute von wichtigeren 
Charakterpflanzen unserer Laubwälder nach Miyabe (Memoirs of the boaton 
Society of Natural history IV, Nr. 7): Oxalis Acetosella, Impatiens noli 
tangere, Circaea alpina, Viburnum Opulus, Asperula odorata, Vac- 
cinium uliginosum, Pirola minor, Trientalis europaea, ülmus cam- 
pestris (s. o. S. 288 [52], Anm. 3), Salix Caprea, Populus tremula, Poly- 
gonatum officinale, Maianthemum bifolium, Convallaria maialis und 
Melica nutans, doch auch einige der bei uns nur stellenweise spontan auf- 
tretenden Arten, wie Alnus incana und Cornus suecica. 

•) üeber die vermutliche Vorgeschichte der Gattung in Europa vgl. Sa- 
porta. Die Pflanzenwelt seit dem Erscheinen des Menschen S. 370 ff. 



^55] Laubwald flora Norddeutschlands. 301 

Wege der Zusammenhang mit den fossil in Australien nachgewiesenen 
Fagus- Arten schwer zu erklären, dienaheßeziehungen zuF.Feroniae 
des europäischen Tertiärs zeigen (vgl. Bot. Jahresber. XX, 1892, 2, 
S. 332, Ref. 172), während jetzt in Australien wie überhaupt auf der 
südlichen Erdhälfte von Fageen nur Notho fagus- Arten vorkommen^). 

Im Qegensatz zu diesen Arten liegt es bei den mehr oder minder 
häufig heute noch in Sibirien vorkommenden Arten nahe, eine Ein- 
wanderung von Ost- nach Westasien und Europa über die nordasia- 
tischen Länder anzunehmen. 

Dass auch die unmittelbare Einwanderung von Amerika nach Europa 
möglich, setzt Koppen (im Anschluss an Nathorst) für Corylus 
Avellana auseinander, deren nahe Verwandte C. Mac Quarrii im 
Miocän der arktischen Gebiete, nicht aber im Pliocän Japans nach- 
gewiesen ist, da unsere Hasel präglacial aber in England und Nord- 
deutschland, in der Schweiz dagegen erst in interglacialen Funden 
nachweisbar ist *). Denkbar (wenn auch nicht gerade sehr wahrschein- 
lich, wie auch Koppen in obigem Fall zugiebt) wäre diese Art der 
Wanderung besonders für Arten, die ostwärts nicht wesentlich über 
die Grenzen Europas hinausreichen. 

Ohne weiter auf diese jedenfalls sehr problematischen Fragen 
einzugehen, sei nur noch erwähnt, dass einzelne Arten auch unter denen, 
die ziemlich nahe Beziehungen in ihrer Verbreitung zu einzelnen unserer 
Bäume zeigen, so dass man sie wohl mit ihnen zu einer Association 
rechnen möchte, in ihrem näheren Verwandtschaftskreise sehr geringe 
Beziehungen zu Amerika zu haben scheinen, wie unter den Buchen- 
begleitem etwa Arum*) maculatum und Lappa nemorosa^). 

Während bei diesen Arten die Vorgeschichte, mindestens seit dem 
Bestehen der betreffenden Gattungen, verschieden von der unserer Wald- 
bäume ist, fehlt es natürlich auch in unserer Laubwaldflora wie unter 
den Pflanzen unserer Kiefernwälder nicht an Pflanzen, die eine unbe- 
dingt andere Einwanderungsgeschichte in Norddeutschland als die Wald- 
bäume aufzuweisen haben. Auch hier treten wie unter den Nadelholz- 
pflanzen atlantische Arten auf. Ausser dem für das Deutsche Heich 



') Aebnlich würden die Beziehungen von Asperula odorata oder 
^Stellaria nemorum zu australischen Arten derselben Gruppen (vgl. Verh. d. 
Bot. Ver. d. Prov. Brandenb. XXXVI, S. XII) zu erklären sein. Möglicherweise sind 
in den Gebirgen des malayisch-poljnesischen Gebiets noch Zwischenglieder aufzu- 
finden. — Andererseits sind fossile Buchen aus dem unteren Pleistocän auch im 
Altai nachgewiesen (Bot. Jahresber. XV, 1887, 2, S. 298) zusammen mit sehr vielen 
anderen Pflan zen arten , die heute noch leben, aber nicht mehr im Altai vor- 
kommen. 

*) Tn ähnlicher Weise scheinen fossile Funde anzudeuten, dass die Eichen, 
welche heute in Südfrankreich vorkommen, dorthin während der Quartärzeit vom 
Norden aus eingewandert sind (Saporta a. a. 0. S. 338). 

•) Entfernte Beziehungen zeigt indes auch Ar um zu der im gemässigten 
Asien und Nordamerika (wie in Habesch) vertretenen Gattung Arisaema, und 
Lappa zu der in der nördlich gemässigten Zone weit verbreiteten (mit einer Art 
auch in Australien vertretenen) Gattung Saussure a. 

*) Aehnlich wie die Gattung Lappa ist auch die Sect. Vernales, der 
alle drei Waldprimeln unseres Gebiets angehören, unbedingt vorderasiatischen Ur- 
sprungs (vgl. Pax' Monographie in Englers Bot. Jahrb. X, S. 177). 
Forschangen zur deutschen Landes- und Volkskunde. IX. 4. 21 



302 !•'• Hock, Laubwaldflora Norddeutschlands. [(J6 

zweifelhaften Endymion werden von Roth als solche , Pflanzen, welche 
den Atlantischen Ozean auf der Westküste Europas begleiten* noch 
Pirus suecica, Cornus suecica undGlyceria rem ota genannt, 
denen man allenfalls noch Corydalis claviculata und Carex 
strigosa anschliessen könnte; dagegen stimme ich E. H. L. Krause 
ganz bei, wenn er Hex und Primula acaulis^) nicht in diese 
Gruppe aufgenommen haben will (Bot. Centralbl. LX, 1894, S. 293), 
da sie im Südosten bis zur Balkanhalbinsel und noch darüber hinaus 
reichen, nur in der Ebene sich etwas dem Einfluss des Atlantischen 
Ozeans anzupassen scheinen, in den Gebirgen aber weit verbreitet sind. 
Wie Krause schon sagt, schliessen sie sich in gewisser Weise der 
(allerdings im Norden weiter ostwärts reichenden) Buche an, mit der 
sie wenigstens in Schleswig-Holstein auch nicht selten gemeinsam 
auftreten. 

Auch Vertreter der Stromthalpflanzen (vgl. Linnaea XLII, 1879, 
S. 547 ff.) fehlen in unserer Laubwaldflora nicht; als solche nennt 
Loew z. B. (ebd.): Arabis Gerardi, Hypericum hirsutum, 
Chaerophyllum bulbosum, Dipsacus pilosus und Allium 
Scorodoprasura. 

Noch andere Associationen mögen Vertreter in unsere Laubwald- 
flora entsenden. So werden manche der schwer in ihrer Verbreitung 
sich einem unserer Bäume anschliessenden Arten als Vertreter beson- 
derer Verbreitungsgruppen zu betrachten sein. Dass die Mehrzahl der 
hapaxanthen Vertreter der Laubwaldflora in ihrer Verbreitung einige 
Abhängigkeit vom Menschen zeigen, also subruderal auftreten (gleich 
einigen oben bezeichneten Stauden), habe ich schon in meiner Arbeit 
über die „Kräuter Norddeutschlands " (Englers Bot. Jahrb. XXI, 1895, 
S. 75 ff.) nachzuweisen gesucht. Dass auch zu anderen Pflanzengruppen, 
namentlich zu den Wiesenpflanzen, nahe Beziehungen vorhanden, wird 
jeder einsehen, der einmal den Versuch macht, die Pflanzen nach den 
Standorten zu gruppieren. Deswegen wird mancher vielleicht in obiger 
Uebersicht die eine oder andere Pflanzenart überflüssig finden und dafür 
andere vermissen; andererseits aber lassen sich die oben versuchsweise 
aufgestellten Associationen vielleicht durch Hinzuziehung anderer Arten 
vervollständigen, was zu prüfen mir bisher noch nicht möglich war. 

Noch ganz ungelöst ist die Frage des Verhaltens der Zellen- 
kryptogamen unserer Wälder zu den sie tragenden oder beschattenden 
Bäumen, die vorläufig bezüglich der genaueren Verbreitung wohl noch 
lange ungelöst bleiben wird, dennoch aber Forschern auf diesem Ge- 
biet zur Beachtung empfohlen werden mag. Namentlich scheinen 
Erdmoose für die Entwickelung der Waldbestände durchaus nicht un- 
wesentlich zu sein (vgl. Sernander, Einwanderung der Fichte in Skandi- 
navien in Englers Bot. Jahrbüchern XV, 1893, S. 1 ff.). 



^) Vielleicht schliesst sich diesen Luzula angustifolia an, die K r as a n 
nach neuerlicher brieflicher Mitteilung sowohl im Hohen Rarste als auch bei Gniz 
als steten Buchenbegleiter beobachtete. 



S c h 1 n s s. 



Ein Versuch, das norddeutsche Tiefland auf Grund der Ergebnisse 
dieser Arbeit und derjenigen der ^ Nadel waldflora" in Waldgebiete zu 
teilen, würde zunächst die beiden von Borggreve (diese „Forschungen" 
III, 1) schon unterschiedenen Gebiete, das „nordostdeutsche Kieferngebiet** 
und das „nord westdeutsche Heidegebiet** 0^ scheiden lassen, welche dann 
durch die Grenze der spontanen Verbreitung der Kiefer und ihrer 
wichtigsten Begleiter zu trennen wären. Während so der Westen und 
die Mitte Schleswig-Holsteins mit dem nord westdeutschen Tiefland (im 
Umfange von Buchenaus Flora) mit Recht vereint würden, müsste man 
indes unbedingt den Osten dieser Provinz gemeinsam mit den Grenz- 
ländern der Ostsee von Mecklenburg bis zum westlichen Ostpreusseu, 
also grosse Teile Mecklenburgs, Pommerns und Westpreussens, als 
4 baltischen Buchenbezirk ** abtrennen, der dann südwärts sich in die 
Ucker- und Neumark hinein erstreckt und mindestens einzelne Ausläufer 
in das nordwestliche Posen (z. B. nach Buchwald bei Rogasen) ent- 
sendet. Dagegen wäre der äusserste Nordosten unseres Vaterlandes 
mit dem russischen Waldgebiet zu vereinen, indem von Laubhölzern 
die Stieleiche vorherrscht, von Nadelhölzern aber Fichte und Kiefer 
vereint auftreten. Die Fichte tritt noch im Süden unseres Tieflandes, 
dort in Gemeinschaft mit der Tanne, wieder auf; dieser Teil wäre 
dem „mitteldeutschen Fichtengebiet ** Borggreves anzuschliessen , in 
welchem auch die Buche eine nicht untergeordnete Rolle spielt. Letztere 
reicht dann häufig noch wesentlich weiter nordwärts als die Fichte und 
Tanne, wozu jedenfalls die Kultur auch viel beigetragen hat. Doch wird 
man die äussersten vorgeschobenen Posten einiger ihrer Begleiter, die in 
den eigentlichen Küstenländern nicht vorkommen, mit hierher ziehen 
müssen, z. B. die von Melittis in Brandenburg und dem südlichen 
Preussen*) und gar Leucoium bei Hamburg (wenn das dortige Vor- 
kommen ein ursprüngliches ist). 

*) Besser wohl als „Bezirke* zu bezeichnen, da man zur Unterscheidung 
von Florengebieten grössere Unterschiede verlangt. 

*) Obwohl sie hier stellenweise unter Stieleichen auftritt, so nach Kling- 
gräff im Eichhorst in der Lenteburger Gegend, wohl dem nördlichsten Punkt 



3()4 ^- Hock, Laubwaldfloi-a Norddeutschlands. [(38 

Ist SO auch die Gesamteinteilung in Waldgebiete keine wesent- 
lich andere als die schon von Borggreve gegebene, so denke ich doch, 
dass auch für den Geographen diese Arbeit eine erwünschte Ergänzung 
zu jener Borggreves geben wird, insofern sie den Hauptcharakterpflanzen 
die Begleiter hinzufügt. 

So hoffe ich denn, dass der thatsächliche Inhalt dieser Arbeit 
dieselbe günstige Aufnahme finde wie der meiner ^ Nadel waldflora**, 
wenn auch im einzelnen vielleicht einige Ungenauigkeiten untergelaufen 
sein mögen. Dass bezüglich der in der Arbeit ausgesprochenen theore- 
tischen Ansichten viele Pflanzengeographen zum Teil anderer Ansicht 
sein werden, ist selbstverständlich. Wird doch immer der Boden 
schwankender, je weiter man von dem Weg der reinen Thatsachen ab- 
weicht, und oft ist es nur eine einzelne Pflanze, die einen noch vor 
dem vollen Versinken in den Abgrund der Ratlosigkeit schützt. Da ich 
aber stets diese Ansichten als anfechtbar bezeichnet habe, so hoöe ich, 
dass niemand auf Grund subjektiv verschiedener Anschauungen in der 
Beziehung die Mühe verkennen wird, die auf die Richtigstellung des 
thatsächlichen Inhalts verwandt ist, und die ganze Arbeit verurteilen 
wird, weil er über Dinge anderer Ansicht ist, die heute noch zu sehr 
in das Gebiet der Hypothesen hineingehören. 

Wenn ich auch für diese „Forschungen" die Untersuchungen 
über die Waldflora Norddeutschlands ^) für abgeschlossen betrachte, so 
werde ich dieselben im übrigen noch nicht aus den Augen verlieren 
und bitte daher, mir Beobachtungen über Waldbestände unseres Ge- 
biets und der Nachbarländer auch in Zukunft zugehen zu lassen, nament- 
lich solche über die Bestände, welche selbst zu beobachten ich am 
wenigsten Gelegenheit habe ; zugleich danke ich allen denen nochmals, 
welche mir derartige Beobachtungen übermittelten oder zur Lösung 
irgend welcher mit dieser Arbeit in Verbindung stehenden Fragen 
beitrugen. 



ihrer Verbreitung; obwohl doi*t Fagus ganz fehlt, sind einzelne ihrer Begleiter, 
wie Hepatica, Ranunculus lanuginosus, Hypericum montanum, 
nicht selten , was wiederum zeigt , dass von einem strengen Anschluss an den 
Leitbaum nicht die Rede sein kann; selbstverständlich können dennoch ursprüng- 
lich diese Arten im Gefolge der Buche auch jenes Gebiet erreicht haben oder aus 
Buchenwäldern wenigstens dorthin gewandert sein. Dass jetzt Fagus im süd- 
lichen Westpreussen seltener und meist durch Carpinus ersetzt ist, hebt auch 
Conwentz in seiner S. 253 [17] Anm. 8 genannten Arbeit hei'vor. 

*) Zwei wichtige, während des Druckes dieser Arbeit erschienene Arbeiten 
mögen hier wenigstens kurz genannt werden, nämlich Conwentz, Ueber einen 
untergegangenen Eibenhorst im Steller Moor bei Hannover (Ber. d. Deutschen bot. 
Gesellsch. XIII, 402 ff.) und Drude, Deutschlands Pflanzengeographie, Teil I. 



li' 



(z> 



Die geographische Verteilung 



DER 



:niederschlige 



IM 



nordwestlichen Deutschland. 



VON 



DB. PAUL MOLDENHAUER 

IN KIEL. 



MIT EINER KARTE, (^ 



1 .1 



•■ »^^ z:^.^— ••» ■ 



STUTTGART. 
VERLAG VON J. ENGELHORN. 

1896. 



Drack der Union Deutsche Yerlagsgesellscbaft in Stuttgart. 



Inhalt. 



Verzeichnis der Quellen und der Litteratur 

I. Notwendigkeit der kartographischen Darstellung . . . 
II. Litteratur: 1. Karten, 2. Abhandlungen 

III. Quellen 

IV. Bearbeitung und Prüfung des Materials 

1. Umrechnung in Metermass 

2. Berechnung des arithmetischen Mittels oder des 
Scheitelwertes? 

rS. Fehler, die hervorgehen aus der Einrichtung der 
Regenmesser 

4. Fehler, die hervorgehen aus der Aufstellung der- 
selben 

5. Fehler, die hervorgehen aus dem verschiedenen 
Alter und der verschiedenen Länge der Beobach- 
tungsreihen 

6. Möglichkeit der Verbesserung der Mittel kurzer 
Reihen .... * 

a) Periode der Regenschwankungen .... 

b) Reduktionsmethoden 

c) Nutzen der Reduktionen 

V. Einrichtung der Tabellen der Jahresmittel 

VI. Meteorologische Grundsätze, die dem Entwurf der Karte 

zu Grunde liegen 

Vn. Besprechung der einzelnen Teile des nordwestlichen 

Deutschlands 

L Harz und Thüringer Wald 

II. Das rheinische Gebirgsland 

III. Hessisches und Weserbergland 

IV. Das Maingebiet 

V. Schleswig-Holstein 

VI. Norddeutsches Flachland westlich der Elbe . 
VII. Norddeutsches Flachland östlich der Elbe 

VIII. Allgemeine Ergebnisse der Untersuchung 

IX. Nachtrag 



Seite 


309—310 


[5-6] 


311 


[71 


311—812 


7-8] 


312-313 


B-9] 


313—322 


[9-18] 


313 


[9] 


313—314 


[9-10] 


314-315 


[10-11] 


315—317 


[11-13] 


317—318 


[13-14] 


318—322 


[14—18] 


318-319 


14-15 


319—322 


15—18 


322 


18 


323 


[19] 


323 


[19] 


323—348 


[19—44] 


324 330 


[20-26] 


330-336 


'26-32] 


337—339 


[33—35] 


339—340 


35-36] 


340-343 


'36—39 


343—347 


39-43 


347—348 


[43—44] 


349—351 


[45—47] 


352 


[48] 



Beilagen: 

1. Tabellen der Jahresmittel der Niederschläge . 

2. Regenkarte. 



353—372 [49-68] 



Verzeiclinis der dnellen nnd der Litteratnr. 

I. Qaellen« 

1. Publikationen des Königlich Preussischen Meteorologischen Instituts: Dove, 

«Elimatologie von Norddeutschi an d**, 2. Abteilung, ^Regenhöhe" 1871. — 
, Monatliche Mittel des Jahrgangs 1875 für Druck, Temperatur, Feuchtigkeit 
und Niederschläge* (enthält Arndts Berechnung der Mittel der bis 1875 vor- 
liegenden Jahresreihen) ; seit 1876 die jährlichen Veröffentlichungen, die er- 
schienen sind bis 1878 unter dem Titel: „Monatliche Mittel des Jahrgangs 
1876 (ff.) für Druck, Temperatur, Feuchtigkeit und Niederschlag*, veröffent- 
licht vonDove; von 1879 — 1887 unter dem Titel: „Ergebnisse der meteoro- 
logischen Beobachtungen im Jahre 1879 (ff.), veröffentlicht vom Königlichen 
Meteorologischen Institut in Berlin*; von 1887 an unter dem Haupttitel: 
„Deutsches Meteorologisches Jahrbuch für 1887 (ff.), Beobachtungssystem des 
Königreichs Preussen und benachbarter Staaten*. 

2. Publikationen der Deutschen Seewarte: „Meteorologische Beobachtungen in 

Deutschland", Jahrgang 1876 — 1877, veröffentlicht von Bruhns, Jahrgang 
1878—1888, veröffentlicht von der Deutschen Seewarte; seit 1887 unter dem 
Haupttitel: „Deutsches Meteorologisches Jahrbuch, System der Deutschen 
Seewarte.* 

3. , Deutsches Meteorologisches Jahrbuch, Ergebnisse der meteorologischen Beob- 

achtungen in Bremen*, herausgegeben von Bergholz, 1891. 

4. Karsten: „Beiträge zur Landeskunde der Herzogtümer Schleswig und Hol- 

stein«, 2. Reihe, 1872. 

5. „Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie*, Jahrgang 4 und 

folgende, 1876-1888. 

IL Litteratar« 

A. Karten mit begleitendem Text. 

1. V. Möllendorf: „Die Regen Verhältnisse Deutschlands* in den „Abhandlungen 

der Görlitzer Naturforschenden Gesellschaft* 1855. 

2. Krümmel: Regenkarte im Physikalisch-Statistischen Atlas des Deutschen 

Reiches von Andree und Peschel, mit einleitendem Text. 

3. Töpfer: „Untersuchungen über die Regenverhältnisse Deutschlands* in den 

„Abhandlungen der Naturforschenden Gesellschaft zu Görlitz*, 18. Bd., 1884. 

4. Supan: Regenkarte im Schulatlas von Debes, Kirchhoff und Kropat- 

schek, 9. Aufl., 1891. — Begleitworte zu den Klimakarten in den „Mit- 
teilungen des Vereins für Erdkunde in Leipzig*, 1883. 

B. Abhandlungen. 

1. a)J. van Bebber: Regentafeln für Deutschland, Kaiserslautern 1876. — 
b) Die Regen Verhältnisse Deutschlands, München 1877. • 



310 PS'U^ Moldenhauer, Die geographische Verteilung der Niederschläge. [G 

2. J. Z i e g 1 e r : NiederschlagsbeobachtungeD in der Umgebung von Frankfurt a. M. 

nebst einer Regenkarte der Main- und Mittelrheingegend, Frankfurt a. M. 1886- 

3. Assmann: „Der Einfluss der Gebirge auf das Klima von Mitteid eatschland* 

In den , Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde", Bd. 1, 1886. 

4. Hellmann: a) , Beiträge zur Kenntnis der Niederschlagsverhältnisse von Deutsch- 

land", Meteorologische Zeitschrift, 1886, S. 429 ff. und 473 ff. — b) , Klima 
des Brockens", Kettlers Zeitschrift für wissenschaftliche Geographie, III, 
1882 , S. 5 ff. — c) „Die Sommerregenzeit Deutschlands" , Poggendorffs 
Annalen 159, 1876. — d) „Grösste Niederschlagsmengen in Deutschland", Zeit- 
schrift des Königlich Preussischen Statistischen Bureaus, 1884. 

5. Kremser: a) „Das Klima Helgolands", Annalen der Hydrographie und mari- 

timen Meteorologie, 1891, S. 175 ff. — b) „üeber die Veränderlichkeit der 
Niederschläge", Meteorologische Zeitschrift, 1884, S. 93 ff. 

6. H. Meyer: „Die Niederschlagsverhältnisse von Deutschland", Archiv der Deut- 

schen Seewarte. 1888, Nr. 6. 

7. Mitteilung der Deutschen Seewarte : „Die Regenverhältnisse in der Helgoländer 

Bucht", Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 1885, 
S. 562 ff. 

8. Grossmann: „Häufigkeit, Mengen und Dichtigkeit der Niederschläge an der 

deutschen Küste"} Archiv der Deutschen Seewarte, 1898, Nr. 3. 

9. Bödige: „Die Uebereinstimmung im Witterungscharakter im nordlichen 

Deutschland", Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 1891, 
S. 419 ff. und 463 ff. 

10. „Das Klima von Hamburg-Altona", Beitrag der Deutschen Seewarte zur „Fest- 

schrift der 49. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte". 

11. Feiten: „Klimatische Verhältnisse vom Niederrhein", Programm von 

Kleve, 1863. 
.12. Linz: „Klimatische Verhältnisse von Marburg", Dissert. 1882. 

13. Kleemann: „Das Klima von Halle", Dissert. 1879. 

14. Steinhäuser: „Das Klima von Birkenfeld*, Programm 1877. 

15. Stern: „Das Klima von Nordhausen", Programm 1885. 

16. Grühn: „Klima von Meldorf", Abt. 4, Programm 1890. 

17. H. Meyer: „Anleitung zur Bearbeitung meteorologischer Beobachtungen für 

die Klimatologie", Berlin 1891, S. 51 und 52. 

18. Riggenbach: „Witterungsübersicht der Jahre 1888 und 1889", Verhandlungen 

der Naturforschenden Gesellschaft in Basel, Bd. 9, Heft 1, 1890. 

19. Lang: „Messung der Niederschlagshöhen", Meteorologische Zeitschrift, 1884, 

S. 431. 

20. Börnstein: „Ueber den Einfluss des Windes auf die Regenmessung", Meteoro- 

logische Zeitschrift, 1884, S. 381. 



Anmerkung: Aus sämtlichen unter I aufgeführten Zeitschriften ist das 
Material bis zum Ausgang des Jahres 1888 benutzt worden. 



Ueber die Niederschlagsverhältnisae des Deutschen Reiches oder 
einzelner Teile desselben liegt eine ganze Reihe von Untersuchungen 
vor. Diejenigen unter ihnen, welche sich die Aufgabe stellen, einen 
Ueberblick über die örtliche Verteilung der Niederschläge zu geben, 
lösen dieselbe zumeist kartographisch. Damit ist nun zwar eine Gefahr 
verbunden: Man ist genötigt, auch da, wo aus Mangel an ausreichen- 
dem Material eine sichere Entscheidung über die Regenhöhe eines Ge- 
bietes nicht möglich ist, ein solches Gebiet einer der Stufen der Nieder- 
schlagshöhe zuzuweisen und mit bestimmter Linie zu umgrenzen, während 
man in abhandelnder Darstellung die Frage unentschieden lassen könnte. 
Daher bringt eine Regenkarte stets den Eindruck hervor, als sei die 
Regenverteilung weit genauer und sicherer bekannt, als es in Wirk- 
lichkeit der Fall ist. Gleichwohl ist eine kartographische Darstellung 
einer bloss tabellarischen Uebersicht der einzelnen Regenhöhen und 
einer Abhandlung vorzuziehen, weil nur sie die Ergebnisse einer Unter- 
suchung klar und übersichtlich zur Anschauung zu bringen vermag. 

Zum erstenmal ist der Versuch einer solchen Karte von Deutsch- 
land im Jahre 1855 von v. MöUendorf gemacht. Doch konnte dieser 
bei der äusserst geringen Zahl der Beobachtungsorte über einige un- 
zusammenhängende Linien nicht hinausgehen. 

Die erste vollständige Regenkarte ist die von Krümmel für den 
Physikalisch-Statistischen Atlas von Andree und Peschel im Jahre 1875 
angefertigte, welcher das damals bereits in weit bedeutenderer Aus- 
dehnung vorhandene Material zu Grunde gelegt ist. 

Gegen diese ist die 1883 erschienene Karte von Töpfer, sowohl 
inhaltlich als der Form nach, ein grosser Rückschritt. Zwar geniesst 
Töpfer des Vorzugs längerer und zahlreicherer Beobachtungsreihen, 
geht desselben aber durch mangelhafte Bearbeitung des Materials wieder 
verlustig. Einer seiner Hauptmängel ist die Vernachlässigung des Ein- 
flusses der Bodengestaltung auf die Regenhöhe. Schon aus diesem 
Grunde gelangt er zu ganz unwahrscheinlichen Umgrenzungen der ver- 
schiedenen Stufen. 

Endlich giebt es noch eine kleine Regenkarte von Supan im 
Debesschen Schulatlas. In den Begleitworten zu derselben (1883) spricht 
Supan sich gegen eine ganz ins Einzelne gehende Zeichnung aus, in- 



312 Paul Moldenhauer, [8 

dem er derselben zu grosse Kühnheit und zu starkes Theoretisieren 
vorwirft. Dementsprechend bietet er eine Darstellung in grossen Zügen, 
wie sie den Zwecken eines Schulatlasses in der That entspricht. Für 
die wissenschaftliche Benutzung ist sie dagegen wenig geeignet, weil 
man zu wenig aus ihr entnehmen kann. Auch bleibt ihr, trotz der 
vorsichtigen Beschränkung, mit der Supan zu Werke geht, der Vor- 
wurf nicht erspart, an manchen Stellen den thatsächlichen Beobach- 
tungen zu widersprechen. 

Neben diesen Karten kommen als grössere, zusammenfassende 
Arbeiten hauptsächlich in Betracht van Bebbers „Regentafeln fürDeutsch- 
land** aus dem Jahre 1876 und seine ,, Regenverhältnisse Deutschlands*^ 
aus dem Jahre 1877 ^). Von der grossen Zahl von Untersuchungen 
über das Klima einzelner grösserer oder kleinerer Gebiete von Deutsch- 
land war mir nur ein Teil erreichbar. Unter diesen nehmen die Mono- 
graphieen, welche die Beobachtungen einer einzelnen Station ver- 
arbeiten, einen grossen Raum ein. Dieselben bieten aber für die vor- 
liegende Untersuchung selten irgendwelche nennenswerte Ausbeute. Von 
grosser Wichtigkeit waren hingegen die Untersuchungen von Assmann 
„Ueber den Einfluss der Gebirge auf das Klima von Mitteldeutsch- 
land** ^) und die von Hellmann „Ueber die Gebiete der kleinsten und 
der grössten Niederschlagsmengen in Deutschland'* ^). Die Bedeutung 
der ersten besteht hauptsächlich in der Erweiterung unserer Kenntnis 
der meteorologischen Vorgänge, und die der zweiten in der Kritik 
einiger Beobachtungsreihen, sowie in dem Hinweis auf die Regenver- 
hältnisse verschiedener Gebiete, die durch neue Beobachtungen eine 
neue Beleuchtung empfangen hatten. Während aber der Hellmann- 
schen Untersuchung nur von einer geringen Anzahl von Stationen neues 
Material zur Verfügung steht, ist Assmanns Arbeit wesentlich auf die 
grosse Menge neuer Messungen in Thüringen und der Provinz Sachsen 
begründet. — Dies Gebiet hat jetzt das dichteste Stationsnetz in Nord- 
deutschland aufzuweisen , so dass wir eine verhältnismässig genaue 
Kenntnis seiner Niederschlagsverhältnisse besitzen. Nächstdem ist 
der Taunus und die Umgegend von Frankfurt a. M. jetzt durch 
eine grosse Anzahl von Stationen ausgezeichnet. Auch die Nieder- 
schlagsverhältnisse des Teutoburger Waldes sind durch einige hoch- 
gelegene Forststationen unserer Kenntnis erschlossen. 

Wie sehr die Zahl der Stationen seit der Entstehung der älteren 
Regenkarten gewachsen ist, zeigen folgende Zahlen: Während Krümmel 
1875 für den Teil seiner Karte, den meine Untersuchung umfasst, die 
Ergebnisse von 112 Stationen benutzen konnte und Töpfer 1883 die 
von 129 Stationen, stehen mir 413 zur Verfügung. Wenn sich unter 
denselben auch viele noch recht kurze Jahresreihen befinden, so lässt 
sich doch aus einem mehr als verdreifachten Material manch neuer 
Aufschluss über die Regenverteilung und eine genauere Zeichnung der 
Karte erwarten. 



1) S. oben S. 309 [5], Litteratur B, Nr. 1 a und b. 
') S. oben S. 310 [6], Nr. 3. 
») S. oben S. 310 [0], Nr. 4 a. 



9] Die geographische Verteilung der Niederschläge. 313 

Alle diese neueren Beobachtungsergebnisse sowie auch das ältere 
Material ist in den Veröffentlichungen einiger meteorologischen Institute 
gesammelt. Bei weitem der grösste Teil ist in den Publikationen des 
Königlich Preussischen Meteorologischen Instituts in Berlin enthalten^ 
welche nicht nur die Beobachtungen der preussischen Stationen, son- 
dern auch die von Mecklenburg, Oldenburg, Anhalt, Braunschweig^ 
Hessen-Darmstadt und einem Teile der thüringischen Staaten umfassen. 
Ausser diesen konnten für die vorliegende Untersuchung benutzt wer- 
den die Veröffentlichungen der Deutschen Seewarte, welche die Be- 
obachtungen einer Anzahl von Küstenstationen mitteilen, ferner für 
Wilhelmshaven die in den „Annalen der Hydrographie und maritimen 
Meteorologie^ niedergelegten Beobachtungen und für Bremen die als 
besonderer Teil des Deutschen Meteorologischen Jahrbuchs erschienenen 
Veröffentlichungen. Für die ältere Zeit der schleswig-holsteinischen 
Stationen endlich benutzte ich die ,, Beiträge zur Landeskunde der 
Herzogtümer Schleswig und Holstein' von Karsten. Da mir dagegen 
die bayerischen Beobachtungsergebnisse nicht zugänglich waren , so 
begnügte ich mich für die südlichsten Stationen meiner Karte mit den 
im „Physikalisch-Statistischen Atlas" und bei Töpfer mitgeteilten Regen- 
höhen. Dasselbe gilt auch für einige Stationen des Königreichs Sachsen. 

Die diesen Veröffentlichungen entnommenen Angaben über die 
Regenmenge der einzelnen Beobachtungsorte bedurften nach verschie- 
denen Seit.en einer Bearbeitung, ehe sie geeignet waren, als Grund- 
lage der Karte zu dienen. Zunächst war, da bis 1878 alle Angaben 
in Pariser Mass gemacht sind, eine Umrechnung derselben in Meter- 
mass erforderlich. Sodann fragte es sich, weil aus den Publikationen 
nur die Regenhöhe der einzelnen Jahre entnommen werden konnte, auf 
welchem Wege aus diesen ein allgemeiner, der Regenkarte zu Grunde 
zu legender Wert zu gewinnen sei. Bisher war das durch Berechnung 
des arithmetischen Mittels geschehen. Nun macht H. Meyer in seiner 
Anleitung zu klimatologischen Untersuchungen ^) darauf aufmerksam, 
dass die mittlere Regenmenge durchaus nicht so grossen Wert für 
meteorologische Untersuchungen habe wie der Scheitelwert, d. h. der 
am häufigsten beobachtete Wert. Mag das immerhin richtig sein, so 
stellen sich doch der Berechnung des Scheitelwertes der Jahresmengen 
so grosse Schwierigkeiten entgegen, dass es unmöglich erscheint, ihn 
als Grundlage der Darstellung der Regenverteilung zu benutzen. Bei 
der grossen Verschiedenheit der jährlichen Regenmengen trifft auch der 
relativ häufigste Wert doch im Verhältnis zur ganzen Reihe der Be- 
obachtungsjahre recht selten ein. So kommt z. B. für Bremen bei 
einer Reihe von 63 Beobachtungsjahren der Scheitelwert nur 8 Jahren 
zu, also nur dem achten Teil aller Jahre. Es kommt noch hinzu, dass 
er dabei für ein Intervall von 2^2 cm berechnet ist; er liegt zwischen 
70 und 72,5 cm. Begnügte man sich festzustellen, welcher Stufe von 
10 cm Umfang die Regenhöhe von Bremen am häufigsten zukommt, so 
erhielte man freilich ein besseres Ergebnis, da 19 Jahre, also fast ein 
Drittel der ganzen Anzahl, zwischen 70 und 80 cm Regenmenge hatten. 



S. oben S. 310 [6], Nr. 17. 



314 Paul Moldenhauer, [10 

Demgegenüber ist aber die nächstniedrige Stufe von 60 — 70 cm 16mal 
vertreten. Ein bedeutendes Ueberge wicht besitzt also die erste nicht. 
Wenn schon bei Bremen, einer der längsten aller Beobachtungsreihen, 
der Scheitelwert nicht mit grösserer Sicherheit bestimmt werden kann 
und sich nicht deutlicher aus der Reihe der verschiedenen Stufen der 
Regenmenge heraushebt, so muss bei der grossen Mehrzahl aller Sta- 
tionen wegen der allzu grossen Kürze der vorliegenden Reihen ^nzlich 
auf die Berechnung desselben verzichtet werden. Auch Meyer giebt zu, 
dass, des noch nicht genügend ausgedehnten Materials wegen, an die 
Angabe des Scheitelwerts noch nicht zu denken ist. — Es muss also 
bei der bisher angewendeten Methode der Berechnung des arithmeti- 
schen Mittels sein Bewenden haben. Solche Mittel liegen bis zum 
Jahre 1875 in den Berliner Publikationen vor. Für die neueren Be- 
obachtungsreihen mussten sie erst berechnet werden. Hierbei wurden 
nur ganze Jahre berücksichtigt , um eine einfachere Rechnung und 
grössere Uebereinstimmung der Reihen und dadurch sicherere Ergeb- 
nisse zu erzielen. 

Die so erhaltenen Mittel sind aber aus mehreren Gründen noch 
nicht ohne weiteres verwendbar. Um in denselben den reinen zahlen- 
mässigen Ausdruck natürlicher klimatischer Verhältnisse zu haben, 
müssen alle auf der Art der Beobachtung beruhenden Verschiedenheiten 
nach Möglichkeit beseitigt werden. Diese können einerseits auf der 
ungleichen Einrichtung und Aufstellung der Regenmesser und anderer- 
seits auf der verschiedenen Länge der Beobachtungsreihen beruhen. 

Was die Einrichtung der Regenmesser betrifft, so sind sowohl 
verschiedene Systeme in Anwendung, als auch kommt es vor, dass die 
Instrumente, namentlich die Messgläser derselben, nicht genau ge- 
arbeitet sind, üeber die Unterschiede der Regenmengen zweier Systeme 
— System Hellmanns und System der Deutschen Seewarte — sind 
neuerdings in Bremen Versuche angestellt worden ^), die nur eine ganz 
geringe Abweichung ergeben haben. Es lässt sich annehmen, dass 
sich auch bei anderen Regenmessern verschiedener Konstruktion — ab- 
gesehen vielleicht von einigen älteren Apparaten — dasselbe Ergebnis 
zeigen würde. Unbedenklich kann daher die Verschiedenheit des 
Systems unbeachtet bleiben, zumal da Abweichungen anderer Art die 
Resultate in weit höherem Grade unsicher machen. Wie sehr ein 
fehlerhaft eingeteiltes Messglas den Ertrag der Messung beeinflussen 
kann, zeigt die Beobachtungsreihe von Helgoland bis zur Erneuerung 
des Regenmessers im Jahre 1882, denn auf einen Fehler des Mess- 
glases werden von Kremser die um mehr als das Zweifache zu hohen 
Ergebnisse zurückgeführt *). Danach lässt sich mit einiger Wahrschein- 
lichkeit vermuten, dass namentlich bei älteren Messungen, welche noch 
weniger kontrolliert wurden, manche auffallend hohe oder niedrige 
Regenmenge aus der Beschaffenheit der Instrumente zu erklären ist. 
In neuerer Zeit eingerichtete Stationen werden mit genau geprüften 



^) S. oben S. 309 [5], I, 3. 

*) Kremser: „Das Klima Helgolands", s. oben S. 310 [6], Nr. 5a, vgl. 
unten S. 344 [40]. 



11"] Die geographische Verteilung der Niederschläge. 315 

Apparaten ausgestattet. In älteren Beobachtungsreihen aber etwa vor- 
handene Fehler lassen sich ohne örtliche Untersuchung nicht beseitigen. 
Eine grössere Rolle als die auf dieser Fehlerquelle beruhenden 
Ungleichheiten des Beobachtungsmaterials spielen diejenigen, welche durch 
verschiedene Aufstellung der Regenmesser hervorgerufen sind. Dass 
diese frei stehen müssen, nicht im Schutz von Häusern und Bäumen, 
versteht sich von selbst. Wo eine freie Aufstellung nicht möglich ist, 
wie z. B. in Kirchdorf auf Pöel, Lüneburg, Bernburg und bis vor 
kurzem in Hannover und Marburg, da ist die beobachtete Regenhöhe 
nur als Mindestmass zu betrachten. Wichtiger ist aber eine andere 
Abweichung der Messung von der wirklichen Regenmenge, nämlich die, 
welche durch die verschiedene Höhe des Regenmessers über dem Erd- 
boden bedingt ist. Schon lange hat man die Beobachtung gemacht, 
dass ein zu ebener Erde aufgestellter Regenmesser einen grösseren Er- 
trag lieferte als ein etwas höher, z. B. auf einem Dache, angebrachter. 
Die Erklärung hierfür wurde früher in einer Vergrösserung der Regen- 
tropfen während des Fallens gesucht ^) , neuerdings aber allgemein in 
der an höheren Punkten grösseien Beständigkeit und Stärke des Windes. 
Diese kommt dem Winde nicht nur vermöge der geringeren Reibung 
zu, sondern nach Börnstein^) auch dadurch, dass er vor dem Regen- 
messer und dem Hause oder Turme, auf dem derselbe steht, gestaut 
und in die Höhe abgelenkt wird. So weht er dann über die Oeffnung 
des Regenmessers mit verstärkter Gewalt und bläst dadurch den Regen 
von derselben fort. Je grösser demnach der stauende Gegenstand und 
je stärker der Wind ist, um so grösser wird das Defizit werden. Man 
hat gegen diesen abgelenkten Stauwind Schutzvorrichtungen konstruiert 
und andererseits auch rechnerisch den Fehler zu beseitigen gesucht, 
indem man die Grösse des Defizits nach der Höhe der Aufstellung des 
' Messapparates berechnete. Die Beobachtungen über diesen Einfluss der 
höheren Aufstellung des Regenmessers sind indes noch nicht zahlreich 
und ihre Ergebnisse nicht übereinstimmend genug, um nach ihnen 
nötigenfalls Verbesserungen der Mittelwerte vornehmen zu können. 
Einige Beispiele werden zeigen, wie sehr die Resultate verschiedener 
hierüber angestellter Untersuchungen voneinander abweichen^). Schon 
• Karsten teilt in seinen „Beiträgen** *) zwei derselben mit, das eine aus 
'Paris,' das andere aus York. Ferner ist auf der Hamburger See warte 
ein auf dem Dache stehender Regenmesser mit einem am Erdboden 
befindlichen auf den Ertrag hin verglichen worden ^). Auch auf der 
Bjeler Stern,warte sind nach einer Mitteilung in den „Annalen der Hydro- 
graphie" von 1885 durch Lang Vergleiche angestellt zwischen den Er- 
trägen eines 2 m über dem Erdboden stehenden Regenmessers und denen 
eines auf dem Anemometerturm aufgestellten Apparates. Aus Basel 
berichtet Riggenbach ^) über eine solche Untersuchung, und endlich 

') Vgl. van Bebber, S. 309 [5], B, 1 a, S. 22. 

«) S. oben S. 310 [6], Nr. 20. 

*) Vgl. van Bebber, s. oben S. 309 [5], B, 1 a, S. 22—26. 

*) S. oben S. 309 [ö], Nr. 4. 

*) S. oben S. 310 16|, Nr. 7, S. 563. 

^) S. oben S. 310 [6], Nr. 18. 



316 



Paul Moldenhauer, 



[12 



befindet sich in der «Meteorologischen Zeitschrift '^ von 189Ö ^) ein Auszug 
aus einigen englischen Untersuchungen von Archibald und Stevenson, 
in denen eine Formel für die Berechnung der Differenz der Regen- 
mengen gegeben v?ird. Man findet nach derselben den mittleren Fehl- 
betrag in Prozenten, indem man die Quadratwurzel der in Meter ge- 
messenen Höhe der Auffangfläche über dem Boden mit 6 multipliziert. 
Mit den Ergebnissen dieser Formel mögen die Angaben der anderen 
Beobachter verglichen werden. 





Höhendifferenz der Regen- 
messer 


Fehlbetrag der Regen- 
menge 


Ort der Beobachtung 

i 


beobachtet 


berechnet 
nach A. u. St. 

7« 


1. York (nach Karsten) 

2. Paris (nach Karsten) 
8. Seewarte 

4. Kiel, Sternwarte 

5. Basel (Riggenbach) 


44 Pariaer Fuss — 14,25 m 
86 Pariser Fuss — 27,8 m 
1,5 m bis Dach der See- 
warte, geschätzt auf 25 m 

15 m 

lim 


31 
12 
30 

28 
17 


22 

über 30 

30 
16 
15 



Diese Beobachtungen weichen sowohl voneinander als auch von 
den Berechnungen von Archibald und Stevenson bedeutend ab. Nur 
die Messung Riggenbachs stimmt mit deren Formel verhältnismässig 
genau überein. Im ganzen aber bestätigen diese Beobachtungen nur 
die Worte Hellmanns in seinen „Beiträgen" *): „Leider stellt sich kein 
so konstantes Verhältnis heraus, dass man danach Reduktionen vor- 
nehmen könnte/ Sicherlich spielen hier lokale Verhältnisse eine zu 
grosse Rolle, als dass man eine allgemein gültige Formel von solcher 
Einfachheit für diese Differenzen finden könnte. Meistens handelt es 
sich um Aufstellung des Regenmessers auf dem Dache eines Hauses — 
so in Basel, Halle, Gardelegen. — Es muss aber ohne Zweifel von 
grosser Bedeutung sein, ob das Haus inmitten einer Stadt gegen Wind 
ziemlich geschützt oder ob es frei und hoch liegt, wie z. B. die Kieler 
Sternwarte. Ferner müsste auch die an verschiedenen Orten verschiedene 
Dauer und Stärke des Windes in Rechnung gezogen werden. Demnach 
lassen sich die Fehler, welche durch die zu hohe Aufstellung der Regen- 
messer einzelnen Beobachtungsreihen anhaften, nur durch örtliche Unter- 
suchungen beseitigen. Von den Stationen des nordwestlichen Deutsch- 
schlands haben, resp. hatten nur ungefähr 40 eine über die gewöhnliche 
Höhe von 1 — 2 m hinausgehende Aufstellung des Messapparates, und 
von diesen wiederum nur etwa 10 eine so hohe, dass die Messung der 
Regenhöhe dadurch in bedeutendem Masse beeinflusst werden könnte. 
Hellmann ^) nimmt denn auch thatsächlich bei dreien derselben, bei Halle, 
Gardelegen und Wustrow, eine grössere jährliche Regenmenge au, als 



^) S. Meteorol. Zeitschr. 1890. S. 315. 
») S. oben S. 310 [6], Nr. 4 a. 



131 Die geographische Verteilung der Niederschläge. 317 

die Messungen ergeben. Auch das Marburger Mittel dürfte, nach den 
Nachbarstationen Oiessen und Schweinsberg zu schliessen, wohl von 
59,6 cm auf mehr als 60 cm zu erhöhen sein. Hier spielt freilich auch 
die geschützte Aufstellung des Regenmessers mit^). Auch bei Fulda 
und Lübeck wäre eine etwas grössere Regenmenge nicht ausgeschlossen. 
Bei den anderen Stationen dagegen, deren Messapparat zu hoch auf- 
gestellt ist, erscheint eine Erhöhung der Niederschlagsmenge nicht rat- 
sam, denn bei Salzwedel steht die gemessene Menge mit der nach der 
geographischen Lage zu erwartenden durchaus in Einklang, und Birken- 
feld, Godesberg und Osnabrück zeichnen sich sogar durch verhältnis- 
mässig starke Niederschläge aus. Die Kieler Messung des physikalischen 
Instituts , in dem der Regenmesser 14,6 m hoch steht — 66,8 cm — 
scheint zwar zunächst durch eine Erhöhung dem Mittel der Sternwarte 
— 71,5 cm — genähert werden zu können. Wenn jedoch deren kurze 
Beobachtungsreihe auf die erste, längere reduziert wird, dann erhält 
sie als Mittel 65,6 cm. Es ist also aus den Messungen der Sternwarte 
ersichtlich, dass die des physikalischen Instituts trotz der erhöhten Auf- 
stellung des Messapparates keineswegs zu gering ausfallen. — Aus dem 
allen geht hervor, dass man weder über die Qrösse der Abnahme der 
Regenmenge mit der zunehmenden Höhe hinreichend unterrichtet ist, 
noch auch das thatsächliche Eintreten dieser Abnahme für jeden einzelnen 
Fall als erwiesen betrachten kann. 

Während also die Untersuchung über den Einfluss der Höhe des 
Regenmessers auf seinen Ertrag zu keiner Bearbeitung der betreffenden 
Jahresmittel nach dieser Seite hin geführt hat, wird hingegen eine um 
so umfangreichere Verbesserung eines sehr grossen Teils des Materials 
durch einen weiteren Mangel desselben erforderlich. Dieser besteht in 
dem umstand, dass die Niederschlagsbeobachtungen nicht alle demselben 
Zeitraum entstammen, sondern bald längeren, bald kürzeren, bald älteren, 
bald neueren Reihen von Jahren entnommen sind. Da nun beim Nieder- 
schlag die Unterschiede der Jahresmengen sehr bedeutend sind, so wird 
durch die Zugehörigkeit der Messungen zu verschiedenen Jahren die 
Vergleichbarkeit der Mittel sehr beeinträchtigt. Das Mittel einer kurzen 
Reihe kann sich ganz erheblich von dem langjährigen, als normal zu 
betrachtenden Mittel entfernen. Man vergleiche z. B. das 4jährige Mittel 
von Aachen (M*) mit dem langjährigen (M^^). 

Aachen: M* (1879—1882) = 104,1 cm 

M^ (1883-1886) = 81,2 , 

M23 = 85,5 „ 

oder von Gross-Breitenbach : 

M* (1879—1882) = 130,8 cm 

M^ (1884—1887) = 93,0 , 

M23 = 109,9 „ 

Dass auch bei längeren, d. h. über 10 Jahre langen Reihen die Ab- 
weichungen noch recht bedeutend sind, zeigen z. B. die Mittel der 
Jahrzehnte der Station Bremen: 

69,3 77,7 69,1 63,9 66,5 70,5 cm. 

') S. oben S. 310 [6], Nr. 12. 



318 Paul Moldenhauer, [14 

Da Dun von den zu der vorliegenden Untersuchung zu benutzenden 
413 Stationen nur 98 über 10 Jahre beobachtet haben, mithin mehr 
als 300 eine kürzere Beobachtungsreihe besitzen und von diesen 300 
wieder ^ehr als 200 noch nicht einmal 5 Jahre hindurch bestanden 
haben, so würde der Wert dieses ausgedehnten Materials doch nur ganz 
gering sein, wenn nicht den Mitteln der kurzen Beobachtungsreihen 
auf irgend eine Weise ihre Unsicherheit genommen werden könnte. Es 
würde das jetzt vorliegende Material dem der Töpferschen Untersuchung 
von 1882 zu Grunde liegenden fast gar nicht überlegen sein, wenn nur 
die mehr als 10 Jahre langen Reiben benutzt werden könnten, denn 
auch Töpfer hatte schon 90 Stationen, die über 10 Jahre bestanden 
hatten, zur Verfügung. 

Das Verfahren, die Ergebnisse der kurzen Reihen zur Benutzung 
geeigneter zu machen, beruht auf der Beobachtung, dass grössere Ge- 
biete gleichzeitig feuchte oder trockene Jahre zu haben pflegen, dass 
also die Jahresmittel der Regenmengen benachbarter Stationen gleich- 
massig entweder über oder unter das normale Mittel hinausgehen. Ueber 
diese Uebereinstimmung der Niederschlagsverhältnisse giebt es zwar eine 
Arbeit von Bödige ^) , die besonders die Verhältnisse Norddeutschlands 
behandelt. Dieselbe gründet sich aber nur auf die Regenhäufigkeit und 
lässt die Regenmenge ganz unberücksichtigt. Ihre Ergebnisse können 
daher für die vorliegende Untersuchung keine Verwendung finden. 

Eher erfordern schon Berücksichtigung die verschiedenen Unter- 
suchungen, welche über die Periode der Regenschwankungen angestellt 
sind. Es leuchtet ein, dass die Kenntnis einer solchen Periode von 
grossem Nutzen sein müsste, da dann einer kurzen Reihe der ihr ge- 
bührende Wert ohne weiteres zugewiesen werden könnte, je nachdem 
sie in die Zeit einer grösseren oder geringeren Regenhöhe fiele. Leider 
haben die Untersuchungen hierüber bisher noch zu keinem sicheren 
Ergebnis geführt. Während nämlich Brückner *) eine 35jährige Periode 
der Klimaschwankungen annimmt, findet Schreiber ^) einen Zusammen- 
hang der Regenschwankungen mit einer 55 — 56jährigen Periode der 
Sonnenflecken. Auch Kremser ^) giebt eine graphische Darstellung der 
Schwankungen der Regenhöhe und der Sonnenflecken, in der sich wohl 
einige Uebereinstimmung zeigt, aus der man jedoch einen gesetzmässigen 
Zusammenhang und eine regelmässige Periode nicht erkennen kann. 
Dass aber überhaupt eine längere, wenn auch nicht sehr deutlich wahr- 
nehmbare, sondern häufig durch zufällige Witterungserscheinungen ver- 
deckte Periode vorhanden ist, scheint mir ausser Zweifel zu stehen. 
Schreiber ^) weist für das Königreich Sachsen eine Zunahme der Regen- 
mengen nach von dem Minimum im Jahre 1864 bis zum Maximum im 
Jahre 1882. Diese Beobachtung wird von Kremser insofern bestätigt, 
als er die Jahre 1856 — 1866 für zu trocken erklärt und dann eine Zu- 



') S. oben S. 310 [6], Nr. 9. 

*) S. Besprechung einer üntersucliung von Brückner über ,Elimascliwan- 
kungen seit 1700% Wien 1890, in Pet. Mitt. von 1891, Litt-Ber. S. 200. 

') S.Besprechung einer Untersuchung von Schreiber über die Periode der 
Jahresregenmenge in der Meteorol. Zeitschr. 1890, Litt.-Ber. S. 78. 

*) S. oben S. 310 [6], Nr. 5 b. 



15] I^iß geographische Verteilung der Niederschläge. 319 

nähme der Niederschläge eintreten lässt. Auch Brückners Annahme 
einer 35jährigen Periode stimmt damit einigermassen überein. Den 
Höhepunkt setzt er ins Jahr 1880, das Minimum etwa ins Jahr 1862. 
Dass das Maximum der Regenmenge thatsächlich in den Anfang der 
achtziger Jahre fällt, zeigt die Mehrzahl aller nordwestdeutschen Stationen. 
Doch schwankt dasselbe zwischen den Jahren 1880, 1882 und 1884. 
Wenn sich demnach auch in grossen Zügen eine Periode der Regen- 
menge einigermassen feststellen lässt, so sind dennoch die Abweichungen 
im einzelnen so bedeutend, dass man die Erhöhung oder Verringerung 
des Mittels einer kurzen Beobachtungsreihe allein nach ihrer Stellung 
innerhalb der Periode nicht mit Erfolg vornehmen kann. Vorzuziehen 
ist vielmehr ein Vergleich der Jahre der kurzen Reihe mit eben den- 
selben Jahren einer benachbarten längeren Reihe, denn es lässt sich 
für kleinere Gebiete eine hinreichende Uebereinstimmung der Schwan*- 
kungen der Jahresmengen erwarten. 

Was nun die bei diesem Vergleich oder dieser „Reduktion* einer 
Beobachtungsreihe auf eine andere anzuwendende Methode anbetrifft, 
so ist ein zweifacher Weg möglich. Den ersten hat Karsten ein- 
geschlagen bei der in seinen „Beiträgen" ^) vorgenommenen Reduktion 
einiger schleswig-holsteinischer Stationen auf die Normalstation Kiel, 
Seine Methode werde durch ein Beispiel erklärt: 

Glückstadt M« (1866—1871) = 29,02 Zoll, 
Altona M« (1866—1871) = 26,68 „ 

Differenz = 2,34 Zoll. 

Also Glückstadt ist um 2,34 Zoll im Jahre feuchter. Nun hat Altona 
normal 23,9 Zoll , also Glückstadt normal 23,90 + 2,34 = 26,24 Zoll. 
Die Ueberlegung, welche zu Grunde liegt, ist folgende: „Die Differenz 
zwischen den Regenhöhen der beiden Stationen, wie sie sich im Laufe 
der 6 Jahre herausgestellt hat, ist gleich der normalen Differenz." 
Denselben Wert für das normale Mittel der kürzeren Station erhält 
man auch auf folgende Weise: „Die 6 Jahre waren in Altona zu 
feucht; das 6jährige Mittel übersteigt das allgemeine um 2,78 Zoll 
(26,68—23,90 Zoll). Nimmt man an, dass in Glückstadt diese 6 Jahre 
um dieselbe Regenmenge zu feucht waren, so erhält man als normales 
Mittel von Glückstadt 29,02—2.78 = 26,24 Zoll. Diese Ueberlegung 
entspricht also der Karstenschen Methode ebenfalls. 

Von einer etwas anderen Voraussetzung geht die zweite Methode 
aus: Nicht um dieselbe absolute Regenmenge seien die 6 Jahre in 
Glückstadt zu feucht gewesen, sondern in demselben Verhältnis zum 
normalen Mittel. Die 6 Jahre waren in Altona um 2,78 Zoll, das 
ist um 11,6 > des Jahresmittels zu reich an Niederschlag. Bei An- 
nahme desselben Verhältnisses für Glückstadt erhalte ich danach die 
Proportion: Das 6jährige Mittel von Glückstadt verhält sich zum nor- 
malen wie 111,6 zu 100. Es ist also 

29,02 . ^^^ = 26,0 Zoll. 



') S. oben S. 309 [5], Nr. 4. 



320 



Paul Moldenhauer, 



[16 



Diese zweite Methode wird von H. Meyer in seiner „Anleitung' ^) unter 
Berufung auf Hanns Autorität empfohlen. Sie scheint allgemein an- 
erkannt zu sein, denn Hellmann begründet in seinen „Beiträgen*" ^) ihre 
Benutzung mit den Worten, er reduziere „unter Anwendung der ander- 
weitig zur Genüge bestätigten Proportionalität der Regensummen be- 
nachbarter Stationen*. 

Zur Prüfung der beiden Methoden diene nachstehende Tabelle. 



Tabelle zur Reduktionsmethode. 





1. 


2. 


3. 


4. 


5. 


Station 

(Die Zahl bezeichnet die 

Anzahl der benutzten 

Jahre) 


Jahres- 
mittel 


Absolute 
mittlere 
Schwan- 
kung 


Werte der 
Schwan- 
kung be- 
zogen auf 
die 4. Sta- 
tion 


Mittel der 
Schwan- 
kung 
in Pro- 
zenten 


Die Werte 

in Pro- 
zenten be- 
zogen auf 
die 4. Sta- 
tion 




mm 


mm 








I. 
1. Gross-Breitenbach 10 . 


1104 


170 


2,42 


15,4 


1,24 


2, Inselsberg 6 . . . . 


1157 


117 


1.67 


10,4 


0,83 


3. Meiningen 10 . . . . 


665 


87 


1,24 


13,1 


1,05 


4. Erfurt 10 


568 


69. 


1 


12,4 


1 


II. 
1. Klausthal 10 ... . 


1318 


144 


2,9 


10,9 


1,1 


2. Nordhausen 8 . . . . 


556 


75 


1,5 


13,4 


1,3 


3. Bemburg 6 


495 


71 


1,4 


14.4 


1,4 


4. Halle 10 


502 


49 


1 


9,7 


1 


m. 












1. Hollerath 10 ... . 


922 


110 


1,3 


11,9 


1,02 


2. Birkenfeld 10 ... . 


886 


111 


1,3 


12,5 


1,07 


3. Boppard 10 .... 


642 


88 


1,08 


13,7 


1,18 


4. Trier 10 


693 


81 


1 


11,6 


1 


IV. 












1. Darmstadt 10 . . . 


746 


100 


1,17 


13,4 


0,97 


2. Langenschwalbach 9 


738 


83 


0,97 


11,2 


0,81 


3. Wiesbaden 10 ... . 


625 


83 


0.97 


13,3 


0,97 


4. Frankfurt 10 ... . 


620 


85 


1 


13,7 


1 



In derselben stellt die erste Säule das Jahresmittel der Regenmenge, 
die zweite die absolute mittlere Schwankung der Jahresmittel, die vierte 
diese Schwankung in Prozenten der Jahresmittel dar. Die dritte und 
fünfte geben dieselben Werte noch einmal, nur des leichteren Vergleichs 
halber bezogen auf den Wert der vierten Station, der gleich 1 gesetzt 
ist. Die erste Methode setzt nun voraus, dass die absoluten Werte der 



M S. oben S. 310 [6 
') S. oben S. 310 [6 



Nr. 17. 
Nr. 4 a. 



17^ I)ie geographische Verteilung der Niederschläge. 321 

Schwankung für alle Stationen und alle Regenmengen gleich seien 
(Säule 2 und 3), die zweite dagegen, dass die Schwankungswerte alle 
in gleichem Verhältnis zu den Jahresmitteln der Regenmenge ständen, 
dass also die Zahlen, welche dies Verhältnis angeben (Säule 4 und 5), 
übereinstimmen müssten. Sie trägt dem Umstände Rechnung, dass die 
Schwankungen der Jahresmengen bei hohen Jahresmitteln grösser sind 
als bei niedrigen. Aus den Zahlen der Tabelle geht nun hervor, dass 
die zweite Methode bessere Resultate erwarten lässt als die erste, denn 
die Voraussetzungen der zweiten trefiTen besser ein als die der ersten. 
Ein Beispiel möge das zeigen. Gesetzt, es solle die 5jährige Eleihe 
von Erfurt (1879 — 1883) mit dem Jahresmittel 56,9 cm auf die lang- 
jährige Reihe von Qross-Breitenbach, deren Mittel 109,9 cm ist, reduziert 
werden, so lehrt ein Blick auf die Tabelle, dass die zweite Methode 
vorzuziehen ist, denn die Verhältnisse der Schwankung zum Jahres- 
mittel (in Säule 5 die Werte 1,2 und 1) stehen sich weit näher als 
die absoluten Werte der Schwankung (in Säule 3 2,4 und 1). That- 
sächlich ergiebt die Rechnung nach der ersten Methode 42,3 cm als 
normales Mittel von Erfurt, während dasselbe nach der zweiten 50,2 cm 
beträgt. Das wirklich beobachtete 41jährige Mittel von Erfurt ist nun 
51,8 cm. Es hat also in der That in diesem Falle die zweite Methode 
das bessere Resultat geliefert. So wird dieselbe in allen Fällen einen 
dem normalen Mittel näherkommenden Wert ergeben, wenn es sich um 
einen Vergleich zweier Reihen von sehr verschiedener Regenhöhe handelt, 
wie die Tabelle zeigt. Während nämlich die absoluten Abweichungen 
(Säule 3) vom Inselsberg, von Gross-Breitenbach und Klausthal die 
weniger feuchten Stationen um das Anderthalb- bis Zweieinhalbfache 
überragen, stehen die Verhältniszahlen (Säule 5) einander ziemlich nahe. 
Weniger deutlich ist die Uebereinstimmung für die Stationen, deren 
Jahresmittel weniger voneinander abweichen. Bei diesen zeigen die 
Zahlen der Säule 3 kaum grössere Unterschiede als die der Säule 5, 
ja bei einzelnen Stationen, wie Boppard und Langenschwalbach , ver- 
güchen mit Trier und Frankfurt, erscheint sogar Säule 3 als günstiger. 

Also auch von dieser Reduktionsmethode lassen sich nicht mit 
Sicherheit normale Mittel erwarten. Der Niederschlag ist eben ein so 
sehr örtlichen Einwirkungen unterworfenes meteorologisches Element, 
dass es nicht möglich ist, ihn rechnerisch mit ganzem Erfolge zu be- 
handeln. Immerhin verdient diese Methode der ersten vorgezogen zu 
werden, hauptsächlich weil sie auf Stationen von ganz verschiedener 
Regenmenge angewendet werden kann, was Karsten der seinigen aus- 
drücklich abspricht, wenn er die Anwendung derselben auf Stationen, 
die einander nahe und in ähnlichen örtlichen Verhältnissen gelegen sind, 
beschränkt. Freilich macht auch für die zweite Methode Hugo Meyer 
diese Einschränkung^), aber im Gegensatz zu ihm möchte ich gerade 
in der Möglichkeit ihrer Anwendung auf Stationen in verschiedener 
Lage und mit verschiedenen Jahresmitteln ihren Vorzug vor der ersten 
erkennen. 

Diese zweite Methode ist demnach bei den zahlreichen Reduktionen 



») S. oben S. 310 [6], Nr. 17, S. 52. 
Fonchnngeii zur deutschen Landes- und Volkskunde. IX. 5. 23 



322 Paul Moldenhauer, [18 

der vorliegenden Untersuchung zur Anwendung gelangt. Wenn nach 
derselben auch unbedenklich Messungen vom Kamm eines Gebirges mit 
denen von Thalstationen verglichen werden können, so wird trotzdem 
in manchen Gebieten, in denen Stationen mit langen Reihen selten sind, 
die Reduktion durch die grosse Entfernung der verglichenen Orte un- 
sicher. Deshalb ist in vielen FäUen eine mehrfache Reduktion auf ver- 
schiedene Stationen vorgenommen und aus einem Vergleich der er- 
haltenen Mittel dann ein Schluss auf das wahrscheinlichste normale 
Mittel gezogen worden. 

Dass durch die Reduktion oft das wahre Mittel offenbar nahe er- 
reicht wird, beweisen folgende Beispiele: 

1. Das 13jährige Mittel der Kieler Sternwarte ergab 71,5 cm. 
Zunächst muss man darin eine auffällige Abweichung von der Messung 
der Station in der Stadt erblicken, die als Mittel 66,8 cm hat. Die 
Ursache könnte man in der hohen Aufstellung des Regenmessers im 
physikalischen Institut suchen wollen. Doch eine weit einfachere, ja 
die einzig richtige Erklärung giebt der Vergleich derselben Jahre der 
beiden Stationen. Die städtische hat als Mittel der letzten 13 Jahre 
72,1 cm, kommt also dem Mittel der Sternwarte schon recht nahe. 
Dementsprechend liefert eine Reduktion der Stemwartenreihe auf die 
städtische fast dasselbe Mittel, wie diese es besitzt, nämlich 65,7 cm. 

2. Ebenso wie die zwei Kieler werden auch die beiden Haders- 
lebener Stationen, die in der Stadt und die Forststation, durch Reduk- 
tion auf Kiel zu grosser Uebereinstimmung gebracht. 

3. Die den ausserordentlich feuchten Jahren 1882 und 1884 an- 
gehörenden Messungen von Ferchland imd Jerichow, sowie die 1jährige 
Beobachtung von Gelle a. Aller werden auf die der ganzen Gegend 
zukommende Regenhöhe zurückgeführt. 

4. Einige hochliegende Stationen, wie St. Vith und Schneifelforst- 
haus in der Eifel und Alt-Astenberg am Kahlen- Asten, erhalten durch 
Reduktion ein höheres, ihrer hohen Lage entsprechendes Jahresmittel. 

5. Die Stationen um Erfurt werden durch Reduktion alle über- 
einstimmend auf das der Thüringer Niederung zukommende Mittel von 
50 — 60 cm gesetzt. 

Wie in diesen wenigen Beispielen, so wird weitaus in der Mehr- 
zahl aller Fälle die Reduktion mit Nutzen ausgeführt. Selten sind ihre 
Ergebnisse ganz unwahrscheinlich oder weichen die durch Vergleich 
mit verschiedenen Nachbarstationen erhaltenen Mittel bedeutend von- 
einander ab, wie es z.B. bei Bochum der Fall ist, dessen 1jährige 
Messung von 86 cm durch Reduktion auf Krefeld in das normale Mittel 
von 93 cm verwandelt wird, während die Reduktion auf Grevel den 
Wert 88 cm und die auf Köln 70 cm liefert. Ebenso wird das 3jährige 
Mittel von Soest durch einen Vergleich mit Grevel und Arnsberg von 
65 cm auf 57 und 64 herabgesetzt, durch Reduktion auf Münster da- 
gegen auf 70 cm gehoben. Eine solche Unsicherheit besitzen die Er- 
gebnisse der Reduktion namentlich dann häufig, wenn die zu reduzierende 
Reihe sehr kurz ist, d. h. nicht mehr als etwa 1 — 3 Jahre zählt. In 
diesen Fällen kann ein reduziertes Mittel nicht ohne weitere Prüfung 
benutzt werden. 



19] Die geographische Verteilung der Niederschläge. 323 

Die aus den einzelnen Jahresmengen berechneten rohen Mittel, 
sowie die durch Reduktion erhaltenen habe ich in Tabellen zusammen- 
gestellt, in denen für jede Station enthalten ist: 

1. die Meereshöhe, 

2. die Reihe der Beobachtungsjahre, 

3. die Zahl derselben, 

4. das rohe Jahresmittel, 

5. das reduzierte Jahresmittel, 

6. die der Reduktion zu Grunde gelegte Station, 

7. in einzelnen Fällen noch andere Mittel und sonstige Be- 
merkungen, auch die Höhe des Regenmessers, wenn dieselbe das ge- 
wöhnliche Mass von 1 — 2 m überschreitet. 

Auf den in diesen Tabellen zusammengestellten Jahresmitteln der 
Regenhöhe beruht der Entwurf der Karte. Das vorliegende Material 
reichte aber nicht aus, um ohne weiteres jedem einzelnen Gebiet die 
ihm zukommende Regenmenge zuzuweisen, weil einerseits nicht in allen 
Gegenden die Zahl der Stationen genügend gross ist und andererseits 
einigen Mitteln die nötige Zuverlässigkeit fehlt. Deshalb war es er- 
forderlich, von den Niederschlagsverhältnissen einiger genauer bekannter 
Gebiete einen Rückschluss zu machen auf die der anderen, weniger 
erforschten. Dabei müssen die verschiedenen Bedingungen, von denen 
die Menge des Niederschlags abhängig ist, berücksichtigt werden. 

Unter diesen Bedingungen ist von grösster Wichtigkeit die Lage 
eines Ortes gegen den regenbringenden Wind, der für Nordwestdeutsch- 
land am häufigsten der Südwest, sodann aber der West und Nord- 
west ist. Vom Atlantischen Ozean, sei es vom Golf von Biscaya, sei 
es vom Kanal oder von der Nordsee herkommend, besitzt dieser west- 
liche Wind eine grosse Feuchtigkeit. Von dieser vermag er eine um 
so grössere Menge niederzuschlagen, je weniger er bereits verloren hat, 
je näher also eine Gegend am Meere liegt. Die Verdichtung der 
Feuchtigkeit tritt aber nur ein bei Abkühlung der Luft. Da sich nun 
die Luft hauptsächlich beim Aufsteigen in höhere Regionen abkühlt, 
so sind in erster Linie die Gebirge die Gebiete eines stärkeren Nieder- 
schlags. Mit der Höhe über dem Meeresspiegel nimmt also im all- 
gemeinen die Regenmenge zu. Für solche Gegenden, in denen Messungen 
fehlen, kann daher die Höhenschichtenkarte bei dem Entwurf der Regen- 
karte als ergänzendes Hilfsmittel eintreten. Es ist zu diesem Zwecke 
die im Andree-Peschelschen Atlas benutzt worden. Dabei ist jedoch 
auf den Umstand Bedacht zu nehmen, dass die dem Winde zugekehrte 
Seite, die „Luvseite* der Gebirge, an der die Luft zum Aufsteigen ge- 
zwungen wird, regenreicher ist als die Rückseite derselben, die „Lee- 
seite* oder das „Regenschattengebiet", da hier die Luft bereits eines 
Teiles ihrer Feuchtigkeit beraubt anlangt. 

Um zu zeigen, wie diese allgemeinen meteorologischen Gesetze 
in den verschiedenen Teilen des nordwestlichen Deutschlands zu Tage 
treten, und um zugleich die Zeichnung der Karte im einzelnen zu be- 
gründen, bedarf es einer besonderen Besprechung der einzelnen Ge- 



324 I^aul Moldenhauer, [20 

biete. Zu dem Zwecke wird das ganze nordwestliche Deutschland am 
geeignetsten zunächst in zwei grosse Teile zerlegt, das Flachland und 
das Gebirgsland. In dem letzten zeichnet sich der Harz und der 
Thüringer Wald durch ein besonders dichtes Stationsnetz aus. Von 
diesem Gebiete empfiehlt es sich daher auszugehen. Abgegrenzt wird 
dasselbe im Süden durch den Oberlauf des Mains, im Westen durch 
die Rhön und das Werra- und Leinethal, im Norden durch das Flach- 
land und im Osten durch die Elster und eine Linie von Zeitz nach 
Dessau. Westlich von diesem Abschnitte folgt das Weser- und das 
hessische Bergland. Von diesem besitzen wir nur aus dem Teutoburger 
Walde und dem SoUing, sowie aus der Rhön und dem Vogelsberg 
einige Regenmessungen, während die Niederschlagsverhältnisse der da- 
zwischen liegenden geringeren Höhen noch ganz unerforscht sind. Es 
ist deshalb angebracht, der Besprechung dieses Teils die des rheinischen 
Gebirgslandes vorausgehen zu lassen, da dessen Regenhöhen etwas 
genauer bekannt sind und jedenfalls einige Schlüsse auf die Regen- 
verhältnisse der benachbarten Gegenden zu machen gestatten. Die 
Grenze des rheinischen Gebietes nach Osten hin wird durch die Wetterau, 
den Lauf der Lahn von Giessen bis Marburg und die Verlängerung 
dieser Linie nach Norden bis an die Diemel gebildet. Der vierte Teü 
des Gebirgslandes endlich ist das Maingebiet, das die Gebirge zu beiden 
Seiten des Mains umfasst und sich nordwärts bis an die Thäler der 
Nidda, der Kinzig und der fränkischen Saale erstreckt. Von dem Flach- 
land soll Schleswig-Holstein als besonderer erster Teil behandelt werden. 
Das übrige zerfällt durch die Elbe in zwei Hauptabschnitte, den der 
Nordsee und den der Ostsee. — Nach dieser Einteilung in sieben Haupt- 
gebiete sind auch die Tabellen eingerichtet. 



I. Harz nnd Thüringer Wald. 

(Tabelle I.) 

Die klimatischen Verhältnisse des Harzes und Thüringens sind 
von Assmann zum Gegenstand einer Untersuchung gemacht^), der die 
meteorologischen Beobachtungen der Jahre 1881 — 1884 zu Grunde ge- 
legt sind. Da diese 4 Jahre sich durch besonders starken Nieder- 
schlag auszeichneten, so muss Assmanns Darstellung das Gebiet feuchter 
erscheinen lassen, als es nach einer längeren Beobachtungsreihe der 
Fall sein würde. Gleichwohl stimmt aber die von ihm angefertigte 
Regenkarte mit den neueren Ergebnissen im allgemeinen recht gut 
überein. 

Dem Kamm des Thüringer Waldes kommt nach den Messungen 
einer ganzen Anzahl von Stationen eine Regenmenge von mehr als 



• *) S. oben S. 310 [6], Nr. 3. 



211 Die geographische Verteilung der Niederschläge. 325 

100 cm Höhe zu. Den höchsten Wert hat der Inselsberg aufzuweisen. 
Die Reduktion des 6jährigen Mittels ergiebt 132 cm. Doch nimmt 
Hellmann ^) an, dass die Niederschläge thatsächlich grösser seien, als 
die Messungen ergeben, da diese im Winter schwer vorzunehmen sind. 
Dem Inselsberg am nächsten steht mit 127 cm Schmiedefeld an der 
LuTseite unterhalb des Kammes. Die übrigen Stationen gehen über 
120 cm nicht hinaus. Von allen Beobachtungsstationen des Kammes 
bleibt nur Neustadt am Rennsteig unter 100 cm. Trotz seiner hohen 
Lage in 800 m Meereshöhe besitzt es nur ein Jahresmittel von 93 cm. 
Diese geringe Regenmenge ist in Anbetracht der so viel grösseren 
Niederschlagshöhen der Nachbarorte geradezu ein Rätsel. — Die Sta- 
tionen des nordwestlichen Abhangs des Gebirges bieten insofern einige 
Schwierigkeiten, als die Reduktionen ihrer kurzen Beobachtungsreihen 
keine übereinstimmenden Ergebnisse liefern. Als Grundstationen kommen 
in Betracht Gross-Breitenbach und Erfurt. Da aber die hier zu be- 
nutzenden Jahre von 1884 — 1888 bei Gross-Breitenbach in einer von 
den anderen Stationen abweichenden Weise weit unter dem Mittel 
bleiben, so ist die Reduktion auf Erfurt vorzuziehen. Dass die Er- 
hebung des Inselsbergs die Regenmenge der unmittelbar hinter ihr im 
Lee liegenden Orte nicht verringert, sondern dass diese vielmehr an 
den hohen Niederschlägen des Inselsbergs teilhaben, zeigen die Mittel 
von Winterstein und Tabarz. Beide liegen noch nicht 400 m hoch und 
haben doch über 80 cm Niederschlag, während das gleich hohe, aber 
weiter vom Kamm entfernte Ohrdruf nur gegen 70 cm besitzt und das 
480 m hohe Ilmenau nur etwa 77 cm. Sogar das 580 m hohe Ober- 
hain erreicht wohl 80 cm nicht. Bei der Station Winterstein wirkt 
sicherlich die für Kondensationen bei Nordwind günstige Lage am 
Nordwestende des Gebirges zur Herbeiführung dieser grossen Regen- 
höhe mit. Vielleicht ist dasselbe auch bei Tabarz der Fall. Aehnlich 
wie diese beiden dicht am Kamm liegenden Stationen weist auch das 
in der Nähe von Gross-Breitenbach liegende Katzhütte trotz seiner 
schon verhältnismässig niedrigen Lage von 434 m noch eine Regen- 
höhe von 99 cm auf. Auch hier also ist die Zone hohen Niederschlags 
auf den nächstliegenden Teil des Leeabhangs ausgedehnt. Die niedrigeren 
Regenstufen folgen am Leeabhang dicht aufeinander. Schon im Saale- 
thal bei Saalfeld, bei Arnstadt, ja im Lee des Inselsbergs bereits bei 
Laucha beginnt das Regenschattengebiet von 50 — 60 cm Regenmenge. 
Leider sind die Niederschlagsverhältnisse der Luvseite wenig be- 
kannt, da es zwischen dem Werrathal und dem Kamm fast ganz an 
Stationen fehlt. So ist denn z. B. die Regenstufe von 80 — 100 cm mit 
Sicherheit gar nicht festzustellen, denn ob die Jahresmittel von Alten- 
stein und Bad Liebenstein 80 cm erreichen, ist fraglich. Assmann hat 
den Satz aufgestellt, dass, wie der höhere Bewölkungsgrad, so auch 
die grössere Regenmenge an der Luvseite schon eine Strecke vor dem 
Gebirge beginne, während sie sich im Lee dichter an den Kamm an- 
schliesse. Er giebt selbst als Beispiel die Station Meiningen an, und 
in der That hat diese, die ungefähr in derselben Entfernung vom Kamm 



>) S. oben S. 310 [6], Nr. 4 a. 



326 l^aul Moldenhauer, [22 

des Gebirges und in derselben Meereshöhe liegt, wie an der Leeseite 
die Station Arnstadt, 15 cm Niederschlag mehr als diese. 66 cm in 
Meiningen stehen der geringen Menge von 51 cm in Arnstadt gegen- 
über. Doch ist dieser Gegensatz nicht durch eine regenerhöhende 
Wirkung des Gebirges zu erklären, sondern vielmehr durch eine trock- 
nende, denn Meiningen weicht von der allgemein dem südlichen Vor- 
land des Thüringer Waldes zukommenden Uegenhöhe gar nicht ab, 
während Arnstadt dem grossen Gebiet angehört, das seinen geringen 
Niederschlag dem Schutze des Gebirges verdankt. Dennoch hat Ass- 
mann mit seiner Behauptung im allgemeinen nicht unrecht, denn die 
70 cm-Stufe beginnt an der Luvseite allerdings bereits in grösserer 
Entfernung vom Kamm als an der Leeseite. So haben schon Sonne- 
feld, (Eoburg ?) und Hildburghausen, obwohl in beträchtlichem Abstände 
vom Gebirge gelegen, über 70 cm Niederschlag, wogegen an der Lee- 
seite die Stationen, denen diese Regenmenge zukommt, Ohrdruf und 
Ilmenau, fast noch dem Gebirge angehören. 

Unterhalb Hildburghausens ist das Werrathal trockener, wie die 
Jahresmittel von Themar und Meiningen beweisen (64 und 66 cm). Es 
mag sich hier die schützende Wirkung der Hohen Rhön geltend machen. 
Erst in Salzungen reicht die Regenmenge von 70 cm wieder bis ins 
Werrathal hinab. Als Ursache hiervon ist wohl die starke Steigung 
anzusehen, die von hier zum Inselsberg hinaufführt. Es ist danach 
auch nicht unwahrscheinlich, dass die an diesem Luvabhang in grösserer 
Höhe gelegenen Stationen Altenstein und Bad Liebenstein die Regen- 
höhe von 80 cm erreichen. Weiter unterhalb bei Berka sinkt dann die 
Niederschlagshöhe an der Werra wieder auf 60 cm herab. 

Wie also der grösste Teil des Werrathales so gehört auch das 
ganze Vorland des Thüringer Waldes bis an den Main, das Grabfeld, 
mit Ausnahme der Hassberge, der Regenstufe von 60 bis 70 cm an. 
Es wird dies sowohl durch Beobachtungen der Stationen Rodach, 
Ummerstadt und Friedrichshall bei Koburg, als durch die der Stadt 
Bamberg wahrscheinlich gemacht und findet seine Erklärung in der 
durch Rhön und Spessart geschützten Lage. 

In dem gänzlich der Stationen entbehrenden Frankenwald ist für 
die Bestimmung der Regenhöhe die Meereshöhe massgebend gewesen. 
Da er dem Thüringer Wald an Höhe nachsteht, so erhielt er im all- 
gemeinen nur 80 — 100 cm Niederschlag. Nur der 810 m hohe Wetz- 
stein wurde dem Gebiet über 100 cm angeschlossen. Nach einer 
Messung von Leutenberg scheinen nordwärts fast bis an die Saale 
70 cm Niederschlag zu fallen. 

Wie der Frankenwald so wurde auch das Fichtelgebirge nach 
Massgabe des Thüringer Waldes dargestellt. In den an der Leeseite 
gelegenen Thälem der Eger und der Saale dürfte sich wohl eine Ab- 
nahme der Regenmenge zuerst bemerkbar machen. 

Für die Feststellung der Niederschlagsverhältnisse des Thüringer 
Beckens steht eine grosse Zahl von Stationen zur Verfügung. Aus dem 
ausgedehnten, weniger als 60 cm Regenmenge besitzenden Gebiet, 
welches die Goldene Aue, die Unstrut- und Gera-Niederung und das Ge- 
biet zwischen Um und Saale umfasst, heben sich einige Enklaven ab. 



23] I^ie geographische Verteilung der Niederschläge. 327 

Von diesen weist das unter 50 cm hinabgehende Jahresmittel von Stadt- 
sulza schon auf das grosse, nördlich der Unstrut gelegene Trocken- 
gebiet hin. Dagegen finden die höheren Regenmengen von Eranichfeld, 
Kamburg und Wetzdorf wohl in demselben Umstände ihre Erklärung, 
welcher auch dem ganzen weiter östlich gelegenen Qebiet seine grössere 
Feuchtigkeit verleiht. Die Gegend östlich der Um und noch mehr die 
am rechten Ufer der Saale erhebt sich zu grösseren Höhen als die 
Gera- und Unstrut-Niederung. Daher kann an diesen Höhen bei Nord- 
westwind der über der Niederung noch nicht kondensierte Wasserdampf 
der Lufb zum Niederschlag gelangen. So erklärt Assmann die grössere 
Feuchtigkeit der Um- und Saaleplatte, deren Vorhandensein nach den 
Messungen von Zeitz, Ziegenrück, Greiz und Bad Elster nicht mehr 
bezweifelt werden kann. 

Das aus einer 10jährigen Beobachtungsreihe hervorgegangene 
Mittel von Plauen, das nur 50,5 cm beträgt^), scheint allerdings da- 
gegen zu sprechen; es findet aber seine hinreichende Erklärung in 
lokalen Verhältnissen, nämlich in der Lage der Stadt Plauen im Elster- 
thale in der Höhe von 311 m über dem Meere und im Lee eines bis 
543 m hohen waldreichen Rückens. 

Dieselbe Erklärung, welche für die grössere Regenmenge der Ilm- 
und Saaleplatte gegeben ist, l'ässt sich auf Wetzdorf jedenfalls an- 
wenden, denn dieses liegt 338 m hoch. Doch auch bei Kamburg und 
Eranichfeld kann wohl die Lage an der Luvseite dieser Erhebungen 
als Ursache der grösseren Regenmenge betrachtet werden. 

Westlich vom Thüringer Becken treten die verschiedenen kleinen 
Höhenzüge durch grössere Niederschlagsmengen hervor, der Hainich 
mit 70 cm , der Dün und die Hainleite mit 60 cm. Auch der KyflF- 
faäuser dürfte wohl nicht unter 60 cm anzusetzen sein, wenn auch keine 
Messungen vorliegen. Ebenso muss sich die Regenhöhe des Ohm- 
gebirges und des Eichsfeldes über die ihrer Umgebung erheben und 
demnach auf 70 cm geschätzt werden. Auch bei diesen geringeren 
Höhen tritt an der Leeseite die trocknende Wirkung derselben hervor, 
80 beim Hainich in Mühlhausen, das kaum 50 cm Niederschlag hat, 
und am Ejffhäuser in Rossla, femer bei der Hainleite und Schmücke 
in Bendeleben und Frankenhausen. 

Die Darstellung des Harzes auf der Karte zeigt nicht ein lang- 
gestrecktes Gebiet höchster Regenmenge wie die des Thüringer Waldes. 
Vielmehr tritt hier auch in den Niederschlagsverhältnissen die Schei- 
dung in Ober- und Unterharz deutlich hervor. Diesem letzten kommt 
die grössere Trockenheit nicht nur wegen seiner geringeren Höhe über 
dem Meeresspiegel zu, sondern auch, weil ihm durch den Schutz des 
Oberbarzes die durch Nordwestwind herbeigeführte Feuchtigkeit vor- 
enthalten wird. Während der Oberharz durchweg über 80 cm Regen 
besitzt, ja auf einem grossen Gebiete sogar über 100, hat der Unter- 
harz nur 60 — 80 cm aufzuweisen. Ueber 120 cm ragen im Harz nur 
die Mittel einiger Stationen hinaus, an der Luvseite Elausthal mit 135 
und Stöberhaj mit 125 cm, sodann das Forsthaus Sonnenberg mit 143, 



') Vgl. S. 309 [5], B, 1, a, S. XV. 



328 Pa^ Moldenhauer, [24 

Schierke mit 130 cm und endlich der Brocken mit 166 cm nach Hell« 
mannscber Berechnung ^). 

Leider fehlen im westlichen Vorland die Stationen vollständig, 
so dass eine Prüfung der Assmannschen Behauptung, dass eine stärkere 
Kondensation bereits in einiger Entfernung vom Öebirge eintrete, nicht 
stattfinden kann. Die vor dem Unterharz liegenden Stationen der 
Goldenen Aue, welche sehr geringe Mittel besitzen — Nordhausen und 
Aumühle 57 cm und Wechsungen gar nur 47 cm — können für diesen 
Zweck nicht in Betracht kommen, denn einerseits besitzt der Unterharz 
nur eine geringe Höhe und nur ungefähr 70 cm Regenmenge und anderer- 
seits liegt die Goldene Aue im Regenschatten der Hainleite. 

Das von Sangerhausen und Frankenhausen bis über die Saale 
hinüberreichende Trockengebiet mit weniger als 50 cm Regenmenge 
ist durch den gemeinsamen Schutz des Harzes und des Thüringer 
Waldes verursacht. Es bildet sowohl von Südwest als von Nordwest 
her das letzte Glied in der abnehmenden Reihenfolge der Regenstufen 
und schliesst sich auch in seinem Umfang der langen Erstreckung des 
Thüringer Waldes und der schmalen Ausdehnung des Harzes an. 

Das nördlichere Trockengebiet um Bode- und Saalemündung ist 
dagegen hauptsächlich als eine Wirkung des Harzes aufzufassen. Wie 
jenes erste in grösserer Entfernung von dem die Trockenheit wesent- 
lich verursachenden Thüringer Wald gelegen ist, so beginnt auch dieses 
erst in einigem Abstände vom Harz. — Die Lage des ersten im 
Südosten des Harzes lässt ebenso wie der grosse Unterschied in den 
Niederschlagsmengen des Ober- und Unterharzes darauf schliessen, dass 
der Nordwest ein häufiger Regenwind des Harzes ist. ■— Aus der 
Lage des zweiten Trockengebiets dagegen kann man, wie auch Assmann 
bemerkt, erkennen, dass der Hauptregenwind für den Harz der West- 
südwest ist. Wie häufig endlich auch der Südwest ist, geht daraus 
hervor, dass die ganze Gegend von Magdeburg bis Gardelegen die 
Regenhöhe von 50 cm nur gerade erreicht. Wenn ihre Niederschlags- 
menge nicht ganz unter 50 cm hinabsinkt, so mag daran die im Ver* 
gleich zu dem südlichen Teil der Magdeburger Börde grössere Meeres- 
nähe schuld sein. 

Ein kleines Trockengebiet liegt auch, wenn anders die Messungen 
zuverlässig sind, dicht am Harz. Die Beobachtungen von dem 338 m 
hohen Regenstein, die 42 cm ergeben, besitzen zwar an sich ganz 
geringe Glaubwürdigkeit, werden aber durch die Eleihe der benach- 
barten Station Langenstein gestützt, so dass die Annahme einer auch 
in der Nähe trocknenden Wirkung des Harzes und zwar des Brocken- 
massivs mir nicht von der Hand zu weisen schien. 

Zwei geringe Erhebungen treten mit etwas grösserer Regenmenge 
aus ihrer Umgebung hervor. Die eine liegt zwischen den beiden 
Trockengebieten nördlich von Halle und besitzt nach den Messungen 
von Glauzig, Gröbzig und Brachstedt über 60 cm, die andere ist der 
Elm östlich von Braunschweig, für welchen das Jahresmittel von (Jross- 
Rhode eine 70 cm überschreitende Regenhöhe nachweist. 



») S. oben, S. 310 [6], Nr. 4 b. 



25] 



Die geographische Verteilung der Niederschläge. 



329 



Aus der Behauptung Assmanus, dass die Zonen stärkeren Nieder- 
schlags an der Luvseite bereits in grösserer Entfernung vom Kamm 
des Gebirges beginnen, sich dagegen im Lee enger an den Kamm an- 
schliessen, sowie auch schon aus der allgemeinen Annahme, dass die 
Luvseiten regenreicher sind als die Leeseiten, geht hervor, dass die 
gleichen Regenmengen an der Luvseite bereits Orten von geringerer 
Meereshöhe zukommen als an der Leeseite. Beim Harz tritt diese 
Erscheinung thatsächlich deutlich hervor, wie aus folgender Gegenüber- 
stellung zu erkennen ist: 

Meereshöhe der am tiefsten gelegenen Station. 



Regenmengen 
von 



an der Luvseite 



an der Leeseite 



ca. 62 cm 

72 

81 

102 



9 



a 



fehlt 
180 m Bodenstein (71 cm) 
282 , Walkenried (81,0 cm) 
380 , Wieda (102,9 cm) 



325 m Alexisbad (62,5 cm) 

230 , Stapelburg (72,6 cm) 

450 n Königshof (80,5 cm) 

524 „ Molkenhaus (101,5 cm) 



Als Leestationen sind hierbei nicht nur die des nördlichen Uarz- 
randes, sondern auch die des ünterharzes, die im Lee der Nordwest- 
vrinde liegen, betrachtet worden. — Am Thüringer Wald lässt sich 
dagegen die grössere Feuchtigkeit der Luvseite zahlenmässig nicht fest- 
stellen, weil an derselben geeignet gelegene Stationen fehlen. An der 
Thatsache ist indes keineswegs zu zweifeln. 

Eine weitere Tabelle erleichtere einen Vergleich der Feuchtigkeit 
des Harzes und des Thüringer Waldes: 



Meereshöhe 


der am tiefsten gelegenen Station. 


Regenmengen 
von 


im Harz 


im Thüringer Wald 


Luvseite 








ca. 66 cm 
. 75 , 

, 82 , 
. 110 , 


180 m 
262 , 
380 , 


fehlt 
Bodenstein (71,0 cm) 
Walkenried (81,0 cm) 
Wieda (102.9 cm) 


200 m Berka a. d. W. (ca. 66 cm) 
310 , Sonnefeld (77,5 cm) 
463 , Altenstein (82,5 cm) 
620 y, Scheibe (117,5 cm) 


Leeseite 








ca. 90 cm 
. 72 . 
. 65 , 
- 55 , 


450 , 
280 . 
325 , 

110 y, 


Königshof (80,5 cm) 
Stapelburg (72.6 cm) 
Alexisbad (62,5 cm) 
Schiaden (54,7) 


434 , Katzhütte (99,0 cm) 
302 r, Leutenberg (72,5 cm) 
240 , Eisenach (68,9 cm) 
199 , Rudolstadt (56,3 cm) 



Er zeigt sich, dass an der Luvseite zunächst in allen Regenstufen 
übereinstimmend die Regenmenge des Harzes in tiefer liegende Gebiete 
hinabreicht, dass also die Luvseite des Harzes regenreicher ist als die 



830 Paul Moldenhauer, [26 

des Thüringer Waldes. In der untersten Stufe fehlt es im Harz an 
Stationen. An der Leeseite machen nur die Stufen 80 — 100 und 60 — 70 cm 
eine Ausnahme. In der ersten geht das durch seine Kammnähe einer 
hohen Regenmenge teilhaftige Katzhütte bis zu 434 m Meereshöhe 
hinab. Freilich liegen Winterstein und Tabarz noch tiefer, aber da 
die Erklärung ihrer hohen Regenmenge zum Teil in ihrer Eigenschaft 
als Luvseitenstation für Nordwestwinde gesucht wurde, so sind sie hier 
nicht mit zu berücksichtigen. Dass in der 60 — 70 cm-Stufe im Harz 
die Stationen so hoch hinaufreichen, hat seine Ursache darin, dass der 
ünterharz im Verhältnis zu seiner Höhe recht trocken ist. In der 
untersten Stufe sind nur die dem Öebirge nahe liegenden Stationen 
verglichen worden. Auch hier ist die grössere Feuchtigkeit des Harzes 
erkennbar. Der Harz besitzt also nicht nur absolut eine grössere 
Niederschlagsmenge als der Thüringer Wald, die ihm schon seiner 
grösseren Höhe wegen zukommt, sondern er ist auch in denselben 
Meereshöhen im allgemeinen regenreicher als dieser. Der Qrund hier- 
für liegt in der geringeren Entfernung vom Meere und der dadurch 
bedingten grösseren Luftfeuchtigkeit des Harzes, sowie nicht minder in 
seiner freieren Lage, besonders gegen Nordwestwinde. 



II. Das rheinische Gebirgsland. 

(Tabelle IL) 

Das rheinische Gebirgsland besitzt zwar im ganzen eine ^ weit 
geringere Zahl von Stationen als der Harz und der Thüringer Wald, 
dagegen ebensoviele lange^ mehr als 10 Jahre umfassende Beobachtungs- 
reihen. Das ganze Gebiet zerfällt für die Darstellung in drei Teile: 
das Rheinthal, das linksrheinische und das rechtsrheinische Gebirge. 

Zu dem ersten mag auch die vom Gebirge umschlossene rheinische 
Tieflandsbucht, die eigentlich bereits dem norddeutschen Flachland an- 
gehört, gerechnet werden. Die beiden langjährigen Messungen von 
Krefeld und von Köln weisen ihr die Regenhöhe von 60 — 70 cm zu, 
welche ebenfalls dem Rheinthal weiter aufwärts im allgemeinen zu- 
kommt. Eine Abweichung hiervon bildet jedoch das 23jährige Mittel 
von Bonn, welches den geringen Wert von 59,6 cm besitzt. Dieselbe 
ist um so auffälliger, als das wenig südlich von Bonn gelegene Godes- 
berg eine Regenmenge von 76 cm hat. Für diese lässt sich folgende 
Erklärung geben: Die Nordwestwinde, welche in die niederrheinische 
Tieflandsbucht hinein wehen, sind an den links- und rechtsrheinischen 
Gebirgen zum Aufsteigen und zu Kondensationen gezwungen. Godes- 
berg liegt nun gerade an dem Endpunkt der sich nach Südost zu 
trichterförmig verengenden Bucht. Die Spitze des Trichters vrird vom 
Siebengebirge und den westlich von Godesberg liegenden Höhen um- 
schlossen. Es trägt also den Charakter einer Luvseitenstation f&r 



27] l^ie geographische Verteilung der Niederschläge. 331 

Nordwestwinde. Als solche kann es eine Regenhöhe von 76 cm sehr 
wohl besitzen. Für Bonn yermag dagegen ein Grund für eine besonders 
niedrige Regenmenge nicht gefunden zu werden. Zwar wird dieselbe 
durch den Schutz des hohen Venu und der Eifel beeinträchtigt, doch 
ist das auch bei Godesberg der Fall, und andererseits muss bei Nord- 
westwind wie bei diesem, so auch schon bei Bonn eine Erhöhung der 
Niederschlagsmenge eintreten. Die Lage der Stadt Bonn kann mit 
der von Paderborn verglichen werden. Beide liegen im Winkel einer 
Tieflandsbucht, beide in nahezu derselben Entfernung vom Meere, beide 
sind gegen Südwest geschützt durch Gebirge, die freilich bei Bonn 
höher sind und auch noch gegen West schützend vorgreifen, beide 
liegen endlich für Nordwestwinde an der Luvseite von Erhebungen. 
Paderborn besitzt nach 18jährigen Messungen eine Begenhöhe von 
67 cm. Danach ist ein Herabgehen des Bonner Mittels unter 60 cm jeden- 
falls nicht anzunehmen. Der geringe Betrag, der an dieser Höhe fehlt, 
mag deshalb unberücksichtigt bleiben. Vielleicht ist mangelhafte Auf- 
stellung des Regenmessers an dem zu kleinen Ergebnis der Messung 
schuld. Dem entgegen kann freilich die niedrige Niederschlagshöhe 
von Koblenz Bedenken erregen. Dieselbe ist zwar nur das Ergebnis 
einer 8jährigen älteren Reihe, mit der noch dazu eine Reduktion nicht 
vorgenommen werden kann, weil die Reihe lückenhaft ist und die 
einzelnen Jahreswerte mir nicht vorliegen. Doch wird sie einerseits 
durch die wenn auch nur 1jährige Regenmessung in Neuwied, die 
ebenfalls unter 60 cm bleibt, ein wenig gestützt, und andererseits lässt 
sich für den Koblenzer Kessel auch eine geringe Niederschlagsmenge 
erwarten, da derselbe rings von Bergen umschlossen und nicht wie 
Bonn den Nordwestwinden frei zugänglich ist. Danach könnte nun 
dem ganzen Rheinthal aufwärts eine so geringe Regenmenge zuge- 
schrieben werden. Doch dagegen spricht die langjährige Reihe von 
Boppard, die 65 cm ergiebt. Erst am Knie des Rheins bei Bingen 
beginnt, soweit die Beobachtungen erkennen lassen, wieder ein Gebiet 
grösserer Trockenheit, welches den ganzen Rheingau, das Nahethal bis 
Kreuznach aufwärts und das zwischen Nahe und Rhein liegende Hessen 
umfasst. Hier macht sich der Regenschatten des Hunsrück und der 
Hardt bemerkbar. Nach älteren Messungen in Kreuznach würde das 
Nahethal sogar weniger Regen als 50 cm besitzen. Doch hält Hell- 
mann ^) diese Beobachtungen nicht durchweg für zuverlässig. Neuere, 
an mehreren in der Nähe liegenden Orten, so in Bingen, Geisenheim, 
Mainz, Wörrstadt, Monsheim und Dürckheim angestellte Messungen 
zeigen denn auch übereinstimmend ein Mittel zwischen 50 und 60 cm. 
Für Pfeddersheim, dessen Mittel 50 cm kaum erreicht, eine niedrigere 
Regenstufe anzunehmen erscheint nicht wohl möglich, wenn auch der 
Schutz des pfälzischen Gebirges als Erklärung herangezogen werden 
könnte, weil das in seiner unmittelbaren Nähe gelegene Monsheim und 
das etwas südlichere Dürckheim über 50 cm hinausgehen. 

Im linksrheinischen Gebirge kommt in dem nördlich von der Mosel 
gelegenen Teil der plateauartige Charakter der Erhebungen auch in 

') S. S. 310 [6], Nr. 4 a. 



332 Pa^ Moldenhauer, [28 

der Verteilung der Niederschläge zum Ausdruck. Sowohl das Gebiet 
über 70 cm als das über 80 cm Regenhöhe bildet eine weit ausgedehnte 
Fläche. Nur die über 100 cm hinausgehenden Stellen sind verhältnis- 
mässig schmale Streifen. Es sind diese das Hohe Venu und die Schneifei. 
Für jenes sind die belgischen Messungen von Hockay und Baraque 
Michel nach Hellmann massgebend. Stavelot an der Südseite und 
Imgenbroich an der Ostseite des Hohen Venu erreichen 100 cm nicht 
mehr. Auch die am Nordende der Schneifei gelegene Station Holle- 
rath und die westlich von derselben liegende Station St. Vith erreichen 
diese Höhe nicht. Doch lässt die 2jährige Reihe vom Schneifelforst- 
haus auf eine 100 cm nicht wenig übersteigende Regenhöhe der Schneifei 
schliessen. Dass die 80 cm-Stufe noch weiter nach Norden ausgreift 
beweist das langjährige Mittel von Aachen. Nach der Ostseite des 
Gebirges hin ist eine Abnahme der Regenmenge zu erwarten, da der 
Luft, wenn sie dort ankommt, bereits ein Teil ihrer Feuchtigkeit ent- 
zogen ist. Trotzdem scheint mir die Höbe Eifel in die Zone von 80 bis 
100 cm Niederschlag mit hineingezogen werden zu müssen. Zwar erreicht 
das Mittel von Kelberg durch Reduktion auf Boppard die Höhe von 
80 cm kaum. Doch ist zu berücksichtigen, dass Kelberg nur 482 m 
hoch liegt und von Bergen, welche 100 — 200 m höher sind, umgeben 
ist. Die Lage ist also verhältnismässig geschützt, und man kann des- 
halb für die ganze Hochfläche der Hohen Eifel sehr wohl einen stärkeren 
Niederschlag annehmen. Da sie die Schneifei und das Hohe Venu an 
Höhe übertrifft und diese sogar über 100 cm Niederschlag besitzen, so 
darf man für die Hohe Eifel jedenfalls auf eine R^genhöhe von mehr 
als 80 cm schliessen. Hinzu kommt noch, dass sie dem Nordwestwind 
ziemlich frei ausgesetzt ist, da nur geringere Höhen ihr im Nordwesten 
vorgelagert sind. Die 1jährige Messung von Gerolstein scheint dem 
Thal des Eyll eine geringere Regenmenge zuzuweisen. Mit derselben 
stimmt das 2jährige Mittel von Bitburg in der Voreifel überein, welches 
nur etwa 70 cm Regenhöhe hat. Dagegen ergiebt die Reduktion der 
1jährigen Beobachtung von Lutzerath sicher ein zu hohes Mittel. Diese 
Station wird wohl ebenfalls zwischen 70 und 80 cm Niederschlag be- 
sitzen. Für die Begrenzung dieser Stufe im Osten ist das Mittel von 
Laach — 68 cm — massgebend. Wenn Laach auch in der engen 
Senkung des Sees tiefer liegt als seine Umgebung, so ist doch an- 
zunehmen, dass auch diese nicht mehr ganz 70 cm Niederschlag besitzt, 
da sie dem Leeabhang der Eifel angehört. Vielleicht würde eine dichtere 
Besetzung mit Regenstationen' für die Eifel wie auch für Westerwald 
und Sauerland ein bedeutend komplizierteres Bild ergeben; die Thäler 
sind möglicherweise recht trocken im Vergleich zu den Plateauflächen 
zwischen ihnen. 

Dem Moselthal oder wenigstens der Erweiterung desselben ober- 
halb und unterhalb der Stadt Trier kommt nach den langjährigen Be- 
obachtungen dieser Station eine geringere Regenmenge zu als der 
Umgebung. — Südlich von der Mosel tritt in der Karte der Gebirgs- 
zug des Hochwalds, des Idar- und Soonwalds mit 80 cm Niederschlag 
hervor. Für diese Darstellung war allein das langjährige Mittel von 
Birkenfeld entscheidend, welches 88 cm ergiebt. Da diese Station nur 



291 I^ie geographische Verteilung der Niederschläge. 333 

396 m hoch liegt, so kann für den 600 m hohen Kamm des Gebirges 
mit grosser Wahrscheinlichkeit die ßegenhöhe über 100 cm gesetzt 
werden. Wenn dies Gebirge, obwohl seine Hauptausdehnung in der 
Richtung von Südwesten nach Nordosten, also in der des häufigsten 
Windes liegt, und dasselbe demnach den Kondensationen keine breite 
Schranke bietet, dennoch eine so hohe Regenmenge besitzt, so ist das 
dadurch zu erklären, dass es nicht durch bedeutende vorliegende Höhen 
geschützt ist, sondern von dem noch ungeschwächten Regen wind ge- 
troffen wird. Am rechten Ufer der Nahe erreicht im pfälzischen Gebirge 
der Donnersberg vielleicht eine Regenhöhe über 80 cm. Derselbe bleibt 
aber südlich von dem Gebiet der Karte. 

Das rechtsrheinische Gebirge wird durch den Lauf der Bahn von 
Giessen bis zur Mündung in zwei Abschnitte zerlegt. Der südliche ist 
der Taunus, der nördliche umfasst den Westerwald, das Rothaargebirge, 
das Sauerland und die Haar. Der Taunus, sowie die Ufer des Rheins 
und des Mains an seinem Fusse besitzen eine grosse Zahl ^on Stationen, 
von denen freilich nur zwei oder drei schon eine längere Beobachtungs- 
reihe aufweisen können. Die längste, bereits 40 Jahre umfassende, 
hat Frankfurt mit dem Mittel 61 cm. Damit stimmt zwar das östlich 
von Frankfurt an der Mündung der Kinzig in den Main gelegene 
Hanau genau überein. Die übrigen Nachbarstationen aber, die weiter 
westlich am Rhein und Main liegen, haben sämtlich ein geringeres 
Jahresmittel. Schon das wenig unterhalb Frankfurts liegende Nieder- 
rad, sodann Höchst, Okriftel, Flörsheim und Kostheim ebenso wie Mainz, 
Geisenheim und Bingen — alle besitzen übereinstimmend wenig mehr 
als 50 cm Niederschlag. Wie sich dies regenarme Gebiet nach Süden 
hin nach Rheinhessen fortsetzt, so nach Nordosten über Frankfurt in 
die Wetterau, wie die Messungen der Stationen Friedberg a. d. üsa, 
Bingenheim und Salzhausen am Vogelsberg beweisen. Eine Erklärung 
findet die Trockenheit dieser Gegend in der Lage derselben im Regen- 
schatten der Hardt, des pfälzischen Berglands, des Hunsrücks und 
namentlich des Taunus. Schon 1886 hatte Hellmann ^) die Vermutung 
ausgesprochen, dass das Trockengebiet von Rheinhessen sich in den 
Rheingau hinüber erstrecke. Dieselbe ist durch die seitdem angestellten 
Beobachtungen also bestätigt worden. Indes steigen im Rheingau die 
Regenmengen vom Rhein zur Höhe des Taunus hinauf schnell an. 
Wiesbaden, Soden, Homburg v. d. H., sowie Windeck bei Geisenheim 
gehören bereits der 60 — 70 cm-Stufe an. Auffällig ist, dass die Station 
Kammerforst, die am Westende des Taunus in 464 m Höhe liegt, nicht 
eine höhere Niederschlagsmenge zeigt. Es folgen mit 71 cra die Station 
Staufen und endlich mit mehr als 80 cm Kronberg, Falkenstein und 
der Feldberg. Da dieser höchste Punkt des Gebirges aber nur 97 cm 
erreicht — wenn anders nicht die beobachtete Regenmenge durch den 
starken Wind und die im Winter eintretenden Schwierigkeiten der 
Messung zu gering ausgefallen ist, — so lässt sich eine Regenhöhe 
über 100 cm im Taunus nicht feststellen. Aber auch die Regenstufe 
von 80 — 100 cm scheint nur auf die Umgebung des Feldberges beschränkt 



») S. oben S. 310 [6], Nr. 4 a. 



334 Paul Moldenhauer, [30 

zu sein, denn die Station Staufen zeigt trotz ihrer Höhe von 405 m 
nur 72 cm Niederschlag. Dass dagegen am Nordwestabhang des Taunus 
die Zone von 70 — 80 cm noch eine grosse Ausdehnung hat, lässt sich 
aus den Jahresmitteln von Kernel, Langenschwalbach, Neuweilnau und 
Schmitten erkennen. Weiter nach dem Lahnthal hinab ist dagegen 
kaum noch eine Niederschlagsmenge von 70 cm anzunehmen. Für 
dieses selbst stellen die Messungen von Giessen, Wetzlar und Weilburg 
die Regenhöhe auf 62 — 64 cm fest. 

Zwischen der Lahn und der Lippe Uegt das grösste Gebiet einer 
über 80 cm hohen Regenmenge im ganzen nordwestlichen Deutschland. 
Durch die Beobachtungen einiger Stationen am nördlichen Abhang des 
Sauerlands, Arnsbergs und Bigges a. d. R. , sowie durch die von 
Gummersbach im oberen Aggerthal und die von Altenkirchen und 
Hachenburg am westlichen Abhang des Westerwaids wird die Grenze 
dieses Gebiets gegen Norden und Westen einigermassen bestimmt. Im 
Osten des Gebirges gehört nur die Station Berleburg, welche im Regen- 
schatten des Rothaargebirges liegt und von Bergen eingeschlossen ist, 
der Regenstufe von 80 — 100 cm an. Innerhalb dieses Bezirks tritt ein 
Gebiet noch höherer, 100 cm überschreitender Niederschlagsmenge hervor, 
welches den östlichen, höheren Teil des Westerwaids, das Rothaar- 
gebirge und das Plateau von Winterberg umfasst. Die Ausdehnung 
desselben im Norden wird durch die Messungen von Olsberg bestimmt, 
das an der Luvseite für Nordwestwinde vor den höchsten Erhebungen 
des Gebirges gelegen ist. Im Süden steigt nach einer Angabe Hell- 
manns ^) das Jahresmittel der 620 m hohen Station Neukirch im Wester- 
wald auf 130 cm. Die Messung von Lahnhof am Jagdkopf in 610 m 
Höhe ergiebt nur 110 cm. Eine andere Station, die in dies Gebiet fällt, 
Alt-Astenberg, in 780 m Meereshöhe am Kahlen Asten gelegen, bereitet 
Schwierigkeiten. Während man ein Mittel über 100 cm erwarten müsste, 
liefert die 4jährige Beobachtungsreihe nur den Wert 80 cm. Mag auch 
die durch höhere Berge geschützte Lage der Station zur Erklärung 
dieser geringen Regenmenge herangezogen werden, so bleibt diese doch 
immerhin auffällig. Vielleicht ist die Erklärung in dem umstände zu 
suchen, dass die Schneemessung im Winter auf allen Höhenstationen 
mangelhaft ist. — Dem Ebbegebirge muss seiner Höhe und seiner allen 
westlichen Winden sehr ausgesetzten Lage nach mehr als 100 cm 
Niederschlag zuerkannt werden. — um das ausgedehnte regenreiche 
Gebiet der beiden höchsten Regenstufen schliesst sich eine Zone von 
70 — 80 cm Regenmenge herum. Im Süden und Osten fehlen derselben 
Stationen, doch muss sie als Uebergang zu dem 60 cm besitzenden 
Lahnthal notwendig angenommen werden. Wie diesem, so kommt auch 
wohl dem Laufe der Eder im Schatten des Winterberger Plateaus nur 
die Regenhöhe von 60 cm zu. Dass dies Gebirge auch nach Nordosten 
hin seine schützende Wirkung erstreckt, zeigt das nicht ganz 70 cm 
besitzende Nieder-Marsberg, welches freilich gegen Nordwestwind eben- 
falls durch einen Höhenzug einigen Schutz erhält. Der westliche Teil 
der 70 — 80 cm-Zone besitzt keine Station, denn Elberfeld erreicht das 



') S. oben S. 310 [6], Nr. 4 a. 



[31 Die geographische Verteilung der Niederschläge. 335 

Mittel Ton 70 cm nicht ganz. Wenn aber Gummersbach in der Höhe 
von 250 m über dem Meere schon 90 cm Regen liefert, so darf man 
mit Wahrscheinlichkeit annehmen, dass an der Luvseite des Gebirges 
allgemein mit 200 m Meereshöhe die Regenhöhe 70 cm einsetzt. Ja, 
an der Nordseite geht dieselbe sogar in eine noch niedrigere Lage 
hinab. So hat Bochum in 108 m Höhe eine 1jährige Messung, die auf 
ein sehr hohes Mittel schliessen lässt, und Grevel in 78 m Höhe hat 
nach 24jährigen Beobachtungen sogar 79 cm Niederschlag. Ein auf- 
fällig hohes Jahresmittel ergeben auch die 5jährigen Messungen von 
Mülheim an der Ruhr durch Reduktion auf Krefeld, von der ein sicheres 
Resultat erwartet werden kann, da beide Stationen einander recht nahe 
liegen. Die Reduktion auf Köln ergiebt indes nur 68 cm. Weitere 
Messungen in Mülheim wie in Bochum werden zeigen, ob hier in der 
geringen Meereshöhe von 40 — 100 m thatsäcfalich eine so starke Kon- 
densation bereits eintritt. Als Ursache derselben könnte dann die Lage 
der Stationen in dem rheinisch-westfälischen Industriebezirk angesehen 
werden, von welchem man eine regenerhöhende Wirkung in derselben 
Weise erwarten kann , wie sie nach den Beobachtungen in Bremen ^) 
durch grosse Städte thatsächlich herbeigeführt wird. Die Faktoren, 
welche eine stärkere Kondensation. bewirken, aufsteigende Luftbewegung 
und staubreiche Atmosphäre sind hier in noch ausgedehnterem Masse 
vorhanden als in einer einzelnen Stadt. Auch das hohe Jahresmittel 
von Ghrevel würde diese Erklärung zulassen, denn wenn diese Station 
auch nordwestlich von Unna im Hellweg, also vor dem Industriebezirk 
gelegen ist, so könnte doch eine analoge Erscheinung hier eintreten 
wie am Gebirge. Es wäre möglich, dass die Luft, schon ehe sie den 
Herd der aufsteigenden Bewegung erreicht, in dieselbe mit hinein- 
gezogen wird. Für diese Annahme spricht indirekt auch der Umstand, 
dass die benachbarte Station Soest, die in grösserer Meereshöhe als 
Grevel, aber vom Industriebezirk bereits ganz entfernt liegt, nur eine 
Regenhöhe von höchstens 70 cm hat. Man kann indes bei Grevel auch, 
da es Forststation ist, an einen die Feuchtigkeit verstärkenden Einfluss 
des Waldes denken. Es darf somit der Vermutung einer regenerhöhenden 
Wirkung der Industriegegend, welche sich bis Grevel hin bemerkbar 
mache, nicht zu grosses Gewicht beigemessen werden. 

Versuchen wir nunmehr einen Vergleich der Niederschlagsverhält- 
nisse der rheinischen Gebirge mit denen des Harzes. Freilich bereitet 
ein solcher Schwierigkeiten, weil bei der plateauartigen Ausdehnung 
des rheinischen Gebirges eine genaue Scheidung zwischen Luv- und 
Leeseitenstationen nicht möglich ist. Die Stationen des Plateaus sind, 
wenn nicht eine geschützte Lage derselben zu erkennen war, zur Luv- 
seite gerechnet. Hinzu kommt noch, dass neben der Westseite auch 
die Nordseite des rheinischen Gebirges als Luvseite, und zwar für 
Nordwestwinde, eine grosse Rolle spielt. — Zunächst ergiebt eine 
Gegenüberstellung, dass die Regenstufen bis 120 cm hinauf im rheinischen 
Gebirge in geringerer Meereshöhe liegen als im Harz. So regenreiche 
Stationen in so niedriger Lage wie Godesberg, Aachen, Grevel, Bochum, 

') S. unten S. 344 [40]. 



336 I^a^l Moldenhauer, [32 

Arnsberg, Gummersbach und Olsberg besitzt der Harz nicht. Diese 
Erscheinung erklärt sich daraus, dass das rheinische Gebirge sowohl 
von Südwest-, als auch von Nordwest- und namentlich von Westwinden 
freier getroflPen wird als der Harz. Schon die geringen Vorhöhen ver- 
mögen, weil sie als die ersten Schranken sich dem feuchten Luftstrome 
entgegenstellen, verhältnismässig starke Kondensationen hervorzurufen. 
Dass dagegen die höchsten Erhebungen, die Hohe Eifel mit der 760 m 
über dem Meere liegenden Hohen Acht, das Rothaargebirge mit dem 
670 m hohen Jagdberg , die mehr als 600 m erreichenden Teile des 
Westerwaids und das sogar über 800 m hinausgehende Plateau von 
Winterberg, nicht in demselben Grade die Regenmengen des Harzes in 
diesen Meereshöhen überragen, beruht darauf, dass sie an der Ostseite 
des Gebirges liegen, die Luft daher schon über eine weite Hochfläche 
gestrichen ist und auf diesem Wege bereits einen grossen Teil ihrer 
Feuchtigkeit verloren hat, ehe die grössten Höhen von ihr berührt 
werden. Lägen diese dichter an dem West- oder Nordrand des Gebirges, 
so würden gewiss weit grössere Regenhöhen gemessen werden. Die 
einzige, im Nordwesten des Plateaus liegende Erhebung, das Hohe 
Venu, hat denn auch in der 560 m hoch liegenden Station Hockay, 
wenn anders Hellmanns Angabe richtig ist, das höchste Jahresmittel 
des rheinischen Gebirges, 150 cm. Ebenso wird wohl das Ebbegebirge 
an Regenmenge das Rothaargebirge übertreflFen. — Auch die Regen- 
höhen der Leeseite lassen erkennen, dass das rheinische Gebirge der 
ihm nach dem Regenreichtum seiner Luvränder für die einzelnen Meeres- 
höhen eigentlich zukommenden Feuchtigkeit durch seine weite Aus- 
dehnung verlustig geht. In allen Regenstufen reicht die Regenmenge 
des Harzes in grössere Tiefen hinab. In der Stufe von 60 — 70 cm 
liegen zwar die Stationen des Unterharzes recht hoch, aber die in 
weiterer Entfernung vom Harz in der Braunschweiger Niederung ge- 
legenen reichen noch unter 100 m Meereshöhe hinab. Freilich ist bei 
der Erklärung ihrer verhältnismässig grossen Regenmenge in Betracht 
zu ziehen, dass sie dem Nordwest frei ausgesetzt sind und deshalb 
nicht ganz als Leestationen gelten können. 

Aus dieser Untersuchung der Regenverhältnisse der rheinischen 
Gebirge, sowie aus dem Vergleich derselben mit denen des Harzes 
ergiebt sich also, dass nicht die Höhe über dem Meeresspiegel an sich 
für die Grösse der Niederschlagsmenge entscheidend ist, sondern dass 
vielmehr erst die günstige, freie Lage einer Erhebung gegen die regen- 
bringenden Winde ihr die bedeutende Niederschlagshöhe verschafft. Für 
die Richtigkeit dieses Satzes sprechen auch die Regenmengen des Taunus 
und des Hunsrück. Diesem, der dem regenbringenden Südwest mehr 
ausgesetzt ist als jener, musste nach den vorliegenden Messungen ein 
viel ausgedehnteres Gebiet starker Niederschläge zugewiesen werden 
als jenem. 



33] I^ie geogi'aphische Verteilung der Niederschläge. 337 

IIL Weser- und hessisches Bergland. 

(Tabelle III.) 

Das unter dem Namen » Weser- und hessisches Bergland" zu- 
sammengefasste Gebiet umschliesst ausser dem Teutoburger Wald und 
den Weserbergen im Norden und dem Vogelsberg und der Hohen Rhön 
im Süden eine ganze Reihe geringerer Erhebungen. Um die Nieder- 
schlagsverhältnisse jeder einzelnen derselben mit Sicherheit angeben zu 
können, wäre eine grosse Zahl von Stationen nötig. Es sind aber 
leider im Gegenteil recht wenige vorhanden, und von diesen besteht 
die Mehrzahl erst seit einigen Jahren. Nur der Teutoburger Wald ist 
etwas genauer bekannt und zwar sowohl durch einige langjährige 
Beobachtungsreihen, als auch durch drei im Jahre 1884 eingerichtete, 
hoch gelegene Forststationen. Erst durch diese ist es möglich geworden, 
die Regenhöhe des Teutoburger Waldes einigermassen der Wirklichkeit 
entsprechend darzustellen. Früher wurde demselben nur. ein schmaler 
Streifen von der Regenhöhe 70 — 80 cm zuerteilt. Doch schon die am 
rheinischen Gebirge gemachten Erfahrungen weisen darauf hin, dass 
auch hier, obwohl die Meereshöhe nur gering ist, doch eine starke 
Kondensation der Luftfeuchtigkeit stattfinden muss, denn der Höhenzug 
vom Eggegebirge bis zum Nordwestende des Osning ist für den West 
und Südwest, der über das Münsterland herfährt, die erste ihn zum 
Aufsteigen zwingende Schranke. Durch die Ergebnisse der an den 
drei neuen Stationen vorgenommenen Messungen wird diese Erwägung 
vollkommen als richtig erwiesen. Oesterholz am Luvabhang hat, ob- 
wohl es nur 179 m hoch liegt, doch ein Jahresmittel von 81 cm. Dem 
kann nur Aachen in 177 m Höhe mit 85 cm Niederschlag verglichen 
werden. Hartröhren, die zweite Station, hat in 882 m Höhe sogar 
97 cm. Das wird nur von Olsberg übertroffen, welches bei 332 m 
Höhe sogar eine Regenmenge von 100 cm hat. Ebenso hat an der 
Luvseite des Harzes die Station Wicda in 380 m Höhe 102 cm. Diese 
beiden liegen aber an einem noch weit höher ansteigenden Luvabhang 
eines grossen Gebirges, während mit der Höhe von 332 m in Hart- 
röhren der Kamm schon fast erreicht ist. In der geschützteren Lage 
des Harzes würde ein kaum 400 m sich erhebender Höhenzug nicht 
mehr als etwa 70 cm aufweisen, wie man nach den Messungen in Düen 
und Hainich schliessen kann. Im Teutoburger Wald muss dagegen 
dem ganzen Höhenzuge des Osning eine Regenmenge über 80 cm zu- 
geschrieben werden, denn wenn derselbe auch in seinem Westende dem 
Lippschen Walde an Höhe etwas nachsteht, so ist er dagegen dem 
Meere um so näher und den westlichen Winden um so eher zugänglich. 
Auch das Wiehengebirge, welches zwar gegen Südwesten nicht so frei 
liegt wie der Osning, aber den Nordwestwinden sehr ausgesetzt ist, be- 
sitzt wohl, wie z. B. Arnsberg am Nordrande des Sauerlands, über 80 cm 
Niederschlag. Ebenso ist für das Eggegebirge nach seiner grösseren 
Höhe eine so hohe Regenmenge unzweifelhaft. Es liegt ausserdem an 
der Verengerung der westfälischen Ebene, wo alle Luft, die bei West- 

FoTSchnngen znr deutschen Landes- und Volkskunde. IX. '>. 24 



338 Paul Moldenhauer, [34 

und Nordwind in dieselbe hineingetrieben wird, zum Aufsteigen und 
zum Kondensieren ihrer Feuchtigkeit gezwungen wird. Der südliche 
Teil des Eggegebirges liegt noch im Regenschatten des Sauerlands und 
muss daher trockener sein, was auch durch die Beobachtungen in Brilon 
bestätigt wird. Nieder-Marsberg erreicht dann nicht mehr ganz die 
Regenhöhe von 70 cm, da es auch gegen Nordwesten geschützt liegt. 

Die dritte Porststation, Donoperteich, an der Nordseite des Teuto- 
burger Waldes, hat trotz ihrer geringen Höhe von 160m über dem 
Meere doch ebenfalls über 80 cm Niederschlag. Da nun die Messungen 
von Ottenstein, welches am Leeabhang des Weserberglandes liegt, ein 
ebenso hohes Mittel ergeben, so ist anzunehmen, dass das Eggegebirge 
und der Lippsche Wald mit dem Bergland bis an die Weser ein zu- 
sammenhängendes Gebiet mit mehr als 80 cm Regenmenge bilden. 
Wenn auch der Südwestwind von demselben etwas abgehalten wird, so 
können doch die nordwestlichen Winde, welche zwischen Osning und 
Wiehengebirge hereinwehen, an diesen Höhen starke Kondensationen 
hervorrufen. — Von den Erhebungen des rechten Weserufers dürfen 
wohl die Weger- und Bückeberge vermöge ihrer den Nordwestwinden 
ausgesetzten Lage und der Süntel wegen seiner grösseren Höhe noch 
auf 80 cm Niederschlag Anspruch erheben. Dass auch die anderen 
Höhenzüge, wie Deister, Ith und Hils, dieser Regenhöhe nahekommen» 
wenn sie dieselbe auch nicht ganz erreichen, das lässt sich aus den 
Beobachtungen der Stationen Hohenbüchen, Grünenplan, Scharf-Olden- 
dorf schliessen. Dem eine grössere Meereshöhe besitzenden Solling 
kommt trotz seiner geschützteren Lage doch eine Regenmenge von 
mehr als 80 cm zu, wie die Messungen von Schiesshaus und Holzbergen 
beweisen. Seine ausgedehnten Waldungen bieten wohl eine hinreichende 
Erklärung für diesen Regenreichtum. 

Für das Leinethal wird durch die drei Stationen Wrescherode, 
Göttingen und Heiligenstadt eine grössere Trockenheit festgestellt, als 
sie der Umgebung desselben eigen ist, ebenso auch für das Weserthal 
durch die Beobachtungen von Fürstenberg. Dieselbe Trockenheit muss 
ebenfalls dem oberen Weserthal zugeschrieben werden, da es durch den 
Reinhardswald geschützt ist, und dem unteren Werrathal, von dem 
durch denKaufungerwald und den Hohen Meissner der Westwind abge- 
halten wird. Das ganze Fuldathal ebenso der Regenstufe 60 — 70 cm 
zuzuweisen, ist nach den Messungen von Altmorschen, die 71 cm er- 
geben, also ein wenig die Grenze überschreiten, nicht möglich. Dagegen 
lässt wiederum die ausserordentlich niedrige Regenhöhe von Kassel auf 
geringe Feuchtigkeit der ganzen Strecke des Fuldathals von der Eder- 
bis zur Werramündung schliessen, welche freilich den Südwestwinden 
geöffnet ist, aber nach Nordosten bin absteigt. 

Von den übrigen Erhebungen haben nur der Vogelsberg und die 
Hohe Rhön noch einige Beobachtungen aufzuweisen. Ihre Lage ist, 
mit der des rheinischen Gebirges und des Harzes verglichen, sehr ge- 
schützt. Nordwestwinde sind völlig abgewehrt. Der Südwest kann 
allerdings durch das Rhein- und untere Mainthal frei anwehen; da 
diese aber recht trocken sind, so vermögen sie der Luft keine neue 
htigkeit zu liefern. — Die Rhön erhält durch den Spessart eine 



35] I^ie geographische Verteilung der Niederschläge. 339 

abgeschlossenere Lage als der Vogelsberg. Dieser scheint auch in der 
That feuchter zu sein, denn Grebenhain in 450 m Höhe weist schon 
105 cm Regen auf, während die Station Gersfeld in der Rhön bei 482 m 
erst 79 cm liefert und die 100 cm-Stufe erst von dem 760 m hohen 
Frankenheim — nach Hellmanns Angabe ^) — erreicht wird. — Ein 
Vergleich der aus diesen Gebirgen vorliegenden Jahresmittel mit den 
Regenhöhen des Harzes und des Thüringer Waldes zeigt, dass der Vogels- 
berg an Regenreichtum dem Harze näher steht, die Rhön dem Thüringer 
Walde. Wenn man für diesen eine verhältnismässig noch geringere 
Niederschlagsmenge erwarten könnte, weil er durch die Rhön geschützt 
ist, so ist andererseits in Betracht zu ziehen, dass ihm gegen Südwest 
nicht so hohe Erhebungen vorgelagert sind wie der Rhön im Spessart. 
Jedenfalls ist für den Vogelsberg und die Hohe Rhön, wie auch Hell- 
mann hervorhebt, die Regenhöhe über 100 cm in den höchsten Teilen 
nicht zu bezweifeln. 

Endlich erübrigt es noch, die Niederschlagsmengen der um Fulda, 
Werra und Weser liegenden Erhebungen nach den Niederschlagsverhält- 
nissen ihrer Umgebung festzustellen, weil Beobachtungen aus denselben 
nicht vorliegen. Dem Habichts- und Eellerwald, die 500—600 m 
Meereshöhe besitzen, ebenso dem Kaufunger Wald und dem Hohen 
Meissner, der bis 750 m ansteigt, sowie dem Knüllgebirge, welches 
630 m erreicht, sind trotz ihrer geschützten Lage doch wohl Regen- 
mengen über 80 cm zuzuerkennen. Dagegen wird der niedrigere Rein- 
hardswald wohl eine geringere Feuchtigkeit besitzen. 



IT. Das Mafngebiet. 

(Tabelle IV.) 

Für die den Main umgebenden Landschaften sind bei der Dar- 
stellung der Regenverhältnisse hauptsächlich die in den früheren Arbeiten 
angegebenen Mittel benutzt worden. Nur für das hessische Gebiet, den 
Odenwald, lagen die einzelnen Jahresmengen vor. Nach diesen steigt 
von dem Trockengebiet des Rheinthals die Regenmenge an der steilen 
Erhebung des Odenwalds schnell bis zu einer Höhe über 80 cm an, welche 
durch Messungen von Felsberg bezeugt wird. Das östlich vom Oden- 
wald gelegene Plateau des Kalklandes, von welchem nur der nörd- 
lichste Teil auf der Karte dargestellt ist, besitzt einen ausserordentlichen 
Regenreichtum. Die 17jährigen Messungen der 330 m hoch liegenden 
Station Buchen ergeben das Mittel 106 cm. Die Erklärung dieser 
grossen Regenmenge muss darin gesucht werden, dass die das obere 
Rheinthal etwa in der Richtung von Strassburg nach Karlsruhe hinab 
wehenden Winde an diesen Höhen eine Kondensationsschranke finden. — 



*) S. oben S. 310 [6], Nr. 4 a. 



340 Paul Moldenhauer, [3(5 

Auch der Spessart hat nach den in Rohrbrunn angestellten Beobach- 
tungen einen reichlichen Niederschlag. Wenn diese Station in der Höhe 
von 490 m, freilich am Westabhang des Geiersberges gelegen, 108 cm 
Regen aufweist, so ist einem grossen Gebiet von 400 — 500 m Höhe 
sicher zum mindesten eine Niederschlagshöhe von 80 cm zuzuweisen. 
Das in nur 143 m Meereshöhe im Mainthal gelegene Wertheim zeigt 
nicht, wie zu erwarten wäre, eine schützende Wirkung der vorliegenden 
Höhen und demnach eine geringe Regenmenge, sondern es nimmt an 
dem stärkeren Niederschlag der umgebenden Gebirge teil. Es steht 
dadurch, wie schon Hellmann hervorhebt, in auffälligem Gegensatz zu 
dem weiter stromaufwärts liegenden, sehr trockenen Würzburg. Den 
weiterhin an der Südseite des Mains gelegenen Gebirgen dürfte wohl 
die Regenhöhe 70 — 80 cm zukommen. Für den Steigerwald ist die- 
selbe durch das Mittel von Ebrach festgestellt. Dass das oberfränkische 
Bergland sogar über 80 cm Niederschlag besitzt, scheint durch das 
langjährige Mittel von Bayreuth, welches im Lee desselben liegt und 
74 cm ergiebt, bewiesen zu werden. Auch die 4jährigen Messungen 
von Bamberg an der Luvseite desselben, die auf ein sehr hohes Mittel 
schliessen lassen, sprechen dafür. Eine so hohe Niederschlagsmenge 
ist auch nach der Höhe des Berglandes zu erwarten, wenn man die 
Höhen des Fichtelgebirges und des Frankenwaldes zum Vergleich heran- 
zieht. Nördlich vom Main zeichnen sich wohl nur die Hassberge durch 
eine 70 cm überschreitende Regenhöhe aus. 



V. Schleswig-Uolstein. 

(Tabelle V.) 

Von den Niederschlagsverhältnissen Schleswig-Holsteins besitzen 
wir eine verhältnismässig sichere Kenntnis nicht sowohl wegen der 
grossen Zahl der Stationen als vielmehr wegen ihres langen Bestehens. 
Die längste Beobachtungsreihe weist die Station des physikalischen In- 
stituts in Kiel auf. Auf sie sind deshalb die Reduktionen der wenigen 
kurzen Reihen vorgenommen. — Die zweite, neuere Station in Kiel, 
welche sich auf der Sternwarte befindet, bleibt in ihrem Jahresmittel, 
wie die Reduktion zeigt, ein wenig hinter der ersten zurück. Der ge- 
ringe Unterschied beruht nach Lamp auf der freieren, dem Winde stärker 
ausgesetzten Lage der Stern wartenstation ^). Möglich wäre es auch, 
die Ursache des Mehrertrages der Station des physikalischen Instituts 
in der Lage desselben inmitten der Stadt zu suchen. Jedenfalls legen 
die Bremer Beobachtungen diese Erklärung nahe^). 

Von den Stationen der Westküste bedürfen zunächst Westerland 



») S. oben S. 310 [6], Nr. 7, S. 562. 
*) S. unten S. 344 [40]. 



37] I^ie geographische Verteilung der Niederschläge. 341 

UDd Eeitum einer Besprechung. Ihre Jahresmittel zeigen eine auffällige 
Verschiedenheit, da Keitum um 10 cm Niederschlag hinter Westerland 
zurückbleibt. Grossmann bemerkt in seinem Aufsatz über den „Nieder- 
schlag an der deutschen Küste ^ ^), bei den Messungen in Eeitum würden 
die kleinsten Regenmengen vemachlässigt, es sei infolgedessen die 
Regensumme etwas zu gering. Dieser Grund wird indes kaum aus- 
reichen, die grosse Differenz zu erklären. Da sich nun auch eine geo- 
graphische Ursache für dieselbe nicht finden lässt, so darf man sich 
wohl der Annahme Meyers^) anschliessen, der einen systematischen 
Fehler in der Aufzeichnung der Niederschläge vermutet. Ein Herab- 
gehen der Regenhöhe von Keitum unter 70 cm scheint mir jedenfalls 
ausgeschlossen, denn nicht nur die Beobachtungen von Westerland, son- 
dern auch die der anderen Stationen der Westküste, besonders die des 
nahegelegenen Tondem, zeigen einen stärkeren Niederschlag. Tondem 
besitzt das höchste Jahresmittel der Herzogtümer, da es nach Reduk- 
tion auf Kiel die Höhe von 80 cm um einen ganz geringen Betrag 
überschreitet. Ein Grund für diese Erscheinung ist nicht zu erkennen. 
Es empfiehlt sich deshalb nicht, für Tondern eine besondere höhere 
Regenstufe anzunehmen. — Die 2jährige Reihe von Ording ist nicht 
zu verwenden, weil die wahrscheinlichste Erklärung des geringen Er- 
gebnisses eine mangelhafte Messung ist. Dasselbe gilt auch von einer 
alten, kurzen Beobachtungsreihe von MaibuUgaard. — Für Meldorf liegt 
eine besondere klimatologische Untersuchung von Grühn ^) vor. In der- 
selben berechnet er das Jahresmittel der Regenmenge aus den mittleren 
Monatswerten und findet 76,9 cm, einen Wert, der von dem 20jährigen 
Mittel der Jahressummen fast gar nicht abweicht. — Bei Glückstadt 
sind die auffallend kleinen Werte der Jahre 1884 und 1885, welche in 
den Tabellen mit einem Fragezeichen versehen sind, besser fortzu- 
lassen. — Eine besondere Schwierigkeit bietet Altona wegen seiner 
grossen Abvireichung von Hamburg. Nach einer Mitteilung in den 
Annalen der Hydrographie von 1885*) ist in Altona der Regenmesser 
in einem Hofe, etwas verdeckt von Häusern und Bäumen, aufgestellt, 
und es ist möglich, dass auf diesen Umstand allein die Differenz zurück- 
zuführen ist. Allein man kann auch an eine Erhöhung der Regenmenge 
Hamburgs durch die Lage der Station innerhalb der grossen Stadt 
denken. Dafür spricht auch die von Grossmann ^) festgestellte „auf- 
fallende Neigung Hamburgs zu grossen Niederschlägen". Indes liegt 
einerseits die Seewarte fast am Rande der Stadt, und andererseits ist 
mir die Lage der Altonaer Station nicht bekannt, so dass es nicht aus- 
geschlossen ist, dass dieselbe ebenfalls diesem Einfiuss der städtischen 
Umgebung ausgesetzt ist. Unter diesen Umständen scheint mir das 
Hamburger Jahresmittel besonders auch wegen seiner Uebereinstimmung 
mit den übrigen Nachbarstationen, namentlich mit Segeberg und Oldes- 
loe, den Vorrang zu besitzen. 

') S. oben S. 310 [6], Nr. 8. 

2) S. , Archiv der Deutschen Seewarte", 1888, Nr. 6. 

') S. S. 310 [6], Nr. 16. 

*) S. oben S. 310 [6], Nr. 7. 

5) S. oben S. 310 [6], Nr. 8. 



342 Paul Moldenhauer, [38 

Während die Regenstufe von 70 — 80 cm Höhe in Schleswig- 
Holstein im allgemeinen nach Osten bis über den Mittelrücken hinaus- 
reicht, hat die Station Gramm nur ein Mittel von 69 cm aufzuweisen. 
Damit stimmen die Ergebnisse der beiden Haderslebener Beobachtungs- 
reihen überein. Die Forststation, deren Reihe kürzer ist, liegt nur 
wenig nördlich von der städtischen. Die Jahressummen beider zeigen 
grosse Verschiedenheit, und zwar hat bald die eine, bald die andere 
den höheren Betrag. Die Reduktion der beiden Mittel auf Kiel ergiebt 
jedoch übereinstimmend ungefähr 67 cm. Das Gebiet um Hadersleben 
hat also im Vergleich zu dem westlicher und der Nordsee näher ge- 
legenen Gramm eine etwas geringere Regenmenge. Der östlichste Teil 
von Holstein erreicht nach den langjährigen Messungen von Neustadt 
auch die Regenhöhe von 60 cm nicht mehr. Einen ebenso geringen 
Betrag hat auch die ältere Reihe des benachbarten Woltersmühle. — 
Die kurze und sehr lückenhafte Reihe von Fegetasche, deren Mittel 
unter 50 cm bleiben würde, kann keinen Anspruch auf Beachtung 
erheben. 

Das Bild der Regenverteilung in Schleswig-Holstein zeigt dem- 
nach eine Abnahme der Regenmenge von Westen nach Osten. Die Nord- 
see bildet in höherem Grade eine Feuchtigkeitsquelle für Schleswig- 
Holstein als die Ostsee. 

Sie selbst ist wahrscheinlich niederschlagsreicher als diese. Ihr 
kommt sicherlich eine Regenhöhe von 70 — 80 cm zu. Dafür sprechen 
zunächst die Mittel der Stationen an der schleswig-holsteinischen West- 
küste, Westerland, Husum und Meldorf, denn man kann bei deren ge- 
ringer Entfernung von der See und ihrer niedrigen Lage nicht an- 
nehmen, dass ihre Regenmenge die des Meeres bedeutend übersteigt. 
Sodann darf man wohl auch die Regenhöhe der Station Helgoland, die 
76 cm beträgt *), der des umgebenden Meeres gleich setzen, denn eine 
bedeutende Erhöhung der Regenmenge dürfte durch die Lage der Sta- 
tion auf dem kaum 50 m hohen Inselfelsen nicht bewirkt werden. 

Zur Erklärung dieser verhältnismässig bedeutenden Feuchtigkeit 
der Nordsee und ihrer Küste könnte man vielleicht das bei Island 
liegende barometrische Depressionsgebiet heranziehen. Es ist immer- 
hin möglich, dass dieses seine Niederschlag herbeiführende Wirkung 
bis hierher erstreckt. 

Da nun ausserdem die Hälfte aller Winde in Schleswig-Holstein 
westliche Winde sind^), so kann die Feuchtigkeit der Nordsee dem Lande 
sehr zu gute kommen. Die Ostsee zeigt dagegen keine regenspendende 
Wirkung, weil die östlichen Winde sowohl seltener als auch verhältnis- 
mässig kalt, daher zur Aufnahme von Wasserdampf über dem Meere 
nicht geeignet und somit trocken sind. — Bei der Länge der Beob- 
achtungsreihen der meisten schleswig-holsteinischen Stationen lassen 
sich von der vorliegenden Untersuchung kaum neue Ergebnisse er- 
warten. Die einzige Abweichung gegenüber früheren Darstellungen 
besteht in der Führung der Grenzlinie zwischen den Gebieten über und 



') S. unten S. 343 [39]. 

«) S. oben S. 310 16], Nr. 10 und Nr. 16. 



39] Die geographische Verteilung der Niederschläge. 343 

unter 70 cm Regenhöhe westlich von Gramm. Einen geographischen 
Grund für die grössere Trockenheit des Mittelrückens in der Gegend 
der Eönigsau kann man nicht angeben, es müsste denn sein, dass der 
Nordwest, dem an der schleswig-holsteinischen Küste, z. B. in Keitum, 
16 "/o aller Winde angehören, in Gramm schon einen guten Teil seiner 
Feuchtigkeit verloren hat, da die jütische Küste nördlich von Ribe weit 
nach Westen vorspringt und der Nordwest deshalb bereits eine längere 
Strecke über Land hat zurücklegen müssen. £s stimmt indes dies Ab- 
biegen der Grenzlinie mit einer Angabe von Willaume Jantzen^) überein, 
nach der die Westküste Jütlands nur die mittlere Regenhöhe von 66,6 cm 
hat. — Ebenderselbe schreibt dem östlichen Jütland 62 cm, der Insel 
Fünen 60 cm, den übrigen Inseln nur ungefähr 57 cm zu. Wenn seine 
Berechnungen richtig sind, dann hätte man bei Gramm den üebergang 
von dem südlichen, feuchteren Teil der cimbrischen Halbinsel zu dem 
nördlichen, trockeneren zu sehen. 



YI. Norddeutsches Flachland westlich von der Elbe. 

(Tabelle VI.) 

Für das norddeutsche Flachland kann man im allgemeinen eine 
grpsse Gleichartigkeit der Regenverhältnisse erwarten, weil die Wir- 
kung der Gebirge, auf welche das abwechslungsreiche Bild des süd- 
lichen Teils der Karte zurückzuführen ist, hier fortfällt. Es müsste 
danach schon eine geringe Zahl von Stationen für die Darstellung der 
Niederschlagsverteilung genügen. In der That verschaffen uns auch die 
vorliegenden Beobachtungen im ganzen eine hinreichende Kenntnis der- 
selben. Nur über die Regenverhältnisse an der Nordseeküste und in 
der Altmark herrscht noch einige Unsicherheit. In der Besprechung 
werde zunächst das Küstengebiet und als zweiter Teil das Binnenland 
behandelt. 

Für die westliche Nordseeküste wird in der Regel eine durch- 
schnittliche Regenhöhe von mehr als 70 cm angenommen, wie sie sich 
auch für den schleswig-holsteinischen Teil derselben ergeben hat. So 
berechnet z. B. Hugo Meyer ^) die Niederschlagsmenge an der Nordsee 
auf 77 cm. Die grösste Zahl der vorhandenen Jahresmittel bestätigt 
auch diese Annahme. Andere aber bilden wiederum auffällige Ab- 
weichungen. Von den Inseln zunächst hat Helgoland das 15jährige 
Mittel von 76,9 cm. Dasselbe ist erhalten, indem für die Jahre bis 
1883 die in den „Ergebnissen der meteorologischen Beobachtungen** 
für 1884 angegebene Reduktion der bisherigen, zu hohen Messungen 



^) Vgl. eine Besprechung einer Arbeit von W. J. über Regenmengen in 
Dänemark in der Meteorol. Zeitschr., 18^6, S. 268. 
• 2) S. oben S. 310 [H], Nr. 6. 



344 Paul Moldenhauer, [40 

nach dem Verhältnis 2,28 : 1 ausgeführt ist. Die abnorme Höhe der 
Messungen bis zu diesem Jahre, welche man früher als richtig hin- 
nahm und auch zu erklären versuchte, ist als Wirkung eines fehler- 
haften Messglases erkannt worden. Durch einen Vergleich der Erträge 
des alten Regenmessers mit denen eines neu aufgestellten wurde das 
der Reduktion zu Grunde zu legende Verhältnis gefunden. Die Mittel 
der drei ostfriesischen Inseln, von denen Beobachtungen vorliegen, 
Norderney, Borkum und Wangeroog, stimmen weder mit Helgoland 
noch miteinander überein. Die von 1858 — 1869 gewonnene Reihe von 
Norderney zeigt einen so hohen Wert als Mittel, wie ihn keine andere 
Station der Küste, auch in Schleswig-Holstein nicht, erreicht. Da liegt 
denn die Vermutung nahe, dass hier ein ähnlicher Fehler vorliegen 
könnte wie in Helgoland. Dem gegenüber besitzt Borkum ein ISjähriges 
Mittel, das kaum die Höhe von 70 cm übersteigt und durch eine Re- 
duktion noch dazu beträchtlich herabgesetzt wird, und Wangeroog, wo 
freilich nur während dreier Jahre beobachtet ist, kommt sogar nur auf 
62 cm. Bei derartigen Abweichungen muss es ratsamer erscheinen^ 
von einer Benutzung der drei Mittel ganz abzusehen. 

Auch die Stationen an der Küste zeigen Ungleichheiten. Es sind 
einige von sehr langer Reihe vorhanden, von denen Emden, Jever, 
Oldenburg und Otterndorf die Höhe von 70 cm überschreiten, während 
Elsfleth und das von der Küste schon weiter entfernte Bremen dieselbe 
nicht mehr erreichen. Der Umgegend von Bremen kommt sogar nach 
den vergleichenden Untersuchungen in Bremen und einigen in der Nähe 
liegenden Stationen nur eine Regenmenge von wenig über 60 cm zu. 
Der Unterschied zwischen dieser und der Regenhöhe von Bremen selbst 
wird von Bergholz in den VeröflFentlichungen^) der Bremer Beobach- 
tungen auf folgende Weise erklärt: „Der Unterschied ist am grössten 
im Winter. Es bildet sich ein aufsteigender Luftstrom über der Stadt 
aus, da dieselbe stark erwärmt ist. Dieser ist reich an Wasserdampf 
(laut Tabelle der Feuchtigkeit). Die Luft strömt in einen kühlen Raum 
und muss, da eine reichliche Menge atmosphärischen Staubes über der 
Stadt vorhanden ist, zur Kondensation von Wasserdampf führen.* — 
Was die Temperatur angeht, so ist ein solcher Einfluss der Städte auch 
an anderen Orten beobachtet. So hat z. B. Koppen in Hamburg fest- 
gestellt, dass zwischen der Seewarte und einer Station am Nordrande der 
Stadt je nach der Windrichtung die Temperatur um 0,3^ abwich, so 
dass die Luvseite stets die kältere war*). 

Erklärt sich die geringe Regenhöhe Bremens und seiner Umgebung 
aus der grösseren Entfernung der See, so ist es dagegen recht auf- 
fällig, dass Wilhelmshaven nur 62 cm Niederschlag aufweist. In der 
Mitteilung der Seewarte in den Annalen der Hydrographie von 1885 
wird die Vermutung ausgesprochen, „dass bei der so sehr exponierten 
Lage ein Hinauswehen (des Regens aus dem Messapparat) durch den 
Wind das zu geringe Ergebnis bedingt habe.** Diese Vermutung besitzt 
jedoch nur dann einige Wahrscheinlichkeit, wenn die Aufstellung des 



') S. oben S. 309 [5], Nr. 3. i 

2) S. Meteorol. Zeitschr. 1890, Litt-Ber. §. 35: s. auch oben S. 310 [6], Nr. 10. ' 



41] Die geographische Verteilung der Niederschläge. 345 

Regenmessers die gewöhnliche Höhe übersteigt. Leider ist hierüber in 
den Veröfifentlichungen der Wilhelmshavener Beobachtungen keine An- 
gabe enthalten, so dass man eine Prüfung des Mittels nach dieser Seite 
hin nicht vornehmen kann. An und für sich ist Wilhelmshaven keines- 
wegs den westlichen Winden sehr ausgesetzt. Vielmehr könnte man 
gerade in seiner gegen die Regen winde verhältnismässig geschützten 
Lage die Ursache seiner geringen Regenmenge suchen. Jedenfalls ist 
angesichts der grösseren Zahl ostfriesischer Stationen, deren Mittel 
70 cm nicht erreicht, ein Messungsfehler nicht mit Notwendigkeit an- 
zunehmen und eine thatsächlich geringere Regenmenge nicht ausge- 
schlossen. Neben anderen Stationen hat nämlich die Forststation Schoo 
nach 12jährigen Beobachtungen ein Jahresmittel, das durch Reduktion 
auf Emden, Jever und Bremen übereinstimmend den Wert 66 — 68 cm 
erhält. Durch dieses Mittel wird ein Ausbiegen der Grenzlinie gegen 
die Küste zu gefordert; durch welches das Bild nicht gerade an Wahr- 
scheinlichkeit gewinnt. Das Auffällige dieser Zeichnung wird nur da- 
durch gemildert, dass auch die über 70 cm hinausgehenden Stationen 
diese Schwelle nur um ein Geringes überschreiten. Der höchste Wert 
ist der von Jever, der nur 74,0 cm beträgt. Die kurzen Reihen von 
Ramsloh und Hebelermeer ergeben zu geringe Regenmengen, als dass 
sie Anspruch auf Richtigkeit machen könnten. Ebenso sind die Be- 
obachtungen auf dem Weserleuchtturm unbrauchbar, denn es ist auf 
demselben ein geeigneter, nach allen Seiten ungeschützter Platz für 
den Regenmesser nicht vorhanden. Auch würde schon die grosse 
Höhe der Aufstellung des Messapparates einen zu geringen Ertrag er- 
warten lassen. Für das Gebiet zwischen Weser- und Eibmündung wird 
durch die Stationen Cuxhaven, Ottemdorf und Bremervörde die Regen- 
höhe auf mindestens 70 cra festgestellt. Eine Schwierigkeit bietet die 
zwar lange, aber alte Beobachtungsreihe von Harburg, deren Ergebnis 
wohl nicht als vollständig sicher betrachtet werden darf. Dasselbe steht 
in dem gleichen auffallenden Gegensatz zu Hamburg wie das Altonaer 
Mittel. Gerade hier in der Umgegend der Deutschen Seewarte be- 
darf die Verteilung der Niederschläge noch sehr einer genauen Unter- 
suchung. 

In dem weiter von der Küste entfernten Teile des norddeutschen 
Flachlandes nimmt die Regenhöhe von Westen nach Osten ab. Die der 
Grenze des Deutschen Reiches am nächsten liegenden Stationen erreichen 
fast die Höhe von 70 cm. So besitzen Löningen, Lingen, EUewiek, 
Münster und Krefeld ein Mittel von 68 — 69 cm. Ja, das am weitesten 
westlich gelegene Kleve hat sogar 78 cm Regenmenge. Dieser Wert 
war für die Darstellung der Niederschlagsverhältnisse des benachbarten 
Hollands massgebend. Während Supan nur dem äussersten Küstensaum 
Hollands 70 cm Niederschlag zuerteilt, ohne das Mittel von Kleve zu 
berücksichtigen , habe ich dieser Regenstufe eine weit grössere , auch 
Kleve mit umfassende Ausdehnung gegeben, weil nur so das Mittel 
von Kleve, dessen Zuverlässigkeit durch die 39jährige Dauer der Be- 
obachtungen sichergestellt ist, seine auffallende Höhe verlieren kann. 
Eine solche Darstellung erscheint auch nach den Jahresmitteln der 
übrigen Stationen des Grenzgebietes sowie nach denen der holländischen 



346 Paul Moldenhauer, [42 

Stationen Groningen und Assen, die dem Werte 70 cm ganz nahe 
kommen, sehr wohl zulässig. 

Weiter nach Osten werden die Stationen sehr spärlich. Trotzdem 
ist eine Abnahme der Feuchtigkeit zu erkennen. Das an der Hunte 
liegende Wildeshausen scheint übereinstimmend mit der Umgebung von 
Bremen die Regenhöhe von 60 cm wenig zu überschreiten. Die 4jährigen 
Messungen von Jacobi-Drebber nördlich vom Dümmer ergeben sogar 
ein weit unter 60 cm bleibendes Mittel. Wenn dasselbe auch keines- 
wegs zuverlässig ist, so kann man es doch nicht ganz unbeachtet lassen, 
wenn man erwägt, dass jenseits der Weser ein umfassendes Gebiet von 
weniger als 60 cm Niederschlag beginnt. Es wäre denkbar, dass dieses 
sich nach Westen hin bis Jacobi-Drebber erstrecke. Doch kann leider 
wegen des Mangels an Stationen ein sicheres Urteil über die R«gen- 
höhe dieser Gegend nicht abgegeben werden. Erst an der Aller lässt 
sich nach den Messungen von Ahlden und Celle die grössere Trocken- 
heit feststellen. Auch die Forststation Lintzel erreicht nicht mehr 60 cm. 
Dagegen liegt Hannover mit dem 33jährigen Mittel von 60 cm an der 
Westgrenze des Trockengebiets. Braunschweig bleibt noch ausser- 
halb desselben, und die Höhen des Elm sowie die Station Kampen, 
welche 70 cm fast erreicht, veranlassen eine Ausbuchtung der Grenz- 
linie. Gegen Nordwesten wird die Ausdehnung des Trockengebiets be- 
stimmt durch die Station Uelzen mit 57 cm und Lüneburg mit 60 cm. 
Doch ist dieser letzte Wert wegen der nicht ganz freien Aufstellung 
des Regenmessers nur als Mindestmass anzusehen. Im Nordosten erstreckt 
sich die geringe Regenhöhe bis weit über die Elbe hinaus, und nach 
Osten hin findet sie auf der Karte überhaupt keinen Abschluss. Inner- 
halb dieses grossen trockenen Gebiets erhebt sich die Regenmenge nur 
an einer Stelle über 60 cm. Nach den Messungen von Kunrau kommen 
nämlich dem Dränling 72 cm zu. Assmann, welcher ihm die noch weit 
grössere Höhe von ungefähr 90 cm zuschreibt, erklärt diese durch die 
grosse Feuchtigkeit und geringe Temperatur des Bruches. Indes ist 
bei der bedeutend grösseren Trockenheit der ganzen Umgegend auch 
eine Regenmenge von 72 cm noch auffällig genug. Eine solche, die 
Niederschläge vermehrende Wirkung der Moore ist an anderen Orten 
nicht beobachtet. Besonders deutlich müsste sie in der mitten im Bur- 
tanger Moor liegenden Station Hebelermeer zu erkennen sein. Die vor- 
liegende Beobachtungsreihe scheint das Gegenteil zu ergeben. Doch 
ist sie wegen ihrer Kürze und Unzuverlässigkeit für die Entscheidung 
der Frage überhaupt ohne Wert. — Die übrigen Stationen der Altmark 
besitzen durchweg sehr geringe Mittel, so dass die Töpfersche Dar- 
stellung, nach der die Umgegend von Gardelegen unter 50 cm Regen- 
höhe hinabgeht, jedenfalls nicht sehr von der Wirklichkeit abweicht. 
Die Niederschlagsmenge von Gardelegen erreicht die Höhe von 50 cm 
auch nach Reduktion auf Hannover nicht völlig. Nach Hellmann ^) ist 
jedoch der Regenmesser dort ungünstig aufgestellt auf dem Dache eines 
niedrigen Hauses. Deswegen ist eine etwas grössere Regenmenge mit 
Wahrscheinlichkeit anzunehmen. Bei einer ganzen Anzahl der anderen 



') S. oben S. 310 [6], Nr. 4 a. 



43] I^ie geographische Verteilung der Niederschläge. 347 

Stationen ergeben die Reduktionen auf verschiedene benachbarte Orte 
bald einen Wert über 50, bald unter 50 cm. Es ist deshalb nicht un- 
möglich, dass sich das südlich von Magdeburg liegende Gebiet niedrigster 
Regenmenge bis in die Altmark fortsetzt. Doch habe ich im Anschluss 
an Hellmann von einer solchen Darstellung abgesehen, weil dieselbe 
auf zu unsicherer Grundlage beruhen würde. Erst längere Beobachtungs- 
reihen werden eine sichere Entscheidung ermöglichen. Das aber ist 
jedenfalls festzuhalten, dass nächst den beiden der niedrigsten Regen- 
stufe angehörenden Gebieten im Lee des Harzes und des Thüringer 
Waldes die Altmark die trockenste Gegend des nordwestlichen Deutsch- 
lands ist. 

Eine Erklärung für die grosse Trockenheit des ganzen Gebietes 
findet man in dem Schutz der Gebirge. Aus seiner Lage im Nordosten 
derselben geht hervor, dass es den Südwest, den häufigsten Regenwind, 
erst erhalten kann, nachdem er auf dem Gebirge seiner Feuchtigkeit 
beraubt ist. Dass auch die verhältnismässig geringe Entfernung vom 
Meere der Gegend von Ahlden und Uelzen nicht einen höheren Nieder- 
schlag verschafft, lässt erkennen, dass der Nordwest hier nicht dieselbe 
Häufigkeit und Bedeutung hat wie der Südwest. — Eben dasselbe zeigt 
sich auch an der Küste. Die Nähe der See vermag allein eine grosse 
Niederschlagsmenge nicht hervorzurufen. Erst der von der See kom- 
mende Nordwest bringt der Küste den Regen. Da derselbe aber seltener 
herrscht als der Südwest und dieser der Küste nicht mehr Feuchtigkeit 
zuführt als dem Binnenland, so zeichnet sich die Küste nicht durch 
einen besonders grossen Regenreichtum aus. 



TII. Norddeutsches Flachland östlich Yon der Elbe. 

(Tabelle VII.) 

Von dem norddeutschen Flachland östlich der Elbe, soweit es auf 
der Karte zur Darstellung kommt, hat nur Mecklenburg einige alte 
Stationen. Im übrigen sind nur ganz kurze Beobachtungsreihen vor- 
handen, die nur einen geringen Wert besitzen. Aber auch die Jahres- 
mittel jener alten Stationen sind nicht alle ganz zuverlässig. Vielmehr 
wird an einigen von Hellmann ^) auf Grund örtlicher Untersuchungen 
Kritik geübt. So hat nach ihm in Rostock der Regenmesser seit der 
Verlegung der Station im Jahre 1879 eine verhältnismässig grössere 
Regenhöhe ergeben. Bis zu der Zeit habe die Aufstellung auf einem 
Dache ungünstig gewirkt. Deshalb ist ein reduziertes Mittel der letzten 
10 Jahre dem 36jäbrigen vorzuziehen. Ich erhalte in üebereinstimmung 
mit Hellmann 59 cm. — Eine ebenso fehlerhafte Messung liegt in 
Wustrow auf dem Fischlande vor. Es ergiebt hier die 11jährige Reihe 



') S. oben S. 310 [6], Nr. 4 a. 



348 Paul Moldenhauer, [44 

der im Jahre 1879 eingerichteten zweiten Station, die zum System der 
Seewarte gehört, durch Reduktion 51,8 cm, während das 37jährige Mittel 
der älteren Station des preussischen Systems nur 43,2 cm ergiebt. Nach 
Grossmann liefert nun die Seewartenstation wegen Vernachlässigung 
der kleinen Niederschlagsmengen etwas zu kleine Werte. Danach wäre 
also das Mittel 51,8 cm noch etwas zu erhöhen. Endlich ist auch das 
Mittel von Kirchdorf auf Pöel, das nur 43,9 cm beträgt, als zu niedrig 
nachgewiesen worden. Freilich nimmt Hellmann an, dass die Regen- 
höhe hier auf der flachen Küsteninsel ebenso wie auf der schmalen 
Wustrower Landzunge eine geringere sei als etwas weiter von der Küste 
entfernt. Neben der grösseren Erhebung des Landes über den Meeres- 
spiegel trage die grössere Häufigkeit der Gewitter im Binnenlande zu 
der Vermehrung der Niederschläge bei. Gleichwohl ist aber das aus 
den Messungen gewonnene Mittel zu erhöhen, weil der Messapparat 
unter Bäumen, nicht hinreichend frei, gestanden hat. Da nun das Mittel 
von Wustrow über. 50 cm hinausgeht, so wird man auch wohl für Pöel 
diesen Wert annehmen dürfen. Nach den Ergebnissen dieser drei 
Stationen kommen also der mecklenburgischen Küste durchweg mehr 
als 50 cm Niederschlag zu. Damit stimmt auch das Schönberger Jahres- 
mittel überein. Der Bezirk unter 50 cm, welcher früher an der mecklen- 
burgischen Küste dargestellt wurde, ist also verschwunden. Die beiden 
anderen Stationen mit langen Reihen, die weiter landeinwärts liegen, 
Schwerin und Marnitz, gehen um ein geringes über 60 cm hinaus. Von 
den kurzen Beobachtungsreihen können die Ergebnisse nur insoweit 
berücksichtigt werden, als sie denen der langen Reihen nicht wider- 
sprechen. So erhält z. B. die 1jährige Messung der Station Drefahl 
an der Luvseite der Ruhner Berge, an deren Leeseite Marnitz mit mehr 
als 60 cm Niederschlag liegt, durch Reduktion einen so niedrigen Wert, 
dass derselbe nicht Beachtung finden kann. Dagegen unterstützen die 
Mittel von Zarrentin und Hagenow, die über 60 cm hinausgehen, die- 
jenigen von Schwerin und Marnitz in wünschenswerter Weise. Nach 
den Ergebnissen dieser vier Stationen muss dem Mecklenburgischen 
Höhenrücken, der die Wasserscheide zwischen Elbe und Ostsee bildet, 
eine höhere Regenstufe als dem übrigen Mecklenburg zugeschrieben 
werden. Der Priegnitz endlich, sowie dem rechten Ufer der Elbe 
unterhalb Magdeburgs scheint nach den vorhandenen kurzen Beobachtungs- 
reihen ebenso wie der Altmark eine Regenmenge von ungefähr 50 cm 
zuzukommen. Aus der geringen Feuchtigkeit Mecklenburgs und be- 
sonders aus der der Küste ergiebt sich, wie auch schon aus der Unter- 
suchung der Schleswig-Holsteinischen Regenverteilung hervorgegangen 
war, dass die Ostsee auf die Niederschlagsmengen keinen erhöhenden 
Einfluss ausübt, obwohl derselbe hier durch den Nordwestwind wohl 
erwartet werden dürfte. 



') S. oben S. 310 [6], Nr. 8. 



45] I^iö geographische Verteilung der Niederschläge. 349 



Ergebnisse. 

Die hauptsächlichsten in dieser, die einzelnen Teile des nordwest- 
lichen Deutschlands behan,delnden Untersuchung gefundenen Resultate, 
meteorologische sowohl wie kliniatologische, lassen sich kurz in folgen- 
dem zusammenfassen: 

A. Verschiedene in früheren Untersuchungen bereits hinreichend 
erwiesene meteorologische Gesetze, die der Bearbeitung des in den 
Jahresmitteln der Beobachtungsreihen zur Verfügung stehenden Ma- 
terials zu Grunde gelegt wurden, stimmten mit den beobachteten That- 
sachen im allgemeinen gut überein und erhielten durch dieselben eine 
neue Bestätigung. Doch konnten ihnen noch einige Erweiterungen hin- 
zugefügt werden, so dass sich als Ergebnis für die Meteorologie 
folgende, übrigens ja auch nicht durchaus neue Sätze aufstellen lassen: 

I. Neben die beiden Faktoren, welche in der Regel als die 
wichtigsten für die Menge des Niederschlags betrachtet werden, die 
Meeresnähe und die Meereshöhe, muss als dritter gestellt werden „die 
günstige Lage eines Ortes gegen den regenbringenden Wind". Erst 
wenn dieser Factor zu einem der beiden ersten hinzutritt, lässt sich 
auf eine bestimmte Regenmenge mit Sicherheit schliessen. Dass die 
Meeresnähe allein nicht grosse Niederschläge zur Folge hat, zeigt be- 
sonders deutlich die geringe Regenhöhe der Ostseeküste. Wie wenig 
auch von der Meereshöhe allein auf eine bestimmte Niederschlagshöhe 
ein Schluss gezogen werden kann, zeigt z. B. ein Vergleich von 
Gütersloh in 70 m Meereshöhe mit 73 cm Regenmenge und Bernburg 
in 77 m Höhe mit nur 50 cm, oder von Gummersbach in 250 m Höhe 
mit 90 cm und Fulda in 260 m Höhe mit 61 cm. Erst wenn eine 
hochgelegene Station oder eine Küstengegend dem Regenwind frei aus- 
gesetzt ist, vermögen die Faktoren Meereshöhe und Meeresnähe in ihrer 
Bedeutung hervorzutreten. 

n. Die Gunst oder Ungunst der Lage eines Ortes gegen den 
Regenwind lässt sich nun freilich nicht wie die beiden anderen Faktoren 
zahlenmässig darstellen. Man kann nur 

1. einem Orte im allgemeinen eine um so günstigere Lage zu- 
schreiben, je näher er der Feuchtigkeitsquelle gelegen ist, von welcher 
der Wind den Wasserdampf heranführt. Danach muss im grossen 
und ganzen der Regenreichtum von West nach Ost, von Nordwest nach 
Südost und hauptsächlich von Südwest nach Nordost abnehmen. 

2. Femer darf man für einen Ort um so mehr Niederschlag 
erwarten, je weniger er durch vorgelagerte Gebirge gegen den feuchten 
Wind geschützt ist. Schon geringe Erhebungen vermögen an ihrer 
Leeseite eine Verminderung des Niederschlags zu bewirken. Sind 
grössere Gebirge oder mehrere hintereinander einer Gegend vorgelagert, 
so ist Regenarmut für dieselbe mit Sicherheit zu erwarten. So ist die 



350 Paul Moldenhauer, [46 

Trockenheit des grossen Gebietes um die mittlere Elbe, welches nicht 
mehr als etwa 50 cm Niederschlag besitzt, als Wirkung aller ihm in 
westlicher oder südwestlicher Richtung vorliegenden Gebirge aufzu- 
fassen. Dieser schützende Einiluss des Gebirges zeigt sich am aus- 
geprägtesten nicht unmittelbar an der Leeseite des Gebirges selbst^ 
sondern erst in einiger Entfernung von demselben. 

3. Andererseits ist die Luvseite eines Gebirges den Kondensationen 
der Luftfeuchtigkeit sehr ausgesetzt. Auch hier tritt nicht erst am 
Luvabhanir selbst die Vermehrung des Niederschlags ein, sondern bereits 
in einem gewissen Abstände vor demselben. Andererseits greift auf 
schmalen Kammgebirgen die höhere Niederschlagsmenge noch ein wenig 
über den Kamm auf die Leeseite hinüber. Auf den Hochflächen 
plateauförmiger Gebirge dagegen nimmt die Regenmenge von der Luv- 
seite her etwas ab, so dass die der Leeseite näher gelegenen Teile 
bereits trockener sind. 

4. Die Thatsache, dass die Niederschlagsmenge der Luvseite 
grösser ist, als die der Leeseite, lässt sich auch auf folgende Weise 
aussprechen: „Die gleichen Regenmengen kommen an der Luvseite 
Orten mit geringerer Meereshöhe zu als an der Leeseite**, oder: „In 
gleicher Meereshöhe gelegene Orte sind an der Luvseite regenreicher 
als an der Leeseite.** 

5. Dieser Satz kann nun auch allgemeiner aufgestellt werden: 
„In gleichen Meereshöhen liegende Orte sind, wenn sie dem Regen- 
wind frei ausgesetzt sind, regenreicher als im entgegengesetzten Falle**. 
Wenn man nun die in den verschiedenen Gebirgen den einzelnen 
Stufen der Meereshöhe zukommenden Regenmengen feststellt und dann 
diese auf die Meereshöhe bezogenen Regenmengen miteinander ver- 
gleicht, so hat man damit unter Beseitigung des Faktors Meereshöhe 
einen Vergleich der günstigen Lage der Gebirge. Ein solcher ergiebt 
eine Anordnung der Gebirge in folgender Reihe etwa: Am freiesten 
dem Regenwind ausgesetzt sind die W^est- und Nordseiten der rheini- 
schen Gebirge nördlich von Mosel und Lahn. Dann folgt der Teuto- 
burger Wald, der Harz, der Hunsrück, der Spessart, der Vogelsberg» 
die übrigen Teile der rheinischen Gebirge und der Solling und endlich 
der Thüringer Wald und die Hohe Rhön. 

III. Als örtlich beschränkte und minder wichtige Ursachen einer 
Erhöhung der Niederschlagsmenge kommen noch in Betracht: 1. die 
Moore und 2. die grossen Städte und Industriebezirke. 

B. Auch für die Klimatologie Deutschlands bietet die Unter- 
suchung einige neue Ergebnisse. Die bedeutendste Aenderung, welche 
die Karte älteren Darstellungen gegenüber enthält, besteht darin, dass 
einige Gebirge, besonders der Teutoburger Wald und die Hessischen 
und Wesergebirge eine grössere Niederschlagshöhe erhalten haben. 
Feuchter ist auch die Mecklenburgische Küste dargestellt. Anderer- 
seits ist das trockene Gebiet an der Nahe- und Mainmündung bis in 
die Wetterau ausgedehnt und hat das Gebiet erhöhter Regenmenge an 
der Nordseeküste einen etwas geringeren Umfang erhalten. 

Im übrigen ist die Regenhöhe jeder einzelnen Gegend aus der 



47] I^ie geographische Verteilung der Niederschläge. 351 

Karte zu ersehen. Nur über die höchsten Regenmengen, die 100 cm 
überschreiten, giebt diese keinen genaueren Aufschluss. Es ist des- 
halb eine kurze Zusammenstellung der einzelnen höheren Gebirge mit 
den ihnen zukommenden Regenmengen hier am Platze. Die absolut 
höchste Regenmenge unseres Gebiets besitzt der Harz auf dem Brocken 
mit 166 cm. Der übrige Oberharz hat zwischen 110 und 145 cm 
Niederschlag. Auf den Harz folgt das Hohe Venn mit 150 cm, der 
Westerwald und wohl ebenso das Erzgebirge mit 130 cm, dann die 
Schneifei mit 110 cm, sowie das Rothaargebirge und das Plateau von 
Winterberg mit etwa derselben Niederschlagshöhe. Doch werden diese 
letzten Teile des rheinischen Gebirges vom Thüringer Wald über- 
troffen, da auf dessen Kamm 110 bis 130, ja auf dem Inselsberg sogar 
132 cm Niederschlag fallen. Der Hunsrück endlich, sowie Spessart, 
Vogelsberg, Rhön und Pichtelgebirge überschreiten 100 cm nur wenig, 
während der Teutoburger Wald, die Hohe Eifel und der Taunus, sowie 
das Weserbergland und die Hessischen Gebirge diese Höhe nicht mehr 
erreichen. 



Nachtrag. 

Erst nach Abschluss der Arbeit gelangte der Aufsatz von Ziegler 
über „Niederschlagsbeobachtungen in der Umgegend von Prankfurt a. M. 
nebst einer Regenkarte der Main- und Mittelrheingegend ** ^) in meine Hand. 

Die wichtigsten Ergänzungen des Materials, welche sie liefert, sind 
in einem Nachtrag zu den Tabellen zusammengestellt. Von den elf in 
diesen aufgenommenen Stationen ist nur eine, Büchelbachthal, ganz neu; 
von den übrigen sind bei Ziegler nur längere Beobachtungsreihen mit- 
geteilt. Deren Mittel bestätigen nun in einigen Fällen, nämlich bei 
Koblenz, Mainz, Monsheim, Fischborn und Neukirch, die in der Ab- 
handlung benutzten Werte. Bei den anderen fünf Stationen sind Ab- 
weichungen vorhanden, die zu folgenden Bemerkungen veranlassen: 

1. Die grössere Trockenheit, mit der das Mainthal um Aschaflfen- 
burg und oberhalb dieser Stadt auf unserer Karte dargestellt ist, kann 
nach dem bei Ziegler mitgeteilten 25jährigen Mittel wohl nicht auf- 
recht gehalten werden. 

2. Auch dem Kinzigthal oberhalb Wertheims noch unter 70 cm 
zuzuerteilen, ist wohl nicht mehr möglich, wenn andererseits auch das 
Mittel von 99 cm zu hoch sein dürfte. 

3. Den Spessart und Yogelsberg als ein zusammenhängendes Ge- 
biet von mehr als 80 cm Regenmenge zu betrachten, wozu Ziegler wohl 
hauptsächlich durch das Mittel von Büchelbachthal bewogen worden ist, 
erregt doch Bedenken. 

4. Doch muss nach dem 11jährigen Mittel von Fischborn das Ge- 
biet über 80 cm auf dem Vogelsberg etwas weiter nach Süden aus- 
gedehnt werden. 

5. Das 10jährige Mittel von Bamberg ergiebt die für diese Gegend 
zu erwartende Regenhöhe von ca. 67 cm, wie sie auch in die Karte 
eingetragen ist. 

6. Nach dem 20jährigen Mittel von Michelstadt ist der Odenwald 
etwas regenreicher, als er auf der Karte dargestellt ist. 



') S. oben S. 310 [6], Nr. 2. 



49] Paul Moldenhauer, Die geographische Verteilung der Niederschlage. 353 



Tabelle I. Harz and Thttringer Wald. 



Station. 



CO 

u 

Ol 

m 



2. 



Beob- 
achtungs- 
jahre 



Thüringer Wald. 

Kamm. 

1. Inselsberg . . . 

2. Winterstein . . 

^. Oberhof . . . 

4. Schmflcke . . . 

5. Schmiedefeld . . 
ß. Neustadt a. R. . 

7. Gr. -Breitenbach . 

S. Scheibe .... 

9. Neuhaus a. R. 

10. Katzhütte . . . 

Nordabhang. 

11. Eisenach . . . 

12. Waltershausen 

13. Gr.-Tabarz . . 

14. Ohrdruf . . . 

15. Ilmenau . . . 
It). Oberhain . . . 

17. Meura .... 

18. Leutenberg . . 

Südabhang. 

19. Möhra .... 

20. Altenstein . . . 

21. Bad Liebenstein 



916 
375 



808 
911 
680 
801 



648 
620 
806 
434 



240 
339 

394 

371 

480 
584 
528 
302 



293 
463 



83-88 
86-88 



83, 87—88 

87 

83-88 

72-75, 77-78 

81, 83—84, 

87—88 

67—88 

87-88 

83-86 

83-86 



80—88 
83-88 

87—88 

82 

82-83 

83-88 

83-85 

83—88 



83-85 

83, 85—86 

86—88 



a 

1 

TS 

•3 



6 
3 



3 

1 

6 

11 



23 
2 
4 
4 



9 
6 

2 

1 

2 

6 

3 

6 



3 
3 
3 



4. 



Rohes 
Mittel 



cm 



5. 



Redu- 
ziertes 
Mittel 

cm 



6. 



Grandstation 

der 

Reduktion 



115,7 
96,9 



99,7 
89,8 
112,5 
86,9^) 



109,9') 

102,9 

101,3 

87,5 



68,4 
70,7 

87,2 

94,4 

88,9 

71,4 

78,1 

64,1 



62,1 
70,7 
72,1 



132,0 
111,0 
102,1 

87,5 
116,0 
112,0 
127,5 

93,0 



117,5 

114,5 

99,0 



68,9 
80,0 
68,2 
99,6 
80,0 
70,0 
68,0 
77,0 
78,0 
81,0 
69,0 
87,0 
81,0 
62,0 
72,5 



69,0 
71,0 
76,0 
82,5 
83,0 
75,0 



Gr.-Breitenbach 
Gr.-Breitenbach 
Inselsberg (red. I.) 

Erfurt 
Gr.-Breitenbach 
Gr.-Breitenbach 
Gr.-Breitenbach 
Gr.-Breitenbach 



Gr.-Breitenbach 
Gr.-Breitenbach 
Gr.-Breitenbach 



Gr.-Breitenbach 
Gr.-Breitenbach 

Erfurt 
Gr.-Breitenbach 

Erfurt 

Erfurt 
Gr.-Breitenbach 
Gr.-Breitenbach 

Erfurt 
Gr.-Breitenbach 

Erfurt 
Gr.-Breitenbach 

Erfurt 

Erfurt 
Gr.-Breitenbach 



*) hr Höhe des Regenmessers = 2,4 m. — *)